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Kettenjobber, Leiharbeiter, Forschungsknechte

29. Mai 2012

Von Franziska Reif

Examen, Promotion, Weiterqualifizierung – so beginnt eine akademische Karriere. Im Idealfall. Wer in der Welt der Wissenschaft Fuß fassen will, muss oft jahrelang die Zähne zusammenbeißen. Sechs junge Uni-Arbeiter erzählen, welche Strapazen und Ungerechtigkeiten sie erdulden.

Isaac Newton war kontaktscheu, hatte keine Auslandserfahrung und nur eine recht kurze Publikationsliste aufzuweisen. Heute würde man ihn als unflexibel und wenig produktiv bezeichnen. Eine wissenschaftliche Karriere, gar eine Professur in Cambridge, könnte er mangels Relevanz und Impact nicht antreten – und doch gilt er als einer der größten Wissenschaftler aller Zeiten.

Erfolgreiche Drittmitteleinwerbung, eine wie magisch wachsende Publikationsliste und häufiges Zitiertwerden gelten als Kriterien für einen guten Wissenschaftler. Der Weg dahin ist steinig: Eine Studie des Hannoveraner Hochschul-Informations-Systems (HIS) ermittelte 2010 viel Unzufriedenheit unter Jungwissenschaftlern in der Phase zwischen Uni-Abschluss und Doktortitel. An außeruniversitären Einrichtungen waren sie etwas zufriedener mit Punkten wie Arbeitsinhalten, Weiterbildungsmöglichkeiten, Familienfreundlichkeit, Karrierechancen. An Universitäten wird man in der Regel nicht angestellt, um zu promovieren. Wissenschaftliche Hilfskräfte arbeiten meist laut Vertrag 19 Wochenstunden und sollen die übrige Zeit zur Weiterqualifikation nutzen. Die Verträge haben jedoch selten eine Laufzeit von zwei oder mehr Jahren. Schnell entsteht ein Flickenteppich aus verschiedensten Beschäftigungen – und die Nebenjobs zum Lebensunterhalt rauben die Zeit für eigene Forschung. Derart gestückelt sind die Beschäftigungsverhältnisse an außeruniversitären Einrichtungen nicht unbedingt. Üblich sind dort Verträge über zwei oder drei Jahre mit 40 Stunden, von denen aber nur 19 Stunden bezahlt werden. Kein Wunder, dass die HIS-Studie hier eine größere Unzufriedenheit mit der Bezahlung ergab. Und auch in eine ungewisse berufliche Zukunft blicken diese Nachwuchswissenschaftler.

Planbar ist weder die Karriere noch der Rest des Lebens – Wohnortwahl, Freundeskreis, Familiengründung. Auch Zufriedenheit mit Jobinhalten und Arbeitsklima kann das nicht wettmachen. Zudem sind viele von der Förderung durch ihre Betreuer enttäuscht, unabhängig von Fachrichtung, Institution und Beschäftigungsverhältnis. Manchen Doktorvätern und -müttern fehlt das Interesse, anderen die Zeit, weil sie zu viele Promovenden annehmen und mit der Zahl der betreuten Arbeiten Kollegen zu beeindrucken versuchen.Die Doktoranden hoffen, dass drei Jahre des Zähne-Zusammenbeißens sich auszahlen. Beschwerden sind selten: Bloß nicht auffallen, aus Angst vor schlechter Benotung und davor, nach der Promotion keine Stelle zu bekommen. Darum wollen die sechs jungen Wissenschaftler, die sich hier äußern, ihre echten Namen lieber nicht nennen.

Der Zuversichtliche: „Das findet sich schon“

Der Hydrologe Martin Reiter hat eine Promotionsstelle an einem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und berichtet von angenehmen Arbeitsbedingungen, wenigen Überstunden und einer guten Ausstattung. Dass von den 40 Wochenarbeitsstunden lediglich 19 bezahlt werden, entlockt ihm nur ein Schulterzucken. Ebenso akzeptiert er allerlei Zuarbeiten für den Chef, die der Vertrag nicht vorsieht: „Bei mir hält sich das alles in Grenzen, so dass ich auch zu dem komme, wofür ich eingestellt wurde.“ Die Stelle läuft zwei Jahre, danach ist ein Jahr Arbeitslosigkeit eingeplant, in dem er die Doktorarbeit schreibt will. Diesen Plan, der nicht von ihm, sondern von seinem Chef stammt, findet er nicht ungewöhnlich. Mit dem Doktortitel will Reiter weiter in der Forschung arbeiten, gern auch beim selben Arbeitgeber. Auch wenn er keine Zusage hat: „Das findet sich schon“, sagt Reiter zuversichtlich; in seinem Bereich gebe es gerade viele Stellen – „ich kenne keine arbeitslosen Hydrologen“.

Die Ernüchterte: „Billige Arbeitssklaven“

Nach Werkverträgen hat Physikerin Katja Runge, 30, nun eine Promotionsstelle bei der Max-Planck-Gesellschaft (MPG). Positiv: die Ausstattung und die Forschung an einem selbst gewählten Thema. Negativ: Von 40 Stunden werden ebenfalls nur 19 vergütet – und Überstunden stillschweigend erwartet. „Weil man die Chance bekommen hat, drei Jahre für die MPG und an der eigenen Qualifikation zu arbeiten, soll man für die etwa 1000 Euro monatlich dankbar sein“, so Runge. „Mit dem Geld kann man zurechtkommen, aber auf Dauer ist das eigentlich kein Leben.“ Ihr Betreuer hält’s mit dem Motto „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ und sieht die 30-Jährige noch als Studentin. Schwer hinnehmbar findet Runge, dass die meiste Forschungsarbeit in den Naturwissenschaften prekär gehaltene Doktoranden erledigen, die zudem untereinander konkurrieren. Die Rolle als „Forschungsknechte“ oder „billige Arbeitssklaven“ werde von allen Beteiligten geduldet. Kurz vor Fertigstellung ihrer Promotion sagt sie: „Als Studentin war mir nicht bewusst, wie krass die Umstände sind und wie hoch der Druck ist. Heute würde ich mich wohl nicht noch mal für die Wissenschaft entscheiden, sondern lieber die Industrie wählen – dabei wollte ich dort auf keinen Fall arbeiten.“ Ihre Empfehlung an andere, die in der Wissenschaft Fuß fassen wollen: „Lasst euch kein Thema aufschwatzen, mit dem ihr nicht leben könnt, bewahrt kritische Distanz zu den Doktorvätern, fordert ein, was euch zusteht!“

Der Überbrückungskünstler: Geh doch mal hartzen

Den Flickenteppich an Wissenschaftsjobs kennt Hendrik Lipp nur zu gut. Der Sozialwissenschaftler ist ein Überbrückungskünstler und arbeitet zwischen den befristeten Verträgen, die er dank des guten Kontakts zu seinem Professor immer wieder unterschreiben darf, freiberuflich: Mal wertet er fünf Wochen eine Umfrage aus, arbeitet dann ein halbes Jahr an der Uni, betreut drei Monate ein Musikfestival – bis zum nächsten Uni-Vertrag für zwei Monate. 15 Euro pro Semesterwochenstunde bekommt er für Seminar-Lehraufträge. Macht zum Ende des Semesters 400 Euro, die Betreuung von Hausarbeiten erledigt Lipp gratis. Mit der Uni-Personalabteilung hat er einen Deal, damit das Gehalt nicht mit dem Hartz IV für Aufstocker verrechnet wird. Phasenweise muss er ausschließlich von der Grundsicherung leben. Platzt die Weiterförderung für ein Projekt, von der auch seine Vertragsverlängerung abhängt, steht er von einem Tag auf den anderen auf der Straße. Oder in der Schlange vorm Amt. Für den Lehrstuhlinhaber indes ändert sich wenig. „Und weil ich notorisch Geld brauche, nehme ich immer wieder neue Aufträge an, so dass mir die Zeit für die Arbeit an meiner Diss fehlt“, so Lipp. „Das Schlimmste ist, dass ich überhaupt nichts planen kann.“ Auch nicht das Familienleben. Denn Lipp möchte Kinder haben. Er wünscht sich einfach eine längerfristige Stelle plus Zeit für den Doktortitel – der ihm wiederum bessere Jobchancen eröffnen könnte.

Die Kettenjobberin: „Wir sind Leiharbeiter“

Nachwuchs? Hat Marion Dubzak längst von ihrer Wunschliste ans Leben gestrichen. Die Wirtschaftswissenschaftlerin hatte in den letzten drei Jahren 14 Hilfskraftverträge, teils parallel, der längste über sechs Monate, darunter auch Stellen mit neun Wochenstunden – wie soll man davon leben? Mitunter gab es für sie nicht einmal einen Büroarbeitsplatz. Drei der sechs Jahre im vorgesehenen Zeitfenster für die Weiterqualifikation hat das Jobben bereits gefressen. Die (natürlich unbezahlten) Überstunden verhindern fürs Überleben wichtige Zweitjobs, für die Promotion bleibt auch kaum Zeit. Die Arbeit an der Fakultät macht Dubzak Spaß, aber es frustriert sie, dass sie sich unter Wert verkaufen muss. Deshalb spielt sie mit dem Gedanken an einen sicheren Job außerhalb der Wissenschaft nach der Promotion: „30, 40 Stunden, wenn sie denn bezahlt werden, könnten mir endlich finanzielle Sicherheit geben.“ Inzwischen finanziert ein Stipendium ihre Dissertation, denn „Promovieren mit vielen kurzfristigen Mini-Stellen ist doch fast unmöglich“. Man müsse auch „rumjetten“, präsent sein auf Konferenzen, netzwerken in der wissenschaftlichen Community. Den wissenschaftlichen Nachwuchs nennt Dubzak „Leiharbeiter“. Ihr fehlt Verständnis dafür, dass so viele sich alles gefallen lassen: „Es ist skandalös, wie die Leute ausgenutzt werden – und dass sie sich bereitwillig ausnutzen lassen, mangels Alternativen oder in der Hoffnung, dass sie irgendwann irgendwas davon haben.“

Der Überstundenschieber: Abbummeln? Wie denn?

Gar nicht erst promovieren möchte Kai Rückert: „Ich sehe nicht, dass dieser enorme Aufwand mir was bringen könnte.“ Dennoch ist der Politologe wissenschaftlich tätig. In einem größeren Forschungsprojekt bereitet er für die Max-Planck-Gesellschaft Tests vor, koordiniert den Versuchsaufbau, übernimmt die Durchführung. Diese Verantwortung und auch der inhaltliche Anspruch existieren allerdings nur inoffiziell. Offiziell ist er Aushilfskraft, der Vertrag ein Werkvertrag, schon das zweite Mal befristet auf ein halbes Jahr. Vorgesehen sind zehn Arbeitsstunden à zehn Euro brutto pro Woche. Für die Anforderungen des Jobs reicht das nicht, also macht Rückert Überstunden. Die sind an seinem Institut nicht erlaubt, also offiziell auch nicht vorhanden. Seine Chefin sagte lapidar: „Das gleicht sich irgendwann aus.“ Wann? Steht in den Sternen. Zum Abbummeln wird er bis zum Projektende kaum kommen. Sofern er überhaupt bis dahin bleiben kann. Wegen der Überstunden kann Rückert auch keinem anderen Job nachgehen, lebt daher vom Gehalt seiner Frau. Trotz allem bewertet er seine Situation nicht nur negativ: „Der Job ist angenehm. Mir gefällt die Verantwortung, auch die Abwechslung in der Arbeit.“

Das Mädchen für alle: Bald ist sie weg

Doreen Helm sieht ihre Zukunft ebenfalls nicht in der Wissenschaft: „Ich bin so breit aufgestellt, ich kann in vielen Bereichen unterkommen“, sagt die Germanistin mit weiteren Abschlüssen in Kulturwissenschaft und Ethnologie. Nach dem Studium hat sie eine halbe Verwaltungsstelle an einer Philologischen Fakultät angenommen, mit Aufgaben wie Pflege der Homepage und Evaluation der Lehrveranstaltungen. Der Vertrag läuft noch vier Monate. „Auf Dauer ist die Stelle unattraktiv, weil man letztlich nur Akten abarbeitet und für viel Arbeit wenig Geld bekommt“, so Helm. Was ihr richtig auf die Nerven geht: Kollegen, die ihr gegenüber gar nicht weisungsbefugt sind, betrachten sie als ständig verfügbar und übertragen ihr Tätigkeiten wie das Abtippen und Verteilen der Protokolle von Sitzungen im Fachbereich. Bei nichtöffentlichen Sitzungen bewegt sie sich juristisch auf dünnem Eis, weil sie von Dingen Kenntnis erhält, die sie gar nicht wissen darf. Die Chefin ist froh, dass die Arbeiten erledigt werden, die Kollegen, die sich so gern als Chefs gebärden, sehen kein Problem. Helm zweifelt, ob es „Sinn hat, dieses Verhalten abstellen zu wollen. Spätestens in einem halben Jahr sitzt ja jemand anders auf der Stelle.“

Quelle: Spiegel

One Comment leave one →
  1. Hausarbeiter permalink
    29. Juni 2013 09:45

    Konfliktfeld Hausarbeit

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