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Die Massnahme

13. Februar 2015

hartz4-sanktionen-anstieg_160Innenansichten der Hartz-4-Welt.

Wie ein Bächlein plätschern die Worte von Frau K. durch den  ungeschmückten Raum mit dem U-förmigen Tisch, um den wir herumsitzen.  Wir sind „totes Humankapital” und befinden uns in einer an das  Arbeitsamt angeschlossenen Maßnahme, die wieder nützliche Mitglieder  der Gesellschaft aus uns machen soll. Vielleicht soll sie das.  Vielleicht soll sie aber auch ganz einfach das „tote Humankapital”  mittels organinisierter Langeweile aus dem Bezug von Sozialleistungen  herausdrängen, wofür spricht, daß von den anfänglich 12  Teilnehmerinnen und Teilnehmern meines „Kurses” ganze 2 übriggeblieben  sind. Von den anderen mögen sich manche einen Job besorgt haben; die  Meisten dürften einfach eine Kürzung in Kauf genommen haben.

Nachdem wir die letzten Tage damit verbracht haben, so zu tun, als ob  wir Bewerbungen schreiben – tatsächlich haben wir die Zeit mit Zeitung  lesen, Filme schauen und Computer spielen herumgebracht -, steht heute  eine Art Seminar auf dem Unterrichtsplan. Das ist schlimmer als  einfache Bewerbungsimitationen am Rechner, denn inmitten  küchenpsychologischer Rollenspielchen fehlt der Raum etwas Sinnvolles  zu tun – z.B. Zeitung lesen, Computer spielen oder Filme schauen. Am  schlimmsten sind allerdings Unterrichtsstunden wie die heutige über  “Gewaltfreie Kommunikation”, die fast physische Schmerzen verursacht.

Frau K. ist auf der Uni sicherlich hervorragend qualifiziert worden.  Sie hat alles gelernt, was sie zur gewaltfreien Kommunikation und  ihrer Vermittlung wissen muss. Es gibt sicher wenige Leute auf der  Welt, die so schön von Wolfs-  und Giraffenohren erzählen können, dass  man mit geschlossenen Augen meint, klare Gebirgsbäche flössen durch  den Seminarraum. Komischerweise hat ihr jedoch niemand erzählt, dass  es vollkommen absurd ist, in einem Raum, den alle Anwesenden nur wegen  der drohenden Leistungskürzung betreten haben, von „gewaltfreier  Kommunikation” zu erzählen. Und warum kommt sie nicht selbst darauf?

Die Maßnahme hat aber auch ihre guten Seiten: Seit meiner  Bekanntschaft mit Frau K. verstehe ich besser, warum die Linke in  vielen subproletarischen oder proletarischen Milieus keine Chance hat,  warum vielen Leuten ein Messer in der Tasche aufgeht, wenn man ihnen  mit diesem ganzen soziologischen Gerede von Gleichberechtigung und  Antidiskriminierung kommt. Warum all dies – kurz und nicht gewaltfrei  kommuniziert – als verlogene Scheiße empfunden wird. Die Indienstnahme  emanzipatorischer Ansätze und Techniken vergiftet diese und macht sie  unbrauchbar.

Empörung und Unbehagen über den alltäglichen Irrsinn verschwinden  allerdings nicht, wenn einmal “gewaltfrei” darüber geredet wurde. Sie  werden sich einen Weg ins Tageslicht verschaffen, und das ist nicht  immer schön und spielt  – neben anderem – auch bei den aktuellen  rassistischen Bewegungen wie “PEGIDA” eine Rolle. Sicher würde ich Frau K. Unrecht tun, wenn ich sie persönlich für  den Erfolg von “PEGIDA” verantwortlich machen würde. Das hat sie  wirklich nicht verdient. Dazu ist sie ein zu kleines Licht am Himmel  der Maßnahmenindustrie. Außerdem ist Berlin nicht Dresden und die  rassistische Massenansammlung nicht in erster Linie eine Sache der  Unterschicht. Hier kommt die ganze gefühlte „Volksgemeinschaft”  zusammen und das nicht wegen sozialen Themen, sondern wegen der  „Volksgemeinschaft”. Aber Unterschicht ist auch dabei und hier trifft  man mit Sicherheit auch eine ganze Menge Leute, die das letzte Mal bei  den Protesten gegen die Einführung von Hartz4 auf die Straße gegangen  sind und sich jetzt nach rechts politisieren.

Ich weiß nicht, ob Frau K. Kolleginnen und Kollegen ihres Schlages in  Dresden hat. Ich habe auch keine Ahnung ob die sächsische  Landesregierung so etwas zulassen und was der sächsische  Landesverfassungsschutz dazu sagen würde. Wenn wir einmal annehmen,  daß derlei Seminare auch in Dresden stattfinden, haben sie natürlich  auch nicht PEGIDA erfunden. Da gibt es viele andere Quellen. Aber sie  tragen – genau wie Frau K. – eine Verantwortung dafür, daß Ideen und  Techniken, die mal emanzipatorisch gemeint waren, als  Herrschaftstechniken empfunden werden, ja zu solchen mutieren. Oder  was soll es sonst sein, wenn uns Frau K. zu Beginn der Maßnahme  suggeriert, wir könnten die Regeln dieser Veranstaltung mitbestimmen,  um uns dann auf unbedeutende Nebenschauplätze zu verweisen?

Der „gewaltfreien Kommunikation” sowie anderen an sich interessanten  und wichtigen, von Frau K. vom Pult der Maßnahme-Coacherin  eingebrachten Themen wie Gender, Diskriminierung und Antirassismus  täte es gut, wenn wenn sie vom Lehrplan der Maßnahmeträger  verschwänden. Denn in einer Umgebung voll struktureller Gewalt ist der  Gewinn, den die Maßnahmeinsassen aus ihnen ziehen können nur der  zynische Spaß in der Mittagspause beim Imbiss um die Ecke. Was immer  noch weniger zynisch ist, als die Indienstnahme dieser Themen durch  die Maßnahmenindustrie.

-Von Delierio Dreck

Quelle: Lower Class Magazine

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