Skip to content

FAU Dresden beteiligt sich am 6. Februar an internationalem Protest gegen Pegida

2. Februar 2016

fauddMit eigenem Aufruf und eigener Mobilisierung beteiligt sich die Basisgewerkschaft FAU Dresden am internationalen Aktionstag gegen Pegida und die „Festung Europa“ am 6. Februar 2016. Das politische Programm Pegidas bezeichnet sie als Ablenkung von wirklichen gesellschaftlichen Problemen und möglichen Lösungen. Sie fordert auf, den Tag für eigene, soziale Aktionen zu nutzen.

In einem schriftlichen Aufruf geht die FAU auf das internationale Netzwerk von oft klar rechtsradikalen und teils sogar mit Waffengewalt agierenden Pegida-Bündnispartner_innen ein. Die Basisgewerkschaft warnt besorgt vor der Gefahr „einer zweiten Nacht des Faschismus“ über Europa. Mit verschiedenen Gruppen aus Deutschland und acht weiteren Ländern schloss sie sich letzte Woche dem Aktionsbündnis „Solidarity without limits!“ („Grenzenlose Solidarität!“) an.

FAU-Sprecherin Christina Müller (28) erklärt die Intension der Teilnahme: „Als Organisation die für die Rechte von ALGII-Empfänger_innen, prekär Beschäftigten, Streikenden und von Wohnungsverlust Bedrohten ebenso kämpft, wie für die Rechte von Refugees, plädieren wir für ein gemeinsames Handeln aller Unterprivilegierten. Bewegungen wie Pegida versuchen einzelne soziale Bewegungen gegeneinander auf zu bringen. Statt gegen Privatisierung und Prekarisierung sollen sich Lohnabhängige gegen Flüchtlingsunterkünfte wehren. Das führt nicht nur zu immer mehr Verletzten durch rechte Anschläge und Übergriffe, sondern auch dazu, dass ALLE weniger privilegierten verlieren. Wir rufen daher bundesweit zu Aktionen und zur Teilnahme an Gegendemos auf.“

Auf welche Gegenveranstaltung die FAU am 6. Februar mobilisiert, will sie aus taktischen Gründen unmittelbar vorher entscheiden. „Wir stehen mit verschiedenen Veranstalter_innen im Gespräch.“, so Müller.

Die FAU engagiert sich in Dresden aktuell v.a. in den Branchen Gastronomie, Kultur, Bildung und Bau. Daneben betreibt sie intensive Erwerbslosenarbeit. Mit mehreren Kampagnen rief sie in den letzten Monaten Kolleg_innen dazu auf, sich Pegida-Sympathisierenden in den Betrieben aktiv entgegen zu stellen. In der Bau-Branche thematisiert sie aktuell außerdem die Ausbeutung migrantischer Arbeitskräfte in Deutschland.

Solidarität ohne Grenzen – Aktionstag gegen Festung Europa am 6. Februar

Am 6. Februar 2016 planen rechte Organisationen in 13 Ländern einen gemeinsamen Aktionstag gegen die europäische Flüchtlingspoltik. Darunter befinden sich rechtsradikale Massenbewegungen wie Front National (Frankreich) und militante Organisationen wie die Goldene Morgenröte (Griechenland) die sich nicht scheuen, mit Waffengewalt und sogar Mord gegen Refugees und politische Gegner_innen vorzugehen. Federführende Rolle hat die Pegida-Bewegung aus Dresden (Deutschland). Wir bitten hiermit um Beteiligung an den europaweiten Gegenaktivitäten.Zu keiner Zeit seit 1945 waren die Menschen in Europa so bedroht von einer zweiten „Nacht des Faschismus“ wie heute. Die europaweiten Aktionen, aber auch der Einfluss von Rechtsradikalen auf Regierungen wie in Frankreich, Ungarn und Polen machen sowohl den Grad an professioneller Vernetzung als auch an finanzieller Stärke deutlich, mit dem die Bewegung mittlerweile agiert. Emanzipatorisch-linke und libertäre Strukturen sind im Grad ihrer Vernetzung, ihrer Aktions- und Mobilisierungsfähigkeit im Vergleich aktuell im deutlichen Nachteil.

Was wir gerade erleben, ist eine Radikalisierung von hunderttausenden Menschen in Europa, die in wesentlichen Punkten auf Abstiegsängsten, sozialer Not und Perspektivlosigkeit gründet. Die aktuellen Geschehnisse stellen die Weichen, ob sich eine solche Radikalisierung gegen andere Menschengruppen richtet oder sich in einen gemeinsamen, emanzipatorischen Kampf aller Unterprivilegierten um eine gerechtere wirtschaftliche und politische Ordnung verwandelt.

Einen Kampf der sich nur in Gegenprotest ergießt, müssen wir deshalb zwangsläufig verlieren. Zwar sind Gegenproteste sicher trotzdem besser, als keinerlei Einspruch zu erheben. Mittelfristig können wir dem sich ausweitenden, rechten Gedankengut jedoch nur mit eigenen Lösungsstrategien und Erklärungsmustern begegnen. Wir müssen vermitteln, dass die von rechts präsentierten Lösungsstrategien, d.h. Repression, Abschottung und aggressive Außenpolitik die globale Prekarisierung und Verelendung bestenfalls auf Kosten der eigenen Freiheit und des Lebens anderer für eine Weile entschleunigen. Wir müssen vermitteln, dass Ungerechtigkeit, Entmündigung und Perspektivlosigkeit eines überwiegenden Teils der Weltbevölkerung eine Notwendigkeit des Kapitalismus darstellen und dass der Traum von der gesicherten Vollbeschäftigung ein für alle Mal vorbei ist. Schließlich müssen wir auch darüber aufklären, dass die Hauptfluchtursachen und die Traumatisierung vieler Refugess eben gerade in der Aufrechterhaltung dieser Wirtschaftsordnung begründet liegen. Gerade der Kapitalismus lebt von der Deklassierung, brutaler Unterdrückung und dem Krieg in ganzen Kontinenten.

Auch wenn es bis ans Ende unserer Kräfte geht, über unsere Unterstützung von Refugees und Migrant_innen dürfen wir dabei nicht die Prekarisierten mit hiesiger Staatsbürgerschaft aus den Augen verlieren. Wir müssen diese Kämpfe zusammen denken und führen, um nicht einer radikalen Rechten in die Hände zu spielen und selbst zu bürgerlich-paternalistischen Wohlfahrtler_innen zu werden.

Wir rufen deshalb dazu auf, am 6. Februar nicht nur antifaschistischen Gegenprotest und Selbstschutz zu organisieren, sondern eben auch mit direkten Aktionen und eigenen inhaltlichen Veranstaltungen Solidarität, direkte Aktion, Antikapitalismus und Selbstorganisation, letztlich die gesamte Konzeption unserer anarchosyndikalistischen Bewegung als eine tatsächliche Alternative zum heutigen Elend darzustellen. Wir rufen auch dazu auf, die europäische Rechte als das zu benennen was sie ist: Das Beste was dem Kapitalismus hierzulande passieren konnte, um unsere bitter nötigen Klassenkämpfe und das Zusammengehen verschiedener Betroffenengruppen auszubremsen.

Gegen die Feinde der Emanzipation, für einen freiheitlich-antikapitalistischen Aufbruch in Europa!

Freie Arbeiter_innen-Union Dresden

Quelle: Rundschreiben der FAU Dresden

4 Kommentare leave one →
  1. Gemeinsam treten sie zurück - über die nationale Identität der Deutschen, 1984 permalink
    7. Februar 2016 11:57

    Gemeinsam treten sie zurück

    9. November 2014

    Wolfgang Pohrt über die nationale Identität der Deutschen, 1984:

    Ohnehin gehen aus dem täglichen Existenzkampf keine strahlenden Sieger hervor, sondern nur mehr oder minder Unterlegene, Kriegsversehrte gewissermaßen in abgestufter Form mit unterschiedlichen, sehr ungerecht geregelten Ansprüchen auf Entschädigung: je geringer die Verletzung, desto besser die Rente. Einen Schaden aber haben alle. Erschwerend kommt nun in Deutschland hinzu, daß jeder nicht nur eines jeden Konkurrent im Existenzkampf, sondern obendrein eines jeden Aufpasser, Oberlehrer, Hausmeister ist. Überall verlangt auch der Erfolg, daß man sich für die Firma ruiniert, gehört auch (…) zum Gipfel der Macht die gescheiterte Ehe, die trunksüchtige Gattin, das debile Kind, die Entziehungskur, die Bypass-Operation und der Herzschrittmacher. Keiner, der nicht wenigstens einen mächtigen Gegner hätte, dessen Schikanen oder was er dafür hält er schlucken und wegstecken muß, ohne sich revanchieren zu können. Hier aber, wo die herrschende Klasse aus Angst vor dem Neid und der Mißgunst der Armen zeitweilig öffentlich Eintopf fraß, zittert jeder vor jedem.

    So kann sich die fixe Idee, als Volk zukurzgekommen zu sein, auf die Lebenserfahrungen unzähliger kleiner Niederlagen stützen, die zu erleiden man sich keineswegs erst ins Büro bemühen muß. Einkäufe, ein Cafébesuch und eine Straßenbahnfahrt genügen, um vom Personal zurechtgewiesen und angefahren zu werden – falls man nicht selbst schneller war, womit freilich nur die Rollen vertauscht sind, ohne daß sich an der Sache etwas geändert hätte. In der Wahnvorstellung vereinigen sich die im gehässigen Kleinkrieg gegeneinander allesamt Unterlegenen nun zum nationalen Kollektiv: jeder tritt jeden, gemeinsam treten sie zurück. Angewachsen zur nationalen Schmach, ausgestattet mit deren Rang und Würde, werden die täglichen Nadelstiche erträglich, außerdem ist millionenfaches Leid ein durch Millionen geteiltes. Mit der Bedrohung durch die Supermächte kann man hundert Jahre leben, während der patzige Kollege, dem man im Tran die passende Antwort schuldig blieb, sich in durchwachten Nächten langsam aber sicher durch die Magenwände nagt.

    Die Trostlosigkeit der Quellen gerade, aus denen sich die nationale Identität oder das Nationalgefühl der Deutschen speist, gewährleistet dessen Dauerhaftigkeit, dessen Stehvermögen. Es kann weder altern, noch in Vergessenheit geraten, denn jeder Tag, den Gott werden läßt, ist wie ein Jungbrunnen, fast wie ein Geburtstag für dasselbe. Die großen Augenblicke der Menschheitsgeschichte – der Sturm auf die Bastille, die Magna Carta, die Erklärung der Menschenrechte, der 8. Mai 1945 – sind demgegenüber bloß ephemer, Zeiterscheinungen, Eintagsfliegen, einmalig, flüchtig und vergänglich, Dinge also, die nicht dauern, und von denen am Ende nur die Erinnerung übrig bleibt. Sie und ihr Ruhm können mit der Zeit verblassen, und mit ihnen die nationale Begeisterung, die sie zu wecken verstanden. Der deutsche Nationalismus hingegen zehrt nicht von der Erinnerung ans herausspringende historische Datum, sondern er nährt sich, er ist gesättigt vom Alltagserlebnis, von der Lebenserfahrung, er regeneriert sich in jedem Familienkrach, in jedem Zank zwischen Nachbarn, er profitiert von zahllosen kleinen Bürointrigen wie von der einen großen Arbeitslosigkeit. Weil sich der Bürger ums Eigentliche, Wesentliche im Leben letzten Endes doch betrogen fühlt, denn entweder war man glücklich oder erfolgreich, nie beides und meist weder noch; weil es zum Schicksal des Bürgers gehört, nicht von der großen, sondern von den unzähligen kleinen Niederlagen zur Strecke gebracht zu werden; und weil sich schließlich in dies trübe Lebensgefühl hier keine störende Erinnerung an heroische historische Augenblicke, Bruchstellen in der Geschichte und im Alltag gewissermaßen mischt, deshalb wird es eine nationale Identität oder ein Nationalgefühl der Deutschen geben, solange die bürgerliche Gesellschaft dauert. Basierend auf ihren Mißhelligkeiten, dem Einzigen, worauf im Leben wirklich Verlaß ist, was täglich wiederkehrt und ewig dauert, ist dieser Nationalismus gleichsam auf Granit gebaut. Das Unspezifische, Ahistorische ist gerade seine Besonderheit, seine Eigenart, und sie erklärt, wieso er unter wechselnden Bedingungen immer derselbe bleiben konnte und dabei so zeitlos wie modern, von gleichbleibender Antiquiertheit und Aktualität in einem.

    Aus Wolfgang Pohrt: Kreisverkehr, Wendepunkt. S. 113ff

    http://www.verbrochenes.net/2014/11/09/gemeinsam-treten-sie-zurueck

  2. No Border! No Border? permalink
    7. Februar 2016 12:01

    No Border! No Border?

    3. Juni 2013

    Ja, klar, über die Parole besteht Einigkeit – aber wie steht es mit der Begründung: Warum denn eigentlich »Grenzen auf!«, und dann auch noch: »für alle«? Schon die Frage nach der Begründung rührt an ein Tabu, denn was sich legitimieren muss, gilt bereits als angezweifelt, schon als halb entwertet.
    Andererseits: Dumme Fragen gibt es nicht, nur dumme Antworten. Weß jedes Kind, weiß aber keine Linke, kein Linker mehr, wir sind ja alle unter die Sprachmystiker gegangen und fürchten uns vor einzelnen Worten mehr als vor realer Gewalt (selbst wenn die Worte FÜR reale Gewalt STEHEN, sie SIND es NICHT).
    Es gibt eine gescheite Antwort auf die Frage nach dem »Warum« der »No Border«-Forderung. Gescheit, weil sie ganz unsentimental daherkommt. Die Antwort enthält auch schon den halben, na, Kommunismus-Beweis. Wolfgang Pohrt hat sie formuliert, 1993, unmittelbar nach diesem fürchterlichen Asyl-Kompromiss, »Abschied ohne Tränen« heißt der Text, und er steht in dem Band »Harte Zeiten. Neues vom Dauerzustand« (Edition Tiamat, Berlin 1993, S19f.).
    Pohrt? Der alte Misanthrop? Nie um eine Zote verlegen? Genau, der. Entweder so einer sagt es – oder eben keiner.

    Die Leute sehen, wie die Chancen schwinden, daß man selber zu den happy few gehört. Sie ahnen, daß es nicht mehr darum geht, wer verelenden müsse, sondern daß die Alternative alle oder keiner heißt. Sie spüren, daß ihre eigene Sicherheit auf den Prinzipien beruht, deren Aufhebung sie fordern. Deshalb erwarten sie keine Nachgiebigkeit. Zur Entscheidung steht, ob die Verhältnisse den Menschen angepaßt werden müssen, oder ob den bestehenden Verhältnisse die Menschen anzupassen sind, was ihre Verelendung, Vertreibung, Ausweisung bedeutet. Existierte eine Line, müßte ihre Forderung heißen: Offene Grenzen.

    Das würde auf keinen Fall gemütlich. Die Ankommenden werden keine übertrieben netten Menschen sein. Sie bringen nicht Kultur mir, sondern Haß und Hunger. Sie werden diese Gesellschaft vor die Alternative stellen, ob sie sich ändern oder zusammenbrechen will. Aber vor dieser Alternative steht sie sowieso. Nur daß nichts bleibt, wie es ist, ist sicher. Vor der Zukunft haben alle Angst (1). Sie wird durch Abschiebungen verstärkt, durch das Elend hinter dem Zaun, nicht durch offene Grenzen. Sie wird gemildert durch die Sicherheit: Was auch kommen mag – niemand wird rausgeschmissen, keiner muß im Elend verrecken, wer er auch sei. Nicht die Anwesenheit der rumänischen Zigeuner, sondern ihre Behandlung macht den Einheimischen Angst, weil sie jeden lehrt, wie es ihm selber ergehen könnte, wenn er nur noch ein bißchen tiefer rutscht. Die Leute würden einem dankbar sein, wenn man sie mit aller Macht zu einer anständigen Behandlung der Zigeuner zwänge. Das gäbe ihnen die Sicherheit, die sie derzeit am meisten entbehren.
    Was angesichts der Stimmungslage der Mehrheiten und der Machtverhältnisse wie Utopie klingen mag, ist in Wahrheit Realismus. Umgekehrt ist es die reine Träumerei, was Realpolitiker für kluge Berechnung halten. Sie ignorieren die Bedeutung der Moral. Der amoralische Asylkompromiß beispielsweise hat vermutlich nicht nur Engholm das Genick gebrochen, sondern der ganzen SPD:
    Wäre sie bei ihrer alten Linie geblieben – die Leute hätten sie verflucht und respektiert. Am Ende hätte sie vielleicht sogar die Partei gewählt, die in unsicheren Zeiten ein Minimum an Sicherheit bietet. Ein Minimum an Sicherheit bietet einer, wenn Verlaß darauf ist, daß er bestimmte Dinge unter keinen Bedingungen machen wird. Seit dem Asylkompromiß ist allen, die ihn wollten, klar, was sie selber – etwa Sozialhilfeempfänger oder Arbeitslose – von der SPD zu erwarten haben, wenn dies die Lage erfordert. Seither ist diese Partei – und mit ihr die ganze Linke – dort, wo sie 1933 war, als die Nazis alle Funktionäre abräumen konnten ohne jeden Protest aus der Bevölkerung.

    ——————–

    (1) An anderer Stelle in »Harte Zeiten« (S.187) schreibt Pohrt:

    Wenn man nun aber alles rausschmeißen will, was die Deutschen nicht leiden können – die Asylbetrüger, die Sozialbetrüger, die Steuerbetrüger, die Absahner, die Ossis, die Wessis, die Gatten, die Gattinnen, die Politiker, die Politikerinnen – dann kommt dabei nur heraus, daß Deutschland sich in eine Abschiebehaftanstalt mit 80 Millionen Insassen verwandelt.
    Das, glaube ich, wurde mit dem sogenannten Asylkompromiß erreicht. Nicht alle stehen ganz oben auf der Prioritätenliste, aber irgendwo steht jeder.

    http://ofenschlot.blogsport.de/2013/06/03/no-border-no-border

  3. +++ BNR +++ Neurechter Provokateur +++ BNR +++ permalink
    22. Februar 2016 16:22

    Neurechter Provokateur

    Von Armin Pfahl-Traughber
    19.02.2016 –

    Ideologische und strategische Auffassungen eines „Legida“- und „Pegida“-Redners. Ein erneuter Blick in Götz Kubitscheks Buch „Provokation“.

    Als Redner bei „Legida“ in Leipzig im Januar 2015; (YouTube, Screenshot)

    Die Auftritte bei den Demonstrationen von „Legida“ und „Pegida“ haben Götz Kubitschek breiter bekannt gemacht. Zuvor sagte der Namen des „Rechtsintellektuellen“ nur den ideologischen Anhängern oder kritischen Beobachtern etwas. Denn der 1970 geborene Kubitschek war 2000 Mitbegründer des Instituts für Staatspolitik, das sich als „Denkfabrik“ der „Neuen Rechten“ versteht. Seit 2003 ist Kubitschek auch verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift „Sezession“, dem Theorieorgan dieser geistigen Strömung der gegenwärtigen Anhänger der „Konservativen Revolution“. Diese geistige Strömung eines „antidemokratischen Denkens in der Weimarer Republik“ (Kurt Sontheimer) wollte im geistigen Kampf die Normen und Strukturen der damaligen Demokratie überwinden. Ebenso verhält es sich mit der gegenwärtigen „Neuen Rechten“, die sich eigentlich als elitärer Denkzirkel verstand. Gleichwohl ging Kubitschek ab 2007 dazu über, mit seiner „Konservativ-Subversiven Aktion“ mit Provokationen wie etwa der Störung von Veranstaltungen öffentlich zu wirken.

    Als inhaltliche Legitimation hierfür veröffentlichte er im Jahr 2007 das Buch „Provokation“, das in der „Edition Antaios“ im Hausverlag in Schnellroda erschien. Angesichts seiner heutigen Bedeutung als Legida- und Pegida-Redner liefert der Blick in Kubitscheks Werk doch einige interessante Einsichten in die Ideologie und Strategie dieses Protagonisten einer „Neuen Rechten“. Bei der 77-seitigen Schrift handelt es sich indessen nicht um einen formal und inhaltlich stringenten und strukturierten Text. Er liest sich eher wie eine Rede. Denn je nach Einstellung kann man eine kitschige und schwülstige oder eine rauschhafte und pathetische Sprache wahrnehmen. Eine argumentative Legitimation seiner Auffassung ist für Kubitschk auch überflüssig: „Wir halten nicht viel von langwierigen Begründungen, von Herleitungen, von der systematischen Stimmigkeit unseres Handlungsantriebs. ‚Diskussion ist der Name des Todes, wenn er beschließt, inkognito zu reisen’, sagt Donoso Cortes. Schaut Euch doch um! Was gibt es da noch zu fragen und zu quatschen?“ (S. 30).

    Politischer Rigorismus ist unverkennbar

    Dem Dezisionismus, also die Betonung der Handlung um der Handlung willen, wird hier unter Berufung auf einen reaktionären spanischen Staatsphilosophen des 19. Jahrhunderts gehuldigt. Diskussionen soll es zugunsten der Entscheidungen nicht weiter geben. Und gegenüber einem andersdenkenden Publikum fährt Kubitschek fort: „Uns liegt nicht viel daran, dass ihr unseren Vorsatz versteht. Wozu sich erklären? Wozu sich auf ein Gespräch einlassen, auf eine Beteiligung an einer Debatte?“ (S. 30). Derartige Aussagen stehen in einem beachtenswerten Kontrast zu der Klage vieler Legida- und Pegida-Demonstrationsteilnehmer, die angeblich nicht gehört und verstanden werden würden. Nach Kubitschek machen „runde Tische“ auch keinen Sinn: Denn: „Nein, diese Mittel sind aufgebraucht, und von der Ernsthaftigkeit unseres Tuns wird Euch kein Wort überzeugen, sondern bloß ein Schlag ins Gesicht“ (S. 30). Als Redner distanzierte sich Kubitschek indessen öffentlich von Gewalt, sein politischer Rigorismus ist aber unverkennbar.

    Denn bereits zu Beginn des ersten Kapitels spricht er von „einer Umwälzung der politischen Verhältnisse in Deutschland“ (S. 8). Es müsse um eine bestimmte, nämlich eine „deutsche Zukunft“, nicht aber um „irgendeine Zukunft“ (S. 9) gehen. Doch was mit der damit angesprochenen Ablehnung einer multikulturellen Gesellschaft genau gemeint ist, lässt Kubitschek offen. Er spricht indessen von einem „Vorbürgerkrieg“ (S. 10), gehe es doch angesichts der Migranten um „Gegenwehr oder Verschwinden“ (S. 17). Und dann heißt es auch dazu: „Wenn wir Deutschen zu zivilisiert für die Notwendigkeiten des Vorbürgerkriegs bleiben, ist die Auseinandersetzung bereits entschieden: ‚Nur Barbaren können sich verteidigen’, sagt Nietzsche“ (S. 17). Selbst wenn man auch diese Formulierung nicht als direkte Gewaltaufforderung deuten will, muss zumindest konstatiert werden: Mit einer derartigen Dramatisierung – auch und gerade mit der Rede von einem „Kampf“ – wird weder für gesetzestreues noch gewaltfreies Handeln der Menschen geworben.

    Die Deutschen für den politischen Kampf mobilisieren

    Denn Kubitschek geht es um eine Eskalation der Konflikte und nicht um deren Mäßigung. Deutlich begrüßt er eine Krise: „Lob der Krise, dem Zustand des Möglichen! Lob der Epidemie des Mutes, die um sich greifen soll! Lob jedem Fluchtversuch aus dem Kerker der Verzagtheit!“ (S. 13). Kubitschek sieht darin eine Chance, die Deutschen für den politischen Kampf in seinem Sinne zu mobilisieren. Genau dies setzte er in seinen Reden bei Legida und Pegida bezogen auf die Flüchtlingsthematik um. Einen von ihm beschworenen „Vorbürgerkrieg“ bedauert er gar nicht, sondern sieht ihn als Ausgangsbasis für die Mobilisierung von Zustimmung. Dazu sollen Provokationen und Regelverletzungen beitragen, denn: „Wahrgenommen wird das Unerwartete, wahrgenommen wird der gezielte Regelverstoß, wahrgenommen, zwingend wahrgenommen wird die bewusste oder unbewusste Verletzung des Regelwerks der Harmlosigkeit, das die derzeitige deutsche, nur scheinbar nach allen Seiten offene Herrschaftsstruktur absichert und bewehrt“ (S. 24).

    Welche Alternative strebt Kubitschek dagegen an? Dazu äußert er sich in dem Buch nicht dezidiert. Gleichwohl nennt Kubitschek aus dem „Kosmos rechten Denkens“ (S. 49) einige Vordenker. Deren Auffassungen und Handlungen stehen wohl dann auch für seine Politikvorstellungen. Es sind etwa der Begründer der französischen „Neuen Rechten“ Alain de Benoist, der ganz offen die Menschenrechte ablehnt, der Philosoph Martin Heidegger, der am 1. März 1933 der NSDAP beitrat und ein überzeugter Antisemit war, der Publizist Günter Maschke, der sich selbst als „Verfassungsfeind“ sieht, der Schriftsteller Ernst von Salomon, der an der Ermordung Walter Rathenaus beteiligt war, der Staatsrechtler Carl Schmitt, der zumindest bis 1936 als „Kronjurist“ des „Dritten Reiches“ galt, oder der Kulturphilosoph Oswald Spengler, der für eine „cäsaristische Diktatur“ gegen die „plutokratische Demokratie“ eintrat. Am häufigsten beruft sich Kubitschek in seinem Buch indessen auf den Publizisten Armin Mohler, der in einem Interview offen bekannte „Ich bin ein Faschist“.

    „Weites Feld für subtile und weniger subtile Gegenwehr“

    Derartige Denker stehen nicht für eine demokratische, sondern für eine extremistische Rechte. Kubitschek gehört denn auch zu den heutigen Anhängern der „Jungkonservativen“ der „Konservativen Revolution“ der Weimarer Republik. Er ist demnach kein Anhänger des historischen Nationalsozialismus, lobt er doch in seiner „Provokation“ auch Stauffenbergs Anschlag auf Hitler als „angemessene Tat“ (S. 46). Gleichwohl macht Kubitschek dieses Bekenntnis nicht zum Fürsprecher einer modernen Demokratie und offenen Gesellschaft. Seine Ablehnung von deren Normen und Regeln bringen nicht alle seine Artikel und Bücher zum Ausdruck. Denn Kubitschek ist auch ein strategisch und taktisch denkender Akteur, wie eben besonders sein „Provokation“-Werk deutlich macht. Darin spricht er davon, es bestehe für jeden Rechten ein „weites Feld für subtile und weniger subtile Gegenwehr“ (S. 47). Es gehe dabei auch um die eigene Unversehrtheit, oder „anders ausgedrückt: um den Drahtseilakt zwischen notwendiger Offenheit und taktischer Maskierung“ (S. 48).

    http://www.bnr.de/artikel/hintergrund/neurechter-provokateur

    PEGIDA – Wie weiter? COMPACT-Live
    (Götz Kubitschek, Jürgen Elsässer, Kathrin Oertel) https://www.youtube.com/watch?v=d5n2l0nz5MA

  4. Die Verfluchten der Flucht permalink
    20. März 2016 18:35

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: