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Interview mit dem Institut für Syndikalismusforschung

15. Februar 2015

syfotischDas folgende Interview führte das Polit-Punk-Fanzine „Underdog“ mit dem Bremer Institut für Syndikalismusforschung.

In den letzten acht Jahren ist die syndikalistische Bewegung in Deutschland nicht nur zahlenmäßig kräftig angewachsen, sondern sie hat sich auch ausdifferenziert. Zu nennen ist dabei besonders die Renaissance der anarcho-syndikalistischen Jugendbewegung seit 2008. Das Institut für Syndikalismusforschung (Syfo) verfolgt die Aufgabe, die praktischen Aktivitäten der syndikalistischen Bewegung auf historisch-theoretischer Ebene zu begleiten. Dazu gehören die Tätigkeitsbereiche: Forschen, Archivieren, Publizieren, sowie die Beratung im Sinne freiheitlich-emanzipatorischen Wirkens.

Die Mitarbeiter des Instituts stammen alle aus der syndikalistischen Bewegung, waren, bzw. sind dort über viele Jahre in hohen Funktionen aktiv gewesen. Syfo ist eine Bildungseinrichtung von unten. „Wir erkunden, sichern, erschließen, archivieren, leisten Quellenkritik, stellen zusammen, entwickeln Fragestellungen, recherchieren, konzipieren, erarbeiten, schreiben, korrigieren, layouten, werben, beraten, leisten Recherchehilfen, interviewen, stellen Kontakte her, arbeiten mit anderen Projekten zusammen, aktualisieren unseren Weblog, bauen unser Informationsportal aus, geben ein Jahrbuch heraus, entwickeln Strategien, reflektieren und hinterfragen uns, stehen fest auf dem Boden.

Das alles leisten wir ohne Bezahlungen, Zuschüsse, oder Förderungen und ohne Gejammer darüber, wie schwer doch alles sei! Wir sagen: Wer wirklich will, kann es erlernen und tun! Forschung ist für uns Handwerk mit allem drum und dran.“

«Anarcho-Syndikalismus (ob als große Bewegung oder nur als eine Idee) fängt immer bei einem selbst an, sowohl in der kleinen Tat als auch im Bewusstsein.»

Anarchosyndikalismus in Deutschland hat eine lange Tradition, die bis zur innersozialdemokratischen und -gewerkschaftlichen Opposition am Ende des 19. Jahrhunderts zurückreicht. Warum seht ihr euch der Geschichte verpflichtet, die historisch-theoretischen Aktivitäten zu erforschen und zu archivieren?

Erstmal Danke, dass ihr uns ansprecht. Wir freuen uns sehr, hier unsere Ansichten darlegen zu können. Bei uns heißt es, dass es sich das Institut für Syndikalismusforschung zur Aufgabe gemacht hat, „die Aktivitäten der heutigen anarcho-syndikalistischen Bewegung historisch-theoretisch zu begleiten“. Das Archivieren ist nur ein Teil davon. Geschichte soll selbständig und unabhängig von prokapitalistischen Institutionen aufbereitet werden, um sie möglichst facettenreich, stichhaltig und präzise interpretieren zu können. Denn es geht darum, die Geschichte für heute, für die Genossinnen und Genossen nutzbar zu machen.

Darüber hinaus ist das Ziel, die gesamte syndikalistische Bewegung zu stärken. Wie gelingt das?

Praktisch gesehen vermindert unsere Tätigkeit das Arbeitsvolumen derjenigen Basisgruppen (nicht nur syndikalistische, auch andere libertäre Gruppen – Antifaschisten usw.), die mit uns zusammenarbeiten. Denn wir bieten praktische und zügige Hilfestellungen, beispielsweise mit Kontakten, Empfehlungen, Hinweisen, Beratungen, Materialien und auch Publikationsmöglichkeiten. Alles dies wäre sonst mühselige doppelte Arbeit. Bei vergangenen Regionalstudien und Buchprojekten zur Geschichte der syndikalistischen Arbeiterbewegung haben wir bereits mit anarcho-syndikalistischen Aktivisten vor Ort sowie mit Zeitzeugen zusammengearbeitet (Württemberg 2006, Bayern 2007, Schlesien 2012, Schleswig-Holstein 2012) und haben das auch für künftige Studien vor. So sehen durch ihre tatkräftige Mithilfe auch Menschen ein Staatsarchiv von innen, die es sonst nie betreten hätten…und sind begeistert, was sie darin finden können. In Leipzig unterstützten wir kürzlich durch unser fachliches Know-how eine Stolpersteininitiative der dortigen „Anarcho-Syndikalistischen Jugend“ (ASJ) und der „Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter Union“ (FAU) für einen von den Nazis ermordeten Anarcho-Syndikalisten. Häufig erreichen uns Anfragen zu themenspezifischen Schulaufsätzen, Seminararbeiten und Abschlussarbeiten an Hochschulen und Universitäten. Theoretisch möchten wir dazu beitragen, das Reflektionsniveau zu stärken, sowie die Qualität der Analysen und der Erkenntnisgewinne zu erhöhen. Das gelingt am besten über die Zusammenarbeit von Basisgruppen in vielen gesellschaftlichen Tätigkeitsbereichen. Darüber hinaus vermitteln wir auch einfache Grundbildung, geben Klassiker heraus. Genauso, wie die bürgerliche Gesellschaft ihre Universitäten hat, so muss eine revolutionäre Alternative zum Kapitalismus und zum politischen Zentralismus (Staat) Bildungseinrichtungen herausformen, die im Sinne und auf dem Weg zu einer freien Gesellschaft tätig sind. Nur eine Bewegung, die fundiert, hochwertig und kontinuierlich ihre eigene Geschichte reflektiert und hinterfragt, also über ein gewisses Maß an Tradition und über historische Substanz verfügt, wird ernst genommen und Menschen überzeugen können.

Wir arbeiten ehrenamtlich und finanziell unabhängig. Auch der Schulabschluss ist bei uns nicht entscheidend. Wir sind der Auffassung: Jede/r kann forschen!

Allerdings geht es ja nicht nur um Informationen zu Personen, kulturrevolutionärer Aufklärung oder Aufarbeitung historischer Aktivitäten, sondern auch um Intervention bei „bedeutenden und aktuellen Fragen“. Welche sind das und wie genau sieht eine praktische und erfolgreiche Intervention aus?

Wir sind unter anderem präsent:

– zu 100 Jahre Erster Weltkrieg mit eigenen Studien, Büchern und auf Veranstaltungen. Es ist wichtig, in diesem medial sehr exponierten historischen Feld eigene anarcho-syndikalistische Akzente zu setzen, was uns in internationaler Zusammenarbeit mit syndikalistischen und anarchistischen Forschern rund um den Globus, sowie in Kooperation mit Verlagen und Vertrieben hervorragend gelingt. Ausdruck dessen sind die Bücher „Syndikalismus in Deutschland 1914-1918“ (2013) und „Ehern, tapfer vergessen. Die unbekannte Internationale!“ (2014), die beide im Verlag Edition AV in der Reihe „AnarchistInnen & SyndikalistInnen  und der Erste Weltkrieg“ erschienen sind.

– zum Dauerkonflikt innerhalb der heutigen „Internationalen ArbeiterInnen Assoziation“ (IAA), der besonders für Basisgruppen der FAU von Bedeutung ist. Martin Veith erarbeitete hierzu 2010 die Broschüre „Warum IAA? Zu den Entwicklungen in der Internationalen Arbeiter-Assoziation seit 1996“. Diese findet immer dann erhöhten Absatz, wenn alle paar Jahre innerhalb der FAU ein Verbleiben in der IAA diskutiert wird.

– zu den anarcho-syndikalistischen Organisationsbemühungen und Streiks im Gastronomiebereich (Dresden 2013) haben wir in unserem Jahrbuch durch einige Rubriken hindurch entsprechende Schwerpunkte gesetzt und beleuchtet, wie damals und in anderen Ländern die Kellner Arbeitskämpfe geführt haben. Hierzu fanden wir es sogar nützlich, eine Folge von „Deep space Nine“ zu besprechen. Mit der initiierenden FAU in Dresden stehen wir in Kontakt.

Die historische anarchistische Bewegung war Teil der Arbeiterbewegung. Welche Bedeutung hat die Anarcho-Syndikalistische Bewegung für die ArbeitnehmerInnen heutzutage noch?

Zu aller erst möchten wir deine Frage gleich nutzen, um darauf hinzuweisen, wie Sprache innerhalb einer Klassengesellschaft manipulierend wirkt. Nicht wir Lohnabhängigen sind „Arbeitnehmer“, sondern die Kapitalisten, die von unserer Ausbeutung leben. Der Begriff „Arbeitnehmer“ in Bezug auf Lohnabhängige, ist ein Kampfbegriff, der die tatsächlichen Gegebenheiten verschleiern soll. Denn es ist genau andersherum: Wir als Lohnabhängige sind die „Arbeitgeber“, wir sind gezwungen, unsere Arbeitskraft, Gesundheit und Lebenszeit an die Kapitalisten, die „Arbeitnehmer“ zu verkaufen. Zumindest solange, wie wir nicht stark genug sind, das kapitalistische Ausbeutungssystem zu beenden.

Auf Deutschland bezogen waren die anarchistische Bewegung einerseits und die anarcho-syndikalistische Bewegung andererseits zwei unterschiedliche Organisationsformen. Sie sind keinesfalls in eins zu setzen. Die anarchistischen Organisationen hatten in den 1920er Jahren einen Höchstmitgliederstand von etwa 500 Menschen und organisierten sich zumeist in der „Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands“ (FKAD). Die anarcho-syndikalistische „Freie Arbeiter-Union Deutschlands“ (FAUD) zählte hingegen bis zu 150.000 Mitglieder. Insofern kann man sagen, dass der Anarchismus zwar einen großen Einfluss auf die syndikalistische Gewerkschaftsbewegung hatte und dort bedeutende Persönlichkeiten stellte {Rudolf Rocker oder Augustin Souchy(1)}, als eigenständige soziale Bewegung allerdings nur eine marginale Rolle spielte, beispielsweise im Jugend- oder im Siedlungsbereich.

Die Frage der Bedeutung des Anarcho-Syndikalismus ist vor allem die nach seinem Potenzial. Denn nichts fürchtet die sozialdemokratische Gewerkschaftsbürokratie mehr als die Selbstorganisation der Arbeiter, während sie andererseits mit den kaiserlichen Kriegstreibern 1914 einträchtig zusammenarbeitete und später bei den Nazis einfach nur das Pech hatte, dass diese sich nicht auf ihre ekelhaften Anbiederungen einließen (Nazis und ADGB feierten zusammen den 1. Mai 1933!), sondern die Nazis die Zentralgewerkschaften verboten. Auch heute noch reagieren die DGB-Gewerkschaften allergisch auf alles, was sich außerhalb ihrer Kontrolle selber organisiert und bekämpfen es mit allen Mitteln. Das würden sie nicht tun, wenn sie anarcho-syndikalistische Ansätze und die Alternativen nicht fürchten würden. Dazu zählen seit jeher: föderalistische Organisationsprinzipien, ein konsequenter Antimilitarismus (nicht Pazifismus!), die globale gegenseitige Hilfe und Klassen-Solidarität, die Methoden der „Direkten Aktion“ und des Klassenkampfes und der sozialrevolutionäre Anspruch auf Erschaffung einer freien und klassenlosen Gesellschaft. Real sieht es jedoch so aus, dass der Anarcho-Syndikalismus noch auf eine ideelle Bedeutung beschränkt ist und eine gesamtgesellschaftliche Relevanz in Deutschland nicht besitzt.

Anarcho-Syndikalismus (ob als große Bewegung oder nur als eine Idee) fängt immer bei einem selbst an, sowohl in der kleinen Tat als auch im Bewusstsein. Betrieblich geht es darum, für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen die bessere Alternative zu haben und damit bei Kollegen durch die erfolgreiche Tat werben zu können.

Generalstreiks sind in Deutschland juristisch nicht vom Streikrecht gedeckt und somit rechtswidrig. Dabei ist das eine wirkungsvolle Waffe. Hat die Arbeiterkasse ihren Mut verloren? Wie kann innerhalb der Arbeiterschaft eine geistige Umstellung erreicht oder zumindest ermöglicht werden?

Auch die Arbeiterschaft in Deutschland war stets vom Untertanengeist erfasst. Ruft die SPD (1920) zum Generalstreik auf, wird gestreikt, tut sie es nicht (1933), wird nicht gestreikt. Außer in regionalen Ausnahmen (die jedoch sehr spannend sind) hatte die Arbeiterklasse in Deutschland nie den Mut, eigenständig kollektiv zu handeln. Es ist ein Mythos, dass die Arbeiterschaft als ganze in Deutschland einmal bedeutend revolutionärer eingestellt war als sie es heute ist. Sie folgte 1914 der SPD in den Krieg, einigte sich 1933 nicht zum Generalstreik und organisierte sich auch nach 1945 in den gleichen reaktionären, zentralistischen Gewerkschaften, die für die Diktaturen und Kriege mitverantwortlich waren. Geistige Umstellung, denn darum geht es tatsächlich in erster Linie, funktioniert immer über umsichtige und geduldige Kleinarbeit. Über das Vertrauen der Kollegen, was meistens die Kontinuität vieler Jahre erfordert, genauso wie die Lernprozesse. Die Kapitalisten hatten stets die Möglichkeit, das, was man in mühevoller und jahrelanger Kleinarbeit aufgebaut hat, innerhalb nur weniger Monate zu zerstören. Zunehmende Zentralisierung und modernere Technik zum Beispiel in der Überwachung, im Repressionsapparat oder auch in der Propaganda machen es ihnen leichter, gezielter und wirksamer in basisgewerkschaftliche Strukturen und Kulturen zu intervenieren, anarcho-syndikalistische Anfänge im Keim zu ersticken, ihnen systematisch beispielsweise über betriebssoziologische Erkenntnisse oder Städteplanung den Nährboden zu entziehen, von der täglichen Verdummungs- und Desinformationspropaganda der Massenmedien ganz zu schweigen. So wurden zum Beispiel proletarische Milieus zerstört oder bürgerliche Kräfte positiv sanktioniert. Sie beobachten nicht zuletzt über ein Heer an Wissenschaftlern gesellschaftliche Trends sehr genau und festigen damit ihre Herrschaft. Sie verfügen inzwischen über Möglichkeiten, von denen Wilhelm II, Alfred Hugenberg, Adolf Hitler oder auch die Stasi nicht zu träumen wagten.

Nötig ist die Herstellung von Klassenbewusstsein und das Selbstwertgefühl der Arbeiterschaft zu steigern, das am Boden liegt. Auch kulturelle Werte wie die Gegenseitige Hilfe, die Solidarität sind nach wie vor Schätze, die es gegen die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft zu verteidigen und auszubauen gilt. Ansatzpunkte gibt es in der modernen Hartz IV-Gesellschaft, der neuen Armut zuhauf. Es gilt, sich auf die wirtschaftlichen Krisenzeiten optimal vorzubereiten, um als eine glaubwürdige Alternative auftreten zu können – in Konkurrenz beispielsweise zu Kirchen, Faschisten, Esoterikern, Scientologen, Islamisten, der breit gefächerten Sozialdemokratie und anderen Reaktionären. Denn diese sind Wölfe im Schafspelz, die sich als soziale Instanzen und Seelenretter aufspielen (werden).

Auch zum Thema Generalstreik mit Bezug zu heute gibt’s von uns ein Buch mit dem Titel „Abwehrstreik…Proteststreik…Massenstreik? Generalstreik! Streiktheorien und –diskussionen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie vor 1914. Grundlagen zum Generalstreik mit Ausblick“ (Edition AV, 2009).

Gab es eigentlich einen großen nennenswerten Streik in Deutschland?

Ab wann ist ein Streik nennenswert? Welche Kriterien muss so ein Streik erfüllen? Unserer Auffassung nach erreichen Streiks erst dann eine relevante Bedeutung für die Gesellschaft, wenn hinter ihnen Bewegungen stehen, die durch ausreichende Kompetenzen auch in der Lage sind, eine umfassende gesellschaftliche Umgestaltung vornehmen zu können. Andernfalls wird eine Streikbewegung in jedem Falle besiegt werden. Zu den größten Erhebungen in Deutschland zählen die Streiks der Revolutionsjahre 1918/19 und der Generalstreik gegen den Kapp-Putsch im Jahre 1920. Aber nicht einmal diese hatten die Kraft, den Kapitalismus abzuschaffen, da sie regional begrenzt waren und dadurch militärisch niedergeschlagen werden konnten. Zunächst regional und branchenspezifisch begrenzte Streiks können neben ihrer Funktion als Druckmittel für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen die Arbeiterschaft anderer Branchen ermutigen und beispielgebend wirken. Einzelnen Streiks müssen Solidaritätsstreiks folgen. Wenn beispielsweise die „Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer“ streikt, müssen zeitnah andere Berufe in der Verkehrsbranche folgen, die Bus- und Bahnfahrer, die Taxifahrer, Piloten usw. Solange der Geist der Solidarität nicht einsetzt, jede Gewerkschaft für sich alleine kämpft, bleiben sie isoliert und erreichen langfristig wenig. Lohnerhöhungen werden einfach auf die Preise, beispielsweise für Lebensmittel, wieder draufgeschlagen. Daher müssen Streiks von breiten Konsumbewegungen begleitet werden, Stichworte: Boykottbewegungen und Alternativen durch Selbstversorgung und Genossenschaftsmodelle. Dann ist die Bewegung auch irgendwann in der Lage, die kapitalistische Wirtschaftsweise zu ersetzen. Es gab dennoch immer wieder vergleichsweise kleine aber deshalb nennenswerte Streiks, weil sie selbstorganisiert wurden, unabhängig von den prokapitalistischen DGB-Gewerkschaften. Dies ist die Basis für überhaupt alle größeren Streiks, die sich deren Kontrolle weitgehend oder am besten ganz entziehen können. Dazu gehören die Streikbewegung bei Ford (Köln) im Jahre 1973 oder auch diejenigen gegen die Schließungen der Werften („AG-Weser“) in Bremen zu Beginn der 1980er Jahre.

Im internationalen Vergleich wird in Deutschland nach wie vor relativ wenig gestreikt. Deutschland hat im mehrjährigen Durchschnittsvergleich fast das niedrige US-amerikanisches Niveau erreicht. Die Arbeitskampfintensität in anderen Ländern wie Frankreich, Italien, Skandinavien ist enorm hoch. Die niedrige Konfliktintensität in Deutschland legt andererseits den Schluss nahe, dass die tariflichen Arbeitskämpfe schnell befriedet werden, dass die gewerkschaftliche Durchsetzungsfähigkeit schnell zum Erfolg führt?

Das ist eine sehr lange Geschichte von über 100 Jahren, mit der man sich genau befassen sollte. Welche Mittel zur Klassenbefriedung und zur Stabilisierung der Klassenverhältnisse kamen und kommen zur Anwendung? Was machte sie so effektiv? Welche kulturellen und (massen-) psychologischen Voraussetzungen (Untertanengeist) fanden sie in Deutschland vor, und warum weniger in anderen Ländern? Stichworte für die historische Auseinandersetzung sind: Organisationszwang durch sozialdemokratische Zentralgewerkschaften, Betriebsverfassungsgesetze, Tarifvertragsgesetze, Schlichtungsordnungen. Diese strukturellen Befriedungsmaßnahmen und die umfassende Kontrolle bzw. der Druck durch die zentralistischen sozialdemokratischen Gewerkschaften waren derart wirksam, dass militärische Einsätze gegen die Arbeiterschaft kaum nötig wurden. Dieser äußerst vielschichtige Gesamtkomplex birgt ein sehr weites Feld an wissenschaftlichen Disziplinen (Geschichte, Soziologie, Psychologie, Kulturgeschichte, Literaturwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Politologie, Rechtswissenschaften…), sollte interdisziplinär erforscht werden und ist für uns stets ein zentraler Untersuchungsgegenstand.

«Eine neue syndikalistische Bewegung braucht Klassenbewusstsein und Zusammengehörigkeitsgefühl»

Das Streikvolumen ist gerade im Dienstleistungssektor hoch. Doch gerade im Niedriglohnsektor gibt es ein hohes Potential einer Konfliktbereitschaft. Allerdings gibt es hier keinen oder nur einen geringen Organisationsgrad der Beschäftigten. Welche Gegenstrategien aus anarchosyndikalistischer Perspektive wären hilfreich, sich dieser Klientel anzunähern?

Historisch und international als auch regional betrachtet gedieh der Anarcho-Syndikalismus immer dort, wo neue Industrie(bereiche) entstanden und eine sozialdemokratisch-zentralistische Arbeiterorganisation noch nicht Fuß gefasst hatte. In Deutschland betrifft dies aktuell selbstverständlich den Dienstleistungssektor, da die industrielle Produktion in andere Länder ausgelagert wird, wo für die Kapitalisten die Produktionskosten, insbesondere die Personalkosten geringer sind. Der geringe zentralgewerkschaftliche Organisationsgrad spielt dem Anarcho-Syndikalismus in die Hände. Betrieblich muss er also genau hier ansetzen. Hinzu kommt, dass prekär beschäftigte Kollegen tendenziell eine höhere Risiko- und damit Arbeitskampfbereitschaft haben. Sie bauen ihre Lebensplanung – so sie überhaupt noch eine haben – nicht längerfristig auf, wie es ihre sozial abgesicherten Kollegen noch tun können. Hinderlich ist hierbei, dass viele Kollegen durch die vorherrschende Propaganda dennoch in ihren Träumen bestärkt werden, gesellschaftlich aufzusteigen. Je eher sie sich von solchen Phantastereien befreien und stattdessen auf die Kraft solidarischer Kollegen und Milieus setzen, desto eher können sie mit anderen zusammen auch Vorteile für sich selber erzielen. Es muss klar gemacht werden, dass sich die wirtschaftlichen Verhältnisse auf Dauer nicht zum besseren wenden, und dass es besser ist, von unten aus gegen oben zusammenzuhalten, statt auf die individuelle Lösung zu setzen und sich dem Bürgertum anzubiedern. Das betrifft dauerhaft die prekär Beschäftigten und die typischen Produktions- und Dienstleistungssektoren. Erfahrungen zeigen zudem deutlich auf, dass Kollegen aus manchen anderen Ländern kämpferischer sind. Und jene sind in den neuen Dienstleistungs- und Produktionsbereichen häufiger anzutreffen als woanders. Zugute kommt dem Anarcho-Syndikalismus nicht nur deshalb sein internationaler Charakter. An die Stelle von Standortnationalismus tritt die internationale Organisation der Arbeiterklasse mit Unterstützung aus aller Welt.

Mit dem Aufbau von unabhängigen und selbstbewussten anarcho-syndikalistischen Betriebsgruppen muss die Organisation von außerbetrieblichen Milieus einhergehen: Treffpunkte, Konsumgenossenschaften, Bildungsvereine, Sportvereine, feste Orte für Veranstaltungen und Vergnügungen, etc. Wichtig ist die Herausbildung und Festigung eines kollektiven, von bürgerlichen Einflüssen möglichst freien Bewusstseins, das eigenständiges und perspektivisches Denken und Handeln ermöglicht, um eine neue und freie Gesellschaft überhaupt anzudenken und aufzubauen.

Zusammengefasst: Eine neue syndikalistische Bewegung braucht Klassenbewusstsein und Zusammengehörigkeitsgefühl.

In Bremen gibt es einige DGB-unabhängige Branchenvereinigungen und Betriebsgruppen, beispielsweise im Hafenbetrieb, im Gesundheitsbereich oder unter den Taxifahrern. Das heißt nicht, dass diese anarcho-syndikalistische Ziele verfolgen, aber ihrem Ansatz nach sind sie schon interessant. Informationen dazu gibt es bei der IWW-Bremen, im Ladenlokal „Resonanz“ in der Hohentorsheerstrasse/Ecke Lahnstrasse in der Neustadt(2). Wer Lust hat, kann auch bei der FAU-Bremen reinschauen(3).

Anarchisten gelten in weiten Teilen der Gesellschaft als Bombenleger und Chaoten. Wie und womit kann die Syfo mithelfen, dieses gesellschaftliche Bild zu ändern?

„Reine“ Anarchisten (sog. „Anarchisten ohne Adjektive“) oder Neo-Anarchisten gelten nicht ohne Grund als chaotisch. Das ist kein Jugendproblem, sondern generationenübergreifend und keinesfalls nur auf bestimmte Regionen in Deutschland bezogen. Es ist bezeichnend, wenn wir trotz „Zusammenarbeit“ mit ihnen auf zuverlässige und funktionierende kapitalistische Infrastruktur ausweichen müssen, weil heutige Anarchisten die einfachsten Handgriffe und Selbstverständlichkeiten nicht geregelt bekommen. Dazu gehören beispielsweise Pünktlichkeit, das Einhalten von Absprachen, Konfliktfähigkeit oder die Fähigkeit, ein Projekt wie geplant bis zum Ende durchzuziehen, also insgesamt ein sehr viel höheres Maß an Selbstdisziplin und Standvermögen. Die gängige Praxis sieht so aus, dass Anfragen nicht beantwortet werden, dass Verantwortlichkeiten nicht geklärt sind und dass perspektivisches, strategisches und langfristiges Denken keine Rolle spielen. Nicht wenige kapitalistische Betriebe sind besser organisiert. Der Anarchismus in Deutschland ist weit davon entfernt, das Gegenteil zu beweisen – Von den ganzen inhaltlichen Eskapaden ganz zu schweigen: Fehlende Inhalte werden zu häufig ersetzt durch modebedingte „Ismen“ und „politische Korrektheiten“ – neue Götzen, denen viele Aktivisten duckmäuserisch, angepasst, kritiklos und willfährig folgen, wie die Schafe dem Hirten. Solange der Anarchismus insgesamt ein derart obskures Bild von sich abgibt, macht es keinen Sinn und es wäre gelogen, ein besseres Bild von ihm in der Gesellschaft zeichnen zu wollen.

Leider trifft das auch auf nicht wenige anarcho-syndikalistische Gruppen zu, wenngleich weniger ausgeprägt. Was uns angeht, forschen wir in erster Linie zum Thema Syndikalismus. Anarchismus ist zwar ein verwandtes, aber zumindest organisationsgeschichtlich – was Deutschland betrifft – ein anderes Feld. Dennoch möchten wir betonen, dass wir uns sehr über diejenigen anarchistischen Aktiven und Gruppen freuen, mit denen wir tatsächlich produktiv und verbindlich zusammenarbeiten können.

Es lohnt sich dennoch, Blicke in die anarchistische Vergangenheit zu werfen, da es in Deutschland zum Beispiel mit Erich Mühsam einen bedeutenden Aktivisten gegeben hat, dessen Werk auch für die anarcho-syndikalistische Bewegung von großer Bedeutung war. Dasselbe gilt für das Schaffen von Michael Bakunin, Peter Kropotkin oder das von Francisco Ferrer. Alle diese Grundlagen, die sie schufen, sind auch für unsere Forschungen elementar. Wir beziehen uns auf den klassischen kommunistischen Anarchismus. Dem Neoanarchismus hingegen stehen wir sehr kritisch gegenüber. Unsere Forschungen zu diesem Bereich des Anarchismus erstrecken sich auch auf Rumänien. Anhand der Biographie über den Anarchisten Panait Mușoiu („Unbeugsam – Ein Pionier des Rumänischen Anarchismus – Panait Mușoiu“, erschienen 2013 bei Edition AV), ließ sich die Geschichte des Anarchismus in diesem Land nachzeichnen. Auch hier offenbaren sich Seiten des Anarchismus, die äußerst lehrreich und für den Syndikalismus von Bedeutung sind. Vielleicht sollten wir – auf den Anarchismus übertragen – das bedenken, was George Orwell über den Sozialismus und seine „Fruchtsaftapostel“ ausgesprochen hatte: „Der Sozialismus, wie er heute dargestellt wird, ist vor allem deshalb unattraktiv, weil er als Spielzeug von verdrehten Leuten, Doktrinären, Salon-Bolschewiken und so weiter erscheint. Aber es lohnt sich zu bedenken, dass das nur deshalb so ist, weil man zugelassen hat, dass die verdrehten Menschen, Doktrinäre etc. zuerst dorthin gekommen sind; wenn die Bewegung von besseren Köpfen und einer elementaren Anständigkeit durchdrungen wäre, würden die unangenehmen Typen aufhören, sie zu dominieren. […] Vor dem Sozialismus zurückschrecken, weil so viele Sozialisten inferiore Leute sind ist so absurd, wie das Reisen im Zug abzulehnen, weil man das Gesicht des Schaffners nicht leiden kann“(4). Und was das Bombenlegen angeht: Man kann gut darauf aufmerksam machen, dass Staaten und religiöse Vereinigungen, Neonazis, oder manchmal auch Bündnisse aus diesen Gruppen, diejenigen sind, die Bomben werfen und viele Menschen aus niedrigen Beweggründen töten. Sie führen sogar Bombenkriege mit Millionen von Toten.

«Tatsächlich lässt sich historisch und global feststellen, dass eine freiheitlich-emanzipatorische Wirkungsmächtigkeit fast ausschließlich über den Anarcho-Syndikalismus entfaltet werden konnte(…)»

Der Anarchismus ist berüchtigt für die Vielfältigkeit seiner Ausprägungen. Was vereint Anarchismus? Wo sind eurer Meinung nach Übereinstimmungen, mit denen die praktische Wirkungsmächtigkeit gestärkt werden kann?

Wir denken, dass eine praktische Wirkungsmöglichkeit nicht von einem Neoanarchismus ausgehen kann, der sich – ganz zu schweigen von seinem chaotischen Zustand und seinem inhaltlich schwachen Niveau – durch weitgehende Beliebigkeit auszeichnet. Der Blick auf mögliche Schnittmengen im klassischen Anarchismus kann jedoch konstruktiv sein. Schon vor hundert Jahren erkannten nicht wenige Anarchisten, dass der Anarcho-Syndikalismus eine konkrete und konstruktive Weiterentwicklung der anarchistischen Theorie darstellt, genauso, wie reine Syndikalisten damals als zunächst „Nur-Gewerkschafter“ positive Elemente in anarchistischen Ideen sahen und annahmen. Tatsächlich lässt sich historisch und global feststellen, dass eine freiheitlich-emanzipatorische Wirkungsmächtigkeit fast ausschließlich über den Anarcho-Syndikalismus entfaltet werden konnte, da es dort über die „Arbeiterbörsen des Syndikalismus“ ein weitreichendes Programm zur Umgestaltung der gesellschaftlichen Organisation gab und mit klassenkämpferischen Gewerkschaften auch die Mittel dazu. Der reine Anarchismus hingegen blieb fast immer marginal und unbedeutend (auch in Spanien hatte die anarchistische „Federación Anarquista Ibérica“ (FAI) nur einen Bruchteil der Mitglieder, die die anarcho-syndikalistische „Confederación Nacional del Trabajo“ (CNT) hatte). Für den Anarcho-Syndikalismus bedeutend sind – das muss betont werden – die Prinzipien des kommunistischen Anarchismus, die auf den russischen Philosophen Peter Kropotkin zurückgehen.

Zumindest in den sogenannten „Neuen Sozialen Bewegungen“ finden sich Aspekte der anarcho-syndikalistischen Bewegung wieder. Gab und gibt es eurerseits Interesse an einem politischen Mitwirken bei z.B. kapitalismuskritischen, globalisierungskritischen NGO’s?

Wir pflegen reichliche und fruchtbare Kontakte zu bürgerlichen und „linken“ Aktivisten und Forschern. Grundsätzlich jedoch arbeiten wir lieber mit sozialrevolutionären und klassenkämpferischen Organisationen zusammen.

Syfo ist eine Bildungseinrichtung von unten. Wie entscheidend ist denn bspw. die Jugendarbeit und wie kann bei der Jugend eine anarcho-syndikalistische Aufgeklärtheit erreicht werden? Gibt es in diesem Zusammenhang erfolgreiche Konzepte?

Wir unterhalten stetig Kontakte zu Jugendgruppen. Das Institut war 2014 zum bundesweiten Sommercamp der „Anarcho-Syndikalistischen Jugend“ (ASJ) eingeladen und steht auch sonst in regem Austausch zu Aktivisten. Das betrifft allgemein den Bildungsbereich – und den Wissenschaftsbereich im Besonderen. Das Konzept sieht so aus, dass das Institut auf Nachfrage/Wunsch eine beratende Funktion einnimmt. Hinzu kommt, dass wir von der Jugend Impulse dafür bekommen, wie wir inhaltlich unsere Forschungstätigkeiten ausrichten. Damit versuchen wir, die aktuellen Sachlagen und Fragen mit der Historie zu verbinden. Beispielsweise gibt es Dauerbrenner, die in den Basisgruppen und gruppenübergreifend immer wieder neu diskutiert werden. Wir legen nahe: Grundsätze gehören immer diskutiert. Aber wenn man damalige Diskussionen kennt und studiert, braucht man heute nicht mehr so viel Zeit dafür, sie zu besprechen. Auch werden über die Jahrzehnte hinweg immer gleiche Fehler gemacht. Fehler sind wichtig, um nachhaltig daraus zu lernen. Aber wir können durch die Aufarbeitung historischer Beispiele dabei helfen, diese Lernprozesse merklich abzukürzen. Eigene Fehler wiederholt man nämlich deshalb, weil man sich nicht sicher ist, ob es wirklich falsch war. Wer aber die Geschichte kennt, braucht keine selbst begangenen Fehler zu wiederholen – spart Zeit und Nerven, beugt längerfristig Burnouts und damit dem Verlust wertvoller und langjähriger Aktivisten vor. Als 2009 die ersten ASJ-Gruppen entstanden, war es uns ein Bedürfnis, genau hier anzusetzen. Ende 2011 schon ist dazu das Buch „Kein Befehlen, kein Gehorchen! Die Geschichte der syndikalistisch-anarchistischen Jugend in Deutschland seit 1918“ erschienen(5). Diese 424 Seiten im Großformat sind durch eine vorbildliche Zusammenarbeit unterschiedlicher anarcho-syndikalistischer Projekte zustande gekommen. So finden sich in diesem Buch Interviews mit drei ASJ-Gruppen (Berlin, Bonn, Mainz), deren Fragen sich aus der zuvor aufgearbeiteten Historie ableiteten. Damit gelang es auf historisch-theoretischer Ebene, über die Generationen von Jugendgruppen von 1918 bis heute eine möglichst große Kontinuität herzustellen – allen organisatorischen Zäsuren zum trotz. Inhaltlich ist daraus nicht nur eine sehr umfangreiche Aufarbeitung der Geschichte entstanden, sondern darüber hinaus ein Studien-, bzw. Lehrbuch mit hohem klassischen Gehalt – darauf angelegt, auch in Jahrzehnten noch für weitere Jugendgenerationen auch möglichst konkret nützlich zu sein. Neben dieser Kooperation mit ASJ-Gruppen erklärte sich der Apropos Verlag aus Bern bereit, das Buch drucken zu lassen, und für den Vertrieb in Deutschland sorgt der Syndikat-A Medienvertrieb (Moers).

In die ähnliche Richtung, speziell im Antifa-Bereich, geht das ebenfalls 2011 erschienene Buch „Schwarze Scharen. Anarcho-Syndikalistische Arbeiterwehr (1929-1933)“ (Verlag Edition AV). Dies behandelt in bedeutenden Facetten die Frage nach der Verbindung von anarcho-syndikalistischer Gewerkschaftsarbeit und Antifa-Tätigkeit. Allgemein legten wir 2013 nach mit dem Standardwerk „Anarcho-Syndikalismus in Deutschland 1933-1945“ (Schmetterling Verlag). Schon 2009 brachten wir in der Edition AV ein Buch heraus, welches die Themen ASJ und Antifa anschaulich zusammenbringt: „Eine Revolution für die Anarchie! Zur Geschichte der Anarcho-Syndikalistischen Jugend (ASJ) im Großraum Stuttgart 1990-1993“, da kracht es ordentlich. Die Kernthese lautet, dass es im Großraum Stuttgart in diesen Jahren deshalb nicht wie in vielen anderen Städten (Hoyerswerda/Rostock…) zu Massenpogromen kam, weil eine militante und entschlossene Antifa und ASJ konkret zur Stelle waren und aufopfernd gekämpft hat – mit starken persönlichen Risiken. Der hohe Reflexionsgrad des Buches wird nicht nur durch den zeitlichen Abstand zum Geschehen erreicht, sondern auch durch ein Konzept der Zusammenarbeit: Nach 20 Jahren wurden alte MitkämpferInnen kontaktiert und eingeladen, ihre Sicht auf damals zu äußern. Das Buch hat’s in sich, gehört in jedes Antifaregal, und der Autor ist auch als Referent gefragt(6). Dabei dachten wir uns: Bevor wir ab 40 hüftsteif aus reiner Erwachsenensicht schreiben, sollten wir noch zügig die Reste unserer Jugendsicht mit einfließen lassen.

Bremen hat aber auch eine interessante historische syndikalistische Kultur(7). Sind davon heute noch im gesellschaftlichen Kontext Auswirkungen zu spüren?

In Bremen sind Traditionen der einstigen Arbeiterschaft noch sehr präsent. Auch radikale Teile werden im öffentlichen Raum kaum verschwiegen, wie es in vielen anderen Städten der Fall ist. Hier werden Straßen auch nach Kommunisten benannt, zur jährlichen Gedenkveranstaltung zur Bremer Räterepublik kommen deutlich mehr als 100 Menschen, es gibt zahlreiche Veranstaltungen, die auf die Historie der Arbeiterschaft Bezug nehmen, es gibt sogar noch eine marxistische Abendschule. In staatlichen und höheren Institutionen trifft man überraschenderweise auf deutlich viele Menschen, die Sympathien für die Ideen der einstigen Arbeiterbewegung haben. Solidarität kommt nicht selten von Leuten, bei denen man äußerlich nie damit rechnen würde. Insofern trägt diese Stadt eine merklich solidarische und offene Kultur in sich, wie sie mit nur wenigen anderen Städten vergleichbar ist. Das hat umgekehrt aber auch zur Folge, dass viele Aktionsfelder nicht explizit anarcho-syndikalistisch besetzt sind. Speziell anarcho-syndikalistische Ideen und Praktiken haben es gerade dadurch sehr schwer, sich kenntlich zu machen, denn es gibt in fast jedem gesellschaftlichen Bereich bereits Gruppen und Initiativen, die sich mit ähnlichen Inhalten betätigen und ähnlich auftreten. Daher war es uns ein Bedürfnis, auch mal an die Besonderheit der syndikalistischen Arbeiterbewegung in Bremen zu erinnern, diese konkret zu benennen. Die hiesige FAU organisiert seit dem Jahr 2000 am Rätedenkmal auf dem Waller Friedhof eigene Gedenkveranstaltungen mit Lesungen zu den Jahrestagen der Räterepublik im Januar/Februar(8). Dies sind Bemühungen, den Syndikalismus und seine Traditionen wieder sichtbar zu machen, denn der Kontinuitätsfaden ist auch in Bremen in den 1950er Jahren abgerissen. Was die Idee des syndikalistischen Stadtführers angeht, wünschen wir uns ähnliches auch für andere Städte und sind bei solchen Projekten gerne behilflich.

Darüber hinaus hat Bremen eine starke Anarcho/Selbstmach-Szene. Wagenplätze, Umsonstläden, KüFa/VoKü, selbst-verwaltete Zentren…Ist Bremen deiner Meinung nach ein Zentrum des Anarcho-Syndikalismus?

Ja, Bremen braucht sich hinter großen Metropolen wie Hamburg oder Berlin tatsächlich nicht zu verstecken, allein die Anzahl von sozialen Zentren kann sich sehen lassen, ob Jugendhäuser, Alternativprojekte, Konzerte und vieles mehr. Hinzu kommt noch, dass es Bereiche gibt, wo man in anderen Städten überhaupt nicht auf die Idee kommen würde, dass sich dort emanzipatorische Strukturen zuhause fühlen, beispielsweise bei den Pfadfindern, im Naturfreundejugendhaus oder bei der Gesamtschülervertretung. Und die Universität ist noch mal ein eigener Kosmos für sich, was Strukturen und Aktivitäten angeht. Da kommt einiges zusammen, auch darf man die vielen ehemaligen Aktivisten der letzten 50 Jahre nicht vergessen, die immer noch im vermeintlich Kleinen wirken und unterstützen. Das merkt man zum Beispiel bei dem kleinen gemeinsamen Nenner, dass in Bremen nicht nur niemand Nazis haben will, sondern auch daran, dass Leute dagegen auf die Straße gehen, auch wenn’s polizeilich verboten ist! Teils Menschen, die man nie dort vermuten würde, von jung bis alt aus vielen gesellschaftlichen Bereichen, darunter beispielsweise ganze Sportvereine und viel Solidarität von Anwohnern.

Bremen ist also etwas ganz besonderes. Aber diese Strukturen sind weder auf dem Anarcho-Syndikalismus gewachsen noch sind sie anarcho-syndikalistisch motiviert. Zudem spielt der Anarcho-Syndikalismus in den betrieblichen Kämpfen keine Rolle. Auch in Bremen kann in denjenigen betrieblichen Bereichen angesetzt werden, die in Frage 8 beschrieben wurden. Eine solche Gewerkschaftsbewegung kann dann in eine konstruktive Beziehung zu außerbetrieblichen Projekten treten. Um für Kollegen attraktiv zu sein, sollte dies allerdings nicht in einem von der Gesellschaft abgesonderten Szeneghetto mit entsprechenden Codes und Benimmregeln passieren, sondern an die reale Welt angeknüpft werden.

Ihr findet uns auf:
http://syndikalismusforschung.wordpress.com

Unseren Katalog:
http://syndikalismusforschung.wordpress.com/2014/08/19/syfo-katalog/

Anmerkungen:
(1) Augustin Souchy (1892 – 1984) spielte eine bedeutende Rolle in der anarchosyndikalistischen Bewegung der 20er- und 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts. U.a.war er Sekretär der anarchosyndikalistischen Gewerkschaftsinternationalen IAA. Bekannt ist Souchy heute vor allem durch seine Berichte über die Kollektivierungen im Spanischen Bürgerkrieg, die er u.a. in seinem Buch „Nacht über Spanien“ niederschrieb.
(2) http://iwwbremen.blogsport.de
(3) http://bremen.fau.org
(4) aus: „Der Weg nach Wigan Pier“
(5) http://apropos-verlag.ch/index.php?tid=2&id=4&sid=501&book=8
(6) Siehe dazu auch: http://asjbuch.blogsport.de/
(7)  http://syndikalismusforschung.files.wordpress.com/2012/05/syfo-guide-bremen.pdf
(8) http://bremen.fau.org/uploads/PDF/bremerraeterepublik.pdf

Quelle: Underdog-Fanzine

2 Kommentare leave one →
  1. Patriot permalink
    15. Februar 2015 20:22

    Bremen ist ein verrotets rotes Nest. Durchzogen von der roten Mafia. Und wer finanziert ihren Spass? DIe Steuerzahler aus dem konservativen und anständigen Süddeutschland.

    Anmerkung Syndikalismus: You made our day!

    • 16. Februar 2015 05:22

      kicher!!
      wenn wir das der Antifa e.v. vorlesen, spendiert uns deren Vorsitzender P. Flasterstein bestimmt noch so nen tollen Tourbus!😀

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