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„Fréjus – Red Star FC 2:3“

3. Februar 2015

redstarEine Empfehlung zu: Christoph Heshmatpour „Mein Jahr mit dem Red Star FC“ Verlag Barrikade Hamburg 2014.

Von Pourmaclasse

Wir leben in der Zeit, in der Linke und Alternative merken, wie ihre Hippness und ihr Alternativsein, am Feind vorbei, ganze Stadtteile kaputtmacht. Es ist nämlich in jeder größeren Stadt (in Europa zumindest) so, dass die Viertel, die sich das „schöne Leben“ durch  sogenanntes alternatives Leben statt wirtschaftlichen Widerstand bereiten wollten, genau da angekommen sind, wo sie laut ihren Wurzeln nie hinwollten: „Awareness“, „Hippstertum“, „Öko-alternativ-Gedöhns“ haben den Nährboden bereitet für den Snobismus, der über schwache und unbewusste Kulturen herfällt, weil er selbst zu keiner Kulturschöpfung fähig ist. Dabei ist es so, dass das Unbewusste bei den Alternativen zum Teil aus einer reflexartigen Antihaltung herrührte, die oft ein schlechter Ratgeber war und zum anderen aus dem ignorierten Feld der Wirtschaft. Zwar wird jetzt vegane Pampe serviert, das Viehzeug freut sich, aber die Löhne sind weiter im Keller, weiterhin ist die Gastro das stressigste Arbeitsfeld und Boutiquen und kernsanierte Häuser in Vermieterhand sind nicht gerade eine dolle Alternative zum Kapitalismus. Es fehlt den Karottensaftluschen meistens der Arbeitsethos eigene Betriebe aufzubauen und ihre Strukturen mit diesen mit lebenswichtigen Ressourcen zu versorgen: Geld, Arbeitsplätze, die gewerkschaftlich kontrolliert sind usw. Dieses diffuse Linkssein, welches hip ist und toll, zieht eben nur solche Leute an, die hip und toll sein wollen, aber die gesellschaftsverändernde Perspektive fehlt bei diesem selbstdarstellerischen Leben, welches mit wirtschaftlicher Ausbeutung konform geht.

Es ist so, dass dieses alternative, zu 90% studentische Leben sich nicht über Lippenbekenntnisse hinaus einer Perspektive widmet und ihr dient, wie man einer Herzenssache dienen kann. Sprache wie im Kindergarten, Essen wie auf der Krebsstation und Sexualität wie bei den Pandas sind zwar ehrenwerte Ziele „ohne Ausgrenzung“, sie klammern aber sozialistische, anarchistische und anarcho-syndikalistische Kampffelder aus: Kultur und Wirtschaft bspw. Das rächt sich, wie man in allen alternativen Stadtteilen und Zentren sieht: Sie gehen einfach zugrunde, weil durch die anfangs angesprochene Antihaltung gegen Disziplin, Ordnung und solche verschrienen Tugenden nicht „das schöne Leben“ sondern Chaos und Sektentum entstanden ist. Statt dass das „Awarenessteam“ zu einer Party geführt hat, „auf der sich alle wohlfühlen“, geht niemand mehr auf diese politisch korrekten Parties, weil der Spaß und Nervenkitzel unmittelbarer und echter Zwischenmenschlichkeit fehlt – eingetauscht wurde durch Kindchen ohne Lebenserfahrung, die doppelt so alte Leute darauf aufmerksam machen, dass ihr Verhalten die „Grenzen anderer überschreitet“.

Die Energie, die für so einen Unsinn und so ein linkes Spießertum draufgegangen ist, richtet sich gegen die Veränderung der Gesellschaft, weil sie in anderen Bereichen fehlt. Eben in der angesprochenen Wirtschaft und Kultur. Echte Kultur besteht zum Beispiel aus echter Zwischenmenschlichkeit. Da wo der Einzelne Träger des allgemeinen kulturellen Ideals ist, herrscht echte Kultur. Dort wo ein studentisches Blabla-Awareness-Team mit ernster Miene durch Tanzende und Saufende Jugendliche schreitet, da gibt es keine Kultur, sondern einen Polizeistaat. Aber auch im Fußball ist diese Entwicklung so krass, wie in den Zentren „autonomen Widerstandes“.

Weil sich die Fanszenen oftmals nicht mit der Wirtschaftlichen Seite ihres Lieblingsvereins beschäftigt haben, konnten reaktionäre, monarchistische und faschistoide Millionäre aus der ganzen Welt ihren Verein kaufen und sie damit zu Konsumsklaven machen. Neben ihrer Maloche haben sie jetzt den Fußball nicht mehr, um Dampf abzulassen, weil bereits zig Fanclubs aufgelöst sind, die Mitglieder teilweise im Knast sitzen, Stadionverbot haben und so weiter. Um den Fußball herum stirbt das ganze Viertel. Alles wird ein EVENT für die Bourgeoisie und diejenigen die Lohnabhängig sind werden zur stumpfen Masse ohne ihr Leben im entferntesten selbst gestalten zu können. Das Politisieren der linken Szene hat zum Großteil dazu beigetragen, dass den reaktionären Unternehmern, die sich einen Dreck um Politik scheren, weil sie sie bereits eingekauft haben, das Feld von Kultur und Wirtschaft überlassen wurde.

Genau in so einer Entwicklung befindet sich der Red Star FC 93 aus dem „Banlieu Rouge“, aus Saint-Ouen bei Paris. Wie diese Entwicklung aussieht, beschreibt dort als anfänglicher Zaungast ein Erasmus-Student aus Wien, der immer mehr in die Fußballszene des Vereins wächst, aber dessen Zeit zwischen Lokal-Derby und Auswärtsspiel von Anfang an begrenzt war. Eben dadurch ist diese Studie schön kompakt – eine nette Momentaufnahme aus dem französischen Fußball sozialistischer Tradition oder was davon übrig ist. Der Einblick des Studenten in den Verein wird ergänzt durch ein Vorwort eines Experten, welcher nochmals die Gesamtsituation aufzeigt, aus der der Bericht eine Szene darstellt.

Der ganze Band ist gelungen gestaltet – nette schwarz-weiße Aufnahmen zieren zwischendurch die knapp 100 seitige Broschüre.

Ein Muss für Fußballfans, Gegner der Gentrifizierung und auch für das freiheitliche Lager wichtig und lehrreich.

Hier kann man das Buch ordern:
www.verlagbarrikade.wordpress.com

Christoph Heshmatpour – Mein Jahr mit dem Red Star FC
verlag | barrikade Edition Fußball #1
120 Seiten A5, 3 Euro (zuzüglich 1 Euro Porto = 4 Euro)
Ab 5 Exemplaren portofreier Versand = 15 Euro – ab 10 Exemplare 25 Euro inkl. Porto
Lieferung gegen Rechnung. Bestellungen via email oder Online-Shop:
email:barrikade [at] gmx.org

8 Kommentare leave one →
  1. Ausverkauft permalink
    3. Februar 2015 19:00

    Das ist mal eine sehr interessante und lebendige Besprechung. Respekt. Das Buch ist allerdings vollständig ausverkauft und der Verlag hat keine Exemplare mehr auf Lager.

    • Auch gut! permalink
      4. Februar 2015 16:25

      Ich finde es zwar schade, weil ich mir das Heft gerne gekauft hätte, aber auf der anderen Seite freue ich mich, dass es auch mal Verlage schaffen ihre sachen zu verkaufen, die nicht mit dem szenigen Anarcho-blabla aufwarten, sondern mit wirklich wichtigen Büchern (Souchy & Gerlach, anstatt Bücher über Marx, Stirner usw.) gepaart mit Angeboten von tatsächlichem Interesse (Fuuuuuuußball!!!) im Proletariat.
      Weiter so! Das nächste Mal bin ich schneller😉

    • PDFan permalink
      5. Februar 2015 17:38

      ohne Worte … 🙈

      • Technik-Ass permalink
        6. Februar 2015 05:05

        Bibliophilie…

      • PDFan permalink
        6. Februar 2015 08:56

        chiflado

        Technik-Ass

  2. PDFan permalink
    6. Februar 2015 09:06

    chiflado dankeschöööööön

    —————

    Technik-Ass armer Tropf

  3. 6. Februar 2015 15:21

    Ich versuche mich erst gar nicht im „Insider-Battle-Rap“ à la PDFan usw., möchte aber allen geneigten Lesern und Leserinnen folgendes empfehlen:

    http://www.westendverlag.de/buecher-themen/programm/die-foulspieler-jens-berger.html#.VNTNdCxwYy5

    Der Titel ist schon mal sehr geil!

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