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Asoziale Republik Deutschland

20. Februar 2015

Armut in BerlinWohlfahrtsverband: Neuer Rekord bei Armut trotz sinkender Erwerbslosigkeit und exorbitant wachsenden Reichtums.

Von Jana Frielinghaus

Es war die häufigste Frage der anwesenden Medienvertreter in der Bundespressekonferenz am Donnerstag: Ist das Bild, das Sie da präsentieren, nicht »schrecklich überzeichnet«? Geht es »unseren« Armen nicht prima, wenn man das etwa mit Griechenland oder gar mit Ländern in Afrika vergleicht? Anlass dazu bot am Donnerstag der Bericht des Paritätischen Gesamtverbandes zur »regionalen Armutsentwicklung in Deutschland 2014«, den Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider in Berlin vorstellte. Im Report wird ein »sprunghafter Anstieg« des Anteils von Menschen unter der Armutsgrenze konstatiert. Er sei »so hoch wie noch nie« in den letzten 20 Jahren. Was die Dramatik von Armut in einem der reichsten Länder der Erde ausmacht? Es sei das dauerhafte Ausgeschlossensein eines wachsenden Anteils insbesondere junger Menschen von jeglicher gesellschaftlicher Teilhabe, betonte Schneider, gerade in Familien Langzeiterwerbsloser. Was die einkommensschwächsten 20 Prozent der Haushalte zur Verfügung haben, reicht eben nur fürs Überleben, nicht für Kino, Schwimmbad, Eisdiele, nicht für Reisen, Instrumentalunterricht – und zunehmend auch nicht mehr für eine angemessene medizinische Versorgung.

Der Bericht trägt den Titel »Die zerklüftete Republik«. Er weist darauf hin, dass sich, anders als noch im jüngsten Armutsbericht der Bundesregierung behauptet, die Schere zwischen Arm und Reich eben nicht zu schließen beginnt. Konkret: Die Zahl der finanziell und materiell Benachteiligten steigt und steigt, obwohl die deutsche Wirtschaft in den letzten Jahren boomte, die registrierte Erwerbslosigkeit sich verringerte. Zugleich erreicht das Vermögen eines kleinen Prozentsatzes Begüterter immer neue Dimensionen.

Im Bericht wird insbesondere die Entwicklung im Jahr 2013 gegenüber 2012 betrachtet sowie der Langzeittrend seit 2006. Innerhalb von nur einem Jahr ist demnach der Anteil der Armen von 15 auf 15,5 Prozent gestiegen. 12,5 Millionen Menschen müssen also mit Mitteln auskommen, die weniger als 60 Prozent des »gewichteten durchschnittlichen Einkommens« ausmachen. Für Singles sind das 890 Euro, für eine vierköpfige Familie 1.870 Euro monatlich. Dies entspricht ungefähr dem, was an Hartz-IV-Leistungen inklusive der Wohnkosten gezahlt wird.

Trend flächendeckend

Der Anstieg ist laut Report fast flächendeckend. Einen leichten Rückgang der Armutsquote konnten – ausgehend von einem ohnehin hohen Prozentsatz – lediglich Brandenburg und Sachsen-Anhalt verzeichnen. »Klarer Verlierer« im Ländervergleich ist Hamburg. Der Anteil von Menschen mit Niedrigeinkommen stieg gegenüber 2012 um 2,1 Punkte auf knapp 17 Prozent, womit die Hansestadt erstmals einen Wert deutlich über dem Bundesdurchschnitt verzeichnete. Das Bürgertum an Elbe und Alster dürfte es kaum stören. Die Hartz-IV-Partei SPD konnte am 15. Februar ihre absolute Mehrheit in der Bürgerschaft fast halten – und wird mit den Grünen ihre Politik fortsetzen, deren Ziel die Verringerung sozialer Gegensätze nie war. Auffällig beim Wahlergebnis: Auch in Hamburg ist die Partei der Nichtwähler mit 43,4 Prozent der Wahlberechtigten längst mit Abstand die größte. Die Sozialdemokraten repräsentieren also trotz ihrer 45,7 Prozent Stimmenanteil exakt ein Viertel der Bürger. Das Ergebnis zeigt einmal mehr, dass nahezu die Hälfte der Menschen im Land keinerlei Erwartungen mehr an die Vertreter der sogenannten repräsentativen Demokratie hat.

Absolut haben Bremen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern mit deutlich über 20 Prozent die höchsten Armutsquoten, die niedrigsten verzeichnen weiter Bayern und Baden-Württemberg mit etwas über elf Prozent. Drastisch ist der Abstand zwischen der ärmsten und der reichsten Gegend. Er wuchs seit 2006 von 18 auf 25 Prozentpunkte. Wohlhabendste Region war 2013 Bodensee-Oberschwaben mit 7,8 Prozent Armen – die rote Laterne hatte Bremerhaven mit 32,6 Prozent. In letzterer bezogen 38 Prozent der Kinder Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II bzw. Hartz IV. Der Anteil Einkommensschwacher wächst insgesamt besonders stark in Ballungszentren wie dem Ruhrgebiet bzw. dem Großraum Köln/Düsseldorf.

Wer das höchste Armutsrisiko trägt, ist hinlänglich bekannt, der Bericht wiederholt es: Erwerbslose (59 Prozent), Alleinerziehende (43 Prozent) und Menschen ohne oder mit niedrigem Bildungsabschluss. Eine weitere Risikogruppe wird von Jahr zu Jahr größer: die der Rentner. Denn bekanntlich wird insbesondere unter Neurentnern der Anteil von Menschen mit »gebrochenen Erwerbsbiographien« und vorangegangener Beschäftigung im boomenden Niedriglohnsektor immer größer. Noch, so Ulrich Schneider, sei die Armutsquote unter Ruheständlern mit 15,2 Prozent vergleichsweise »moderat«. Allerdings sei sie gegenüber 2006 bereits um knapp 50 Prozent angestiegen, im Durchschnitt aller Bevölkerungsgruppen nur um elf Prozent. »Unausweichlich« werde die Statistik für 2014 und erst recht für 2015 hier eine weitere »exorbitante« Erhöhung verzeichnen. (…)

Quelle: Junge Welt

7 Kommentare leave one →
  1. Die beste aller Welten, der Kapitalismus: 80 Menschen besitzen soviel wie 3,65 Milliarden Menschen. permalink
    21. Februar 2015 13:35

    Im Jahr 2016 wird nur 1 Prozent der Bevölkerung mehr Vermögen besitzen, als der Rest der Welt zusammengenommen. Das ist beinahe unvorstellbar. Eine weitere Berechnung zeigt, dass das Vermögen der 80 reichsten Menschen sich zwischen 2009 und 2014 verdoppelt hat und sie genauso viel besitzen, wie die ärmeren 50 Prozent der Weltbevölkerung zusammen.
    (Oxfam Studie http://www.oxfam.de/informieren/soziale-ungleichheit#nachricht-21937)

    • SPIELGELD FÜR ALLE permalink
      23. Februar 2015 20:13

      ES GEHT UM DIE
      PRODUKTIONSMITTEL
      !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    • Mein ja nur mal so zwischendurch permalink
      25. Februar 2015 01:27

      Was spielt es für eine Rolle, ob nun 80 oder 388 oder nur noch 1 im Jahre 2023?
      Und dann noch dieser „Besser gleich! Schließt die Lücke zwischen Arm und Reich!“-Quatsch … arrrgh

  2. Die Reichtumsuhr tickt permalink
    21. Februar 2015 13:40


    (25.03.2011) Wie soll dieses schier unglaubliche Vermögen, das fast dreimal so schnell wächst wie die Staatsverschuldung, jemals ausgegeben werden?
    ———————-
    Den 2 Billionen Euro Staatsverschuldung stehen in Deutschland 7,2 Billionen Euro Nettoprivatvermögen gegenüber.
    Den 14 Billionen Dollar Staatsverschuldung stehen in den USA 36 Billionen Dollar Nettoprivatvermögen gegenüber.

  3. Der größte Feind des Kapitalismus ist eine organisierte und vereinte Arbeiterklasse permalink
    24. Februar 2015 20:21

    Capitalism’s War on Democracy

    Black Agenda Report’s Glen Ford says capitalism’s greatest foes are an organized and united working class – February 24, 2015

    Source: http://therealnews.com/t2/index.php?option=com_content&task=view&id=31&Itemid=74&jumival=13281

  4. Arbeitsmarkt im Februar 2015: permalink
    27. Februar 2015 10:40

    Arbeitsmarkt im Februar 2015

    5,274 Millionen “Arbeitslosengeld-Empfänger/innen” (SGB III und SGB II)
    4,371 Millionen Arbeitslosengeld II-Empfänger/innen – 63.000 (1,4%) weniger als im Feb. 2014
    3,017 Millionen registrierte Arbeitslose – 121.000 (3,9%) weniger als im Februar 2014
    Veränderungsraten (registrierte Arbeitslose) in den Ländern (Februar 2014 – Februar 2015):
    Männer und Frauen: –9,1% in Brandenburg bis +2,0% in Bremen
    Frauen –8,2% in Mecklenburg-Vorpommern bis +0,9% in Bremen (Bund: -4,1%)
    Männer: -9,9% in Brandenburg bis +2,8% in Bremen (Bund: -3,6%) unter 25 Jahre: -28,7% in Brandenburg bis +1,2% in
    Baden-Württemberg (Bund: -9,3%)
    65,7% der Arbeitslosen sind im Rechtskreis SGB II (Hartz IV) registriert (Februar 2014: 64,8%)…
    Von den 3,017 Millionen Arbeitslosen waren 1,034 Millionen (34,3%) im Rechtskreis SGB III (bei den 156 Arbeitsagenturen!) und 1,983 Millionen (65,7%) im Rechtskreis SGB II (bei den 408 Jobcentern!) registriert.
    Als Arbeitsuchende waren im Februar 2015 insgesamt 5,029 Millionen Frauen und Männer registriert, 127.000 (2,9%) weniger als im Februar 2014.
    Die von der Statistik der BA ermittelte „Unterbeschäftigung ohne Kurzarbeit“ betrug im Februar 2015 3,888 Millionen, 173.000 (4,3%) weniger als im Februar 2014.
    Nach vorläufigen, hochgerechneten Daten hatten im Februar 2015 1,016 Millionen (arbeitslose und nicht arbeitslose) Frauen und Männer Anspruch auf das beitragsfinanzierte Arbeitslosengeld (SGB III) und 4,371 Millionen Anspruch auf Arbeitslosengeld II. Bereinigt um die Zahl der etwa 113.000 sog. Aufstocker/ Parallelbezieher (Bezug von Arbeitslosengeld und Arbeitslosengeld II) hatten im Februar 2015 etwa 5,274 Millionen erwerbsfähige Frauen und Männer Anspruch auf Arbeitslosengeld (SGB III) und/oder Arbeitslosengeld II, „113.000 Menschen weniger“ als ein Jahr zuvor. (vgl. BA-Monatsbericht, S. 21 ; BA-Monatsbericht 06/2014: Februar 2014: 5,387 Millionen http://www.arbeitsagentur.de/web/content/DE/Presse/Presseinformationen/ArbeitsundAusbildungsmarkt/Detail/index.htm?dfContentId=L6019022DSTBAI728576 )
    http://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Monatsbericht-Arbeits-Ausbildungsmarkt-Deutschland/Monatsberichte/Generische-Publikationen/Monatsbericht-201502.pdf

    Quelle: Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ)
    http://biaj.de/images/stories/2015-02-26_alo0215t.pdf

  5. heiliger Pazifissimus permalink
    27. Februar 2015 19:22

    Da hilft nur vegan werden und gendern! Alles andere prallt an den Besitzenden ab.

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