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Wurde V-Mann „Corelli“ doch umgebracht?

12. Juni 2016

bild-nsu-corelli-und-der-verfassungsschutz-100~_v-gseapremiumxlVon Tobias Al Shomer

Kein gewöhnlicher Todesfall

Als der V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Richter, besser bekannt unter seinem Arbeitsnamen „Corelli“, am 7. April 2014 in Paderborn tot aufgefunden wird, ist schnell klar: Das hier ist kein gewöhnlicher Todesfall. Corelli war im Schutzprogramm des Verfassungsschutzes. 18 Jahre spitzelte er deutschlandweit in der militanten Neonazi-Szene, bis er 2012 auffliegt. In der Szene ist er jetzt ein Verräter und in Gefahr. Deshalb muss er von Leipzig schließlich nach Paderborn ziehen. Dort steht er unter dem Schutz des Verfassungsschutzes. Geholfen hat es ihm nicht.

Todesursache Zuckerschock

Für seinen Tod finden Rechtsmediziner schnell eine plausible Erklärung: hyperglykämischer Schock in Folge einer unbekannten Diabetes. Tod durch Überzuckerung. Die Staatsanwaltschaft holt ein laborchemisches Gutachten in Münster ein – Ergebnis: keine Auffälligkeiten. Als dann der erfahrene Diabetologe Werner Scherbaum aus Düsseldorf in seinem Gutachten feststellt, dass es gar keine Substanz gebe, die solch einen hyperglykämischen Schock auslösen könne, schließt die Staatsanwaltschaft Paderborn den Fall – ohne ein umfassendes toxikologisches Gutachten einzuholen. Dass Corelli umgebracht wurde, wird ausgeschlossen.

Wurde Corelli doch umgebracht?

Vor einer Woche dann im NSU-Untersuchungsausschuss Landtag NRW die Wende. Werner Scherbaum ist als Zeuge geladen, soll sein Gutachten erklären, doch inzwischen ist es für ihn selbst unerklärbar geworden. In der Vorbereitung auf den Ausschuss hat sich der Diabetes-Experte noch einmal in die Tiefen seines Fachgebiets eingearbeitet und ist dabei auf drei Substanzen gestoßen, die einen hyperglykämischen Schock auslösen können: Vacor, ein Rattengift, Streptozocin und Alloxan, die häufig bei Tierversuchen verwendet werden. Alle Substanzen zerstören die Insulin-produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse. Wurde Corelli doch umgebracht? Dafür komme nur Vacor in Frage, erklärt Werner Scherbaum auf WDR-Anfrage, und selbst das sei unwahrscheinlich. „Diese Substanz, das Vacor, das ich dem Ausschuss gesagt habe, wurde 1975 auf den Markt gebracht, aber dann auch wieder 79 vom Markt genommen. Das heißt die gibt es gar nicht mehr. Aber ich kann nicht ausschließen, dass irgendwo auf nem Lager noch so eine Substanz verfügbar ist, dass jemand das anwendet.“

Warum Paderborn?

Schon der Ort, den der Verfassungsschutz für seinen Schutz aussucht, wirft Fragen auf: Paderborn. Ganz in der Nähe begann Richter seine rechtsextreme Laufbahn. Er war Mitglied einer extrem gewaltbereiten rechtsextremen Partei in NRW, der Nationalistischen Front. Die wird zwar 1992 verboten, ihre Mitglieder sind aber teilweise bis heute aktiv in der Region. „Für mich ist unerklärlich, warum Corelli ausgerechnet nach Paderborn gekommen ist, wo er ja noch Kontakte hatte aus seiner rechtsextremen Zeit Anfang der 90er Jahre. Bisher konnte uns auch aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz niemand erklären: warum ausgerechnet Paderborn? Das ist eine der vielen offenen Fragen, die wir nach wie vor haben“, erklärte die Grünen-Obfrau des NSU-Untersuchungsausschusses Verena Schäffer gegenüber dem WDR.

Corelli hatte Kontakt zum NSU

Corelli war 18 Jahre lang eine Top-Quelle beim Verfassungsschutz, war der Behörde in der Zeit 300.000 Euro wert. Er hatte Kontakt zum NSU, wenn auch nur einmal belegt. 1995 hat er Uwe Mundlos in Thüringen getroffen. Außerdem steht er auf einer Kontaktliste des NSU, die 1998 in einer Garage in Jena gefunden wurde. Deutschlandweit war Corelli in der militanten rechtsextremen Szene vernetzt, war auch Mitglied einer deutschen Abteilung des Ku-Klux-Klan in Baden-Württemberg – in dem Bundesland, in dem 2007 die Polizistin Michelle Kiesewetter im Dienst hingerichtet wird. Laut dem Generalbundesanwalt durch die NSU-Mitglieder Uwe Böhnhard und Uwe Mundlos. Kiesewetters Gruppenführer war mit Corelli zusammen in genau dieser Ku-Klux-Klan-Gruppe aktiv. Was wusste Corelli über die Rechtsterroristen des NSU? Musste er deshalb sterben?

Bizarrer V-Mann-Führer

Auch der Verfassungsschutz wirft im Fall seines getöteten V-Manns Fragen auf. Die Behörde hatte umfassende Aufklärung versprochen. Bis heute klappt das aber nicht. Erst wurde eine mysteriöse CD mit dem Titel „NSU/NSDAP“ gefunden, die Corelli dem Amt schon im Jahr 2005 geliefert hatte; sie wurde aber offenbar bis 2014 nicht ausgewertet. Vor wenigen Tagen erst wurden ein Handy und fünf SIM-Karten nachgeliefert, die Corelli gehörten. Sie lagen im Panzerschrank seines langjährigen V-Mann-Führers, der eine sehr enge Beziehung zu seinem V-Mann hatte. Als Corelli 2012 aufflog, wollte er sogar mit ihm zusammenziehen, um ihn zu beschützen.

Verfassungsschutz behindert Aufklärung

Diesen V-Mann-Führer wollte der NSU-Untersuchungsausschuss in NRW als Zeugen vernehmen, aber das Bundesamt für Verfassungsschutz hat das verboten. Dabei könnte er einige wichtige Fragen beantworten, auch zu Corellis letzten Tagen in Paderborn. Offenbar bis zu seinem Tod hielt er Kontakt zu seinem V-Mann, auch wenn seine Behörde ihm das längst untersagt hatte. Aktenkundig ist, dass er selbst noch versuchte, Corelli zu erreichen als der bereits tot war.

Hätte Corelli gerettet werden können?

Der NSU-Untersuchungsausschuss konnte immerhin eine Mitarbeiterin des Verfassungsschutzes vernehmen, die Corelli im Schutzprogramm betreut hat und dabei war, als Corelli tot aufgefunden wurde. Bei ihrer Vernehmung hat sie einige Aussagen gemacht, die im Widerspruch zu anderen Zeugenaussagen stehen, unter anderem zu Corellis Vermieter. Richtig entsetzt war der Ausschuss darüber, dass diese Betreuerin aussagte, nichts über Corellis vorheriges Leben zu wissen. Wie ist dann aber ein Schutz überhaupt möglich, wenn die, die ihn schützen sollen, nichts über ihn wissen und somit auch nicht über mögliche Gefahren?

Genauso unverständlich ist für CDU-Obmann Heiko Hendriks, warum die Betreuer erst nach vier Tagen zu seiner Wohnung fuhren: „Hätte ich die Gefährdungslage gewusst, hätte ich mehr über die Person gewusst, hätte ich zum Beispiel gewusst, dass er Opfer einer Entführung hätte werden können, dass ihm vielleicht etwas zugestoßen ist, auch von Dritten herbeigeführt, dann hätte ich vielleicht schon nach zwei Tagen geschaut. Hätte ihn vielleicht retten können. So habe ich erst nach vier Tagen geschaut und ’ne komische Reaktion beim Auffinden der Leiche an den Tag gelegt. Das wirft dann mehr Fragen auf als es Antworten gibt.“

Nach Aussage des Vermieters, der Corelli mit den beiden BfV-Betreuern tot aufgefunden hat, war deren erste Reaktion: Da könne man jetzt auch nichts mehr machen. Entsetzen über den Tod des Menschen, den man schützen sollte, sieht anders aus.
Neue Ermittlungen sollen Klarheit bringen

Der NSU-Untersuchungsausschuss blickt jetzt gespannt auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Paderborn und hofft, dass sie endlich Klarheit bringen. Der Diabetes-Experte Werner Scherbaum erklärte gegenüber dem WDR, dass er weiter davon ausgehe, dass Corelli eines natürlichen Todes gestorben sei. Bei seinem Gutachten 2014 sei ihm aber die Dimension des Falls nicht bewusst gewesen. „Natürlich da der Fall inzwischen an Brisanz noch gewonnen hat, können sich die Menschen alles mögliche vorstellen, was passiert sein könnte. Deswegen muss man sicher alles in Erwägung ziehen. Es ist viel einfacher etwas aktiv nachzuweisen als hunderprozentig auszuschließen. Deswegen sagte ich: ich kann als Wissenschaftler nicht hundertprozentig ausschließen, dass es nicht doch eine solche Substanz war und da kommt nur Vacor in Frage.“

Quelle: WDR

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