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Beitrag zur Debatte um die sexuellen und sexualisierten Übergriffe in der Silvesternacht

3. Februar 2016

tumblr_inline_o1vih3KD6s1qzepp6_250Wie wahrscheinlich schon langläufig bekannt sein sollte, kam es in der Silvesternacht am Kölner Hbf zu einer Vielzahl von sexueller und sexualisierter Gewalttaten, zu anderen Angriffen auf die körperliche Unversehrtheit von Menschen und Diebstählen. An die 1000, oder mehr, Männer mit angeblich „nordafrikanischem“ und „arabischem“ Hintergrund, die sich in Gruppen zusammen schlossen, bewarfen und beschossen andere anwesende Menschen die den Jahreswechsel feiern wollten mit Feuerwerkskörpern, trennten Frauen von ihrer Familie oder Freund*Innen ab, belästigten sie und nutzten die Pein der Betroffenen um sie zu bestehlen.
Auch wenn diese Darstellung schon einige Ungenauigkeiten aufweist und ein Grund zum genaueren hinschauen sein müsste, scheint sich diese Darstellung in allen Medien zu bestätigen. Was sich nun im Einzelnen abgespielt hat und ob es Fehler beim Polizeieinsatz vor Ort gegeben hat soll im Folgenden weniger eine Rolle spielen. Uns, die Verfasser*Innen dieses Textes, geht es vielmehr um Sexismus, Rassismus und die Diskussionen die die Vorfälle in Köln ausgelöst haben.

Für falsch halten wir die Fokussierung auf die Täter und nicht auf das Erlebte der Betroffenen. Denn so entsteht der Eindruck, dass „nichtdeutsche“ junge Männer das Problem seien. Klar erkennen wir das schreckliche, unvergleichliche Ausmaß der Gewalt, besonders an Frauen in dieser Nacht und unsere Solidarität gilt zu aller erst uneingeschränkt den Betroffenen von Übergriffen. Doch wundern wir uns aus welcher Ecke der politischen Landschaft sich derzeit das Entsetzen mit am lautesten zeigt. Oder sollte uns das wirklich überraschen? Konservative bis offen rechte Kreise, ob Menschen nahe der CSU, CDU oder der Pegida-Bewegung und der AfD, aber auch bekennende Nazis entdecken plötzlich ihr Interesse für Frauen- und Menschenrechte.
Frauenverachtung sei importiert und mit den Werten in Deutschland oder gar Europa unvereinbar. Ähnlich verhält es sich mit anderen, älteren Themen. So gäbe es hier keine Anfeindungen Homosexueller, Juden und Jüdinnen gegenüber. Auch diese Problematiken seien von Muslimen nach Europa eingeführt worden. Betrachten wir aber die Äußerungen, die außerhalb der Debatte um Silvester in Köln und anderen Städten, der genannten Gruppierungen und ihrer Mitglieder getätigt werden, oder beschäftigten uns mit dem Familienbild bzw. den Rollen die Mann und Frau ihrer Meinung nach naturgegeben zu spielen haben, wird schnell klar, dass es hier darum geht das „nichtdeutsche“ sich falsch verhalten haben. Nicht Sexismus und Homophobie, auch nicht Antisemitismus ist für sie das Problem. Sondern wer diese Einstellungen an den Tag legt. Eindeutiger kann Rassismus und Nationalismus nicht sein.

Aber jetzt zum eigentlichen Thema. Sexuelle und sexualisierte Gewalt geht hauptsächlich von Männern aus. Egal ob in Europa, Afrika oder sonst wo. Ist also ein Männerproblem! Diebstahl und Gewalt im Allgemeinen ist hingegen vermehrt in sozial schwächeren Schichten verbreitet.
Weiter lässt sich sagen, dass je konservativer das Frauenbild (stark von der Religiosität einer Gesellschaft, egal ob muslimisch, christlich oder sonst wie, abhängig) in einer Gesellschaft ist, umso verbreiteter ist sexuelle und sexualisierte Gewalt. In vielen Ländern geht es konservativer zu als in Deutschland. So zum Beispiel in vielen arabischen Ländern oder z.B. auch in Indien. Es verwundert also nicht, dass es dort im Durchschnitt häufiger zu Übergriffen kommt.
Das bedeutet aber nicht, dass ein Inder oder ein Muslim nicht weniger sexistisch sein kann als z.B. ein Deutscher. Gerade wenn wir uns die Geschichte des Christentums anschauen sollte allen schnell klar werden, dass es bestimmt nicht die emanzipatorische Religion ist.
Trotzdem scheint neben dem Geschlecht der Täter von Köln auch ihre Herkunft eine Rolle Gespielt zu haben. Was bedeutet das nun für einen Rechtsstaat wie Deutschland? Als aller erstes sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich und wollen wir nicht hinter bürgerliche „Freiheiten“ und „Rechte“ zurückfallen ist es ziemlich egal ob die Tätergruppe nun christlich Deutsch oder muslimisch „Nordafrikanisch“ war. Spielt das Milieu doch eine Rolle, ist es notwendig auf dessen Eigenheiten einzugehen, um die Problematik zu analysieren und bekämpfen zu können.
Da wir das bürgerliche Rechtssystem ohnehin eher für einen Teil des Problems halten, erscheinen uns die Herstellung von sozialer Sicherheit, Aufklärung und Schutz von Betroffenen als die geeigneteren Maßnahmen gegen gesellschaftliche Probleme wie Sexismus.
Auch wenn wir die alte NPD-Parole „Kriminelle Ausländer raus“ heute auch aus der „bürgerlichen Mitte“ hören, ist Abschiebung für Straftaten bis 3 Jahre Haft nicht vorgesehen. Wenn gefordert wird, dass, wer keinen Respekt vor Frauen hat, aus Deutschland ausgewiesen werden sollte, müsste man das auch auf deutsche Täter anwenden. Zwar sollte für uns jeder Mensch dort leben können wo er oder sie will, doch gilt in Deutschland zumindest: Asyl bekommt wer Verfolgt wird oder vor Kriegen flieht und nicht weil er oder sie ein guter Mensch ist.

Das was auf der Domplatte geschah, hat für uns einen Namen und wir nennen dass was dahinter steckt Sexismus und erkennen im ausüben der sexualisierten Gewalt in Verbindung mit den Diebstählen ein autoritäres Muster. Menschen üben Macht über andere Menschen aus. Sie nutzen ihre privilegierte Stellung, in diesem Fall die des Mannseins aus um andere Menschen, in diesem Falle Frauen, zu erniedrigen. Ähnlich schreckliche Erfahrungen machen Frauen seit Jahren in den Bierzelten des Oktoberfestes oder hinter verschlossenen Türen in ganz Deutschland. Die Tätergruppe eint oftmals eins; es handelt sich um Männer. Die Betroffenengruppe eint ähnliches; sie sind Frauen. In einer Gesellschaft in der durch strukturellen Sexismus und strukturelle Gewalt tagtäglich Menschen erniedrigt werden, etwa durch ungleiche Bezahlung oder biologisch begründete Rollenverteilung, wird die eigentliche Problematik nicht erkannt. Nicht die strukturellen Probleme in der deutschen Gesellschaft, aber auch nicht die Übergriffe und die Erniedrigungen der Frauen bilden die Grundlage der Debatte, es ist die Tätergruppe.

Was ist also zu tun? Als erstes sollten Betroffene von sexualisierter und sexueller Gewalt ernst genommen werden. Egal woher die Täter zu kommen scheinen. Es sollte ihnen erst einmal geglaubt werden und ein „Nein“ sollte auch als „Nein“ anerkannt werden. Im deutschen Rechtssystem reicht ein Nein nicht als ausreichendes Zeichen das Frau keinen Sex haben oder in Ruhe gelassen werden will. So zählt es nicht als Vergewaltigung wenn Frau sich nicht körperlich wehrt. Dabei wird nicht bedacht das z.B. Angst vor mehr Gewalt die betroffene Person davon abhalten könnte sich zu wehren.
Zweitens ist es gesamtgesellschaftlich notwendig, durch Bildung, Kultur und soziale Angleichung ein emanzipatorisches Frauenbild zu vermitteln und zu stärken. Das sollte schon in der Kita beginnen. Natürlich muss auf bestimmte Milieus besonders eingegangen werden. Dazu zählen aber nicht nur junge Muslime aus Problemvierteln, sondern auch christliche Vereine, deutsche Stammtische oder die AfD.

Quelle: Libertäre Gruppe Karlsruhe

4 Kommentare leave one →
  1. Adamee permalink
    4. Februar 2016 09:56

    Ich freue mich, hier eine Stellungsnahme zu den Vorfällen zu lesen.

    Obwohl ich der Schlussfolgerung nicht prinzipiell widerspreche, würde ich sie aber zumindest ergänzen. Nämlich denke ich, dass die Täter sehr wohl auch eine Rolle spielen. Nur auf die Betroffenen zu schauen, wird die Ursache nie bekämpfen. Der gemachte Vorschlag (Es ist „gesamtgesellschaftlich notwendig, durch Bildung, Kultur und soziale Angleichung ein emanzipatorisches Frauenbild zu vermitteln und zu stärken.“) ist natürlich ein Ansatz. Aber dafür müssen wir die Täter betrachten, um verstehen zu können, was sie zu jenen Übergriffen „motiviert“ hat.

    „Weiter lässt sich sagen, dass je konservativer das Frauenbild (stark von der Religiosität einer Gesellschaft, egal ob muslimisch, christlich oder sonst wie, abhängig) in einer Gesellschaft ist, umso verbreiteter ist sexuelle und sexualisierte Gewalt. In vielen Ländern geht es konservativer zu als in Deutschland. So zum Beispiel in vielen arabischen Ländern oder z.B. auch in Indien. Es verwundert also nicht, dass es dort im Durchschnitt häufiger zu Übergriffen kommt.
    Das bedeutet aber nicht, dass ein Inder oder ein Muslim nicht weniger sexistisch sein kann als z.B. ein Deutscher. Gerade wenn wir uns die Geschichte des Christentums anschauen sollte allen schnell klar werden, dass es bestimmt nicht die emanzipatorische Religion ist.“

    Das stimmt. Aber nur weil ein einzelner „nicht weniger sexistisch sein kann“, heißt das auch wiederum nicht, dass die Mehrheit es nicht ist. Und genau aus diesem Grund spielt es eine Rolle, wer die Täter waren.
    Dahinter steckt aber nicht die Nationalität, wie es meistens heißt, sondern die Religion. Und das kann JEDE sein, ja, natürlich auch das Christentum. Der Punkt ist aber, dass in Deutschland das Christentum glücklicherweise keine besonders große Rolle mehr spielt, weil die Menschen jahrhundertelang dagegen gekämpft haben. In anderen Ländern ist das aber anders, zB in den arabischen sowie in Indien. Das Bürgertum folgert daraus fälschlicherweise, dass die „deutsche Kultur“ emanzipatorischer bzgl. der Stellung der Frau sei, und Angehörige der „arabischen Kulturen“ nicht. Es ist aber keine Frage der Nationalität, sondern der Religion, die in jenen Gebieten (nationen-übergreifend und auch nicht in jeder Nation einheitlich!) eine Rolle spielt.

    „Frauenverachtung sei importiert und mit den Werten in Deutschland oder gar Europa unvereinbar. (…) Ähnlich verhält es sich mit anderen, älteren Themen. So gäbe es hier keine Anfeindungen Homosexueller, Juden und Jüdinnen gegenüber. Auch diese Problematiken seien von Muslimen nach Europa eingeführt worden.“
    Gewissermaßen finde ich die Aussagen also gar nicht so falsch. Es steht außerfrage, dass solche Einstellungen auch außerhalb des Islam in Deutschland – und in ganz Europa ohnehin! – existieren. Aber durch das Wiedererstärken von theologisch-religiösen Weltvorstellungen, momentan insbesondere durch den Islam, wird es immer präsenter.

    Ich sehe in dieser Stellungnahme einen Fehler, den m.E. viele „Linke“ und/oder „Anarchisten“ machen. Nämlich, dass sie gegen den „Antiislamismus“ wettern, weil sie sich gegen Pegida % co. stellen wollen. Der Feind meines Feindes ist aber nicht automatisch mein Freund! Natürlich bin ich gegen den Islam – genauso wie gegen jeden andere Religion auch! Das muss man aber trennen von nationalistischer und rassistischer Hetze, die letztlich genauso konservativ und weltfremd ist wie der Islam – die andere Seite der Medaille!

    Wenn wir also gegen sexuelle Übergriffe vorgehen wollen, indem wir gesamtgesellschaftlich ein emanzipatorisches Frauenbild vermitteln, dann müssen wir gleichzeitig spezifisch theologische Religionen bekämpfen! Daran wird kein Weg vorbeiführen.

  2. Sexuelle Zwangsneurosen ~ Warum eine Debatte über das Verhältnis von Religion und Sexualität überfällig ist permalink
    6. Februar 2016 16:59

    Sexuelle Zwangsneurosen

    Warum eine Debatte über das Verhältnis von Religion und Sexualität überfällig ist

    Anlässlich der anhaltenden Diskussionen um die Ereignisse in Köln, bei denen in der Silvesternacht zahlreiche Frauen zu Opfern sexueller Belästigungen und sexueller Gewalt wurden, hält die Giordano-Bruno-Stiftung eine Debatte über das Verhältnis von Religion und Sexualität für dringend erforderlich. „Wie beim Terrorismus werden auch bei Formen sexueller Gewalt die religiös-kulturellen Hintergründe nach dem Motto ‚Das hat doch nichts mit Religion zu tun!‘ heruntergespielt“, erklärte gbs-Sprecher Michael Schmidt-Salomon. „Tatsächlich werden sexuelle Diskriminierung und sexuelle Gewalt jedoch weltweit in erschreckendem Umfang religiös legitimiert. Der Grund dafür ist offensichtlich, denn die Verhinderung einer freien, selbstbestimmten Sexualität ist seit jeher eine zentrale Stütze religiöser Herrschaft.“

    Die sexuelle Revolution, die in den westlichen Ländern in den letzten Jahrzenten den Weg zu einer offeneren Gesellschaft ebnete, sei in muslimischen, aber auch in hinduistischen Gesellschaften (Beispiel Indien), noch nicht angekommen, sagte Schmidt-Salomon. Patriarchale, frauenverachtende Normen und Verhaltensweisen würden daher den Alltag in den meisten muslimischen Ländern bestimmen. Vor diesem Hintergrund müssten auch die Ereignisse in Köln verstanden werden. Wer versuche, sie mithilfe von Vorfällen auf dem Oktoberfest zu relativieren, demonstriere damit ein erschütterndes Maß an Realitätsverleugnung, die im Ansatz vielleicht gut gemeint, letztlich aber kontraproduktiv sei.

    „Natürlich ist es unsinnig und gefährlich, zu behaupten, dass alle muslimischen Männer im Sinne überkommener patriarchaler Normen denken und handeln“, sagte der gbs-Sprecher. „Doch ebenso unsinnig und gefährlich ist es, die Tatsache zu ignorieren, dass diese Normen innerhalb der Gruppe der muslimischen Männer im Durchschnitt signifikant häufig anzutreffen sind. Denn die Gesellschaft kann auf dieses Problem nur dann mit geeigneten Maßnahmen reagieren, wenn das Problem als solches erkannt wird.“

    Schmidt-Salomon zeigte sich optimistisch, dass die Dominanz rigider Sexualnormen innerhalb der muslimischen Community aufgehoben werden kann, sofern man sie öffentlich als „unaufgeklärt und reaktionär“ kennzeichne und bekämpfe, statt sie „kulturrelativistisch zu beschönigen“. Er verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass autoritär-patriarchale Normen vor 50 Jahren auch in deutschen, christlichen Familien breite Anerkennung fanden und CDU/CSU-Politiker erst vor wenigen Jahren zögerlich damit begannen, sich für Frauen- und Homosexuellenrechte einzusetzen: „Vor dem Hintergrund der jüngeren deutschen Geschichte ist es ebenso bemerkenswert wie belustigend, dass sich in der Integrationsdebatte ausgerechnet Vertreter der C-Parteien als Verfechter individueller Selbstbestimmungsrechte stilisieren.“

    Um die dringend erforderliche Debatte über das Verhältnis von Religion und Sexualität voranzutreiben, veröffentlicht die gbs nachfolgend einen Artikel, den Michael Schmidt-Salomon vor knapp einem Jahrzehnt für die Zeitschrift MIZ schrieb. Der Text „Freie Liebe für freie Geister?“ aus dem Jahr 2006 beschäftigt sich u.a. mit der Frage, warum die Religionen soviel Wert auf die Kontrolle der Sexualität legen.

    Michael Schmidt-Salomon (MIZ 4/2006)

    Freie Liebe für freie Geister?

    “Wenn ich über ‘Sex’ reden soll, packt mich die Wut!”, warnte mich Mina Ahadi, Koordinatorin des Internatonalen Komitees gegen Steinigungen vor dem Workshop zum Thema “Let’s talk about sex!” “Dabei wird mir immer wieder bewusst, wie sehr die religiösen Fundamentalisten unsere Schlafzimmer besetzt haben. Ich bin überzeugt: Man kann nicht über sexuelle Selbstbestimmung sprechen, ohne dabei die Religionen in schärfster Weise zu kritisieren.”

    Ich kann Minas Wut gut verstehen. In der Tat haben die Religionen seit jeher gerade auf sexuellem Gebiet besonders schwere Geschütze aufgefahren. Noch heute legen sie allergrößten Wert darauf, darüber zu bestimmen, wer es wann mit wem auf welche Weise treiben darf und was dabei unter gar keinen Umständen erlaubt sein sollte. Wie ernst es ihnen mit diesem Anspruch ist, zeigt sich vor allem in jenen Gegenden, in denen religiöse Eiferer über politische Macht verfügen. So müssen Schwule im Iran bekanntlich noch immer mit der Todesstrafe rechnen. Und es ist auch beileibe kein Zufall, dass die grausamste aller heute praktizierten Hinrichtungsarten, die Steinigung, ausgerechnet bei “sexuellen Delikten” (insbesondere im Falle sog. “Ehebrecherinnen”) angewandt wird.

    Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt: Warum bloß sind die großen Religionen – nicht nur der Islam, sondern ebenso das Judentum und Christentum, in anderer Weise auch der Buddhismus und der Hinduismus – derartig “sexbesessen”? Was – um alles in der Welt – ist dran am “Sex”? Weshalb wurde und wird gerade er immer wieder zum bevorzugten Kampfgebiet religiöser Ideologien?

    Die Antwort hierauf mag vielleicht nicht jedem gefallen, ist aber bestens belegt: Es hat sich gezeigt, dass Sex nicht nur der Motor der biologischen Evolution ist, sondern auch eine der entscheidenden Triebkräfte der kulturellen Evolution. Eben deshalb sollte man in der Kontrolle der Sexualität nicht bloß einen Nebenaspekt religiöser Herrschaft sehen, sondern eine ihrer zentralen Stützen.

    Dass die Sexualität eine solch entscheidende Rolle in Natur und Kultur spielt, hatten Forscher seit langem schon vermutet – man denke etwa an die wegweisenden Arbeiten von Sigmund Freud oder Wilhelm Reich. Doch handfeste Belege hierfür wurden erst in den letzten Jahren im Rahmen der evolutionsbiologischen Forschung geliefert, wo etwa Mitte der 1970er Jahre ein regelrechter “Paradigmenwechsel” eingeleitet wurde.

    Über lange Zeit hinweg hatten Evolutionstheoretiker den “Kampf ums Dasein” vornehmlich im Sinne eines “Überlebens der (an die Umwelt) am besten Angepassten” (“Survival of the Fittest”) interpretiert, obgleich schon Darwin mit seinem zweiten evolutionstheoretischen Hauptwerk Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl eine fruchtbare zweite Perspektive eröffnet hatte. Mit dem Hinweis auf “geschlechtliche Zuchtwahl” (heute würde man sagen: das “Prinzip der sexuellen Selektion”) hatte Darwin klar gemacht, dass das Überleben des Erbmaterials eines Individuums keineswegs allein davon abhängig ist, ob es sich gegen Fressfeinde durchsetzen oder Feinden entfliehen kann. Mindestens ebenso bedeutsam ist es nämlich, ob das paarungsbereite Individuum potentiellen Sexualpartnern attraktiv erscheint.

    Damit hatte Darwin den “Kampf ums Dasein” gewissermaßen um den “Kampf der Geschlechter” ergänzt. Er hatte erkannt, dass nur das Prinzip der sexuellen Selektion erklären konnte, warum sich Pfauenmännchen mit prächtigen Federn schmücken, obwohl dies wertvolle Ressourcen verschlingt und auch bei der Flucht vor Feinden überaus hinderlich ist. Der hier aufscheinende Gegensatz zwischen den Prinzipien der sexuellen Selektion (also dem genetischen Überleben der Attraktivsten) und der natürlichen Selektion (dem Überleben der Bestangepassten) bereitete einigen Generationen von Evolutionstheoretikern arge Kopfschmerzen. Erst mithilfe der Soziobiologie, der vierten Stufe in der Entwicklung der modernen Evolutionstheorie,1 konnte dieses Rätsel befriedigend gelöst werden.

    Unter soziobiologischer Perspektive ist es nämlich völlig einsichtig, warum Pfauenweibchen ausgerechnet auf Männchen mit prächtigem Federkleid stehen. Warum? Weil sich nur besonders gesunde Männchen den “Luxus”, das “sexy Handicap”, eines prächtigen Federkleids leisten können. Um den Fortbestand der eigenen Gene in den nächsten Generationen zu sichern, ist das Weibchen also gut beraten, sich den attraktivsten, stolzesten Pfau vor Ort zu angeln, sodass dessen Gene dem eigenen Nachwuchs zugute kommen können.

    Dass das “Handicap-Prinzip”, sprich: die Erhöhung der eigenen sexuellen Attraktivität durch das Signalisieren teurer, d.h. auf den ersten Blick für die eigene Selbsterhaltung unnötiger Merkmale, auch beim Menschen von großer Bedeutung ist, haben u.a. Matthias Uhl und Eckart Voland in ihrem amüsanten Buch Angeber haben mehr vom Leben aufgezeigt.2 Tatsächlich hätte sich wohl kein Mensch je mit Religion, Philosophie oder Kunst beschäftigt, wenn dies nicht auch mit sexuellen Selektionsvorteilen verbunden gewesen wäre. Dies bedeutet keineswegs, dass es etwa bei der Entwicklung der Existentialphilosophie, der Sonatenhauptsatzform, der Dreifaltigkeitslehre oder der impressionistischen Malerei “nur um Sex gegangen wäre”, aber: Ohne die Prinzipien der sexuellen Selektion hätte es zu solchen kulturellen Entwicklungen gar nicht erst kommen können. Das Prinzip der sexuellen Selektion bildet also gewissermaßen die biologische Basis, die den kulturellen Überbau überhaupt erst entfalten lässt.

    Selbstverständlich waren den diversen Religionsgründern und ihren Anhängern solche Zusammenhänge nicht bekannt, aber sie hatten doch (unbewusst) ein gutes Gespür für die enorme kulturelle Bedeutung der Sexualität, was wiederum den besonderen Stellenwert sexueller Normen innerhalb der religiösen Regelsysteme erklärt. Dass diese sexuellen Normen sowohl in der Bibel/Thora als auch im Koran patriarchalen, polygynen3 Mustern folgten, d.h. dass sie darauf angelegt waren, hinreichend vermögenden Männern das Recht einzuräumen, gleich mehrere Frauen zu “besitzen”, muss uns nicht verwundern. Etwas anderes wäre vor dem Hintergrund unserer biologischen Grundausstattung4 sowie der damals vorherrschenden soziokulturellen Rahmenbedingen auch kaum möglich gewesen. Schließlich entstammten diese Sexualnormen orientalischen Hirtenkulturen, die nicht nur eine starke Diskrepanz zwischen Arm und Reich aufwiesen, sondern auch ein hohes, kriegsbedingtes Defizit an Männern.

    Daher ist es keineswegs erstaunlich, dass die Bibel von König Salomon berichtet, er habe über 700 Ehe- und 300 Nebenfrauen verfügt. Jahrhunderte später begrenzte Mohammed die Standardzahl der Ehefrauen pro Mann auf höchstens vier, wobei er sich selbst jedoch einen etwas größeren Harem von zehn Ehefrauen und zwei Konkubinen zugestand. Dass dieser Anspruch des “Propheten” verhältnismäßig bescheiden war, zeigt ein Vergleich mit dem Serail über dem Goldenen Horn. Dort lebten nämlich zeitweise mehr als eintausend Frauen, strengstens bewacht von eigens dazu abgestellten Eunuchen, die garantierten, dass nur ein fortpflanzungsfähiger Mann diese Frauen beehrte: der osmanische Sultan.5

    Es ist nicht verwunderlich, dass sich die sexuellen Normen der abrahamitischen Religionen vor dem Hintergrund solcher soziokulturellen Rahmenbedingungen auf “männliche Besitzstandswahrung” konzentrierten. Deshalb wurden “sexuelle Delikte” wie Ehebruch in den entsprechenden religiösen Regelwerken so scharf geahndet. Dies ist auch der Grund, warum wir in den jeweiligen “heiligen Schriften” bzw. in der auf sie aufbauenden theologischen Literatur so viele präventive Mittel finden, die einen möglichen Seitensprung der Frauen von vornherein verhindern sollen. Viele dieser traditionellen Präventionsmittel finden bekanntlich auch heute noch Verwendung, etwa das Kopftuch bzw. die Vollverschleierung, mit deren Hilfe die ach so gefährlichen weiblichen Reize verdeckt werden sollen, die rigide Trennung der Geschlechter oder (besonders drastisch) die bis heute virulente Unsitte der Klitorisverstümmelung.

    Als nun diese orientalischen Sexualnormen im Zuge der Ausbreitung des Christentums auf den europäischen Kontinent übertragen wurden, gingen zwar deren polygyne Züge verloren (in den bäuerlichen Kulturen des frühen Mitteleuropas mussten Mann und Frau gemeinsam für den oft kärglichen Lebensunterhalt sorgen, was eher monogame Paarbildungen begünstigte), der patriarchale Charakter der religiösen Sexualmoral blieb jedoch selbstverständlich erhalten. Ja, man muss sogar sagen, dass die bereits im Judentum und Islam kultivierte Angst vor der starken Frau im mittelalterlichen Christentum durch die zwanghafte Assoziation des Weiblichen mit Lust, Schmutz und Teufel noch weiter gesteigert wurde – einer der vielen Gründe für die verheerenden Hexenverfolgungen in Europa.

    Doch letztlich war die Emanzipation der Frau, die der Emanzipation des Bürgertums folgte, nicht aufzuhalten. Und so feierte die Frauenbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts ihre ersten großen Erfolge. Immer mehr Frauen begannen, ihre Stellung in Familie und Gesellschaft kritisch zu reflektieren. Zudem wurde es dank der Ende der 1960er Jahre einsetzenden “sexuellen Revolution” auch hierzulande leichter, unbefangen über die eigenen erotischen Vorlieben zu sprechen. So mussten sich auch Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle, Swinger etc. nicht länger verstecken, sondern traten immer selbstbewusster ans Licht der Öffentlichkeit. Dabei war die Geschwindigkeit dieses gesellschaftlichen Veränderungsprozesses gerade in den letzten Jahrzehnten atemberaubend: Ein Bekenntnis wie das des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, (“Ich bin schwul – und das ist auch gut so!”) wäre nur wenige Jahre zuvor einem politischen Genickbruch gleichgekommen.

    Bislang wurde nur wenig reflektiert, welche Rückwirkungen diese – alles in allem – überaus erfolgreiche Geschichte der sexuellen Befreiungsbewegungen auf die Glaubensfestigkeit der Menschen hierzulande hatte. Ich wage zu behaupten, dass die “sexuelle Revolution” den traditionellen Religionen letztlich einen weit empfindlicheren Schlag noch versetzte als alle akademischen religionskritischen Schriften der letzten Jahrhunderte zusammengenommen. Dass die Kirchenaustritte seit Ende der 1960er Jahre so dramatisch zunahmen, ist sicherlich nicht zuletzt auf die gleichzeitig einsetzende und immer weiter voranschreitende “Kritik des Unterleibs” zurückzuführen, die die traditionelle Kritik der Vernunft auf höchst wirkungsvolle Weise unterstützte.

    Allerdings wäre es grundverkehrt, würde man sich heute mit dem Erreichten zufrieden geben und die “sexuelle Revolution” für “erfolgreich beendet” erklären. Es gibt viele gute Gründe, die deutlich dagegen sprechen, nun die Hände in die von religiösen Ansprüchen offenbar weitgehend befreiten Schöße zu legen. Ich möchte hier nur drei Punkte nennen:

    Erstens: Wir sollten nicht übersehen, dass dem in sexueller Hinsicht verhältnismäßig (!) aufgeklärten Mitteleuropa weite Teile der Welt gegenüberstehen, die immer noch von einer rigiden sexuellen Zwangsmoral beherrscht werden. In einer Welt, in der sog. “Ehebrecherinnen” oder Homosexuelle tagtäglich um ihr Leben fürchten müssen, hat die sexuelle Revolution nicht einmal ihr erstes Etappenziel erreicht.

    Zweitens: Auch Mitteleuropa wird zunehmend zum Missionsgebiet religiös inspirierter Initiativen zu einer “sexuellen Gegenrevolution”. Stichwortgeber hierfür sind nicht nur umtriebige islamische Fundamentalisten, die wohl nicht Ruhe geben werden, bevor auch noch die letzte Frau auf Erden ordnungsgemäß verhüllt ist, sondern auch christliche Eiferer, die mit Hetzkampagnen gegen Schwule, gegen Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbruch, mit Initiativen für “Keuschheit”, “Sittlichkeit” und traditionelle Geschlechtsrollenmodelle das Rad der Geschichte in ihrem Sinne zurückdrehen wollen.

    Drittens: Einige der ursprünglich religiös codierten Sexualnormen haben leider auch in vielen säkularen Köpfen überlebt. Und so kann man altbackene Geschlechterrollenstereotype, längst überkommene “Sittlichkeits”-Vorstellungen, mitunter sogar ausgewachsene Formen von Homophobie, auch in der säkularen Szene allzu häufig anzutreffen. “Freie Liebe für freie Geister?” – das mag ein guter Slogan für eine säkulare Aufklärungskampagne sein, aber mit der Realität hat dies leider, wenn man etwas genauer hinschaut, nur relativ wenig zu tun.

    Um nicht gleich missverstanden zu werden (und ich weiß, dass einige konservativere Humanismustheoretiker dies gerade bei diesem Thema mit Vorliebe tun): Mit “freier Liebe” meine ich keineswegs jenen “Hegelianismus des Unterleibs”, von dem sich einige 68er die “Weltrevolution per Orgasmusreflex” erhofften. Es geht hier auch nicht um die zwanghafte Vorstellung einer “Promiskuität um jeden Preis” (“Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment”).

    Wenn die Begriffe “freie Liebe” und “selbstbestimmte Sexualität” Sinn machen sollen, so doch nur, wenn damit gemeint ist, dass jedes Individuum prinzipiell – die Zustimmung der jeweiligen Sexualpartner vorausgesetzt – das Recht hat, seine Vorstellungen von Liebe und Sexualität so zu verwirklichen, wie er oder sie sich dies für sein bzw. ihr Leben vorstellt. “Freie Liebe” kann also selbstverständlich auch bedeuten, dass man sich aus freien Stücken für monogame, heterosexuelle Zweisamkeit entscheidet. Nur: In einer “offenen Gesellschaft” gibt es wahrhaft keinen einzigen vernünftigen Grund dafür, dieses spezielle Partnerschaftsmodell einseitig zu privilegieren oder gar den moralischen oder juristischen Zeigefinger zu erheben, nur weil andere Menschen nun einmal andere Lebensformen (etwa homosexuelle, bisexuelle, polygame, autoerotische, virtuell-erotische oder asexuelle) vorziehen!

    Von einer solch toleranten, liberalen Leitidee sind religiöse Fundamentalisten bekanntlich am allerweitesten entfernt. Es wird daher notwendig sein, ihrem Missionseifer mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten und die errungenen Freiheiten – gerade auch auf sexuellem Gebiet! – unerschrocken zu verteidigen. Möglicherweise ist es ja kein Zufall, dass die Frage “Bist du schon aufgeklärt?” eine so starke sexuelle Komponente enthält. Jedenfalls sollten wir nicht aus den Augen verlieren, dass der sog. “Kampf der Kulturen” nicht zuletzt auch ein Kampf um sexuelle Selbstbestimmungsrechte ist.

    Machen wir uns also stark für eine Welt, in der mutige Menschen wie Mina Ahadi nicht mehr von der Wut gepackt werden, wenn das Stichwort “Sex” fällt. Die aus der Türkei stammende Journalistin Arzu Toker, Ex-Muslimin und Islamkritikerin wie Ahadi, zeigte kurz nach dem Workshop “Let’s talk about sex!” ganz praktisch auf, in welche Richtung es gehen könnte. Nachdem die anwesenden Fotografen einige Bilder geschossen hatten, knüpfte sie sich und ihrer iranischen Mitstreiterin die beiden oberen Knöpfe der Bluse auf und rief den Fotografen frech-unfromm-fröhlich zu: “Und jetzt bitte noch ein Bild für unsere ganz speziellen Freunde – die Mullahs…”

    Anmerkungen:

    1 vgl. hierzu Schmidt-Salomon, Michael: Auf dem Weg zu einer “Einheit des Wissens”? Anmerkungen zur Geschichte der Evolutionstheorie sowie zur notwendigen Überwindung biologistischer und kulturistischer Denkmodelle. In: Aufklärung und Kritik 2/2006.

    2 Uhl, Matthias / Voland, Eckart: Angeber haben mehr vom Leben. Heidelberg 2002.

    3 Zur Erläuterung: In polygynen Kulturen lebt ein Mann mit mehreren Frauen zusammen, in polyandrischen Kulturen eine Frau mit mehreren Männern. Es ist sehr auffällig, dass es in der Geschichte der Menschheit weit mehr polygyne als polyandrische Kulturen gab: 16 Prozent aller bekannten Kulturen pflegten die Monogamie, 83 Prozent die Polygynie und weniger als 1 Prozent die Polyandrie.

    4 Der biologische Unterschied zwischen typisch männlichen und typisch weiblichen Sexualstrategien lässt sich folgendermaßen formulieren: Da Männchen eine ungeheure Menge von Samenzellen produzieren, sind sie darauf aus, sich mit möglichst vielen Weibchen zu paaren, um ihr Genmaterial weiterzugeben. Weibchen hingegen produzieren relativ wenige fruchtbare Eizellen und müssen daher versuchen, Männchen an sich zu binden, um mit ihnen das Überleben der Nachkommen zu sichern. Entgegen alter Vorurteile bedeutet dies übrigens nicht, dass Weibchen notwendigerweise “treuer” sind als Männchen. Jedoch zielen sie im Unterschied zu den Männchen eher auf eine hohe Qualität, nicht auf eine hohe Quantität ihrer Sexualpartner. Obgleich beim Menschen derartige biologische Sexualstrategien kulturell überformt sind, lassen sie sich auch im Falle unserer Spezies statistisch signifikant als grundlegende Verhaltenstendenzen nachweisen.

    5 vgl. Dörrzapf, Reinhold: Eros, Ehe, Hosenteufel. Eine Kulturgeschichte der Geschlechterbeziehungen. Frankfurt/M. 1995, S. 71ff.

    http://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/sexuelle-zwangsneurosen

  3. Kiyaks Theaterkolumne - Es handelt sich immer um Männer permalink
    20. März 2016 21:12

    Kiyaks Theaterkolumne – Es handelt sich immer um Männer

    Mannometer, jetzt vergreifen sie sich auch noch unseren Weibern! So in etwa läuft ja gerade der Diskurs in Deutschland, nicht wahr? Herzlich willkommen bei unserer kleinen Theaterkolumne aus dem Herzen der Hauptstadt! Die Winterferien sind zu Ende und wir machen wie gewohnt weiter. Heute Kapitel dreitausendachtundneunzig: Der Moslem, die testosteronverseuchte Gefahr mit Koran unterm Arm und gefälschtem Pass in der Tasche.

    Tja, was soll man sagen? Vielleicht das. Selten wurde über sexualisierte und sexuelle Gewalt in Deutschland so heftig und leidenschaftlich diskutiert, wie in diesen Tagen. Als die Missbrauchsfälle der katholischen Kirche aufflogen, stieg der Erregungspegel ähnlich schnell und schrill. Das Thema der sexuellen Angriffe wurde für eine ganze Weile in einem bestimmten Winkel der Gesellschaft geparkt und nachdem sich alle daran ausgetobt hatten, goss sich unendliche Stille über das Thema. Bis Silvester diesen Jahres. Gleiches Thema, gleiche Problematik und wieder schraubt sich die Wutspirale los. Dabei stellen sich ein paar grundsätzliche Fragen. Sie sind nicht besonders originell, aber immer noch aktuell.

    1. Wie kann es sein, dass in Deutschland eine Gruppe von Frauen über Stunden hinweg öffentlich belästigt wird, ohne dass die Polizei unverzüglich einschreitet? Öffentlich ausgeübte Gewalt kann immer nur dort stattfinden, wo Opfer keine Unterstützung durch Stärkere bekommen. Gewalt an Frauen mit öffentlicher Zeugenschaft ist ein altbekanntes Muster. Sie fördert bei Frauen zumeist eine Reaktion hervor: Schweigen. Das Schweigen resultiert aus der Erfahrung, dass man die Einsamkeit kennt, die einem widerfährt, wenn man Opfer wurde. Das Schweigen der Mitwisser, die Väter oder Mütter sein können, Brüder oder Schwestern, Lehrer oder Imame, Nachbarn oder Passanten, ist d i e Ur-Erfahrung von Opfern sexueller Gewalt. Dass die Polizei, die mehrheitlich mit Männern besetzt war, eine Nacht, in der Frauen massiv bedrängt werden, als eine stille und ereignislose Nacht in ihren internen Berichten beschrieb, illustriert, dass sexuelle Grenzüberschreitungen Alltagserfahrung im Leben von Frauen als Erlebnis u n d in der Bewertung von Männern sind.

    2. Warum werden Frauen nicht laut, wenn sie Opfer von Gewalt oder Vergewaltigung werden? Oder anders gefragt? Warum trauen sich Männer, nicht mehr nur im dunklen Winkel eines Parks, eines leeren Zugabteils oder im Schutze der häuslichen Familie Frauen gegen ihren Willen anzufassen? Weil Frauen einfach nicht gerne darüber reden. Aus Scham. Aber auch aus Solidarität mit den Tätern. Weil es sich in den meisten Fällen um Partner oder Arbeitskollegen handelt. Weil sie eigentlich wissen, dass da etwas geschah, was nicht in Ordnung ist. Aber die Nähe zum Täter lässt auch zweifeln. Übertreibe ich? Trage ich Mitschuld? War ich nicht eigentlich auch besoffen, peinlich, nuttig angezogen und so weiter? Zum Zweiten besteht ein Mangel an Zutrauen. Wird man mir glauben? Ist ein Griff an den Busen schon Missbrauch? Ich wollte bloß küssen, war erregt, war sein anschließender Griff in meinen Slip, an mein Geschlecht nicht folgerichtig? Sein Beharren nicht auch, und so weiter? Also schweigt man. Schlechtes Gewissen. Angst. Kein Bock ein Fass aufzumachen. Oder schlicht keine Möglichkeit. Es ist genau dieses Schweigen der Frauen und Kinder, das Täter ermutigt weiter zu machen. Oder es bei der nächsten Frau zu versuchen. Egal ob im häuslichen Umfeld oder draußen auf dem Schulhof.

    3. Was lernen wir aus der aktuellen Debatte über sexualisierte Gewalt? Frauen werden ernster genommen, wenn es sich bei den Tätern um so genannte oder tatsächliche „Ausländer“ handelt. Oder wie darf man das aktuell anhaltende Interesse am Thema interpretieren?

    4. Warum ist es Männern eigentlich nicht peinlich Frauen in der Öffentlichkeit zu bedrängen? Egal, ob sie besoffen auf dem Weg zu einem Fußballspiel im ICE Frauen angrabschen oder auf dem Schützenfest? Egal, ob allein, zu zweit, dritt oder zu hunderten? Weil das Korrektiv fehlt. Der Schaffner, beispielsweise, zu dem man geht und um Hilfe bittet. Der aber, statt die ganze Ladung Penner rauszuschmeißen, sagt: „Die tun nichts. Die sind bloß besoffen“. Es fehlen jene Männer, die als Fahrgäste im ICE laut und deutlich sagen: „Lasst die Frau in Ruhe!“ Jene Männer, die auf der Domplatte die belästigten Frauen aus der Gefahrenzone heraus retten. Wie kann es sein, dass im Nachhinein unzählige Augenzeugen auftauchen, die detailliert beschreiben können, was geschah. Warum hat niemand eingegriffen? Warum wurden die Notrufe nicht angerufen? Warum ließen Augenzeugen die Opfer allein?

    5. Warum ist es in letzter Zeit so absonderlich Artikel von männlichen Kollegen zu lesen, in denen sie die Ereignisse der Silvesternacht ausschließlich auf Herkunft und Religion der Täter schieben? Zunächst einmal ist es immer unlogisch, auf Sexismus mit Rassismus zu reagieren. Aber es ist auch deshalb so bigott, weil gerade jene Blätter, deren Klickrate durch die Decke gehen und sich hysterisch aufregen, oft die gleichen Blätter sind, die keine Gelegenheit auslassen, Frauen auf ihren Seiten immer nur in Form von Titten, Ärschen, geöffneten Mündern und so weiter zu zeigen. Erst wenn Eis, Autos und Tomatensoße mit nackten Schwänzen, glänzenden prallen Hoden und halb geöffneten Männerlippen beworben werden, werden Männer erfahren, wie kurz der Weg von der Werbefläche zum Griff an den Arsch ist. Diese Bilder zeigen die wahre Stellung der Frau in der Öffentlichkeit. Ich kenne Artikel von Kollegen, die Verantwortung für ihre Blätter tragen und gar nicht mehr sehen, welche Bilder sie täglich produzieren. Sind aber alle ganz eifrig am Publizieren über den Zusammenhang von dem Koran und den daraus vermeintlich resultierenden kulturellen Absonderlichkeiten. Eine Gesellschaft, gleich welcher Prägung, die die Sexualität der Frauen ernst nimmt und respektiert, gibt ihre Körper nicht permanent der Lächerlichkeit preis. Weder in der grotesk verschleierten Variante. Noch in der grotesk entblößten Variante. Wie sonst kann man sich die schwachsinnige Darstellung der Frauen in der Werbewelt erklären? Welche Erklärungsmuster man übrigens für die sexistische Machokultur von Japanern in öffentlichen Verkehrsmitteln findet, für die Machokultur von Sizilianern am Badestrand oder die Machokultur von begüterten Russen, Jordaniern oder Libanesen christlichen Glaubens in Amüsierclubs weiß ich nicht. Ist mir auch egal. In einer Welt, in der sogar der Kapitalismus abhängig ist vom nackten Körper der Frau, weil die Waren angeblich nur mit weiblichem Sex zu verkaufen sind, braucht mir keiner mit dem Argument des wilden, geilen Orientalen (Afrikaner, Latino, Araber usw…) zu kommen. Manche der wilden, geilen Gestalten sitzen nämlich in gut geschnittenen Anzügen in den Werbeagenturen der Welt. Sexismus ist eine Folge von fehlender Gleichberechtigung, von schiefen Machtverhältnissen und Dominanz. Jeder Mann möge bitte in diesem Augenblick hoch schauen und nachzählen, wie viele Frauen sich gerade mit ihm im Raum bewegen, die auf der gleichen hierarchischen Ebene stehen wie er selbst?

    6. Was ist der Unterschied zwischen Vergewaltigung und Vergewaltigung?
    Ist das, was auf der Domplatte oder im Hauptbahnhof in Köln geschah, schlimmer als jährlich 100.000 Fälle von Vergewaltigung in Deutschland an Frauen und 15.000 an Kindern? In den Augen derjenigen, die die Kölner Ereignisse für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren wollen, scheint es so. Wer aber Vergewaltigungen gegen Vergewaltigungen ausspielt, sich über das eine massiv aufregt, über das andere aber nicht auch, der verfolgt einen anderen Plan.
    Sexuelle Gewalt hat viele Gesichter. Wen das nicht wirklich beschäftigt, kann sich gerne bei „Ausländerkriminalität“ aufhalten. Durch Asylrechtsverschärfungsdebatten wird der Diskurs jedoch beschnitten, zensiert, verzerrt. In Europa wurden 60 % aller Frauen Opfer von sexueller Belästigung im Kontext von Arbeit, Familie und sozialem Umfeld. Ich weigere mich das Thema auf dem Rücken von Flüchtlingen, Muslimen oder Ausländern zu diskutieren. Und jede Studie dazu in Europa, Amerika, Australien oder Asien gibt mir Recht! Kann es sein, dass Teile der Öffentlichkeit auf der ganzen Welt übrigens das ganze Ausmaß der Katastrophe deshalb ausblenden, weil es ihnen nicht um Frauenrechte geht? Sondern darum, einen Weg zu finden, so schnell wie möglich „das Fremde“ in der jeweils eigenen Gesellschaft loszuwerden? Das Tröstliche an dieser fehlgeleiteten Strategie ist, dass sie so hohl ist, dass sie untergehen wird. Wie immer eigentlich, wenn es um Nationalismus, Rassismus und Chauvinismus geht.

    7. In der letzten Woche telefonierte ich mit vielen Frauen und bat sie, mir etwas zum Thema zu erzählen. Jedes Gespräch begann mit den Worten: „Mir ist da auch mal was passiert…“. Ich bin erschüttert. Ich kenne keine einzige Frau, die nicht von Grenzüberschreitungen berichten kann. Besonders entsetzlich: Die meisten Erinnerungen meiner Kolleginnen und Freundinnen setzen mit der Pubertät ein. Das heißt, die Erfahrung eine Frau zu werden, wird begleitet durch die Erfahrung genau dadurch bedroht zu sein. Statt dagegen zu steuern und Mädchen stark zu machen, geraten sie in die Debilitätsfalle von Schönheits- und Singwettbewerben. Sie lernen, sich noch begehrter zu machen. Selbst Stargeigerinnen drücken ihren Arsch in die Kamera, damit sich Sonaten und Symphonien besser verkaufen. Wann hört das endlich auf?

    8. Für den Kampf gegen Sexismus und Gewalt braucht es die Allianz mit Vätern, Brüdern und Kollegen. Doch jeder Mann, der in dieser Debatte seine Empörung mit den Worten einleitet: „Nie dagewesener Skandal. Islam. Bla bla“, will über alles Mögliche reden aber nicht über das Problem Sexismus und Gewalt. Wenn ich in der Debatte das Wort „Abschiebung“ höre, fühle ich mich verarscht. Wer schiebt die Ressorteiter und Chefredakteure ab? Wer die Vermieter oder Minister? Wer die Politiker oder Lehrer? Ich kann es nicht mehr hören: Moslem, Moslem, Moslem! Haben wir denn alle den Verstand verloren? Wir dürfen es nicht zulassen, dass Rassisten das Thema sexualisierte Gewalt in Geiselhaft nehmen. Ihnen geht es um die Diskreditierung der Kanzlerin, der Medien, der Politiker, Flüchtlingspolitik, der wasweissich. Deren Diskurs ist vergiftet und verlogen und scheinheilig. Zeitgleich lesen wir in den Zeitungen, dass über Jahrzehnte hinweg, die Kinder des Regensburger Domspatzen Chores verprügelt und vergewaltigt wurden. Man geht von 700 Fällen aus und das ist erst der Anfang. Wir verstehen also, dass sexuelle Gewalt in unterschiedlichen sozialen, politischen, kulturellen und religiösen Kontexten stattfindet. Wenn einen das eine interessiert, muss einen auch das andere interessieren. Nicht um das eine gegen das andere auszuspielen. Nicht um das eine Verbrechen mit einem anderen zu neutralisieren. Sondern, um besser zu begreifen. Ist das wirklich so schwer zu verstehen? Und ja. Wer seinen Satz mit: „Die Muslime..“ anfängt, hat das Denken aufgegeben. Mit solchen Leuten kannste nichts verändern. Nie.

    9. Jede Frau, die Opfer von einem sexuellen Übergriff geworden ist, weiß, wie sehr solch eine Erfahrung die eigene Sexualität vergiftet und wie weit die Beschädigung des Selbstwertgefühls damit einhergeht. Wer erlebt hat, dass Sexualität auch in Form von Nötigung stattfindet, weiß, dass es Ewigkeiten dauert, bis man sich wieder fallen lassen und intim werden kann. Wer Sexualität als Waffe kennengelernt hat, schafft es manchmal nie, diese eine Erinnerung auszuschalten. Apropos: Haben wir vergessen, was Soldaten in Kriegen anrichteten und anrichten? Das waren Gruppenvergewaltigungen in aller Öffentlichkeit. Kennen wir eigentlich die Vergewaltigungsstatistiken aus allen Ländern, wo gerade Soldaten stationiert sind und sich in einem bewaffneten Konflikt befinden? Wollen wir das alles überhaupt wissen? Warum gehört der Vergewaltiger immer zu den anderen? Von jedem Punkt der Erde aus ist das so. Mal ist es der Russe, der unsere deutschen Frauen vergewaltigt. Oder der Deutsche, der Amerikaner, der Araber. Mal fand es während der chilenischen Militärjunta statt oder bei der deutschen Wehrmacht, in christlich-fundamentalen Sekten wie Zwölf Stämme oder ausgeübt von islamistischen Milizen wie Boko Haram. Mal findet es statt auf einem öffentlichen Platz in Ägypten oder Köln, mal in einem Puff in Thailand und manchmal findet es jahrelang in der Familie Müller statt, die eigens Kinder zeugt, um sie missbrauchen zu können. Mal findet es als Initiationsritus statt, wenn im Frauenhandel die Mädchen für die Prostitution vorbereitet werden sollen. Mal findet es nur so zum Spaß statt. Dann wieder findet es statt, weil zuviel Alkohol im Spiel war. Es findet statt im Kleinen und Großen. Laut oder leise. Als Methode zum Erniedrigen des politischen Gegners oder zum Druck ablassen aus Mangel an sexuellen Partnern oder aus Mangel an Bindungsvermögen. Aus Verklemmung oder Enthemmung. Der Täter ist Moslem, Christ oder Hinduist. Er ist gläubig oder nichtgläubig. Nüchtern, hacke oder zugekokst. Er ist fein angezogen oder lumpig. Arm oder reich. Charmant oder brutal. Stinkt oder ist fein parfümiert. Er will bloß provozieren, fummeln oder gleich penetrieren. Er macht es allein oder mit Freunden. Spontan oder organisiert. Aber eines haben alle Täter miteinander gemein. Es handelt sich um Männer.

    Mely Kiyak

    PS: Hier und da wurde ich in den Medien um eine Stellungnahmen gebeten. Hier nur zwei Reaktionen als Beispiel auf welchem Niveau die Diskussion von den selbst ernannten „Frauenrechtlern“ ausgetragen wird. Diese Form der rhetorischen Einschüchterungsversuche erleben derzeit viele Publizistinnen, die sich für Frauenrechte einsetzen u n d gegen Rassismus wehren:

    „PFUI!!! Ich hoffe, Du wirst einmal von einer Horde Araber eingekesselt und vergewaltigt! Verdammte Türkin, hau doch ab in die Türkei!“

    oder:

    „Es tut mir echt leid feststellen zu müssen: Diese Frau ist Geisteskrank. Den armen Opfern der Silvesternacht hat sie durch ihre Äußerungen ins Gesicht gespuckt. Ich wünsche dieser Frau ein scheiß Leben.“

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