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Diskussionsbeitrag: Warum wir den Bruch mit der autoritären Linken wollen

3. September 2015

tumblr_movmh9uuwk1s8chnmo1_5001Der Text ist in der aktuellen GAIDAO Nr. 57 (Zeitschrift der Föderation Deutschsprachiger Anarchist*innen) erschienen.

von: Einige Anarchist*innen aus Dortmund

Unser Text „Bruch mit der autoritären Linken“ vom 16.07.15. hat eine große Welle von Diskussionen und Feedback zu der von uns angeschnittenen Thematik ausgelöst. Ein überwiegend positives Feedback bekamen wir von uns nahestehenden Genoss*innen und auch darüber hinaus aus der anarchistischen Bewegung. Jedoch wurden wir dabei auch auf einige Schwächen des Textes aufmerksam gemacht. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Text kam von unseren Genoss*innen der Anarchistischen Initiative Kaiserslautern. Auf diese werden wir uns im Folgenden unter anderem beziehen. Natürlich gab es auch über das anarchistische Spektrum hinaus Diskussionen über den Text (wahrgenommen haben wir das aus Antifa-Gruppen in Dortmund). Kritikpunkte waren unserer Wahrnehmung nach vor allem folgende:

– Vorwurf identitären Verhaltens
– noch stärkere Isolation der anarchistischen Bewegung
– Vorwurf autoritären Verhaltens unserseits
– fehlende Definition: Autoritär-antiautoritär
– fehlende Ausdifferenzierung von verschiedenen autoritären Strömungen
– durch einen Bruch werden wir weniger handlungsfähig

Zunächst einmal sollte klar sein, dass unser Text gemessen an seiner Länge und an der Kürze der Zeit, in der dieser geschrieben wurde, nicht alle Aspekte ausführen kann, die es zu beachten gäbe, und zwangsläufig verkürzt ist. Uns ging es in erster Linie darum einen Diskurs anzustoßen, was ja auch erreicht wurde. Nun wollen wir den Diskurs fortführen.

Autoritär vs. antiautoritär

Der Kritikpunkt, wonach wir nicht ausgeführt haben, was wir unter autoritär bzw. antiautoritär verstehen, ist berechtigt.

Autoritär ist für uns ein weitgefasster Begriff, der viele verschiedenen Gruppierungen umfasst. Allgemein gesagt sind dies alle Gruppierungen, die eine Autorität für alle Menschen darstellen wollen und/oder die sich an der Erhaltung und Neugestaltung von Herrschaftsinstitutionen aktiv beteiligen. Konkret bedeutet das Gruppen, die staatliche Institutionen nutzen (wollen) bzw. die staatliche Macht erobern wollen, sei es durch Wahlen oder durch eine politische Revolution. Außerdem religiöse Gruppierungen mit missionarischem und alleinigem Wahrheitsanspruch. Oder Kapitalist*Innen, welche vielleicht weniger Staat fordern, aber mehr Markt/Kapitalismus wollen.

Diese Liste ließe sich noch auf viele weitere Herrschaftsstrukturen erweitern. All diesen Gruppierungen ist eins, dass sie in ihrem Weltbild, ihrem Handeln und ihren Zielen Zwang eine elementare Rolle spielt.

Klar ist für uns aber auch, dass all diese Gruppen Unterschiede haben und damit auch unterschiedlich von uns zu bewerten sind. Mit „Für uns verläuft die Trennlinie nicht zwischen links-rechts, sondern zwischen autoritär-antiautoritär. Parlamentarische Kategorien sind keine in denen wir argumentieren“ meinten wir keineswegs eine Gleichstellung von autoritär-linken mit autoritär-rechten Gruppen. Es ist natürlich klar, dass wir mit dem Islamischen Staat oder der NPD (ohne das gleichsetzen zu wollen) keinerlei Anknüpfungspunkte sehen, während sie mit z.B. der Linksjugend Solid durchaus existieren (können). Autoriät ist kein feststehender Begriff für bestimmte Gruppierungen, sondern es muss immer wieder neu bewertet werden (und so auch inwieweit man mit bestimmten Gruppen zusammenarbeitet).

Zur Einordnung möchten wir unterscheiden, dass es durchaus Unterschiede zwischen hierarchischen und autoritären Strukturen geben kann (vor allem Organisationen, die keine ausgeführte Weltanschauung vertreten, bspw. Amnesty International, Greenpeace oder Attac sind in unserer Einordnung hierarschisch organisiert, aber erstmal nicht autoritär).

Die Definition darüber liegt nicht allein bei uns, sondern kann nur über einen ständigen Diskurs bestimmt werden. Dabei können auch historische Überlieferungen von antiautoritären Bewegungen hilfreich für eine Einordnung sein. Zum Beispiel könnten die Erfahrungen von Anarchist*Innen in der Sowjetunion mit den Bolschewiki dienen. Besonders heraus stechend ist die Niederschlagung des Kronstädter Matrosenaufstands durch die Rote Armee von Trotzki angeführt, welcher auch heute noch die zentrale Figur der SAV ist.

Was meinen wir also konkret mit einem Bruch?

In erster Linie geht es darum Differenzen aufzuzeigen und zu benennen. Es geht keinesfalls um eine Abkapselung von allem was sich nicht anarchistisch labelt, sondern gerade darum den Diskurs zu suchen. Dabei ist aber wichtig, dass wir als anarchistische Bewegung organisatorisch unabhängig bleiben. Wie können wir Parteien, die wir eigentlich überwinden wollen effektiv stören, wenn wir von diesen abhängig sind? Stattdessen sehen wir z. B. in Griechenland, dass selbst Anarchist*Innen und besonders andere Basisbewegungen Hoffnungen und Kapazitäten in das Spektakel der Macht legen. Wir wehren uns mit einem Bruch gegen jegliche Vereinnahmung auch von autoritär-linken Gruppierungen.

Was ein Bruch für jeden Einzelnen von uns bedeutet, wollen wir nicht vorgeben, sondern liegt im Ermessen jedes Einzelnen. Im letzten Text haben wir dafür bereits Vorschläge aufgeführt:

– Grundlegende anti-autoritäre Ausrichtung
– eigene Position bei Aktionen deutlicher herausstellen
– generellen Diskurs zu autoritärem Sozialismus/Kommunismus anstoßen
– autoritäre Gruppen aus emanzipatorischen Zusammenhängen/Strukturen ausschließen
– Uns ist bewusst, dass es an der Basis von vielen autoritären Gruppierungen einige Menschen gibt, die unseren Ideen nahe stehen oder neu politisiert wurden. Es kann also nicht darum gehen, gegen einzelne Leute offensiv vorzugehen, sondern mit Fingerspitzengefühl und der Situation angemessenen Methoden sich deren Ideologie entgegen zu stellen, um sie möglicherweise auch mit unseren Inhalten zu erreichen und das Erstarken von autoritären Strukturen zu verhindern.

– unseren Diskurs in nicht gefestigte autoritäre Strukturen bringen

Jetzt wollen wir noch auf weitere Punkte eingehen, die in dem Text der Genoss*innen von der Anarchistischen Initiative Kaiserslautern aus der GAIDAO Nr. 56 erwähnt werden.

Diese schreiben: „Vorweg: Wir finden es fragwürdig, alles was hierarchisch ist, generell als autoritär abzutun, da dies die Bedeutung des Wortes autoritär verringert und eine Unterscheidung schwierig macht. Zum Beispiel besteht für uns ein Unterschied zwischen der Regierung der AKP von Erdogan und der Regierung der BRD. Da wir dies hier jedoch nicht diskutieren wollen, belassen wir es im vorliegenden Text der Einfachheit halber bei der Trennung zwischen autoritärer und antiautoritärer Linker.“

Wir finden nicht, dass das Wort „autoritär“ durch unsere Nutzung abgeschwächt wird. Das Wort wie es in dem Text aus Kaiserslautern genutzt wird kommt unserer Meinung aus einem demokratischen Diskurs. Denn dort wird zwischen guten, demokratischen Staaten und bösen autoritären Regimen unterschieden. Klar gibt es Unterschiede zwischen verschiedenen Staaten was zum Beispiel Meinungs- und Pressefreiheit angeht, jedoch verwischt der demokratische Diskurs auch viele Gemeinsamkeiten um sich selbst als fortschrittlich darzustellen. Die wahre Fratze der demokratischen Staaten zeigt sich vor allem in der gewissenlosen wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit mit „autoritären Regimen“. Es gibt ja auch noch andere Worte um verschiedene Regierungsformen zu unterscheiden bzw. diese lassen sich kaum in einem einzigen Wort beschreiben.

„Keine Solidarität mehr mit autoritären Gruppen?”

Das muss von Fall zu Fall unterschieden werden. Klar sollte sein, dass z. B. unsere Solidarität mit Gefangenen von autoritären Gruppen immer eine kritische sein wird. Ungeachtet dessen streben wir ja trotzdem eine Welt ohne Knäste an. Darüber hinaus ist uns nicht ganz klar, was genau in diesem Fall mit Solidarität gemeint ist?

„Für jeden Anlass eigene Flyer schreiben?”

Ja auf jeden Fall, wenn dazu Kapazitäten da sind. Immerhin wollen wir ja anarchistische Inhalte verbreiten. Oder?

Die eigene Handlungsfähigkeit

Ein weiterer Kritikpunkt war, dass wir unsere Handlungsfähigkeit (um z.B. Abschiebungen zu verhindern oder die Auswirkungen der Finanzkrise abzuwehren) verringern.

Erst einmal sind das ja alles Einzelfallabwägungen mit wem und wie weit man zusammenarbeitet. Bei der Blockade einer Abschiebung spielt es eher eine untergeordnete Rolle, wo genau die Leute jetzt organisiert sind. Und falls Menschen entsprechende Symbolik mit sich führen sollten, kann man dies ja thematisieren.

Die Auswirkungen der Finanzkrise kann niemand abwehren, man kann nur den Konflikt mit den Institutionen, die uns die Mittel zum Leben nehmen schüren und vertiefen. Parteien, die nicht die grundlegenden Ursachen des Kapitalismus angreifen wollen (Lohnarbeit und Eigentum) können die Auswirkungen der Krise höchstens etwas zurückschieben, oft nicht mal das (Syriza).
=> Eine enge Zusammenarbeit mit scheinbaren Lösungen (Partei XY kämpft auch gegen Austerität) schwächt jedoch unsere Position, da wenn diese Ideen diskreditiert ist (OH Partei XY macht das doch nicht mehr), sind es unsere oftmals gleich mit.

„Außerdem ist unseres Erachtens die Gefahr einer Isolierung für die Antiautoritären durch einen Bruch mit der autoritären Linken groß.“

Wir sind erstmal schon dadurch isoliert, dass wir Anarchist*Innen sind (gibt ja nicht soviele im deutschsprachigen Raum). Diese Isolation ist erstmal kein Problem, sondern die Chance etwas anderes aufzuzeigen. Durch die Vermengung unserer „isolierten“ Position mit entgegenstehenden Ideen heben wir vielleicht die Isolation auf, schwächen aber unsere eigene Position. Damit versinkt der Anarchismus als eine linke Idee, von der andere sich vielleicht ein zwei Sachen abschauen. Als eigenständige Utopie wird er dann aber nicht mehr wahrgenommen, wir bleiben ein Flügel unter vielen linken Ideen.

„Doch Brüche mit diesen oder jenen lösen keines unserer Probleme oder bringen mehr Menschen unsere Ideen nahe, geschweige denn, dass mehr Menschen anfangen, sich in libertären Projekten zu engagieren.“

Unsere eigene Position explizit darzustellen, führt eher dazu, dass Leute wenn sie anarchistische Ideen gut finden, die Schwerpunkte ihrer politischen Arbeit genau dahingehend ändern. Denn ansonsten ist ja alles unserer „gemeinsamen Sache“ zuträglich. Dann kämpfen Jusos und Anarchist*Innen für das gleiche Ziel und es besteht gar kein Grund dafür, aus den Jusos auszutreten und anarchistische Projekte zu verfolgen. Darüber hinaus sind wir auch insofern nicht auf autoritäre Linke Gruppen angewiesen, als dass es zu verschiedenen Themen andere potentielle Bündnispartner*innen gibt. Die eben nicht zwingend im linken Sumpf liegen müssen, wie z. B. Bürger*innen-Initativen, Mietervereine, Gewerkschaften, Nachbarschaftshilfen, Naturfreunde, basisdemokratische Gruppen usw.

„Kritisch-solidarische Aktionen könnten dazu beitragen unsere Ideen zu verbreiten und eine kritische Auseinandersetzung mit den bestehenden Strukturen fördern, sowie unseren eigenen, schon bestehenden Projekten, Aufmerksamkeit zukommen lassen. Wir sprechen dabei aber nicht davon, dass wir in die bestehenden Organisationen eintreten sollten, um unsere Ideen zu verbreiten.“

Genau in eine solche Stoßrichtung ging auch unser Text.

Wir freuen uns auch bei diesem Text über solidarische Kritik, hoffen die Ideen aus unserem vorherigen Text deutlicher dargestellt zu haben und würden uns über weitere Diskussionsbeiträge auch hier in der GaiDao freuen.

Weitere interessante Beiträge zu Griechenland, die seit unserem Text erschienen sind, findet ihr hier: https://linksunten.indymedia.org/de/node/149997
http://agdo.blogsport.eu/2015/08/06/syriza-chronik-eines-linken-selbstmords/

Quelle: Anarchistische Gruppe Dortmund

5 Kommentare leave one →
  1. Zum Problem des sozialen Konflikts heute - Ein Vortrag von Theodor W. Adorno permalink
    18. September 2015 16:32

    Zum Problem des sozialen Konflikts heute – Ein Vortrag von Theodor W. Adorno

    „Irgendwann im turbulenten Jahr 1968, als es Adorno im Angesicht der Studentenproteste zunehmend an der Zeit schien, die überall verbreiteten Versatzstücke der Marx’schen Theorie noch einmal gesondert zu reflektieren – sei es in eigenen Texten oder in Seminaren – formulierte er gemeinsam mit der Studentin Ursula Jaerisch folgenden Satz: »Wenn Theorie und Erfahrung auseinanderweisen, stehen beide zur Kritik.« Sein letzter soziologischer Text kreiste um das Thema des »sozialen Konflikts«, ein Begriff, von dem er im gleichen Atemzug schrieb, er ebne »positivistisch die Marx’sche Lehre vom Klassenkampf ein.«

    Soziale Konflikte sind und waren das täglich Brot der Linken. Sei es durch ihre Interpretation von Konflikten als Ausdruck eines zugrundeliegenden Antagonismus, die Teilnahme an ihnen oder die Agitation, einen Aufstand anzuzetteln, dem nichts weniger gelänge als die Umwälzung der ganzen Gesellschaft im Bann von Staat und Kapital.

    Das Kernargument ist so simpel wie es auf den zweiten Blick problematisch wird: Die kapitalistische Produktionsweise geht mit einem Unmaß an Elend und Armut für die unter ihr Befassten einher. Sie lässt für einen großen Teil der Menschheit elementare Bedürfnisse unbefriedigt und betreibt Raubbau sowohl an den Menschen als auch an der Natur. Wer nicht in offenkundigem Elend leben muss, ist aufgefordert, unter Leistungsdruck und Arbeitszwang das Beste draus zu machen.

    All dies – und darin besteht die entscheidende Volte – ist dem Kapitalismus nicht äußerlich, sondern entspringt unmittelbar seinem Wesen. Mit anderen Worten, die Linke beanspruchte in ihrer Analyse einen spezifischen Konnex herzustellen zwischen Erfahrung und Theorie mit dem Ziel einer emanzipatorischen Praxis. Doch was so selbstverständlich und so gewohnt klingt, offenbart schon bei näherem Hinsehen nicht unbeträchtliche Schwierigkeiten. „

  2. Gewalt, Emanzipation und emanzipatorische Praxis permalink
    30. Oktober 2015 12:26

    Gewalt, Emanzipation und emanzipatorische Praxis

    Audiomittschnitt der Diskussionsveranstaltung „Gewalt, Emanzipation und emanzipatorische Praxis – Machen die Richtigen alles falsch?“ mit:

    — Jutta Ditfurth (Frankfurt/M),
    — Thomas Ebermann (Hamburg),
    — Peter Nowak (Berlin).

    Moderation: Jenny Stange

    Im Conne Island, Leipzig, am 19.10.2015.

    Veranstaltet von linxxnet und Für das Politische, beide Leipzig.

    Aus dem Text der Veranstalter*innen:
    „… Mit einer Diskussionsveranstaltung wollen wir einen Raum für eine politische Debatte über Militanz und Gewalt als politisches Mittel schaffen. Dabei werden mit Perspektive auf Leipzig, die deutschen und europäischen Verhältnisse Jutta Ditfurth, Thomas Ebermann und Peter Nowak auf dem Podium diskutieren. Welche Formen der effizienten linksradikalen Intervention kann es angesichts einer Radikalisierung des Kapitalismus und der Aufrüstung des Sicherheitsstaates geben? Können Militanz oder Gewalt zur revolutionären Transformation bzw. Negation des Bestehenden beitragen? …“

  3. Ditfurth/Chondros: Die Zukunft der Linken permalink
    30. Oktober 2015 20:58

    Ditfurth/Chondros: Die Zukunft der Linken

    Audiomittschnitt der Veranstaltung „Die Zukunft der Linken in Europa“, Mo. 28.9.2015, 19:30 Uhr, Frankfurt am Main

    – mit Giorgos Chondros (Gründungsmitglied von Syriza)
    – und Jutta Ditfurth (Stadtverordnete für ÖkoLinX-Antirassistische Liste)

    Moderation: Peter Zudeick (Autor)

    Veranstalter: Theater Willy Praml + Westend-Verlag Frankfurt/M

    Text der Veranstalter: „Westend-Redezeit auf Naxos geht in die zweite Runde und stellt sich der Frage, wie linke Politik in Europa zukünftig gestaltet werden kann. Vielmehr: Ist eine echte linke Politik überhaupt noch möglich? Denn längst hat die Demokratie in Europa schweren Schaden genommen. Das Selbstbestimmungsrecht einer demokratisch gewählten Regierung scheint nunmehr den Interessen einer europäischen Machtelite untergeordnet zu sein, wie die griechische Regierungspartei Syriza bitter erfahren musste.
    Wie können wir uns von der Ideologie eines Regimes zu befreien, das den Markt und das Kapital vor alles Andere stellt? Eine Diskussion auf Augenhöhe mit Giorgos Chondros und Jutta Ditfurth vor der einzigartigen Kulisse der Naxoshalle Frankfurt.“

  4. Der eindimensionale Mensch - Sowjetmarxismus - 2 Teile permalink
    31. Oktober 2015 15:00

    Der eindimensionale Mensch – Teil 1

    „»Im Brennpunkt meiner Analyse stehen Tendenzen in den höchstentwickelten gegenwärtigen Gesellschaften. Es gibt weite Bereiche innerhalb und außerhalb dieser Gesellschaften, wo die beschriebenen Tendenzen nicht herrschen – ich würde sagen: noch nicht herrschen. Ich entwerfe diese Tendenzen und biete einige Hypothesen, nichts weiter.« – Herbert Marcuse, ›Der eindimensionale Mensch‹, 1964

    Vor fünfzig Jahren erscheint in den USA Herbert Marcuses ›One-Dimensional Man‹, kurze Zeit später liegt das Buch auch in anderen Sprachen vor, so in deutscher Übersetzung 1967. Das Buch wird ein Bestseller, begleitet die internationalen Protestbewegungen der sechziger und siebziger Jahre.

    Dann wird es in seiner Popularität in den Achtzigern, schließlich Neunzigern durch andere Bücher mit anderen Theorien ersetzt; und trotz aller Revolutionen, Revolten und Rebellionen erscheint die Welt heute wieder so, wie Marcuse sie allein schon in der Vorrede beschrieben hat: von einer »Paralyse der Kritik« in einer »Gesellschaft ohne Opposition« ist da die Rede.

    ›Der eindimensionale Mensch‹ ist vor allem: kritische Theorie der Gesellschaft als Herrschaftskritik. Weniger geht es Marcuse dabei um die Analyse von dem, was offensichtlich ist – den Terror von Hunger, Krieg und Diktatur –, sondern um solche repressiven Strukturen, die nunmehr bereitwillig von den Menschen akzeptiert, verfestigt und reproduziert werden, also um Formen der Kontrolle, die paradox als Freiheit und Glück erscheinen. »Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft«, so lautet der Untertitel des ›Eindimensionalen Menschen‹.

    Die fortgeschrittene Industriegesellschaft indes ist die moderne Konsumgesellschaft, der Kapitalismus im Übergang vom Fordismus zum Postfordismus, die Affluent Society, also Überflussgesellschaft, in der für die Gesamtbevölkerung ein relativer Wohlstand garantiert zu sein scheint – ein Lebensstandard, der durch ein totales System von Arbeit, Leistung und Verzicht aufrechterhalten wird.

    Der Abend führt durch zentrale Motive, die Herbert Marcuse in ›Der eindimensionale Mensch‹ und anderen Schriften entwickelt hat. Dabei geht es um Aktualität und Aktualisierung: Ist die Forderung nach einer »Großen Weigerung«, die Marcuse am Ende des Buches als einzige Möglichkeit postuliert, heute noch relevant?

    Durch den Abend führt Roger Behrens – er macht beim FSK jeden ersten Mittwoch im Monat die Freibaduniversität, die sich in diesem Jahr mit Herbert Marcuse und „Der eindimensionale Mensch“ beschäftigt. Außerdem hat er 2000 beim Ventil-Verlag „Übersetzungen – Konkrete Philosophie, Praxis und kritische Theorie. Studien zu Herbert Marcuse“ veröffentlicht.“ (Text: https://www.facebook.com/events/62831… | Quelle & MP3: https://soundcloud.com/btpnk/fsk-hall…)

    Der eindimensionale Mensch – Sowjetmarxismus – Teil 2

    „So erweist sich wie die kapitalistische Industriegesellschaft auch der Realsozialismus für Marcuse als historischer Moment der Modernisierung, als eine Seite der Dialektik der Aufklärung: In der Verkehrung der Vernunft in ein Mittel der Repression stimmen die Ideologien des Westens und des Ostens jedenfalls überein. Das übrigens ist ein entscheidendes Motiv in der Kritik des Realsozialismus: dass es Marcuse weder um den offenkundigen Terror des Regimes geht (dafür braucht man keine Theorie), noch um eine rückhaltlose Verdammung des sozialistischen Experiments: Wie in der kritischen Theorie der bürgerlichen Gesellschaft, wo es darum geht, die emanzipatorischen wie regressiven Elemente immanent herauszuarbeiten, beurteilt Marcuse den Realsozialismus im Verhältnis von Möglichkeit und Wirklichkeit immanent nach den Ansprüchen eben der Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus.

    So kommt er zu dem allgemeinen Schluss: »Die Rationalität, die den Fortschritt der westlichen Zivilisation begleitet hatte, hatte sich in der Spannung zwischen dem Denken und seinem Objekt entfaltet: Wahrheit und Falschheit wurden in der Beziehung zwischen dem begreifenden Subjekt und seiner Welt gesucht, und die Logik war die begreifbare Entfaltung dieser Beziehung … Wo diese Beziehung zwischen Subjekt und Objekt nicht mehr gilt, hat die traditionelle Logik ihren Boden verloren. Wahrheit und Falschheit sind dann keine Qualitäten von Erkenntnissen mehr, sondern eines vorgegebenen und vorher umgrenzten Zustands, an den Denken und Handeln gekettet werden sollen. Die Logik wird dann nach der Angemessenheit eines solchen Denkens und Handelns eingeschätzt, das vorherbestimmte Ziel zu erreichen.« (Marcuse, ›Die Gesellschaftslehre …‹, Schriften Bd. 6, Springe 2004, S. 98 f.)

    Mit anderen Worten: die inhumane Verwertungslogik herrschte von Anfang an auch in der Sowjetunion, durchgesetzt in Konkurrenz zum kapitalistischen System, dies aber zugleich gespiegelt als Vorbild für die hehren Idealen der sozialistischen Weltgesellschaft: ein Arbeitsregime, wie es höchstens den kühnsten Utopien der politischen Ökonomie des freien Marktes entspricht.

    Mit dieser Sendung zur Kritik der Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus wird die Reihe über Marcuses ›Der eindimensionale Mensch‹ in diesem Monat in der Freibaduniversität fortgesetzt. – 1964, vor fünfzig Jahren also, erschien in den USA Herbert Marcuses ›Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft‹.“ (Text, Quelle & MP3: https://soundcloud.com/btpnk/fsk-frei…)

  5. Darum Negative Dialektik permalink
    12. November 2015 00:17

    Darum Negative Dialektik

    „Die kritische Theorie hat bei aller Einsichtigkeit der einzelnen Schritte und der Übereinstimmung ihrer Elemente mit den fortgeschrittensten traditionellen Theorien keine spezifische Instanz für sich als das mit ihr selbst verknüpfte Interesse an der Aufhebung des gesellschaftlichen Unrechts. Diese negative Formulierung ist, auf einen abstrakten Ausdruck gebracht, der materialistische Inhalt des idealistischen Begriffs der Vernunft. (Max Horkheimer)

    Wenn Kritische Theorie gleichermaßen gegen den ideologischen Betrieb postbürgerlicher Wissenschaft und jedwede subjektiv-willkürliche bzw. dezisionistische Standpunktphilosophie oder Weltanschauung, zu der leninistische, existentialistische, poststrukturalistische und positivistische Marxisten sich bekennen mögen, darauf beharren kann, die fortgeschrittenste Gestalt des Denkens in der Gegenwart (Horkheimer) zu sein, dann weil Bestimmung und Entfaltung des Existenzialurteils eben einer objektiven Nötigung folgen.

    Noch die dabei unabdingbar in Rechnung zu stellende Vermitteltheit fortschreitender Vernunft als Aufklärung über die Aufklärung durch Nicht-Diskursives wie Geschichte und leibliche Impulse konfrontiert ratio nicht mit ihrem Gegenteil, gänzlich Anderen oder ihr rein Äußerlichen, ist sie schließlich selbst historisch entstandene Funktion der Selbsterhaltungstriebe: Abwehrinstrument gegen (Natur-) Gewalt.

    Darum durchdringen sich in den Begriffen und Wendungen negativer Dialektik (wie Nichtidentisches, Vorrang des Objekts, Nichtbegriffliches und Totalität sowie Einheit des Vielen ohne Zwang, Versöhnung und Abschaffung des Todes) erkenntnistheoretische und utopische, rationale und leibliche Momente unzertrennlich, und zwar ohne, dass ihnen – wie von positivistischen Gegnern jeder Dialektik seit Popper unterstellt – auch nur ein Hauch Obskurantismus anhaften würde.

    Thomas Maul wird in seinem Vortrag Intention und strukturellen Aufbau sowie die zentralen Thesen seines kürzlich erschienenen Buches Darum negative Dialektik (XS-Verlag Berlin) im Kontext der Philosophiegeschichte und gegenwärtiger Debatten vorstellen.

    Darum Negative Dialektik https://www.youtube.com/watch?v=cmZe9ikElBU

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