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Doris Ensinger: Vortrag zu 80 Jahren soziale Revolution in Spanien

10. Mai 2016

dorisinhh

Wir freuen uns, hier, den überarbeiteten Vortrag von Doris Ensinger in schriftlicher Form veröffentlichen zu können, den sie am 27. April 2016 in Hamburg gehalten hat. Doris Ensinger stellte dort im Rahmen der Veranstaltungsreihe „80 Jahre soziale Revolution in Spanien“ ihr Buch „Quer denken, gerade Leben“ vor. Das Buch ist im letzten Jahr im Verlag Barrikade erschienen.

VORTRAG UND BUCHVORSTELLUNG, HAMBURG,

27. APRIL 2016

Die Vorstellung meines Buches „Quer denken – gerade leben. Erinnerungen an mein Leben und an Luis Andrés Edo“1 findet im Rahmen der Veranstaltungsreihe 80 Jahre Soziale Revolution in Spanien statt. Im ersten Teil meines Beitrags – den ich mit WER TYRANNEI SÄT, WIRD GEWALT ERNTEN betitele – möchte ich über die 80 Jahre sprechen, die dem Spanischen Bürgerkrieg und der sozialen Revolution vorausgegangen sind. Zum einen spielen sie in einem Kapitel des Buches eine kleine Rolle, worauf ich am Ende eingehen werde, zum anderen müssen die Geschehnisse in den vorangegangenen Jahrzehnten berücksichtigt werden, um verstehen zu können, warum sich die Anarchisten, die ihrem Selbstverständnis nach Antimilitaristen und Antibellizisten sind, mit Gewalt gegen die Faschisten wehrten.

Lange bevor in Spanien von Anarchismus bzw. von anarchistischen Organisationen gesprochen werden kann, gab es freiheitliches Denken und Elemente oder Prinzipien des Anarchismus. Proudhon war ins Spanische übersetzt worden, seine Ideen waren also schon in einigen Kreisen bekannt, und in den Industrieregionen, vor allem um Barcelona und Madrid, hatten die Arbeiter den Kampf für ihre Rechte aufgenommen und organisierten sich bereits ab 1848 in Gremien und Syndikaten. Zum anderen gab es in Andalusien so etwas wie Wanderprediger, die von Ort zu Ort zogen, um unter der völlig verarmten und versklavten Landbevölkerung die IDEE zu verbreiten, nämlich die Idee von der Gleichheit aller Menschen und dass Unterdrückung und Armut nicht Gott gewollt sind. Die Agrarreform, verbunden mit dem Kampf gegen die brachliegenden Latifundien und die Caciquen, war eine uralte Forderung, um so eine einigermaßen menschenwürdige Existenz für die Tagelöhner und ihre Familien zu gewährleisten. Die „bandoleros“, die vor allem in Andalusien auftraten, waren zum großen Teil Robin Hoods, die den Reichen das Geld abnahmen, um es unter den Armen zu verteilen – so wie mit dem Geld späterer Bankenteignungen z.B. die Familien der gefangenen Arbeiter unterstützt wurden.

In der Zeit von 1866 – 1868 erlebte das industrialisierte Spanien seine erste schwere Wirtschaftskrise. Zwei Kreditinstitute, die seit den dreiβiger Jahren vor allem den Ausbau der Eisenbahn förderten, gingen im Sommer 1866 Bankrott, tausende Arbeiter wurden arbeitslos. Die vor allem um Barcelona herum angesiedelte Textilindustrie wurde durch den Sezessionskrieg in Amerika schwer getroffen, weil die Baumwolle, der notwendige Rohstoff, nicht mehr angeliefert werden konnte und viele Fabriken ihren Betrieb einstellen mussten. Zum anderen hatten vor allem die unteren Schichten unter Missernten im Jahr 1867 und 1868 zu leiden, was insbesondere in Andalusien zu sozialen Unruhen führte. Die Unzufriedenheit mit der Monarchie führte schließlich zum Sturz von Isabella II. Die Revolution von 1868 bedeutete den Triumph des liberalen, antiklerikalen und fortschrittlichen Spaniens über das absolutistische, reaktionäre.

1868 ist auch das Jahr, in dem der von Bakunin entsandte Giuseppe Fanelli nach Spanien kam, um das Land für die Erste Internationale zu gewinnen. Er rannte sozusagen offene Türen ein, denn in Madrid und Barcelona wie auch in anderen Städten existierten bereits Gruppen, die von Proudhons Schriften beeinflusst waren, u.a. die Männer um Anselmo Lorenzo, der gern als „Groβvater des spanischen Anarchismus“ bezeichnet wird.

Der spanische Anarchismus und Anarchosyndikalismus war nie eine reine Gewerkschaftsbewegung, die nur in den Fabriken und an den Arbeitsstätten für die Rechte der Arbeiter kämpfte. Es war von Anfang an eine soziale und kulturelle Bewegung, die der Erziehung und Bildung höchsten Wert beimaβ, darin den Motor sozialen Wandels und das Instrument zur Befreiung des Menschen sah. So entstanden nicht nur Gewerkschaftslokale, sondern zugleich immer auch die sogenannten Ateneos, Kultur- und Versammlungszentren, sowie Bibliotheken, gleichzeitig wurden unzählige Zeitschriften herausgegeben, praktisch jede Gewerkschaft und Lokalföderation hatte ihr eigenes Blatt, und es entstand eine ganz neue Arbeiterkultur. In späteren Jahrzehnten sprach man von den „peones ilustrados“, das heiβt den gebildeten Hilfskräften, die es als Autodidakten vom Analphabeten bis, in einigen Fällen, zum anerkannten Schriftsteller gebracht hatten. Schlieβlich kamen auch die libertären Schulen hinzu, deren bekannteste die „Moderne Schule“ von Francisco Ferrer i Guardia wurde. Dem Staat und der Kirche, die bis dahin das Monopol über das Erziehungswesen hatten, waren die laizistischen, freien Schulen, die als Erziehungsziel das kritische Denken, die Freiheit des Einzelnen und die Werte von Gleichheit und Solidarität unter allen Menschen hatten, von Anfang an ein Dorn im Auge. Teil des Unterrichts waren immer die künstlerische, musische Erziehung, die Lehre der Wissenschaften sowie Themen der Aktualität wie auch die Veröffentlichung literarischer oder wissenschaftlicher Werke, das heiβt die praktische Einweisung in bestimmte Handwerksberufe, wie z.B. die des Druckers, war Teil des Unterrichts. Neben diesen Schulen wurde ein anderes, einzigartiges Werk der spanischen Anarchisten in die Realität umgesetzt, nämlich die Alphabetisierung all der Arbeiter, die schon im Kindesalter für den Unterhalt der Familie hatten mitarbeiten müssen und denen daher ein Schulbesuch nicht vergönnt gewesen war. Diese Kampagne fand nicht nur in den Gewerkschaftslokalen und Ateneos statt, sondern vorrangig auch in den Gefängnissen, wo Tausende jahrelang einsaβen. Es war gerade diese erzieherische Leistung, die dazu beitrug, dass die Anarchisten dann im Juli 1936 den Kampf gegen die putschenden Generäle aufnehmen konnten.

1870 wurde die spanische Sektion der IAA (AIT) ins Leben gerufen, die Zahl der Gruppen und Mitglieder wuchs rasant. 1874 wurde die erste landesweite anarchistische Organisation, die Federación Regional Española (FRE), gegründet, aber: ALLE GEWALT GEHT VOM STAATE AUS, und dies gilt insbesondere für Spanien, wo sich der heiligen Dreieinigkeit aus Monarchie plus Feudalherren, Kirche und Militär im 19. Jahrhundert das Kapital, die Unternehmer, hinzugesellten. Am Status quo sollte sich nichts ändern, die Privilegien sollten nicht angetastet werden, und so wurden die Anarchisten mit ihren revolutionären Forderungen und ihrer antiklerikalen Einstellung zum Volksfeind Nr. Eins erklärt und waren fortan das Ziel von Verfolgung und unbarmherziger Unterdrückung. In den folgenden Jahrzehnten wechselte die Gründung bzw. Neugründung anarchistischer Organisationen munter mit deren Verbot ab.

Obwohl in der Zeit von 1868 – 1874, den Jahren, als die Erste Spanische Republik zwischenzeitlich die Geschicke des Landes leiten durfte, gröβere Freiheiten herrschten, bedeuteten sie auch die Verfolgung der Internationale, weshalb diese von 1874 – 1881 praktisch im Untergrund agierte und viele Mitglieder ins Exil flohen. Erst 1881 begann wieder eine liberalere politische Phase. Die Federación de Trabajadores de la Región Española (FTRE) wurde gegründet, die einen antiautoritären Syndikalismus mit libertären Prinzipien vertrat. Sie war bereits so organisiert, wie wir das später von der CNT kennen: Sektionen einer Berufssparte bildeten die Lokalföderation, diese war in der Kreis- oder Bezirksföderation vertreten, diese wiederum in der Regionalföderation, deren Mitglieder bei einem jährlichen Kongress gewählt wurden. Neben dem Prinzip der Autonomie ihrer Organe und des Föderalismus zeichnete die Organisation der Streik als ein Mittel des Kampfes der Arbeiterklasse zur Durchsetzung ihrer Rechte aus, und dieses Mittel wurde unzählige Male im Kampf gegen Ungerechtigkeit und Repression eingesetzt.

Der FRTE folgte 1888 die Federación de Resistencia al Capital – Pacto de Unión y Solidaridad, kurz Pacto de Unión y Solidaridad. Wie der Name schon sagt, war ihr Ziel der Kampf gegen das Kapital. Die Umstände für einen erfolgreichen Kampf waren jedoch denkbar ungünstig, denn 1890 begann nicht nur eine Streikwelle, die von der Regierung gnadenlos bekämpft wurde, das Jahrzehnt war auch von Attentaten gekennzeichnet, die 1896 zum Verbot der Organisation und aller ihrer Publikationen wie auch der Schlieβung aller Ateneos und sonstigen anarchistischen Einrichtungen führte. Die Anarchisten wurden verfolgt, verhaftet, des Terrorismus angeklagt. Gern wird von den Attentaten und der Gewalt der Anarchisten gesprochen, tatsächlich definieren allzu viele den Anarchismus mit Gewalt und Terrorismus. Dabei wird vergessen, was diesen Attentaten immer vorausging, nämlich das brutale Eingreifen des Staates bei Konflikten der Arbeiter oder Tagelöhner in Andalusien. Der Staatsterrorismus wird hingegen selten erwähnt.

Eine Revolte der Landarbeiter in der Provinz Cádiz wird 1892 grausam niedergeschlagen, vier angebliche Anführer werden in Jerez de la Frontera hingerichtet. Aus Protest gegen die ungerechte Behandlung der Landbevölkerung verübte der Anarchist Paulino Pallás im September 1893 ein Attentat auf den Militärgouverneur von Barcelona, der dabei leicht verletzt wurde. Der Attentäter wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Das nächste Attentat lieβ nicht lange auf sich warten: um die Hinrichtung von Pallás zu rächen, zündete einer seiner Freunde eine Bombe im Opernhaus Liceu, für die Anarchisten das Symbol der katalanischen Bourgeoisie, die die Arbeiter ausbeutete und auf deren Kosten lebte. 20 Menschen fanden dabei den Tod, 35 wurden verletzt. Eine Verhaftungswelle gegen die gesamte Arbeiterbewegung, aber insbesondere gegen die Anarchisten, setzte ein. Hunderte Verdächtiger wurden verhaftet, Geständnisse durch Folter2 erpresst, zwei Anarchisten hingerichtet, die nichts mit dem Attentat zu tun hatten, schlieβlich erfolgte auch die Verhaftung und Hinrichtung des wirklichen Attentäters.

1896 wurde ein weiteres Attentat in Barcelona verübt, und zwar auf den Fronleichnamszug, wobei 12 Menschen starben, 35 verletzt wurden. 400 Personen wurden unmittelbar danach verhaftet, 87 wurde schlieβlich der Prozess gemacht, in dem die Militärrichter 28 Todesurteile und 59 Mal eine lebenslange Haftstrafe verhängten. Die wahren Täter wurden nie verhaftet, vielmehr wird von einer polizeilichen Provokation ausgegangen, die ja nicht das erste und einzige Mal Anlass für die Kriminalisierung der Anarchisten war. Der Prozess ging in die Geschichte als der „Prozess von Montjuïc“ ein, benannt nach dem Ort, dem Castell Montjuïc, wo die mutmaβlichen Täter nach grausamsten Folterungen von einem Militärgericht verurteilt wurden. In ganz Europa kam es wegen der „barbarischen und unverhältnismäβigen Strafen“ zu Protesten, so dass die zu Haftstrafen verurteilten nach einigen Jahren wieder freikamen. Den fünf zum Tode Verurteilten half dies allerdings nicht mehr. Eine Reaktion des Staates auf das Attentat war es, mit aller Härte” und Brutalität gegen die Anarchisten vorzugehen. Ein Antiterror-Gesetz wurde erlassen, das ein Publikationsverbot beinhaltete und die Schlieβung der Ateneos bedeutete. Dass die anarchistische Gewalt nicht eingestellt, sondern in den folgenden Jahrzehnten fortgeführt wurde, erklärt ein spanischer Historiker wie folgt: „… der Grund für das Fortbestehen des anarchistischen Terrorismus in Spanien ist auf die Reaktion der spanischen Institutionen zurückzuführen, die zugleich barbarisch, illegal und unwirksam war. … Die repressive Brutalität ersetzte in Spanien auf perverse Weise polizeiliche Effizienz. Insbesondere in Barcelona fehlten der Polizei qualifizierte Kräfte in ausreichender Zahl, um sich den Herausforderungen der neunziger Jahre zu stellen. Aus Mangel an Indizien wurden Massenrazzien durchgeführt, aus Mangel an Beweisen wurden die Hauptverdächtigen gefoltert.“ Ganz sicher mangelte es nicht nur an polizeilicher Effizienz, sondern vor allem an der Bereitschaft seitens der Institutionen und Unternehmer auf die gerechten Forderungen der Arbeiterklasse einzugehen.

Ein weiterer und über die Grenzen Spaniens hinaus bekannter Prozess, der das eben Gesagte bestätigt, war der im Herbst 1909 stattfindende Prozess, der nach der sogenannten Semana Trágica, der tragischen Woche im Juli/August, abgehalten wurde. Spanien hatte sich vom Verlust seiner Kolonialgebiete wie Kuba, Puerto Rico, der Philippinischen und anderer Inseln im Jahr 1898 noch nicht erholt, als ein Dekret erlassen wurde, aufgrund dessen Reservisten in die spanischen Besitzungen in Marokko geschickt werden sollten, um dort die in Privatbesitz befindlichen Bergwerke zu sichern. Mit 6.000 Reales konnte man sich von der Einberufung freikaufen (einem Arbeiter standen ungefähr 10 Reales täglich zur Verfügung, weshalb dieses Dekret realiter nur für die Arbeiterklasse Anwendung finden konnte). Die Gewerkschaft Solidaridad Obrera rief am 26. Juli in Barcelona den Generalstreik aus, an dem sich auch Frauen und Kinder beteiligten. Am 31. Juli lieβ die Regierung das Militär einschreiten und die Unruhen brutal niederschlagen. Das Ergebnis: 78 Tote, ca. 500 Verletzte, 112 Gebäude, vor allem kirchliche, gingen in Flammen auf. Die Repression nach den Julirevolten war beispiellos: Verhaftung mehrerer Tausend Personen, Verurteilung von 1725 Personen durch Militärgerichte, Verhängung der Todesstrafe gegen den Verleger und Reformpädagogen Francisco Ferrer i Guardia wegen der angeblichen Anstiftung zur Revolte, obgleich er bei den Unruhen nachweislich keine Rolle gespielt hatte. „Durch das Todesurteil gegen Ferrer i Guardia glaubte man, die Ideen der Modernen Schule und das kritische Denken ausmerzen zu können. Das Gegenteil trat ein: Im In- und Ausland kam es zu massiven Protesten, die den Ministerpräsidenten Antonio Maura zum Rücktritt zwangen.“ 59 Personen wurden zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, 175 aus der Stadt verbannt, u.a. die bekannte Arbeiterführerin Teresa Claramunt, die auch schon 1896 verhaftet und mit Verbannung bestraft worden war. Die Verfassung wurde bis November suspendiert, anarchistische und linksnationalistische Zeitungen wurden verboten, kulturelle Arbeiterzentren und Versammlungsorte sowie weit über 100 weltliche Schulen wurden geschlossen. Die Fronten, die in der „tragischen Woche“ klar zum Ausdruck kamen – Kirche und Reaktion auf der einen Seite, Reformer und radikale Denker auf der anderen – würden in der Folgezeit nicht verschwinden, sondern drei Jahrzehnte später im Spanischen Bürgerkrieg voll aufbrechen.

Hier sei ein kleiner Exkurs auf die „bösen Orte” in Barcelona eingeschoben, die sich tief in das kollektive Gedächtnis der Arbeiterbewegung eingebrannt haben. Einige der Orte sind inzwischen verschwunden, wie verschiedene Gefängnisse, so z.B. das Gefängnis in der Calle Amalia im Barrio Chino, das die Anarchisten zu Beginn des Bürgerkriegs stürmten, oder das ehemalige Frauengefängnis im Stadtteil Les Corts. Andere existieren immer noch, wie das Polizeipräsidium in der Vía Layetana, wo Abertausende nach ihrer Verhaftung zusammengeschlagen und gefoltert wurden, unzählige nicht lebend das Gebäude verlieβen. Insbesondere sind es folgende Orte: Das Castell auf dem Montjuïc, ursprünglich als Bollwerk zur Verteidigung der Stadt erbaut, war seit Beginn des 19. Jahrhunderts immer wieder der Ort, an dem politisch Verfolgte festgesetzt, gefoltert und viele zum Tode verurteilt und im Festungsgraben erschossen wurden. Mehrmals wurde von dort oben bei sozialen Unruhen allerdings auch mit den dort aufgestellten Kanonen auf die Stadt und die Bevölkerung geschossen, diente also nicht nur zur Verteidigung der Stadt. 1904 wurde das Gefängnis Modelo im Stadtgebiet eröffnet, wo fortan viele Tausende ihre Strafen absaβen, während die Festung auf dem Montjuïc, aufgrund ihrer ‚idealen‘ Lage, als Haftanstalt und Exekutionsort beibehalten wurde. Im Bürgerkrieg waren dort erst tausende Faschisten inhaftiert, nach Francos Sieg 1939 diente sie als Konzentrationslager für tausende Republikaner. Obwohl die Namen unzähliger Männer bekannt sind, die dort festgehalten und hingerichtet wurden, werden derzeit nur drei in der kleinen Ausstellung über die Geschichte dieses Bollwerks namentlich genannt: Francisco Ferrer i Guardia, der Gründer der Modernen Schule; Lluís Companys, der Präsident der katalanischen Regierung in der Zeit des Bürgerkriegs, der 1940 von der Gestapo in Südfrankreich festgenommen und an Franco ausgeliefert wurde, sowie der General der Guardia Civil Alberto Escobar, der deswegen in unserem Zusammenhang von Bedeutung ist, da er der Vorgesetzte von Luis Andrés‘ Vater war, dessen Lebensspuren sich in den letzten Bürgerkriegstagen verlieren und der vermutlich als Verteidiger der Republik von den Faschisten erschossen wurde. Die Festung Montjuïc, das Gefängnis Modelo, das demnächst abgerissen und durch ein modernes ersetzt werden soll, und die ehemalige Festung Campo de la Bota am Strand von Barcelona, wo nach dem Bürgerkrieg Tausende in den frühen Morgenstunden ermordet wurden, sind im demokratischen Barcelona noch keine besonderen Erinnerungsorte, da die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Spanien nicht wirklich stattfindet, sondern offiziell das institutionalisierte Vergessen angeordnet ist. Der Genauigkeit halber ist anzufügen, dass die Regierung unter Rodriguez Zapatero das sogenannte Gesetz zur „Memoria Histórica“ erlieβ, das aber insbesondere von PP-regierten autonomen Regionen völlig missachtet wird, z.B. bei der Änderung von Straβennamen, die immer noch nach den faschistischen Generälen und sonstigen Verbrechern des Bürgerkriegs benannt sind.

Zurück zu unserem Überblick über die Geschichte des Anarchismus in Spanien:

1910 wird die Confederación Nacional del Trabajo, die CNT, gegründet, die trotz zwischenzeitlicher Illegalisierung bis 1919 auf 700.000 Mitglieder in ganz Spanien anwuchs. Drei Generalstreiks wurden in der Zeit ausgerufen, 1917 zusammen mit der sozialistischen Gewerkschaft UGT, und 1919 ein Streik gegen das Elektrizitätswerk La Canadiense, der von 70 % der gesamten Industriebetriebe in Katalonien befolgt wurde und mit einem Erfolg für die Arbeiterbewegung endete: der 8-Tag-Stunden wurde eingeführt, die Löhne wurden angehoben, die entlassenen Arbeiter wieder eingestellt und die Verhafteten wieder freigelassen.

Seit 1918 und bis Mitte der 20er Jahre herrschte der sogenannte „weiβe Terror“, das heiβt skrupellose Fabrikbesitzer lieβen durch „pistoleros“, gedungene Totschläger, hunderte CNT-Mitglieder hinterrücks ermorden, u.a. in Barcelona den bekannten Rechtsanwalt Francisco Layret und den Gewerkschaftsführer Salvador Seguí. In der Diktatur Primo de Riveras ab 1924 wurde die CNT wieder einmal verboten.

1927 wird die Federación Anarquista Ibérica (FAI) gegründet, die als eine Art Avantgarde der anarchistischen Bewegung angesehen wird. Die CNT sollte die legale Vertretung der Arbeiterbewegung sein, die FAI den Widerstand organisieren.

Als im April 1931 die Zweite Spanische Republik ausgerufen wurde, war die Neugründung der CNT bereits erfolgt. Obwohl die erste demokratische Regierung Spaniens einige ihrer Gesetzesvorhaben durchsetzen konnte – Dezentralisierung des Landes, Anerkennung der Gleichheit der Frauen, Scheidungsrecht, die Einführung einer Agrarreform (die allerdings nicht den Vorstellungen der Betroffenen entsprach), Durchsetzung des laizistischen Staates und öffentliche Schulen für alle – konnte sie keine mehrheitliche Unterstützung für sich gewinnen. Die Rechte und die Kirche tobten, seitens der revolutionären Linken wurde wenig Enthusiasmus aufgebracht, da viele Gesetze von Anfang an gegen die CNT gerichtet waren, die Regierung nicht entscheidend gegen die Rechte vorging, vor allem die Repressionskräfte unangetastet blieben. Es wurde mit Ausnahmegesetzen regiert, mit Streiks und Protestaktionen reagiert, die CNT aufs Neue illegalisiert, und 1936 befanden sich 30.000 CNT-Mitglieder im Gefängnis.

1932 wurde im Bergarbeiterstädtchen Fígols im Nordwesten Kataloniens nicht nur ein Streik, sondern der libertäre Kommunismus ausgerufen. Die Antwort des Staates war die brutale Niederschlagung und die Deportation von 108 Arbeitern in das Sahara-Gebiet. 1933 richtete die Guardia Civil ein Massaker gegen die streikende Landbevölkerung in dem andalusischen Ort Casas Viejas an, das im ganzen Land zu heftigen Reaktionen führte. Der Regierung gelang es nicht, die Konfliktparteien aufeinander zuzuführen, im Gegenteil, der Graben zwischen der Reaktion und den rechten Generälen und der Linken wurde immer tiefer und führte geradewegs zu den militärischen Auseinandersetzungen ab Juli 1936. 1933 wurde zudem die faschistische, nationalsyndikalistische Partei Falange gegründet, die schon damals mit Mord und Totschlag gegen linke Syndikalisten vorging.

Nach dem Wahlsieg der Rechten 1933 antwortete die Linke mit Protestaktionen und Streiks, die aber alle sofort niedergeschlagen wurden. Nur der Bergarbeiterstreik 1934 in Asturien war zunächst erfolgreich. Die Bergarbeiter konnten den Groβteil des Landes unter ihre Kontrolle bringen, Fabriken und Felder wurden enteignet und gemeinschaftlich geführt und bestellt. Die UGT war allerdings nicht bereit, den Mitgliedern der CNT Waffen zur Verfügung zu stellen, so dass der Aufstand nach etwa 20 Tagen durch die Regierungstruppen beendet wurde. Was bald darauf im Bürgerkrieg passieren würde, wurde in Asturien schon praktiziert: die Spanische Fremdenlegion und die marokkanischen Söldner konnten ohne Widerspruch von oben gefangene Bergarbeiter foltern, verstümmeln und ermorden. Zwischen 2.000 und 3.000 Arbeiter wurden getötet, etwa 30.000 gefangen genommen, viele tausend verloren ihre Arbeit.

Als am 17. Juli 1936 die Generäle in Marokko gegen die legitime Regierung putschten und somit Hochverrat begingen, waren 80 Jahre vorausgegangen, in denen sich zwei Seiten unversöhnlich gegenüberstanden: auf der einen die gesamte spanische Reaktion mit Monarchisten und der Oligarchie − Groβgrundbesitzer, Kapital, ein groβer Teil der Armee, rechte Parteien und Kirche; auf der anderen Seite das moderne Spanien, unterstützt von den linken Parteien und vor allem den Anarchisten. Als diese am 19. Juli die Waffen ergriffen, um sich gegen die faschistischen Angreifer zur Wehr zu setzen, hatten diese bereits mit ihrem Mordfeldzug begonnen und schon hunderte massakriert. Wo immer die faschistischen Banden auftauchten, war niemand mehr seines Lebens sicher, der in irgendeiner Weise die Spanische Republik unterstützt hatte, für eine Bodenreform eingetreten war und seine Abneigung der Kirche gegenüber geäuβert hatte. Die ersten Opfer waren überall die demokratisch gewählten Bürgermeister und Gemeinderäte, Gewerkschaftsführer und Lehrer und alle diejenigen, die für die Moderne eintraten wie viele Intellektuelle oder Frauen, die ihre Rechte einforderten. Da ich mich nicht der politischen Korrektheit unterwerfe, werde ich auch nicht von der Gewalt auf beiden Seiten sprechen. 80 Jahre lang, wenn nicht sogar hunderte von Jahren, wurde vom Staat und seinen Organen eine brutale, rachsüchtige und völlig willkürliche Gewalt gegen die unteren Klassen und protestierende Arbeiter ausgeübt. Unzählige Menschen wurden ihrer Überzeugungen wegen nicht nur verfolgt, sondern barbarisch gefoltert und ermordet. Der Putsch der faschistischen Generäle am 17. Juli 1936 war schlichtweg der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, worauf sich ein Teil des spanischen Volks zur Wehr setzte und die zögerliche Regierung zwang, den Kampf gegen die Faschisten aufzunehmen. Dieser konnte allerdings nicht gewonnen werden, da die Generäle dank der Hilfe Nazi-Deutschlands und des faschistischen Italiens von Anfang über die Waffen verfügten, um die Republikaner besiegen zu können. Am Montag hat Folkert Mohrhof in seinem Vortrag bereits über die unermessliche Hilfe Hitler-Deutschlands und Mussolinis für die faschistischen Generäle gesprochen. Es waren deutsche Flugzeuge und Schiffe, die die Soldaten von Marokko aufs spanische Festland transportierten und die Fortführung des Putsches ermöglichten, der ohne diese Unterstützung in kürzester Zeit zusammengebrochen wäre. Und es waren auch deutsche Schiffe, die die im Februar 1937 nach Osten fliehende Bevölkerung Málagas vom Meer aus beschossen, wobei Tausende den Tod auf der Landstraβe fanden – ein nie gesühntes Kriegsverbrechen. Bundespräsident Roman Herzog entschuldigte sich zwar im Namen Deutschlands anlässlich des 60. Jahrestages der Bombardierung und Zerstörung von Guernica, aber dies war eine von vielen bombardierten Städten. Eine Entschuldigung für das massive Eingreifen der Deutschen in diesen Konflikt, der nicht nur den Bürgerkrieg, sondern vierzig Jahre franquistische Diktatur bedeutete, ist bisher ausgeblieben.

Der erste Teil meines Beitrags endet mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs und der nun folgende, das heiβt die eigentliche Buchvorstellung, beginnt ebenda. Da ich nicht voraussetze, dass alle Anwesenden etwas über Luis Andrés Edo wissen, möchte ich mit seiner Person anfangen. Im Juli 1936 ist Luis Andrés nicht ganz elf Jahre alt. Als Sohn eines Zivilgardisten bekommt er die politischen Ereignisse von Anfang an aus nächster Nähe mit, denn sein Vater kämpft in diesem Bruderkrieg auf Seiten der Republik unter dem zuvor erwähnten General Alberto Escobar. Die überall erbauten Barrikaden werden eine bleibende Erinnerung an diese Jahre. Luis wird auch auf andere Weise an den in Katalonien einsetzenden sozialen Veränderungen beteiligt sein. Auf dem Gelände, wo die Jungen bisher Fuβball spielten, legen sie Felder an und bauen Gemüse an, um so nützlich zu sein und wie die Erwachsenen einen kleinen Beitrag zur sozialen Revolution zu leisten. Die einschneidendste Veränderung erfährt er jedoch am 1. Oktober 1936, als die Sommerferien zu Ende gehen und die Schule wieder beginnt. In kürzester Zeit, nämlich in zwei Monaten und unter den Bedingungen des Bürgerkriegs, wurde in Katalonien ein völlig neues Schulsystem geschaffen, der CENU (Consell de l‘Escola Nueva Unificada) [die heutigen Minister und Bildungsinstitutionen mögen sich daran ein Beispiel nehmen, für ihre Schulreformen benötigen sie Jahre und sie bleiben dann doch nur Stückwerk]: Das neue System beruhte auf den Ideen der Modernen Schule von Ferrer i Guardia und war ein laizistisches, auf der Koedukation aufbauendes pädagogisches System. Die Nonnen und Priester verschwanden aus den Schulen wie auch die Sanktionen. Im Anhang des Buches befindet sich ein Text, in dem Luis näher auf dieses Schulsystem eingeht und wie es sich auf ihn und die damaligen Schüler bleibend auswirkte. Denn die gut zwei Jahre, die die Jungen und Mädchen in dieser neuen Umgebung erlebten, angstfrei und täglich aufs Neue motiviert, prägten sie für ihr ganzes Leben, wie nicht nur Luis später immer wieder erzählte.

Als zuletzt auch Katalonien in die Hände der Faschisten fiel und der Bürgerkrieg Anfang 1939 sein Ende fand, begann für Luis eine neue Etappe seines Lebens. Der Vater kehrte nicht nach Hause zurück, blieb für immer verschwunden, und mit seinen dreizehn Jahren musste er fortan zum Unterhalt der Familie beitragen. Bei der RENFE wurde er als Lehrling bei der Wartung der Elektroloks eingestellt, und dort tat sich ebenfalls eine neue Welt für ihn auf: einige der Arbeiter waren CNT-Mitglieder, die ihr Land nicht verlassen hatten und ihren Ideen treu geblieben waren. Durch sie wurde Luis allmählich in die klandestine Arbeit mit einbezogen, wurde zum Boten zwischen den Genossen, lernte gleichzeitig ein wesentliches Merkmal der Anarchosyndikalisten kennen: die Solidarität. Sie war es auch, die ihn zum ersten Mal ins Gefängnis brachte: er „organisierte“ Reis und Kartoffeln und verteilte sie in den Hungerjahren unter den Genossen. 1947 wurde er zum Militärdienst einberufen, desertierte jedoch bei der erstbesten Gelegenheit und floh nach Frankreich, wo er Mitglied der CNT und der Juventudes Libertarias wurde. 1952 wurde er bei der heimlichen Einreise nach Spanien festgenommen und wegen seiner Desertion zu 15 Monaten Festungshaft verurteilt. Sobald er konnte, desertierte er ein zweites Mal, lebte danach in Lothringen, ab Mitte der fünfziger Jahre konnte er sich in Paris niederlassen. Dort übernahm er mit der Zeit verschiedene Ämter in der Exil-CNT. 1961 wurde von herausragenden Mitgliedern der CNT, wie Juan García Oliver, Cipriano Mera und Octavio Alberola, das Geheimorgan Defensa Interior gegründet, dessen Mitglieder den bewaffneten Kampf gegen Franco wieder aufnehmen sollten. Anfang der sechziger Jahre reiste Luis fünfmal heimlich nach Spanien, um dort Kontakt mit den im Land lebenden und agierenden Genossen aufzunehmen. Bei der sechsten Reise wurde die Gruppe, die eine Aktion in Madrid geplant hatte, von einem eingeschleusten Spitzel an die Polizei verraten und festgenommen. Im Prozess wurde Luis zu neun Jahren Haft verurteilt, von denen er sechs absitzen wird (1972 kam er aufgrund eines allgemeinen Straferlasses frei, der zugunsten der in einem der gröβten Wirtschaftsskandale der Franco-Zeit Angeklagten ausgesprochen wurde). Zu der Zeit ist er für viele schon der charismatische Aktivist, vor allem auch aufgrund seines Verhaltens den anderen Gefangenen gegenüber. 1974 erfolgte eine weitere Verhaftung in Barcelona. Durch den Tod Francos und die spätere Amnestie kam er im Sommer 1976 frei, lebte fortan in Barcelona, um dort nach vierzig Jahren Franco-Diktatur die CNT wiederaufzubauen. Im Kapitel „Luis und die Organisation“ beschreibe ich diese schwierige Zeit. Aufgrund vieler interner und externer Probleme wird die Organisation nicht so wiedererstehen, wie viele sich dies gewünscht hatten. In dieser turbulenten Zeit lernte ich Luis kennen. Dass die ersten Jahre auch für uns beide nicht ohne Konflikte und Probleme abliefen, lässt sich ebenfalls im Buch nachlesen. Und hier sei nun ein wenig über das Buch selbst und seine Geschichte erzählt.

Es war wohl im Jahr 2008, dass langsam die Überzeugung in mir reifte, dass ich vielleicht etwas zu sagen hätte über mein Leben und meine Beziehung zu Luis Andrés Edo. Im Sommer 2009, nach seinem Tod, begann ich allmählich meine Gedanken zu konkretisieren. Ich wollte das Buch auf Spanisch schreiben, da ich der Meinung war, dass mein hypothetischer Leserkreis in Katalonien / Spanien zu finden sei. 2011 begann mich ein Freund zum Inhalt des Buches zu befragen, und da sein Spanisch nicht ausreichend war, um das Manuskript zu verstehen, begann ich mit der Übersetzung ins Deutsche. Dabei wurde mir klar, welche Textstellen nicht überzeugend waren, wo sowohl für den spanischen als auch für den deutschen Leser bestimmte Informationen hinzugefügt werden mussten. Ich habe an beiden Manuskripten herumgefeilt, gestrichen, erweitert, sie stilistisch verbessert, und so sind es zwei Bücher geworden, die selbstverständlich den gleichen Inhalt haben. Anfang des Jahres 2015 nahm ich Kontakt zum Verlag barrikade auf, und im Mai wurde das Buch auf Deutsch veröffentlicht. In Spanien mahlten die Mühlen etwas langsamer, es dauerte bis März dieses Jahres, dass schlieβlich auch die spanische Fassung herauskam.

Bei der Vorstellung des Buches in Barcelona sprachen alle von meinen Memoiren. Es weist natürlich Merkmale auf, aufgrund derer man das Buch zu diesem Genre zählen kann, für mich ist es aber ein wesentlich facettenreicheres Werk: es ist zugleich Autobiografie und Biografie, es ist ein Geschichtsbuch, das verschiedene Geschichten vereint und erlebte Geschichte darstellt. Ein Teil ist ein Essay zur Pädagogik, teilweise kann man es auch als Anklageschrift lesen, gegen die unerträgliche political correctness und die Transición in Spanien, das heiβt die nicht gelungene Demokratisierung des Landes. Das Buch wurde von einer Frau geschrieben, ich verstehe es aber nicht als ein feministisches Buch, sondern ich beschreibe meine Erlebnisse, Erfahrungen, Illusionen und Enttäuschungen. Es handelt auch von dem Leben in zwei Kulturen, von der Integration in eine neue Umgebung und Kultur, die nicht so leicht abläuft, wie einige Politiker sich dies heute vorstellen und die glauben, dass Integration per Gesetz verordnet werden kann. Das Buch möchte ich aber auch als eine Hommage verstanden wissen, eine Hommage an alle Freunde und Mitstreiter im Kampf für soziale Gerechtigkeit und Freiheit. Letztendlich handelt es sich um eine Liebesgeschichte, und zwar die Liebe im weitesten Sinne, so wie Anarchisten diese leben.

Das Buch besteht aus zwei Teilen, die im Untertitel genannt werden. Der erste Teil beschreibt meine dreiβig Jahre in Deutschland, in denen ich u.a. versucht habe zu beschreiben, wie es möglich wurde, dass Luis Andrés und ich eines Tages aufeinandertrafen. In einem Kapitel beschreibe ich die Unterschiede zwischen uns beiden, aber irgendwann musste ich auch erkennen, dass uns sehr viel verband in unserer Politisierung und in unseren politisch-sozialen Vorstellungen. Es war für mich schwierig, den ersten Teil meines Lebens mit dem zweiten, den Jahren in Barcelona, zu verbinden. Einer der Leser des Manuskripts meinte, dass es einen Bruch in der Darstellung gibt. Tatsächlich handelt es sich um einen Bruch in meinem Leben. Wie ich beschreibe, habe ich nie meine deutschen Wurzeln gekappt und habe mich immer wieder gefragt, ob ich wirklich in Barcelona / Katalonien / Spanien angekommen bin und werde diese Frage wohl auch nie eindeutig beantworten können.

Im zweiten Teil des Buches erinnere ich an viele Menschen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt eine klare Position bezogen und diese ihr Leben lang verteidigten. Es waren Anarchisten, Mitglieder der CNT, die für die Rechte der Arbeiter eintraten und 1936 mutig den Kampf gegen den Faschismus aufnahmen. Soweit sie nicht in diesem Kampf starben oder ermordet wurden, setzten sie diesen nach Ende des Bürgerkriegs fort und hielten ein ganzes Leben lang an ihrer Gesinnung fest, das heißt sie kämpften gegen den Tyrannen und für Freiheit, Gleichheit und die Emanzipation der Menschen, und ihr Tun war immer von Solidarität und Humanität bestimmt. 80 Jahre nach dem Bürgerkrieg und der sozialen Revolution ist vielleicht noch ein Dutzend dieser Männer und Frauen am Leben, und die Epoche der unerschütterlich an ihren Ideen festhaltenden Kämpfer ist vorbei und wird auch nicht wiederkehren.

In dem Band Deutsche Menschen kommentiert Walter Benjamin 25 Briefe aus dem 19. Jahrhundert. Im Vorwort schreibt er, dass die Briefe aus einer Epoche stammen, „in welcher das Bürgertum seine Positionen bezog; es gibt [den Blick] aber auch auf das Ende dieser Epoche frei, da das Bürgertum nur noch die Positionen, nicht mehr den Geist bewahrte, in welchem es diese Positionen erobert hatte“. Und er zitiert dazu Goethe, der Folgendes im Jahr 1825 geschrieben hatte:

«Reichthum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren … Eigentlich ist es das Jahrhundert für die fähigen Köpfe, für leichtfassende praktische Menschen, die, mit einer gewissen Gewandtheit ausgestattet, ihre Superiorität über die Menge fühlen, wenn sie gleich selbst nicht zum Höchsten begabt sind. Laß uns soviel als möglich an der Gesinnung halten, in der wir herankamen; wir werden, mit vielleicht noch Wenigen, die Letzten seyn einer Epoche, die so bald nicht wiederkehrt.»

Zum Schluss sei nun noch ein Absatz aus dem Urteil angefügt, das mich zum ersten Teil des Vortrags anregte und im 10. Kapitel des Buches nachzulesen ist. Bei der Angabe der Gründungsjahre wurde allerdings nicht gewissenhaft recherchiert, was bei der Polizei wohl öfters der Fall ist:

Die ‚Beweiswürdigung‘, ein 34 Zeilen langes syntaktisches Monster, … geht nicht nur auf die von den Angeklagten begangenen Straftaten ein (Zugehörigkeit zu einer illegalen Vereinigung laut Art. 172, 173 und 174 Strafgesetzbuch), sondern klagt den Anarchismus an sich an, „der als Erste Internationale 1862 in London mit der Bezeichnung ‚Internationale Arbeiterassoziation‘ offiziell gemacht wurde …“. Nach der Aufzählung der wichtigsten seit 1869 in Spanien gegründeten Föderationen und Gruppen wie u.a. der „Federación Regional Española“, 1871, „Federación de los Trabajadores de la Región Española”, 1881, „Pacto de Unión y Solidaridad”, 1889, „Solidaridad Obrera”, 1904, „Confederación Nacional del Trabajo”, C.N.T., 1911, „Federación Anarquista Ibérica“, F.A.I., 1927, „Federación Ibérica de Juventudes Libertarias”, F.I.J.L., 1932, „Movimiento Libertario Español”, M.L.E., 1938, sowie von Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre gegründeter Gruppen wie „Grupos de Acción Revolucionaria Internacionalista”, G.A.R.I., „Movimiento Ibérico de Liberación”, M.I.L., „Comité Libertario Antidepresivo”, C.L.A., „Organización Revolucionaria Armada de Francia”, O.R.A.F., „Acción Anarcosindicalista”, A.A., „Grupo Autónomo de Combate”, G.A.C., wird die ‚Beweiswürdigung‘ gegen den Anarchismus erläutert: „… (er) setzt seine Taktik und Aktivität fort, die auf die gewaltsame Subversion und die Zerstörung der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und rechtlichen Organisation des Staates gerichtet sind, während die hauptsächlichen, wiederholt proklamierten Leitsätze und Ziele darin bestehen, jeglichen konträr zur Vorstellung von der individuellen Freiheit stehenden Autoritätsgedanken abzulehnen, auf der Verherrlichung des politischen Verbrechens und des kompromisslosen Antagonismus von Gesellschaft und Staat zu bestehen, auf dessen gewaltsame Abschaffung sie abzielen, weshalb eine derartige Körperschaft, der Anarchismus, zu den in Art. 172, Abs. 2 und 3 aufgeführten illegalen Vereinigungen zu zählen ist …“

Für alle diejenigen, die es nicht wissen oder vergessen haben: der Anarchismus ist eine Weltanschauung, eine Lebensweise, eine Gesinnung und bedeutet Humanität und Liebe schlechthin.

1 Verlag barrikade, Hamburg, 2015

2 In der Verfassung von 1812 waren Folter und Zwangsmaβnahmen abgeschafft worden, 1814, unter Ferdinand VII., kam es zu einer Rückkehr zu einem absolutistischen Regime, und die Folter wurde zur Erpressung von Geständnissen wieder eingesetzt. Wie ich in einem Kapitel des Buches beschreibe, ist sie in Spanien bis heute nicht abgeschafft.

Quelle: Verlag Barrikade

 

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  1. Der Anarchismus ist eine Weltanschauung, eine Lebensweise, eine Gesinnung und bedeutet Humanität und Liebe permalink
    10. Mai 2016 21:47

    Vielen Dank dafür, ich konnte mir nur den Vortrag mit Mariano Maturana (Barcelona) zum spanischen Anarchismus anhören.
    „Der Anarchismus ist eine Weltanschauung, eine Lebensweise, eine Gesinnung und bedeutet Humanität und Liebe.“
    Schön so etwas zu lesen, ein Dank an Doris Ensinger, den Verlag und die Veranstalter!
    xxxr.

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