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Albert Weidner

1. Januar 2017
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Albert Weidner

(24.2.1871-1.2.1946), in Berlin geboren, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater fiel im Deutsch-Französischen Krieg 1871. Er erlernte den Beruf eines Schriftsetzers, arbeitete aber auch als Buchdrucker.

Politisch bekannte sich Albert Weidner seit ca. 1891 zu den Unabhängigen Sozialisten. Er strebte aber bald zum Anarchismus und geriet seit 1895/96 deshalb unter strenge Polizeikontrolle. Er wurde Vorsitzender der Freien anarchistisch-sozialistischen Vereinigung und übernahm um 1896 die Redaktion der Zeitung der Unabhängigen, Der Sozialist. Aus dieser Zeitung wurde dann das ‚Organ für Anarchisrnus und Sozialismus‘, der er zusammen mit Gustav Landauer und Wilhelm Spohr leitete. Ab 1896 war er gelichzeitig verantwortlich für das anarchistische Agitations- und Arbeiterblatt Der arme Konrad.

1899 erschien die letzte Ausgabe des Sozialist; Weidner musste die Herausgabe einstellen – 2.000 Mark Schulden beim Drucker und nur noch 4-500 Abonnenten waren der Grund.

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Die Unterschrift Albert Weidners

Als Mitglieder des Friedrichshagener Dichterkreis (dies war eine lose Vereinigung von Schriftstellern, die seit 1888/89 zunächst in den Häusern von Wilhelm Bölsche und Bruno Wille in Friedrichshagen am Müggelsee – heute im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick – zusammenkamen) sind als bekannte Anarchisten John Henry Mackay und Gustav Landauer, Wilhelm Spohr, Max Baginski, Hermann Teistler sowie Bernhard und Paul Kampffmeyer, der sozialistische Politiker Georg Ledebour, eben auch Albert Weidner zu nennen. Angesichts dieser Breite unterschiedlicher Milieus und ihrer politischen und literarischen Wortführer der gesellschaftlichen Opposition, charakterisierte Bruno Wille, sie als „literarisches Zigeunertum und sozialistische wie anarchistische Ideen, keckes Streben nach vorurteilsloser eigenfreier Lebensweise, Kameradschaft zwischen Kopfarbeitern und begabten Handarbeitern, aber auch geistvollen Vertretern des Reichtums“. (1)

Weidner schreibt nebenher im Jahre 1898 auch in der rechten SPD-Theorie-Zeitschrift Sozialistische Montshefte Artikel über den Anarchismus, so wie Spohr und Landauer und andere linksradikale intellektuelle Genossen ebenfalls.

Seit dem 4. Mai 1902 gab Weidner die Zeitung Der arme Teufel heraus. Für ein Jahr arbeitete auch Erich Mühsam als Redakteur für das Blatt. Den Satz machte Weidner in seiner Wohnung selbst. Um den Drucker vor Polizeimaßnahmen zu schützen meldete er eine Druckerei an. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten erschien der Arme Teufel unregelmäßig und wurde 1905 eingestellt.

Erich Mühsam erinnert sich an die Zeit: „Ich kam nach Friedrichshagen als Mitbegründer, Mitarbeiter und verantwortlicher Redakteur der Wochenschrift Der arme Teufel, als dessen Herausgeber Albert Weidner zeichnete. Weidner war von Hause aus Setzer, die Zeitschrift wurde dadurch materialisiert daß er sich auf Abzahlung den erforderlichen Schriftsatz kaufte; seine Artikel flössen stets ohne Manuskript aus dem Kopf in den Setzkasten, währenddem ich dabeisaß und mir bei einer Tasse Kaffee und einer Zigarre das aktuell-satirische Gedicht abquälte, das unter dem Pseudonym »Nolo« jede Nummer beleben mußte, oder technische Redaktionsarbeiten erledigte.“ (2)

Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung erscheint dann 1905 in den Berliner Großstadt-Dokumenten. Zu dieser Zeit ist er – seit 1904 – auch Redakteur des Organs Der freie Arbeiter in Berlin. Diese Wochenzeitung der Föderation kommunistischer Anarchisten (FKAD) ist die Fortsetzung der Konkurrenzgründung Neues Leben, deretwegen seinerzeit angeblich der landauersche Sozialist einging (es waren finanzielle Gründe!). Mit Weidners Übernahme der Redaktion – er hat sich die Namensänderung wohl als Forderung ausbedungen gehabt – erscheinen auch vermehrt literarische Artikel und Übersetzungen in der Wochenzeitung. Er bleibt trotz heftiger Querelen wegen seines Stiles, der den radikaleren Elemente als zu gemäßigt daherkam, und die im Jahre 1904 bereits sein Ausscheiden erwarteten, und dieser Mißachtung und schlechten Behandlung durch einen Teil der Genossen bis zur Mainummer 1906 als verantwortlicher Redakteur im Amt. Allein zwischen der Nr. 1 (1904) und der Nr. 31 (1914) wurden 86 Verbote gegen das Blatt erlassen. Ab der Nr. 31 (1. August 1914) wurde die Zeitschrift polizeilich verboten sowie Geldzuweisungen und Briefe von der Post gesperrt.

Bisher ist nichts mehr auffindbar zu dem Hinweis bei Volker Linse, dass Albert Weidner im Jahre 1907 eine neue eigene Zeitung namens Die Unabhängigen editiert haben soll.

*

Weidner ging auf Reisen nach Süddeutschland und Holland, wo er für den Anarchismus agitierte. In den folgenden Jahren wandte er sich immer mehr vom Anarchismus ab. Er legte seine Tätigkeit als Redakteur nieder und wurde sogar 1913 aus der „Anarchistenliste“ der Berliner Polizei gestrichen. Nebenbei hatte Weidner bereits bei der vom liberalen Hellmuth von Gerlach herausgegebenen Wochenzeitung Welt am Montag : Unabhängige Zeitung für Politik und Kultur mitgearbeitet, an der auch Erich Mühsam regelmässiger Mitarbeiter war. Beide wurden dafür in der anarchistischen Bewegung kritisiert, weil sie dort für Geld arbeiteten.

Ob Albert Weidner als Soldat in den 1. Weltkrieg eingezogen wurde, konnten wir leider nicht in Erfahrung bringen. Sein Engagement bei der WaM umschrieb er 1920 so: „Vielmehr wollte sie eine Lücke im Berliner Zeitungswesen ausfüllen: es fehlte an einem Blatte, das über Partei- und sonstige Gruppeninteressen stand, das infolgedessen, vorurteilslos und rücksichtslos der Wahrheit dienend, Schäden und Schädlinge geißeln konnte, wo immer sie sich zeigten.“ (3)

1930 schreibt er noch in Ossietzkys Weltbühne einen Nachruf auf Gustav Landauer.

Die Familie Weidner, die aus zehn Personen bestand, war auf Grund ihrer elenden finanziellen Verhältnisse gezwungen bis zum Jahr 1913 zehnmal umzuziehen.

Anfang Februar 1932 beantwortete er noch Fragen von Max Nettlau zur Geschichte des Sozialist. Darin schreibt er u.a.: Nachdem Landauer und Spohr im August 1895 aus dem Gefängnis entlassen waren, betrieb „Landauer jetzt besonders die Propaganda der Arbeiter-Konsum-Genossenschaft als Waffe proletarischer Selbsthilfe. (…) Im Sozialist begann nun eine gründliche Debatte über die sozialistischen Theorien. Sie dehnte sich im Raum des Blattes schließlich so stark aus, dass im Kreise der Genossen sich Widerstand dagegen regte, das das Blatt durch Überlastung mit theoretischen Abhandlungen dem Propagandazwecke zu stark zu entziehen. Die Verärgerung bei einer Anzahl Gruppen wurde zu einem noch schlimmeren inneren Kampf. Schließlich konnten die drei Herausgeber des Sozialist sich nicht der Einsicht verschliessen, dass jene Kritik nicht ganz unzutreffend war. Deshalb entschlossen sie sich, neben dem Sozialist noch ein kleineres, ganz populäres, mehr aktuelles Wochenblatt zu schaffen, so erschien im August 1896 neben dem Sozialist neu Der arme Konrad, herausgegeb, redigiert und zum Teil gesetzt von Weidner.“ (4)

Als fest angestellter Redakteur arbeitete Weidner bis zum 6. März 1933 bei der Welt am Montag, mit dieser 10. Ausgabe des 39. Jahrgangs wurde das Erscheinen durch die Nationalsozialisten verboten. Es ist der Tag nach dem überwältigenden Wahlsieg der NSDAP bei den „letzten freien Reichstagswahlen vom 5. März 1933“ …

Aber, – „Albert Weidner blieb seiner Gesinnung treu, für die ‚Hakenkreuzblätter‘ schrieb er keine Zeile mehr. Von 1935 bis 1945 lebte er zurückgezogen von der Tätigkeit als Lektor des Ullstein-Verlages, später Deutschen Verlages, für Unterhaltungsromane.“ (5)

Hierbei wird leider nicht erwähnt, dass nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 das Familieunternehmen Ullstein 1934 „arisiert“ wurde. Der Verlag wurde 1937 in Deutscher Verlag umbenannt und dem Zentralverlag der NSDAP (Franz Eher Nachfolger GmbH) angegliedert. Die politisch-inhaltliche Ausrichtung – auch der Unterhaltungsromane, die Weidner lektorierte! – wurde durch die Übernahme im Sinne des NS-Regimes verändert. Wie Weidner das ertragen oder mitmachen konnte, ist zumindest fragwürdig.

Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Weidner 1925 ein zweites mal und siedelte nach Charlottenburg über. Hier wurde er 1943 ausgebombt und kehrte nach Friedrichshagen zurück.

„Nach Kriegsende erhielt er 1945 vom Friedrichshagener Kultur- und Volksbildungsamt den Auftrag, die Volksbücherei ‚vom Nazigift zu reinigen‘. Im September trat er der SPD bei, veröffentlichte Artikel in dem Parteiorgan Das Volk und hielt Vorträge in der Volkshochschule Friedrichshagen.“ (6)

Von Mai 1945 bis November 1946 wohnte er bei Verwandten in der Bruno-Wille-Str. 75, wo er auch im 75. Lebensjahr am 1. Februar 1946 an einem Hungerödem verstarb. (7)

Albert Weidner lebte also in östlichen Ostberlin in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Die Gründung der DDR 1949 erlebte er nicht mehr, ebenso erspart geblieben ist ihm die Vereinigung von SPD und KPD am 21./22. April 1946 zur SED und damit zur Staatspartei des „ersten Arbeiter- und Bauernstaates“ auf deutschem Boden.

Albert Weidner ist eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Figur im kaiserlich-wilhelminischen Anarchismus Berlins. Seine vielfältigen Fähigkeiten als Setzer, Redakteur und Autor spiegeln seine pazifistisch-liberales verständnis eines friedfertigen Anarchismus wider, den es in Literaten- und Bohéme-Kreisen seiner Zeit mannigfaltig gab, diese intellektuell-idealistische Sichtweise – geprägt durch Landauers geradezu gottesfürchtigem Sozialismus-Anarchismus-Begriff – führte zu den Konflikten in und mit der mehrheitlich klassenkämpferisch eingestellten anarchistischen Arbeiterbewegung Berlins.

Weidners Beschreibungen der Verhältnisse zur Zeit der Jahrhundertwende um 1900 sind so tiefschürfend interessant und amüsant zugleich, dass wir uns entschlossen haben, sein ‚Hauptwerk‘ nachzudrucken. Es ist schon deshalb erhellend, weil er versucht, einem mehrheitlich bildungsbürgerlichen Publikum – die Großstadt-Dokumente erreichten recht hohe Auflagen – eine Sicht auf den Anarchismus zu verschaffen, der selbst heute noch bürgerlichen Journalisten die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste, ob ihrer verdrehten Gewaltphantasien.

Folkert Mohrhof

(1) Bruno Wille – Aus Traum und Kampf. Mein 60jähriges Leben. (Berlin 1920, S. 507)
(2) Erich Mühsam – Namen und Menschen. Unpolitische Erinnerungen, Leipzig 1949 (erschienen zuerst 1927-1929 in der Vossischen Zeitung)
(3) Albert Weidner: „25 Jahre Welt am Montag“, in: Welt am Montag, 26. Jg., 13.12.1920
4) Brief von Albert Weidner an Max Nettlau vom 2. Februar 1932 (Quelle: IISG)
5) Nachwort von Albert Burkhardt (S. 64) des Friedrichshagener Hefte Nr. 17 – Fidus. Von Friedrichshagen nach Woltersdorf. Briefe an Albert Weidner 1903-1939 (Berlin 1998)
6) Nachwort von Albert Burkhardt (S. 64) des Friedrichshagener Hefte Nr. 17 – Fidus. (1998)
7) Albert Weidner ist in Berlin auf dem Friedhof Christophorus-Friedhof, Feld B beerdigt und hat dort einen Ehrenplatz auf der Gedächtnisstätte gefunden. (http://www.berlin.friedparks.de/such/gedenkstaette.php?gdst_id=1201)

Quelle: Muckracker

One Comment leave one →
  1. Commentism1936 permalink
    3. Januar 2017 08:21

    Und wieder ein Mensch, der dem Totenreich politisch motivierten Schweigens entrissen wurde!

    „Weidners Beschreibungen der Verhältnisse zur Zeit der Jahrhundertwende um 1900 sind so tiefschürfend interessant und amüsant zugleich, dass wir uns entschlossen haben, sein ‚Hauptwerk‘ nachzudrucken. Es ist schon deshalb erhellend, weil er versucht, einem mehrheitlich bildungsbürgerlichen Publikum – die Großstadt-Dokumente erreichten recht hohe Auflagen – eine Sicht auf den Anarchismus zu verschaffen, der selbst heute noch bürgerlichen Journalisten die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste, ob ihrer verdrehten Gewaltphantasien.“

    Ich bin gespannt auf das Buch, obwohl ich sagen muss, dass die Konflikte damals notwendig waren, zur Fortentwicklung des freien Sozialismus. Heute wird diese Fortentwicklung über den religiös anmutenden, sogenannten „pazifistischen“ Anarchismus ja leider von einigen Gruppierungen versucht rückgängig zu machen – mit den gleichen Folgen wie damals.
    Es wird interessant sein, was sich heute im freien Sozialismus, bzw. eher gesagt in den „sozialen Bewegungen“ durchsetzen wird: Klüngelwirtschaft innerhalb einer sektenhaften Szene mit ihrer eigenen politisch korrekten Aristokratie oder Massenbewegung, die eher „weltlich“ auftritt und sich dem Klassenkampf und der Umstellung der Ökonomie usw. widmen wird.
    Es ist eher nicht unsere Aufgabe „Gewaltphantasien“ der Lückenpresse richtig zu stellen, sondern eher durch uns selbst motivierte Taten und den Aufbau von guten Werken zu glänzen. In der Richtung eines guten, kämpferischen Verlags, wie dem Barrikade-Verlag, oder anderer Medieninitiativen zum Beispiel. Wenn wir propagandistisch unabhängig sind, durch eigene Organe, dann brauchen wir nämlich auch nicht auf Raum zur Richtigstellung in Zeitungen u.ä. zu hoffen – dann drucken wir unsere Version einfach selbst…

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