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Mahatma Gandhi — Zwischen Rassismus, Kastensystem und Hinduwahn

25. Dezember 2014

ghandi arschlochArundhati Roy offenbart den Widerspruch zwischen Pazifismus und Aufrechterhaltung der hinduistischen Gewaltherrschaft bei Gandhi. Dieser ttt-Beitrag sollte Anarchisten und Anarchistinnen endlich die notwendige und mehr als nur überfälligen Diskussion über Gandhi und Anarchismus anstoßen, auch wenn sich die altbekannten GWR-Fanatiker einmal mehr dem Synchronkotzen hemmungslos ergeben werden.

Dabei geht es eben nicht um den Widerspruch von Pazifismus und Herrschaft, sondern zwischen religiösem Wahn — in welchem “Aug um Aug, Zahn um Zahn” und das “Herz-Jesulein-Wange-hinhalten” garkeinen Widerspruch darstellen, sondern im Gegenteil, den totalen Herrschaftsanspruch darstellen und untermauern — und dem Anarchismus.

Das Ende eines Mythos? – Das andere Gesicht des weltweiten Idols für Gewaltfreiheit Mahatma Gandhi.

Mahatma Gandhi, eines der größten Vorbilder der Friedensbewegung, Vorbild für Martin Luther King und Nelson Mandela, gilt als weltweites Idol der Gewaltfreiheit. “Ein Irrtum!”, sagt Arundhati Roy, die bekannteste Schriftstellerin, Intellektuelle und Aktivistin Indiens, Booker-Preisträgerin und Autorin des Millionen-Bestsellers “Der Gott der kleinen Dinge”.

In einem Furore machenden Essay hat die indische Intellektuelle jetzt ein globales Heiligtum angekratzt: Mahatma Gandhi sei nicht der friedliebende Held der Gewaltlosigkeit gewesen, für den ihn die Welt halte, sagt sie. Vielmehr sei er “bedingungsloser Verfechter einer der gewalttätigsten Gesellschaftsformen der Welt” gewesen: dem Kastensystem.

Mahatma Gandhi, kein Heiliger – sondern einer, der Unterdrückung durch die rigorose Einteilung in Kasten unterstützt hat – oder sogar ein Rassist? Er habe sich abfällig über Schwarze geäußert, das lasse sich in seinen Schriften nachlesen, so Roy, die sich intensiv mit Gandhis Nachlass auseinander gesetzt hat. “Unser Land ruht auf einem Fundament der Gewalt”, sagt sie und berichtet, dass in Indien jetzt gegen sie ermittelt werde, weil sie in einem Vortrag aus Gandhis Werk zitiert habe. Denn mit ihren Thesen erschüttert Roy Indien in seinen Grundfesten, ihre Kritik grenzt für viele Inder an Blasphemie, weil sie damit auch den Hinduismus angreift, der, wie sie sagt, die Grundlage sei für das “menschenverachtende Kastensystem”, das die “gefeierte größte Demokratie der Welt” zusammenhalte.

https://www.youtube.com/watch?v=rL984bIa6xY

“ttt” hat Arundhati Roy in London getroffen, wo sie ihre Thesen, die darauf abzielen, den Mythos Mahatma Gandhi und damit auch das indische Kastensystem in Frage zu stellen, jetzt der europäischen Öffentlichkeit vorgestellt hat.

Der Beitrag:

Er war ein Revolutionär im Gewand eines Heiligen: Mahatma Gandhi. Indien befreite er von der britischen Kolonialmacht, durch Hungerstreiks, durch zivilen Ungehorsam – gewaltfrei! Der Kämpfer für ein gerechtes Indien! So jedenfalls sieht unser Bild aus von Mahatma Gandhi…

Falsch! sagt Arundhati Roy, Indiens renommierteste Schriftstellerin. Wir müssen diesen Mann ganz anders sehen. Wir sollten Gandhi nicht länger als Mythos feiern.

»Arundhati Roy: Wie lange noch sollen wir auf diese Idee von absoluter Güte, auf diese Moralinstanz bauen? Es ist eine Lüge!«

Arundhati Roy ist Indiens streitbarste Intellektuelle. Ihr Welterfolg begann mit dem Roman “Der Gott der kleinen Dinge”. Seitdem hat sie, die in Neu-Delhi lebt, wenig Zeit für Literarisches. Sie schrieb gegen den Kapitalismus, leistete schon als junge Frau Widerstand gegen Staudämme – immer gewaltfrei, wie der große Gandhi, der in allen Biografien verklärt wurde und weltweit umso mehr im Oscar-gekrönten Hollywood-Film “Gandhi”. Es war ein Schock für Roy, als sie anfing, nachzuforschen.

»Arundhati Roy: Ich glaube an Gewaltlosigkeit! Aber ich verstehe nicht, wie Gandhi seine Doktrin der Gewaltlosigkeit einfach so auf einem System von permanenter Gewalt aufbauen konnte!«

“Ein System der permanenten Gewalt?” Roy meint das brutale Kastensystem des Hinduismus, das die Menschen seit Jahrhunderten in Kasten einteilt, die alles bestimmen: Beruf, Ehepartner, Status. Und auf der untersten Stufe stehen die sogenannten “Unberührbaren”, außerhalb des Systems. Gandhi wollte sie integrieren. Aber das Kasten-System an sich wollte er, der tiefgläubige Hindu, nie abschaffen!

Im Gegensatz zu B.R. Ambedkar. Er ist im Westen relativ unbekannt. Der Sozialreformer wurde zum Gegner Gandhis. Er wollte Indien nicht nur von den Briten, sondern auch vom Kastensystem befreien!

»Arundhati Roy: Wann immer Sie in Indien in Häuser sehr armer Menschen kommen: Dort hängt nie ein Bild von Gandhi, sondern immer nur von Ambedkar. Speziell bei den Unberührbaren. Gandhi-Fotos gibt es nur in Regierungsgebäuden, in den Häusern der Privilegierten!«

Ambedkar ging in seinen Forderungen viel weiter als Gandhi: Er war selbst einst ein Unberührbarer, ein Sklave des Hindu-Systems, ohne jegliche Rechte. Er wurde ausgegrenzt. Nur durch glückliche Zufälle konnte er Jurist werden. Ambedkar forderte das Ende des Kasten-Unrechts. Nachzulesen in seinem Hauptwerk von 1936 “Die Abschaffung der Kasten”. Für eine Neuauflage dieses Buches schrieb Roy das Vorwort. Und dabei entdeckte sie Texte von Gandhi, die bisher wenig beachtet wurden.

Zum Beispiel aus seiner Zeit in Südafrika, wo er Anfang des 20. Jahrhunderts als Anwalt für reiche Inder arbeitet. Was bis heute wenige wissen: Auf Schwarze blickt er damals herab, öffentliche Eingänge für Farbige will er nicht benutzen. Gandhi, aus einer hohen Kaste, nennt diese Menschen “Kaffer” – ein Schimpfwort. War der junge Gandhi Rassist?

»Arundhati Roy: Ist es rassistisch, Menschen als “wild”, “verdreckt”, “unmoralisch”, als “geborene Lügner” zu bezeichnen? Sagen Sie es mir!«

War Gandhi zu sehr im Kastensystem verhaftet? Obwohl er allem Luxus entsagte, suchte er die Nähe der Mächtigen. Seine Ashrams und Projekte wurden finanziert von Großindustriellen aus den hohen Kasten, denen eben auch er entstammte.

»Arundhati Roy: Gandhi sagt, die Kasten seien das Geniale an der indischen Zivilisation. Jeder sollte bei seinem ererbten Beruf bleiben. Die Unberührbaren – Balmiki oder Banghi, wie er sie nannte – sollten lebenslang die Scheiße anderer wegräumen. Dies sei ihre göttliche Pflicht!«

Eine göttliche Pflicht – genau darin sieht Roy das Problem. 60 Jahre nach Gandhi prägen die hinduistischen Kasten Indien noch heute: ein archaische Privilegiensystem, das Armut und Gewalt erzeugt. Und die “Unberührbaren”, heute “Dalits” genannt? Sie werden noch immer wie Abschaum behandelt. Es gibt Massenvergewaltigungen an Dalit-Frauen, doch protestiert, wie 2012, wird nur, wenn es Frauen aus hohen Kasten trifft. Und der Westen? Sei verblendet, sagt Roy!

»Arundhati Roy: Das Thema Kaste geht unter in der Mystik, im Hinduismus, unserer Begeisterung für Yoga und den Vegetarismus! Man schaut da lieber weg. Dabei ist es vielleicht das brutalste Hierarchiesystem, das die Welt bis heute kennt.« Und deshalb ist Roys Gandhi-Kritik vor allem eines: ein Aufschrei gegen dieses System, das Gandhi gestützt hat. Zeit, einen Mythos zu überdenken.

Autorin: Brigitte Kleine

Arundhati Roy
http://de.wikipedia.org/wiki/Arundhati_Roy

Bhimrao Ramji Ambedkar
http://de.wikipedia.org/wiki/Bhimrao_Ramji_Ambedkar

Info-Box: “Annihilation of Caste: The Annotated Critical Edition” von B.R. Ambedkar
hrsg von S. Anand, mit einer Einleitung von Arundhati Roy
416 Seiten, Sprache: Englisch
Verso Verlag, Oktober 2014
ISBN 978-1781688311

39 Kommentare leave one →
  1. olga permalink
    25. Dezember 2014 12:30

    ähnliches und gleiches zu gandhi http://digitalresist.blogspot.de/2014/03/zwischen-spinnrad-und-bombe-kurze.html

    • PEGIDA + GANDHI = www.gandhi-auftrag.de permalink
      26. Dezember 2014 17:16

      HIER eine besonders skurrile Gandhi-Freakseite …….

      Atombomben gibt es nicht!!!
      …und hat es nie gegeben!!!

      So wurde mit Milliarden-Dollar-Aufwand einer der größten Lügen installiert:

      Es geht mir ausschließlich jetzt um die Kenntnisnahme der Atombombenlüge und ich möchte die Diskussion auf dieses Thema fokussieren. Es geht mir um das so außerordentlich wichtige Thema, dass endlich begriffen wird, dass es nie Atombomben gegeben hat und was mit dieser Lüge für ein Wahnsinn veranstaltet wurde. Ich rede hier von nachprüfbaren Fakten, die dies belegen! Schauen Sie sich um. Bald jeder glaubt die Atombombenlüge. Meinen Sie nicht, das es höchste Zeit ist, dass dieser Wahnsinn nun durchschaut wird? Wie lange sollen die Menschen denn da noch verarscht werden? Wie lange sollen denn da noch Kriege mit dieser Lüge begonnen werden, wie sie es jetzt wieder beim Iran versuchen?
      Der nachfolgende Artikel wurde sehr gut recherchiert. Ich habe aus dem ursprünglichen Artikel antisemitische Aussagen von Martin Luther, sowie verherrlichende Aussagen über Hitler, Aussagen von Goebels und über das Christentum am Schluss des Artikels herausgenommen: Denn hier schoß der Autor über das Ziel hinaus. Auch wenn bald alles, was uns z.B. zum 2. Weltkrieg erzählt wurde, in Wirklichkeit ganz anders ist, sollte es nicht dazu führen, z.B. HItler auf einen Sockel zu heben. Immer das doppelzüngige Spiel der Schlange beachten. Es ist gut möglich, das Hitler in den Plan eingeweiht war, wonach möglichst alle Deutschen vernichtet werden sollten und seine Rolle entsprechend spielte. Seine Finanziers, mit deren Hilfe er Deutschland aufbaute, waren es bestimmt.

      http://www.gandhi-auftrag.de/Atombomben_gibt_es_nicht.htm

      IM PDF-TEXT …………………………Unter vielen anderen Dank Prof. Faurisson, Germar Rudolf und Ernst Zündel.
      http://www.gandhi-auftrag.de/Atombomben_gibt_es_nicht!.pdf

    • Bhagwan: Adolf Hitler war zumindest ehrlich - Mahatma Gandhi war ein Heuchler permalink
      26. Dezember 2014 23:32

      DER SPIEGEL 36/1985

      Adolf Hitler war zumindest ehrlich

      Von Bhagwan, Sektenführer

      Sektenführer Bhagwan über Geschichtsverständnis und politische Moral Die in einem SPIEGEL-Gespräch geäußerten Ansichten des Sektenführers Bhagwan über Adolf Hitler und Mahatma Gandhi (SPIEGEL 32/1985) haben weltweit „sehr viel Besorgnis und Verwirrung gestiftet“ (so die Bhagwan-Pressestelle). Um seinen Standpunkt noch einmal zu verdeutlichen, hat der Guru dem SPIEGEL eine Erklärung übermitteln lassen, der folgende Auszüge entnommen sind: *

      Ich habe Adolf Hitler mit Mahatma Gandhi verglichen. Natürlich ist das schwer zu verstehen, denn die beiden scheinen einander total entgegengesetzt zu sein. Aber dieser Gegensatz ist nur Schein.

      Adolf Hitler hat den bisher größten Gewaltausbruch auf der Welt verursacht, hat Millionen von Juden in Gaskammern und Konzentrationslagern umgebracht, hat fünf Jahre lang ständig andere Länder überfallen, Menschen abgeschlachtet – Kinder, alte Menschen, Frauen, die alle nichts mit dem Militär zu tun hatten. Es waren einfache Zivilisten. Adolf Hitler mit Gandhi zu vergleichen scheint absurd – aber es ist nicht absurd. Mahatma Gandhi predigte Gewaltlosigkeit, aber Mahatma Gandhi war kein gewaltloser Mann. Predigen ist das eine – danach zu leben ist etwas ganz anderes …

      Gandhi sagte: „Ich werde alle Heere auflösen, werde sie auf die Bauernhöfe schicken, damit sie dort arbeiten. Und ich werde alle Waffen ins Meer werfen. Mein Land wird absolut gewaltlos sein.“

      Indien wurde unabhängig. Die Armee wurde nicht aufgelöst, und die Frage wurde nicht einmal erwogen. Im Gegenteil – Indien und Pakistan fingen einen Krieg an. Drei Kampfflugzeuge – die ersten, die über die pakistanische Grenze flogen, um Zivilisten zu bombardieren – wurden von ihm gesegnet.

      Das ist eine merkwürdige Art von Gewaltlosigkeit. Gandhi muß es sich gefallen lassen, daß er für 40 Jahre Repression verantwortlich war …

      Ich hatte Adolf Hitler auch mit sogenannten Heiligen verglichen, die in den Klöstern leben. Das geschah nicht, um Adolf Hitler zu preisen – aber ihr wißt ja, wie es in den Köpfen der Deutschen aussieht: Sie haben es nicht kapiert. Sie haben noch nie kapiert.

      Es geschah, um die Heiligen in den Klöstern zu verdammen. Adolf Hitler lebte tatsächlich wie ein Mönch. Er stand immer sehr früh auf, wie es eben von Mönchen erwartet wird. Er ging immer früh ins Bett, genau zu der Zeit, wie es in allen Klöstern üblich ist. Er war Vegetarier, er aß nie Fleisch, nie Fisch, er war ein absoluter Vegetarier.

      Sein Leben verbrachte er fast ganz in einer unterirdischen Zelle. Wie Mönche in der Klosterzelle, so lebte er in einer unterirdischen Zelle. Er war fast sein ganzes Leben Junggeselle, bis auf die letzten drei Stunden, als er heiratete.

      Er führte ein sehr strukturiertes Leben. Darum habe ich gesagt, er lebte wie ein Heiliger in den Klöstern. Warum preist ihr die Heiligen in den Klöstern? Wegen ihrer disziplinierten, strukturierten Lebensweise, wegen ihrer Askese. Aber Adolf Hitler erfüllte all diese Bedingungen …

      Ich habe Adolf Hitler nicht gepriesen, ich habe ihn zum Vergleich benutzt. Die Gründe, warum ihr einen Heiligen verehrt, treffen auch auf ihn zu. Der Grund, warum Mahatma Gandhi für eine große Seele gehalten wird, trifft auch auf Adolf Hitler zu. Und doch erwies sich dieser Mann als das größte Monster in der Geschichte der Menschheit …

      Die christlichen Mönche sind für ein riesiges Ausmaß an Gewalt verantwortlich … Sie haben Juden getötet, sie haben Moslems getötet. Vor allem haben sie Millionen von Frauen lebendig verbrannt. Und wenn Adolf Hitler Millionen von Juden verbrannte – was ist der Unterschied zwischen ihm und diesen Leuten?

      Ich habe gesagt, daß ich eine gewisse Liebe für Adolf Hitler habe, aus dem einfachen Grund, daß er zumindest ehrlich war. Gandhi war es nicht. Adolf Hitler war nicht gerissen. Was immer er machen wollte – er tat es.

      Ich kann Mahatma Gandhi nicht lieben. Er war ein Heuchler. Er war ein gerissener Politiker. Adolf Hitler war einfach das, was er war, ohne Maske. Mahatma Gandhi hatte eine Maske, und ich hasse Menschen, die Masken tragen. Denn sie betrügen jeden, sich selbst eingeschlossen … Adolf Hitler hatte keine Maske. Mahatma Gandhi hatte eine sehr dicke Maske.

      In den Geschichtsbüchern wird Adolf Hitler verdammt und Mahatma Gandhi gepriesen. Aber ich möchte, daß festgehalten wird, daß Adolf Hitler ein aufrichtigerer Mensch war als Mahatma Gandhi …

      Im Vergleich zu ihm (Gandhi) ist Adolf Hitler geradeheraus. Ich sage damit nicht, daß die Welt Adolf Hitler braucht. Ich sage nicht, daß Adolf Hitler als Messias verehrt werden soll. Ich sage nur, daß wir in einer seltsamen Welt leben, wo ein Mann wie Mahatma Gandhi verehrt wird – der alles im geheimen betrieben hat – und wo Adolf Hitler verdammt wird, weil er alles bei hellem Tageslicht beging.

      Beide sind zu verdammen. Und wenn ich gesagt habe, daß ich eine gewisse Liebe für Hitler habe, meinte ich damit, daß ich Ehrlichkeit, Integrität, Mut und Direktheit liebe. Und diese Eigenschaften haben in dem Mann gesteckt. Nur hat er sie mißbraucht.

      Ich verurteile die Art, wie er seine Qualitäten einsetzte, aber die Qualitäten selbst kann ich nicht verurteilen. Jeder einzelne Mensch braucht diese Qualitäten. Aber natürlich müssen sie mich in Deutschland mißverstanden haben, denn Deutschland hat wegen Adolf Hitler unendlich gelitten. Die Wunde ist immer noch da. Schon der bloße Name Adolf Hitlers macht den Deutschen wütend.

      DER SPIEGEL 36/1985
      http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13514200.html

    • Mahatma 👴 Gandhi ~ Apostel der Unmenschlichkeit permalink
      2. Februar 2015 01:06

      Mahatma 👴 Gandhi ~ Apostel der Unmenschlichkeit

      Teil 1: Falls Sie Gandhi für einen pazifistischen, redlichen und sympathischen Freiheitskämpfer halten, sind Sie einer jahrzehntelangen Propaganda auf den Leim gegangen. Gandhi war ein rassistischer religiöser Fanatiker, dessen Reden und Taten von einer tiefen Verachtung für menschliches Leben geprägt waren. Glauben Sie nicht? Hören Sie hier Gandhis eigene Worte.

      Teil 2: Gandhi, ein Pazifist? Wohl kaum! Sein Aufruf zu gewaltlosem Widerstand sollte nur den Zorn der indischen Bevölkerung auf die Briten verstärken. Er wollte „das ganze Land in Flammen“ sehen. Hören Sie hier Gandhis eigene Worte…

      Teil 3: Was Gandhi von Widerstand gegen die Nazis hielt, lernen wir hier aus seinen eigenen Worten. Außerdem spielte er eine wichtige Rolle beim Erhalt des menschenverachtenden Kastenwesens und der Unterdrückung der Unberührbaren.

    • Betreutes Nachdenken permalink
      2. Februar 2015 19:58

      WANN
      das Graswuselwuselabo kündigen
      WENN NICHT JETZT!

      • Sitzblockwarte permalink
        2. Februar 2015 23:20

        jetzt gibz bald wirklich Sitzblockwarte – aus der Münsteraner Katholenfraktion (vulgo: Graswurzel)
        die nörgeln jetzt schon an Errico Malatesta rum – (neue Ausgabe)
        Anti- Krieg ja, aber der herrschenden Klasse völlige Gewaltfreiheit versprechen, laüft darauf hinaus, aus nötigem Widerstand zahnlosen Blümchenprotest zu machen.
        muss man sich leisten können, so was – also isses elitärer Mist.
        ich entschuldige mich mal posthum bei Genosse Errico für meine blöden deutschen gewaltfreien Graswurzler, die übrigens strukturell bei dem Versuch, ihre ideologisch-christlichen Parameter durchzusetzen, gar nicht so gewaltfrei vorgehen.

      • Saulust permalink
        3. Februar 2015 21:42

        Grasfressende Drückerkolonne

      • Johann Bauer permalink
        5. Februar 2015 18:11

        „Bellizismus“
        Der schnellste Sieg gelingt gegen selbstgemachte Feinde

        Seit einigen Jahren hat sich in der öffentlichen Meinung, aber auch unter PazifistInnen und AntimilitaristInnen die Redeweise vom „Bellizismus“ eingebürgert, man wehrt sich gegen „grüne“ BellizistInnen, grenzt sich gegen „bellizistische“ Positionen ab, nicht selten aber auch „auf der anderen Seite“ gegen einen „überzogenen“ und „nicht mehr haltbaren“ Pazifismus.

        Ich will im Folgenden kurz darlegen, dass dieser „Bellizismus“ eine rein ideologische Konstruktion ist, deren Zweck es ist, dann „gemäßigtere“ Befürwortung militärischer Gewalt als vernünftige Mittelposition „zwischen den Extremen“ darzustellen, dass also die scheinbare Kritik eines „Bellizismus“ gerade dazu dient, bewaffnete Interventionen zu begründen und den Pazifismus in eine „extremistische“ oder „fundamentalistische“ Randposition zu drängen.

        Dass solche ideologischen Manöver notwendig erscheinen, spricht für die latente Stärke des Pazifismus in Deutschland als gelernter Konsequenz zweier Weltkriege.

        Vielleicht ist also dessen Mindesthaltbarkeitsdatum noch lange nicht überschritten.
        Beispiel

        Ein Beispiel für diesen Bellizismus-Diskurs ist etwa ein Deutschlandradio-Interview über „Glaubenskriege“ von Britta Fecke mit Herfried Münkler vom 25. Dezember 2014 (1).

        Auf die Frage der Interviewerin, ob der Pazifismus in „der strengen Auslegung seiner Bedeutung“ gar nicht mehr möglich sei, sondern nur noch in einer weiter gefassten Bedeutung des Wortes als „im Notfall mit Waffen“ vorstellbar, antwortet Münkler: „Bellizismus und Pazifismus sind einander entgegengesetzte prinzipialistische Positionen zum Gebrauch militärischer Gewalt. Der Bellizismus hält militärische Gewalt in jeder [!] Situation für ein geeignetes Mittel, nach dem Motto: Wenn man einen großen Hammer hat, erscheint einem jedes Problem wie ein Nagel.

        Und der Pazifismus hält militärische Gewalt in keiner Situation und unter keinen Umständen für ein geeignetes Mittel. Dazwischen gibt es so etwas wie politische Urteilskraft, die die Kosten militärischer Einsätze, ihre möglichen Effekte, ihre Nebenwirkungen, Kollateralschäden (…) in Betracht zieht und von daher abwägt und die darum weder bellizistisch noch pazifistisch ist. Ich weiß: Es gehört in Deutschland zum guten Ton, erst einmal zu versichern, man sei ein Pazifist, aber das ist ein falsches Verständnis des Begriffs. Man sollte sagen, man sei prinzipiell eigentlich ein Freund des Friedens, müsse aber zugestehen, dass gelegentlich Frieden auch erzwungen oder mit bewaffneter Hand durchgesetzt werden muss.“ (2)

        Es folgt der zusammenfassende Schlusssatz der Interviewerin: „Die Gewalt formatiert [!] sich neu. Wie könnte ein moderner Pazifismus daneben [!] aussehen? Fragen, auf die Professor Dr. Herfried Münkler … geantwortet hat“. (3)

        Gibt es denn tatsächlich Leute, die militärische Gewalt in jeder Situation für ein „geeignetes Mittel“ halten? Gäbe es überhaupt noch Menschen, wenn es Bellizisten gäbe? Oder hat sich hier „die Wissenschaft“ gründlich verrannt?

        Hat man je BellizistInnen-Demonstrationen gesehen, die unter Parolen marschierten wie „Eine Lösung für alle: Krieg!“ oder „Krieg aller gegen alle – wo bleibt der große Hammer?“,“Weltkrieg – nein, das ist nicht viel, Bellizismus ist das Ziel!“, „Waffen hat man nie genug, macht ein Ende mit dem Spuk!“ Nicht einmal auf „Elitepartner“ verabreden sich Menschen unter solchen Parolen. Als theoretische Strömung oder soziale Bewegung scheint der vielbeschworene Bellizismus ein Totalausfall. Ja, die Verdächtigen versammeln sich oft sogar unter der Parole, auch sie wollten den Frieden, nur eben bewaffnet. Da fällt die Abgrenzung natürlich weniger leicht.

        Und leider brauchte das andere „Extrem“, der Pazifismus, nimmt man ihn als tatsächliche historische Bewegung, lange, um sich von der Hoffnung auf die Vernunft der Staaten und der Treue zum Vaterland in „der Stunde der Not“ zu emanzipieren.

        Erst nach dem Ersten Weltkrieg rangen PazifistInnen sich dazu durch, individuelle und massenhafte Verweigerung des Gehorsams zu begrüßen und eben nicht die Legitimität staatlicher Gewalt prinzipiell anzuerkennen.

        Und der Popanz: „es gehört in Deutschland zum guten Ton erst einmal zu versichern, man sei ein Pazifist“ grenzt ans Groteske. Es ist noch nicht lange her, dass Heiner Geißler die PazifistInnen bezichtigte, sie hätten Auschwitz erst möglich gemacht. Tucholsky und Ossietzky sollen die Legitimität der Weimarer Republik durch zersetzende Kritik untergraben haben.

        In Wirklichkeit ist in der offiziellen Geschichtsschreibung der Pazifismus noch weithin zwischen Lächerlichkeit, Außenseitertum und Landesverrat angesiedelt, was hat die Öffentlichkeit denn im Erinnerungsjahr an den Ersten Weltkrieg über dessen GegnerInnen erfahren? (4)

        „Gewalt“ galt bis vor Kurzen gar nicht als „wissenschaftliches“ Thema, nicht als eine Struktur oder Verhaltensweise, die prinzipiellen Überlegungen überhaupt zugänglich ist – sondern eben als eine rein taktische Frage „politischer Urteilskraft“, vielmehr politischer Opportunität, letztlich der Kräfteverhältnisse. Es handelt sich um vulgären Gewalt-Opportunismus: Wenn wir gewinnen können, holen wir den Hammer raus, sonst verbietet sich Gewalt aus „Verantwortungsethik“.

        Was in Deutschland tatsächlich zum guten Ton gehört, ist die wahnhafte Vorstellung, die eigene Position werde geadelt, wenn man sie als rationale Synthese und „Mitte“ zweier noch so bizarr konstruierter historisch und sachlich völlig unsinniger „Extreme“ darstellt, der abwägende und ausgleichende Mensch der Mitte und des Maßes steht hier für Vernunft. Um dieses „Reich der Mitte“ zieht man dann eine große Mauer („Wehrhafte Demokratie“ etwa) zum Schutz gegen die Barbaren, die den Konsens der Staatsräson stören könnten.

        Johann Bauer

        Anmerkungen

        (1) nachzuhören unter: http://www.deutschlandradio.de/text-und-audio-suche.287.de.html?search%5Bsubmit%5D=1&search%5Bword%5D=Münkler

        (2) „erzwungen ODER mit bewaffneter Hand durchgesetzt“ gibt immerhin zu, dass Frieden mit anderen Mitteln als der „bewaffneten Hand“ erzwungen oder durchgesetzt werden kann – gar mit direkten gewaltfreien Aktionen? Darauf muss unsere Phantasie sich richten: Gibt es Formen eines gewaltlosen Zwanges, die eingesetzt werden können? Und wer ist das Subjekt, das zwingt? Vielleicht wird durch gewaltlose Massenaktionen auch zu einem anderen Frieden gezwungen als mit Waffen? Gewaltlose Mittel können zwingen, ohne zu töten. Diese Fragen zu stellen heißt nicht, dass wir immer die allein richtige Antwort für jede Situation kennen

        (3) Dabei wusste es Münkler früher besser, und er ist viel zu intelligent um solche Konstruktionen zu glauben. Hier geht es nur um die Konstruktion „Bellizismus“

        (4) Als kleine Anregung: Friedensforum 1/2014

        http://www.graswurzel.net/396/bellizismus.php

  2. Gandhis vergiftetes Erbe permalink
    25. Dezember 2014 16:16

    Gandhis vergiftetes Erbe

    Unser Land ruht auf einem Fundament der Gewalt, sagt die indische Schriftstellerin Arundhati Roy – ein Gespräch.

    Interview: Jan Roß

    DIE ZEIT: Mahatma Gandhi ist eine der meistbewunderten Figuren des 20. Jahrhunderts – Anführer des friedlichen indischen Unabhängigkeitskampfes gegen die britische Kolonialherrschaft, Vorbild für Martin Luther King und Nelson Mandela, ein Idol von Millionen in aller Welt. Sie, Frau Roy, haben kürzlich einen Essay publiziert, der Gandhi scharf angreift. Warum?

    Arundhati Roy: Gandhis Erbe ist enorm. Aber unglücklicherweise hat man es zurechtgebogen und sogar verfälscht. Es hat nur noch wenig mit dem wirklichen Menschen zu tun. Meine Absicht war es zunächst gar nicht, über Gandhi zu schreiben; mein Text ist als Einleitung zur Neuausgabe eines Buches entstanden: Annihilation of Caste („Die Vernichtung des Kastensystems“) von Bhimrao Ramji Ambedkar, einem der bedeutendsten Intellektuellen des modernen Indien. Ambedkar war Gandhis größter Kritiker. Er hat ihn intellektuell, politisch und moralisch herausgefordert. Er wurde in eine Familie von Dalits hineingeboren …

    ZEIT: … von „Unberührbaren“, den Menschen ganz unten in der Hierarchie der Kastenordnung, die von den Höhergestellten wie Aussätzige behandelt werden.

    Roy: Annihilation of Caste ist der Text einer Rede, die Ambedkar nie gehalten hat. Er wurde 1936 veröffentlicht. Ambedkar verwirft darin den Hinduismus und attackiert das hinduistische Kastensystem, die brutalste, vulgärste, hierarchischste gesellschaftliche Organisationsform der Welt. Es ist ein aufrührerischer Text; kurz bevor er ihn schrieb, hatte Ambedkar öffentlich erklärt, dass er zwar als Hindu geboren sei, aber nicht als Hindu sterben werde. Annihilation of Caste ist eine Erklärung, warum man sich vom Hinduismus abwenden solle. Gandhi hat darauf geantwortet.

    ZEIT: Und hat das Kastensystem verteidigt – ein System, in dem der Beruf und der soziale Rang jedes Menschen von Geburt an feststehen, als Schicksal, dem man nicht entkommen kann.

    Roy: Ja, das hat er getan. Ich habe Gandhis Meinungen zur Kastenfrage zurückverfolgt zu seinen Meinungen zur Rassenfrage, die er in Südafrika vertreten hat, wo er von 1893 an zwei Jahrzehnte lang gelebt hat. Wir alle hier in Indien sind mit der Geschichte aufgewachsen, wie Gandhi zuerst politisiert wurde, weil man ihn in Pietermaritzburg aus einem Zugabteil geworfen hat, das für Weiße reserviert war. Aber das ist bloß die Hälfte der Geschichte.

    ZEIT: Und die andere?

    Roy: Gandhi war nicht über die Rassentrennung an sich empört. Die wirkliche Geschichte ist, dass er deshalb in diesem Abteil für Weiße saß, weil er glaubte, wohlhabende Inder aus den höheren Kasten sollten nicht mit „Kaffern“, wie er die Schwarzen nannte, im selben Abteil reisen. Sich das klarzumachen war ein bisschen schockierend. In meinem Text habe ich mich darauf beschränkt, Gandhis eigene Schriften aus der Zeit von 1893 bis 1946 zu zitieren. Er schrieb mit einem schockierenden Ausmaß von Verachtung über schwarze Afrikaner, indische Leibeigene, Unberührbare, Arbeiter und Frauen. Die längste Zeit seiner 20 Jahre in Südafrika hat er damit verbracht, um die Freundschaft des weißen Regimes zu werben, bis hin zur Erklärung, er wünsche sich eine „imperiale Brüderschaft“ mit den Briten.

    ZEIT: Und dann, als er wieder nach Indien zurückkam, hat er diese Denkweise auf die indischen Verhältnisse übertragen und ist zum Anwalt des Kastensystems geworden?

    Roy: Natürlich kann man schwer sagen, ob seine Auffassungen zum Rassenthema tatsächlich die zum Kastenthema vorgezeichnet haben; er ist ja schon in einer vom Kastenprinzip beherrschten Gesellschaft groß geworden. Aber seine Meinungen zu Rasse und Kaste sind auffallend konservativ. Man kann nicht einmal sagen, dass er eben „ein Mann seiner Zeit“ gewesen sei, denn unter seinen Zeitgenossen, sowohl in Indien als auch anderswo auf der Welt, gab es Leute wie Ambedkar oder Jyotiba Phule, die viel fortschrittlicher waren. Gandhi ist ohnehin niemand, zu dem ich mich automatisch hingezogen gefühlt habe; ich habe keine besondere Liebe zu Frömmigkeit und Reinheit – Dingen, von denen er besessen war. Es fällt sogar schwer, ihn als gutartigen Spinner abzutun. Es ist da etwas viel Bösartigeres am Werk. Es geht nicht bloß um gewaltfreien Widerstand, Ejakulationsverzicht, Ziegenmilch und selbst gesponnene Baumwolle.

    ZEIT: Aber war Gandhi nicht ein scharfer Gegner der „Unberührbarkeit“, der Ausgrenzung und Entrechtung der niedrigsten Klasse?

    Roy: Er hat die politische und soziale Kastenproblematik auf das symbolische, totemhafte Thema Unberührbarkeit reduziert. Die Kastenfrage ist in erster Linie eine Frage von Rechten – auf Land, Bildung, öffentliche Dienstleistungen. Unberührbarkeit ist eines von mehreren gewaltsamen Mitteln, mit denen Dalits terrorisiert werden; man wäscht ihnen das Gehirn, damit sie bleiben, was sie sind: ein Reservoir an billigen Arbeitskräften, die ein System nicht herauszufordern wagen, das angeblich von den Göttern gewollt ist. Gandhi hat darauf bestanden, alle Kasten sollten bei ihrer erblichen Arbeit bleiben, aber keine Kaste solle für nobler gelten als eine andere – damit wollte er die Menschen dazu bringen, sich über ihre Erniedrigung sogar noch zu freuen. 1936, als Ambedkar seine Polemik gegen das Kastensystem veröffentlichte, schrieb Gandhi einen Essay, in dem er die idealen Qualitäten beschrieb, die die Kaste der Latrinen-Arbeiter haben solle. Er glaubte, dass es ihre göttliche Pflicht sei, anderer Leute Exkremente wegzuschaffen, dass sie das für den Rest ihres Lebens tun und nie daran denken sollten, mit ihrer Arbeit „Profit anzuhäufen“.

    ZEIT: Und doch ist er auch ein epochemachender Anwalt der Gewaltlosigkeit gewesen.

    Roy: Der springende Punkt ist: Gandhis Doktrin der Gewaltlosigkeit ruht auf einem Fundament von dauernder, brutaler, extremer Gewalt – denn das ist das Kastensystem. Es kann ohne die Androhung und Anwendung von Gewalt nicht aufrechterhalten werden. Selbst heute noch laufen Dalits, die den Status quo infrage zu stellen wagen, Gefahr, einem regelrechten Ritualmord zum Opfer zu fallen. Es gab Massenproteste gegen die grauenhafte Gruppenvergewaltigung und Ermordung einer jungen Frau in einem Bus in Delhi im Dezember 2012. Im selben Jahr wurden 1500 Dalit-Frauen von Männern aus höheren Kasten vergewaltigt, und 650 Dalits wurden ermordet. Das gelangt kaum in die Nachrichten.

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    Der Umgang mit dem Kastensystem ist „das Projekt des Un-Sehens“

    ZEIT: Gandhi war auch ein radikaler Kritiker der westlichen Moderne. Das könnte Ihnen gefallen; Sie haben selbst gegen eine Modernisierung Indiens protestiert, die die Umwelt zerstört und Massen von Menschen vertreibt, um Platz für Staudämme oder den Bergbau zu schaffen.

    Roy: In dieser Hinsicht war Gandhi prophetisch, er hat die kommende Ausplünderung der Erde vorhergesehen. Ja, er ist eine faszinierende Figur, keine Frage. Ich würde meinen Essay gern an Ben Kingsley schicken …

    ZEIT: … der in Richard Attenboroughs heroischem Filmepos den Gandhi gespielt hat …

    Roy: … und ihm sagen: „Spielen Sie diesen Gandhi!“ Als Schauspieler hätte er wahrscheinlich mehr Spaß daran.

    ZEIT: Ihr Essay handelt nicht nur von der Vergangenheit, er hat auch einen starken Gegenwartsbezug. Die meisten Beobachter, jedenfalls im Westen, halten heute wahrscheinlich die Armut oder die Ungleichheit der Geschlechter für das größte Problem des indischen Staats. Sie, Frau Roy, glauben dagegen, dass die Kastenfrage wichtiger ist, immer noch?

    Roy: Sehen Sie sich an, wie die indischen Medien den Wahlkampf analysieren: Es geht vor allem um Wählergruppen – darum, wie die verschiedenen Kasten in den jeweiligen Regionen wählen werden. Die Kastenwirklichkeit ist der Motor, der das moderne Indien antreibt. Allerdings, wenn die Wahlen vorbei sind, wird das alles sehr verwischt. Seit den 1930er Jahren hat es keine offizielle Aufschlüsselung der Bevölkerung nach Kastenzugehörigkeit mehr gegeben. Daher tritt die schlimme Wirkung der Kastenvorurteile in unseren Statistiken über Unterernährung, Landlosigkeit oder extreme Armut nicht zutage. Alle diese Zahlen werden auf einmal „kastenneutral“. Unsere progressiven Intellektuellen weichen dem Thema gern aus.

    ZEIT: Warum war in Indien die Demokratie, die doch auf der menschlichen Gleichheit beruht und sie in eine politische Form gießt, nicht imstande, das Kastensystem zu überwinden?

    Roy: Das hängt mit unserem Wahlrecht zusammen. Ambedkar hat auf diesem Feld eine seiner größten Schlachten geschlagen – er hat gefordert, dass die Dalits ihre eigenen Abgeordneten wählen und ins Parlament entsenden sollten, um sich zu einer starken politischen Kraft zu entwickeln. 1931 hat die damalige britische Kolonialregierung dieser Forderung zugestimmt. Gandhi hat dagegen einen Hungerstreik begonnen, mit der Drohung, ihn bis zu seinem Tod fortzusetzen. Ambedkar musste schließlich nachgeben. Es war ein furchtbarer Moment in unserer Geschichte.

    ZEIT: „Es fühlte sich an, als sei jemand in einen dämmrigen Raum getreten und habe die Fenster geöffnet“ – so beschreiben Sie die Erfahrung Ihrer Ambedkar-Lektüre. Warum war das so eine Offenbarung? War Ihnen das Kastenproblem vorher nicht bewusst?

    Roy: Ich bin in einem Dorf in Südindien aufgewachsen, im Bundesstaat Kerala. Mein Roman Der Gott der kleinen Dinge spielt dort, und die Kastenfrage steht darin im Mittelpunkt. Aber in der Pädagogik, in unseren Schulbüchern tauchte sie nicht auf. Man erlaubt dir nicht, dich damit zu beschäftigen. Das Kastensystem kam vor in unserer Wirklichkeit, wurde aber nicht zum Thema – wegen etwas, das ich „das Projekt des Un-Sehens“ nenne: Man tut so, als gäbe es die Sache nicht. Leute aus höheren Kasten können sagen: „Ich glaube nicht an Kasten, Kasten existieren für mich nicht“, weil sie ein so privilegiertes Klima geschaffen haben, dass sie dem Phänomen gar nicht begegnen und vorgeben können, sie seien irgendwie egalitäre Menschen.

    ZEIT: In den vergangenen Jahren haben Sie vor allem politische Essays publiziert – gegen den Kapitalismus, Indiens Atomrüstung, die Kaschmir-Politik, die ungerechte Behandlung der Adivasi, der indischen Stammesbevölkerung. Aber Sie haben nicht über das Kastenproblem geschrieben. Warum nicht?

    Roy: Es gibt kaum einen Essay von mir, in dem die Dalits oder eben die Adivasi nicht vorkommen. Aber meine politischen Texte beschäftigen sich vor allem mit dem Staat. „Kaste“ hat dagegen mit der Gesellschaft zu tun. Sie ist eine sehr komplizierte Angelegenheit. Sogar unter den Untersten in der Hackordnung gibt es noch Hierarchien. Es ist ein geniales System der Unterdrückung. Es ist tatsächlich eher ein Gegenstand der Literatur.

    ZEIT: Nach dieser langen Zeit des publizistischen Engagements haben Sie jetzt wieder angefangen, einen Roman zu schreiben. Sind Sie enttäuscht von den Erfahrungen, die Sie als Intellektuelle im öffentlichen Raum gemacht haben?

    Roy: Ich bin mir nicht sicher, was eine „Intellektuelle im öffentlichen Raum“ ist, und ich wüsste auch nicht, dass ich eine feste Rolle zu spielen hätte. Ich bin nicht enttäuscht. Aber wie viele Inder bin ich besorgt über das, was uns bevorsteht: die Verbindung von Hindu-Nationalismus und dem Kapitalismus der großen Firmen. Was mich selbst angeht: Mir kam es so vor, als sei die Kritik am Staat am besten mit diesen direkten, dringenden, politischen Essays anzugehen. Aber es gibt einen Teil von mir, der wild und unverantwortlich und unvernünftig sein will und nicht bloß mit Fakten und Zahlen argumentieren möchte. Das hat nichts mit Enttäuschung zu tun, ich hätte nur sonst das Gefühl, ich würde mich wiederholen. Es ist Zeit, etwas anderes zu machen.

    ZEIT: Mögen Sie etwas über den Roman verraten?

    Roy: Ich verabschiede mich im Augenblick von vielen Dingen. Ich weiß nicht, was passieren wird oder was für ein Roman das sein wird. Er wird es mir sagen.

    http://www.zeit.de/2014/40/arundhati-roy-indien-gandhi-kastensystem
    http://www.zeit.de/2014/40/arundhati-roy-indien-gandhi-kastensystem/seite-2

  3. Mahatma Gandhi --- Der eitle Asket permalink
    25. Dezember 2014 16:29

    Mahatma Gandhi — Der eitle Asket

    Gandhis Weg der Gewaltlosigkeit erwies sich als Sackgasse. Menschlich war der spirituelle Meister ein unangenehmer Zeitgenosse von Angelika Franz

    Dabei sah der so Verklärte sich selber nie als Helden. In seiner Autobiographie schreibt er über seine Kindheit: „Ich war ein Feigling. Ich wurde geplagt von der Angst vor Dieben, Geistern und Schlangen. Ich traute mich nachts nicht vor die Tür. Dunkelheit war ein Horror für mich. Es war für mich fast unmöglich, im Dunklen zu schlafen, weil ich mir vorstellte, wie Geister aus der einen Richtung kamen, Diebe aus einer anderen und Schlangen aus der dritten.“

    Was im Zusammenhang mit der „Befreiung“ Indiens von beseelten Gandhi-Jüngern gerne unterschlagen wird, ist, dass Indien 1947 nach Abzug der Briten in zwei separate Staaten geteilt werden musste: in das hinduistische Bharat (die Republik Indien) und das muslimische Pakistan. Der Hass zwischen Hindus und Muslimen, mühsam von den Briten unter Kontrolle gehalten, hatte sich unhaltbar hochgeschaukelt. Über eine Million Menschen verloren in der Auseinandersetzung um den rechten Glauben das Leben. Fast 26 Millionen mussten aus dem einen oder dem anderen Land fliehen, um ihr Leben zu retten. Es war die größte Migrationsbewegung in der Geschichte der Menschheit. Noch heute schwelt der Konflikt, Indien und Pakistan haben weiterhin Atomwaffen aufeinander gerichtet.

    Gandhi war, trotz all seines Einsatzes für ein freies Indien, bei den Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit gar nicht anwesend. Zu enttäuscht war er von der gewalttätigen Eigendynamik, die der Freiheitskampf entwickelt hatte. Auch war, nüchtern betrachtet, seine Rolle bei der Befreiung Indiens weit weniger tragend, als manche Historiker es gerne darstellen. Entscheidend für den Rückzug der Briten waren weniger Gandhis Hungerstreiks als vielmehr die wirtschaftliche Schwächung Großbritanniens durch den Zweiten Weltkrieg und der schleichende freiwillige Rückzug aus der Verwaltungskontrolle in Indien bereits seit Mitte der dreißiger Jahre.

    Seine Vorliebe für Sex kostete ihn ein Schuljahr

    Nicht nur politisch wird er heute häufig überbewertet. Auch für ein „moralisches und geistiges Vorbild“, als das gerade viele Deutsche ihn bezeichnen, taugt er wenig. Der eher mittelmäßige Schüler wurde schon mit 14 Jahren verheiratet. Auch wenn er später die Kinderehe verurteilte, so sah er sie damals doch als Segen. Denn der spätere Asket hatte als Jugendlicher nichts als Sex im Sinn. Das kostete ihn ein ganzes Schuljahr. Schließlich rettete ihn nach eigenen Angaben nur, dass seine Frau Kasturbai, dem indischen Brauch folgend, immer wieder für lange Zeiträume zurück ins Elternhaus gerufen wurde und er sich wieder mit seinen Schulaufgaben beschäftigen konnte. War sie bei ihm, spielte er sich als rechthaberischer Ehemann auf und versuchte aus Eifersucht sogar, ihr Tempel- und Freundinnenbesuche zu verbieten. „Meine Strenge basierte auf reiner Liebe“, versuchte sich Gandhi später zu verteidigen. „Ich wollte meine Frau zu einer idealen Frau machen. [Sie sollte] lernen, was ich lernte, und ihr Leben und Denken mit mir identifizieren.“

    Gandhi hingegen setzte seine Treue zu Kasturbai dem einen oder anderen Experiment aus. Einmal nahm ein Freund ihn mit in ein Bordell. Doch allein mit der Prostituierten über- oder vielmehr entmannte Gandhi seine Schüchternheit, er konnte im wahrsten Sinne des Wortes kein Glied mehr rühren. „Ich fühlte mich in meiner Männlichkeit verletzt und wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken“, beschreibt Gandhi die Szene aus seiner Jugend.

    Seine Familie schickte ihn 1888 nach der Schule mit großen Hoffnungen nach London und erwartete, dass Mohandas ein erfolgreicher Rechtsanwalt würde. Aber daraus wurde nichts. Bereits sein erster Fall blieb für lange Jahre auch sein letzter. Als er vor Gericht den Zeugen des Klägers ins Kreuzverhör nehmen sollte, brachte er vor Schüchternheit keinen Satz heraus – und gab den Fall umgehend ab.

    Obwohl er kein eigenes Geld verdiente, legte er größten Wert auf sein Äußeres. Er kleidete sich nach der neuesten Londoner Mode und ließ sich Anzüge in der vornehmen Bond Street schneidern. Die Familie zahlte, ohne zu murren. Währenddessen lebten Kasturbai und sein erster Sohn Harilal daheim in Indien in der Obhut der Verwandten. Seinen Vater sah das Kind während der ersten Lebensjahre nur auf seinen sehr seltenen Besuchen.

    Erst 1896 – Gandhi lebte mittlerweile in Südafrika – holte er seine Frau und seine mittlerweile zwei Söhne zu sich. In dem Land hatte er sich zunächst eine Existenz als Anwalt aufbauen wollen. Doch konfrontiert mit der Aggression der weißen Südafrikaner gegenüber allen nichtweißen Menschen, vernachlässigte Gandhi schon bald seine Arbeit und gründete stattdessen den Natal Indian Congress, der sich der Rechte der indischen Minderheit annahm. Das Schicksal der schwarzen Bevölkerung berührte ihn hingegen nicht: 1906 engagierte er sich während des Zulu-Aufstandes in einem Sanitätskorps aufseiten der Briten.

    Während der Arbeit an der Front fällte Gandhi – mittlerweile Vater von vier Kindern – die Entscheidung, keusch zu bleiben. Lange diskutierte er das Für und Wider mit seinen Freunden und politischen Bekannten, nur Kasturbai wurde am Schluss vor vollendete Tatsachen gestellt. „Sie hatte nichts dagegen“, bemerkt Gandhi lakonisch in seiner Autobiographie. „Wenn ich mich dem Dienst an der Gesellschaft verpflichten will, muss ich das Verlangen nach Kindern und Wohlstand dem Leben eines Vanaprastha opfern, der sich von allen häuslichen Aufgaben fernhält.“

    1915 kehrte Gandhi nach Indien zurück. Mittlerweile hatte er durch seinen Kampf für die indische Minderheit in Südafrika auf nationaler Ebene einige Berühmtheit erlangt. Doch mehr noch als für Politik interessierte Gandhi sich für alternative Lebensweisen. Bei Ahmedabad gründete er einen Aschram, normalerweise die Bezeichnung für den Aufenthaltsort eines heiligen Mannes. Immer wieder betonte er vor seinen Anhängern die Wichtigkeit von Brahmacharya, von Keuschheit. Sie einzuhalten wurde für ihn zu einem zentralen Aspekt seiner spirituellen Lehre, der Satyagraha (Festhalten an der Wahrheit). Noch bis ins hohe Alter pflegte er Brahmacharya-„Experimente“, um die Beherrschung seiner körperlichen Triebe unter Beweis zu stellen. Dafür mussten junge Frauen, oft die Ehefrauen von Freunden und Kollegen, sich über Nacht nackt im Bett neben ihn legen.

    Gandhi lebte vom Geld seiner Anhänger. Reiche Förderer des „Mahatma“ bezahlten ihm und seiner wachsenden Anhängerschaft das experimentelle Leben im Aschram, der sich allein finanziell nicht hätte tragen können. „Es kostet das Land ein Vermögen, Gandhi ein Leben in Armut zu ermöglichen“, beschrieb die Dichterin und Gandhis Nachfolgerin als Präsidentin des Indischen Kongresses, Sarojini Naidu, seine Lebensweise. Ohne die großzügige Unterstützung von mächtigen Industriellen wie Ghanshyam Das Birla hätte es weder einen Aschram noch das Satyagraha je geben können.

    Gandhi fühlte sich wohl in der Rolle des spirituellen Meisters. So konnte er auf seiner kleinen Aschram-Insel leben, umgeben von Jüngern, die ihn nie kritisierten. Er schreibt schon über seine Kindheit: „Der kleinste Fehler trieb mir Tränen in die Augen. Wenn ich einen Tadel verdiente oder es dem Lehrer so vorkam, als verdiente ich ihn, war das für mich nicht zu ertragen.“ Dass Gandhi nie ein „offener Geist“ war, bescheinigt sein früherer Schüler und späterer erster Premierminister Indiens, Jawaharlal Nehru. Vielmehr habe man bei ihm das Gefühl, gegen eine Wand zu reden. Gandhi sei so fest von seinen eigenen Auffassungen überzeugt, dass ihm alles andere als unwichtig erscheine.

    Kritisiert wurde Gandhi auch von Rabindranath Tagore. Der Dichter hatte ihn, inklusive seiner Familie und wachsenden Anhängerschaft, unmittelbar nach der Rückkehr aus Südafrika bei sich aufgenommen, weil er von seinem Wirken zunächst sehr beeindruckt war. Auch den Namen „Mahatma“ verdankt Gandhi dem Literaturnobelpreisträger. Im März 1921 setzte sich dieser mit seinem ehemaligen Gast dann allerdings in einem offenen Brief auseinander.

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    Aus passivem Widerstand wurden Orgien der Gewalt

    Ziel der Kritik war Gandhis Kampagne der Nichtzusammenarbeit. Um gegen die nach Ende des Ersten Weltkrieges eilig von den Briten erlassenen Ermächtigungsgesetze zu protestieren, hatte er zu Streiks und Boykotten aufgerufen. Es sollte ein passiver Widerstand sein, doch die Aktionen eskalierten mancherorts zu wahren Orgien der Gewalt. Und es waren nicht nur die Briten, die ihre Gewehre in die Menge der Demonstranten feuerten. Die Angriffe gingen ebenso vonseiten der Inder aus. Tagore fand nach diesen Ereignissen nur noch harte Worte über den ehemaligen Freund. Einen „Kampf, uns mit Herz und Verstand vom Westen zu entfremden“, nannte er die Nichtzusammenarbeitskampagne, einen „Versuch des spirituellen Selbstmordes“. Gandhi beendete schließlich die Aktionen, als in dem nordindischen Dorf Chauri Chaura der aufgebrachte Mob 21 Polizisten tötete. Die Menschenmenge hatte sie in die Polizeistation getrieben und das Gebäude angezündet.

    Seine Ermordung am 30. Januar 1948 durch den fanatischen Hindu Nathuram Godse machte Gandhi international zum Märtyrer. Die Welt erinnert sich an ihn wegen seines erfolgreichen „Salzmarschs“ – einer Wanderung über 24 Tage mit zuletzt 2500 Anhängern an die Küste des Indischen Ozeans aus Protest gegen das Salzmonopol der Briten – und seinen Einsatz für die Unberührbaren. Doch aus Indien selbst schlugen ihm zuletzt viele kritische Stimmen entgegen. Anlass für seine Ermordung war die Forderung nach Ausgleichszahlungen an Pakistan, die Gandhi mit einem letzten Fasten durchgesetzt hatte. Die Aktion ließ ihn in den Augen vieler Inder als Landesverräter erscheinen, das Geld fehlte in der Staatskasse. Vom politischen Wirken Gandhis ist nach seinem Tod kaum etwas geblieben. Den Weg der Gewaltlosigkeit hatte das Land bereits zu seinen Lebzeiten verlassen.

    Das Leben in Kürze

    1869 Mohandas Karamchand Gandhi wird am 2. Oktober in Porbandar, Provinz Gujarat, geboren
    1883 Heirat mit Kasturbai Nakanji
    1888–1891 Jurastudium in London
    1893–1914 Aufenthalt in Südafrika, Gründung des Natal Indian Congress, Entwicklung der Satyagraha-Lehre
    1915 Gründung des Satyagraha- Aschrams bei Ahmedabad
    1912 Ausrufung der antibritischen Nichtzusammenarbeitskampagne
    1930 Salzmarsch
    1947 Indien wird unabhängig, Teilung in Bharat und Pakistan
    1948 Ermordung am 30. Januar

    Literatur zum Thema

    Dietmar Rothermund: Mahatma Gandhi
    C. H. Beck, München 2003 Kurze, kompakte Biografie zur Einführung

    Mahatma Gandhi: Eine Autobiographie oder die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit
    Hinder & Deelmann, 2001 Gandhi über sich und seine spirituelle Lehre

    Sudhir Kakar: Die Frau, die Gandhi liebte
    C. H. Beck, München 2005 Biografische Studie der Engländerin Madeline Slade, die lange Jahre nicht von Gandhis Seite wich

    http://www.zeit.de/2005/09/P-Gandhi_
    http://www.zeit.de/2005/09/P-Gandhi_/seite-2

  4. Arundhati Roy --- Die Diktatur der Mittelklasse permalink
    25. Dezember 2014 16:36

    Arundhati Roy — Die Diktatur der Mittelklasse

    Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy im Gespräch mit Iris Radisch über Kapitalismus, Verführung und das Glück der Askese. von Iris Radisch

    ————————————————————————————————
    Die Länge des Artikels und die Vielzahl der darin enthaltenen Hyperlinks ……
    ————————————————————————————————
    http://www.zeit.de/2011/37/Interview-Roy

  5. Arundhati Roy --- "Europa ist nur der Anfang" permalink
    25. Dezember 2014 16:41

    Arundhati Roy — „Europa ist nur der Anfang“

    Das Ende des Kapitalismus naht. Davon ist die indische Schriftstellerin Arundhati Roy überzeugt. Und die Reichen werden sich von den Armen abschotten – mit Waffengewalt. von Georg Blume

    DIE ZEIT: Wie blickt der indische Beobachter von Weitem auf die europäische Krise?

    Arundhati Roy: Natürlich sieht die Lage brenzlig aus. Die Armen Europas hat die Wut gepackt, und die Maßnahmen ihrer Regierungen ziehen nicht mehr. Wie ein Lauffeuer scheint die Krise von einem Land aufs andere überzugreifen. Mir kommt es dabei vor, als hätten die Mächtigen in Europa – die großen Medien ausdrücklich eingeschlossen – viel zu viel Angst, der Krise ernsthaft gegenüberzutreten. Sie glauben immer noch, dass Rettungspläne und Polizeiaktionen die Probleme lösen werden. Damit gewinnen sie allenfalls Verschnaufpausen.
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    ZEIT: Verliert das aufgeklärte, soziale Bewusstsein der Europäer jetzt seinen Charme?

    Roy: Auf diesen Charme war nie Verlass. Während Europa einst für sich seine Ideen von Freiheit und Gleichheit entwickelte, kolonisierte es andere Länder, beging Völkermorde und praktizierte Sklaverei – und das in unvorstellbaren Dimensionen. Ganze Völker wurden vernichtet. Die Belgier brachten im Kongo zehn Millionen Menschen um. Die Deutschen rotteten in Westafrika die Hereros aus.

    ZEIT: Aber was hat das noch mit dem verunsicherten Europa von heute zu tun?

    Roy: Langsam, warten Sie ab. Die Völkermorde dienten der Rohstoffbeschaffung für eine industrielle Revolution, die den westlichen Kapitalismus begründete und mit ihm den materiellen Überschuss produzierte, auf dessen Basis die Ideen der modernen Demokratie entstanden. Dieser Kapitalismus aber hat unsere heutige Krise geschaffen, die sowohl ökonomischer wie ökologischer Natur ist.

    ZEIT: Kann sich Europa denn heute nur noch helfen, wenn es gleich den Kapitalismus abschafft? Geht es nicht einfacher?

    Roy: Schön wäre es. Aber in unseren Ozeanen schwimmen bald keine Fische mehr. Überall in der Welt fallen die Grundwasserspiegel. Die Regenwälder werden vernichtet, um Rinder zu züchten. Das alles zeigt doch, wie kurzsichtig und engstirnig die westlich-europäische Definition von Freiheit und Gleichheit bisher war. Sie ging immer auf Kosten anderer.

    ZEIT: Gehen denn Inder und Chinesen heute besser mit der Natur um?

    Roy: Nein. Das will ich auch nicht sagen. Die indische Kultur kann genauso despotisch sein, siehe das Kastensystem. Ich will auch den europäischen Ideen nicht ihren Wert absprechen – aber ihre Umsetzung in die Praxis unter den Bedingungen der kapitalistischen Profitanhäufung hat Europa und uns alle an den Punkt geführt, an dem wir heute stehen: nicht weit entfernt vom Zusammenbruch.

    ZEIT: Aber trotzdem gab es bisher ein europäisches Modell: die EU als Verbund von Nationen, die dem Krieg abgeschworen haben. Strahlt dieses Modell heute noch über Europa hinaus?

    Roy: Dieses Modell gründete ursprünglich auf zwei Weltkriegen und dem Holocaust. Heute aber kommt es mir vor, als würde die Europäische Union von materiellen Werten zusammengehalten, vom Versprechen eines guten Lebens für alle. Dieses Versprechen aber wird nun überschattet, deshalb sind Spannungen und Spaltungen so gut wie sicher. Auch Indien ist eine Union vieler Völker, vielleicht sogar noch vielfältiger als das ganze Europa. Uns aber hält, vor allem an den Rändern in Kaschmir und dem Nordosten, die indische Armee zusammen. Doch so, wie die Welt sich heute bewegt, fällt es mir ohnehin schwer, in Länder- oder auch Unionsgrenzen zu denken.

    Seite 2/2:
    „Es ist auch eine Krise der Reichen“

    ZEIT: Sind Europa und Indien nicht schon zu groß, um noch regierbar zu sein?

    Roy: Die Mächtigen denken heute weder europäisch noch indisch, sondern global. Unsere Regierungen werden doch längst von Banken und multinationalen Unternehmen kontrolliert. Mir kommt es manchmal vor, als hätten die Eliten all unserer Länder im Weltraum eine Nation gegründet. Von dort schauen sie auf die Welt nieder wie auf Dienstbotenquartiere. Gibt es Protest, schicken sie Armeen, Polizei und Überwachungspersonal, wobei ihre Soldaten und Polizisten alle zusammenarbeiten und ihr Geheimwissen austauschen, um die Dienstboten zu kontrollieren. Aber trotz alledem werden die Dienstboten immer unruhiger. Am Horizont leuchten Aufstände. In den USA, wo ich mich gerade länger aufhielt, hat sich die Sprache auf der Straße verändert. Das war bisher unvorstellbar.

    ZEIT: Setzen Sie etwa auf eine neue Protestbewegung im Westen?

    Roy: Wer hätte schon gedacht, dass amerikanische Studenten, denen bisher weisgemacht wurde, dass an den Sozialismus zu glauben gefährlicher als Aids sei, plötzlich mit Parolen gegen den »Klassenkrieg« auf die Straße gehen?

    ZEIT: Glauben Sie, dass die Krise in Europa und den USA eine neue Chance für die Armen dieser Welt bietet?

    Roy: Diese Krise betrifft nicht nur die Armen, sie ist auch eine Krise der Reichen. Die Dinge können nicht mehr so weitergehen. Die alte Art funktioniert nicht mehr. In den USA besitzen 400 Menschen so viel wie die Hälfte der US-Bevölkerung. In Indien verfügen 100 Menschen über Eigentum im Wert von 25 Prozent des Bruttosozialprodukts. Ohne größere Veränderungen wird dieses System zusammenbrechen.

    ZEIT: Werden dann alle ärmer? Oder wird der Reichtum gerechter verteilt?

    Roy: Es wird entweder einen völligen Zusammenbruch geben, oder es entstehen militarisierte Zonen, in denen die Reichen nur unter Bewachung leben können, um sich aller Art von Widerstand zu erwehren – von friedlich über militant bis terroristisch. Diese Schlachten werden in Indien heute schon geschlagen. Die Frage ist, ob die Vorstellungskraft, die viele dieser Probleme erst entstehen ließ, irgendwann zu ihrer Lösung beitragen kann. Ich glaube aber nicht daran.

    ZEIT: Dann glauben Sie also nicht mehr an Krisenmanagement, sondern an Revolution?

    Roy: Wir brauchen neue Vorstellungskraft, eine neue Definition von der Bedeutung des Fortschritts, eine neue Definition von Freiheit, Gleichheit, Zivilisation und Glück auf Erden. Die Zeit des uneingeschränkten Individualismus ist vorbei. Dabei plädiere ich gar nicht für eine moralische Erneuerung oder appelliere an die gute Seite des Menschen. Ich sage nur: So wie die Dinge aussehen, wird etwas geschehen. Europa ist nur der Anfang.

    http://www.zeit.de/2011/51/Interview-Roy
    http://www.zeit.de/2011/51/Interview-Roy/seite-2

  6. India To Soon Get A Temple Dedicated To Mahatma Gandhi's Killer permalink
    26. Dezember 2014 07:16

    in diesem Kontext

    India To Soon Get A Temple Dedicated To Mahatma Gandhi’s Killer
    http://www.huffingtonpost.in/2014/12/23/gandhi-godse-temple_n_6371178.html

    Statues Of Nathuram Godse, Killer Of Mahatma Gandhi To Be Erected All Over India
    http://www.countercurrents.org/poonawalla201214.htm

  7. Wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat permalink
    26. Dezember 2014 16:50

    in diesem Kontext

    Wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat

    Die Gefahr einer globalen Kriegerkultur

    Themenbereiche, die in diesem Buch („Hitler-Buddha-Krishna“) zur Sprache gekommen sind, haben einen hohen Aktualitätswert:

    Der weltweite Aufstieg des Rechtsextremismus und des religiösen Rechtsokkultismus
    Der unkritische Import von östlichen Religionssystemen und Glaubenslehren in den Westen
    Die globale Aktivierung aggressiver Kriegermythen und Kriegerlehren als Inspirationsquelle für den religiösen Fundamentalismus und für eine weltweite Kshatriya-Kultur

    Alle drei »kulturellen« Sachverhalte, das haben wir gezeigt, können in einen engen Zusammenhang miteinander treten und zu einer äußerst aggressiven Ideologiebildung führen.

    Der weltweite Aufstieg des religiösen Rechtsokkultismus

    Seit den 1990er-Jahren haben nicht nur die »politischen« Bewegungen des Rechtsextremismus auf der ganzen Welt eine Renaissance erlebt, sondern in der selben Zeit konnte das rechtsradikale »Okkultmilieu« unter dem Zeichen der »Schwarzen Sonne« eine internationale Subkultur aufbauen. Der britische Historiker Nicholas Goodrick-Clarke zeigt in seinem neuesten Buch Black Sun – Aryan Cults, Esoteric Fascism and the Politics of Identity, wie effektiv sich Hitler-Kulte, arische Mystiker, rassistische »Kshatriya-Gruppen« (unter Skinheads), Nazi-Satanisten und Nazi-Heavy-Metal-Musikgruppen in Europa ebenso wie in Nord- und Südamerika verbreitet haben – sie wurden von den in unserem Buch vorgestellten NS-Visionären und ihren Erben inspiriert. Hinzu kommt – unabhängig von diesem Milieu – ein eminent großes Leserpublikum, welches an Themen der »Nazi-Mysterien« interessiert ist und so dazu beigetragen hat, dass die entsprechende Literatur zu einem »Dauerrenner« wurde.

    Weil das »Nazi-Okkultmilieu« von seinen Inhalten her »phantasmatisch« ist, kann sein Einfluss auf die »realpolitische« Seite des Rechtsextremismus nur indirekt sein. Aber das macht es nicht weniger gefährlich: Ein sehr ähnliches »Phantasma« lieferte am Anfang des 20. Jahrhunderts auch bei der Ideologiebildung des historischen Nationalsozialismus den geistigen Nährboden. »Solche Menschen«, so Goodrick-Clarke über die ariosophischen Sektenführer, Okkultisten und Schwärmer, von denen sich Nazi-Größen bis hinauf zu Hitler und Himmler vor der Machtübernahme beeinflussen ließen, »besaßen oft die Vorstellungskraft und Fähigkeit, eine Traumwelt zu beschreiben, die den Gefühlen und Handlungen der realitätsnäher eingestellten Männer, die sich in Positionen der Macht und Verantwortung befanden, zugrunde lag. Tatsächlich haben ihre abstrusen Ideen und seltsamen Kulte die politischen Doktrinen und Institutionen des Dritten Reiches vorweggenommen.«

    Umgekehrt findet der weltweit feststellbare Aufstieg des realpolitischen Rechtsextremismus in den subkulturellen Milieus der »Nazi-Okkulten« eine ideologisch stark motivierte Anhängerschaft, die sich in ihrem »Nazi-Glauben« gerade durch die offensichtlichen Erfolge der rechtsextremen Parteien bestätigt fühlt und darin die unaufhaltsame Entstehung eines »Vierten Reiches« sieht.

    Die phantasmatische Mischung aus »Dichtung und Wahrheit« in der Nazi-Okkultliteratur der Nachkriegszeit ist keinesfalls eine Schwachstelle im Prozess der Mythenbildung, sondern umgekehrt, sie führt erst zu deren vollen Entfaltung: Das Mysteriöse, das Geheimnisvolle, das Schreckliche, das Irrationale, das Verborgene und das Religiöse erweisen sich als äußerst fruchtbarer Humus für einen neuen »Hitler-Kult«. Dennoch kann das Phänomen »Hitler« erst dann zu einem »Mythos« im eigentlichen Sinne werden, wenn es in der »Transzendenz«, jenseits der Geschichte, verankert ist, d. h. wenn es eine archetypische Qualität erlangt hat; um es direkt anzusprechen, wenn Hitler zur Inkarnation eines »Gottes« oder eines »Dämons« erklärt wird oder wenn er als Held »vergöttlicht« wird. Die »Apotheose« des deutschen Diktators irgendwie zu bewerkstelligen, dem galt und gilt die Anstrengung der NS-Mythenmacher, angefangen vom SS-Ahnenerbe bis hin zum »esoterischen Hitlerismus«.

    Bei der Entwicklung und Verankerung einer internationalen, faschistischen »Kshatriya-Philosophie« spielen die Ideen Julius Evolas und seiner Schüler eine Königsrolle. Der italienische Faschist lehnt zwar eine Mythisierung Hitlers strikt ab, betont aber wie kein anderer die machtpolitische und metaphysische Bedeutung einer »sakralen Kriegerkaste« als gesellschaftspolitisches Zukunftsmodell. Seine Philosophie ist weitgehend vom »Phantasma« des eigentlichen Nazi-Okkultismus befreit und erlaubt es deswegen, als weltanschauliches Fundament einer viel breiteren, internationalen »Neuen Rechten« zu dienen. Obgleich Evola selbst ein Okkultist und ein Ritualist war, hat sein Ideengebäude eine in den östlichen Religionen verankerte metaphysische Klarheit und professionelle Stringenz. Es ist gerade dieses geisteswissenschaftliche Niveau, das es erlaubt, die »Krieger-Philosophie« des »höchstgeachteten faschistischen Gurus« (Umberto Eco) an staatlichen Universitäten, in rechtsextremen Akademien und in hochkarätigen Intellektuellenkreisen der Neuen Rechten zu diskutieren und zu befürworten.

    Der unkritische Import von östlichen Glaubenslehren in den Westen

    Für ein System wie den religiösen Faschismus, das sich dogmatisch aus »urarischen« Wurzeln abzuleiten versucht, musste der »Hitler-Mythos« folgerichtig mit »urarischen« Mythen aus »grauer Vorzeit«, was immer man darunter verstand, verknüpft werden. Dazu zählten für die Nazi-Visionäre und ihre Erben neben der Edda und dem Grals-Mythos der Vishnu/Kalki-Mythos, der Krishna-Mythos und der Shambhala-Mythos. Es sind vor allem indische Texte (die Bhagavadgita, der Vishnu Purana und die Shambhala-Vision des Kalachakra-Tantra), die das hoch explosive philosophische und visionäre Material von aggressiven, morbiden und menschenverachtenden Kriegs- und Zerstörungsmustern beinhalten und die es entsprechend motivierten, rechtsextremen Schriftstellern ziemlich leicht machen, den »Hitler-Mythos« aus dieser Bilder- und Ideenwelt heraus abzuleiten.

    Alte Mythen können, das zeigt die Geschichte, immer aufs Neue aktiviert werden, um dann als Instrumente der Machtpolitik zu dienen. Das entbindet sie letzten Endes von konkreten Personen oder von rassistischen Fixierungen. Der »historische« Hitler gilt unter dem Aspekt der auf ihn von den Nazi-Visionären und ihren Erben angewandten östlichen Ursprungsmythen (Vishnu/Kalki/Krishna) nur als der »Erscheinungskörper« oder, wie es das Kalachakra-Tantra ausdrücken würde, als das »Gefäß« einer dahinter stehenden »Gottheit«. Deswegen bilden die mit den asiatischen Religionen in den Westen importierten Kriegermythen – ganz unabhängig davon, ob sie innere Affinitäten zum »religiösen Faschismus« im eigentlichen Sinne aufweisen – an sich schon ein kulturelles Problemfeld. Denn sie aktivieren Bilder und legitimieren gesellschaftliche Ordnungssysteme, die mit den humanistischen, demokratischen und freiheitlichen Idealen des Westens nicht ohne weiteres kompatibel sind. Eine besonders hohe Aufmerksamkeit sollte in diesem Zusammenhang dem Shambhala-Mythos des Kalachakra-Tantra zukommen:

    1. weil sich dieser Mythos von einem »Heiligen Shambhala-Reich« und einem »Heiligen Shambhala-Krieg« schon weltweit verbreitet hat;

    2. weil in diesem Mythos die kriegerische Auseinandersetzung mit dem Islam im Zentrum steht und dadurch ein möglicher Kulturkampf zwischen der islamischen und der westlichen Welt forciert wird;

    3. weil der kriegerische Shambhala-Mythos des Kalachakra-Tantra durch die expansive Ritualpolitik des XIV. Dalai Lama als vorgebliche Friedensaktivität das Vertrauen friedfertig und ökumenisch eingestellter Menschen missbraucht; und

    4. weil der Shambhala-Mythos eine hohe Akzeptanz in Kreisen des religiösen Faschismus genießt.

    Die globale Aktivierung aggressiver Kriegermythen und Kriegerlehren

    Der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld schrieb 1991 in seinem Buch Die Zukunft des Krieges: »Die Konventionen für die Kriegsführung werden sich ganz offenkundig noch auf andere Weise verändern, weil die Religion als Grund für einen bewaffneten Konflikt wieder an Attraktivität gewinnt. Sollte die hohe Militanz einer Religion anhalten, dann werden die anderen höchstwahrscheinlich gezwungen sein nachzufolgen. Die Menschen werden dazu getrieben, ihre Ideale, ihre Lebensweise und ihre nackte Existenz zu verteidigen, und das werden sie unter dem Banner einer großen und mächtigen Idee tun können.«

    Tatsächlich hat sich in den letzten zehn Jahren die Weltlage rasant in diese Richtung hin entwickelt. Alles begann mit der Radikalisierung islamistischer Gruppen. Die von ihnen propagierte und durchgeführte Idee des Djihad (Heiliger Krieg) machte die »Sakralisierung des Krieges und des Kriegers« zu einem hochbrisanten Thema, mit dem sich die gesamte westliche Intelligenzija und Politik auseinandersetzen musste und muss. Durch den mit dem Blut der islamischen »Märtyrer« besiegelten Begriff des »Gotteskriegers« wurde der Keim gesetzt, der nach van Creveld die Gefahr in sich birgt, dass es zu einer christlich-fundamentalistischen Gegenreaktion kommt: »Folglich kann das gegenwärtige Wiederaufleben von Mohammed ein Wiederaufleben des Gottes der Christen nach sich ziehen; das wird dann kein Gott der Liebe sein, sondern ein Gott der Schlachten«, so der israelische Militärexperte.

    Ebenso wie der Buddhismus und Hinduismus, so haben alle drei monotheistischen Religionen ihre Friedens- und Liebesbotschaften: »Schalom« – »Pax« – »as-Salam ‚alaykum« – »Der Friede sei mit Euch«. Ob jedoch mit diesem Gruß auch Andersgläubige gemeint sind, ist für einige Anhänger der jeweiligen Glaubensrichtung nicht immer selbstverständlich. Auch haben alle drei abrahamitischen Religionen – ebenso wie der Buddhismus und Hinduismus – ihre »Schwertverse«, die es den »Extremisten« unter ihnen Jahrhunderte lang erlaubt hat und noch immer erlaubt, »Kshatriya-Philosophien«, »Kshatriya-Leitbilder« und »Kshatriya-Organisationen« zu entwickeln. Immer wieder sind es die »Heiligen Texte« und die »Uralten Mythen«, aus denen die »Gotteskrieger« ihre Handlungen legitimieren:

    Im »Heiligen Buch« des Islam, dem Koran, und in den Hadiths lässt sich eine beachtliche Anzahl von Zitaten finden, die unmissverständlich zum »Heiligen Krieg« gegen die Ungläubigen aufrufen. Auch wenn der Islam als eine friedfertige Religion begonnen hat, so änderte sich das nach der Hidjra, der Auswanderung des Propheten nach Medina im Jahre 622 n. Chr. Mohammed nahm jetzt gegen seine Feinde, die ihn verfolgt, ihn seit Jahren gedemütigt und ihm den Zugang in die heilige Stadt Mekka verwehrt hatten, eine aggressive Haltung ein. Der erste militante Vers aus dieser Zeit findet sich in der 22. Sure des Korans: »Den Gläubigen wurde erlaubt, die Ungläubigen, welche sie ungerechterweise verfolgen, zu bekämpfen, und Allah ist wahrlich mächtig genug, ihnen beizustehen«, heißt es dort. (Sure 22: 40) Von nun an werden immer mehr kriegerische »Offenbarungen Allahs« in den Koran aufgenommen. Diese steigern sich dann bis zu der martialischen Auforderung, den totalen Krieg gegen alle Ungläubigen zu entfesseln, in dem berüchtigten »Schwertvers« aus der neunten Sure: »Sind aber die heiligen Monate, in welchen jeder Kampf verboten ist, verflossen, dann tötet die Götzenddiener, wo ihr sie auch finden möget; oder nehmt sie gefangen und belagert sie und lauert ihnen auf allen Wegen auf.« (Sure 9:5) Die Geschichte des Islam ist derart häufig von religiös begründeten Eroberungskriegen geprägt, dass man den Eindruck hat, dass in dieser Glaubensrichtung Religion und Krieg zu einer Einheit verschmelzen können. In der ganzen Welt gibt es heute wieder zahlreiche islamistische Gruppierungen, für die der Djihad zur ersten aller religiösen Pflichten geworden ist. Da mehrere davon mit exzessiver Gewalt den gesamten Westen angreifen, führen – zumindest seit den Ereignissen vom 11. September 2001 – einige glaubwürdige Kulturologen und Journalisten eine offene Debatte über die problematischen Textinhalte in den islamischen Schriften.

    Ausgehend von bestimmten, prägnanten Textstellen des Neuen Testaments müsste das Christentum eigentlich als die friedlichste aller monotheistischen Religionen angesehen werden. Die Bergpredigt und die Aufforderung »Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!« beinhalten bemerkenswerte humanistische Wertvorstellungen. Aber bedauerlicherweise ist auch in den »Heiligen Büchern« der Christen jener verhängnisvolle »Schwertspruch« zu finden, der Ritterorden, brutalen Kreuzzüglern, Konquistadoren, Inquisitoren, Katholiken wie Protestanten als »Kshatriya-Philosophie« gedient hat: »Glaubet nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert«, verkündet Christus seinen Anhängern (Matthäus 10: 34). Katastrophale Folgen in der Glaubensgeschichte des Christentums hatte insbesondere die Offenbarung des Johannes, in deren Name zahlreiche Religionskriege des Abendlandes bis hin zu den jüngsten Balkanmassakern geführt wurden. Das apokalyptische Szenario vom »Kampf des Guten gegen das Böse«, vom gewaltsamen »Untergang der alten verkommenen Welt«, von der »Vernichtung der Andersgläubigen« und der anschließenden Wiederauferstehung in einem »Tausendjährigen Reich« forderte Hekatomben von Toten im »Namen Gottes«. Auch in der Johannes-Offenbarung ist jener verhängnisvolle »Schwertvers« zu lesen: »Aus seinem Mund kam ein scharfes Schwert; mit ihm wird er die Völker schlagen«, heißt es dort von dem Reiter auf dem weißen Pferd, dessen Name Wort Gottes ist. »Und er herrscht über sie mit eisernem Szepter, und er tritt die Kelter des Weines, des rächenden Zornes Gottes, des Herrschers über die ganze Schöpfung.« (Ap. 19: 15)

    Wenn der zutiefst an christlichen Wertvorstellungen orientierte amerikanische Präsident George W. Bush seine aktuelle Antiterrorpolitik zu einem »Krieg der Guten gegen die Achse des Bösen« erklärt, dann gerät er verbal in gefährliche apokalyptische Fahrwasser, ganz besonders durch die Verwendung des Wortes »Kreuzzug«. Dennoch ist heute von den drei monotheistischen Religionen das Christentum am sichtbarsten bereit, mit Kritik umzugehen und sich einer öffentlichen Debatte über seine Religionsinhalte und über seine Geschichte zu stellen. In diesem Sinne sind die Entschuldigungen Papst Johannes Pauls II. für Formen des katholischen Fanatismus in der Vergangenheit menschlich und theologisch gesehen ein bemerkenswerter und würdevoller Akt, bei allen Vorbehalten, die man diesem Kirchenfürst gegenüber haben mag.

    Auch der jüdische Fundamentalismus beruft sich auf ein »Heiliges Buch«, das Alte Testament. Yahwe ist fürwahr kein mildtätiger Gott. »Auge um Auge, Zahn um Zahn« lautet der wohl berühmteste Rachespruch der Welt aus dem Buch Exodus (2. Moses 21, 24), der heute wesentlich die israelische Nahost-Politik unter Ariel Sharon mitbestimmt. Im Buch Josua steht geschrieben, wie Yahwe seinen »Schwertboten« sendet. Als sich Josua in der Nähe von Jericho aufhielt, »sah er plötzlich einen Mann mit einem gezückten Schwert vor sich stehen.« Auf seine Frage, wer er sei, antwortete der Fremde: »Ich bin der Anführer des Heeres des Herrn.« (Josua 5: 14) Zwar werden die Mauern Jerichos nicht durch Waffengewalt, sondern durch lautes »Kriegsgeschrei« und mit Hilfe der Bundeslade zum Einsturz gebracht. Aber danach beginnt ein abstoßendes Gemetzel: »Mit scharfem Schwert weihten sie [die Israeliten] alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel.« (Josua 6: 21) Auch bei der anschließenden Eroberung der Stadt Ai ließ Josua »seine Hand mit dem Sichelschwert nicht sinken, bis er alle Einwohner von Ai dem Untergang geweiht hatte« – »Es gab an jenem Tag insgesamt zwölftausend Gefallene, Männer und Frauen, alle Einwohner von Ai.« (Josua 8: 26/25) Zeloten, Makkabäer, Konvertiten – die aus den anderen Religionen bekannten Kriegszenarien von rivalisierenden religiösen Gruppen, »Gotteskriegern« und Suizid-Märtyrern (Massada) entdeckt man ebenfalls in der Historie Israels. »Schon seit den Königen David und Salomon strotzt die Geschichte der Israeliten von Krieg, Mord und Totschlag«, lesen wir am Ende des Jahres 2001 in einem Leitartikel des Nachrichtenmagazins Der Spiegel mit dem Titel »Der religiöse Wahn – Die Rückkehr des Mittelalters«.

    Der Terror jüdischer Fundamentalisten erreichte seinen vorläufigen Höhepunkt im Mord an Jizchak Rabin durch den Fanatiker Jigal Amin, der vorgab, in Namen Yahwes als Scharfrichter über den zum Friedensdialog bereiten Ex-General zu handeln. Militante Gruppen wie Gusch Emunim (»Block der Getreuen«) und Machteret (»Untergrund«) orientieren sich an einer aus dem Alten Testament abgeleiteten Kriegerphilosophie »mit Gewehr und Thora« in der Hand. Das Ziel dieser israelischen Fundamentalisten ist die Rückeroberung des gesamten »Heiligen Landes«, die Restauration des alten jüdischen Tempels auf dem Moira-Berg in Jerusalem und (in manchen Gruppen) die Errichtung eines theokratischen Großisraels (Erez Israel) – womöglich vom Mittelmeer bis zum Euphrat und Tigris. Dieser Eroberungsprozess soll das »Kommen des Messias« auslösen. Es ist eine Tatsache, dass solche religiös-fundamentalistischen Vorstellungen heute schon in der »Realpolitik« des Landes Einfluss gewonnen haben. Eingedenk der grauenhaften Vernichtungsstrategien der Nazis gegen das gesamte jüdische Volk stößt eine öffentliche und freimütige Debatte über die problematischen Religionsinhalte des Judentums hierzulande bedauerlicher- aber verständlicherweise auf größte Zurückhaltung.

    Fundamentalisten aus allen drei monotheistischen Religionen beschwören die »Rache Gottes« und träumen von einem Staatswesen, in dem ihr jeweiliger Gott das absolute Sagen hat. Das ist weitgehend bekannt. Dagegen hat sich der »liberale« Westen im Falle der östlichen Lehren, speziell des Buddhismus, der Illusion hingegeben, es handele sich hierbei um die friedlichste und menschenfreundlichste aller Weltreligionen. Selbst Atheisten und Agnostiker pflegen heute – bar jeglicher Geschichtskenntnis – die Buddha-Lehre als »sanfte Religion« den »aggressiven« monotheistischen Glaubensrichtungen gegenüber zustellen. So kann sich der Buddhismus im Schatten der drei abrahamitischen Bekenntnisse, die – zumindest aus der Sicht der Fundamentalisten und einiger laizistischer Kulturologen wie Samuel P. Huntington – in gegenseitige Kriege verwickelt sind, voll entfalten. Weitgehend unbehelligt bietet er sich unter hochgehaltener »Friedensflagge« weltweit als die bessere Alternative an.

    Aber der Buddhismus war und ist keineswegs nur eine »sanfte Religion«. Auch Der Spiegel, der ihm noch 1998 euphorisch »zweieinhalbtausend Jahre Friedfertigkeit« zugestand, hat jetzt seine Meinung geändert. Weit zurückhaltender heißt es in dem Politmagazin nach den Ereignissen vom 11. September 2001 und angesichts des Kaschmir-Konflikts: »Solcher [religiöser] Wahn, der sich meist in Gewalt gegen Andersdenkende austobt, grassiert selbst in so ›sanften‹ Religionen wie dem Hinduismus und dem Buddhismus.«

    Selbst wenn der Buddhismus nach dem Zweiten Weltkrieg (im Gegensatz zum Hinduismus) kaum als »Kriegerreligion« in Erscheinung getreten ist, so beinhaltet er doch zusammen mit der Bhagavadgita die klarsten, konsequentesten und »coolsten« ideologischen und praktischen Lehrsätze für eine postmoderne »Kshatriya-Philosophie«. Die aus den monotheistischen Religionen abgeleiteten »Krieger-Ideologien« sind allesamt »gefühlsbetont« und zielen auf eine militante »Heroisierung der Seele«. Dagegen lässt sich aus dem Buddhismus ein martialischer Existenzstil ableiten, der sich besonders gut mit der »emotionslosen« Welt des Faschismus kombinieren lässt. Ebenso bedrohlich ist seine mögliche Synthetisierung und Wahlverwandtschaft mit dem »seelenlosen« Universum von High-Tech-Systemen und Intelligenzmaschinen. Die buddhistische Auflösung des Ichs, die Leugnung einer Seele, die absolute Gefühlskontrolle, die zynischen Konsequenzen aus der Karmalehre, der Erleuchtungsweg jenseits von Gut und Böse, Vorstellungen von absoluter Macht und das Übermenschentum (Maha Siddha) aus dem tantrischen Buddhismus und dazu noch das magische Weltbild des Lamaismus – all das könnte attraktive Dogmen für eine weltweite »Kshatriya-Kultur« liefern. Ein ganzes Paket von sakralen Techniken ließe sich aus bestimmten Lehrinhalten der östlichen Religionen ableiten, die einen zunächst gewöhnlichen Soldaten in eine »heilige Tötungsmaschine« verwandeln könnten. Das ist auch der eigentliche Grund dafür, weshalb sich das SS-Ahnenerbe, der »SS-Mystizismus« und Julius Evola so nah an buddhistische Vorstellungen anzulehnen versuchten.

    Doch der »Kriegsbuddhismus« liefert nicht nur martialische Verhaltenscodices wie im Hagakure, dem Katechismus der Samurai-Krieger, sondern ebenso seine eigenen Welteroberungsvisionen wie im Shambhala-Mythos des Kalachakra-Tantra. Das Schlachtenbild der Shambhala-Prophezeiung reduziert den kommenden religiösen Weltenkrieg auf zwei Hauptgegner: Buddhisten und Moslems, den Shambhala-Krieger und den Mujahedin. Danach stehen sich in ca. 300 Jahren das »Schwert Allahs« und das »Schwert Buddhas« gegenüber, während das Christen- und Judentum als Glaubensbekenntnisse verschwunden sind. Solche Imaginationen sind angesichts der gegenwärtigen Weltenlage ein äußerst gefährliches, dualistisches Zukunftsszenario, welches hier im Westen durch die ständigen Aufführungen des Kalachakra-Rituals ideologisch und »magisch« verankert wird.

    Gehört die Zukunft der westlichen Welt den buddhistischen Shambhala-Kriegern?

    Jedenfalls lässt sich so eine Spekulation aus dem Science-Fiction-Film Krieg der Sterne rückschließen. Die in diesem Kassenschlager auftretenden Protagonisten sind allesamt Repräsentanten sakraler Kriegerclans. Es dürfte jedoch nur wenigen Besuchern und Besucherinnen aufgefallen sein, dass die in einigen Filmszenen benutzte Sakralsprache »Tibetisch« ist – ein weiteres Indiz dafür, wie tief sich der kriegerische Shambhala-Mythos schon Zugang in die Populärkultur des Westens verschafft hat.

    Die Abenteuer des in den östlichen Kriegskünsten geschulten »Kämpfers« dürfte neben dem »Liebesfilm« eines der häufigsten Genres der amerikanischen Filmindustrie sein und hat den »Western« weit hinter sich gelassen. Auch wenn diese Filmhelden meist als Verteidiger von Freiheit, Recht und Menschlichkeit auftreten, verherrlichen sie dennoch eine auf der totalen Gefühlskontrolle basierende Tötungskunst und gehen in fast allen Fällen davon aus, dass Konflikte nur durch Gewalt gelöst werden können. In Fernsehserien wie Nikita und Mortal Combat und in Erfolgsfilmen wie Die Matrix oder Ghost Dog werden die Gefühlskälte des Samurai und die innere Unbeteiligtheit des Shaolin-Kämpfers zu einem faszinierenden, eiskalten Stilmittel. Es ist leicht festzustellen, dass sich die populäre »Kriegertypologie« des Westens zunehmend an asiatischen Vorbildern orientiert, in denen Meditation und die Disziplin des Geistes ebensoviel zählen wie der Umgang mit der Waffe. So ist in Hollywood die imaginäre Bühne für den im Kalachakra-Tantra vorausgesagten Shambhala-Krieg schon vorbereitet: Nicht christliche »Kreuzzügler« oder jüdische »Makkabäer« bekämpfen auf der amerikanischen Filmbühne islamistische Terroristen, sondern in den asiatischen Kampfkünsten geschulte Geheimdienstagenten und Special Troops jagen fanatisierte muslimische Gotteskrieger und Suizid-Attentäter. Wenn es in der Zukunft des Westens zu einer »Kshatriya-Kultur« kommen sollte, dann wird sich diese nach östlichen Vorbildern und nach traditionellen asiatischen Texten wie dem Hagakure, der Bhagavadgita und dem Shambhala-Mythos richten.

    Anbetracht der »Kshatriya-Schriften« und »Kshatriya-Mythen« aus dem Osten erinnert man sich an einige Sätze Heinrich Heines, in denen er die gesellschaftlichen und politischen Explosionen voraussah, die hundert Jahre später im Dritten Reich Europa und die Welt verändern sollten. Eingedenk der deutschen Romantik und des deutschen Idealismus »erträumte« er damals, dass sich bestimmte deutsche Gedanken Zugang zur geschichtlichen Wirklichkeit verschaffen werden: »Lächelt nicht über meinen Rat, den Rat eines Träumers, der euch vor Kantianern, Fichteanern und Naturphilosophen warnt«, so Heine um das Jahr 1830. »Lächelt nicht über den Phantasten, der im Reiche der Erscheinungen dieselbe Revolution erwartet, die im Gebiete des Geistes stattgefunden. Der Gedanke geht der Tat voraus wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig, und kommt etwas langsam herbeigerollt; aber kommen wird er, und wenn Ihr es einst Krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht … Es wird ein Stück aufgeführt werden, wogegen die französische Revolution nur als eine harmlose Idylle erscheinen möchte.«

    Der deutsch-jüdische Dichter war der Ansicht, dass auf dem Gebiet der Gedanken, der Kunst und der Phantasie zuerst die »Schlachten« geschlagen werden, die sich dann später in der realen Welt als machtpolitische Kämpfe zeigen. Damit sich Heines Zukunftsvision im 21. Jahrhundert nicht noch einmal bewahrheitet, wo dann der »östliche« Donner, der langsam herbeigerollt kommt, zusammen mit dem Donner des internationalen Rechtsextremismus noch lauter kracht als der »deutsche« Donner im 20. Jahrhundert – damit das nicht passiert, ist eine offene und fundierte Kulturdebatte innerhalb und außerhalb der verschiedenen Religionen und Glaubensrichtungen, insbesondere aber eine freimütige und differenzierende Diskussion über die importierten asiatischen Religionsinhalte ein Gebot der Stunde.

    http://www.trimondi.de/H.Krieg/A-Hitler.htm
    Bei diesem Artikel handelt es sich um das Nachwort zu unserem Buch Hitler-Buddha-Krishna

  8. „Lieber Freund“: Das schrieb Gandhi 1939 an Hitler permalink
    26. Dezember 2014 17:33

    „Lieber Freund“, schrieb Gandhi an Hitler, „Bekannte haben mich gedrängt, Sie im Namen der Menschlichkeit anzuschreiben. Lange bin ich dieser Bitte nicht nachgekommen, weil ich glaubte, ein Brief von mir könnte als anmaßend empfunden werden.“ Naiv mutet das Schreiben an, das der Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, berühmte Ikone der Gewaltlosigkeit, im Juli 1939 an den Nazi-Diktator richtete und in dem er Hitler beschwor, keinen Krieg anzuzetteln.

    Wenige Wochen später begann der Zweite Weltkrieg. Zu finden ist Gandhis Brief in dem prächtigen Band „Letters of Note – Briefe, die die Welt bedeuten“, in dem Herausgeber Shaun Usher 125 ungewöhnliche Briefe gesammelt hat – Korrespondenz von Persönlichkeiten der Weltgeschichte ebenso wie von ganz normalen Menschen.

    http://www.focus.de/kultur/buecher/buch-praesentiert-historische-briefwechsel-lieber-freund-das-schrieb-ghandi-1939-an-hitler_id_4331110.html

    ———————————————————————————————
    Dear friend,

    Friends have been urging me to write to you for the sake of humanity. But I have resisted their request, because of the feeling that any letter from me would be impertinence. Something tells me that I must not calculate and that I must make my appeal for whatever it may be worth. It is quite clear that you are today the one person in the world who can prevent a war which may reduce humanity to the savage state. Must you pay that price for an object however worthy it may appear to you to be? Will you listen to the appeal of one who has deliberately shunned the method of war not without considerable success? I anticipate your forgiveness, if I have erred in writing to you.

    I remain,

    Your sincere friend,
    M. K Gandhi.

  9. Mahatma Gandhi zur Situation der Juden 1938 permalink
    26. Dezember 2014 17:48

    Oft gefragt, ob er auch den verfolgten Juden in Deutschland seine Methode der gewaltlosen Nichtzusammenarbeit
    empfehlen würde, antwortete Gandhi im Herbst 1938 nach der „Kristallnacht“:

    „Die deutsche Verfolgung der Juden scheint in
    der Geschichte keine Parallele zu haben. Die
    Tyrannen des Altertums waren nie so von Sinnen
    wie Hitler. Wenn jemals ein Krieg im Namen der
    Menschlichkeit und für diese gerechtfertigt sein
    könnte, dann wäre es ein Krieg gegen Deutschland,
    um die wüste Vernichtung einer ganzen
    Rasse zu verhindern. Aber ich glaube nicht an
    Krieg…

    Können die Juden dieser schamlosen und organisierten
    Verfolgung widerstehen? Wenn ich Jude
    und in Deutschland geboren wäre und dort meinen
    Lebensunterhalt verdiente, dann würde ich
    Deutschland genau wie der größte Heide als
    meine Heimat beanspruchen und ihn herausfordern,
    mich zu erschießen oder ins Zuchthaus zu
    sperren. Hierbei würde ich nicht warten, bis meine
    jüdischen Brüder sich mir im zivilen Widerstand
    anschließen, sondern ich würde das feste Vertrauen
    haben, dass schließlich alle meinem Beispiele
    folgten. Würde ein Jude oder würden alle
    Juden diesem Vorschlag zustimmen, dann würde
    es ihm oder ihnen nicht schlechter gehen als jetzt.
    Die ausgeklügelte Gewalttätigkeit Hitlers würde
    vielleicht eine solche Erklärung durch ein allgemeines
    Massaker der Juden beantworten. Aber
    sollte sich der jüdische Geist auf ein freiwilliges
    Opfer vorbereiten, dann könnte sogar das Massaker
    in einen Tag des Dankes gewandelt werden
    dafür, dass Gott die Rasse aus den Klauen des
    Tyrannen befreit hat. Für den Gottesfürchtigen hat
    der Tod keinen Schrecken.

    Die Juden Deutschlands können Satyagraha
    unter weit besseren Auspizien durchführen als die
    Inder in Südafrika. Die Juden bilden in Deutschland
    eine kompakte homogene Masse. Sie sind
    viel begabter als die Inder in Südafrika. Und sie
    haben die organisierte Weltmeinung hinter sich…
    Was heute entwürdigende Menschenjagd geworden
    ist, kann in eine ruhige und entschlossene
    Haltung umgewandelt werden, wie sie unbewaffnete
    Männer und Frauen einnehmen, welche die
    Kraft des Leidens besitzen.“

    AUS DEM NACHWORT DER AUTOBIOGRAPHIE

    http://www.kleine-spirituelle-seite.de/tl_files/template/pdf/gandhi_zur_situation_der_juden-1938.pdf

  10. Weihnachtsbrief von Mahatma Gandhi an Adolf Hitler 1940 permalink
    26. Dezember 2014 17:51

    Weihnachtsbrief von Mahatma Gandhi an Adolf Hitler

    Mein Lieber Freund!
    Dass ich Sie mit Freund anrede ist keine Förmlichkeit.
    Ich habe keine Feinde. Meine Lebensaufgabe
    bestand während 33 Jahren darin, um die
    Freundschaft der gesamten Menschheit zu werben
    und alle Menschen miteinander zu befreunden,
    ohne Unterschied der Rasse, der Farbe und
    des Glaubens.

    Wir bezweifeln durchaus nicht Ihre Unerschrockenheit
    und Ihre Liebe zu Ihrem Vaterland. Auch
    glauben wir nicht, dass Sie das Ungeheuer sind,
    als das Ihre Gegner Sie hinstellen. Aber Ihre
    eigenen Schriften und Reden sowie diejenigen
    Ihrer Freunde und Bewunderer lassen keinen
    Zweifel darüber, dass viele Ihrer Handlungen
    widernatürlich sind und nicht der menschlichen
    Würde entsprechen. Besonders Menschen wie
    ich, die an eine allgemeine Verbrüderung der
    Menschheit glauben, denken so. Ich habe dabei
    die Demütigung der Tschechoslowakei, den Raub
    Polens und die Verschlingung Dänemarks im
    Auge. Ich weiß wohl, dass nach Ihrer Auffassung
    derartige Gewalttaten lobenswerte Handlungen
    darstellen. Wir dagegen haben von Kind auf
    gelernt, sie als die Würde der Menschheit verletzend
    anzusehen. Daher können wir auch Ihren
    Waffen nicht den Sieg wünschen.

    Und dabei befinden wir uns in einer ganz ähnlichen
    Lage wie Sie. Unsere Empörung gegen die
    britische Herrschaft ist eine unbewaffnete. Aber
    ganz gleich, ob wir die Engländer bekehren oder
    nicht, wir sind fest entschlossen, ihrer Herrschaft
    ein Ende zu machen durch gewaltlose Nichtmitarbeit.
    Das ist eine Methode, die in ihrer Art unbesiegbar
    ist. Sie beruht auf dem Wissen, dass kein
    Eroberer sein Ziel erreichen kann, ohne ein gewisses
    Maß freiwilliger oder erzwungener Mitarbeit
    seitens des Opfers.

    In der Absage an die Gewalt haben wir eine
    Kraft ausfindig gemacht, die, wenn sie organisiert
    ist, der Vereinigung selbst der stärksten Gewalt
    der Welt zweifellos widerstehen kann. Bei der
    gewaltlosen Technik, wie ich sie bezeichne, gibt
    es nicht so etwas wie Niederlage. Es geht dabei
    um Sein oder Nichtsein ohne Töten und Verwunden.
    Sie kann praktisch ohne alles Geld ausgeübt
    werden und ohne jede Hilfe durch die Wissenschaft
    der Zerstörung, die Sie zu solcher Vollendung
    gebracht haben. Deshalb beschwöre ich sie
    im Namen der Menschlichkeit: „Halten Sie ein mit
    dem Krieg!“ Sie werden dadurch nichts aufgeben,
    wenn Sie alle Zwistigkeiten zwischen Ihnen und
    Großbritannien einem unter Ihrer Mitwirkung
    zusammengesetzten internationalen Gerichtshof
    vorlegen. Dadurch, dass Sie im Krieg Erfolge
    erzielen, haben Sie noch nicht bewiesen, dass Sie
    auch im Recht sind.

    AUSZUG AUS DEM ZWEITEN BRIEF
    24. DEZEMBER 1940

    http://www.kleine-spirituelle-seite.de/tl_files/template/pdf/weihnachtsbrief_gandhi_an_hitler.pdf

  11. Gandhiismus --- Der totalitäre Pazifismus permalink
    26. Dezember 2014 18:21

    Der totalitäre Pazifismus

    Der personifizierte Pazifismus

    Es gibt kaum eine andere Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts, die mehr bewundert wird als Mohandas Karachmand Gandhi, genannt “Mahatma”. In einer Umfrage des Magazins “Time” landete Gandhi nach Einstein und Roosevelt auf Platz 3 der bedeutendsten Personen des 20. Jahrhunderts, und der Dalai Lama, Lech Walesa, Martin Luther King, Cesar Chavez, Aung San Suu Kyi, Benigno Aquino Jr., Desmond Tutu und Nelson Mandela wurden als die “Kinder Gandhis” bezeichnet. Ein Oscar-gekrönter Hollywood-Film mit Ben Kingsley in der Hauptrolle setzte ihm ein weiteres Denkmal.

    Allerdings ist Gandhi wohl die auch am meisten missverstandene Persönlichkeit des vergangenen Jahrhunderts. Kaum einer weiß wirklich was über Gandhis Philosophie, nicht mal die Inder, obwohl kaum ein Monat vergeht, indem dort eine Gandhi-Statue eingeweiht wird oder ein Politiker ihn in seinen Reden erwähnt. Viele Zitate, die angeblich von Gandhi stammen, sind nicht belegt, so auch das bekannteste und unablässig wiederholte “Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.”

    Die Menschheit kann froh sein, dass Gandhi nie der Herrscher eines freien Landes war, das von einer faschistischen Diktatur angegriffen wurde. Seine pazifistische Einstellung war totalitär, er forderte bedingungslose Opferbereitschaft und lehnte jede Form von Gewalt, auch die zur Selbstverteidigung, ab. Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass die westliche Zivilisation zerstört worden und der Faschismus gesiegt hätte, wenn Gandhi an der Stelle von Churchill oder Roosevelt gestanden hätte.

    Gandhis Philosophie

    Die Philosophie von Gandhi hatte zwei Grundpfeiler: Wahrheit (Satyagraha) und Gewaltlosigkeit (Ahimsa). Gewaltlosigkeit unterbreche die Gewaltspirale und ist in der Lage, “den Gegner auf die eigene Seite zu ziehen”, da “der Appell an Herz und Gewissen des Gegners effektiver ist als ein Appell, der sich auf Drohungen oder Gewalt stützt” und sei “keine Waffe der Schwachen, sondern eine Waffe der geistig Stärksten.” Gewalt führe immer zu Gegengewalt und sei deshalb keine Lösung. Gandhi sah seine Lehren jedoch nicht als eine eigenständige Philosophie an. Gewaltlosigkeit und Wahrheit seien nicht von ihm als Erstes gepredigt worden, betonte er.

    Hätten Gandhis Methoden in jeder Diktatur funktionieren können? Der Untergang des Kommunismus in Osteuropa, das Ende der Apartheid in Südafrika, die Farbenrevolutionen des 21. Jahrhunderts oder auch die Unabhängigkeit Indiens scheinen Gandhi Recht zu geben. Aber hätte es wirklich bei jedem Regime funktionieren können, so z.B. auch bei den Nazis? Dazu muss man wissen, dass Hitler sich selbst über Gandhis Methoden geäußert hat. Er riet den Briten in einem Treffen mit Lord Halifax im Jahr 1937:

    Erschießt Gandhi- und wenn das nicht ausreicht um sie zur Unterwerfung zu zwingen, erschießt ein Dutzend führende Mitglieder des Kongress; und wenn das nicht ausreicht, erschießt 200 und so weiter bis die Ordnung wiederhergestellt ist. Ihr werdet sehen wie schnell sie aufgeben werden, wenn ihr klarmacht, dass ihr es ernst meint.

    (Quelle)

    Klare Worte. Trotzdem gibt es einige Personen, die glauben, dass der Zweite Weltkrieg und der Holocaust hätten verhindert werden können, wenn die Deutschen sich Gandhis Methoden angeeignet hätten. Johan Galtung will sogar ein Beispiel im Dritten Reich gefunden haben, in dem passiver Widerstand gegen die Machthaber erfolgreich war. Der Politologe Ekkehart Krippendorff nahm einen Aufsatz über Mahatma Gandhi und Martin Buber zum Anlass, um seine These darzulegen, dass das Dritte Reich zerbrochen wäre, wenn die Juden passiven Widerstand gegen die Nazis geleistet hätten:

    Man stelle sich dieses Szenario vor: Kein deutscher Jude folgt den diskriminierenden Anordnungen der deutschen Behörden (Judenstern, getrennte Parkbänke, beschränkte Einkaufszeiten usw.) – wären sie gegenüber Hunderttausenden durchsetzbar gewesen? Man stelle sich vor, kein deutscher Jude wäre Befehlen gefolgt, sich zu Sammelplätzen einzufinden – einige Dutzend, einige hundert, vielleicht auch einige zehntausend hätte die deutsche Polizei einzeln (passiver Widerstand!) aus ihren Wohnungen gezerrt und auf Lastwagen verladen; aber Hunderttausende? …

    Oder man stelle sich vor, die Kolonnen der Hunderte und Tausende auf dem Weg zu den Güterbahnhöfen hätten sich schlicht hingesetzt, ,Sitzstreik” nennen wir das heute – hätten Polizei, SA, Wehrmacht und SS es gewagt, im Angesicht aller deutschen Zuschauer diese Menschen jeden Alters und Geschlechts zusammenzuschlagen und sie Körper für Körper, widerstandslos und doch mächtig, auf Lastwagen zu verfrachten? … Die Spekulation ist zumindest legitim, sich zu fragen, ob das Regime nicht an einem solchen massiven passiven Widerstand selbst zerbrochen wäre.

    (Quelle)

    Es kann sein, dass ziviler Ungehorsam einem diktatorischen Regime Schaden zufügen kann. Aber völlige Gewaltlosigkeit ist nicht in der Lage, ein Regime zu stürzen, dass mit Gewalt gegen seine Gegner vorgeht. Nehmen wir an, Soldaten beginnen, sich dem zivilen Ungehorsam anzuschließen und desertieren. Dies geht immer so weiter, bis eines Tages die Hälfte der Armee oder sogar mehr dem Regime nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Soldaten würden jedoch ihrerseits nicht Gewalt anwenden, sondern ebenfalls mit friedlichen Mitteln gegen das Regime kämpfen.

    Das bedeutet, dass solange das Regime auch nur einen Soldaten übrig hat, dieser auf jeden Demonstranten schießen könnte, ohne auf Gegenwehr zu stoßen. Irgendwann hätten die Menschen verständlicherweise so viel Angst um ihr Leben und dass ihrer Familie, dass sie mit dem Demonstrieren aufhören würden. Es wäre verantwortungslos zu fordern, dass sie sich weiter erschießen lassen sollten, ohne Gegenwehr zu leisten (das ist aber genau das, was Gandhi fordert). Wenn eine Seite nicht bereit ist, Gewalt anzuwenden, bedeutet dass, das die Seite, die Gewalt anwendet, immer die Oberhand behalten wird.

    George Orwell sagte 1949 in seinem Essay “Reflections on Gandhi”:

    … es gibt Grund anzunehmen dass Gandhi … das Wesen des Totalitarismus nicht verstanden hat und alles in Bezug auf seinen eigenen Kampf gegen die britische Regierung sah. … Er glaubte daran, “die Welt aufrütteln” zu können, was nur möglich ist, wenn die Welt die Möglichkeit bekommt zu erfahren was du tust. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass Gandhis Methoden in einem Land angewandt werden könnten, in dem Regierungskritiker mitten in der Nacht verschwinden und von denen nie wieder was gehört wird.

    Ohne eine freie Presse und dem Recht auf Versammlungsfreiheit ist es unmöglich, einen Aufruf an die Öffentlichkeit zu starten, eine Massenbewegung voranzubringen oder deinem Gegner dein Vorhaben wissen zu lassen. Gibt es zurzeit einen Gandhi in Russland?

    (Quelle)

    Orwell hatte für Pazifisten nur Verachtung übrig. So sagte er bereits 1941: “Da Pazifisten mehr Handlungsfreiheit in Ländern haben, in denen Ansätze der Demokratie bestehen, können Pazifisten effektiver gegen die Demokratie wirken als für sie. Objektiv betrachtet ist der Pazifist pro-nazistisch.” Der Untergang des Kommunismus in Osteuropa oder das Ende der Apartheid in Südafrika waren nur möglich, weil die Herrscher nicht entschlossen genug waren, die Volksbewegungen mit allen möglichen Mitteln niederzuschlagen. Wären statt Gorbatschow und de Klerk echte Hardliner an der Macht gewesen, hätten friedliche Mittel nichts genützt.

    Gandhi und der Zweite Weltkrieg

    Gandhis Ansichten zum Zweiten Weltkrieg sind kaum bekannt. Wahrscheinlich würden sie seinen guten Ruf beschädigen, da er aufgrund seiner pazifistischen Ansichten teilweise völlig verrückte Pläne vorschlug, die, wenn man sie angewandt hätte, zu einem Sieg des Faschismus und einen noch umfassenderen Völkermord in Europa geführt hätten. Dabei erkannte Gandhi Hitlers Totalitarismus an. Er war jedoch trotzdem der Ansicht, dass ein Krieg gegen ihn keine Lösung wäre, so schrieb er 1938:

    … die Verfolgung der Juden in Deutschland scheint in der Geschichte beispiellos zu sein. Die alten Tyrannen sind nie so wahnsinnig geworden wie es bei Hitler der Fall zu sein scheint. Und er tut es mit religiösem Eifer. … Wenn es jemals einen gerechten Krieg im Namen und für die Menschlichkeit geben könnte, wäre es ein Krieg gegen Deutschland, um die willkürliche Verfolgung einer ganzen Rasse zu verhindern. Aber ich glaube an keinen Krieg. Eine Diskussion über das Pro und Contra eines solchen Krieges liegt daher außerhalb meines Horizonts oder meines Tätigkeitsgebiets.

    (Quelle)

    Er änderte auch seine Meinung nicht, nachdem der Krieg ausgebrochen war. Bevor Hitler die Sowjetunion überfiel, hatte er sogar die Ansicht, dass Hitler doch gar nicht so schlecht sei, da er seine Kriege immerhin “schnell” gewinnen würde, und schrieb im Jahr 1940 sogar persönlich einen Brief an Hitler. Da die Briten nicht vorhatten, mit passivem Widerstand gegen Hitler zu kämpfen, zogen sie den Zorn Gandhis auf sich. Deshalb schrieb Gandhi einen weiteren Brief, der diesmal an die “gesamte britische Nation” gerichtet war, indem er die Briten im aggressiven Ton aufforderte, kollektiven Selbstmord zu begehen:

    Ich möchte nicht, dass Britannien besiegt wird, noch will ich, dass sie in diesem rohen Kräftemessen … siegreich sind. … Ich will dass ihr den Nazismus ohne Waffen, oder, um die militärische Terminologie beizubehalten, mit nicht-gewalttätigen Waffen bekämpft. Ich würde mir wünschen, dass ihr die Waffen, die ihr habt, niederlegt, da sie nutzlos sind, um euch oder die Menschheit zu retten. Ihr werdet Herrn Hitler und Signor Mussolini einladen, damit sie in den Ländern, die ihr eure Besitzungen nennt, bekommen was sie wollen.

    Lasst sie in Besitz eurer schönen Insel kommen, mit euren vielen schönen Gebäuden. Ihr werdet all dies aufgeben, nur eure Seelen und eure Gedanken nicht. Wenn diese Herren sich entscheiden, eure Häuser zu besetzen, werdet ihr diese verlassen. Wenn sie euch keine freie Durchfahrt geben, werdet ihr euch selbst, Mann, Frau und Kind, erlauben, abgeschlachtet zu werden, aber ihr werdet euch weigern, ihnen Gefolgschaft zu leisten.

    (Quelle)

    Nachdem der Krieg vorbei war und er vom Holocaust erfuhr, sagte er folgendes über die Juden:

    Hitler tötete fünf Millionen Juden. Es ist das größte Verbrechen unserer Zeit. Aber die Juden hätten sich selbst dem Messer des Schlächters ausliefern sollen. Sie hätten sich selbst von den Klippen ins Meer werfen sollen. So wie die Lage ist, sind sie sowieso zu Millionen unterlegen.

    (Quelle)

    Gandhis Ansichten kann man nicht anders bezeichnen als masochistischen, totalitären Pazifismus. Eine ähnliche Einstellung hatten die frühchristlichen Märtyrer, die es regelrecht genossen, auf schlimmste Weise gefoltert zu werden. Der totalitäre Pazifismus erklärt jegliche Gewalt für moralisch falsch und fordert völlige Opferbereitschaft. Die Menschen sollen sich alle erschießen lassen, bis die Mörder irgendwann Mitgefühl bekommen, keine Munition mehr haben oder keine Menschen mehr da sind, die man erschießen kann. Die andere Möglichkeit- bewaffneter Widerstand- wird grundsätzlich abgelehnt. Lieber soll man sein Leben opfern als sich mit Gewalt zu verteidigen.

    Gandhi und die indische Unabhängigkeit

    In der Geschichtsschreibung gilt Gandhi als der “Befreier Indiens”. Er hatte gewiss einen großen Anteil daran, die britischen Kolonialherren zu schwächen und war gemeinsam mit Jawaharlal Nehru und dem Nazi-Kollaborateur Subhash Chandra Bose einer der führenden Personen der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Allerdings hatten die Briten während der Zwischenkriegszeit die Erfahrung gemacht, dass Kolonien mehr kosten als sie einbringen, und in den britischen Kolonien wurde die Verwaltung immer weiter an Einheimische abgegeben und einige “Dominions” bekamen de facto die Unabhängigkeit geschenkt.

    Die Briten waren also gar nicht wirklich daran interessiert, Indien länger als Kolonie zu behalten. Wäre es anders gewesen, wäre Gandhi wohl deutlich früher gestorben. Matthias Eberling urteilte über Gandhis Rolle für die Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien:

    Eine totalitäre Diktatur hätte eine zarte Figur im Lendenschurz wie ihn einfach zerbrochen und ausgelöscht. Aber in einer Demokratie mit einer kritischen Presse- und wenn sie auch eine rassistische, imperialistische Klassengesellschaft wie das Britische Empire war- konnte dieser stete Tropfen des gewaltfreien Widerstands jedoch letztlich das Joch der englischen Kolonialherrschaft brüchig werden lassen.

    (Quelle)

    Die Hindu- und Muslimverbände beschlossen kurz vor dem Ende der britischen Herrschaft, dass Indien in einen hinduistischen und einen muslimischen Teil geteilt werden sollte. Gandhi protestierte gegen diese Entscheidung. “Teilen sie mich entzwei, aber teilen sie Indien nicht entzwei”, sagte er zu den politischen Verantwortlichen. Doch sein Appell konnte den Gang der Geschichte nicht aufhalten. Nach der Teilung Indiens begannen Muslime und Hindus, sich gegenseitig zu vertreiben und abzuschlachten. Bei diesem Blutbad starben eine halbe Million Menschen, Millionen wurden vertrieben.

    Es ist bezeichnend, dass Gandhis Methoden zwar erfolgreich im Kampf gegen die Kolonialverwaltung eines demokratischen Landes wie Großbritannien waren, aber die Massaker von religiösen Fanatikern im eigenen Land nicht verhindern konnten. Gandhi tat wenig bis gar nichts Nützliches, um dem Morden Einhalt zu gebieten. In den Tagen nach der Unabhängigkeit Indiens “floss mehr Blut als Regen”, wie ein britischer Kommentator anmerkte (in dem Hollywood-Film über Gandhi spielen diese Massaker übrigens keine Rolle). Nicht nur, dass er nichts gegen die Massaker unternahm- Gandhi äußerte sich sogar verächtlich über die Flüchtlinge, die ihrem tödlichen Schicksal entgehen wollten:

    Ich bin betrübt zu erfahren, dass Menschen aus dem Westen Punjabs fliehen und mir wird gesagt, dass Lahore von Nicht-Muslimen evakuiert wird. Ich muss sagen, dass dies nicht so ist, wie es sein sollte. Wenn ihr glaubt, dass Lahore tot oder am Sterben ist, rennt nicht davon, sondern stirbt mit dem, was ihr für das sterbende Lahore haltet. …

    Ich würde den Hindus sagen, dass sie dem Tod fröhlich entgegensehen sollen, wenn die Muslime darauf aus sind, sie zu töten. Ich wäre ein wahrer Sünder, wenn ich mir, sollte man mich erstechen, in meinem letzten Augenblick wünschen würde, dass mein Sohn Rache nimmt. Ich muss ohne Hass sterben. … Ihr mögt euch umdrehen und fragen, ob alle Hindus und Sikhs sterben sollten. Ja, würde ich sagen. So ein Martyrium wird nicht vergebens sein.

    (Quelle)

    Gandhis Antimodernismus

    Wenn Gandhi heute leben würde, wäre er wahrscheinlich nicht sehr stolz auf Indien (obwohl die Inder ihn abgöttisch verehren). Denn obwohl große Teile Indiens noch immer bettelarm sind, haben die Inder dennoch die moderne Technik begrüßt, was Gandhi, der das einfache, bäuerliche Leben idealisierte, ablehnte. Er war ein Kulturpessimist und klagte die sieben Todsünden unserer Zeit an, die nach Gandhi “Reichtum ohne Arbeit, Genuss ohne Gewissen, Wissen ohne Charakter, Geschäft ohne Moral, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Religion ohne Opferbereitschaft und Politik ohne Prinzipien” seien.

    Gandhi äußerte sogar, dass es ihn nicht stören würde, wenn die Briten in Indien bleiben und es beherrschen würden, wenn sie nur ihre Fabriken, Eisenbahnen, Telegraphen und Radios wegschaffen würden. Indiens Rettung könne nur dann gelingen, so Gandhi, wenn die Inder “alles verlernen: Eisenbahnen, Telegraphen, Krankenhäuser, Advokaten, Doktoren, all dies muss verschwinden; und die so genannten besseren Kreise müssen bewusst, gläubig und gezielt das einfache Bauernleben lernen, im Wissen, dass dieses Leben das wahre Glück bringt.” Auch wollte er das hinduistische Kastensystem nicht abschaffen, sondern lediglich reformieren.

    Noch zu Lebzeiten erkannte Gandhi, dass die Inder seinen Lehren nicht gefolgt sind. Er räumte ein: “Ich weiß, Indien ist nicht mehr auf meiner Seite. Ich habe nicht genug Inder von der Wahrheit der Gewaltlosigkeit überzeugt.” Über die vermeintliche Gewaltlosigkeit der Inder merkte er treffenderweise an: “Wir haben die Gewaltlosigkeit nicht aus Überzeugung eingesetzt, sondern aus Hilflosigkeit. Hätten wir die Atombombe gehabt, hätten wir sie gegen die Briten eingesetzt.” Heute ist Gandhi nur noch eine weltweite Marke, die von jedem gebraucht werden kann, der in einer Stammtischrunde ein schönes Zitat loslassen will.

    https://arprin.wordpress.com/2012/10/11/der-totalitare-pazifismus

  12. 27. Dezember 2014 00:22

    FAU-Ballermann-äh-frau 2014: BakuninsGeist – GEWALT IST DIE SPRACHE DER SCHWACHEN (Gandhi)

    Kostprobe

    • Passt doch permalink
      28. Dezember 2014 11:56

      Gandhi: “Wir haben die Gewaltlosigkeit nicht aus Überzeugung eingesetzt, sondern aus Hilflosigkeit. Hätten wir die Atombombe gehabt, hätten wir sie gegen die Briten eingesetzt.”

  13. 27. Dezember 2014 00:54

    die schockiert entstandene „Gegenposition“ in der GWR. War ja zu erwarten :-)))
    http://www.graswurzel.net/393/roy.php
    war ja sooo klar, dass diese fraktion ihre ideologische
    „sitzblockadenwart“- mentalität mit zähnen und klauen verteidigt, und damit den gandhi, der beileibe eins nicht angetastet hat – den
    Kapitalismus! im Gegenteil- er war der, der mit Eliten verhandelt hat, wo andere kämpften, und hinterher blieb es bei Privulegien- und Kasten.
    es lohnt sich doch, für einige- noch mal zu lesen, warum Gewaltlosigkeit den Staat beschützt ( Peter Gelderloos z. B.)
    Horizontales Kastensystem? Was zum Henker haben die denn geraucht?…

    • Peter Gelderloos ~ How Nonviolence Protects the State & Anarchy Works ~ Examples of Anarchist Ideas in Practice permalink
      27. Dezember 2014 14:33

      How Nonviolence Protects the State, Peter Gelderloos Interview

      Peter Gelderloos : Anarchy Works ~ Examples of Anarchist Ideas in Practice
      Taschenbuch, 206 S., Active Distribution & Sto Citas (2014) — 6,35 €

      This book takes examples from around the world, picking through history and anthropology, showing that people have, in different ways and at different times, demonstrated mutual aid, self-organization, autonomy, horizontal decision making, and so forth — the principles that anarchy is founded on — regardless of whether they called themselves anarchists or not. Too well documented to be strictly mythology, and too expansive to be strictly anthropology, this is an inspiring answer to the people who say that anarchists are utopian: a point-by-point introduction to how anarchy can and has actually worked.
      http://www.black-mosquito.org/index.php/peter-gelderloos-anarchy-works.html

  14. subcomandante marcus permalink
    27. Dezember 2014 01:25

    Es steht sicher fest, dass Gandhi kein Gottgesandter sondern ein Mensch mit allen Fehlern wie wir selber war. Für mich wird hier kein Heiliger demontiert, weil ich ihn nie so gesehen habe. Das Gute, was er unbestreitbar getan hat, gilt es weiter zu würdigen, und für das Schlechte sollte er auch weiterhin kritisiert werden dürfen, was denn sonst?

    AnarchistInnen brauchen keine Ikonen.

    Uneingeschränkter Pazifismus ist gebau so blöde wie ewige Militanz. Ich finde es schöner wenn mein Feind stirbt als ich, und wer das als Ultrapazifist anders sieht hat seinen Tod wohl verdient. Unter einer Übermacht von Durchgeknallten sehe ich Gandhi trotzdem eher als einen denkenden Nicht-Mitläufer an, und es bleibt weiterhin jedem/jeder freigestellt das besser zu machen als der.

    Ich warte.

  15. Kritik an Gandhi ~ Der Preis der "indischen Ideologie" permalink
    29. Dezember 2014 13:21

    Kritik an Gandhi ~ Der Preis der „indischen Ideologie“

    Von Sabina Matthay

    Säkulare Demokratie und hinduistischen Chauvinismus sind zwei Pole, zwischen denen das Bild Indiens changiert. Der Westen bevorzugt die Metapher der „größten Demokratie der Welt“. Der britische Historiker Perry Anderson übt in seinem neuesten Werk scharfe Kritik am modernen Indien und vor allem am Nationalhelden Mahatma Gandhi.

    Kurz und streitbar ist diese Betrachtung der jüngeren indischen Geschichte. Perry Anderson rechnet ab mit dem heute beliebten Klischee, dass Indien ein glänzendes Beispiel für Demokratie, Säkularisierung und Einheit sei. Zugleich ist sein Buch ein Angriff auf die vorherrschende Ansicht des liberalen intellektuellen Indiens. Hier nämlich wird vor allem die „Indische Ideologie“ propagiert, die dem rasanten Aufschwung des diktatorisch regierten Chinas unbedingt eine postkoloniale liberale Erfolgsgeschichte entgegensetzen möchte. Das Indien der Gegenwart, hält Perry Anderson dagegen, wird dem Bild von der größten, vielfältigsten, säkularen Demokratie keineswegs gerecht, nach seiner Analyse ist das Land einem hinduistischen Chauvinismus verhaftet, der sich in religiös ausgerichteten Parteien und im Festhalten an einem vorsintflutlichen Kastenwesen manifestiert.

    „Welchen Preis hat man für die Einheit der Nation entrichtet? Die indische Ideologie – ein nationalistischer Diskurs in einer Zeit ohne nationalen Befreiungskampf gegen einen äußeren Gegner, einer Zeit, da die weiterhin existierende Unterdrückung eine innere ist – vermeidet und verdunkelt derartige Fragen.“
    Gandhi – ein Autokrat

    Diese Verwerfungen führt der marxistische Historiker auf die Entstehung des modernen indischen Staates zurück. In drei Kapiteln, die zuerst als Essays in der „Times Literary Review“ erschienen sind, setzt Anderson sich mit der Geschichte Indiens seit der Unabhängigkeit 1947 auseinander und mit den Persönlichkeiten, die sie prägten. Das ist eine ätzende Entlarvung der Kongresspartei und ihrer Ikonen der Unabhängigkeitsbewegung, allen voran Mohandas Karamchand Gandhi und Jawaharlal Nehru. Gandhi beschreibt der Autor als selbstherrlichen Autokraten, der sich zunächst gegen die Unabhängigkeit stemmte, dessen viel gerühmte Taktik des gewaltlosen Widerstands heuchlerisch war und der seine besondere Form der Religion über die Politik stellte.

    „Sein religiöser Glaube an sich selbst war felsenfest, von keinem Zweifel oder Einspruch bedroht, und dieser Glaube garantierte, dass am Ende alles, was er sagte, und sei es anscheinend noch so widersprüchlich, eine einzige monolithische Wahrheit bildete, wie die diversen Worte Gottes.“

    Den Hinduismus betrachtete Gandhi demnach als essenziell indisch, den Islam dagegen, den Eroberer vor Jahrhunderten nach Indien getragen hatten, als fremd. Das hinderte ihn Anderson zufolge aber nicht daran, die Muslime zu instrumentalisieren, wenn es ihm passte. Perry Anderson stellt dar, dass der Einsatz für soziale Gerechtigkeit, der Klassenkampf gar, der „Großen Seele“ ein Graus war. Am Kastenwesen rüttelte der Mahatma nicht. Gandhi drohte sich gar zu Tode zu fasten, um Unberührbaren eigene Wahllisten zu verweigern, weil sonst die zahlenmäßige Überlegenheit der Hindus gegenüber den Muslimen gefährdet gewesen wäre. Auch Jawaharlal Nehru, Indiens ersten Premierminister, entzaubert Anderson. Der andere Säulenheilige der indischen Nation – ein mittelmäßig gebildeter Snob der Oberschicht, ohne echte eigene Ideen, der Gandhi in kindhafter Abhängigkeit verbunden war.

    „Solange er im Umkreis der Kongresspartei agierte, konnte Gandhi darauf zählen, dass Nehru ihm nie den politischen Widerspruch eines erwachsenen Mannes entgegensetzen würde, während Nehru umgekehrt als Gandhis Favorit damit rechnen konnte, alle Rivalen um die Führung der Partei auszustechen und nach der Unabhängigkeit das Land zu regieren.“

    Anderson legt Nehru zur Last, dass er sein gutes Verhältnis zur britischen Kolonialmacht benutzt habe, um die muslimische Minderheit Indiens zu verunsichern und die Tradition politischer Erbhöfe zu etablieren, unter der Indien bis heute leidet. Und Nehru sei verantwortlich für den Kaschmirkonflikt, der ebenfalls weiter schwelt und das Verhältnis zu Pakistan vergiftet.

    Mit Sympathie begegnet der Autor dagegen Bhimrao Ambedkar, dem Anführer der Unberührbaren und hauptsächlichen Gestalter der indischen Verfassung. Doch im Kern liefert Andersons Buch vor allem eine Diagnose der Missstände Indiens, basierend auf den ideologischen Biografien der beiden führenden Politiker, die den Anfang der indischen Nation prägten.
    Klischee des toleranten Hinduismus

    In Indien stieß Perry Andersons Buch vor allem auf ablehnende Reaktionen, die das Tabu der Kritik an den Säulenheiligen der Nation in Indien anschaulich belegen. Doch Perry Anderson liegt richtig, wenn er die Kasuistik jener tadelt, die die verstörenden Widersprüche und den tief verwurzelten Konservatismus des Mahatma Gandhi zu beschönigen versuchen. Seine Kritik an den Plattitüden über die angeblich tolerante und vereinheitlichende Natur des Hinduismus ist ebenso treffend wie seine Skepsis angesichts des indischen Anspruchs, eine postkoloniale Demokratie zu sein, die völlig frei ist von Unterdrückung und Ausgrenzung.

    Die anhaltende Krise in Kaschmir, der jahrzehntealte maoistische Aufstand in weiten Teilen des Landes, die separatistischen Bewegungen im Nordosten und die Tatsache, dass Indien darauf mit Ausnahmegesetzen und Militäraufgebot reagiert, widersprechen dieser Fiktion. Man hätte sich gewünscht, dass der Marxismus-Kenner Perry Anderson die Missstände Indiens nicht nur an den persönlichen Mängeln der Gründer der Unabhängigkeitsbewegung abprüft, sondern auch eine strukturelle Analyse von Wirtschaft, Institutionen und gesellschaftlichen Gruppen bietet. Doch Anderson räumt auf mit historischen Unwahrheiten und Mythen, die Lektüre von „Die Indische Ideologie“ lohnt sich allemal.

    Sabina Matthay/Perry Anderson: Die indische Ideologie. Berenberg Verlag, 192 Seiten, 22 Euro, ISBN: 978-3-937-83470-2.

    http://www.deutschlandfunk.de/kritik-an-gandhi-der-preis-der-indischen-ideologie.1310.de.html?dram:article_id=281062

  16. Gandhis letztes Aufbäumen in Südafrika permalink
    29. Dezember 2014 13:25

    Gandhis letztes Aufbäumen in Südafrika

    Vor 100 Jahren protestierten indische Einwanderer gegen Diskriminierung

    Von Gerhard Klas

    Am 6. November 1913 führte Mahatma Gandhi einen Protestmarsch von 2200 indischen Einwanderern in Südafrika an, um gegen Kopfsteuer und diskriminierende Ehegesetze des Apartheidregimes zu demonstrieren. Es war seine letzte große Aktion vor der Rückkehr nach Indien.

    Entschlossen und diszipliniert hatten sie sich in Zweierreihen aufgestellt: 2200 Inderinnen und Inder, darunter viele Vertragsarbeiter im Bergbau. Fast alle waren traditionell in Kurtas und Saris gekleidet, einige trugen Turban. Am 6.November 1913 überschritten sie die Grenze des südafrikanischen Distrikts Natal nach Transvaal. Als Nicht-Weiße waren sie im Apartheidstaat Bürger zweiter Klasse, und ohne behördliche Genehmigung war der Grenzübertritt ein illegaler Akt.

    Mit dieser Aktion des zivilen Ungehorsams begann ein mehrtägiger Protestmarsch gegen neue Gesetze, die ihre Ehen als ungültig erklärten und ihnen eine Kopfsteuer auferlegen sollten. Angeführt wurden die von Polizeibeamten misstrauisch beäugten Einwanderer von einem Mann im Maßanzug: Mohandas Karamchand Gandhi, der später als Mahatma Gandhi und Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung in die Geschichte eingehen sollte. Im Auftrag eines indischen Geschäftsmannes hatte er als junger Rechtsanwalt zwanzig Jahre zuvor mit dem Schiff an der südafrikanischen Ostküste in Durban angelegt. Es dauerte nicht lange, bis er die Apartheid am eigenen Leibe zu spüren bekam.

    Am siebten oder achten Tag nach meiner Ankunft verließ ich Durban wieder. Ein Platz in einem Wagen der ersten Klasse war für mich bestellt worden. [..] Der Zug kam in Maritzburg, der Hauptstadt von Natal, gegen neun Uhr abends an. [..] Dann kam ein Reisender und schaute mich von oben bis unten an. Er sah, dass ich ein ‚Farbiger‘ war – das störte seinen Frieden. Also schoss er hinaus und kam gleich darauf mit einem oder zwei Beamten zurück. [..] „Kommen Sie mit, Sie müssen ins Gepäckwagenabteil!“ „Aber ich hab eine Fahrkarte erster Klasse“, erwiderte ich. [..] „Sie müssen hier raus, oder ich muss einen Schutzmann rufen, damit er Sie rauswirft.“ „Ja, das können Sie“, antwortete ich. „Ich weigere mich, freiwillig herauszugehen.“ Der Schutzmann kam. Er nahm mich beim Arm und stieß mich hinaus.

    Diese Situation beschreibt Gandhi in seiner Autobiografie. Sie gilt als Schlüsselerlebnis für sein künftiges Engagement gegen Unterdrückung und Kolonialismus. Der Apartheidstaat prägte Gandhis politische Identität, in Südafrika entwickelte er erstmals sein Konzept des gewaltfreien zivilen Ungehorsams und setzte es in die Tat um. Er verbrannte Pässe und organisierte illegale Versammlungen. Mehrmals wurde er von Polizeibeamten zusammengeschlagen und inhaftiert. Wie auch beim Marsch gegen die Ehegesetze und die Kopfsteuer im November 1913.

    Die Belästigungen, die ich persönlich hier zu dulden hatte, waren nur oberflächlicher Art. Sie waren nur ein Symptom der tiefer liegenden Krankheit des Rassenvorurteils. Ich musste, wenn möglich, versuchen, diese Krankheit auszurotten und die Leiden auf mich zu nehmen, die daraus entstehen würden.

    Schrieb Gandhi in seiner Autobiografie, der er Mitte der 20er Jahre verfasste. Doch nicht der Diskriminierung und Ungleichbehandlung der schwarzen Bevölkerung in Südafrika galt sein Kampf. Er empörte sich vor allem dagegen, dass die indische Minderheit mit den einheimischen Schwarzen rechtlich auf eine Stufe gestellt wurde. In seiner Wochenzeitschrift „Indian Opinion“ schrieb er 1905:

    Der Eingeborene [..] hat ein Recht auf faire Behandlung, aber so wie er von Natur aus ist, benötigt er vielleicht eine spezielle Gesetzgebung, die möglicherweise einen restriktiven Charakter hat. Diese kann jedoch nicht für Asiaten gelten.

    Wissenschaftliche Arbeiten jüngeren Datums – wie die des Gandhi-Forschers Dieter Conrad – haben sich intensiv mit der Haltung Gandhis zur schwarzen Bevölkerung in Südafrika beschäftigt.

    Ganz gewiss wird man irregeführt, wenn man sich von Gandhis eigener, späterer Selbststilisierung in seinen autobiographischen Darstellungen leiten lässt, wonach die egalitäre Überzeugung von Anfang an Teil seiner Natur, und sein Herz unfähig gewesen sei, Unterscheidungen nach Gruppen-Zusammengehörigkeit, Religion oder Hautfarbe zu machen. [..] Das gilt in besonderem Maße für die südafrikanische Phase.

    Der indische Protestmarsch war erfolgreich: Anfang 1914 musste das Apartheidregime – auch auf internationalen Druck hin, denn Gandhi verfügte schon damals über hervorragende Kontakte zur britischen und amerikanischen Presse – einlenken: Nichtchristliche Ehen wurden wieder als gültig anerkannt und sowohl die Kopfsteuer als auch die Registrierungspflicht für Inder wurden aufgehoben. Es sollte die letzte politische Bewegung gewesen sein, die Gandhi in Südafrika anführte: Wenige Monate später reiste er endgültig zurück nach Indien und wurde dort als Volksheld gefeiert.

    http://www.deutschlandfunk.de/gandhis-letztes-aufbaeumen-in-suedafrika.871.de.html?dram:article_id=268011

  17. Heiratsverbot und Sklavenarbeit in Indien ~ Trotz der Modernisierung sind die Kasten nicht verschwunden permalink
    29. Dezember 2014 13:28

    Heiratsverbot und Sklavenarbeit in Indien

    Trotz der Modernisierung sind die Kasten nicht verschwunden

    Von Leila Knüppel und Nicole Scherschun

    Alle Inder sind gleich. So steht es in der seit 1950 geltenden Verfassung. Doch die Wirklichkeit sieht anders auch. Noch immer gilt das Kastensystem, und besonders auf dem Land werden die Unberührbaren bis heute diskriminiert.

    In Keshavapuram soll bald Pongal gefeiert werden: das südindische Erntedankfest. Gewürze, Linsen und Erbsen liegen schon auf bunten Tüchern auf dem Lehmboden des Hofes. Anil (und Shrilata sitzen vor der Tür ihres kleinen Hauses. Ihnen ist nicht nach Feiern zumute. Dabei sind sie jung und verliebt.

    Im College haben sie sich kennengelernt, erzählt der 23-jährige Anil. Seit einigen Monaten sind sie verheiratet – und seitdem muss er Angst haben. Angst vor Angehörigen einer höheren Kaste, die ins Dorf kommen könnten, um ihn zu bedrohen, zu schlagen und vielleicht zu töten. Angst vor Shrilatas Eltern.

    „Er stammt aus einer anderen Kaste. Sein Leben ist deshalb in Gefahr. Bisher ist zum Glück noch nichts passiert. Ich hatte keinen Kontakt mit meinen Eltern seit der Hochzeit. Aber das bedeutet nicht, dass wir die Augen verschließen und alles vergessen können. Ich fürchte noch immer um sein Leben.“

    Anil ist ein Dalit. Einer, der im indischen Kastenwesen als unberührbar, als unrein gilt.

    Seine Frau Shrilata stammt aus einer höheren Kaste. Sie ist eine Reddy.

    Eine nicht geduldete Liebe. Heiraten über Kastengrenzen hinweg ist in Indien noch immer ein Tabu, sagt Anil.

    „Ich habe Angst. Aber ich weiß, dass ich gegen das System der Kasten ankämpfen muss. Ein erster Schritt ist es, eine Frau außerhalb meiner Kaste zu heiraten. Und ich liebe Shrilata sehr, also war die Hochzeit genau das Richtige.“

    Etwa 500 Dalits leben hier in Keshavapuram, mitten im Nirgendwo. Nur ein staubiger Pfad führt durch Reis- und Baumwollfelder zu dem kleinen Dorf. Die meisten Häuser bestehen aus Lehm und Wellblech. Wasserbüffel liegen im Schatten einiger Palmen, Hühner scharren im Straßenstaub.

    Nur etwa 150 Kilometer ist Keshavapuram von der südindischen High-Tech-Metropole Hyderabad entfernt.

    Auf dem Land gelten andere Regeln als in der Stadt. Auch wenn die indische Verfassung Unberührbarkeit verbietet und Gewalt gegen Dalits unter Strafe stellt. Hier, auf dem Dorf könne niemand der festen Hierarchie des hinduistischen Kastenwesens entkommen, sagt der Aktivist und Menschenrechtler Babu Gogineni. Er besucht die Dörfer rund um Hyderabad regelmäßig.

    „In einem Dorf, nur 130 Kilometer von Hyderabads Flughafen entfernt, wurde ein Dalit vor eineinhalb Jahren zu Tode gesteinigt, weil vermutet wurde, er sei ein Zauberer. Das zeigt nicht nur, dass Dalits nicht als Menschen gesehen werden, sondern dass die gesamte Gesellschaft an einem Mangel an Menschlichkeit krankt. Die menschliche Solidarität ist völlig dahin. Und so etwas geschieht wegen des Kastensystems. Diese Hierarchie in der Gesellschaft ist das Problem; ein wirklich großes, aktuelles Problem.“

    Von Geburt an ist jeder Inder in eine feste Struktur eingebunden, für die die Ordnungsbegriffe Jati und Varna stehen.

    Jati bezeichnet bestimmte lokale Gruppen oder auch traditionelle Berufe wie Dhobi – die Wäscher, oder Gandhi – die Parfümverkäufer. Über 2.000 solcher Jati gibt es in Indien.

    Varna dagegen ist eine mythologische, fest hierarchische Unterscheidung.

    Bereits in alten hinduistischen Texten, den Veden, ist diese Einteilung erwähnt, sagt der Soziologe Pralhad Jogdand. Sie schreiben das Kastensystem und die Unberührbarkeit fest.

    Brahmanen – Priester – stehen an der Spitze dieser Gesellschaftsordnung; gefolgt von den Kriegern, den Händlern und schließlich den Shudra, den Bediensteten.

    „In den Schriften steht, Brahmanen wurden aus dem Kopf erschaffen, die Krieger aus den Armen, die Händler aus dem Bauch, die Bediensteten aus den Füßen. Der Kopf steht für die obere, allen anderen überlegene Kaste. Die Füße für das Minderwertige. So wurde das Varna-System begründet.“

    Die Dalits stehen außerhalb dieser Einteilung, gelten als kastenlos und unberührbar. Sie arbeiten traditionell in Berufen, die als unrein gelten wie Straßenfeger, Latrinenputzer oder Tagelöhner. Insgesamt sind mehr als 160 Millionen Menschen, etwa 16 Prozent der Bevölkerung Indiens kastenlos.

    Im Dorf Keshavapuram wohnen ausschließlich Dalits. Da sie traditionell niedere Tätigkeiten verrichteten, mit Dreck, Exkrementen oder Tod zu tun hatten, wurden sie bereits vor Jahrhunderten aus den übrigen Dörfern ausgegrenzt.

    Auch heute schauten die Bewohner aus den Nachbardörfern auf sie herab, erzählt einer der Männer in Keshavapuram.

    „Die anderen Dorfbewohner behandeln uns nicht normal. Sie sagen: Geh weg, du bist ein Dalit. Und wenn wir ihnen nah kommen, beschweren sie sich, sie hätten ihre Reinheit verloren. Und dann beginnen sie, Mantras und Gebetsformeln zu murmeln und heiliges Wasser zu versprenkeln, um sich selbst wieder zu reinigen.“

    Auf dem Campus des National Institut of Technology in Nagpur, einer der Eliteuniversitäten Indiens: Studenten spazieren die breiten Alleen entlang, vorbei am Tennisplatz und Bibliotheksgebäude.

    Elektrotechnik, Mechanik oder Bergbau – wer hier studiert, dem steht eine glänzende Zukunft als Ingenieur bevor, erzählt Professor Devidas Maiske. Gemeinsam mit seinem Kollegen Awanikumar Patil ist er auf dem Weg ins Computerlabor der Universität.

    „Ich unterrichte Informatik. Nach meinem Studium bin ich hierhergekommen, habe meinen Doktor gemacht. Das war 1982. Seitdem arbeite ich hier.“

    „Er war der erste Dalit-Professor hier. 1985 kam ich dann ans Institut. Als ich Dozent war, sind wir Freunde geworden.“

    Mittlerweile unterrichten auch noch andere Dalit-Kollegen an der Uni. Zahlreiche Jugendliche aus den benachteiligten Kasten studieren hier. Denn in Indien gilt eine Quotenregelung: 15 Prozent der Studienplätze sind für Dalits reserviert. Auch andere benachteiligte Kasten haben sich mittlerweile eine Quotenzuteilung erkämpft, sagt Dozent Patil.

    „Hier studieren Jugendliche aus ganz Indien. Es ist also ein ganz anderes Miteinander, unter den Studenten gibt es keine Unterschiede, keine Abgrenzung zwischen höheren und niederen Kasten. Aber tief in der indischen Gesellschaft, tief in ihnen wachsen sie nicht zusammen. Sie werden nicht über die Kastengrenzen hinweg heiraten. Und sie werden dort ihr Haus kaufen, wo Menschen ihrer Kaste bereits wohnen. Das Zusammenwachsen braucht eben seine Zeit.“

    Quoten gelten nicht nur hier – an der Universität -, sondern auch im öffentlichen Dienst. Zahlreiche Dalits arbeiten aber nur in unteren Positionen, bei Beförderungen werden sie kaum berücksichtigt – bisweilen auch wegen ihrer schlechten Ausbildung.

    Die Quotenregel ist umstritten. Denn statt Leistung zähle die Kastenzugehörigkeit, sagen Kritiker. Ein Argument, dem Maiske vehement widerspricht.

    „Einem Teil der Gesellschaft wurden viele Dinge verwehrt wie Bildung oder bestimmte Berufe. Sie wurden nicht als Menschen behandelt. Aber unsere Verfassung sagt, jeder ist gleich. Wie soll das gehen, wenn einigen jahrhundertelang die einfachsten Dinge versagt blieben?! Durch die Quote müssen sie zusätzliche Hilfe erhalten. Schon in meiner Generation hat sich vieles gewandelt.“

    Im Computerlabor sind alle Plätze besetzt. Junge Männer beugen sich über Zahlenkolonnen. Wer hier sitzt, erhofft sich einen Job in Indiens Zukunftsbranche, als Software-Entwickler oder Ingenieur.

    An einigen Rechnern sind Urlaubsfotos oder Facebook-Einträge zu erkennen. Als Maiske und Patil das Labor betreten, werden die Seiten schnell weggeklickt.

    „Mit der wachsenden Wirtschaft in Indien, ziehen immer mehr Menschen in die Städte. Es gibt dort zwar immer noch Kasten-Unterschiede, aber sie verschwinden mehr und mehr. Denn in der Stadt gibt es bessere Bildungs- und Jobchancen. Hier können sie selbst wählen, in den Dörfern sind sie an ihre traditionellen Kasten-Berufe gebunden oder die Landwirtschaft. Auch mein Großvater war Bauer. Wenn solche Leute heute in die Städte ziehen, geht es ihnen meist besser. Allerdings kann das ein oder zwei Generationen dauern.“

    Nach dem Aufstehen fegt Mandula Ellamma den Hof und kocht Reis für ihre kleinwüchsige Tochter und ihren blinden Mann. Dann macht sie sich auf den Weg zu den Feldern der Großgrundbesitzer, mehrere Kilometer von Keshavapuram entfernt.

    „Ich bekomme 1 Euro 50 für einen Tag Arbeit, wenn ich Reis pflanze oder Baumwolle pflücke. Aber so einen Job gibt es nicht jeden Tag. Deswegen ernte ich sonst Erdnüsse für 30 Cent pro Korb. Am Tag schaffe ich es, zwei Körbe zu füllen, bekomme also 60 Cent am Tag. Das sind die üblichen Löhne hier.“

    Heute arbeitet Ellamma mit ihren Nachbarn auf dem Reisfeld. Gebückt stapft sie durch das knöchelhohe Wasser und pflanzt Setzlinge. Dalits sind typischerweise in der Landwirtschaft beschäftigt – als Tagelöhner, denn eigenen Boden besitzen die wenigsten.

    Einige der Dorfbewohner haben bei ihren Arbeitgebern Schulden gemacht und müssen diese nun abarbeiten – unter Bedingungen, die an Leibeigenschaft oder Sklaverei erinnern. Sterben sie, gehen die Schulden oft auf die Kinder über.

    2000 Rupien verdiene er im Monat, erzählt einer der verschuldeten Männer. Knapp 30 Euro. Mit dem Geld müsse er sofort seine Schulden begleichen. Wenn seine drei Kinder Kleidung benötigen oder andere Anschaffungen anstehen, müsse er sich wieder Geld leihen.

    Morgens um fünf steht er auf. Vor zehn Uhr abends kommt er selten nach Hause, erzählt der Mann, 365 Arbeitstage im Jahr. Ein Teufelskreis, der kaum zu durchbrechen ist.

    Doch was soll ich tun, sagt er. Ich muss doch essen.

    J. Veeraswamy kommt aus einem der Nachbardörfer Keshavapurams und kämpft seit Jahren gegen unrechtmäßige Landenteignung der Dalits und für gerechte Löhne. Die Arbeitsbedingungen in dem Dorf zeigen für ihn eins: An der Diskriminierung der Dalits hat sich bis heute nichts geändert.

    „In der Immobilienbranche, im Hotel-Business, im Bereich Kommunikation oder IT, in all diesen Berufsfeldern sind kaum Dalits anzutreffen. Das ist die moderne Diskriminierung heutzutage. Wir kämpfen für unsere Rechte, beispielsweise um unser Land. Aber die anderen Kasten haben Macht und Geld. Der Unterschied ist noch immer riesig.“

    Das indische Kastenwesen begründet sich in der hinduistischen Religion, teilt aber auch die Anhänger anderer Glaubensrichtungen in die soziale Hierarchie ein. Daher sind nicht nur die 80 Prozent indischen Hindus von dem rigiden System betroffen, sondern auch beispielsweise die 13 Prozent Muslime und etwa zwei Prozent Christen.

    Bis heute ist unklar, wie das Kastenwesen in Indien entstand. Einige Historiker vermuten, dass der Volksstamm der Arier die strenge soziale Hierarchie etabliert hatte. Um das Jahr 2000 vor Christus waren die Arier nach Indien eingewandert. Durch das Kastenwesen wollten sie womöglich eine Vermischung mit der unterworfenen einheimischen Bevölkerung verhindern.

    Menschen in weißer Kleidung drängen in den riesigen Kuppelbau des buddhistischen Tempels; dem Deekshabhoomi in der nordindischen Stadt Nagpur.

    Devidas Maiske zieht vor dem Eingang seine Schuhe aus. Betreten dürfen Besucher das Heiligtum nur barfuß.

    In der Mitte des Marmorsaals steht eine Buddha-Statue, davor die Urne eines Nationalhelden: Bimrau Ambedkar. Er war einer der Urheber der indischen Verfassung, die schon 1950 die Gleichheit aller Inder vor dem Gesetz festschrieb; ohne Rücksicht darauf, welcher Kaste sie angehören.

    Maiske faltet die Hände vor der Brust und verbeugt sich kurz vor dem Heiligtum. Für ihn ist Ambedkar eine Art Befreier aus der Knechtschaft des Kastenwesens.

    Denn selbst Bhimrao Ambedkar, Vater der Verfassung und ehemaliger Justizminister, konnte dieser Diskriminierung nicht entgehen. Einmal Dalit, immer Dalit. Aus Protest trat Ambedkar 1956 zum Buddhismus über. Auch Maiske, dessen Vater mit Ambedkar befreundet war, gehörte zu den Hunderttausenden, die bei der Zeremonie dabei waren.

    „Ich war kaum drei Monate alt, als wir alle konvertierten. Meine Mutter hat mich damals mitgenommen. Später erzählte sie mir immer, wie die Leute in Massen nach Nagpur strömten – etwa 500.000.“

    Vor dem Stupa singen Musiker Lieder, die von dem Massenübertritt handeln.

    Ambedkar habe die Leute inspiriert, erzählt Maiske. Noch heute drücken sie ihre Dankbarkeit in ihren Liedern aus.

    Eine einheitliche politische Bewegung konnte Ambedkar allerdings nicht formen. Die von ihm gegründete Republican Party of India zerfiel wenige Jahre nach seinem Tod 1956 in Dutzende Splittergruppen.

    Trotzdem sind einige Dalits heute in hohen politischen Ämtern vertreten. Sowohl die Parlamentssprecherin Meira Kumar als auch die ehemalige Regierungschefin im Bundesstaat Uttar Pradesh Mayawati Kumari stammen aus der Kaste der Dalits.

    Zum Erntedankfest haben in Keshavapuram alle Dorfbewohner zusammengelegt und eine Kuh zum Schlachten gekauft.

    Nach dem Festmahl werden ein paar Plastikstühle vor die Hütten gestellt und es wird Tee getrunken. Zeit für Gespräche. Schnell geht es um die Dorfschule. Dort arbeitet eine neue Lehrerin. Und die mache Probleme, erzählen einige Bewohner.

    Sie würde die Schulmahlzeiten nicht essen. Nicht einmal Wasser trinke sie hier, sagt Miriyala Bhadrayya. Denn von Dalits zubereitete Nahrung gilt als unrein.

    Nun möchten die Dorfbewohner mit der Lehrerin sprechen und sich beschweren. Denn nur durch Protest können sie etwas ändern, meint Bhadrayya. Der 46-Jährige erinnert sich an eine Geschichte, die vor zehn Jahren im Dorf passiert ist.

    „Da gab es hier in der Nähe einen Brunnen, aus dem wir nicht trinken durften. Wenn wir durstig waren, mussten wir neben dem Brunnen warten, bis uns jemand aus einer höheren Kaste Wasser holte. Bei einer der Ernten hatten wir schließlich genug davon und haben uns gefragt: Warum, verdammt noch mal, lassen sie uns nicht zu dem Brunnen? Und dann sind wir alle zusammen einfach ins Wasser gesprungen.“

    Eine ältere Frau fällt dem Erzähler ins Wort, auch andere reden plötzlich mit. Jeder möchte von der Heldentat erzählen.

    In der Geschichte geht es nur am Rande um Durst oder Trinkwasser. Durch den Sprung in den Brunnen haben die Dalits ein jahrhundertealtes Tabu gebrochen. Sie konnten so ein neues Selbstbewusstsein entwickeln.

    http://www.deutschlandfunk.de/heiratsverbot-und-sklavenarbeit-in-indien.724.de.html?dram:article_id=237489

  18. Das Kastenwesen wird sich noch verfestigen permalink
    29. Dezember 2014 13:30

    Indien-Experte: Das Kastenwesen wird sich noch verfestigen

    Christian Wagner: Breite Teile der Bevölkerung haben keine Chance auf ein Studium

    Moderation: Susanne Führer

    In Indien gibt es Quotenregelungen, die Jugendlichen aus ärmeren Schichten den Zugang zur Universität ermöglichen sollen. Dennoch bleiben Kinder aus niederen Kasten oft von höherer Bildung ausgeschlossen, sagt Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

    Susanne Führer: Was es mit der Quotenregelung und dem Kastenwesen Indiens auf sich hat, das wird uns nun Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik erläutern. Guten Morgen, Herr Wagner!

    Christian Wagner: Guten Morgen, Frau Führer!

    Führer: Fangen wir mal mit den Grundlagen an: Was sind eigentlich Kasten?

    Wagner: Sehr vereinfacht ausgedrückt kann man sich Kaste vorstellen als eine relativ autonome Berufsgruppe, zum Beispiel Schreiner oder Töpfer in einem Landkreis, in einem Dorf. Diese sind aber nun hierarchisch und arbeitsteilig in den Kontext ihrer Kastengesellschaft eingebunden, und die Hierarchie und diese Arbeitsteilung ergeben sich jetzt aus dem Merkmal der rituellen Reinheit, die dieser Gruppe wiederum von den religiösen Traditionen des Hinduismus zugewiesen wird.

    Das heißt, die Kasten definieren sich zunächst mal über Beruf, aber natürlich auch über religiöse Privilegien, sei es Zugang zum Tempel, sei es zu den Opfergaben. Die Kaste selber ist relativ autonom. Normalerweise, traditionellerweise heiraten Kasten nur untereinander, haben den gleichen Beruf und zum Beispiel essen auch nur miteinander. Es ist also ein System, was eine relativ starke religiöse, aber eben auch eine starke soziale Diskriminierung kennt.

    Führer: Aber wenn sich das nach Berufen aufteilt, dann muss es ja ziemlich viele Kasten geben.

    Wagner: Ja, es gibt auch tatsächlich, weiß man nicht genau, wie viel Kasten es gibt. Wir kennen eigentlich nur immer diese vier Oberkategorien: Die Priester, die Krieger, die Händler, die Bauern, daneben noch die Unberührbaren, aber das steht nur in den heiligen Traditionen, in den heiligen Schriften des Hinduismus. Aber real gibt es Schätzungen, dass es circa 3000 bis 4000 Kasten in Indien gibt – das macht die Komplexität des Systems aus, Kaste ist auch immer nur ein regionales Phänomen.

    Führer: Ach du je, 3000 bis 4000, aber ich meine, woher weiß ich – gut, das haben mir meine Eltern gesagt –, aber woher weiß dann mein Gegenüber, welcher Kaste ich angehöre oder ich bei dem anderen? Also ich meine, Quotenregelung kennen wir, schwarz und weiß, Mann und Frau, das kann man leicht erkennen, aber die Kaste?

    Wagner: Ja, normalerweise würden Sie es über den Namen erkennen. Ich könnte zum Beispiel an Ihrem Namen Frau Führer erkennen, dass Sie vermutlich aus einer höheren Kaste erkennen, Sie könnten anhand meines Namens Wagner relativ leicht ablesen, dass ich aus einer Handwerkerkaste komme, vielleicht dann nicht ganz so hoch eingestuft bin. Aber das System ist natürlich sehr stark im Umbruch begriffen, weil sich nicht nur die ländlichen Räume in Indien sehr stark verändert haben, sondern weil sich natürlich auch in den städtischen Kontexten diese Grenzen zunehmend anders definieren.

    Führer: Nun gibt es ja in Indiens Hochschulen eben die Quotenregelung, wonach fast die Hälfte der Studienplätze für Angehörige benachteiligter Gruppen reserviert sind, darunter eben auch für Angehörige niederer Kasten – das ist ja das Thema, was dieser Film aufgreift. Ist diese Regelung eigentlich – die gibt es ja schon seit den Kolonialherren und ist dann immer weiter ausgebaut worden –, Herr Wagner, ist diese Regel eigentlich erfolgreich, also in dem Sinne, dass sie dazu beigetragen hat, die Benachteiligung aufzuheben der vormals benachteiligten Gruppen?

    Wagner: Ich denke, summa summarum wird man sicherlich feststellen können, dass die Regel schon erfolgreich ist. Wir können beobachten, dass es zum Beispiel bei der politischen Vertretung heute in den Parlamenten mehr untere und mittlere Kastengruppen gibt, als es noch zu Beginn der Unabhängigkeit der Fall gewesen ist. Es ist natürlich eines der ganz wenigen Instrumente auch des indischen Staates gewesen, um so was wie soziale Mobilität herzustellen, gerade für die unteren Kastengruppen, die natürlich keine Möglichkeiten, keine wirtschaftlichen Möglichkeiten lange hatten, zum Beispiel um ihre Kinder auf die Hochschulen zu schicken.

    Aber das ruft natürlich, wie der Film ja auch thematisiert, sehr heftige innenpolitische Auseinandersetzungen hervor, vor allem eben innerhalb der verschiedenen Bundesstaaten, denn die jeweilige Kastenstruktur ist eben von Bundesstaat zu Bundesstaat sehr unterschiedlich.

    Führer: Aber das heißt dann ja, wenn diese Regel erfolgreich ist, dass nicht unbedingt die niedere Kaste mit der Armut und die höhere Kaste mit dem Reichtum einhergehen muss. Also man kann aus einer niederen Kaste kommen und trotzdem sehr wohlhabend sein.

    Wagner: Das ist natürlich genau das Problem, dass eben durch die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte auch die unteren oder frühere untere benachteiligte Kasten mittlerweile eben auch zu Wohlstand gekommen sind. Gehen wir noch mal zurück: Die Schreiner können eben durch neue Arbeitsmöglichkeiten in der Stadt Geld verdient haben, sie haben es in Land investiert, sie haben eben Wohlstand erlangt, der eben weit über ihrem traditionellen Kastenstatus ist. Auf der anderen Seite gibt es natürlich einstmals wohlhabende Händlerkasten, die vielleicht heute verarmt sind und wo natürlich der soziale Status längst nicht mehr mit dem jeweiligen Kastenstatus verbunden ist.

    Führer: Indiens Kasten und Quoten sind mein Thema im Gespräch mit Christian Wagner von Stiftung Wissenschaft und Politik. Herr Wagner, nun sollte so eine Quotenregelung ja eigentlich zum Ziel haben, sich irgendwann selbst abzuschaffen, weil sie nicht mehr nötig ist und weil sie damit auch die extremen sozialen Unterschiede in einer Gesellschaft eingeebnet hat. Wie sieht das in Indien aus?

    Wagner: Ich gehe eigentlich nicht davon aus, dass sich dieses System abschaffen wird, wir beobachten eher das Gegenteil. Zum einen, diese Quotenregelung führt natürlich dazu, dass viele Gruppen jetzt beanspruchen, einen unteren, zum Teil auch einen unteren Kastenstatus zu erreichen, um eben in den Genuss von solchen Privilegien wie Hochschulzugang zu kommen. Zum Zweiten hat sich Kaste auch gewandelt in den letzten Jahren. Es ist sehr stark ein Phänomen der vielen, ja, eine Interessengruppe, auf die viele Regionalparteien fußen, das heißt, die Regionalparteien haben eine starke Kastenbasis. Und wir werden nächstes Jahr zum ersten Mal seit 1931 wieder einen Kastenzensus haben. Das heißt, das wird natürlich auch noch mal die Identität der Gruppen stärken. Also ich gehe nicht davon aus, dass dieses Phänomen Kaste verschwinden wird, sondern eher im Gegenteil, dass es sich weiter verstärken wird, aber eben in einer neuen Form, als politische Interessenvertretung.

    Führer: Kurze Erläuterung: Kastenzensus?

    Wagner: Normalerweise wird … in Indien findet alle zehn Jahre ein Zensus statt. Dort werden eben nur die unteren Kasten gezählt, die bislang von den Regelungen dieser Quoten profitieren. Im nächsten Jahr soll eben zum ersten Mal wieder seit 1931 die gesamte indische Bevölkerung nach ihrem Kastenstatus befragt werden. Das wird sicherlich zu sehr heftigen innenpolitischen Diskussionen führen und wird natürlich auch diese jeweiligen Kastenidentitäten verstärken.

    Führer: Sie haben gesagt, Sie glauben nicht, dass dieses System abgeschafft werden wird, aber es gibt ja offenbar ein Unbehagen, zumindest in Teilen der Bevölkerung, zumindest an der Quotenregelung, denn das thematisiert ja der Film, und da gab es ja nun Demonstrationen, da sehen also manche dann wieder ihre Besitzstände dann bedroht. Angehörige der höheren Kasten beklagen sich ja, dass sie sozusagen, weil es diese affirmative action, also diese positive Diskriminierung gibt, sie negativ diskriminiert werden. Zu Recht Ihrer Ansicht nach?

    Wagner: Ja, das System führt natürlich dazu, dass Sie es nie allen recht machen können. Auf der einen Seite können natürlich die oberen Kasten sagen, ja uns stehen jetzt nur noch 50 Prozent dieser Hochschulplätze – zum Beispiel von Studienplätzen – zu. Auf der anderen Seite weiß man auch nicht wirklich, wie stark diese oberen Kasten sind. Es ist eben nicht klar, wie viel Prozent der Bevölkerung umfasst das wirklich.

    Auf der anderen Seite können natürlich die unteren Kasten auch sagen, wir sind auf jeden Fall – oder die verschiedenen unteren Kastengruppen auch sagen – wir sind mehr als 50 Prozent, also wir hätten eigentlich Anspruch auf einen größeren Anteil. Aber nach verschiedenen Gerichtsurteilen des Obersten Gerichts hat man eben festgestellt, dass diese Quotenregelung eigentlich nicht mehr als 50 Prozent zum Beispiel von Studienplätzen oder Arbeitsmöglichkeiten im öffentlichen Dienst beinhalten dürfen.

    Führer: Aber trotzdem ist es ja so, und das finde ich doch eigentlich das Erschreckende an dieser Entwicklung, dass diese gut gemeinte Regelung dazu geführt hat oder dazu führt, dass offenbar diese Fragmentarisierung der Gesellschaft in verschiedenste Gruppen, ob jetzt Kasten oder andere benachteiligte Gruppen, einfach weiter verstärkt wird dadurch.

    Wagner: Ja, dieser Prozess wird sich fortsetzen. Es gibt eben in Indien auch einen Begriff dafür, identity politics, also Identitätspolitik. Und man muss natürlich sagen, dahinter steht auch das Problem der unzureichenden wirtschaftlichen Entwicklung, denn natürlich, wenn Sie nur 100 Studienplätze haben und Sie haben eben eine relativ große Bevölkerung an wohlhabenden Kasten, dann werden die nie alle ihre Kinder auf die Universität schicken können, aber bei 50 Studienplätzen wird es eben auch nicht ausreichend sein für die große Masse der unterprivilegierten Kasten, dass diese eben alle ihre Kinder zur Universität schicken können. Also es wäre notwendig, dass man natürlich die wirtschaftliche Entwicklung dramatisch ausbaut, die Bildungsmöglichkeiten deutlich erhöht oder auch die Arbeitsmöglichkeiten, die Arbeitsplätze deutlich steigert, um dieses System vielleicht mal zumindest abzuschwächen. Aber es ist natürlich auch eine sehr traditionelle Sozialstruktur, die natürlich nur sehr schwer aus den Köpfen der Menschen zu bringen ist.

    Führer: Das war Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Ich danke Ihnen herzlich für die Informationen, Herr Wagner!

    Wagner: Vielen Dank!

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

    http://www.deutschlandradiokultur.de/indien-experte-das-kastenwesen-wird-sich-noch-verfestigen.954.de.html?dram:article_id=146525

  19. Demonstrationen gegen Kinofilm "Aarakshan" ~ Heftige Debatte um Chancengleichheit und Kastenwesen permalink
    29. Dezember 2014 13:32

    Indien: Demonstrationen gegen Kinofilm „Aarakshan“

    Heftige Debatte um Chancengleichheit und Kastenwesen

    Von Bernd Soballa

    In mehreren indischen Bundesstaaten ist der Bollywood-Streifen „Aarakshan“ verboten worden – die Behörden fürchten Unruhen. Der Film greit ein in Indien heikles Thema auf: die Quotenregelung im Bildungswesen. Sie soll die Benachteiligung von Angehörigen niederer Kasten ausgleichen.

    Filme in Indien werden meist als Massala bezeichnet. Das heißt so viel wie „Mischung“. Und zu verstehen sind darunter Werke, die in der Regel aus Sehnsucht, Liebe und Familientradition bestehen, aus Tanz, Gesang und opulenten Choreographien – und am Ende wird fast immer geheiratet.

    Gesellschaftliche Probleme werden selten thematisiert. Der neue Film des bekannten indischen Regisseurs Prakash Jha gehört nicht in diese Kategorie. „Arakshan“ lautet sein Titel – man könnte das mit „Reservierung“ übersetzen – und es geht darin um die staatlich garantierten Quoten für Mitglieder gesellschaftlich benachteiligter Gruppen, zum Beispiel an Universitäten.

    Diese Regelung wurde bereits zur britischen Kolonialzeit eingeführt und nach Indiens Unabhängigkeit 1948 in die Verfassung übernommen. Ein gut gemeintes System, das jedoch auch Ungerechtigkeiten in sich trägt. Darüber beziehungsweise über den Film ist in Indien eine heftige Debatte ausgebrochen.

    Drei Bundesstaaten haben die Ausstrahlung von „Aarakshan“ verboten, es hat Demonstrationen gegen den Film gegeben, und Anhänger der Republikanischen Partei Indiens (RPI) haben gar das Haus von Regisseur und Produzent Prakash Jha angegriffen.

    Der Trailer zu „Aarakshan“ wirbt mit Angst: Angst vor der Zukunft in einem Land mit 1,2 Milliarden Einwohnern, in dem Liebe arrangiert und reserviert wird, in einer Zeit, da über 49 Prozent der Hochschulplätze durch Quoten festgelegt sind. Der Film handelt von Deepak Kumar, der aus der Kaste der Unberührbaren stammt.

    Der Student hat eine Liebesbeziehung zu der Tochter des Hochschuldirektors, was schon für sich ein gesellschaftliches Tabu ist. Die Tatsache aber, dass er seinen Studienplatz durch das Reservierungssystem erhalten hat, macht die Geschichte zusätzlich brisant – und das Drama nimmt seinen Lauf.

    Laut indischer Verfassung gilt die Chancengleichheit für alle Staatsbürger – und benachteiligte Klassen müssen gefördert werden. Deshalb gibt es eine Quotenregelung an den Hochschulen. Diese Regelung berücksichtigt das Geschlecht, die Konfession und die Herkunft innerhalb Indiens. Wobei das häufigste Kriterium noch immer die Kaste ist.

    Genau das kritisiert Filmregisseur Prakash Jha. Er bemängelt, dass es in Indien Menschen gebe, die von dieser Quotenpolitik ungerechtfertigt profitierten, während andere ihre Chance verpassen würden, obgleich sie sie verdient hätten. Und so lässt er den idealistischen Hochschuldirektor gegen das ungerechte System kämpfen.

    http://www.deutschlandradiokultur.de/indien-demonstrationen-gegen-kinofilm-aarakshan.954.de.html?dram:article_id=146526

  20. „Kein Rassist im herkömmlichen Sinn“ permalink
    3. Januar 2015 11:58

    „Kein Rassist im herkömmlichen Sinn“

    von Josh Rosenau posted on December 16, 2014 12:52PM GMT

    In einem kürzlich mit der Financial Times geführten Interview erklärte James Watson seine Entscheidung seine Nobel Preis Medaille zu versteigern (er gewann sie zusammen mit Francis Crick für die Entdeckung der Doppel-Helix-Struktur der DNA). Er gab an, seit seinen kontroversen Äußerungen über Rassen (Anm. d. Ü. Im Deutschen findet dieser Begriff weder in der gehobenen Alltagssprache und erst recht nicht in der Wissenschaftssprache noch Verwendung. Im Anglo-Amerikanischen Raum wird ´race` aber noch in allen Kontexten benutzt. Wir haben uns entschieden, den Begriff mit ´Rasse` wiederzugeben, da er in diesem Kontext der Intention des Autors, nämlich Rassismus anzuprangern, am besten Rechnung trägt.): „war ich eine Unperson, ich wurde aus den Vorständen von Firmen gefeuert, also hatte ich kein Einkommen, außer dem aus der Wissenschaft.“ In diesem Interview von 2007 sagte er, er sei „bedrückt“ über die Ansichten zu Afrika, denn all unsere Sozialpolitik basiert auf dem Gedanken, dass ihre Intelligenz der unseren gleich ist, obwohl die Tests alle sagen: nicht wirklich. Er führte den Unterschied auf genetische Ursachen zurück. Gleichwohl so berichtet die Financial Times, dass Watson in seinem neuesten Interview darauf beharrte kein Rassist im gewöhnlichen Sinne zu sein.
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    Was tun wir, wenn wissenschaftliche Idole nicht den Erwartungen entsprechen, die wir in sie setzen? Watson und Cricks elegante Arbeit über die DNA Struktur ist eine fantastische Fallstudie dazu, wie Wissenschaft gelingen kann, ein Produkt eleganter theoretischer Arbeit, genialem Erstellen eines Models und (leider unbeachtet) der Zusammenarbeit mit Experimentalforschern wie Rosalind Franklin um ihr Model zu testen und zu verbessern.

    Wenn ein bekannter Wissenschaftler die Macht und das Prestige, welche ihm die Wissenschaft eingebracht hat missbraucht und insbesondere wenn er seine Wissenschaft missbraucht, um eine politische Vorstellungen zu unterstützen und ganz besonders wenn diese im Widerspruch zur Wissenschaft selbst steht, ist es problematisch sich auf diese Person zu berufen.

    Es ist nur natürlich Menschen zu verehren, die zu solch außergewöhnlicher Arbeit in der Lage sind. Aber es ist ebenso weise, mit solcher Verehrung vorsichtig zu sein, denn selbst einen Nobelpreis zu gewinnen, oder das Cold Spring Harbour Labor zu leiten, oder dem Human Genome Projekt zugearbeitet zu haben macht einen nicht zum universalen Experten. Auch macht das Entdecken wie Gene aufgebaut sind und wie sie repliziert werden jemandes Aussage zu Genetik nicht unfehlbar. Die Times und auch wieder Watson zeigten ihren Willen, genetisch basierte Erklärungen auf Unterschiede zwischen Menschen anzuwenden, obwohl dies nicht wissenschaftlich belegt war. Sich auf das selbe Interview von 2007 berufend, in dem er den Intellekt von Afrikanern verunglimpfte, kommentierte der Wissenschaftsjournalist Adam Rutherford kürzlich im Guardian: „Er sagte zur Sunday Times 2007, dass: Während die Menschen glauben möchten, dass alle Rassen mit gleicher Intelligenz geboren werden, diejenigen, die sich mit schwarzen Angestellten auseinandersetzen müssen, dies als nicht wahr ansehen.“ Nennen sie mich altmodisch, aber das hört sich für mich nach völlig normalem Allerweltsrassismus an.

    Aber natürlich möchte niemand glauben, dass der eigene Rassismus alltäglich ist, oder würde den eigene Rassismus im gleichen Maß zugeben, zu dem Watson bereit zu sein scheint. Jahrzehnte der Forschung über implizierte Tendenzen zeigen, dass wir alle Rassisten (und Sexisten, altenfeindlich etc.) sind, selbst wenn wir nicht merken, wie Wahrnehmung von Rasse unsere Interaktionen mit anderen beeinflussen. (Die Gruppe für implizite Tendenzen und Philosophie hat eine gute Leseliste und die Nationale Konferenz der State Courts hat eine gute Zusammenfassung des Konzepts, seiner Konsequenzen und wie wir es überwinden können). Zum Beispiel zeigen die Untersuchungen, dass weiße Amerikaner schwarze Amerikaner häufig als stärker, weniger schmerzempfindlich und auf andere Weise übermenschlich wahrnehmen.

    Ganz gleich wie unterbewusst diese Tendenzen auch sind, sie haben reale Konsequenzen, wenn z. B. ein weißer Polizist einen unbewaffneten schwarzen Teenager erschießt und später aussagt: „Ich habe mich gefühlt, wie ein Fünfjähriger, der Hulk Hogan gegenüber steht“. (Das Opfer und der Polizist waren nahezu gleich groß); er sagte über das Gesicht des Jugendlichen, er habe wie ein Dämon ausgesehen und versicherte unter Eid: „Es sah aus, als würde er durch die Schüsse die ich auf ihn abgegeben habe einfach hindurch laufen und ich ihn dadurch, dass ich auf ihn schoss nur noch wütender machen würde“. Sich auf die Erschießung von Michael Brown durch Officer Wilson in Ferguson Missourie beziehend beobachtet Jamelle Bouie von Slate:

    Die Lehre die aus der Handlung Wilson gezogen werden muss ist, dass er nicht einzigartig ist. Das seine Ängste weitverbreitet sind. Und dass die gleichen Kräfte, die Wilson und Brown zur Konfrontation gebracht haben – andere Wilsons und Browns mit den gleichen tödlichen Konsequenzen zur Konfrontation bringen können und werden.
    (Das wurde geschrieben, bevor die Grand Jury dahingehend versagte, den weißen NYPD Officer anzuklagen, der den unbewaffneten Afroamerikaner Eric Gardener zu Tode würgte und bevor ein Weißer Polizeibeamter in Cleveland, den 12 Jahre alten Afroamerikaner Tamir Rice tötete, weil er eine Spielzeugwaffe bei sich trug.)

    Wilsons Handlung wie Watsons Worte, wurzeln in einem Morast aus Geschichte, wirtschaftlichen Strukturen, kultureller Kämpfe, kultureller Stereotype und gewachsener kognitiver Vorurteile. Es ist unmöglich diesen Einflüssen zu entkommen und leicht sich ihnen zu ergeben. Dank der Forschung, die die Art und Weise herausarbeitet wie Wahrnehmung von Rasse die Gesellschaft formt, können wir diese unterbewussten Einflüsse in uns selbst erkennen und bewusst daran arbeiten, ihnen entgegen zu wirken und ihren Einfluss um uns herum beseitigen. Watson mag in der Lage sein, seinen un-“konventionellen“ Rassismus mit wissenschaftlicher Legitimation und pseudowissenschaftlichem Jargon zu verkleiden, aber am Ende, wird sein Reaktion auf Rasse aus dem Bauchgefühl heraus, von vielen geteilt.

    Watsons Bezug auf konventionellen Rassismus ist eine Ironie, da Rassen, die wir wahrnehmen nicht eine Sache der Wissenschaft, sondern der Konventionen sind. Der Entdecker des genetischen Materials sollte mehr über die Struktur der Populationsgenetik wissen. Man bedenke, seine Art des Rassismus fasst alle Afrikaner in einer Gruppe zusammen, obwohl wir wissen, dass es mehr genetische Diversität innerhalb der menschlichen Bevölkerung Afrikas gibt, als innerhalb irgendeiner anderen geographischen, ethnischen oder rassischen Kategorie. Das ist nicht überraschend, wenn wie Baba Brinkman (die Arbeit von Dead Prez kanalisierend) feststellt, jeder sagen kann: „Ich bin ein Afrikaner“.

    (Das ist einer der Gründe, weshalb Brinkman den, durch die NCSE’s verliehenen „Friend of Darwin award“ verdient hat.)

    Zum Glück ist Watsons Mangel an Sensibilität nicht der einzige Weg für Wissenschaftler (oder den Rest von uns). Unsere familiäre Beziehung zur gesamten Menschheit zu verstehen, kann uns dabei helfen den Rassismus zu untergraben, aber ebenso wichtig ist es, uns den Erfahrungen anderer zu öffnen. 1946 nahm Albert Einstein eine Einladung an, an der Lincoln Universität, einem historisch schwarzen College in Pennsylvania. Einstein erklärte, den Passagen nach, die in der schwarzen Presse dieser Zeit zitiert wurde (und die von den Mainstream Medien ignoriert wurden):

    Meine Reise zu dieser Institution ist für einen lohnenswerten Zweck. Es gibt eine Trennung von farbigen und weißen Menschen in den Vereinigten Staaten. Diese Trennung ist nicht eine Krankheit der farbigen Menschen. Es ist eine Krankheit der weißen Menschen. Ich habe nicht vor, darüber Schweigen zu bewahren.

    Weder hatte er es, noch hätte es haben sollen. Er war in der Lage die Erfahrungen seiner schwarzen Nachbarn im segregierten Princeton mit seinen eigenen Erfahrungen als Deutscher Jude zu verbinden und schloss Freundschaften mit Führern des Civil Rights Movement und äußerte sich zu dem Thema. Er konnte sehen was Dr. King so eloquent in seinem „Letter from a Birmingham Jail“ sagte:

    Ungerechtigkeit irgendwo ist eine Gefahr für die Gerechtigkeit überall. Wir sind in einem unentrinnbaren Netzwerk der Gegensätzlichkeit gefangen, in ein einziges Gewand des Schicksals gekleidet. Was immer einen direkt betrifft, betrifft alle indirekt.
    Ich sehe die Arbeit, die wir hier bei der NCSE leisten aus der selben Warte. Studenten eine wissenschaftliche Ausbildung zu verweigern ist eine Ungerechtigkeit. Lehrer oder Schuldistrikte oder Politiker oder Eltern, die als Störenfriede versuchen die öffentlichen Schulen dazu zu verwenden, ihre religiösen oder politischen Ansichten durchzusetzen erzeugen Ungerechtigkeit. Und in diesem Andenken habe ich nicht vor, über Ungerechtigkeit zu schweigen, besonders dann, wenn es von berühmten Wissenschaftlern stammt oder zur Folge hat, dass Wissenschaft für politische Zwecke missbraucht wird.

    Übersetzung: Joseph Wolsing und Manuela Lindkamp
    http://de.richarddawkins.net/foundation_articles/2014/12/14/-kein-rassist-im-herk-mmlichen-sinn#

    Weiter zum Bezugsartikel ncse.com
    http://ncse.com/blog/2014/12/not-racist-conventional-way-0016027
    VIELE LINKS

    ——————————–

  21. Neueste Forschungsergebnisse offenbaren: Gandhi wurde mit einer Klangschale erschlagen permalink
    4. Januar 2015 16:49

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/video/2312596/Philipp-Weber:-DURST—Warten-auf-Merlot

  22. Buddha brutal permalink
    6. Januar 2015 01:12

    Buddha brutal

    Für den Münchner Indologen Uwe Hartmann ist der Zen-Buddhismus ein besonders krasses Beispiel, wie Religion und Politik ineinander verschränkt sein können.
    Im Buddhismus gibt es einen latenten Widerspruch zwischen seinem radikalpazifistischen Anspruch und buddhistischer Realpolitik. Insofern unterscheidet er sich nicht von anderen Religionen.

    Im Kloster marschieren Kahlgeschorene in schwarzen Kutten in Reih und Glied, Gewehr geschultert, Augen geradeaus. Buddhistische Mönche begeben sich in Kasernen, um durch Zen-Meditation Offiziere für den Krieg zu stählen. Jugendliche werden als Kamikaze-Piloten in den sicheren Tod geschickt. Im Juli 1941 sammelt die Soto-Zen-Schule Spenden und schenkt der kaiserlichen Marine ein neues Kampfflugzeug mit dem Namen Soto Nr. 1!

    Japan im Zweiten Weltkrieg. Zu diesem Zeitpunkt sind die Hauptrichtungen des japanischen Zen, Shin, Soto und Rinzai, nicht nur staatstragend und kaisertreu, sondern sie liefern auch das ideologisch-religiöse Gerüst für die tapferen Soldaten. Für den Münchner Indologen Uwe Hartmann ist der Zen-Buddhismus ein besonders krasses Beispiel, wie Religion und Politik ineinander verschränkt sein können. »Wenn wir uns eine Religion anschauen, dann sehen wir die reine Lehre. Bei fremden Religionen unterschätzen wir dann völlig, dass da genau wie bei uns jede Menge Macht und Politik dahinter steht und dass jede Religion involviert ist in ein Umfeld«, sagt Hartmann.

    Ende des 19. Jahrhundert erlebte der Zen im neuen Japan eine Art Renaissance. Spätestens im japanisch-russischen Krieg 1904/05 wurde die dauerhafte Unterstützung des Militärs durch diese buddhistische Richtung etabliert. Es geht im »Soldaten-Zen« um innere Sammlung, Selbstbeherrschung und Schlagkraft. Der Krieg wird im »Buddhismus des Kaiserlichen Weges« zum Akt des Mitgefühls erklärt.

    Russland, später China und dann die USA wurden nicht nur zu Feinden Japans, sondern des Buddha selbst erklärt. Trotz millionenfacher Opfer tun sich die religiösen wie politischen Eliten Japans bis heute schwer, ihre Schuld an den japanischen Kriegsverbrechen einzugestehen. Und im Westen ist Zen mittlerweile sehr beliebt.

    Aber Japan ist alles andere als ein Gewaltausrutscher im weltweiten Buddhismus. Selbst im vermeintlichen Musterland des friedlichen Buddhismus, in Tibet, gab es innerhalb der religiösen Institution immer wieder heftige Kämpfe. Im 17. Jahrhundert gelang es den Gelugpas, Anhänger einer Richtung innerhalb des tibetischen Buddhismus, mit Hilfe der Mongolen, ihre innertibetischen Gegner auszuschalten. Sie führten eine neue Herrschaftsform mit dem Dalai Lama an der Spitze ein, die im Grunde bis zur chinesischen Okkupation 1950 Bestand hatte.

    In der Literatur ist sogar immer wieder von Mönchsarmeen die Rede. Ein Widerspruch in sich, haben sich doch gerade Mönche und Nonnen zur absoluten Gewaltfreiheit verpflichtet. »Es gibt im tibetischen Buddhismus verschiedene Schulrichtungen und die haben sich in ihrer Geschichte öfter auch nicht nur mit den Waffen des Geistes bekämpft«, erklärt Buddhismusforscher Uwe Hartmann.

    Auch in anderen Ländern zeigt sich der Buddhismus gewalttätig, bis heute. Zu nennen ist etwa der blutige Bürgerkrieg in Sri Lanka zwischen buddhistischen Singhalesen und hinduistischen Tamilen. Oder der gegenwärtige Konflikt zwischen malaiischen Muslimen und Thai-Buddhisten im Süden Thailands. Es habe immer schon eine Diskrepanz zwischen einem radikalpazifistischen Anspruch und einer buddhistischen Realpolitik gegeben, sagt Hartmann: »Was der Buddha selbst gelehrt hat, wissen wir nicht, weil hunderte Jahre zwischen seinem Leben und den ersten Aufzeichnungen, die für uns zugänglich sind, liegen. Aber die älteste Form der Überlieferung ist klar gegen Gewalt positioniert, stärker noch als im Christentum! Im Buddhismus wird das Tötungsverbot auch auf Tiere ausgeweitet und es gibt eine weitere Aufforderung von Berufen Abstand zu nehmen, die anderen Lebewesen Leid verursachen, also beispielsweise Jäger, Fischer oder auch Soldat.«

    Auf Fisch und Fleisch kann Mensch schon verzichten. Aber auf bewaffnete Polizei oder Armeen, die die innere Sicherheit garantieren und das Land vor aggressiven Mächten schützen? Indologe Uwe Hartmann bezweifelt denn auch, dass es je eine völlige Gewaltfreiheit im Buddhismus gegeben hat. Ein Erfolg der Ausbreitung des Buddhismus in Asien erkläre sich letztlich auch damit, dass sich Buddha selbst in die Politik gar nicht erst eingemischt habe, um auf diese Einfluss zu nehmen. »Es gibt genügend Dialoge, in denen der Buddha mit Fürsten, Königen, Ministern und auch Soldaten spricht. Gesellschaftliche Verhältnisse werden nicht grundsätzlich in Frage gestellt«, sagt Hartmann.

    Das Ideal des Einzelnen aber bleibt die Gewaltlosigkeit, um den ewigen Kreislauf des Lebens eines Tages vielleicht endlich hin zum Nirwana verlassen zu können. Aber machen sich es da Buddhisten nicht zu einfach? Man zieht sich meditierend aus der Welt zurück und sammelt gutes Karma, während andere für die innere und äußere Sicherheit notfalls auch mit Waffengewalt zu sorgen haben, damit aber schlechtes Karma ansammeln? Oder anders herum gefragt: Ist Nichtstun nicht vielleicht sogar schlimmer, als sich schützend vor den Bedrängten zu stellen? Sammelt der nicht gerade schlechtes Karma an, wer in Not und Bedrängung nichts unternimmt? Spräche nicht einiges aus buddhistischer Verantwortung gerade dafür, Soldat zu werden, um Mord, Vergewaltigung und Vertreibung zu verhindern? Und sind kämpfende Mönche deshalb am stärksten im Einklang mit ihrer Religion? Dazu gibt es, so scheint es, keine befriedigenden Antworten. Indologe Uwe Hartmann kennt zumindest in buddhistisch geprägten Ländern keine friedensethischen Debatten.

    Der Buddhismus in seiner gut zweieinhalbtausendjährigen Geschichte hat sich in viele Zweige und Schulen ausgebreitet. Wer in ihm aber die Lösung der Weltfriedensprobleme sieht, der sitzt für Uwe Hartmann einem gewaltigen Religionsirrtum auf: »Das ist das Grundproblem, dass wir im Westen etwas in den Buddhismus hinein mystifizieren, was in dieser Weise nicht drin ist. Die Menschen in den buddhistischen Ländern sind so anständig, so brav, so gut wie die Menschen in christlichen Ländern. Unsere Vorstellung vom Buddhismus im Westen, das ist nicht der Buddhismus, wie er in asiatischen Ländern gelebt und praktiziert wird. Das ist eine Verklärung, das ist ein Mythos.«

    http://www.neues-deutschland.de/artikel/956641.buddha-brutal.html

  23. Indien: Minister fordert "Heilung" von Homosexuellen Mit Umerziehungslagern will ein Politiker der regierenden hinduistischen Partei Schwule, Lesben und Transsexuelle bekehren permalink
    14. Januar 2015 08:43

    Indien: Minister fordert „Heilung“ von Homosexuellen

    Mit Umerziehungslagern will ein Politiker der regierenden hinduistischen Partei Schwule, Lesben und Transsexuelle bekehren.

    Ramesh Tawadkar, der Sport- und Jugendminister von Goa, hat mit Äußerungen zur „Heilung“ von Homosexualität am Montag in Indien für Empörung gesorgt. Er erklärte, dass Homo-, Bi- und Transsexuelle mit anonymen Alkoholikern gleichzusetzen seien, und ebenfalls therapiert werden könnten. „Wir werden sie zu normalen Menschen machen. Wir werden ein Zentrum für sie einrichten“, sagte Ramesh Tawadkar laut indischen Medienberichten am Rande einer Veranstaltung am Montag in Panaji. Demnach erklärte er, in dem Umerziehungslager würden die Insassen auch mit Medikamenten behandelt werden, um sie zu Heterosexuellen zu machen.

    In den Medien und sozialen Netzwerken wurden die Äußerungen des Ministers scharf kritisiert. Die Journalistin Barkha Dutt erklärte etwa via Twitter: „Was geheilt werden muss, werter Herr Minister, ist nicht Homosexualität, sondern Ihre unzeitgemäße, unsensible und intolerante Denkweise.“ Priyanka Chaturvedi, die Sprecherin der oppositionellen Kongresspartei, nannte die Äußerungen von Tawadkar „krank“.

    Dementi nach heftiger Kritik

    Inzwischen ist der Minister nach der Kritik zurückgerudert. Er behauptete am Dienstag gegenüber dem „Wall Street Journal“, dass seine Aussage bewusst falsch verstanden wurde. Sprecher seiner Partei erklärten, dass es in Goa keine Pläne gebe, Umerziehungslager für Homosexuelle einzurichten.

    Der Minister ist Mitglied der nationalistischen Hindu-Partei BJP, die Mitte 2014 auf Bundesebene die Macht übernommen hatte. Die BJP hat sich in der Vergangenheit für das Verbot von Homosexualität ausgesprochen, ist aber seit ihrem Wahlsieg im vergangenen Jahr kaum auf das Thema eingegangen.

    In der Vergangenheit hatten sich auch Politiker der Kongresspartei homophob geäußert. So bezeichnete 2011 der damalige Gesundheitsminister Ghulam Nabi Azad Homosexualität als westliche Krankheit (queer.de berichtete).

    In Indien steht derzeit auf homosexuellen Geschlechtsverkehr bis zu zehn Jahre Haft. Der Anti-Homo-Paragraf 377, der 1860 eingeführt worden war, ist ein Relikt der britischen Kolonialzeit. 2009 erklärte ein Gericht in Neu-Delihi das Gesetz für verfassungswidrig (queer.de berichtete). Allerdings revidierte der oberste Gerichtshof Indiens im Dezember 2013 diese Entscheidung und führte das Homo-Verbot wieder ein (queer.de berichtete). Seither sind laut Zahlen des Innenministerium bereits mindestens 600 Menschen wegen Homosexualität verhaftet worden (queer.de berichtete). (dk)

    http://www.queer.de/detail.php?article_id=23019

    • War Gandhi bisexuell? --- Enthüllungen um Mahatma Ghandi Biografie sorgt für Aufregung um Ghandis Sex-Leben permalink
      2. Februar 2015 01:36

      War Gandhi bisexuell?

      Eine neue Biografie beschreibt Mahatma Gandhi als Bisexuellen, der in einem jüdisch-deutschen Architekten und Bodybuilder verliebt gewesen sein soll – Gandhi soll auch rassistisches Gedankengut vertreten haben.

      Pulitzer-Preisträger Joseph Lelyveld, der frühere Chefredakteur der renommierten „New York Times“, hat in seinem am Dienstag erscheinenden Buch „Great Soul: Mahatma Gandhi and His Struggle with India“
      umstrittene Thesen über den 1948 ermordeten indischen Politiker aufgestellt. Gandhi soll demnach ein „sexuell Ausgeflippter“ gewesen sein, der mit minderjährigen Anhängerinnen Sex gehabt haben soll. So habe er als 70-Jähriger eine Affäre mit seiner 17-jährigen Nichte gehabt. Sein Herz soll aber Hermann Kallenbach geschlagen haben, den er 1904 in Südafrika getroffen hatte und für den er seine Frau verlassen haben soll.

      Lelyveld zitiert aus einem Brief Gandhis an Kallenbach, in dem er sich als sexueller „Sklave“ des Deutschen bezeichnet. Kallenbach habe „Besitz von meinem Körper“ genommen, schreibt Gandhi. Sich selbst habe der Inder als „Oberhaus“ bezeichnet, Kallenbach als „Unterhaus“. Autor Lelyveld schreibt: „Er hat vom Unterhaus das Versprechen abgenommen, ’nicht lustvoll auf Frauen‘ zu schauen“. Gandhi bezeichnete die Beziehung dem Buch zufolge als „Liebe, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.“ In Südafrika hat das Paar zwei Jahre lang in einem Haus gelebt, das Kallenbach gebaut hat. Gandhi selbst, der sexuelle Enthaltsamkeit propagierte, soll dennoch mit jungen Frauen aus seinem Gefolge geschlafen haben.
      Fortsetzung nach Anzeige

      Politisch habe Gandhi vor allem das Interesse gehabt, für sich selbst Werbung zu machen. Deshalb sei er politischen Moden hinterhergelaufen, sei aber „politisch inkompetent“ geblieben, so Lelyveld. Viel gefährlicher für das Andenken an Gandhi könnte die Behauptung werden, der friedensliebende Revolutionär sei ein Rassist gewesen. So habe Gandhi geschrieben: „Wir wurden in ein Gefängnis gesteckt, das für Kaffer reserviert war“. „Kaffer“ ist ein rassistischer Ausdruck für schwarze Afrikaner. „Wir konnten nicht verstehen, warum wir nicht als Weiß eingestuft wurden. Auf dem selben Stand zu stehen wie die Eingeborenen war zu viel für uns. Kaffer sind immer unzivilisiert“, so Gandhi laut Lelyveld in einem Brief an Kallenbach.

      In seiner Autobiografie hatte Gandhi Kallenbach als „Seelenverwandten“ bezeichnet, aber nichts von einer sexuellen Beziehung erwähnt. Kallenbach starb 1945 an Malaria, knapp drei Jahre bevor Gandhi in Neu-Delhi erschossen wurde. (dk)

      http://www.queer.de/detail.php?article_id=13948

      ————————————————–

      Enthüllungen um Mahatma Ghandi
      Biografie sorgt für Aufregung um Ghandis Sex-Leben

      Mit seiner Gandhi-Biografie sorgt der ehemalige Chefredakteur der «New York Times» für Aufregung. Angeblich enthülle das Buch Einzelheiten über Gandhis Sexleben.

      Eine weitere Biografie enthüllt brisante Einzelheiten aus dem Sexleben des indischen Widerstandskämpfers Mahatma Gandhi.

      Die neue Gandhi-Biografie des ehemaligen Chefredakteurs der «New York Times», Joseph Lelyveld, sorgt für heftige Kontroversen. Laut Medienberichten enthülle Lelyveld Einzelheiten über Gandhis Sexleben.

      Vorab-Berichte britischer und US-Medien zitieren Passagen aus der Biografie, die auf eine homosexuelle Beziehung des Unabhängigkeitskämpfers mit dem deutsch-jüdischen Architekten Hermann Kallenbach hindeuten. Auch Hinweise auf rassistische Äußerungen seien in der Biografie zu finden.

      Lelyveld verwahrt sich vehement gegen Vorab-Berichte, wonach er den indischen Unabhängigkeitskämpfer als einen rassistischen Bisexuellen darstelle, der seine Frau für einen deutschen Architekten und Bodybuilder verlässt. »Ich behaupte weder, dass Mahatma Gandhi rassistisch, noch, dass er bisexuell war», erklärte der Autor am Dienstag über seinen Verleger Alfred A. Knopf.

      Die britische «Daily Mail» titelte: «Neues Buch enthüllt – Gandhi ‚verließ seine Frau, um mit einem männlichen Liebhaber zusammenzuleben’». Der «Daily Telegraph» schrieb in seiner Buchkritik, der Held des gewaltlosen Widerstands gegen die britische Besatzungsmacht in Indien habe «rassistische Ansichten gegenüber den Schwarzen in Südafrika vertreten». Laut «Wall Street Journal» beschreibt die Biografie Gandhi als «sexuellen Spinner und politischen Nichtskönner», der sklavisch jedem Trend hinterhergelaufen sei. Lelyveld mache mehr als deutlich, dass Gandhis «Liebe seines Lebens» Kallenbach gewesen sei.

      Briefe sollen auf homosexuelle Beziehung andeuten

      Tatsächlich lebte Gandhi während seiner Zeit in Südafrika rund zwei Jahre lang zusammen mit dem Architekten in Johannesburg. 1914 kehrte er in seine Heimat zurück. Die Zeitungen berufen sich auf Lelyvelds Zitate aus Briefen des indischen Uanbhängigkeitskämpfers.

      In den Briefen heißt es unter anderem: «Du hast völlig von meinem Körper Besitz ergriffen. Das ist totale Sklaverei». In einem anderen Brief schreibt er: «Dein Bild (das Einzige) steht auf dem Kaminsims in meinem Schlafzimmer».

      Lelyveld wirft den Buchkritikern vor, seine Biografie völlig «entstellt» wiederzugeben. «Das Wort ‚bisexuell‘ taucht kein einziges Mal in meinem Buch auf. Das Wort ‚rassistisch‘ kommt nur einmal vor, um Kommentare Gandhis zu Beginn seines Südafrika-Aufenthalts zu charakterisieren – das Kapitel kommt auf keinen Fall zu dem Schluss, dass er rassistisch war.»

      Empörung und Wut in Indien über Medienberichte

      In Indien stoßen die Buchbesprechungen auf heftige Kommentare. «Westliche Autoren haben eine morbide Faszination für Gandhis Sexleben», sagte sein Urenkel Tushar Gandhi einer Lokalzeitung von Neu Delhi. «Damit können sie ihre Bücher besser verkaufen».

      Indische Buchläden waren sich zunächst nicht sicher, ob sie die Biografie zum Verkauf anbieten sollten.

      Ghandi-Experte: Ghandi war nicht homosexuell

      Gandhi-Experte Jad Adams, der im vergangenen Jahr mit Enthüllungen über Gandhis angeblich zahllose Affären mit jungen Anhängerinnen für Entrüstung sorgte, wies die Vermutungen zurück, der indische Held könne bisexuell gewesen sein. «Hätte er homosexuelle Akte begangen, gäbe es mannigfach Hinweise darauf», sagte Adams.

      Er erklärte, dass Gandhi in seinen Briefen und Predigten häufig den Begriff «Liebe» benutzt habe. Nach Auffassung des Gandhi-Experten war der Architekt Kallenbach homosexuell und fühlte sich stark zu Gandhi hingezogen.

      Gandhi, der mit seiner Frau vier Kinder hatte, habe diese Liebe jedoch nie erwidert. Gandhis Enkelin Tara Bhattacharjee erklärte alle Versuche für «engstirnig, den Mann aufgrund seiner Freundschaften zu diskreditieren, der uns das Geschenk der Gewaltlosigkeit brachte». AZ

      http://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/Biografie-sorgt-fuer-Aufregung-um-Ghandis-Sex-Leben-id14506696.html

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