Zum Inhalt springen

Streikende demonstrieren in Würzburg

19. Mai 2011

Beschäftigte des Druckmaschinenherstellers KBA tragen Protest gegen Arbeitsplatzvernichtung zum Unternehmenssitz. Kein Streikbrecher bei bislang zweiwöchigem Ausstand.

Interessiert steht die Reisegruppe vor der Würzburger »Residenz«. Wie täglich 10000 andere Menschen sind die niederländischen Rentner in das fränkische Städtchen gekommen, um das barocke Schloß und andere Sehenswürdigkeiten zu bestaunen und eines der vielen Weingüter der Region zu besuchen. Plötzlich ertönen von der anderen Seite des Platzes Sirenen und lautes Hupen. Die Touristen drehen sich erschreckt um. Mehrere hundert Arbeiter marschieren mit roten Fahnen, Schildern und Transparenten die Straße entlang. Sie sind am Morgen aus dem pfälzischen Frankenthal aufgebrochen, um ihren Protest zum Stammsitz ihres Arbeitgebers zu tragen: dem Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer (KBA). Denn dieser will mindestens 250 Beschäftigte auf die Straße setzen.

Seit zwei Wochen sind die rund 660 Maschinenbauer aus Frankenthal im Streik. »Bei uns gibt es keinen einzigen Streikbrecher«, berichtet ein 49jähriger Arbeiter stolz. »Die Belegschaft hält komplett zusammen – nur so geht’s.« Fast alle sind an diesem Tag nach Würzburg gekommen. Der Rest ist vor den Werkstoren geblieben, um den eventuellen Abtransport fertiggestellter Druckmaschinen zu verhindern. Das hatte das Management schon vor einigen Tagen erfolglos versucht. »Wir haben keine Alternative, als zu kämpfen«, meint ein Konstrukteur. »Ich bin jetzt 51. Da findet man nicht mehr so leicht was Neues.« Daß er selbst nicht direkt von der geplanten Verlagerung der Falzapparatefertigung nach Würzburg betroffen ist, beruhigt den Mann mit dem gelben T-Shirt und der Aufschrift »KBA-Streik 2011: Ich bin dabei« nicht. »Wenn hier noch weiter abgebaut wird, ist klar, daß das Werk keine Überlebenschance hat. Das ist eine Schließung auf Raten.« 2003 haben in der traditionsreichen Fabrik noch 1300 Menschen gearbeitet, zuvor waren es bis zu 2000. Es folgte eine Abbauwelle auf die nächste. Von den verbliebenen 660 Mitarbeitern werden bis Jahresende 60 weitere gehen – und noch 200 mehr, falls die Verlagerungspläne umgesetzt werden.

Einer hält ein selbstgemaltes Schild in der Hand. »150 Jahre gehen zu Ende – wer zahlt unsere Rente?« steht darauf. »Unsere Fabrik ist eine der ältesten im Ort«, erläutert der Maschinenschlosser. Auch er befürchtet, das in diesem Jahr anstehende 150jährige Werksjubiläum könnte das letzte sein. Für den Vater von zwei Kindern wäre das eine Katastrophe. »Eine Arbeit, wie ich sie jetzt habe, finde ich bestimmt nicht mehr«, glaubt er. Wenn überhaupt, werde er wahrscheinlich in Leiharbeit landen, mit deutlich weniger Lohn. Daß der Konzern erneut beim Personal kürzen will, kann der Mann, der seit 34 Jahren bei der Firma angestellt ist, nicht verstehen. »Denen geht es doch nur ums Geld, um die Renditen«, meint er. Der Verweis des KBA-Managements auf die verheerende Absatzkrise überzeugt ihn nicht. »Daß der Absatz zurückgeht, hat man ja schon lange gewußt. Aber das hat die gar nicht interessiert.« Vom Betriebsrat vorgeschlagene Alternativen seien allesamt ignoriert worden.

An seine rote IG-Metall-Schirmmütze hat der Arbeiter einen großen Button mit der Aufschrift »KBA muß leben« gepinnt. Das A ähnelt dem Logo der Arbeitsagentur. In seine Ohren hat er Stöpsel. Fast alle haben Tröten in der Hand, es ist unglaublich laut. Einer trägt sogar eine alte Feuerwehrsirene auf der Schulter. »Es geht ums Überleben«, sagt er ernst. Der 41jährige Facharbeiter hat zwei Kinder zu ernähren und ein Haus abzuzahlen. Eine Abfindung helfe da nicht weiter. »Wir wollen nicht anderes, als unsere Arbeit weitermachen«, meint der Mann, der schon seine Ausbildung bei KBA gemacht hat. Er hat erlebt, wie die Belegschaft immer weiter verkleinert wurde. »Irgendwann hat man die Schnauze voll, da ist einfach Schluß«, sagt er und kurbelt heftig an der aufheulenden Sirene.

Die Demonstration endet auf dem Marktplatz, vor der Marienkapelle aus dem 14. Jahrhundert. In vorderer Reihe halten Arbeiter ein meterlanges Transparent, auf dem »Solidarität mit den Streikenden von KBA Frankenthal« und viele Unterschriften stehen. Solidarisch zeigt sich sogar ein Vertreter der tschechischen Metallarbeitergewerkschaft. Auf der Kundgebung berichtet er, daß am dortigen KBA-Standort ein Drittel der insgesamt 350 Arbeitsplätze abgebaut wurden. Auch das Stammwerk Würzburg sei höchstwahrscheinlich von Stellenstreichungen betroffen, fügt der Frankenthaler Betriebsratschef Michael Gasbarri hinzu. »Das wollen wir nicht zulassen – an keinem der Standorte«, ruft er.

Der Würzburger IG-Metall-Bevollmächtigte Walther Mann greift den KBA-Vorstandsvorsitzenden Helge Hansen scharf an. »Hansen meint es nicht ehrlich mit der Belegschaft, und er lügt die Öffentlichkeit an«, sagt er. Der KBA-Boß hatte bei Vorstellung des Quartalsberichts erklärt, er bemühe sich intensiv um einen »konstruktiven Dialog« mit der Belegschaft und eine »für beide Seiten akzeptable Lösung«. Mann zufolge ist das Gegenteil der Fall. »Der Verantwortliche im Vorstand verhält sich so, als ob ihn die ganze Sache nichts anginge.« Die Arbeiter halten Schilder in die Höhe, auf denen das Bild ihres Chefs mit Aufschriften wie »Totengräber« und »Arbeitsplatzvernichter« abgebildet ist. »Ihn allein trifft die Schuld für die momentanen Streikmaßnahmen und all ihre Auswirkungen«, stellt Mann klar. »Jeden Tag, den wir länger streiken, wird unsere Meßlatte höher«, droht der Frankenthaler IG-Metall-Bevollmächtigte Günter Hoetzl. In bislang 13 Verhandlungsrunden habe die KBA-Spitze kein akzeptables Angebot vorgelegt. Sollte das bei der Fortsetzung der Gespräche in der kommenden Woche so bleiben, könnte Würzburg noch des Öfteren Besucher der anderen Art anziehen.

Daniel Behruzi, Junge Welt, 19.05.2011

Siehe auch die Solidaritätsseite mit dem Streik bei KBA

No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s