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„Wenn man weiß, dass man diesen Kampf gewinnen wird…“ Foxcatcher – eine Besprechung

29. Juni 2015

OscarWatch_FoxcatcherBennett Millers Film Foxcatcher von 2014 erzählt die Geschichte des Multimillionärs John Du Pont, der das Ringer-Team Foxcatcher mit den Brüdern Mark und David Schultz sponsert. Konkurrenz, Neid und Ängste lassen die Beziehung schließlich in einer Katastrophe enden. Mit Steve Carell (John Du Pont), Channing Tatum (Mark Schultz), Mark Ruffalo (David Schultz)

Es ist ein niederer Sport.

Mark und David Schultz sind seit der Olympiade 1984 Goldgewinner im Ringen. Doch das große Geld blieb trotz des sportlichen Erfolges aus: ein grauer, einfacher Trainingsraum, eine kleine, schlichte Wohnung – und auch für das nötige, intensive Training fehlen die Mittel.

Eines Tages klingelt Marks Telefon. John Du Pont, ein Nachkomme einer der reichsten Familien der Vereinigten Staaten bestellt ihn ohne eine nähere Erklärung zu sich und lässt ihn im Privathubschrauber auf das Familien-Anwesen bringen. Du Pont eröffnet ihm, dass er selbst großer Ringer-Fan ist und die sportliche Ehre der USA verteidigen will. Mark ist begeistert von dem Angebot, hervorragende Trainingsvoraussetzungen, eine Unterkunft und zusätzlich einen hohen Lohn zu erhalten, wenn er in Du Ponts Team der Foxcatcher einsteigt.

06bd6_cannes-film-festival-foxcatcherSein großer Bruder David jedoch ist skeptisch und lehnt ab, da er seine Familie nicht zum Umzug zwingen möchte. Es folgt eine Zeit harten Trainings bei den Foxcatchern. John Du Pont, der selbst nicht ringt, ist sowohl Sponsor, als auch Coach der jungen Männer. Seine Beziehung zu Mark wird immer intensiver – aus Sie wird Du, aus Sir wird Freund. Marc fühlt sich hierdurch von seinem Bruder, der ihn aufgezogen, trainiert und unterstützt hat, in gewisser Weise emanzipiert und wendet sich zunehmend von ihm ab. Als er nun auch noch Kokain und Alkohol in sein Leben lässt, wird aus der einstmals so vertrauten Bruderschaft eine kühle Zurückweisung. Schließlich sieht Du Pont sich genötigt, David zum Umzug zu überreden, da ihm selbst die Empathie und Geduld fehlt, zu Mark durchzudringen. David gelingt es trotz anfänglichen Schwierigkeiten tatsächlich, seinen Bruder wieder zu bisherigen Leistungen zu bringen, doch Du Pont sieht sich plötzlich einer neuen Herausforderung gestellt: der große Bruder, der nun als Co-Trainer arbeitet, ist nicht mit seinen anderen Ringer-Schäfchen zu vergleichen. Ohne aufsässig zu sein, lässt er sich doch nicht von dem Superreichen untertan machen. Anders als Mark und die anderen Foxcatcher tanzt er nicht blind nach der Pfeife des selbsternannten Golden Eagle – Er hat ein eigenes Ich, das er nicht bedenkenlos für einen Egomanen aufgibt. Du Pont ist jedoch nicht in der Lage, ein solch selbstbewusstes Auftreten ihm gegenüber hinzunehmen. Seine Geisteskrankheit bringt ihn schließlich dazu, den großen Bruder und Mentor seines einstigen Ergebenen aus einer Laune heraus zu erschießen.

Meine Athleten sehen mich als einen Bruder, einen Mentor, als einen Vater und als einen Anführer.

Bereits auf den ersten Blick wird deutlich, wo die Protagonisten in Foxcatcher ökonomisch stehen: Während der eine eine unüberschaubare Anhäufung von Besitztümern aufweisen kann, sind die anderen trotz härtester Arbeit zu kläglichen Lebensverhältnissen gezwungen. Hierdurch ergibt sich der so bedeutungsvolle Umstand der wirtschaftlichen Abhängigkeit: Du Pont besitzt so viel, dass er in der Lage ist, sich ein Ringer-Team mit den besten der Welt heranzuzüchten. Und jene besitzen so wenig, dass es für sie zu einem lukrativen Geschäft wird, das sie mit dem vermeintlich Großzügigen sogar noch mit Dankbarkeit und Freuden eingehen.

Doch was der Film in brillanter Weise zeigt, ist die Psychologie, die hinter dieser wirtschaftlichen Bevormundung steht und durch sie erzeugt wird. Steve Carell spielt einen zu Liebe unfähigen, jedoch sehr verletzlichen Multimillionär. Der eigenen Mutter, die seinen Lieblingssport als einen niederen verachtet, will er gefallen. Überraschend wird jene eines Tages in die Trainingshalle der Foxcatcher gebracht. Während sich das Team warm läuft, wird Du Pont sich gewahr, dass seine Mutter zusieht. Nun beginnt eine skurrile Szene: Du Pont bietet ihr ein Schauspiel, in dem er die Hauptrolle besetzt. Zunächst hält er eine pathetische Ansprache, in der er das Team auffordert, „gute Bürger (…), gute Amerikaner“ zu sein. Inzwischen einige Grundlagen des Ringens kennend und selbst – sogar in regionalen Wettkämpfen, die er gewinnt, da seine Gegner bezahlt werden – praktizierend, zeigt er den Profis dann, wie sie einen richtigen Armhebel machen. Zwar leicht verwirrt, doch stets ihrem Coach untertänig verpflichtet, spielen die jungen Männer mit. Gut 20 Ringer, einige der besten der Welt, alle fit und kräftig, lassen sich von einem schmächtigen, unerfahrenen Anfänger die Grundlagen ihrer Disziplin erklären. Allein Du Ponts Suche nach endlicher Anerkennung bringt ihn zu dieser Handlung. Und die Foxcatcher folgen ihm bedingungslos, weil sie es anders nicht kennen: durch ihre ökonomische Abhängigkeit und ihr fehlendes Bewusstsein dafür hat sich ein Verhältnis herausgebildet, in dem der Sponsor zum Führer wird.

Es seien zwei Szenen exemplarisch angeführt, die noch verdeutlichen, was Du Ponts Bevormundung bewirkt und wie unterschiedlich damit umgegangen werden kann. In der einen besucht Mark gemeinsam mit John Du Pont eine Gala. Auf dem Weg dorthin erfährt er, dass er eine Lobrede auf Du Pont halten soll, die dieser ihm bereits geschrieben hat. Von Mark erwartet er einen überzeugenden, rührenden Vortrag seiner vor Selbstdarstellung nur so strotzenden Hymne. Mark befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Leistung, Du Pont unterstützt ihn wegen seiner Erfolge und führt ihn vor wie sein Hündchen. Ersterer wiederum durchschaut die wahre Motivation Du Ponts – selbst Anerkennung für die Erfolge anderer zu ernten – nicht, sondern vertraut ihm. Ohne die Situation zu reflektieren, erfüllt er schließlich den Auftrag und stellt seinen Gönner als Vaterersatz und Mentor ins Rampenlicht. Vergleichbar hierzu ist eine Szene, in der David als Co-Trainer ein Interview für eine von Du Pont beauftragte Dokumentation geben soll. Jedoch spricht er nicht so von dessen Absichten und angeblich großzügigen Leistungen, wie der gekaufte Regisseur es sich vorstellt. Also legt letzterer ihm nach mehreren Anläufen die Worte in den Mund: „John Du Pont ist ein Mentor für mich.“ Mit umherschweifendem Blick, verschränkten Armen und dünner Stimme merkt man seiner Aussage jedoch augenblicklich ihre Unaufrichtigkeit an. Während der eine der Brüder – charakterlich nicht sehr gefestigt, geistig schwach und wenig reflektiert – den Anweisungen des Multimillionärs blind folgt und so zu dessen Marionette wird, ist der andere durch sein Selbstbewusstsein und seine Standhaftigkeit nicht so leicht zu manipulieren. Während der eine der Brüder so zum „Freund“ Du Ponts wird, weil er instrumentalisiert werden kann, wird der andere zum Konkurrenten, da er sein Selbst nicht dem exzentrischen Egomanen unterstellen will.

Bemerkenswerterweise wird dieses Verhältnis nicht so offensichtlich gezeigt: Das Bedrohliche an David für Du Pont wird von keiner Person zu keiner Zeit ausgesprochen. Hinzu kommt das extrem langsame Tempo des Films, welches durch stille und detailreiche Szenen zustande kommt. Beides lässt dem Zuschauer letztlich Raum zur Reflexion und fordert ihn auf, Gestik, Mimik und Handlungen der Figuren zu hinterfragen. Außerdem bewirkt es, dass die sich entwickelnde Beziehung zu einem schleichenden Prozess wird, der das Ende umso überraschender und schockierender ausfallen lässt.

Hast du etwa ein Problem mit mir?

Wird die Erklärung für Du Ponts Verhalten jedoch allein in seiner Geisteskrankheit gesucht, die seinem Versuch der Kompensation fehlender Liebe entspringt, wird eine weitere höchst interessante Ebene des Films ausgeblendet, welche Du Pont als berechnenden Kapitalisten entlarvt. Die Familie Du Pont – 1802 als Sprengstoff- und Schießpulverhersteller begonnen, heute Global Player in der Herstellung und Entwicklung von Chemikalien und Biotechnologien – ist nicht durch Zufall oder „aus dem Nichts“ eine der reichsten Familien der USA geworden. Wer als Kind einer solchen Familie aufwächst und den Reichtum vergrößern will, muss die Familientradition fortführen. Für John Du Pont bedeutet das Krieg und Patriotismus: Beides zu befürworten und zu propagieren, ist für ihn eine Methode, um den Geschäftserfolg der Familiendynastie zu erhalten. John Du Pont ist nicht einfach ein Erbe, der durch die verkappte Beziehung zu seiner Mutter, durch die fehlende Aufrichtigkeit und Liebe während seines Lebens, weder soziale Kompetenzen noch menschliches Mitgefühl ausbilden konnte, um deshalb nun als Super-Reicher das Leben anderer zu bestimmen. Nein, er trägt seinen eigenen, ganz aktiven Teil dazu bei, dass das Familienunternehmen Krieg und Hunger fördert, um sich selbst zu bereichern.

Marks Lobrede auf Du Pont (s.o.), die jenen als großzügig, empathisch, liebenswürdig und charakterstark dastehen lässt, ebnet letzterem den Weg, nun als sympathischer Kerl seine eigenen Ergüsse loszuwerden: „Die Freiheiten unseres Landes, die Freiheit unserer bürgerlichen Verfassung sind es wert, verteidigt zu werden gegen jede Gefahr, und es ist unsere Pflicht, sie vor jedem Angriff zu schützen.“ – Ohne solches Gedankengut in den Köpfen der Menschen braucht es keine Firmen wie DuPont, was John selbst offenbar sehr genau weiß.

Seine patriotischen Phrasen nutzt er aber auch, um Mark um den Finger zu wickeln. Du Ponts anfängliche Überzeugungsarbeit besteht im Wesentlichen darin, ihn zum Kämpfer des amerikanischen Traums zu stilisieren: Für unser Land soll er gewinnen. Er kann es schaffen, arbeitet er nur hart genug und wir als Nation wollen ihn darin unterstützen. Bei Marks erstem Besuch besichtigen sie gemeinsam einen Denkmalpark für die amerikanischen „Freiheitskämpfer“ im Bürgerkrieg. In dieser pathetisch aufgeladen Stimmung sagt Du Pont zu ihm: „Wir werden große Dinge tun, Mark, große Dinge.“ – „Ja, Sir.“ Dieser Film zeigt nicht bloß einen Reichen, der nun einmal in diese Verhältnisse hineingeboren wurde. Dass der Zuschauer nicht vergisst, was das für ein Mensch ist, und wie er dazu geworden ist, dafür sorgen ebensolche Szenen, in denen der Kapitalist und Patriot herausgekehrt wird. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch zunächst willkürlich erscheinende Einblendungen, welche Fotografien der Familie, Du Pont’sches Kriegsmaterial oder Portraits ehemaliger Familienoberhäupte zeigen.

Fazit

Die Geschichte um den Mord David Schultz ist nicht erfunden, sie hat tatsächlich stattgefunden. Doch der Film Foxcatcher begnügt sich nicht damit, aus einem Lebensabschnitt einen Plot zu machen. Seine Leistung liegt besonders darin begründet, die Charaktere anhand ihrer Mimik, Gestik und ihrer Handlungen authentisch darzustellen. Zahlreiche entscheidende Details werden herausgekehrt, um die Konstellation und Beziehungen der Figuren nachzuvollziehen und beurteilen zu können. Zwar bleibt der Film noch offen für Deutungen; mit all seinen Anspielungen, Bezügen und Parallelen wird er aber zu einem Werk, welches keinen Aspekt unberücksichtigt und jede Einzelheit durchdacht wirken lässt.

Quelle: Eingesandt

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