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Geschichte der IAA (Teil 3)

19. Mai 2011

Geschichte der IAA (Teil 3)

Alexander Schapiro: DIE TAKTIK DER IAA

Dies ist der dritte Teil einer Serie von 11 Teilen über die IAA, die den Kapiteln der Schrift „I. A. A. – 10 Jahre Internationaler Klassenkampf“ entsprechen. Eine Gedenkschrift zum 10-jähringen Bestehen der Internationalen Arbeiter-Assoziation von 1921-1931, mit Berichten von Augustin Souchy, Rudolf Rocker, Alexander Schapiro, Albert Jensen, Arthur Müller-Lehning, Pierre Besnard, Eusebio C. Carbo, Avelino Gonzalez Mallada, Armando Borghi, Gerhard H.W.: (d.i. Gerhard Wartenberg). Diese Schrift erschien 1932 in „Der Syndikalist“.

Alexander Schapiro

DIE TAKTIK DER IAA

Die Internationale Arbeiter Assoziation blickt auf ihr zehnjähriges Bestehen und ihre zehnjährige Tätigkeit zurück. Sie steht heute an der Schwelle einer Periode, wo das Denken der ganzen Welt von einem einzigen Hauptproblem erfasst ist — die ökonomische Krise — und alle Völker von einer einzigen Frage beherrscht werden: aus dieser Krise herauszukommen.

Aber man gibt sich schon Rechenschaft, dass auf dem Boden der Wirtschaftskrise eine andere Krise wächst: die politische Krise, oder vielmehr die Krise des Staates.

Die politische „Demokratie“ spielt ihre letzten Karten aus. Durch ihre nicht aufhörende Unstabilität und ihr offensichtliches Versagen ist sie verurteilt. Die politische Diktatur, zuerst eingesetzt von Lenin, dann nachgeahmt von Mussolini — ist eine heftige Reaktion gegen die Fäulnis, die durch die impotente Demokratie angehäuft wurde. Sie hält sich nur noch dank eines blutigen Terrors, der weder Kind noch Greis schont.

Vor einer solchen Situation, wo jeden Augenblick ein Weltzusammenbruch bevorstehen kann, sollte die Arbeiterklasse die Dringlichkeit erkennen, ihre zersplitterten Kräfte zu sammeln und ihr Schicksal selbst in die Hände zu nehmen.

Sie sollte durch radikale und schnelle Maßnahmen um die momentanen Schwierigkeiten herumkommen, den Kurs ändern und auf eine neue soziale Ordnung losgehen.

Wir geben uns heute Rechenschaft von einer unleugbaren Tatsache: die ökonomische Krise ist eine Weltkrise, die alle zivilisierten Länder umfasst, und die Millionen von Arbeitern aller Länder mit ins Elend hineinzieht. Auch die politische Krise ist eine internationale Krise. Alle Länder machen eine Epoche kritischer Schwankungen durch; alle politischen Begriffe sind im Schmelztiegel und die neuen Kristallisationen scheinen sich beim ersten Zusammenstoß mit der Wirklichkeit aufzulösen.

Trotz der Sonderinteressen, die sich gegenseitig befehden, und die für diese oder jene industrielle Vorherrschaft kämpfen, ist der Kapitalismus nichtsdestoweniger, als ganzes genommen, kosmopolitisch und international.

Die tiefgehenden Unterschiede, nationaler Feindschaft und nationaler Hass, welche die Staaten voneinander trennen und sie dazu treiben, Kriege zu führen, mögen sein, welche sie wollen — in einem Punkte sind Staaten und Regierungen der ganzen Welt sich nichtsdestoweniger einig, sehr einig sogar, wenn es nämlich gilt, sich gegen den Klassenfeind, das Proletariat, zusammenzuschließen.

Für die Arbeiterklasse war die internationale Solidarität niemals ein leeres Wort. Die Arbeiter aller Länder waren sich immer bewusst, dass das gemeinsame Schicksal, Unterdrückte und Ausgebeutete zu sein, sie untereinander verband.

Aber nach und nach begann ein anderer Gedanke sich mehr und mehr in den Reihen der bewussten Arbeiterschaft durchzusetzen: das dringende Bedürfnis zusammenzuhalten und den vereinigten Kräften des Kapitalismus und des Staates, organisiert und international, die Stirn zu bieten.

Aber während die internationalen Klassenkampforganisationen — reformistischer und bolschewistischer Tendenz — darauf aus sind, die sozialistische Idee mit der des Staates zu verbinden, stellt die Internationale Arbeiter Assoziation das Problem auf die einzige praktische Grundlage, die sich unvermeidlich aus den gegenwärtigen Krisen ergibt:   d e r   S o z i a l i s m u s   w i r d   z u r   T a t   d u r c h   d i e       V e r n i c h t u n g   d e s   K a p i t a l i s m u s   u n d   d e s   S t a a t e s ,   oder er wird nicht sein.

Die IAA ruft das klassenbewusste und organisierte Proletariat aller Länder auf zur Lösung des einzig entscheidenden Problems von heute: zur Organisierung einer sozialen Ordnung ohne Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und ohne Beherrschung des Menschen durch den Menschen: d. h. einer Gesellschaft ohne Kapitalismus und ohne Staat.

Das Endziel ist eindeutig festgelegt. Es trennt uns endgültig und unwiderruflich von allen   s t a a t s sozialistischen Systemen, ob sie reformistisch oder diktatorisch sind. Jetzt ist die Frage: wie soll die gegenwärtige Taktik der föderalistischen und freiheitlichen Revolutionäre und ihrer Klassenorganisation sein, um den Kampf erfolgreich zu diesem Ziel zu führen?

Die IAA stellt als ersten Punkt ihre Programms die tatsächliche Organisierung der Arbeiter und Bauern aller Länder auf.

Für eine wirksame Organisierung dieser Kräfte sind drei Grundbedingungen Voraussetzung:

Die maßgebenden Prinzipien der nationalen Sektionen müssen in allen Ländern dieselben sein.

Die Formen dieser Organisationen sollen sich nach und nach in ihrem Aufbau einander angleichen.

Die Kampfmethoden sollen auf einer gemeinsamen Basis ausgearbeitet werden, damit eine geschlossene und wirksame, internationale Angriffsfront gebildet werden kann, wann immer eine solche Aktion notwendig wird.

Wenn wir die Kampfmethoden hinter die Organisationsmethode stellen, so tun wir es, weil wir finden, dass die ersten oft von den zweiten abhängen. Je verwickelter die gestellten Probleme sind, die es zu lösen gilt, um so notwendiger ist es, den Organisationen, die sie lösen müssen, eine bewusst gefestigte Grundlage zu geben. Diese soll, ohne starr und mechanisch uniform zu sein, doch auf einer gemeinsamen Basis aufgebaut sein, die aus den gemeinsamen Interessen der internationalen Arbeiterklasse hervorgeht.

Die prinzipiellen Richtlinien der nationalen Organisationen, die der IAA angeschlossen sind, haben ihren gemeinsamen Ausdruck in den zehn Punkten der Prinzipienerklärung gefunden, die auf dem Gründungskongress der IAA angenommen wurde. Die Weltereignisse, die sich in den zehn verflossenen Jahren abgespielt haben, haben jeden dieser zehn Punkte ganz und gar bestätigt. Wir haben nichts daran zu ändern. Wir müssen nur die gemeinsame Basis vertiefen und verbreitern, die angenommen ist von der Gesamtheit der revolutionär-syndikalistischen Familie der IAA.

Die Weltkrise stellt uns, wie gesagt, vor das Problem des sozialen Wiederaufbaus auf ganz anderen Grundlagen wie den heutigen. Daher ist es als erstes von Wichtigkeit, dass unsere Arbeiterorganisationen — d. h. diejenigen, welche die Schöpfer der neuen Ordnung sein sollen — ihren eigenen Apparat instand setzen für eine doppelte Aufgabe: einmal muss er heute gegen das herrschende Regime einen systematischen Kampf führen können, aus dem die soziale Revolution hervorgehen soll; außerdem muss er morgen, wenn diese Revolution ausbricht, in Funktion treten als Produktion-, Distributions- und Organisations-Organismus für das gesamte neue soziale Leben.

Die IAA hat bereits diese Frage auf ihrem IV. Weltkongress in Madrid, 1931, berührt. Diese Frage steht weiter auf der Tagesordnung. Sie fordert ein Studium der Verhältnisse eines jeden Landes. Nur dadurch kann man in der Folge zur Ausarbeitung eines Reorganisationsplanes kommen für die Kräfte des revolutionären Syndikalismus der ganzen Welt. Nur so wäre er annehmbar für alle der IAA angeschlossenen Sektionen und würde zur siegreichen Entwicklung unserer Bewegung im ganzen beitragen.

Unsere Kampf m e t h o d e n   sind eine direkte Folge der Stärke unserer internationalen Organisation — also jeder unserer nationalen Sektionen. Sie umfassen:

eine ausgedehnte Vorbereitungsarbeit, die sich eingehend mit dem heutigen Funktionieren des Kapitalismus und des Staates in jedem Lande befasst; die Organisierung von Betriebsausschüssen in jeder untersten Wirtschaftseinheit (Fabrik, Werkstatt, Bank usw.) des heutigen industriellen Systems; ihre Hauptfunktion soll die sich ständig vergrößernde Kontrolle des Wirtschaftslebens in dem betreffenden Lande sein; die revolutionäre Erziehung der Arbeitermassen im allgemeinen und der organisierten Arbeiter im besonderen für den Generalstreik und allen anderen, den Forderungen des Augenblicks angepassten Kampfmittel; deren bewusste und gleichzeitige Anwendung, um jeden Augenblick stark und schlagfertig zu sein, wobei der Blick stets auf die schwächsten Seiten des kapitalistischern und staatlichen Systems gerichtet werden muss.

Heißt das nun, dass die IAA sich wenig interessiert für die täglichen Kleinkämpfe, die die Arbeiterklasse überall gegen das Unternehmertum führt?

Weit entfernt. Im Gegenteil: die IAA erachtet diese Kämpfe als unerlässlich, nicht nur, was das Ziel der augenblicklichen Verbesserungen der Lage des ausgebeuteten Proletariats angeht, sondern auch, weil es durch diese Kämpfe die notwendigen Erfahrungen auf einem Gebiet bekommt, auf dem morgen vielleicht schon der entscheidende Endkampf geführt werden wird.

Die IAA wird also stets zur Stelle sein, wo immer eine gemeinsame Aktion der Arbeiterklasse unternommen werden soll, um dem Kapitalismus und dem Staat auch nur die geringste Verbesserung zu entreißen.

In diesem Zusammenhang der sofortigen internationalen Aktivität erhebt die IAA weitere zwei Hauptforderungen:

D i e   E r k ä m p f u n g   d e s   S e c h s – S t u n d e n – T a g e s ,   des einzigen Mittels, das imstande wäre, einigermaßen der Arbeitslosenkrise, die in allen Ländern wütet, abzuhelfen.

D e r   K a m p f   g e g e n   d i e   G e f a h r   e i n e s   n e u e n   K r i e g e s ,   den die Weltreaktion zu entfesseln versucht, um die gefährlich werdende Unzufriedenheit im Blute der Arbeiterklasse zu ersticken und sich so eine neue Frist für ihre Existenz und Herrschaft zu sichern.

In dem Kampfe für diese Forderungen wir die IAA niemals zurückstehen, wenn es heißt, mit anderen Arbeiterorganisationen zusammenzugehen, die sowohl dem revolutionären Prinzip anhängen, dass die politischen Parteien sich nicht in die Organisation dieses Kampfes einmischen sollen, als auch die Taktik der direkten Aktion des organisierten Proletariats bejahen.

Die Taktik der IAA können wir also in ihren Hauptlinien wie folgt zusammenfassen:

Erkämpfung des Sechs-Stunden-Tages.

Kampf gegen die Kriegsgefahr mittels einmütiger internationaler Vorbereitungen für einen revolutionären Generalstreik im Falle einer Kriegsentfesselung durch irgendeinen Staat.

Vorbereitung der Arbeiterklasse auf die Besitzergreifung der Produktionsmittel durch  eine entsprechende Organisation der gewerkschaftlichen Organe auf internationaler Basis.

Die Internationale Arbeiter Assoziation ruft die Arbeiter aller Länder auf, sich einmütig in die Reihen des föderalistischen und anti-staatlichen Syndikalismus zu stellen, um dieses Programm der vollständigen Befreiung des Proletariats zu verwirklichen.

A. Schapiro

Siehe auch:

Geschichte der IAA (Teil 1)

Geschichte der IAA (Teil 2)

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