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Uri Avnery – Die Herrschaft der Absurdiotie

4. Dezember 2015

uri averny[The Reign of Absurdiocy]

28. November 2015

So etwas wie »internationalen Terrorismus« gibt es nicht. Dem »internationalen Terrorismus« den Krieg zu erklären ist Blödsinn. Politiker, die das tun, sind entweder Trottel oder Zyniker, und wahrscheinlich beides.

Terrorismus ist eine Waffe. Wie eine Kanone. Wir würden jemanden auslachen, der der »internationalen Artillerie« den Krieg erklärt. Eine Kanone gehört zu einer Armee und dient den Zielen dieser Armee. Die Kanone der einen Seite feuert auf die Kanone der anderen Seite.
Der Terrorismus ist eine (militärische) Operationsmethode. Er wird oft von unterdrückten Völkern benutzt, einschließlich der Französischen Resistance gegen die Nazis im 2. Weltkrieg. Wir würden jeden auslachen, der der »internationalen Resistance« den Krieg erklären würde. Carl von Clausewitz, der Preußische Militärtheoretiker, sagte den berühmten Satz, daß »Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist«. Würde er heute mit uns leben, hätte er vielleicht gesagt: »Terrorismus ist eine Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln.« Terrorismus bedeutet, wörtlich, die Opfer so in Schrecken zu versetzen, daß sie sich dem Willen der Terroristen ergeben.

Terrorismus ist eine Waffe. Im allgemeinen ist es eine Waffe der Schwachen. Von denen, die keine Atombomben haben wie jene, welche auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, die die Japaner in die Kapitulation terrorisierten. Oder die Flugzeuge, die Dresden zerstörten in dem (vergeblichen) Versuch, die Deutschen so zu schrecken, daß sie aufgeben würden.
Da die meisten der Gruppen und Länder, die Terrorismus benutzen, unterschiedliche, einander oft widersprechende, Ziele haben, gibt es nichts »internationales« darin. Jede terroristische Kampagne hat einen eigenen Charakter. Garnicht zu sprechen von der Tatsache, daß keiner (oder keine) sich als Terrorist ansieht, sondern vielmehr als Kämpfer für Gott, Freiheit oder was auch immer. (Ich kann nicht umhin damit anzugeben, daß ich vor langer Zeit die Formel erfunden habe: »Des einen Terrorist ist des anderen Freiheitskämpfer.«)

Viele einfache Israelis fühlten nach den Pariser Ereignissen eine tiefe Genugtuung. »Jetzt fühlen sich diese verdammten Europäer einmal so, wie wir uns die ganze Zeit fühlen!«
Binyamin Netanyahu, ein kleines intellektuelles Licht, aber ein brillanter Verkäufer, ist auf die Idee verfallen, eine direkte Verbindung zwischen dem djihadistischen Terrorismus in Europa und dem palästinensischen Terrorismus in Israel und den besetzten Gebieten zu erfinden.
Es ist die Idee eines Genies: wenn sie ein und dasselbe sind, die messerschwingenden palästinensischen Jugendlichen und die belgischen Anhänger des ISIS, dann gibt es kein israelisch-palästinensisches Problem, keine Besatzung, keine Siedlungen. Bloß muslimischen Fanatismus. (Womit, nebenbei, die vielen christlichen Araber in den sekulären palästinensischen »terroristischen« Organisationen ignoriert werden.)
Das hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Palästinenser, die für Allah kämpfen und sterben wollen, gehen nach Syrien. Palästinenser – sowohl religiöse als auch sekuläre –, die dieser Tage israelische Soldaten und Zivilisten erschießen, erstechen oder überfahren, wollen die Befreiung von der Besatzung und einen eigenen Staat.
Das ist eine so offensichtliche Tatsache, daß selbst eine Person mit dem begrenzten IQ unserer Kabinettsmitglieder es kapieren könnte. Aber wenn sie es täten, würden sie sehr unangenehmen Wahlmöglichkeiten betreffend den israelisch-palästinensischen Konflikt gegenüber stehen.
Also halten wir uns an die komfortable Schlußfolgerung: sie töten uns, weil sie geborene Terroristen sind, weil sie die versprochenen 72 Jungfrauen im Paradies treffen wollen, weil sie Antisemiten sind. Deshalb werden wir, wie Netanyahu fröhlich vorhersagt, »ewig durch unser Schwert leben«.

So tragisch die Resultate jedes terroristischen Ereignisses sein mögen, es steckt etwas Absurdes in der europäischen Reaktion auf die jüngsten Ereignisse.
Der Gipfel der Absurdiotie wurde in Brüssel erreicht, als ein einsamer Terrorist auf der Flucht eine ganze Hauptstadt lähmte, ohne daß ein einziger Schuß abgefeuert wurde. Es war der ultimate Erfolg des Terrorismus in seinem wortwörtlichsten Sinn: die Furcht als eine Waffe zu benutzen.
Aber die Reaktion in Paris war nicht besser: Die Zahl der Opfer dieser Greueltat war groß, aber vergleichbar mit der Zahl derer, die alle paar Wochen auf den Straßen Frankreichs getötet werden. Sie war sicherlich weit geringer als die Zahl der Opfer während einer Stunde des 2. Weltkriegs. Aber rationales Denken zählt nicht. Terrorismus funktioniert durch die Wahrnehmung der Opfer.
Es erscheint unglaubhaft, daß zehn mittelmäßige Personen mit ein paar primitiven Waffen eine weltweite Panik verursachen können. Aber es ist eine Tatsache. Von den Massenmedien aufgeplustert, die von solchen Ereignissen profitieren, wandeln sich heutzutage lokale terroristische Akte in weltweite Bedrohungen. Die modernen Medien sind ihrem ganzen Wesen nach die besten Freunde des Terroristen. Der Terror könnte nicht ohne sie blühen.
Der zweitbeste Freund des Terroristen ist der Politiker. Es ist für einen Politiker fast unmöglich, der Versuchung zu widerstehen, auf einer Welle der Panik zu reiten. Panik schafft »nationale Einheit«, den Traum jedes Herrschers. Panik schafft das Verlangen nach einem »starken Führer«. Das ist ein grundlegender menschlicher Instinkt.
Francois Hollande ist ein typisches Beispiel. Als ein mittelmäßiger, aber gerissener Politiker ergriff er die Gelegenheit, als Führer zu posieren. »C’est la guerre!« [Das ist der Krieg] erklärte er und entfachte eine nationale Raserei. Natürlich ist das kein »guerre«. Kein 3. Weltkrieg. Bloß ein terroristischer Angriff eines unsichtbaren Feindes. Eine der Tatsachen, die diese Ereignisse offenbart haben, ist die unglaublichen Dummheit sämtlicher politischer Führer. Sie verstehen nicht die Herausforderung. Sie reagieren auf eingebildete Bedrohungen und ignorieren die realen. Also verhalten sie sich ihrer Natur entsprechend: sie halten Reden, berufen Versammlungen ein und bombardieren irgendwen (wen und warum ist egal).
Da sie die Krankheit nicht verstehen, ist ihr Heilmittel schlimmer als die Krankheit selbst. Bombardierungen verursachen Zerstörungen, Zerstörungen schaffen neue Feinde, die nach Rache dürsten. Es ist eine direkte Kollaboration mit den Terroristen.
Es war ein trauriges Spektakel, all diesen Weltführern zuzusehen, den Herrschern mächtiger Nationen, die wie Mäuse in einem Labyrinth herumliefen, sich versammelten, quasselten, unsinnige Erklärungen absonderten und völlig unfähig waren, mit der Krise umzugehen.

Das Problem ist in der Tat sehr viel komplizierter als schlichte Gemüter glauben möchten, und zwar aufgrund einer ungewöhnlichen Tatsache: der Feind ist diesmal keine Nation, kein Staat, nicht einmal ein reales Territorium, sondern ein undefiniertes Wesen: eine Idee, ein Geisteszustand, eine Bewegung, die eine gewisse territoriale Basis hat, aber kein realer Staat ist.
Das ist kein völlig unbekanntes Phänomen: vor mehr als hundert Jahren beging die anarchistische Bewegung überall terroristische Akte, ohne überhaupt eine territoriale Basis zu haben. Und vor 900 Jahren terrorisierte eine religiöse Sekte ohne Land, die Assassinen (eine Entstellung des arabischen Wortes für »Hasischesser«) die muslimische Welt.
Ich weiß nicht, wie der Islamische Staat (oder eher Nicht-Staat) effektiv bekämpft werden kann. Ich bin fest davon überzeugt, daß niemand es weiß. Sicherlich nicht die Einfaltspinsel, die die verschiedenen Regierungen stellen.
Ich bin nicht sicher, ob selbst eine Invasion des Territoriums dieses Phänomen zerstören würde. Aber selbst eine solche Invasion erscheint unwahrscheinlich. Die Koalition der Unwilligen, die die USA zusammengebracht haben, scheint nicht die Absicht zu haben, »die Stiefel auf den Boden zu setzen«. Die einzigen Kräfte, die es versuchen könnten – die Iraner und die syrische Regierungsarmee – werden von den USA und ihren lokalen Verbündeten gehaßt.
In der Tat, wenn man nach einem Beispiel für totale Desorientierung sucht, die an Irrsinn grenzt, dann ist es die Unfähigkeit der USA und der europäischen Mächte, zwischen der Achse Assad-Iran-Rußland und dem IS-Saudi-Sunniten-Lager zu wählen. Man füge dazu das türkisch-kurdische Problem, die russisch-türkische Animosität und den israelisch-palästinensischen Konflikt, und das Bild ist immer noch weitgehend unvollständig.
(Das Wiedererwachen des jahrhundertealten Kampfes zwischen Rußland und der Türkei auf dieser Bühne hat für Liebhaber der Geschichte etwas faszinierendes. Die Geographie übertrumpft letztlich alles.)
Es ist gesagt worden, daß der Krieg viel zu wichtig ist, um ihn den Generälen zu überlassen. Die gegenwärtige Situation viel zu kompliziert, um sie den Politikern zu überlassen. Aber wer ist sonst da?

Wir Israelis glauben (wie üblich), daß wir die Welt etwas lehren können. Wir kennen den Terrorismus. Wir wissen, was zu tun ist.
Wissen wir es?
Seit Wochen haben die Israelis jetzt in Panik gelebt. Aus Mangel an einem besseren Namen wird das »die Welle des Terrors« genannt. Mittlerweile greifen jeden Tag zwei, drei, vier Jugendliche – darunter 13 Jahre alte Kinder – Israelis mit Messern an oder überfahren sie mit Autos, und werden üblicherweise auf der Stelle totgeschossen. Unsere hochgeschätzte Armee versucht alles, einschließlich drakonischer Vergeltungsmaßnahmen gegen die Familien und kollektiver Bestrafung von Dörfern, ohne Erfolg.
Dies sind individuelle Akte, oft ziemlich spontan, und es ist deshalb so gut wie unmöglich, sie zu verhindern. Das ist kein militärisches Problem. Das Problem ist politisch, psychologisch.
Netanyahu versucht, wie Hollande und Co., auf dieser Welle zu reiten. Er zitiert den Holocaust (womit er einen 16 Jahre alten Jungen aus Hebron mit einem abgebrühten SS-Offizier in Auschwitz vergleicht) und redet endlos vom Antisemitismus.
All das, um eine ins Auge springende Tatsache zu verdecken: die Besatzung mit ihrer täglichen, tatsächlich stündlichen und minütlichen Schikane gegen die palästinensische Bevölkerung. Einige Minister der [israelischen] Regierung verheimlichen nicht einmal mehr, daß das Ziel ist, das Westjordanland zu annektieren und letztlich das palästinensische Volk aus seiner Heimat zu vertreiben.
Es gibt keine direkte Verbindung zwischen dem IS-Terrorismus auf der Welt und dem palästinensischen nationalen Kampf für einen Staat. Aber wenn sie nicht gelöst werden, werden sich die Probleme schließlich verbinden – und ein weitaus mächtigerer IS wird die muslimische Welt vereinigen, wie es einst Saladin tat, um uns zu bekämpfen, die neuen Kreuzfahrer.
Wäre ich ein Gläubiger, würde ich flüstern: Gott hat es verboten.

Uri Avnery (hebräisch ‏אורי אבנרי‎‎; * 10. September 1923 in Beckum als Helmut Ostermann) ist ein israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist.

Übersetzung und Ergänzungen in [eckigen Klammern] von J.S.

Quelle:
http://zope.gush-shalom.org/home/en/channels/avnery/1448673709

Uri Avnery’s Column erscheint auf englisch
http://zope.gush-shalom.org/home/en/channels/avnery/

auf der Internetseite von Gush Shalom
http://gush-shalom.org/

5 Kommentare leave one →
  1. Ravachol permalink
    4. Dezember 2015 21:57

    Na, der kennt sich ja aus:

    «Das ist kein völlig unbekanntes Phänomen: vor mehr als hundert Jahren beging die anarchistische Bewegung überall terroristische Akte, ohne überhaupt eine territoriale Basis zu haben.»

    In Deutschland verlor der Genosse Reindorf seinen Kopf auf dem Schafott, ohne auch nur ein Kaiserlein gemeuchelt zu haben … und „die anarchistische Bewegung“? Ich empöre mich und setze mich wieder ruhig hin.

    Einen Ausweg weiß er auch nicht, typisch ‚deutsch‘:
    «Ich weiß nicht, wie der Islamische Staat (oder eher Nicht-Staat) effektiv bekämpft werden kann. Ich bin fest davon überzeugt, daß niemand es weiß.»

    Vielleicht warten „wir“ einfach ab, bis einer der IS-Schlächter an unserer Haustür klingelt.
    Neben vermeintlich klugen Analysen sollte hier auch ab und zu mal eine Antwort stehen,
    Bisher kam dazu nicht mal „heiße Luft“.

    • Joe Kidd permalink
      6. Dezember 2015 07:43

      Sehr schön, wie er den „guten Staat“ gegen den „bösen Staat“ abhebt – als ob beide nicht auf’s Innigste verwandt sind und sich bedingen…
      Und dass es keinen Terrorismus gibt, stimmt auch nicht. Terrorismus, international, gibt es seit es den Staat gibt, der sich nach außen friedlich geben will und keinen KRIEG führt, sondern eben Terror begeht und davon nicht spricht. Oder er kreiert Terror durch Diplomatie, Sanktion und Geheimdienste und führt dann einen „gerechten Krieg“, weil der ja allgemein hin als legitimes Mittel angesehen wird.
      Also der Text ist wirklich schwach – aber der Mann wurde vielleicht nicht hier rein genommen, weil er so einen tollen Inahlt hat, sondern weil er ein Gegengewicht zum vorherrschenden Mainstrem bildet, jenen Intellektuellen, die den Herrschenden dienen und deren Rechtfertigungsmythen mit bedeutungsschwangerer Mimik in die Welt tragen. Auch Ken Jebsen hat keine zielklaren Vorstellungen, ist aber trotzdem darin gut, dass er mal zu anderen, durch libertären Schlüssen kommt (Hinweis auf die Spanische Revolution und die Kollektivierung), als alle anderen Halb-Promis und Wortführer im Netz.
      Kritisch muss man alles ja sowieso sehen.

      Aber dass man nicht weiß, wie man diesen irakischen Reservistenverband (ISIS) bekämpft, ist schlichtweg gelogen. Es gibt wirtschaftliche Mittel, die ihn am Leben halten und seine Expansionsfähigkeit bedingen. Diese Mittel muss man ihm entziehen und dann wird er langsam eutrophieren. Mit dem Hunger und der Unfähigkeit Kriegsgerät zu betreiben wird er langsam der Inzucht preisgegeben und vertrocknen wie eine Warze.
      Interessant auch hier, wie „Staat“ das eigentlich Schlimme und Bedeutungsvolle an der Terrororganisation ist: Altgediente Eliten aus dem Irak, Saddam’s Irak machen den IS aus und sind seine Basis an Beamten, Befehlshabern usw. Trainiert von den USA und indoktriiert vom Saddamregime haben sie alles, was ein faschistisches Regime braucht. Außerdem haben sie in den eroberten Gebieten Öl und das können sie Oi!ropa und den Anreinerstaaten über Zwischenhändler verkaufen. Dafür gibt es wieder Waffen, u.a. aus DOi!tschland, die ebenfalls über Zwischenhändler ihren Weg finden, die den altgedienten Saddam-Militärs wahrscheinlich noch als internationales Vitamin-B zur Verfügung stehen.

      Alles wieder schön ekelhaft – eine Kontinuität von Militärs und politischer Religion, wie zwischen den Weltkriegen – und wie zwischen den Weltkriegen schauen die Herrschenen zu, weil es nämlich parallel wieder Revolutionen gibt, die der IS ruhig erstmal niederschlagen darf, bevor er dann selbst fertiggemacht wird.
      In den nächsten Jahren werden wahrscheinlich viele „Ehrenmedaillen“ und Zinksärge ihren Besitzer wechseln… darauf können wir uns einstellen.

      Wir sind ja wegen der allgemeinen Unentschlossenheit und der mangelnden geistigen und wirtschaftlichen Basis in den anarchistischen / syndikalistischen Splittergruppen nicht handlungsfähig. Es bleibt aber jeder Genossin und jedem genossen die Möglichkeit geflüchtete, verfolgte Genossen aus den revolutionären Gebieten zum Beispiel aufzunehmen und ihnen Halt zu geben. Außerdem können wir sammeln und die Truppen der Kurden unterstützen – relativ zu allen anderen Kriegsparteien sind sie die, die am nächsten an unseren Idealen dran sind. handfeste Hilfe vergisst man übrigens nicht so schnell….
      Aufgrund zu starkem Einfluss des sogenannten „Individualismus“ sind uns leider keine ökonomischen Kollektiv-Aktionen möglich. Schade, dass die meisten Veganismus und pazifistische Prinzipienreiterei wichtiger finden als Menschenleben und realistischen Frieden. Intellektuelle Selbstgenügsamkeit reicht eben für die Praxis nicht. So schnell hat die Labertaschen von der Graswurzel und den anderen „Anarcho-Klitschen“ die Realität also eingeholt🙂 naja, dann labert mal schön weiter😉 Laber it loud, laber it clear, ….

    • J. S. permalink
      7. Dezember 2015 00:39

      Ich finde es sympathisch, wenn jemand (w/m) zugibt, keine Antworten zu haben – viel wichtiger ist, richtige Fragen zu stellen. Ebenso, die Begriffsdefinitionen, die ‚unsere‘ Politiker und ‚unsere‘ Medien uns immer wieder aufdrücken wollen, nicht einfach zu akzeptieren. Beides ist übrigens nicht „typisch ‚deutsch'“.

      Der ‚Krieg gegen den Terror‘ ist seit dem 11. 9. 2001 für die USA der Blankoscheck, gegen alles und jeden vorzugehen, der ihnen nicht in den Kram paßt. Schon damals haben kluge Köpfe gesagt, daß dies zu einem ewigen Kriegszustand in der ‚freien Welt‘ führen wird, in dem – endlich? – die (mühsam und meist unter Einsatz von Gewalt gegen ‚die da oben‘ errungenen) Rechte der EinwohnerInnen dieser Teile des Globus endlich auf das für die Regierungen und ‚die Wirtschaft‘ (auch so ein hübsches Wesen) genehme Maß zurechtgestutzt werden können.
      Und alle ‚demokratischen‘ Regierungen tuten seitdem begeistert in dasselbe Horn. Es regiert sich ja auch angenehmer unter den Ausnahmezustand. Souverän ist bekanntlich, wer den Ausnahmezustand bestimmt (Carl Schmitt). Wenn das die ehemalige FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda nicht wissen sollte (die ja demokratische Kultur von der Pike auf gelernt hat), ihr Innenminister und ihr Finanzminister (der auch mal Innenminister war) wissen das schon. Und alle diese ‚lupenreinen Demokraten‘ spielen mit der Angst der Bevölkerung, daß „einer der IS-Schlächter an unserer Haustür klingelt“. Dafür bekommen wir dann das „Grundrecht auf Sicherheit“, in dessen Namen die übrigen Grundrechte eingeschränkt oder abgeschafft werden. Natürlich nur vorübergehend, bis die Gefahr vorbei ist – also am Sankt-Nimmerleins-Tag.

      P.S.: Die anarchistischen Attentäter der „Propaganda durch die Tat“ hat es Ende des 19. und Anfang des 20. Jh. gegeben; neben anderen, die keine Anarchisten (w/m) waren: russische Narodniki, serbische Nationalisten. Die Herrschenden haben so viel Angst gehabt, daß sie im kaiserlichen Deutschland etwa für die anarchistischen Bewegung (sagen wir mal freundlich: für eine marginale Strömung, eine kleine, innerhalb der deutschen sozialistischen Arbeiterbewegung) einen riesigen Berg Überwachungs-Akten angelegt haben, von dem Historiker heutzutage profitieren können.
      Aber was war der Einwand?

  2. klingelingeling permalink
    6. Dezember 2015 01:20

    volle kanne die klugscheißerleinanalyse mit heißluftantrieb ….. gääähn
    erzähls deinem barbarbier oder hat der fronturlaub oder was?

  3. Brief aus Paris im Ausnahmezustand, ... Haben sie wirklich die Lage im Griff? (wildcat) permalink
    11. Dezember 2015 17:58

    Brief aus Paris im Ausnahmezustand, verfasst kurz nach den Anschlägen. Für die Übersetzung haben wir den Text leicht gekürzt. Eine aktualisierte Fassung wird in Wildcat 99 erscheinen, die Anfang Januar herauskommt.
    Haben sie wirklich die Lage im Griff?

    Die Attentate vom 13. November haben zuallererst die Schwäche eines Landes aufgezeigt, das sich in Sicherheit wähnte vor den Konsequenzen der Kriege, die sein Staat im Nahen Osten und in Afrika führt. Da die französischen Truppen seit gut 15 Jahren bombardieren und töten, musste man aber damit rechnen, dass eines Tages die Rechnung präsentiert würde. Ihr mörderischer Wahnsinn hindert die Terroristen nicht daran, nach einer gewissen Logik zu handeln; sie legten Wert darauf, ihren Geiseln, bevor sie viele von ihnen töteten, zu erklären, dass ihr Angriff eine Antwort auf die französischen Bombardements in Syrien und dem Irak ist und sie den Franzosen das gleiche antun wollten, was die Menschen unter den Bombardierungen des Westens erleiden.

    Dem unmittelbar nach den Attentaten erklärten Ausnahmezustand stimmte das Parlament am 19. November zu. Er erweitert die Befugnisse der Polizei, Hausdurchsuchungen, Festnahmen und die Verhängung von Hausarrest sind ohne richterlichen Beschluss möglich, Demos in einem großen Gebiet rund um Paris verboten. Im Kontext einer Sicherheitshysterie wurde der Ausnahmezustand fast einstimmig gebilligt, von 577 Abgeordneten sprachen sich nur sechs gegen seine Verlängerung auf drei Monate aus (drei Sozialisten und drei Grüne). Gegen den Beschluss, Syrien zu bombardieren, stimmten nur vier Abgeordnete (darunter zwei Sozialisten aus Versehen….). Seit der Verhängung des Ausnahmezustands haben sich die Willkürmaßnahmen der Polizei vervielfacht.1

    Quelle: http://www.wildcat-www.de/aktuell/a101_brief_paris.html

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