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Ein langes Leben der Anarchie

10. Januar 2016
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Doris Ensinger Foto: © 2015 by Schattenblick

Auf der Nürnberger Messe legte mit Doris Ensinger, 71, eine Anarchistin und Übersetzerin, die seit langem in Barcelona lebt, Zeugnis ab über die Kämpfe der anarcho-syndikalistischen Bewegung gegen die Diktatur Francos, aber auch die jüngere Geschichte des spanischen Anarcho-Syndikalismus. Ihre Lebenserinnerungen waren im Juni vergangenen Jahres unter dem Titel „Quer denken, gerade leben – Erinnerungen an mein Leben und an Luis Andrés Edo“ [1] erschienen. Wie sie bei der Präsentation dieser Autobiographie auf der Messe erläuterte, ist ihre persönliche Lebensgeschichte mit der anarcho-syndikalistischen Bewegung eng verwoben, so wie sie sie, vermittelt durch ihre Gefährtenschaft mit dem in der CNT [2] aktiven Anarchisten Edo, nicht nur kennenlernte, sondern ebenfalls zu ihrem Lebensinhalt machte.

Im Anschluß an die Präsentation ihres Buches und die Diskussion mit den Veranstaltungsteilnehmenden erklärte Frau Ensinger sich bereit, dem Schattenblick einige Fragen zu ihrem Anarchie-Verständnis, dem Spanischen Bürgerkrieg und der heutigen Situation in Spanien zu beantworten.

Schattenblick (SB): Begriffe wie Anarchie oder Anarchismus werden heutzutage in Presse und gesellschaftlichen Diskussionen häufig negativ dargestellt und bewertet. Wie würden Sie Anarchie definieren?

Doris Ensinger (DE): Ich habe ein Konzept vorbereitet, in dem es um diese Frage geht. Dafür habe ich den Titel der Rezension meines Buches von Martin Veith gewählt – Anarchie und Liebe -, denn das ist genau das, was ich in dem Kontext eigentlich sagen wollte. Liebe ist tatsächlich ein Motiv, das sich durch das ganze Buch zieht. Sie ist ein Wesenselement der Anarchie beziehungsweise des Anarchismus, ebenso wie Gleichheit, Brüderlichkeit, Freiheit, kurzum Humanismus. Deshalb habe ich am Anfang meines Vortrags gesagt, daß ich mich freue, mein Buch hier in Nürnberg, der Stadt Albrecht Dürers und des Humanismus, vorzustellen. Gleichwohl setzen allzu viele, Unwissende und Verleumder, Anarchie mit Gewalt und Terror gleich. Nie haben jedoch Anarchisten willkürlich Terrorismus, das heißt Attentate gegen völlig Unbeteiligte, verübt. Wenn sie das Mittel der Gewalt gegen die Unterdrücker einsetzten – sei es gegen einen Zaren, Monarchen oder Diktator -, dann immer, weil es auf Grund der brutalen Unterdrückung kein anderes Mittel mehr gab. Das ist kurz gesagt die Definition.

SB: Sie sind in gewisser Weise auch eine Zeitzeugin des Spanischen Bürgerkrieges, obwohl Sie erst viel später nach Spanien gegangen sind. In der Veranstaltung haben Sie vom „sogenannten“ Spanischen Bürgerkrieg gesprochen. Wie haben Sie das gemeint?

DE: Eine Zeitzeugin bin ich vielleicht in dem Sinne, daß Luis Andrés Edo eine unerschöpfliche Quelle von Informationen war. Er hat den Bürgerkrieg als Kind miterlebt und war dann ab Ende der 40er Jahre im antifaschistischen oder antifranquistischen Widerstand tätig. Dadurch, daß er immer wieder erzählt hat von den Menschen und den Genossen, die mit ihm zusammen gekämpft haben oder die noch früher gelebt und eine Bedeutung für den spanischen Anarchismus hatten, habe ich doch einiges Wissen über den Spanischen Bürgerkrieg und all das, was den spanischer Anarchismus betrifft und danach noch passiert ist.

SB: Was wären denn – wenn man das überhaupt sagen kann – Ihrer Meinung nach die größten Irrtümer in der vorherrschenden Geschichtsschreibung zum Spanischen Bürgerkrieg?

DE: Ich weiß nicht, was in Deutschland alles drüber geschrieben wurde, aber es gibt zwei Seiten, die die Geschichte bewerten. Auf der einen Seite die franquistische, faschistische Seite und auf der anderen Seite die antifaschistische, also die beiden Seiten, die im Bürgerkrieg gegeneinander gekämpft haben. Ich weiß nicht, ob man den Anarchisten irgendwelche Fehler wirklich zuschreiben kann. Es war ja so, daß Franco den Putsch machte und sofort Hilfe von Nazi-Deutschland bekam. Die Truppen, die in Marokko stationiert waren, wurden mit Hilfe deutscher Schiffe aufs Festland gebracht, wodurch Franco den Putsch, der sonst vermutlich zusammengebrochen wäre, aufrechterhalten konnte. Die Deutschen – die deutsche Luftwaffe, die Legion Condor, hat bis zum Ende des Bürgerkrieges Städte bombardiert – haben genauso wie das faschistische Italien unter Mussolini das faschistische Spanien unterstützt.

Auf der anderen Seite gab es nur ein Land, daß die Verteidiger der Republik unterstützt hat, und das war die Sowjetunion. Die war nicht daran interessiert, daß die Anarchisten oder Anarcho-Syndikalisten die Revolution machen, sondern wollte den Kommunismus durchsetzen, und das führte dazu, daß schließlich die Kommunisten, die im ersten Jahr des Bürgerkriegs erstarkt sind, gegen die Anarchisten vorgegangen sind. Dadurch fiel praktisch der Kampfeswillen zusammen, weil die Anarchisten boykottiert wurden und sahen, daß sie irgendwie auf verlorenem Posten stehen.

SB: Es heißt, die anarcho-syndikalistischen Kämpfer Barcelonas wären innerhalb der Volksfront mit schlechten Waffen ausgerüstet worden. Wissen Sie, wann das war? Läßt sich das belegen?

DE: Ja, das läßt sich belegen. Die Anarchisten haben am 19. Juli 1936 die Kasernen gestürmt und die Waffen der Armee erbeutet. Doch dann kamen mit Fortdauer des Krieges Waffen aus der Sowjetunion, aber nicht in die Hände der Anarchisten, sondern wurden praktisch der Regierung übergeben. Ab einem gewissen Zeitpunkt – 1937 oder 1938 – war es ein Kommunist, der an der Regierung stand, und alles, was aus der Sowjetunion kam, wurde dann eben an die Kommunisten gegeben und nicht an die Anarcho-Syndikalisten oder Anarchisten. Es ist auch bekannt und belegt, daß Juan Negrín, der damals Ministerpräsident war, mehr oder weniger das gesamte Gold, das in der spanischen Bank war, nach Moskau gegeben hat und dafür die Waffen bekam.

SB: Was war denn, von der Sowjetunion einmal abgesehen, mit den anderen Staaten? Es gab ja eine Absprache zwischen den europäischen Staaten, sich nicht in den sogenannten Bürgerkrieg in Spanien einzumischen, an den sich manche gehalten haben und andere nicht.

DE: Vor allem Frankreich und Großbritannien waren schlicht für die Nichtintervention. Das hat die spanische Republik diesen beiden Ländern sehr übel genommen, weil sie dadurch den Faschisten mehr oder weniger dazu verholfen haben, überhaupt ihren Putsch weiterzuführen. Wenn diese Länder eingeschritten wären und Hilfe geleistet hätten, dann wäre das vielleicht anders ausgegangen. Aber sie haben gesagt, wir wollen das nicht, um, glaube ich, Hitler nicht zu reizen. Aber Hitler hatte ja seine eigenen Pläne, da brauchte niemand zu kommen, um ihn zu reizen. Doch kommen wir noch einmal auf die Frage zurück: War das ein Bürgerkrieg oder was war das eigentlich? Viele Historiker gehen davon aus, daß es der Beginn des Zweiten Weltkrieges war.

SB: Wie stark waren denn linke Bewegungen in den übrigen europäischen Staaten, für die das republikanische Spanien als demokratisches oder vielleicht auch sozialistisches Beispiel von besonderem Interesse war?

DE: Die einzige linke Regierung, die es damals gab, glaube ich, war die Léon Blums in Frankreich. Ab 1936, mit Beginn des Bürgerkriegs oder wie immer man das nennen möchte, kamen dann Linke aus ganz Europa und aus den Vereinigten Staaten nach Spanien. Das waren aber keine linken Bewegungen, sondern, soweit ich weiß, mehr oder weniger Individuen, die dort für die Freiheit und gegen den Faschismus kämpfen wollten. Das war 1936, als Hitler schon drei Jahre an der Macht war. Ich denke, auch wenn viele Deutsche vielleicht immer noch behaupten, sie hätten nicht gewußt, was Hitler wollte, daß viele doch gesehen haben, daß das alles Kriegsvorbereitungen waren. Es war ja auch nicht nur die Luftwaffe. Die Legion Condor hat natürlich Waffen getestet, Brandbomben und Phosphorbomben, die schon damals völkerrechtlich verboten waren und die sie auf die Zivilbevölkerung, also auf Städte und Dörfer, abgeworfen und eben ausprobiert hat, was dann passiert.

SB: In Spanien gibt es viele tragische Schicksale von Menschen, die in diesem Krieg ihr Leben verloren haben und deren Leichname für eine sehr lange Zeit nicht geborgen wurden. Soweit ich weiß, wurde erst vor relativ kurzer Zeit damit angefangen, die Bergung dieser Opfer einzufordern. Können Sie etwas zum aktuellen Stand dieser Bemühungen sagen?

DE: Das war eine Forderung, die schon etwa 1976/77 aufkam, allerdings noch nicht in dem Maße verbreitet war, wie sich das dann mit der Zeit entwickelte. Die Opfer beziehungsweise ihre Familien mußten ja praktisch 40 Jahre schweigen. Die durften gar nicht sagen: Unser Mann oder Bruder oder wer auch immer ist von den Faschisten ermordet worden. Das lag alles unter einem Mantel des Schweigens, und es dauerte eine gewisse Zeit in der Demokratie oder wie man das System nennen möchte, bis sich da was getan hat. Das ist, glaube ich, auch das große Versagen der Sozialistischen Partei, die 8 oder sogar 12 Jahre die absolute Mehrheit hatte, aber nichts gemacht hat. Wahrscheinlich hat auch dieser Pakt, den sie mit den Franquisten geschlossen haben, nämlich alles ruhen zu lassen, eine Rolle gespielt. Das Amnestiegesetz, das erlassen wurde, bedeutete zwar auf der einen Seite die Freilassung der politischen Gefangenen, aber auf der anderen Seite auch Straflosigkeit für die Täter. Deswegen ist bis heute noch niemand vor Gericht gebracht worden, obwohl manche Täter noch leben.

In den 1990er Jahren wurde diese Strömung immer stärker. Überall wurden Vereinigungen gegründet, um die spanische Geschichte aufzuarbeiten, und innerhalb dieser Bewegung entstanden dann Gruppen, die konkret nach ihren Angehörigen suchten. Der Stand ist, daß Gräber gefunden, sterbliche Überreste ausgegraben und DNA-Analysen gemacht wurden, um feststellen zu können, wer da eigentlich drin liegt. Aber es gibt immer noch ca. 100.000 oder 120.000 dieser Opfer, die irgendwo an den Straßenrändern verscharrt sind, und die Regierung will kein Geld dafür geben.

SB: In der Veranstaltung heute morgen haben Sie gesagt, daß Sie in Barcelona leben, sich aber nicht als Katalanin verstehen. Wie stehen Sie denn zur Unabhängigkeitsbewegung Kataloniens?

DE: Wenn ich mich als Anarchistin oder Libertäre definiere, dann will ich natürlich keinen Staat und auch nicht einen neuen Staat. Für mich gilt das förderalistische Prinzip, und deshalb finde ich es wichtig, daß man eben auf gleicher Augenhöhe miteinander diskutiert und sich abspricht. Und so würde ich es unterstützen, wenn – was viele inzwischen wollen – in Spanien die Verfassung neu diskutiert und darüber gesprochen wird, ob man die parlamentarische Monarchie weiter beibehält oder vielleicht eine andere Staatsform, nämlich einen förderalistischen Staat wie in der Bundesrepublik oder sonstwo, als neues System wählt.

SB: Könnte es eine Lösung sein, mit der sich zumindest ein gewisser politischer und sozialer Fortschritt auch für Katalonien oder das Baskenland realisieren ließe, wenn Spanien sich eine neue Verfassung gäbe ähnlich dem deutschen Grundgesetz, in dem das föderale Staatsprinzip festgeschrieben wurde?

DE: Ich glaube, das würde viele Gemüter beruhigen, die zur Zeit sehr aufgebracht sind, und die Menschen kämen wieder dazu, miteinander zu sprechen. Wenn das nicht geschieht, wird der spanische Staat wahrscheinlich weiter implodieren und erodieren, wie auch immer das aussehen mag, und wird schließlich aufhören zu existieren.

SB: Welche Optionen gäbe es Ihrer Einschätzung nach seitens der EU oder auch der NATO, sollte in Spanien tatsächlich die staatliche Ordnung zusammenbrechen? Wäre das für diese Institutionen irgendwie noch akzeptabel oder würden sie womöglich Maßnahmen ergreifen, um den Status Quo zu erhalten?

DE: Das kann ich nicht sagen. Zumindest die Katalanen wollen ja, daß der neue katalanische Staat in der EU und in der NATO bleibt. Aber in der NATO zu bleiben bedeutet doch, soweit ich weiß, eine eigene Armee zu haben. Da taucht doch die Frage auf, woher würde dieser neue Staat das Geld für eine Armee nehmen? Und würden die Katalanen überhaupt eine Armee wollen?

SB: Wenn Sie Ihre Lebenserfahrungen zusammenbündeln wollten, wenn vielleicht jüngere Menschen danach fragen, was die Quintessenz dessen sei, was Sie in Ihrem Leben gelernt und erfahren haben, was würden Sie wohl antworten?

DE: Ich bin dem Leben sehr dankbar, weil ich so erzogen worden bin, daß ich kritisch denken lernte. Sicherlich haben auch meine Eltern dazu beigetragen. Diesen Lernprozeß habe ich dann auf der Universität weiter fortgesetzt. Damals waren die Universitäten noch ein bißchen anders als vielleicht in den letzten 15 Jahren. Damals hat man auf kritisches Denken und die Analyse von Texten unheimlich viel Wert gelegt, was, wie ich glaube, inzwischen verlorengegangen ist. Das Wichtigste ist doch auch hier die Selbstbestimmung, die ja auch ein anarchistisches Prinzip ist. Die ist im Grundgesetz verankert, aber meiner Meinung nach darf sich hier eigentlich niemand wirklich selbst verwirklichen.

SB: Vielen Dank, Frau Ensinger, für das Gespräch.

Fußnoten:

[1] Quer denken, gerade leben – Erinnerungen an mein Leben mit Luis Andrés Edo. Von Doris Ensinger (Barcelona), erschienen im Juni 2015 in der Reihe „Anarchistische Erinnerungen“ im verlag barrikade. ISBN 978-3-921404-01-0

[2] Die CNT (Confederación Nacional del Trabajo) ist eine Föderation anarcho-syndikalistischer Gewerkschaften, die 1910 in Barcelona gegründet wurde. Mit rund zwei Millionen Mitgliedern nahm sie eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Franco-Diktatur ein. 1939 wurde sie zwar zerschlagen, setzte ihren Widerstandskampf jedoch aus dem französischen Exil fort. Nach dem Tod Francos versuchte die CNT, sich in Spanien zu reorganisieren, konnte jedoch nicht an ihre frühere Größe anknüpfen.

Quelle: Schattenblick

2 Kommentare leave one →
  1. luisandresedo permalink
    10. Januar 2016 23:19

    41 Kurzvideos auf Spanisch

    https://www.youtube.com/user/luisandresedo/videos?sort=da&view=0&flow=grid

  2. „Island of Individuals“ – Ein Film über eine anarchistische Kindergesellschaft permalink
    27. Januar 2016 21:51

    „Island of Individuals“ – Ein Film über eine anarchistische Kindergesellschaft

    Island of Individuals – Ein Film über die anarchistische Kindergesellschaft, die von einer totalen Erwachsenendiktatur Rettung sucht. “Im Jahre 2089 sieht sich eine geheime Kolonie von pazifistischen Punkkindern gezwungen, sich gegen ein tyrannisches globales Regime zu wehren, welches droht, ihre utopischen Inselträume zu zerschmettern.” So lautet die Handlung eines Films, der auch auf dem Flyer von Matze R. zu lesen ist. Er ist Sänger der Münchner 10er Retro Punk Band Umluft 180° und ist gerade dabei im Anschluss seines kürzlich abgeschlossenen Regiestudiums seinen ersten Spielfilm umzusetzen, dessen Titel den Namen “Island of Individuals” trägt: Die Insel der Individuen.

    Gerade ist er dabei diesen Film durch Crowdfunding auf die Beine zu stellen. Sein Projekt kann man unter dem folgenden Link unterstützen: igg.me/at/islandofindividuals. Inspirieren lassen hat er sich dabei von der Subkultur von den Menschen, welche ihre Einstellung als punk bezeichnen: “TROTZDEM das zu machen, was einem gefällt bzw. TROTZDEM sich treu zu bleiben.” Diesen Text verfasst Matze in der dritten Person Singular. Mit links streicht er galant über seine Tastatur, während er mit sich selbst ein Interview führt:

    Matze: Wie bist du auf die Idee dieses Spielfilms gekommen?

    Matze: Ich habe in meiner Vergangenheit auf zahlreichen Festivals ein gewisses Geben und Nehmen zwischen den Menschen beobachtet. In unserer Gesellschaft gilt es als unhöflich, wenn man eine Person fragt, ob man eine ganze Flasche Wasser/Limo/Bier haben kann. Eventuell kann man nach einem kleinen Schluck fragen, aber wenn man nach mehr fragt, gilt es oft als unverschämt. Auf dem Festival war das aber Normalität: Man fragt nach etwas zu Essen oder einem Getränk und bekommt eins geschenkt. Dafür wenn man selbst nach etwas zu Essen oder ein Getränk gefragt wird, gibt man der Person dann selbst was ab.

    Dieses ausgeglichene “Geben und Nehmen”, welches mit einer solchen Selbstverständlichkeit geschehen ist, hat mich fasziniert und ich habe mir die Frage gestellt, warum kann es auf der Welt nicht überall so zu gehen?

    Matze: Das klingt ja sehr interessant. Nur leider verhält sich das auf unserer gesamten Welt ja viel komplexer, weil die Welt von mehr als 7,3 Milliarden Menschen bevölkert ist. Auf einem Festival ist das ja noch einigermaßen übersichtlich. Wie bist denn du auf die Idee genau gekommen?

    Matze: Ja, das stimmt allerdings. Wie du sicherlich weißt, haben wir im Laufe des Studiums den Auftrag bekommen, eine Synopsis für einen erfundenen Film zu entwerfen, also quasi die Geschichte des Films in 10 Sätzen. Dabei ist dann die Idee entstanden. Am Anfang war die Idee, die Entstehung eines vierten Reiches in der Zukunft, welches von den Wissenschaftlern als Braune Renaissance bezeichnet wird. Als Außenseiter werden Punks verfolgt, die auf eine Insel flüchten. Da kam mir die Idee, die Insel so aus sehen zu lassen, wie die Festivals, auf denen ich gewesen bin und die Stimmung des gegenseitigen Geben und Nehmens so in dem Film rüber zu bringen, wie ich sie erlebt habe. Die Idee, die Handlung auf Punks gegen Nazis zu beschränken, find ich aber ein wenig zu oberflächlich und plakativ.

    Matze: Wie kam es denn zu der Änderung zu der Kinder und der Erwachsenenwelt?

    Mein Pflichtpraktikum habe ich bei der Produzentin Heide Fliegner von Roll Call Pictures gemacht. Diese hatte mich gefragt, ob ich ein Drehbuch hätte, welches ich gerne umsetzen würde. Zu der Zeit hatte ich bisher nur ein Treatment, also quasi jede Szene kurz in 5 Sätzen zusammen gefasst. Sie fand die Idee gut und erklärte sich dazu bereit, mir zu helfen, diesen Film um zu setzen.

    Da Heide Flieger sich in ihren Filmprojekten schon viel für die Rechte von Kindern eingesetzt hatte, entschieden wir das ganze stattdessen als Generationskonflikt dar zu stellen.

    Die Idee mit den Kindern passt auch psychologisch gesehen viel mehr, denn Punk in seinen Anfangsjahren war ja nichts anderes als eine Gruppe jugendlicher, die mit dem bestehenden System und ihren damit verbundenen Ungerechtigkeiten nicht einverstanden waren. Es ist ja auch eine Einstellung, die vom Aussehen vollkommen unabhängig ist. Daher sind diese Kinder, die sich gegen das System wehren und trotzdem das tun, was ihnen gefällt, punk. Aber darauf kommt es nicht an, wie man die jetzt bezeichnet. Im Grunde sind es Menschen, welche dasselbe Ziel teilen.

    Matze: Matze, du sagst sie machen das, was ihnen gefällt, aber wie können sie sich das auf dieser Insel leisten?

    Matze: Für dich, Matze, dürfte es sicher nachvollziehbar sein, dass ich mir die selbe Frage gestellt habe. Die Leute, mich mit eingeschlossen, die ich auf den Festivals getroffen habe, konnten es sich natürlich leisten, ihre Vorräte miteinander zu teilen, weil sie bereits welche hatten. Entweder haben sie ihr Geld selbst verdient, oder sie hatten Menschen, die sie unterstützt haben: ihre Eltern z.B.

    Wenn man aber vor einer Welt flüchtet, dann ist ganz klar, dass die Vorräte, die man mitnimmt nicht lange reichen werden. So kam ich auf die Idee, dass eine geheime Organisation von Wissenschaftlern, Philosophen, Künstlern und Psychologen die Rolle der Unterstützer übernehmen könnte. Diese verpflegen die Insel und garantieren für das Überleben der geflüchteten Kinder, die man an sich auch als Refugees bezeichnen könnte.

    Da mir allerdings die Message des ausgeglichenen Geben und Nehmens wichtig ist und es mir auch darum ging, ein Modell einer gerechten Gesellschaft dar zu stellen, die meiner Meinung nach nur durch gerechtes Teilen entstehen kann, musste ich etwas an der Geschichte ändern. Denn bisher haben die Kinder auf der Insel ja nur das genommen, was ihnen von der geheimen Organisation gegeben wurde. Die Situation spitzt sich zu. Die Insel wird entdeckt und die Organisation wird verboten. Nun sind die Kinder auf sich allein gestellt.

    Matze: Und das war die Grundlage für die herrschaftslose Gesellschaft?

    Matze: Auch davor gab es keine Herrschaft auf der Insel. Nun besteht das Problem, dass die Vorräte langsam ausgehen und einige mehr haben, während andere weniger haben, was an sich zu Herrschaft führt, denn wenn einige Menschen gewisse Bedürfnisse haben und andere Menschen die Macht/Kontrolle über diese Bedürfnisse haben, dann haben sie ja auch die Macht zu entscheiden, ob die Bedürfnisse der anderen befriedigt werden oder nicht. Wenn Leute diese Position nutzen, um die, die weniger haben auszubeuten, dann haben wir genauso Verhältnisse, die leider auf dieser kranken Welt zur Normalität geworden sind. Und ja, bei der Menge an Menschen auf der Welt ist es natürlich so unübersichtlich, dass man nicht von heute auf morgen sagen kann “So Leute, ab jetzt schaffen wir alle Gesetze ab. Macht was ihr wollt.”.

    Matze: Warum nicht?

    Weil die Menschen meiner Meinung nach nicht dazu bereit sind. Es fehlt an genug Selbstreflexion und Empathie. Stattdessen kann man überall nur Rechthaberei und Egoismus beobachten.

    Ich denke, wenn man auf Andere hört, achtet man auf die Gefühle Anderer. Damit denkt man an Andere und kann sich folglich auch um sie kümmern. Hört man aber nicht auf Andere, hört man nur auf seine eigenen Gefühle, kann man nicht an andere denken und kümmert sich nur um sich selbst.

    In der U-Bahn kann man täglich beobachten, dass 30 Sitzplätze innen frei sind, draußen 20 Leute stehen und alle trotzdem drängeln, um als erstes einen Sitzplatz zu kriegen. Das Konkurrenzdenken und das Ellenbogendenken (im wahrsten Sinne des Wortes) ist mittlerweile so eingefleischt, dass kein Mensch merkt, wie sinnlos es an sich ist, weil ja genug Sitzplätze für alle frei sind. Die meisten wollen nur die ersten sein und auf alle anderen ist geschissen.

    Matze: Und wie löst man das Problem?

    Meiner Meinung nach besteht das Problem aus einem unendlichen Kreislauf. Menschen, die ungerecht behandelt werden und keine Liebe bekommen, lernen in meinen Augen auch keine Liebe kennen. Sie behandeln andere, wie sie behandelt wurden, weil sie nichts anderes kennen gelernt haben. Sie handeln demnach egoistisch und projizieren die Ungerechtigkeit, die sie erfahren haben, auf andere Menschen. Wenn diese Menschen auch nichts anderes als Ungerechtigkeit erfahren haben, projizieren sie die Ungerechtigkeit wieder auf andere. Ein ewiger Kreislauf.

    Meiner Meinung nach, werden Menschen, die nur Liebe von ihrem Umfeld bekommen, zu sehr verwöhnt. Sie sind es gewohnt, dass sie alles bekommen, was sie haben wollen, was auch zu egoistischem Denken führt. Wenn es anderen Leuten schlechter geht, können sie sich schwerer in ihre Gefühle hineinversetzen als andere, weil es ihnen selbst nie so erging.

    Bei Menschen, die beides kennen gelernt haben, Liebe und Hass, ist es wahrscheinlicher, dass sie mehr Empathie empfinden können, als Menschen, die entweder nur Liebe oder nur Hass kennen gelernt haben.

    Matze: Und wie kommt man aus dem Teufelskreis von Ungerechtigkeit und Egoismus raus?

    Erstens denke ich, indem wir an uns selbst arbeiten, also selbstkritisch denken. Egoismus bzw. Ungerechtigkeit geht mit Lügen einher und damit auch mit Misstrauen. Leute handeln oft egoistisch, weil sie nicht wissen, ob sie anderen trauen können, weil sie angst haben, selbst ungerecht behandelt zu werden. Ein weiterer Kreislauf.

    Egoismus müsste durch Hilfsbereitschaft, Lügen durch Wahrheit und Misstrauen durch Vertrauen ersetzt werden. Dann müssten die Leute auch auf einander zu gehen, miteinander kommunizieren, auf einander hören und auf einander achten können. Dann wäre nicht das eigene Wohl im Mittelpunkt, sondern auch das der anderen Leute.

    Ideal wäre hier ein ausgeglichenes Wohl durch ausgeglichenes Geben und Nehmen, wie ich es auf den Festivals beobachtet habe. Dann gäbe es keine Leute, die mehr haben als andere, sondern alle hätten im Idealfall ungefähr gleich viel.

    Ich finde, wenn jetzt alle 7,3 Milliarden Menschen auf der Erde ein solches Bewusstsein hätten, dann wären auch keine Gesetze nötig. Schritt für Schritt kann man sich auf den Traum der Anarchie zu bewegen und schauen, wie weit man kommt. Wenn man beispielsweise Geige spielt, fängt man auch mit Kinderliedern und Etüden an, um letztendlich ein Violinkonzert spielen zu können, aber die Wahrscheinlichkeit jemals eine eigene Stradivari zu besitzen, ist ziemlich gering.

    Matze: Und was hat das ganze mit deinem Film zu tun?

    Ob das mit der herrschaftslosen Ordnung auf der Insel funktioniert, möchte ich offen lassen. Generell ist mein Ziel, Wahrheit ans Licht zu bringen und Menschen dar zu stellen, wie sie wirklich sind. Mein Ziel ist es, die üblichen Vorurteile und Klischees, die es über Punks gibt, zu widerlegen, indem ich Leute im Film nicht immer so handeln lasse, wie man es erwarten würde, bzw. zeigen, wie gewisse Dinge wirklich sind!

    Natürlich gibt es Leute, die das eine oder andere Vorurteil bestätigen, aber in den Medien, werden alle diese Vorurteile in einen Topf geschmissen und auf alle übertragen. Die meisten denken, Punks wären Leute mit bunten Haaren, die nichts besseres zu tun hätten, als Mülltonnen um zu schmeißen, Leute an zu pöbeln und anderen Leuten ins Gesicht zu spucken.

    Die in meinen Augen wertvolle Gesellschaftskritik, die in Punktexten vorkommt und aus den verschiedensten Perspektiven geäußert wird, kommt leider in der Gesellschaft nicht an, weil sie keiner ernst nimmt. Ich möchte allerdings nicht ausgelacht, sondern ernst genommen werden. Denn das könnte dann zu positiver Veränderung führen. Wenn Leute nicht genug Selbstkritik haben, dann müssen andere ihnen eben mitteilen, was alles schief läuft. So kann sich dann jeder sein eigenes Bild darüber machen. Hauptsache man stellt Fakten dar.

    Deshalb ist es nicht nur mein Ziel, Kritik an der Gesellschaft zu üben, sondern auch Kritik innerhalb der Subkultur an den Menschen zu üben, die mitlaufen und alles nach machen, was ihnen an Vorurteilen und Klischees in den Medien vorgelebt wird.

    An sich möchte ich selbst verbreiten, was unmissverständlich die Wahrheit ist, und zwar dass man vieles nicht einfach so pauschalisieren kann, oder wie Jello Biafra, Sänger der Dead Kennedys sagt: “Don`t Hate the Media, be the Media”.

    Matze: Das ist ja ein schöner Schlusssatz. Mit dem hätte ich nie gerechnet. Vielen Dank für das Interview.

    Matze: Das kann ich eigentlich nur erwidern, obwohl ich es ja an sich ja schon gerade gesagt habe.

    —–

    Hier geht es zur Homepage: http://islandofindividuals.com

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