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Was Feminismus bedeutet

1. Januar 2017
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Laurie Penny

2016 war geprägt von einem kulturell-gesellschaftlichen Rückschlag. Der neue Faschismus verlangt einen schärferen feministischen Widerstand.

Von Laurie Penny

Etwas hat sich verändert in diesem Jahr. Die Spielregeln haben sich geändert. Es ist nicht mehr zu übersehen, dass da ein Krieg läuft, ein heftiger und brutaler Kulturkrieg, dessen größte Schlachten erst noch kommen. Viele glauben irrigerweise, dieser Krieg würde zwischen dem Islam und dem Westen gekämpft oder zwischen mehrheitlich weißen Nationen und dem Mittleren Osten. Sie liegen falsch.

Der Krieg tobt zwischen jenen, die Fortschritt, Toleranz und Menschenrechte für unabdingbar halten, und den anderen. Zwischen jenen, die an eine lebenswerte Zukunft glauben, und jenen, die sich in eine mystifizierte Vergangenheit zurücksehnen. Der Krieg wird innerhalb von Nationen gekämpft, innerhalb von Gemeinden, von Familien, ja manchmal sogar innerhalb eines einzelnen Menschen. Und wenn wir diesen Krieg nicht gewinnen, verlieren alle – sogar die auf der „anderen“ Seite.

Vor fast genau einem Jahr wurden in Köln Dutzende Frauen sexuell belästigt, offensichtlich von muslimischen eingewanderten Männern. Seit diesen Angriffen habe ich zu hören bekommen, der „westliche“ Feminismus sei gescheitert, die wahren Beschützer von Frauen wie mir seien die weißen Nationalisten. Es hieß auch, der Feminismus trage eine Schuld am Aufstieg des Rechtspopulismus überall auf der Welt: dass wir mit unserem Gejammer über solche belanglosen Themen wie Geschlechter- und Identitätsfragen die Linke gespalten hätten, dass wir nur endlich unsere Mäuler und unsere Schenkel geschlossen halten und uns auf die Klassenfrage konzentrieren sollten, dann könne der Faschismus auch geschlagen werden. Das ist Unsinn.

Feminismus ist keine irgendwie alberne Flause im Kampf gegen den Faschismus. Er ist für diesen Kampf essentiell. Eines der vielen Dinge, die die neuen Autoritären verbindet – unabhängig von ihrem Glauben oder ihrer Herkunft – ist ihre Verachtung der weiblichen Befreiung. Schau dir die politischen Ideen der amerikanischen Neonationalisten oder der deutschen AfD an und du findest die gleichen Ansichten über die angemessene Rolle von Frauen und Mädchen: Wir sollen ruhig und gehorsam sein, dekorativ und gottesfürchtig, Hausfrauen und Mütter. Wir verdienen weder Selbstbestimmung über unseren Körper noch Schutz vor Gewalt oder das Recht auf Gesundheitsversor gung.

Es geht um männliche Vorherrschaft

Neofaschismus ist im Kern ein Männlichkeitskult: Männliche Stärke im Allgemeinen wird verehrt, und gewalttätige starke Männer im Besonderen. Man vergisst das gern mal, weil die neofaschistische Rhetorik sich so sehr auf Rasse und Nation konzentriert und die ersten Opfer Migranten, People of Colour und Angehörige religiöser Minderheiten sind. Aber beim Neofaschismus geht es mindestens ebenso sehr um männliche wie um weiße Vorherrschaft.

So viel sie auch jeden Tag davon reden, wie sehr doch westliche – sie meinen weiße – Frauen durch die ethnisch und religiös andersartigen Einwanderer bedroht seien, so sehr geht es ihnen doch gleichzeitig darum, diese Frauen ihrer sexuellen und reproduktiven Selbstbestimmung zu berauben. Muslimen und Einwanderern muss es verwehrt bleiben, westliche Frauen zu missbrauchen, aber die Kehrseite davon ist, dass westliche Männer das straffrei tun dürfen: Es ist ein Wettstreit verschiedener Stile patriarchaler Gewalt.

Sie fordern den Respekt gegenüber Frauen ein, aber Migrantinnen und Frauen of Colour sind die häufigsten Opfer jener, die Gewalt auf der Straße als legitimen Ausdruck politischer Meinungen ansehen. Übergreifender Feminismus ist ein Rahmen für den Widerstand gegen dieses neue und furchterregende Narrativ. Fortschrittlicher, kompromissloser, antirassistischer Feminismus wird in dieser kommenden Auseinandersetzung von zentraler Bedeutung sein.

Online erprobte Bedrohungs-Techniken

Die neue Rechte ist schon immer bei Genderthemen völlig durchgedreht. Viele der Techniken von Bedrohung und Herumtrollen, die jetzt benutzt wurden, um extremistische Führer an die Macht zu bringen, wurden in den letzten fünf Jahren online erprobt, als sich Gruppen von Männern und Jungs zusammenschlossen, um „Feminazis“ mundtot zu machen und Frauen aus dem Internet zu drängen. Einige von uns haben schon vor Jahren deswegen Alarm geschlagen und darauf hingewiesen, dass auch junge weiße Männer sich radikalisieren und in gewalttätige rassistische und frauenfeindliche Fantasien abrutschen, und dass das ernstgenommen werden sollte. Es macht mich nicht glücklich, recht gehabt zu haben.

Es wird in den kommenden Jahren viele neue Versuche geben, frauenpolitische Ansätze kaputtzumachen und Frauen entlang Fragen der Ethnizität, der Klasse und der Identität zu spalten. Es wird einen Wettstreit unterschiedlicher autoritärer Anschauungen darüber geben, wie gut eine Frau sein sollte, wie sie aussehen sollte, wie sie arbeiten sollte, wann sie sprechen sollte, wen und wie oft und mit wessen Erlaubnis sie vögeln sollte. Es geht jetzt wirklich darum, was Feminismus bedeutet und warum er wichtig ist.

Ein Gutes an Hillary Clintons Niederlage ist, dass wir vielleicht endlich die Vorstellung vergessen können, dass ein vertrockneter, liberaler Feminismus, der sich auf die Sorgen wohlhabender weißer Frauen im Westen konzentriert, jemals ausreichen könnte. Es ist vielleicht zu viel gehofft, auch die endlosen Diskussionen in der Presse darüber loszuwerden, welche Berühmtheiten Feministinnen sind oder nicht, ob es feministisch ist, sich die Beine zu rasieren oder ob sich Lippenstift und Frauenbefreiung vertragen, als ob Feminismus auch nur eine weitere Kategorie zur Beurteilung von Frauen und ihrer Mängel wäre. Das Private ist natürlich immer noch politisch, und intime Dinge sind immer noch wichtig – aber vielleicht können wir es jetzt mal vermeiden, das Politische ausschließlich ins Private zu ziehen.

Schönheitskultur, Aussehen und Beziehungsfragen sind alles feministische Themen – sogar mehr noch angesichts der Wiederkehr einer konservativen Kultur, die von Frauen homogene, gehorsame Weiblichkeit einfordert, die will, dass wir den glatten, geschmeidigen Family-First-Frauen der Trump-Regierung nacheifern, mit ihrem scheuen Lächeln, das sie aussehen lässt, als würde ihnen jemand eine Waffe in den Rücken halten. Aber rassistischer Hass ist auch ein feministisches Thema. Sozialstaat, Gesundheitsversorgung und wirtschaftliche Gerechtigkeit sind feministische Themen, und der neue Faschismus verlangt einen neuen, schärferen feministischen Widerstand. Glücklicherweise passiert das bereits.

Sich heute Feministin zu nennen ist radikaler und gefährlicher als letztes Jahr. Feminismus ist natürlich nicht nur eine Identität, sondern ein Prozess, ein Verb, eine Bewegung. Aber Widerstand fängt im Herzen an, und wenn ich mich selbst Feministin nenne, dann ist das ein Statement des Widerstands gegen den globalen Männlichkeitskult. Wenn ich mich Feministin nenne, erinnere ich mich selbst und alle, die zuhören, dass mein Körper und mein Leben nicht der rechtmäßige Besitz irgendeines Mannes sind, ob im Weißen Haus, im Repräsentantenhaus oder bei mir zu Haus.

Feminismus als Krebszelle

Deswegen sind die heutigen Faschisten so besessen vom Feminismus als einer zersetzenden Macht. Sie nennen ihn eine Krebszelle, und das Bild passt schon, denn wenn er einmal im Herzen ist, wird er sich weiterfressen, wird die Person, den Haushalt, die Familie, die Stadt, die Welt verändern. Wenn das Krebs ist, will ich keine Heilung.

Es gibt überall Milliarden von Frauen, die nicht einfach zuschauen werden, wie die von unseren Vormüttern hart erkämpften Fortschritte von lächerlichen korrupten Fanatikern und kleinen Tyrannen kaputtgemacht werden, aus welchem Glauben heraus oder in welchem Land auch immer. Jeder Faschist weiß, dass Freiheit eine Bedrohung sein kann, aber die Frauen und Mädchen von heute sind damit groß geworden. Wer von ihnen erwartet, sie im Namen eines Nationalstolzes wieder aufzugeben, hat einen heftigeren Kampf vor sich, als er sich vorstellen kann.

Quelle: taz.de

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  1. samesongeveryday permalink
    2. Januar 2017 13:10

    Das ist alles eine Imagefrage 😉
    Feminismus kann cool und befreiend sein, aber nicht wenn seine Vertreterinnen und Vertreter das nicht ausstrahlen.

    Auch zählen Taten im Bewusstsein der Menschen mehr, als Worte. Wo sind die Taten, die den Leuten einen erstrebenswerten Feminsimus aufzeigen? Im Schimpfen und Demonstrieren?
    Eher nicht. Und der Feminismus aus den 70gern ist voll in der Politik der Herrschenden aufgegangen, die heute als verräterisch empfunden wird. Das wird beides zusammen gesehen, weil die Vertreterinnen statt auf Selbstorganisation auf „Eroberung der Macht“ gesetzt haben und große Lichter im Staat wurden.

    Hätten Feministinnen und Syndikalistinnen bspw. einen guten, großen, representativen Kollektivbetrieb auf die Beine gestellt, der mittlerweile einige Filialen in Deutschland und vielleicht im Ausland aufgebaut hätte, dann wären diese Leute mit ihren Anliegen der Arbeiterklasse anders im Bewusstsein und Gedächtnis.

    Aber gegen die Falschdarstellung in den Medien wussten die meisten autonomen Zentren ja nur ihre Selbstzerstörung zu inszenieren.

    Wenn ihr mich fragt, muss einfach was neues her. Mit diesen ganzen abgeranzten Phrasen kommt man nicht weiter. Feminismus muss ganz neu verpackt werden und das Ziel sollte ganz bewusst eine komplett befreite Gesellschaft sein, nicht „nur“ das Beenden der Unterdrückung der Frau, in einem System, das alle sowieso unterdrückt, wie es heute mehrheitlich wahrgenommen wird, durch die Feministinnen und Feminsten die zu den Herrschenden gewechselt haben.

    In diesem Sinne ein hoffentlich konstruktives 2017!
    …und den Abstieg des HSV in die zweite Liga!

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