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Buchbesprechung: Wie deutsche Offiziere den Militarismus stärken wollen

17. April 2015

tötenfürdaskapitalIn Deutschland herrschten „starke pazifistische bis antipatriotische Tendenzen“, schreibt Leutnant Kai Stefan Skwara in dem vorliegenden Band, der Beiträge von sechzehn aktiven und angehenden Bundeswehroffizieren versammelt. Skwara absolviert zur Zeit ein Studium der Geschichtswissenschaften an der Hamburger Bundeswehr-Universität; was für diejenigen, die die historischen Lehren aus zwei von Deutschland begonnenen Weltkriegen gezogen haben, ein Grund zur Freude sein dürfte, bringt ihn in Rage. Rhetorisch fragt er, wie es sein könne, „dass ein deutscher Oberst sich von Politikern des eigenen Staates als Kriegsverbrecher beschimpfen lassen muss, weil er in einem ‚kriegsähnlichen Zustand‘ eine Entscheidung traf, die Menschenleben gefordert hatte“. Die mehr als 130 zivilen Opfer des von Oberst Georg Klein am 4. September 2009 angeordneten Bombardements nahe der afghanischen Stadt Kunduz interessieren den studierenden Leutnant dagegen nicht. Er erregt sich lieber darüber, dass Klein die Aussage, möglichst viele Aufständische „vernichten“ zu wollen, „als unmenschlich angekreidet“ worden sei. Laut Skwara zeugt dies von „völliger Ahnungslosigkeit“ – handele es sich bei dem Begriff „vernichten“ doch um einen Terminus aus dem „taktischen Wortschatz der Bundeswehr“, der „bereits im ersten Offizieranwärterlehrgang vermittelt“ werde.

An dieser Stelle ist der Leser bereits bestens mit der im Untertitel des Buches benannten „Gedankenwelt“ junger deutscher Kampftruppenkommandeure vertraut. Folgt man den Autoren, zeichnet sich diese in erster Linie durch die Affirmation militärischer „Professionalität“ aus. So beschreiben etwa die Leutnants Felix Schuck und Thorben Mayer in ihrem Beitrag das Vorgehen des deutschen Heeres bei den mit äußerster Grausamkeit geführten Grabenkämpfen des Ersten Weltkriegs als „Innovation“. Der Einsatz kleiner, selbständig operierender „Sturm-“ respektive „Stoßtrupps“, die mit Flammenwerfern und leichten Maschinengewehren bewaffnet waren, sei ein militärischer „Quantensprung“ gewesen, heißt es. Frei von jeder Empathie mit den Opfern loben Schuck und Mayer die deutsche Heeresleitung für ihre Taktik, die besagten Einheiten bei Angriffen auf feindliche Stellungen einer durch Artilleriebeschuss erzeugten „Feuerwalze“ folgen zu lassen. Doch damit nicht genug: „Die Einführung der ersten Maschinenpistole, der als ‚Grabenfeger‘ bekannt gewordenen Bergmann MP 18, schloss eine weitere Lücke und setzte so schließlich nur ein Ausrufezeichen hinter die Metamorphose, welcher sich die deutsche Infanterie im Ersten Weltkrieg unterzogen hatte.“ Zur Relevanz ihrer Untersuchung erklären die Autoren abschließend: „Will man grundsätzlich verstehen, warum und wie sich die heutige Infanterie in allen modernen Armeen zusammensetzt und worauf elementare infanteristische Vorgehensweisen fußen, kommt man an der Entstehungsgeschichte der Stoßtrupptaktik und besonders jener der Sturmbataillone nicht vorbei.“ Entsprechenden kriegswissenschaftlichen Studien gebühre daher ein fester „Platz auf dem Arbeitstisch des heutigen Offiziers“. In diesem Sinne exemplarisch für die „Gedankenwelt“ deutscher Nachwuchsoffiziere ist auch der Beitrag von Leutnant Danny Görs, der wie die meisten seiner Mitautoren zur Zeit an der Universität der Bundeswehr in Hamburg studiert. Görs „Traumverwendung“ ist nach eigenem Bekunden die eines „Zugführer(s) in einer Kampfkompanie“. Hierfür habe er sich nicht nur „immer fit gehalten“, sondern es sogar geschafft, „das begehrte Einzelkämpferabzeichen zu verdienen“, berichtet er stolz. Bei manchen seiner Kameraden sieht Görs indes einen eklatanten Mangel an Engagement für die Erfordernisse der modernen Kriegsführung, handelten sie doch oftmals nach der Devise „Ein gutes Pferd springt nicht höher, als es muss“. Eine solche Einstellung wiederum sei gleichbedeutend mit der Absage an die „Professionalität“ der Streitkräfte, schreibt Görs: „Jeder Soldat muss den Anspruch an sich selbst haben, seine maximale Kampfkraft auszuschöpfen. Das beginnt bei der körperlichen Leistungsfähigkeit, setzt sich fort bei den Aufgaben des täglichen Dienstes sowie dem ‚Biss‘ auf Lehrgängen und endet im Einsatz.“

In der Tat scheint es für die meisten Autoren des Bandes nichts Schöneres als den Kampf auf Leben und Tod zu geben. Schon in seinem Vorwort erklärt der Herausgeber, Hauptmann Marcel Bohnert, die deutschen Soldaten blickten „stolz und selbstbewusst“ auf den Krieg in Afghanistan zurück: „Er war ihre Feuertaufe und hat sie zu ihren militärischen Wurzeln zurückgeführt. Wichtige Entwicklungen in den Streitkräften wurden angestoßen, sei es in Bezug auf Ausrüstung, Struktur oder Mentalität. Zudem hat er der Bundeswehr offenbar auch ihre längst vergessene Mündigkeit in Erinnerung gerufen.“ Wäre noch ein Beweis dafür notwendig, dass der Militarismus in Deutschland auf dem Vormarsch ist, dieses Buch hätte ihn erbracht. Es macht Angst.

Marcel Bohnert, Lukas J. Reitstetter (Hg.): Armee im Aufbruch.
Zur Gedankenwelt junger Offiziere in den Kampftruppen der Bundeswehr, Berlin 2014 (Carola Hartmann Miles-Verlag) 262 Seiten| 24,80 Euro | ISBN 978-3-937885-98-8

Quelle: German Foreign Policy

2 Kommentare leave one →
  1. 17. April 2015 20:08

    Von Troja bis PSYOPS – Facetten der psychologischen Kriegsführung

    „Von Troja bis PSYOPS“ gibt dem Leser einen allgemeinen Überblick in das Themengebiet der psychologischen Kriegsführung. Insbesondere im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg war die Propaganda eine der wichtigsten Waffen für alle Kriegsparteien.
    Buchcover „Von Troja bis Psyops – Facetten der psychologischen Kriegsführung“

    Diese Bedeutung hat sie nach dem Mauerfall eingebüßt. Jedoch weiß heute jeder Kriegsberichterstatter um die Wirkung einzelner Bilder und welche Folgen sie haben können. Erst Fotos und die daraus entstehenden Meldungen tragen den Kon¢ ikt in die Köpfe der Menschen. Ein einzelnes Bild, welches vielleicht zum „World Press Photo“ gewählt wird, symbolisiert oftmals den Konflikt. Im ersten Moment ist dem Betrachter nicht klar, ob es real oder gestellt ist. Erst in den letzten Jahren haben die Mitgliedsstaaten der NATO die Wirkung der psychologischen Kriegsführung wiedererkannt. Vorreiter sind die US-Streitkräfte.

    Das Buch beschreibt Beispiele für PSYOPS. So haben die USA im Irak mit wechselndem Erfolg mit PSYOPS agiert. In Afghanistan läuft es besser, aber auch nicht optimal. PSYOPS bei KFOR auf dem Balkan sind dagegen ein Erfolgsmodell. Allgemein merkt der Autor Thomas A. Müller an, dass Medienfachleute in den Streitkrä— en fehlen und konstatiert, dass auf Ereignisse flexibler reagiert werden muss. Müller hat sehr aufwändig recherchiert und viele Experten befragt. Er zeigt die Verbindungen aus den ersten Versuchen im 4. Jahrhundert v. Chr. bis in die Gegenwart auf. Seine Erklärungen sind fast immer mit Belegen untermauert.

    Der Autor beschönigt nichts und zeigt Fehler auf. Als Einstieg für den an psyochologischer und strategischer Kriegsführung interessierten Leser, ist es äußerst empfehlenswert – für Fachleute könnte es jedoch zu oberflächlich sein. Insgesamt bietet das Buch viele neue Informationen und Sichtweisen. Und insbesondere die Zitate aus Sun Zis „Die Kunst des Krieges“ geben dem Buch einen Hauch von Beständigkeit.

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    Thomas A. Müller

    Von Troja bis PSYOPS – Facetten der psychologischen Kriegsführung
    Ibidem-Verlag,
    Stuttgart,
    358 Seiten
    ISBN 978-3-8382-0233-4

    http://de.wikipedia.org/wiki/Truppe_f%C3%BCr_Operative_Kommunikation

    http://de.wikipedia.org/wiki/Psychologische_Kriegsf%C3%BChrung

  2. Heckler&Koch-MAD-G-36-von-der-Leyen-IG&Metall-Affäre permalink
    8. Mai 2015 22:26

    G36-Affäre – Von der Leyen schickt Ex-Abteilungsleiter in den Ruhestand

    Der ehemalige Rüstungsdirektor wollte mithilfe des MAD kritische Berichte über das Pannengewehr verhindern. Womöglich müssen noch mehr Mitarbeiter mit Folgen rechnen.

    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-05/g-36-gewehr-heckler-koch-verteidigungsministerium-von-der-leyen

    Gewehr G36 – Die schützende Hand des Ministeriums über dem G36

    Heckler & Koch wollte den MAD anstiften, Journalisten zu bespitzeln. Und das ist nicht das einzig Seltsame beim Gewehr G36. Ein Untersuchungsausschuss soll nun aufklären.

    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-05/g36-heckler-mad-journalisten

    G36-Enthüllungen – Gewehrhersteller wollte Journalisten ausspähen

    Mehrere Medien haben über geheime Akten des Verteidigungsministeriums berichtet: Die Rüstungsabteilung und Heckler & Koch wollte gegen kritische Berichte vorgehen.

    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-05/mad-sollte-whistleblower-und-journalisten-ausspaehen

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