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Das revolutionäre Rumänien vor Augen

16. Juni 2016

cover-militant-gheorghiu-buchNach der 2013 erschienenen Biografie über den rumänischen Anarchisten und publizistischen (Arbeiter-) Aktivisten Panait Mușoiu hat der anarchistische Syndikalismusforscher Martin Veith eine weitere Studie vorgelegt.

Sein soeben neu erschienenes Buch behandelt auf knapp 300 Seiten das Leben und die Aktivitäten des Arbeiters, Syndikalisten und anarchistischen Kommunisten Ștefan Gheorghiu. Mit diesem Buch korrigiert er einige Falschinformationen und Darstellungen. Denn während der kommunistischen Herrschaft, besonders zu Zeiten Ceaușescus, machte die Partei einen stromlinienförmigen Parteisoldaten aus Gheorghiu. Sie stellten ihn als Marxisten und Sozialdemokraten dar, als Vorkämpfer der kommunistischen Partei und benannten sogar die Parteihochschule nach ihm. Bis zum Sturz Ceaușescus war der Name Gheorghius regelmäßig in Schule und Presse zu hören. Er wurde für die Propaganda des Regimes missbraucht. Wie das Buch darlegt und mit Aussagen von Gheorghius Freunden und Kampfgefährten belegt, war er aber alles andere als ein angepasster Parteimensch.

Mit seinen Ansichten und Aktionen, getragen von einem anarchistischen Geist und stark durchdrungen von den französischen syndikalistischen Theorien, sowie dem Willen zu direkter Veränderung, geriet er in viele Auseinandersetzungen innerhalb der vielschichtigen rumänischen Linken in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Der in Ploiești geborene und aufgewachsene Gheorghiu trat um 1900 in die erste Reihe der Arbeiterbewegung. Seine Hauptaktivitäten entfaltete er in der strömungsübergreifenden Gewerkschaftsbewegung um die Zeitung „România Muncitoare“, für die er viele Artikel schrieb. In Ploiești stand er dem „Syndikalistischen Propaganda-Zirkel“ vor, der mit Veranstaltungen und der Herausgabe von Schriften die syndikalistischen Vorstellungen propagierte. Gheorghiu war zudem ein erfolgreicher Agitator. An vielen Orten gründeten sich durch seine Unterstützung neue Gewerkschaften. Schon zu Lebzeiten, so Veith, war er eine „Ikone“ der Arbeiterbewegung. Respektiert und geliebt von den Arbeitern. Gefürchtet und gehasst von Unternehmern und Staat. Für seine klassenkämpferischen Aktivitäten geriet er in das Fadenkreuz von Regierung und Unternehmern. 1907, während des Bauernkriegs, wurde er unter einem Vorwand verhaftet und in den Kerker geworfen, wo er gefoltert wurde. Die Solidarität der Arbeiterbewegung rettete ihn vor dem Tod.

In dreizehn detailreichen Kapiteln führt uns Veith chronologisch zu unterschiedlichen Stationen des Kampfes und stellt Menschen und wichtige Ereignisse vor, die er dadurch vor dem Vergessen bewahrt. Mit diesem Vorgehen veranschaulicht er weitere Entwicklungen innerhalb der Arbeiterbewegung Rumäniens. Beispielsweise die organisatorische Separierung eines Teils der Syndikalisten und Anarchisten von „România Muncitoare“ und deren kurzzeitiges Zusammengehen mit Nationalisten und Antisemiten in der Zeitung „Poporul Muncitor“. An manchen Stellen wird deutlich, das die Forschung noch nicht abgeschlossen ist, sondern wie vom Autoren angeführt, weitergeführt werden muss. Über die „revolutionäre Hochburg“ Câmpina im Prahova-Tal wäre es schön mehr zu erfahren, ebenso wie über die dortige revolutionäre Aktivistin und Lebensgefährtin Gheorghius Maria Aricescu. Wie ein roter Faden ziehen sich die Schikanen und Manipulationen der Sozialdemokraten und Marxisten gegen die Anarchisten und Syndikalisten in Rumänien durch das Buch. Den Schwerpunkt des Buches stellen die Arbeiterkämpfe in den Hafenstädten Brăila und Galați dar. Der nach Brăila übergesiedelte Ștefan Gheorghiu organisierte dort als Vorsitzender der militanten Transportarbeitergewerkschaft „Uniune“ zahlreiche Streiks und Boykottmaßnahmen gegen die drohende Rationalisierung im Hafen durch die Einführung von Lastkränen. Als Quellen für die Darstellung dienten dem Autoren dabei Polizeiakten, Berichte und Artikel Gheorghius, sowie anderer Arbeiteraktivisten, in der Arbeiterpresse. Darunter der „Tribuna Transporturilor“, der Zeitung der Transportarbeitergewerkschaft, deren Chefredakteur Gheorghiu war. Als Motto im Zeitungskopf führte sie den Satz „Heute gehört die Welt wenigen, morgen allen“. Besonders hervorheben möchte ich zwei Kapitel. Im elften, mit dem Titel „Das Feuer erlischt“, berichtet Veith über die große Anteilnahme der Arbeiterbewegung am Tod Gheorghius.

In deutschen Erstübersetzungen erzählen seine Freunde Panait Istrati und Constantin Mănescu über das Wesen und die Taten Gheorghius. Beeindruckend finde ich ebenfalls den Nachruf der Transportarbeitergewerkschaft. Das dreizehnte Kapitel ist ein „Nachgang“, der kenntnisreich darstellt, auf welche Weise Gheorghiu in das öffentliche Leben des autoritären Regimes der KP eingebunden wurde. U.a. trug sogar eine Schuhfabrik seinen Namen. Veith thematisiert die Unterdrückung freier Gewerkschaften durch die Kommunisten. Anhand der heute in Rumänien noch bekannten Ereignisse von 1977 im Schiltal, wo streikende Bergarbeiter vom kommunistischen Staat verschleppt und in Arbeitslager gebracht wurden, schreibt er: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass Ștefan Gheorghiu, wäre er noch am Leben gewesen, seinen Platz bei den Arbeitern im Schil-Tal gesehen hätte und nicht bei den kommunistischen Unterdrückern der Arbeiter, die sich mit ihrer Repression nicht anders verhielten als die Kapitalisten und der bürgerliche Staat in der Monarchie.“ Lohnend ist es auch, einen Blick in die zahlreichen Anmerkungen und Fußnoten zu werfen. Denn der Autor trat auch mit Georgeta Tudoran, einer wichtigen Historikerin während des Ceaușescu-Regimes und Biografin Gheorghius in Kontakt. Entgegen ihres eigenen „besseren Wissens“ (Veith) über die anarchistischen Positionen und Freundschaften Gheorghius, u.a. zu Mușoiu, verleugnet sie diese noch heute. Der von ihr vertretene xenophobe Nationalismus tut ein übriges.

Wie schon das Buch über Panait Mușoiu ist auch dieses in einer einfühlsamen und gut erklärenden Weise verfasst. Soziale Realitäten entstehen so vor den Augen der Leserin, man fühlt sich dabei. Eine der Stärken Veiths ist die Einbettung des Geschehens in den sozialen Zusammenhang der Zeit und Örtlichkeit. Das Buch ist daher viel mehr als nur eine Biografie. Es zeigt viele unbekannte oder vergessene Ereignisse in der Geschichte der Arbeiterbewegung Rumäniens. Für mich ist dabei immer wieder überraschend welch kreative Ideen, Praxis und Willen die Arbeiterbewegung Rumäniens entfaltet hatte. Etwas das heute so schmerzlich vermisst wird. Es wäre sehr gut dieses Buch in das rumänische zu übersetzen damit auch viele Menschen in Rumänien über Ștefan Gheorghiu, die Anarchisten, Syndikalisten und die Arbeiterbewegung dieser Zeit aufgeklärt werden.

Ruxandra Dumitru

Martin Veith: Militant!
Stefan Gheorghiu und die revolutionäre Arbeiterbewegung Rumäniens
Verlag Edition AV, ISBN 978-3-86841-134-8
296 Seiten, 19,90 €
Mit zahlreichen Abbildungen, Zeittafel, Namens, Orts- Vereinigungs und Zeitschriftenregister

Besprechung erschienen in BUNĂ # 2

Quelle: Revista BUNA

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