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Kurt Gustav Wilckens und der Kampf für die Freiheit

4. November 2016
 Der anarchistische Genosse Kurt Gustav Wilckens.


Der anarchistische Genosse Kurt Gustav Wilckens.

Vor 130 Jahren wurde der Arbeiter und Anarchist in Schleswig-Holstein geboren.

Von Jan Tölva

Vor 130 Jahren, am 3. November 1886, wurde im schleswig-holsteinischen Bramstedt, dem heutigen Bad Bramstedt, Kurt Gustav Wilckens geboren. Das wäre, wenn sein ganzes Leben so verlaufen wäre wie die ersten Jahre, wohl kaum der Rede wert.

Wilckens wurde als eines von acht Kindern in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren. Sein Vater war Viehhändler, seine Mutter kümmerte sich um die Kinder und den Haushalt. Er besuchte neun Jahre die Schule, ging danach bei einem Gärtner in die Lehre und leistete schließlich in Berlin beim kaiserlichen Wachregiment seinen Wehrdienst ab. Ein völlig normaler Lebensweg im damaligen Deutschen Reich also. Doch dabei blieb es nicht. Irgendwann kam Wilckens in die falsche, will sagen: die richtige Gesellschaft, und begann sich zu radikalisieren.

1910 emigrierte Wilckens wie so viele andere in die USA und spätestens dort kam er mit anarchistischen Ideen in Berührung. Er wurde zum Bewunderer Leo Tolstois und zum überzeugten Pazifisten. Daher weigerte er sich auch, mit Beginn des Weltkriegs dem Ruf der neuen Heimat zu den Waffen zu folgen. Er ging lieber nach Arizona, arbeitete im Bergbau und wurde wenig später, als es dort zu einem groß angelegten Streik kam, der vor allem von der Gewerkschaft Industrial Workers of the World (IWW) getragen wurde, zu einem der Wortführer der Streikenden. Doch der Streik wurde niedergeschlagen, Wilckens entlassen und wenig später als »feindlicher Ausländer« interniert. Zwar gelang es ihm, zwischenzeitlich zu fliehen, doch nach Kriegsende wurde er ausgewiesen und nach Deutschland deportiert.

In Hamburg kam er mit dem Anarchistischen Freibund in Kontakt und begann für verschiedene anarchistische Zeitungen zu schreiben. Es hielt ihn jedoch nicht lange im Land seiner Geburt. Zu groß waren sein Drang nach Freiheit und zu beengt die Verhältnisse in der noch jungen Weimarer Republik. Er schlug sein durchaus ansehnliches Erbe aus und machte sich 1920 auf den Weg nach Argentinien, wo er sich in Buenos Aires – damals eine Hochburg des organisierten Anarchismus – niederließ und sich mit verschiedenen Jobs durchschlug.

Wilckens trank nicht und war Vegetarier. Er vertrat hohe ethische Werte und lehnte Gewalt prinzipiell ab. Doch als er hörte, wie in Patagonien ein Arbeiteraufstand brutal niedergeschlagen und mehr als 1500 Aufständische getötet wurden, erschütterte ihn das so tief, dass er mit seinen eigenen Idealen und Wertvorstellungen brach. Am 27. Januar 1923 lauerte er dem für das Massaker verantwortlichen Oberst Héctor Varela auf und warf einen selbstgebauten Sprengsatz auf ihn. Als plötzlich ein Kind auftauchte, warf es sich schützend vor es und verletzte sich dabei so schwer an den Beinen, dass an eine Flucht nicht mehr zu denken war. Er raffte sich jedoch noch auf, um dem »Schlächter von Patagonien«, wie Varela auch genannt wurde, fünf Kugeln zu verpassen, um sicher zu gehen, dass er nie wieder aufstehen würde.

Wilckens wurde festgenommen und ins Gefängnis gesperrt. Rechtskräftig verurteilt wurde er jedoch nie, denn bevor es dazu kommen konnte, tauchte am 15. Juni 1923 plötzlich Ernesto Témperley, ein Neffe Varelas und Mitglied der nationalistischen Liga Patriótica, der von den Wärtern hineingelassen worden war, in seiner Zelle auf und erschoss ihn.

Wilckens wurde nur 36 Jahre alt. Dass Témperley zwei Jahre später von einem anderen Anarchisten getötet wurde, um Wilckens zu rächen, konnte daran auch nichts mehr ändern. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass es Situationen gibt, in denen die Gewalt so groß, so total ist, dass Gewaltlosigkeit selbst überzeugten Pazifisten nicht mehr als Option erscheinen mag.

In Bad Bramstedt ist Wilckens heute weitgehend vergessen. Sein Geburtshaus direkt am Marktplatz dient heute dem Ortsverband des Deutschen Roten Kreuzes als Büro. In der örtlichen Tageszeitung, der »Segeberger Zeitung«, ist einmal ein Artikel über Wilckens erschienen. Doch das ist mehr als 13 Jahre her und es bedurfte einer Flugblattaktion der Hamburger Sektion der Basisgewerkschaft FAU/IAA, um überhaupt erst die Aufmerksamkeit der Menschen vor Ort auf einen der wohl bedeutendsten Söhne und Töchter der Stadt zu lenken.

In Argentinien hingegen gilt er noch heute vielen als der Held, der er niemals sein wollte. Kurt Gustav Wilckens selbst ging es immer nur um die Sache und nicht um sich selbst. Daher wäre es ihm wahrscheinlich auch wichtiger, dass die Menschen das Unrecht nicht vergessen, gegen das er sich stellte, als dass sie sich erinnern, dass es mal einen Mann namens Kurz Gustav Wilckens gab, der aus Bad Bramstedt kam und der auf drei Kontinenten für eine bessere Welt kämpfte, die er selbst nie zu sehen bekam, auch wenn er sie in manchen Momenten in Patagonien oder in Arizona wohl erahnt haben mag. All das wäre ihm vermutlich egal. Aber vielleicht ist es wichtig für uns.

Quelle: Neues Deutschland

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