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Kollektiv-Kolumne: Heute Quijote-Kaffee

23. September 2016

crow-33581__180Kollektiv zusammen zu arbeiten bedeutet noch lange nicht, einem Kollektivbetrieb anzugehören. Im Kapitalismus ist keine wirklich revolutionäre, arbeiterselbstverwaltete Ökonomie möglich. Niemand kann die staatlichen Vorgaben ignorieren und machen, was er allein für richtig hält. Allerdings kann man das Innenverhältnis eines Kollektivbetriebes so ausgestalten – und da redet der Staat in Form des Finanzamtes oder seiner Gesellschaftsrechtsform-Gesetze nicht hin –, dass die Arbeitsabläufe, die gleiche Bezahlung/Entlohnung nach anarchistischen Gesichtspunkten egalität erfolgt; und zwar ohne Wenn und Aber. Lohnarbeit auch teilweise sollte definitiv unterbleiben – auch bei krankheitsbedingten Ausfällen. Die Hierarchie sollte aufgehoben oder so flach wie möglich gehalten werden. Illusorisch ist es, dass geglaubt wird, alle Arbeiten können oder sollten von jede/r gleichermaßen übernommen werden können. Wir sollten eher die vorhandenen Qualifikationen in einem Kollektiv effektiv nutzen, statt uns mit Überforderungen gegenseitig fertig zu machen. Aber unabhängig davon: jede/r muss unabhängig von seinen Fähigkeiten und seinem eingezahlten Kapital das uneingeschränkte Stimmrecht haben – jede/r hat nur eine! Stimme. Es ist absolut klar, dass alle gemeinsam ihre Fehlentscheidungen und ggf. auch ihr Scheitern kollektiv zu verantworten haben.

Wir stellen in dieser Kolumne regelmässig Betriebe vor, die sich selbst als Kollektiv anpreisen und hinterfragen deren Praxis.

Der FAU-Funktionär und Kaffeerösterei-Besitzer Andreas Felsen, auch als «Pingo» allseits bekannt, ist der Eintänzer seines angeblichen Kollektiv-Betriebes Quijote-Kaffee oHG in Hamburg. Er macht neben viel Wind (sprich Propaganda oder Waschmittelreklame für seine überteuerten Kaffeekreationen wie ‚Flying Pingo’ oder ‚Dantes Inferno’), auch viel mehr laue Luft, denn er behauptet auch, ein Kollektivbetrieb in Zusammenarbeit mit der FAU-Coop Union-Initiative zu sein. Wieso redet dann aber immer nur er für sein Kollektiv? Die Genossen in Berlin vom Flying Roasters-Kollektiv sind da zumindest konsequenter und dokumentieren ihre Mitgliedschaft in dem angestrebten Coop Union-Netzwerk. Sie sind u.E. die ersten, die dies bundesweit tun. Immerhin und Respekt!

Aber der Reihe nach: Pingo behauptet in seinem letzten Interview mit dem http://www.reformwarenblog.de vom 11. September 2016, dass sich viele Kollektive (und er sprach damit auch ganz konkret das Cafe Libertad Kollektiv in Hamburg an, das er ja federführend mit aufgebaut haben will) zu viel Gedanken über die richtige Rechtsform machen würden. Das mag sein, aber eine oHG nützt einem Genossen oder einer Genossin ebensowenig wie eine Genossenschaft oder eine Kollektiv-GmbH, wenn die Mehrheit einen raushaben will. Gleichheit kann sicherlich durch einen sogenannten „Binnenvertrag“ relativ hergestellt werden, nur sollte dann eben nicht einer immer als das Gesicht des Kollektivs oder des Betriebes sich hinstellen. Zumal es bei Pingo in seinem „Kollektivbetrieb“ ein Vetorecht bei allen wichtigen Entscheidungen gibt (siehe Quijote-Vertrag, hier unter § IV Organisationsaufbau, Entscheidungsstrukturen, Arbeitsorganisation, den Punkt 2 c „Mehrheiten“: „(c) Bei Ausgaben über 5.000 € besteht für Mitglieder des Kollektivs mit einem nicht neutralisierten Kapitalanteil von über 20.000 € ein Vetorecht, gegen das kein Schlichtungsverfahren möglich ist.“). Es dürfte klar sein, wer an diesem Betrieb einen derartigen Kapitalanteil hält.

Und da in der Szene so viel von Transparenz gesprochen wird: diese bedeutet nicht, eine halbwegs nachvollziehbare Kalkulation oder gar die Import-Rechnungen auf die eigene Internet-Seite zu stellen. Als oHG ist man – wie passend! – nicht gesetzlich verpflichtet, seine Bilanz im Bundesanzeiger offenzulegen. Das bestimmt das Publizitäts-Gesetz von 1969 und es betrifft nur Kapitalgesellschaften und Genossenschaften, private Firmen eben erst ab der absurden Umsatzgröße von 130 Mio. EUR offenlegungspflichtig. Man kann viel über Transparenz reden, aber man kann eben auch sehr viel Nebel aufwirbeln mit einigen Zahlen.

Liest man nämlich das Interview mit Pingo, entsteht der Eindruck, als wenn alle Kollektivmitglieder bei Quijote-Kaffee den Hamburger Durchschnittslohn von 4.037 EUR monatlich verdienen würden: „Wir haben in einer internen Vereinbarung unseren Lohn auf den hamburgischen Durchschnittslohn limitiert und dürfen darüber hinaus keine Gewinne machen.“ Genau gelesen steht aber im „Kollektiv“- oder Binnenvertrag unter „§ VI Vergütung, Gewinnentnahme, Lohn und soziale Sicherheit: (c) Die Gewinnentnahme pro Arbeitsstunde soll das lokale gesellschaftliche Durchschnittseinkommen von 4037,- Euro / Monat nicht überschreiten.“ Dies entspräche einem Stundenlohn von 24 Euro, aber wer arbeitet in dem Betrieb eine 40-Std.-Woche? Ganz deutlich ist damit auch, dass die Genossinnen und Genossen bei Quijote-Kaffee nicht angestellt sind, sie arbeiten als Selbständige, wie es in einer oHG bei den Inhabern der Fall ist, also als Unternehmer, die sich selbst sozial- und rentenversichern müssen (oder diese Kohle eben einsparen und dann im Alter herumheulen). Sollte jemand doch einen Arbeitsvertrag haben, gilt das Arbeitsrecht, wenn der Chef oder das Kollektiv oder das Kollektivmitglied es darauf ankommen lassen. Eine ordentliche Kündigung brauchen eben auch diejenigen, die – wenn man sich „trennt“ – , ihre Papiere beim JobCenter/Arbeitsamt einreichen müssen. Haben ja nicht gerade alle soviel Kohle, um ein „neues“ Kollektiv aufbauen zu können …

Um es nochmals klar zu sagen: wenn in der Szene immer wieder vom Konsens-Prinzip gefaselt wird, dann muss es eben auch in den Kollektivbetrieben durchgehalten werden. Wenn bei Streitigkeiten plötzlich (wie bei der Café Libertad Kollektiv eG 2013) statt Konflikte auszutragen und auszudiskutieren, eine Einstimmen-Mehrheit die Minderheit überstimmt und dann auch noch mit Entlassung rausschmeißt; dann hat das weder etwas mit Basisdemokratie noch mit einem anarchistisch-anarchosyndikalistischen oder auch nur autonom-linken Anspruch gemein.

Transparenz bedeutet auch, dass die angeblichen Kollektivbetriebe auf ihren Web- und werbeseiten im Internet ihre Bilanzen bzw. ihre Geschäftsberichte für abgelaufene Geschäftsjahre dem genossenschaftlichen Publikum unterbreiten. Egal, wie die Zahlen aussehen. Ein Herumgeeigere mit heruntergerechneten betriebswirtschaftlichen Zahlen auf kg-Größe oder ein repariertes Fahrrad oder bedrucktes T-Shirt reicht da eben nicht aus. In den letzten Jahren hat dies keine der Kaffee-Firmen aus dem Café Libertad-Nachfolge-Umfeld getan. Von den anderen Kolletiv-Betrieben im Dunstkreis der FAU und ihrer Coop Union sind ohnehin keine realen Zahlen erhältlich.

Naja, weitere Fragen können wir ja das nächste Mal klären …

Die Kollektiv-Kontrollkommission

5 Kommentare leave one →
  1. Richard permalink
    24. September 2016 10:54

    die Etikettenschwindler sind halt nun auch bei „uns“ zu finden – in einer „Bewegung“, in der Fakten und Hintergründe zunehmend als überflüssig angesehen werden wundert das nicht.
    Es ist halt eine Marketingmethode sich als Kollektiv darzustellen und man kann damit prima Geld machen. Das erinnert mich an die 1980ger Jahre wo plötzlich alle alle Maoisten waren und in den KB wollten….weil da die tollsten Frauen waren

    • Adamee permalink
      28. September 2016 10:28

      Hmm, ich glaube, dass es etwas komplizierter ist und sich nicht um einen „Marketingtrick“ eiskalt berechnender Kapitalisten handelt.
      Wenn man mit den Leuten solcher Unternehmungen mal spricht, fällt einem auf (zumindest ist es mir aufgefallen), dass sie sehr überzeugt sind von dem, was sie tun. Sowohl in idealistischer Hinsicht (Kollektiv) als auch in qualitativer Hinsicht: soooo einen tollen Kaffee machen wir! Deshalb deute ich die ganze Geschichte eher als so eine Art Überkompensation, Suche nach eigener Identität, „Lebenssinn“. Das sehe ich überhaupt in dem gesamten Gehabe der Szene (!): Identitätsstiftung.

      Die Frage, was wir daraus machen, bleibt aber.
      Deshalb zum Artikel: Ich finde den Ansatz, mal zu schauen, was es so an kollektivistischen Projekten und Ansätzen gibt, super, weil Kollektivbetriebe eine grundsätzliche Betätigung der Anarchosyndikalisten werden sollten. Aber – und das muss ich bereits zum Anfang der Kolumne sagen – werde ich das Gefühl nicht los, dass es eher darum geht, bestimmte Projekte zu denunzieren (wenn auch berechtigterweise), als sich positive Beispiele herauszusuchen und diese publik zu machen, gewissermaßen für sie (d.h. für ihre Arbeitsweise!) zu werben.

      Ich würde mich freuen, wenn im nächsten Artikel ein konstruktiverer Ansatz erkennbar wird!!
      (Und noch mehr, wenn es für Anfänger besser verständlich wird.)

      • Antwort_2 permalink
        30. September 2016 19:25

        Aloha Adamee,

        nenne doch einfach mal zwei oder drei positive Beispiele für anarchistisch-anarchosyndikalistische oder nur linke Kollektivbetriebe, die nicht nur innerbetrieblich sondern auch wirtschaftlich erfolgreich arbeiten …

        … dann befassen wir uns auch damit gerne „objektiv“.

        Unser „konstruktiver Ansatz“ liegt darin, dass wir AS-Kollektivbetriebe grundsätzlich als enorm wichtigen Baustein für eine anarchosyndikalistische Bewegung ansehen. Dazu muss aber erstmal das Dickicht gelichtet werden, um eben die Leute, die fälschlicherweise und bewußt irreführend mit diesem Etikett durch die Lande ziehen. •

  2. Analyse permalink
    25. September 2016 08:30

    Zwei Versändnisfragen:
    1. Handelt es sich bei dem genannten Genossen Andreas Felsen um den Kaffee-Experten, der gelegentlich in der Hamburger Morgenpost (Mopo) auftritt?
    2. Erlaubt eine Regelung, dass „die Gewinnentnahme […] das lokale gesellschaftliche Durchschnittseinkommen […] nicht überschreiten“ soll, nicht ein nach unten offenes System? Und zwar explizit umgerechnet auf die Arbeitsstunde?

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