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Nach dem Charlie-Hebdo-Attentat: Ein hauptverdächtiger Dschihadist und viele Fragen

9. Januar 2015
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Stéphane Charbonnier, „Charbs“, Karikaturist und Chefredakteuer des Charlie Hebdo. Erschossen von „Rächern des Propheten“

von Thomas Pany

Die Polizei fahndet nach einem Brüderpaar, einer davon ist den Behörden seit Jahren als gewaltbereiter Islamist bekannt.

Nach dem, was man über moderne Geheimdienst- und Polizeifahndungstechniken erzählt, müssten die beiden Hauptverdächtigen des Anschlags ( Terroranschlag in Paris mit „Allahu Akbar“-Rufen ) innerhalb kürzester Zeit dingfest gemacht werden. Ein Tankwart soll die beiden auf der Nationalstraße RN2 im Departement Aisne erkannt haben: „zwei Männer mit einer Kalaschnikow“.

Die Tankstelle ist von emsigen Polizeieinheiten bevölkert, der Staatsanwalt, sein Vertreter und ein Polizei-Colonel sind vor Ort, ein Hubschrauber sucht die Gegend ab; ein verdächtiger, abgestellter grauer Skoda würde genau untersucht, berichtet die Lokalzeitung L’Union L’Ardenais.

Im Bericht der überregionalen Zeitung Le Parisien haben die beiden Verdächtigen die Tankstelle überfallen; es sollen Schüsse gefallen sein, die Männer waren vermummt und fuhren einen weißen Renault Clio. Ungereimtheiten? (Ergänzung: Später wurde berichtet, dass die Verdächtigen an zwei Tankstellen gesehen wurden; eine davon haben sie überfallen).

Es gibt eine ganze Menge von Fragen, die sich am Tag nach dem Massaker in Paris stellen, und die Frage, wie lange 88.000 mobilisierte Polizisten – und dazu einige Geheimdienstteams, wahrscheinlich nicht nur vom französischen DGSI – brauchen, um die flüchtigen Brüder Chérif und Saïd K aufzufinden, gehört zu denen, die wohl eine klare Antwort finden werden.

Verstörende Vorkommnisse

Zu den anderen Fragen gehören – einmal kurz von den beiden Verdächtigen abgesehen – , ob und in welcher Weise verschiedene Vorkommnisse heute und gestern abend in Verbindung zum Attentat auf die Redaktionsräume von Charlie Hebdo gehören.

So feuerte heute vormittag ein schwer bewaffneter Mann im Pariser Vorort Montrouge unvermittelt Schüsse auf eine Polizistin und einen städtischen Angestellten ab. Die Polizistin erlag später ihren Verletzungen. Zu diesem verstörenden tödlichen Vorfall kommen Berichte von Anschlägen auf muslimische Einrichtungen, bei denen ein Zusammenhang mit dem Attentat „in der Luft liegt“, aber noch nicht nachgewiesen wurde. Ersichtlich ist, wie angespannt und unübersichtlich die Situation ist.

Zu sehen ist dies auch aus den verschiedenen Meldungen zu den Verdächtigen und Festgenommenen im Fall des Attentats, das von der Zeitung Le Monde heute als französischer 11.September bezeichnet wurde. In der gestrigen Nacht waren plötzlich Namen dreier Verdächtiger bekannt geworden. Angeblich, weil die Ausweise zweier Brüder in einem stehengelassenen Fluchtauto gefunden wurden. Ein Dritter, jüngerer Mann, noch Schüler, soll sich der Polizei gestellt haben, hieß es gestern abend, heute Vormittag sprach Innenminister Bernard Cazeneuve davon, dass sich sieben Personen in Polizeigewahrsam befinden.

Wieviele waren an dem Anschlag beteiligt?

Über die sieben, die festgenommen und verhört werden, gibt es zur Stunde noch keine weiteren Angaben. Der Dritte wirft einige Fragen auf. Zunächst die, welche Rolle eine dritte Person beim gestrigen Anschlag gespielt hat. Cazeneuve sprach gestern kurz nach dem Attentat von drei Beteiligten; zuvor wurde in Berichten ein Fahrer angedeutet. Videos zum Anschlag zeigen aber nur zwei vermummte und bewaffnete Personen, einer der beiden sitzt auch am Steuer. Was hat der Dritte gemacht?

Der Dritte, der sich gestern Abend der Polizei im Nordwesten Frankreichs, in Charleville-Mézières, stellte, weil er seinen Namen als Verdächtiger in sozialen Netzwerken gelesen habe, beteuert seine Unschuld. Angeblich wird sein Alibi, wonach er zum Zeitpunkt des Anschlags in der Schule war, von Mitschülern bestätigt. Längst dürften auch Aussagen von Lehrern vorliegen. Aber er hat eine enge Verbindung zu den beiden verdächtigen Brüdern: Chérif K. ist mit seiner Schwester verheiratet.

Mit Chérif K sind eine ganze Menge Fragen verbunden, davon einige, die Frankreich noch eine ganze Zeit beschäftigen werden, egal, wie die Flucht ausgeht. Sicherheitsbehörden, Polizei, Geheimdienste und Justiz haben Vorwürfe der Laxheit zu erwarten. Chérif hatte Beziehungen zu einem gewaltbereiten islamistischen Dschihadistenmilieu. Das war der Polizei, der Justiz und auch den Geheimdiensten seit langem bekannt.

Turnschuh-Dschihadisten, die ernst machen

charliehebdo-picturesAufgewachsen ist der algerischstämmige nun Mitte-30-Jährige im 19. Arrondissement in Paris. Eine, allerdings nicht gerade professionelle, Grundausbildung an der Kalschnikow erwarb sich der Mann in seinem Freundeskreis Mitte des letzten Jahrzehnts, als sich die jugendliche Gruppe für den Dschihad im Irak begeisterte. Dies geht aus Berichten über die damaligen Gerichtsverhandlungen hervor, die heute in Le Monde und in der Libération veröffentlicht werden.

Grob zusammengefasst hatte sich die Gruppe Jugendlicher genannt „Buttes Chaumont“, „spirituell“ geleitet von einem Mitte-20-Jährigen, der einen algerischen Islamisten zum Stiefvater und Ideengeber hatte, zum Ziel gesetzt, Kämpfer für al-Qaida im Irak anzuwerben und dorthin zu schicken. Die Geheimdienste kamen über Vermisste – einige der zum Dschihad Missionierten kamen nicht mehr aus dem Irak zurück – auf die Spur der Jugendlichen, die mit zum Teil bekannten Islamisten in enger Verbindung standen.

Daran knüpfen sich auch Verbindungen zu einer Pariser Moschee namens Adda’Wa in der Rue Tanger, die schon seit Jahren mit Verdächtigungen konfrontiert ist, gewaltbereiten Islamisten einen Treffpunkt zu verschaffen. Mit dem Anschlag von gestern wird sie erneut in die Aufmerksamkeit rücken.

Chérif K wurde 2008 zu drei Jahren Haftstrafe verurteilt, 18 Monate davon auf Bewährung. Danach lebte er im Haus von Djamel Begal, der 2005 zu einer Haftstrafe von zehn Jahren verurteilt worden war, weil er einen Anschlag auf die US-Botschaft in Frankreich plante. Im Mai 2010 taucht Chérif K. erneut in einer Gerichtsakte auf, weil er mit Begal in Verbindung steht, dem die Mitgliedschaft einer Gruppe vorgeworfen wird, „die terroristische Akte vorbereitet“. Im November 2013 wirft die Justiz Chérif K. vor, dass er bei der Flucht des Attentäters Belkalcem mitgeholfen habe. Doch kommt es mangels Beweise zu keiner Verurteilung. Bei Wohnungsdurchsuchungen hatte die Polizei islamistisches Propagandamaterial und Videos von al-Qaida gefunden.

Warum sein Bruder Saïd seinen Ausweis in einem der Fluchtwagen liegengelassen hat, was die Polizei auf die Spur der beiden führte und dazu, dass die Namen der Brüder gestern Nacht übers Internet verbreitet wurden, ist ein weiteres Rätsel angesichts dessen, dass die Vorgehensweise der beiden Attentäter als professionell geschildert wurde – und die Gruppe der Irak-Dschihadisten im XIX. Arrondissement dafür bekannt war, dass sie gefälschte Identitätspapiere besorgte.

Quelle: Telepolis vom 8. Januar 2014

13 Kommentare leave one →
  1. Katholiban missbraucht Paris-Attentat als Argument gegen Laizismus permalink
    9. Januar 2015 10:31

    Theologe: Anschlag in Paris mehr als nur religiöses Phänomen

    Innsbrucker Dogmatiker Niewiadomski: „Das wäre zu kurz gegriffen und nehme die soziale und kulturelle Situation vieler Migranten im laizistischen Frankreich nicht ernst“

    08.01.2015

    Paris – Wien, 08.01.2015 (KAP) Nach dem Anschlag auf die Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ warnt der Innsbrucker Dogmatiker Jozef Niewiadomski davor, die Tat rein vor einem religiösen Hintergrund erklären zu wollen. Das wäre zu kurz gegriffen und nehme die soziale und kulturelle Situation vieler Migranten im laizistischen Frankreich nicht ernst, so der Theologe im Gespräch mit „Kathpress“ (Donnerstag). Um solchen Gewaltphänomenen entgegenzutreten, müssten zunächst die „realen Ursachen“, die der Nährboden für Radikalisierungen sein, benannt werden: „Die triste wirtschaftliche Situation vieler Migranten, ihre mangelhafte Integration und die geringen Chancen, diesem Elend zu entkommen“.

    Die Vielschichtigkeit des Phänomens mache schnell klar, dass ihm mit einer isolierten Verschärfung entsprechender Gesetze nicht beizukommen sei, so der Theologe. Und auch der „Fingerzeig“ auf eine nicht aufgeklärte islamische Theologie, die im 16. und 17. Jahrhundert stehen geblieben und gewaltaffin sei, bringe wenig. Darin liege sogar ein „wenig Selbstgerechtigkeit“, so der Theologe, denn auch die Aufklärungswelle in Europa habe die soziale Ungleichheit nicht beseitigen können. Reale Probleme, wie etwa „die nicht vorhandene Integration von Migranten oder das Auseinanderklaffen im sozialen Status zwischen Migranten und Nichtmigranten“, könnten nur über eine Kultur, „die von Achtung und Solidarität“ getragen ist, aufgelöst werden.

    Der Weg über eine radikale Privatisierung von Religion, wie es eben in Frankreich der Fall sei, habe sich ebenso als „Irrweg“ erwiesen. Laizistische Modelle, die Religion vollkommen in den Privatbereich abdrängen, seien zum Scheitern verurteilt, „denn sie schaffen es nicht, eine Religion wie den Islam zu integrieren“. Die oft in Medien kolportierte Meinung, die Tat sei ein genereller Anschlag auf die Demokratie und Meinungsfreiheit in Europa und eine Wellte des Islam-Terrors könne Europa überschwemmen, teilt der Theologe deshalb nicht. Die Situation in Österreich sei noch einmal anders gelagert wie etwa in Paris oder Berlin. „Gelingt es aber nicht, Minderheiten in unserer Gesellschaft besser zu integrieren und so zu integrieren, dass sie wirklich als wertvolle Bürger geachtet werden und die gleichen Aufstiegsmöglichkeiten haben, dann werden wir bald dieselben Probleme bekommen.“

    Grundsätzlich gebe es so etwas „wie eine Faszination der Gewalt“, die Menschen in ihren Bann ziehe. Dieses Phänomen sei aber auch am Christentum beobachtbar, betonte der Theologe und nannte konkret die Kreuzzüge. Mit dem Aufkommen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ sei es zu einer Zuspitzung der Faszination von Gewalt auf dem Boden des Islam gekommen.

    http://www.kathpress.co.at/site/nachrichten/database/67115.html

  2. Scholar Tariq Ramadan, Harper’s Rick MacArthur on Charlie Hebdo Attack & How the West Treats Muslims permalink
    9. Januar 2015 13:15

    http://www.democracynow.org/2015/1/8/scholar_tariq_ramadan_harpers_rick_macarthur

  3. Kouachi told the court he had been motivated to travel to Iraq by images of atrocities committed by U.S. troops in Abu Ghraib permalink
    9. Januar 2015 13:20

    AMY GOODMAN: French authorities identified the gunmen as Chérif and Said Kouachi. Their whereabouts are unknown. An 18-year-old student named Hamyd Mourad turned himself in on Wednesday at a police station in northern France after he was publicly named as the third suspect. According to French TV reports, he told police he’s innocent.

    The two brothers were known to French intelligence services. In 2008, Chérif Kouachi was sentenced to three years in prison for his involvement in a network of sending volunteer fighters to Iraq to fight alongside al-Qaeda. At the time, Kouachi told the court he had been motivated to travel to Iraq by images of atrocities committed by U.S. troops in Abu Ghraib prison. There are reports the two brothers, who were born in Paris, returned from fighting in Syria last summer.
    Quelle: http://www.democracynow.org/2015/1/8/scholar_tariq_ramadan_harpers_rick_macarthur

  4. viele Fragen permalink
    9. Januar 2015 19:19

    Auch die Herkunft voll-automatischer Waffen ist oft der Staat. Der Schmuggel ist meistens zu gefährlich, zu teuer und so weiter.
    Wirklich effektiver Waffenschmuggel braucht viele Jahre, damit sich die partner vertrauen und dieses Netzwerk muss wachsen. Man braucht „Spediteure“ und so weiter… das stellt man nicht mal eben mit seinen Dschihad-Kumpels auf die Beine.

    Dass der französische Staat so sehr um eine Zeitung „trauert“, die ihn ebenso in die Satire mit einbezog… das ist auch irgendwie merkwürdig.

    Ich bin sehr gespannt, was da wirklich läuft! Vielleicht der Vorabend zur dritten Weltkatastrophe. Aber unsere knechtseeligen Gläubigen werden es wieder mit sich machen lassen. Man kann schon mal die Guido Knopp-Sendungen für danach vorproduzieren, wir wissen ja was drin vorkommen wird… „Ja, das war so schlimm…“ „Aber warum denn überhaupt?“ „Soooooo schlimm war des!“

    Wie es zum Kotzen alles ist, dieses schmierige Theater des Staates und der Kirchen. Und das Schlimmste ist die Sklavennatur, die alles schluckt.

  5. 9. Januar 2015 21:26

    C’est avec effroi et stupeur que la CNT a appris l’attaque du siège du journal Charlie Hebdo à Paris, ce mercredi 7 janvier 2015.

    Avant tout, la CNT apporte son soutien et sa solidarité aux familles des victimes, à leurs proches, à l’ensemble des salarié-e-s de Charlie Hebdo et à toutes celles et ceux que cette atteinte terrible à la liberté de penser a pu toucher.

    Cet attentat, ne saurait toutefois nous faire réagir uniquement sous le coup de l’émotion en nous faisant oublier nos principes anticapitalistes, autogestionnaires et libertaires.

    Évidemment, personne, aucun-e travailleu-r-se ni aucun-e journaliste ni aucun individu ne saurait être menacé-e, blessé-e ou tué-e pour son travail, les propos qu’il tient ou encore les avis qu’il émet.

    Nous tenons également à préciser qu’à aucun moment nous n’accepterons que cet attentat soit utilisé à des fins politiques racistes, haineuses ou sécuritaires, par ceux-là mêmes qui sont en grande partie responsables d’une situation sociale catastrophique, adoptant une politique étrangère impérialiste et guerrière au quatre coins du monde, stigmatisant les musulmans et les étrangers comme boucs émissaires aux fins de s’exonérer de toute culpabilité et de ne pas rendre compte, devant le peuple, de leurs actes. À aucun moment, nous ne ferons d’amalgame entre les musulmans et les pratiques immondes de quelques intégristes religieux.

    Dans ce contexte, plus que jamais, la CNT réaffirme que la lutte contre toutes les formes de fascismes (qu’elles soient religieuses ou politiques), de racisme, de xénophobie et de toutes autres causes de divisions des classes populaires, est à amplifier au quotidien et non pas seulement lorsqu’un événement tragique se produit.

    La CNT invite toutes et tous à rejoindre le combat antifasciste et à exprimer sa solidarité avec l’ensemble des peuples (partisan-e-s Kurdes, Syriens Libres, Palestiniens, Espagnols, Grecs, minorités opprimées…) combattant le capitalisme, l’autoritarisme, l’obscurantisme, la misère et l’exploitation, peu importe les couleurs que ces fléaux arborent. Enfin, la CNT tient à rappeler la nécessité, coûte que coûte, de garder le cap de la lutte des classes et de l’émancipation internationale des travailleurs sans se laisser aveugler par les chimères nationalistes que la classe dominante cherchera à nous imposer.

    No Pasaran !

    La CNT

  6. 9. Januar 2015 21:26

    Communiqué.

    La CNT- Solidarité Ouvrière condamne sans réserve les assassinats perpétrés dans les locaux de Charlie Hebdo et exprime sa solidarité envers les victimes et leurs proches.

    On ne saurait assez défendre la liberté d’expression des travailleurs de la presse, qu’il importerait d’ailleurs plutôt d’étendre, face aux limitations qu’impose la structuration, en particulier économique, des médias. C’est donc à plus forte raison qu’il faut vivement la soutenir contre toutes les espèces de fondamentalisme religieux, qui la détruisent toujours lorsqu’elles parviennent à accéder au pouvoir.

    La CNT- Solidarité Ouvrière inscrit son activité syndicale dans un combat plus général pour la liberté d’expression dans tous les secteurs, notamment au sein des entreprises, pour toutes les libertés et pour la solidarité entre les travailleurs.
    Elle condamne donc par avance toutes les récupérations politiciennes et les discriminations envers les minorités ou les migrants qui pourraient s’exercer et se renforcer au nom de ce crime. Par ailleurs, l’union républicaine étant une réaction émotionnelle qui conduit à faire croire que les intérêts de tous les citoyens sont communs, elle est particulièrement propice à cacher les mauvais coups des gouvernements, la division entre exploiteurs et exploités, entre dominants et dominés.
    Or, c’est aussi en retrouvant le chemin des luttes sociales et des mobilisations collectives que nous construirons une société plus libre et égalitaire, évidemment beaucoup plus souhaitable que l’impasse où nos gouvernements successifs, le capitalisme et les forces réactionnaires tendent à nous entraîner.

    • IAA über (A)lles permalink
      10. Januar 2015 16:00

      Sind das jetzt alle CNTs aus Frankreich?
      😉

  7. Nigeria: Boko Haram löscht mindestens 11 Ortschaften aus permalink
    10. Januar 2015 13:52

    Peter Mühlbauer, TP 09.01.2015
    Tausende fliehen in den Tschad
    Die salafistische Anti-Bildungs-Sekte Boko Haram terrorisiert seit 2009 Nordnigeria. 2012 setzte sie allen Christen ein Ultimatum zum Verlassen dieser Landeshälfte. Seitdem starben Zehntausende – und Boko Haram eroberte sich ein Kalifat, das stetig an Fläche zulegt und mittlerweile größer ist als Irland.

    Diese Woche löschte die Terrorgruppe bei ihren Eroberungen mindestens elf Ortschaften im Bundesstaat Borno aus, den Boko Haram inzwischen zu etwa 70 Prozent kontrollieren soll. In einigen Meldungen ist von bis zu 17 Dörfern und Kleinstädten die Rede, die die Salafisten abgebrannt und entvölkert haben sollen.

    Zentrum der Eroberungen war die Kleinstadt Baga. Dort waren…
    Quelle: Telepolis – http://www.heise.de/tp/artikel/43/43811/1.html

  8. 1000 Peitschenhiebe für Kritik am Islam: Menschenrechtler protestieren gegen Strafe für saudiarabischen Blogger permalink
    10. Januar 2015 14:56

    Raif Badawi is a blogger who has been sentenced to 10 years in prison and 1000 lashes (50 every Friday for 20 weeks) for „spreading liberal thoughts“ and „insulting Islam.“

    After all the deaths, With french government condemning the killing of innocent people (no one would disagree this is a horrendous crime) and the rest of the world agreeing, that these people lost their lives because of freedom of speech, then you have this story about this guy who done the same as those slain in Paris, Raif Badawi, who was sentenced to 1,000 lashes and 10 years in jail that went down in Paris?.
    why has this not been highlighted is it because of the money that the US & UK make from saudi billionaires

    http://en.wikipedia.org/wiki/Saudi_Arabia%E2%80%93United_States_relations

    The Saudi Role in Sept. 11 and the Hidden 9/11 Report Pages
    (…) “Saudi Arabia,” he said, “has not stopped its interest in spreading extreme Wahhabism.”
    And there’s a direct line, he maintained, running from the fostering of that ideology to the creation of the Islamic State.

    “ISIS…is a product of Saudi ideals, Saudi money and Saudi organizational support, although now they are making a pretense of being very anti-ISIS,” Graham added. “That’s like the parent turning on the wayward or out-of-control child.”
    Source: http://www.newsweek.com/saudi-arabia-911-george-w-bush-barack-obama-prince-bandar-bin-sultan-bob-297170

    http://de.wikipedia.org/wiki/Wahhabiten

    50 Peitschenhiebe hat Raif Badawi bereits bekommen, weil der saudiarabische Blogger den Islam beleidigt haben soll. 1000 Hiebe sollen es insgesamt werden. Doch international regt sich nun Protest.
    (…)
    Quelle: Spiegel Online, spon – http://www.spiegel.de/panorama/justiz/saudi-arabien-protest-gegen-peitschenhiebe-fuer-blogger-a-1012325.html


    Meinungsfreiheit Saudi-Arabien lässt Blogger Raif Badawi auspeitschen

    Es ist wie ein Todesurteil auf Raten: Weil er den Islam beleidigt haben soll, erhielt Badawi 50 Peitschenhiebe. 950 weitere sollen folgen. von Martin Gehlen
    (…)
    Auch der Anwalt in Haft!
    (…)
    Badawis Anwalt Waleed abu al-Khair sitzt seit Frühjahr 2014 ebenfalls im Gefängnis. Ein Spezialgericht für Terroristen verurteilte ihn zu 15 Jahren Haft, 15 Jahren Reiseverbot und 40.000 Euro Geldbuße.
    (…) Seine Frau Ensaf Haidar floh nach Kanada, zusammen mit ihren drei Kindern Terad, Najwa und Miriam erhielt sie inzwischen politisches Asyl.(…)
    Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-01/blogger-raif-badawi-ausgepeitscht-saudi-arabien


    https://www.amnesty.de/urgent-action/ua-003-2013-6/raif-badawi-droht-auspeitschung-morgen?destination=startseite&linkId=11624718


    Raif Badawi Just the Latest Victim of Saudi Arabia’s Remorseless Assault on Free Expression http://www.hrw.org/news/2014/05/09/raif-badawi-just-latest-victim-saudi-arabias-remorseless-assault-free-expression


    Saudi Arabia: Free Blogger Publicly Flogged (hrw.org – Beirut, January 10, 2015)

    King Abdullah of Saudi Arabia should overturn the lashing and prison term for a blogger imprisoned for his views and immediately grant him a pardon. Saudi authorities lashed Raif Badawi 50 times on January 9, 2015, in front of a crowded mosque in Jeddah, part of a judicial sentence of 1,000 lashes and 10 years in prison for setting up a liberal website and allegedly insulting religious authorities.

    The charges against Badawi are based solely on his peaceful exercise of his right to free expression, Human Rights Watch said. Badawi established his online platform in 2008 to encourage debate on religious and political matters in Saudi Arabia. Saudi authorities have detained Badawi in Jeddah’s Buraiman prison since his arrest on June 17, 2012.

    “Corporal punishment is nothing new in Saudi Arabia, but publicly lashing a peaceful activist merely for expressing his ideas sends an ugly message of intolerance,” said Sarah Leah Whitson, Middle East and North Africa director. “Saudi Arabia is showing a willingness to inflict vicious and cruel punishments on writers whose views it rejects.”

    A witness to the flogging in front of the Juffali Mosque in central Jeddah following Friday prayers told Human Rights Watch:

    There was a very large gathering [of people]. They brought out Raif from the prison car and put him in front of people gathered in a circle around him. Then the officer lashed him 50 times. After the lashing the gathered people shouted in one voice saying “God is great,” and they took Raif and returned him to prison.

    The witness said that Badawi suffered visible bruising as a result of the flogging, but was able to walk back to the prison car on his own.

    The Jeddah Criminal Court originally convicted Badawi …
    Source/Quelle: http://www.hrw.org/news/2015/01/10/saudi-arabia-free-blogger-publicly-flogged


    http://en.wikipedia.org/wiki/Raif_Badawi

    http://globalvoicesonline.org/2015/01/09/saudi-blogger-raif-badawi-flogged-for-his-liberal-ideas/
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    Islamisten: Bildung unerwünscht
    Florian Rötzer 08.01.2015
    Für den islamistischen Gottesstaat haben Menschenrechte, Demokratie und Wissen keine Bedeutung, einzig die Ausbildung von fanatischen Dschihad-Kämpfern zählt http://www.heise.de/tp/artikel/43/43795/1.html

  9. Die Apokalyptische Matrix --- Kommt es zu einem Krieg der Religionen? permalink
    11. Januar 2015 00:14

    Die Apokalyptische Matrix

    Kommt es zu einem Krieg der Religionen?

    Ein kurzer Blick auf die Schlagzeilen seit Anfang des Jahres zeigt, wie weit sich Politik und Religion schon miteinander verfilzt haben: Tony Blair erklärte im britischen Fernsehen, er sei dem Weg Gottes gefolgt, als er sich für einen Krieg gegen den Irak entschied; dort sprengen verschiedene muslimische Sekten gegenseitig ihre Moscheen in die Luft; weltweit tobte ein aggressiver, massenhafter Aufstand islamischer Extremisten gegen die im Westen veröffentlichten Mohammed-Karikaturen; in Nigeria und der Türkei wurden Christen in diesem Zusammenhang getötet und christliche Kirchen zerstört; die fundamentalistische Hamas, deren Grundsatzerklärung die Vernichtung des jüdischen Staates einfordert, übernahm die Regierungsbildung in den palästinensischen Autonomiegebieten; der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinedschad spricht Israel das Existenzrecht ab und kündigt vor der UNO Vollversammlung das Erscheinen des schiitischen Messias (des 12. Imams) an; die extremistische jüdische Siedlerbewegung tritt unter der Führung Benjamin Netanjahus in eine neue Phase der Radikalisierung; in Varanasi (Indien) löst die tödliche Bombe in einem Hindu-Tempel den alten Konflikt zwischen der religiösen Rechten des Landes und den Muslimen wieder aus.

    Der christliche Fundamentalismus ist in den USA zu einem politischen Machtfaktor geworden, der bis hinein ins Oval Office reicht, und seine Ideologien sind dabei, in Europa Fuß zu fassen; mehr oder weniger direkt drohen religiöse Terroristen und westliche Staatschefs mit dem Einsatz von Nuklearwaffen; ein Militärschlag gegen den Iran wird als letzte Option nicht ausgeschlossen – all diese jüngsten Ereignisse dienen heute Hunderten Millionen von Menschen aller Glaubensrichtungen als Indizien für einen “Kampf der Kulturen” bzw. einen “Krieg der Religionen”. Bisher wurden diese beiden umstrittenen Begriffe von Politikern, Experten und Religionsvertretern bewusst und mit guten Absichten heruntergespielt. Doch die Vorkommnisse der letzten Wochen haben die Schleusen für eine Debatte über den “Krieg der Religionen” mit Gewalt aufgestoßen. Talkshows, Politkommentare, TV-Dokumentationen und Print-Medien sprechen das Thema heute unverhohlen an.

    Zweifellos ist die Religion seit Ende des 20. Jahrhunderts entgegen allen Erwartungen zu einem planetaren soziokulturellen Phänomen und zu einem mächtigen Mitspieler auf der Bühne der Politik geworden. Parallel zur ökonomischen, kommunikativen und politischen Globalisierung sind wir in allen Kulturen und Ländern mit einer rasant sich ausbreitenden Hinwendung zur Glaubensinhalten konfrontiert. Für diese globale Renaissance des religiösen Bewusstseins ist nicht zuletzt der Zusammenbruch der kommunistischen und vorher der faschistischen Staaten ursächlich. Beide totalitären Systeme waren aufs engste mit Visionen und Utopien von (in ihrem Sinne) idealen Gesellschaften verbunden. An deren Stelle sind nun die endzeitlichen Heilsversprechungen der Religionen von einer vollkommenen Welt getreten: statt eines sozial-revolutionären Führers erwarten nun Millionen das Erscheinen eines militanten Messias, der sie mit Gewalt ins Paradies bombt. Mittlerweile hat dieser “moderne”, weltweit agierende Fundamentalismus eine eigene “politische Theologie” entwickelt, die je nach religiöser Ausrichtung variiert, die aber im Kern sehr ähnliche Ziele mit verblüffend ähnlichen Mitteln verfolgt.

    Worin besteht nun das übergreifende Dogma dieser “politischen Theologie”, welches Islamisten, fundamentalistische Christen, religiöse Zionisten und radikalisierte Hindus miteinander teilen, obgleich sie sich gegenseitig bekriegen? Sie alle machen keinen Unterschied mehr zwischen Religion und Politik; sie alle glauben daran, dass ein Weltkrieg zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen kurz bevorstehe oder schon im Gange sei; sie alle haben ein eschatologisches Geschichtsverständnis. Man kann ihre gemeinsame Vorstellungswelt als apokalyptische Matrix bezeichnete, denn es ist ein messianisch-apokalyptisches Selbstverständnis, das in letzter Instanz hinter dem militanten Fundamentalismus jeglicher Couleur wirksam ist. In allen Religionen drückt sich diese apokalyptische Matrix erst einmal in den Prophezeiungen ihrer Heiligen Texte vom Ende der Welt und dem Auftritt ihres jeweiligen Erlösers aus. Bei den Juden vor allem in den Büchern der Propheten, insbesondere im Buch Daniel, bei den Christen insbesondere in der Offenbarung des Johannes, bei den Muslimen in Passagen aus dem Koran und in zahlreichen Hadiths (Sprüchen des Propheten Mohammed), bei den (lamaistischen) Buddhisten im Kalachakra-Tantra und bei den Hindus in der Bhagavadgita, dem Vishnu Purana und dem Ramayana.

    Die apokalyptischen Matrix hat die Form eines “Dramas” vom Untergang der Welt und ihrer Neuerstehung. Sie weist in allen Glaubensrichtungen die folgenden gleichen Inhalte, Handlungsabläufe und Zielrichtungen auf:

    1. Die Geschichte der Menschheit ist der irdische Ausdruck eines kosmischen Krieges zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis. In diesem universellen Kampf stehen sich Gott und Satan, Engel und Teufel, Oberwelt und Unterwelt als unversöhnliche Feinde gegenüber. Wenn sich die Weltgeschichte der apokalyptischen Entscheidungsschlacht nähert, ist jeder Mensch gezwungen, sich für oder gegen Gott zu entscheiden.

    2. Die gegenwärtige Periode in der Menschheitsgeschichte ist gekennzeichnet durch die zunehmende Herrschaft des Bösen, die sich ausdrückt im sittlichem Verfall und sexuellen Exzessen, in Ungläubigkeit, Korruption, Krieg, Gewalt, Ungerechtigkeiten, Verbrechen, Seuchen, Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen. Die Gegenwart, so wie sie ist, wird radikal abgelehnt.

    3. Ein Dämon, der Satan oder dessen Stellvertreter, ergreift die Gewaltherrschaft über diese Welt der Niedertracht. Mit Vorspiegelungen, Betrug, Hinterhältigkeit, Manipulation, Terror und Mord zwingt er einen Großteil der Menschheit unter sein Kommando und wird zum Weltenherrscher. Dann versucht er nach dem Throne Gottes zu greifen.

    4. Kurz bevor der satanische Welt-Imperator alle seine Ziele erreichen kann, inkarniert sich im letzten Augenblick das Gute in der Gestalt eines “Militanten Messias”, der als Anführer einer “kosmischen Armee” aus Menschen und Überwesen (Engeln, Göttern, Heroen) mit extremer Härte, mit Zorn und mit gnadenloser Grausamkeit gegen die “Koalition des Bösen”, den Teufel und sein Pandämonium antritt und diese dann endgültig vernichtet. Beide Parteien kämpfen mit allen Arten von Massenvernichtungswaffen und setzen auch Naturkatastrophen und Seuchen als Kampfmittel gegeneinander ein.

    5. Die Anhänger des “Militanten Messias” bezeichnen sich als “Gotteskrieger”, die bereitwillig das Martyrium auf sich nehmen, um dadurch sofortige “Erlösung” zu erlangen.

    6. Vernichtet werden am Ende alle, die nicht den “wahren” Glauben haben, erlöst werden dagegen alle Rechtgläubigen. Diejenigen, welche die apokalyptischen Kriege überleben, müssen sich einem Gericht stellen, das die restlichen Rebellen und Ungläubigen zu unsäglichen Höllenqualen verurteilt.

    7. Nach seinem triumphalen Sieg über das Böse errichtet der “Militante Messias” einen weltweiten, autoritativen “Gottesstaat” (eine Theokratie oder eine Buddhokratie) mit dem eigenen Glauben als einziger Religion. Ein totalitärer Staat, in dem alle Gesetze von “Gott” und nicht von den Menschen erlassen werden, in dem die absolute Macht durch ein militantes Priesterkönigtum ausgeübt wird und in dem die Frauen eine untergeordnete Rolle spielen, ist das Ziel jeder traditionellen Endzeitvision. Dieser religiöse Machtstaat wird in den apokalyptischen Schriften als das “Paradies auf Erden” beschrieben.

    8. 1000 Jahre (ein Millennium) lang dauert dieses paradiesische “Reich des Guten”. Danach geht es ebenfalls unter und der gesamte Planet Erde wird vernichtet.

    Die allgemeine Gültigkeit der apokalyptischen Matrix für alle Glaubensrichtungen zeigt jedoch die ganze Absurdität des messianischen Endzeit-Wahns. Obgleich sie sich in einen gegenseitigen “Heiligen Krieg” verstricken und sich in einer Konkurrenz um die Erlangung der Weltenherrschaft befinden, teilen die Apokalyptiker aller Religionen sehr ähnliche traditionalistische Wertvorstellungen insbesondere in ihrer konservativen Haltung gegenüber der Geschlechterfrage. Auch in ihren politischen Visionen ähneln sie sich. Vertreter der amerikanischen Christlichen Rechten, religiöse Zionisten, revolutionäre Islamisten, Hindu-Fundamentalisten und Dalai Lama-Anhänger alle träumen von einer globalen Theokratie (bzw. Buddhokratie) ihres jeweiligen Höchsten Wesens. Insofern ist es im eigentlichen Sinne falsch, vom “Kampf der Kulturen” zu sprechen, denn die sich gegenseitig bekriegende “Kultur-Muster” decken sich inhaltlich, strukturell und programmatisch in vielen Punkten. Die “Guten” und die “Bösen” im apokalyptischen Welttheater sind einander sich bekämpfende “Brüder”, die vom selben zerstörerischen dualistischen Geist, wenn auch jeweils mit umgekehrtem Vorzeichen, getrieben werden.

    Jede religiöse Gruppe, die einen apokalyptischen Krieg befürwortet, hat ein großes Interesse daran, dass die andere Seite ebenfalls in das apokalyptische Delirium hineingezogen wird und sich durch dualistische Reizwörter wie Gut und Böse, Gott und Satan, Heilig und Unheilig artikuliert. Die daraus resultierende gegenseitige Dämonisierung führt notwendigerweise dazu, dass sich die apokalyptische Matrix parteiübergreifend durchsetzen kann, um den messianischen Endzeit-Wahn erst richtig anzuheizen.

    Bush und Bin Laden

    Als zum Beispiel der amerikanische Präsident George W. Bush erklärte, einen Krieg gegen die “Achse des Bösen” zu führen, ist er nolens volens in die apokalyptische Falle getreten, die ihm von Osama bin Laden gestellt wurde. “Den ‘Heiligen Krieg’ zu beschwören ist ein Kurs voller Gefahren”, warnt der amerikanische Soziologie-Professor John R. Hall von der University of California, “denn seine Rahmenbedingungen geraten mit Begriffen in Konflikt, welche diejenigen von al-Qaida widerspiegeln. In der Tat, insoweit die USA und ihre Verbündeten es zulassen, dass al-Qaida die Auseinandersetzung als eine ‘apokalyptische’ definiert, helfen sie al-Qaida in ihren Anstrengungen, ihren Kampf unter den muslimischen Anhängern als ‘Heiligen Krieg’ zu definieren.” Die Apokalypse der einen Partei potenziert die Apokalypse der anderen. Der Endzeit-Wahn, der Hass auf das bestehende Leben und auf die Erde kann zu einer selffullfilling prophecy werden.

    Jetzt schon ist die Zahl der US-Bürger, die Geschichte und Politik aus der Sicht biblischer Prophezeiungen interpretieren, gigantisch. Nach einer Umfrage von TIME/CNN spekulieren mehr als ein Drittel aller Amerikaner darüber, in welchem Zusammenhang aktuelle Nachrichten mit den Weissagungen der Heiligen Schrift stehen. 59 Prozent (!) sind davon überzeugt, dass wir in einer Zeit leben, in der sich die Ereignisse der Johannesoffenbarung realisieren und ein Viertel glaubt, der 11. September sei in der Bibel vorausgesagt.

    Die beiden prominentesten Zeitschriften der Welt Time Magazine und Newsweek widmeten dem Thema Titelgeschichten: “Apocalypse Now” (Time Magazine 2002) und “Die neuen Propheten der Offenbarung” (Newsweek 2004). Auch die ehrenwerte Washington Post vom 2. Februar 2003 spricht von einem “aufkommenden Zeitalter der Apokalypse” und resümiert: “Vor zehn Jahren lasen wir Professor Francis Fukuyamas Essay und toasteten auf das Ende der Geschichte. Dann folgte Professor Samuel Huntingtons Nachdenken über den Kampf der Kulturen. Jetzt ist es schlimmer: Wir werden gewarnt, uns nicht nur Sorgen über den Kampf der Kulturen zu machen, sondern über das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen, über das Ende, vielleicht, der Welt selber.”

    Sogar die deutsche Presse zeigte sich angesichts des Doomsday-Trends besorgt. So berichtete der Spiegel im Jahre 2003: “Seit den Anschlägen vom 11. September hat die Apokalypse des Johannes, das Buch der Offenbarung, wieder einmal Hochkonjunktur bei den fundamentalistischen Kirchen Amerikas.” Mittlerweile aber ist dieser Apokalypsen-Wahn erfolgreich dabei, in Europa, insbesondere auch in Deutschland, Fuß zu fassen. Abgelesen werden kann das unter anderem an den Verlagsprogrammen. Bertelsmann/Random House setzt seit neuesten explizit auf christliche Schriftsteller, darunter auch den extremistischen Doomsday-Autor Tim LaHaye, der mit seinen messianisch-apokalyptischen Thrillern Millionen von US-Bürger mit dem Endzeit-Virus infiziert hat. Für viele Kulturkritiker gilt er deswegen als der “mächtigste [christliche] Fundamentalist im heutigen Amerika”: 2002 unterschrieb LaHaye mit der amerikanischen Sektion von Random House (Bertelsmann) einen 42 Millionen Dollar Vertrag für eine Serie mit dem Titel “Babylon steht auf” (Babylon Rising) und kassierte damit den größten Vorschuss, den je ein Schreiber in der Geschichte des modernen Verlagswesens erhalten hat. Hier in Deutschland vertreiben Blanvalet und Gerth-Medien die LaHaye Bücher. Beide Häuser zählen zu Bertelsmann.

    Über das messianische Selbstverständnis des amerikanischen Präsidenten George W. Bush und neuestens auch über das polit-religiöse Outfit des britischen Premiers Tony Blair hat die internationale Presse ausführlich berichtet. In Europa wird jedoch kaum zur Kenntnis genommen, dass in den USA schon seit vielen Jahren eine intensive, öffentliche und verbissen geführte Theokratie-Bewegung im Vormarsch ist, welche die Schaffung eines totalitären christlichen “Gottesstaates” zum Ziel hat. Langfristig versucht die Christliche Rechte die säkulare US-Gesellschaft über das Bildungswesen zu Fall zu bringen. Dabei soll ein amerikanischer “Gottesstaat” nur der Anfang eines zukünftigen, weltweiten christlichen Imperiums sein. Sozusagen als Vorgeplänkel des kommenden inner-amerikanischen Kulturkrieges wird von den Fundamentalisten die so genannte “Darwin-Debatte” angesehen, die dabei ist, ebenfalls nach Europa überzugreifen. Diese Attacke auf die Evolutionslehre ist nur die Spitze eines Eisberges. Daniel Dennet, engagiertester Sprecher der Darwin-Zunft, fasst deswegen in einem Spiegel-Interview die Intentionen seiner Gegner mit den folgenden zwei Sätzen zusammen: “Sie wollen in Amerika einen Gottesstaat errichten. Es ist erschreckend, dass viele von ihnen überzeugt sind, das Jüngste Gericht stehe bevor.” Sogar traditionell eingestellte Theologen wie Jürgen Moltmann sehen im christlichen Fundamentalismus der USA eine Gefahr, die unseren ganze Planeten in den Abgrund ziehen mag: “Das amerikanische Millennium kann der Untergang der Welt sein. Wie dem amerikanischen Traum der amerikanische Alptraum und dem amerikanischen Messianismus die amerikanische Apokalyptik auf den Fuß folgen kann”, meint Moltmann.

    “Gott sandte mich mit einem Schwert…”

    Auch der fundamentalistische Islam orientiert sich an der apokalyptischen Matrix. Der Bericht eines israelischen Geheimdienst-Beobachters aus dem Jahre 2004 sieht die derzeitige gespannte Lage im Irak als einen “gefährlichen islamisch-messianischen Strudel”. Die Auseinandersetzung mit den Koalitionskräften sowie zwischen Sunniten und Schiiten werde von militanten Irakern zunehmend “apokalyptisch” gedeutet, sagte der Mann. Es seien auch endzeitliche Prophezeiungen, die islamistische Terroristen aus anderen Ländern dazu veranlassten, in das Land zu gehen, um von dort aus den “Kampf gegen das Böse” aufzunehmen.

    Seit Jahren ist die apokalyptische Obsession der Islamisten bekannt, dennoch wird in der Öffentlichkeit kaum darüber diskutiert: Osama bin Laden, Ayman al-Zawahiri, Abu Musab al-Zarqawi, Muqtada al Sadr, die Führer der Hamas und der Hisbollah, sie und viele andere sind Endzeit-Fanatiker, die sich als Erfüllungsgehilfen bei der Errichtung eines weltweiten Kalifats oder sogar des Jüngsten Gerichts verstehen. “Gott sandte mich mit einem Schwert, um die Stunde des Jüngsten Gerichts vorzubereiten, dann wenn Gott allein verehrt wird ohne einen anderen neben ihm.” Dieser Spruch des Propheten Mohammeds (in westlicher Sprache meist falsch übersetzt) wird von Osama bin Laden und anderen Terroristen in ihren “Kriegserklärungen” immer wieder bemüht. Aber auch die große Masse der Muslime ist für Endzeit-Ideologien empfänglich. “Eine Milliarde Muslime werden letztendlich in ein Millennium Szenario hineingezogen, in dem sie die Welt erobern. […] Je gewaltsamer und aktiver das apokalyptische Szenario ist, je destruktiver können seine Konsequenzen sein, gleichgültig wie unrealistisch die Ziele sind. Der Westen kann es sich nicht leisten, diese Phantasien einfach nicht zu beachten, weil er sie für nicht realistisch hält”, erklärt der amerikanische Historiker Richard Landes über den Doomsday-Glauben in der islamischen Welt.

    Erst in der letzten Zeit, als der iranische Präsident Ahmadinedschad seine Politik damit begründete, sie werde die Rückkehr des militanten schiitischen Messias, des 12. Imam (Imam-Mahdi) beschleunigen, berichtete die Weltpresse eingehender über den islamischen Apokalypsen-Wahn. Auslöser hierfür war vor allem die Rede, die Ahmadinedschad am 17. September vor dem Plenum der Vereinten Nationen in New York hielt. Was die heikle Nuklearfrage anbelangt, so brachte seine Ansprache nichts Neues, sondern er wiederholte das unantastbare Recht des Irans auf “friedliche” Nutzung von Nuklearenergie. Religionspolitisch muss diese “Predigt” als eine Sensation angesehen werden, denn der iranische Präsident proklamierte schlichtweg das Ende des agnostischen, säkularen Zeitalters und stellte das Primat der Aufklärung in Frage. Heute kultiviere die gesamte Menschheit wieder den Glauben an einen einzigen Schöpfergott, sagte Ahmadinedschad. Der Monotheismus sei das Band, das alle Völker zusammenschließe, Glaube und Religion seien auch die einzigen Mittel, um die anstehenden Weltprobleme zu lösen, denn die Aufklärung und die (westliche) Wissenschaft hätten endgültig versagt. Sie müssten durch “das Wissen, basierend auf der göttlichen Offenbarung” ergänzt werden, bzw. sich in deren Dienst stellen. Die Propheten Noah, Abraham, Moses, Jesus und Mohammed hätten dieses “göttliche Wissen” auf Erden zum Wohle aller Menschen verkündet. Der allgemein feststellbare Trend hin zur Religion, das sei, so Ahmadinedschad, die gute Nachricht. Am Ende seiner Rede kündigte er das Erscheinen des Imam-Mahdis, des schiitischen Erlösers an.

    In Palästina übernimmt mit der Wahl der Hamas eine an apokalyptischen Ideologien orientierte Partei die politische Macht. Artikel 6 der immer noch geltenden Grundsatzerklärung (Hamas-Charta) von 1988 besagt: “Das Land von Palästina ist heiliges, islamisches Besitztum, dass für zukünftige muslimische Generationen bis zum Jüngsten Tag [!] bestimmt ist. Keiner kann darauf verzichten, auch nicht auf einen Teil davon, oder es abtreten, auch nicht einen Teil davon.” Die Erklärung beinhaltet außerdem eine platte Verschwörungstheorie von der Weltherrschaft der Juden, die sich expressis verbis auf die Protokolle der Weisen von Zion bezieht, und eine Missbilligung der säkularen Politik der PLO. Wegen solcher und vieler ähnlicher Statements kommt der amerikanische Religionswissenschaftler David Cook zu dem Schluss: “Bei der Hamas im Westjordanland und im Gaza-Streifen handelt es sich eindeutig um eine apokalyptische Gruppe, wie sich aus ihren Pamphleten und ihrer übrigen Literatur ohne weiteres ergibt. Ihre Ideologen benutzen in ihrer Propaganda gegen die PLO regelmäßig apokalyptische Motive. Der Beginn der Intifada 1987 stimmt überein mit einer 80 Jahre alten Vorhersage des Weltuntergangs.”

    Religiöser Zionismus

    Die traditionelle jüdische Apokalyptik wird an erster Stelle durch radikale Rabbiner der Siedlerbewegung “kultiviert” und sehr geschickt und suggestiv mit der Geschichte Israels zu einem “modernen” Endzeit-Wahn verwoben. Während sich der säkulare Zionismus historisch gegen die “religiöse” Interpretation einer jüdischen Besiedlung Palästinas stellte, entwickelte sich seit dem 6-Tage-Krieg eine religiöse Variante des Zionismus mit messianischen Zielvorgaben. “Die religiösen Zionisten der neuen Sorte sind davon überzeugt, dass sie den Willen Gottes erfüllen und das Kommen des Messias vorbereiten. Die ‘national-religiösen’ Kabinettsminister, die immer zum moderaten Flügel der Regierung gehörten, machten einer neuen extremistischen Führung Platz, mit Tendenzen zum religiösen Faschismus”, schreibt der israelische Friedensaktivist Uri Avnery. Zuerst förderte der jetzt im Koma liegende Ariel Scharon diese Bewegung, dann distanzierte er sich davon und begann damit einige jüdische Siedlungen, insbesondere im Gaza-Streifen, zu schließen. Seine Krankheit, derzeit ohne Hoffnung auf Genesung, wird heute von jüdischen Fundamentalisten als Gottesgericht über einen Mann angesehen, der das Heilige Land an die Muslime herschenken wollte. Bei den kurz bevorstehenden Wahlen gruppiert sich die jüdische Rechte um den Populisten Benjamin Netanjahu, der wiederum von der christlichen Rechten Amerikas unterstützt wird. “Wie wir gesehen haben, beschäftigen wir uns hier nicht mit einer Bande verrückter Propheten oder mit einer extremen Minorität am Rande der Gesellschaft, sondern mit einer dogmatischen Denkschule und einer methodischen Doktrin, die unweigerlich zu einer Politik führt, welche die Konzepte der Menschen- und Bürgerrechte nicht tolerieren kann, weil ihre Vorstellungen von der [religiösen] Totalität von Zeit und Raum keinen Platz für Toleranz zulassen”, schreibt der israelische Historiker Uriel Tal über die radikalen jüdischen Siedler.

    Es scheint so, als würde sich der ganze apokalyptische Wahn in einer Stadt und auf einem Platz verdichten: in Jerusalem und auf dem Tempelberg. In den Endzeit-Prophezeiungen aller drei monotheistischen Religionen bilden sie die Hauptbühne und sind der Erscheinungsort ihres jeweiligen Messias. Aber nicht nur Fundamentalisten sondern auch säkular eingestellte Politologen und Politiker bezeichnen den Tempelberg als die Akupunkturstelle, von der möglicherweise ein Weltenbrand ausgehen mag. “Der Tempelberg ist wie ein rauchender Vulkan, der ständig Blasen entlässt und der auszubrechen droht. […] Wenn der Heilige Ort beschädigt wird, fällt die ganze Schande auf Israel zurück und apokalyptisch zerstörerische Kräfte könnten entfesselt werden”, schreibt die israelische Gruppe Keshev, ein Zentrum zur Verteidigung der Demokratie. Jedenfalls ist das religiöse Weltbild islamischer, christlicher und jüdischer Fundamentalisten mittlerweile so ausschließlich auf diesen Ort fixiert, dass eine endgültige Befriedung von Jerusalem der Doomsday-Obsession die Zielvorgabe nähme und das Wahngebilde zum Einsturz bringen würde.

    Asiatische Apokalypse

    Dies gilt jedoch nur für die monotheistischen Apokalypsen, nicht aber für die asiatischen. Auch die Hindutva, die religiöse Rechte Indiens, orientiert sich an einer endzeitlich-messianischen Philosophie. Die Ambition der Hindutva-Anhänger ist es, die Grundsätze der Realpolitik aus dem umfangreichen archaischen Erbe der indischen Religionen und ihren Heiligen Texten, an erster Stelle dem Ramayana, abzuleiten. Dabei wird das Ahimsa-Prinzip, die Gewaltlosigkeit eines Mahatma Gandhi, durch das Himsa-Prinzip, die Bejahung von Gewalt, ersetzt. Die Nähe zum europäischen Faschismus ist in diesem Fall nicht nur metaphorisch zu verstehen. Die religiöse Rechte Indiens hat in der Mitte des vorigen Jahrhunderts direkte Kontakte zu den Achsenmächten unterhalten und sich ideologisch aus dem italienischen Faschismus und Nationalsozialismus inspirieren lassen – ebenso wie umgekehrt. Heute noch gibt es in Indien eine latente, weit verbreitete Hitlerbewunderung, die sich bis zu dessen Verehrung als göttlicher Avatar hinaufsteigern kann.

    Obgleich der Buddhismus im Westen als eine Religion des Friedens und der Gewaltlosigkeit glorifiziert wird, weist auch er seine kriegerisch-apokalyptischen Ideologien auf. Das prominenteste Beispiel hierfür ist das weltweit durchgeführte endzeitliche Kalachakra-Tantra-Ritual des Dalai Lama. Der heilige Text (das Kalachakra-Tantra), der diesem Ritual zu Grunde liegt, prophezeit eine Letzte Schlacht zwischen Buddhisten und Muslimen, einen militanten buddhistischen Messias, den Einsatz ultimativer Waffensysteme, und die Schaffung einer buddhokratischen Weltordnung. Als Gegner des Buddhismus nennt das Kalachakra-Tantra explizit die “Führer” aller drei monotheistischen Religionen: “Adam, Henoch, Abraham, Moses, Jesus, der im weißen Gewand [Mani], Mohammed und Mathani [der Mahdi]”. Der Text bezeichnet sie als “die Familie der dämonischen Schlangen”. Er beschreibt einen Einweihungsweg, der die Initianten vorbereitet in einem späteren Leben als “Shambhala-Krieger” im Endzeit-Krieg mitzukämpfen. Unter modernen Orientalisten, wie den amerikanischen Tibetologen Alexander Berzin und Donald S. Lopez ist deswegen von einem “buddhistischen Dschihad” bzw. einem “buddhistischen Armageddon” die Rede. Es waren ebenfalls buddhistische “Armageddon-Mythen”, die zur bisher extravagantesten Ideologie des religiösen Terrors geführt haben, zum “apokalyptischen Terrorismus” des japanischen Sekten-Gurus Shoko Asahara. Kaum in der europäischen Öffentlichkeit wahrgenommen wird, dass in Sri Lanka, in Nepal, in Kaschmir, in Bangladesh, in Birma, in Kambodscha und in Thailand schon seit einigen Jahren ein “Religionskrieg” zwischen Buddhisten und Muslimen ausgebrochen ist.

    Besonders beunruhigend ist die Faszination für Massenvernichtungsmittel in allen Lagern des Fundamentalismus. Schon von Beginn an hat die Konstruktion, Zündung und Verbreitung von Nuklear-Bomben einen berauschenden Einfluss auf das apokalyptische Denken religiöser Gruppierungen gehabt. Der Einsatz von A-Waffen ist ein Szenario, das in keiner “modernen” Apokalyptik mehr fehlt. Seit den Explosionen der Bomben von Los Alamos, Hiroshima und Nagasaki werden Zerstörungs-Passagen aus den traditionellen Endzeit-Texten der Religionen als Beschreibungen eines atomaren Holocausts gedeutet. In der Tat ist in fast allen Heiligen Schriften (in der Hebräischen Bibel, in der Offenbarung des Johannes, im Koran und in den Hadiths, in der Bhagavadgita, im Ramayana und im Kalachakra-Tantra) von “übermenschlichen” Waffen die Rede, die eine ungeheuerliche Zerstörungswirkung haben sollen. Diese Passagen werden von den Apokalyptikern als göttliche Legitimation für einen Atom-Krieg herangezogen. Solche atomaren Doomsday-Prophezeiungen sind mehr als ein religiöses Phantasma: “Die Existenz dieser Waffen verwischt […] die Jahrtausende alten Unterscheidungen zwischen der Phantasie einer Weltvernichtung (ob von paranoiden Schizophrenen, religiösen Visionären oder auch von ganz normalen Menschen in ihren Träumen) und der Fähigkeit, diese Phantasie Wirklichkeit werden zu lassen”, schreibt der amerikanische Gewaltforscher Robert Lifton. Heute, nach dem 11. September 2001, sprechen auch viele säkular eingestellte Kulturologen von der Gefahr eines “apokalyptischen Nuklearismus”. Der Begriff hat sich mittlerweile eingebürgert.

    Die apokalyptische Matrix ist ein reiner Wahn, der durchaus höchst destruktive Realitäten hervorrufen kann. “Im schlimmsten Szenario, das keineswegs unwahrscheinlich ist, könnten sich die biblischen Prophezeiungen aus sich selbst heraus erfüllen. Eiferer von jeder der drei monotheistischen Religionen könnten eine Reaktion von Schlag, Gegenschlag und Massenvernichtung in Gang setzen”, schrieb die Washington Post im Jahre 2003.

    Trotz der Gefahr, die vom dieser weltweiten apokalyptischen Obsession ausgeht, weigern sich die etablierten Glaubensrichtungen bisher dieses “heiße Eisen” adäquat zu diskutieren. Das religiöse Establishment trifft sich auf zahlreichen interreligiösen Konferenzen, um edle und erbauliche, aber unverbindlicher Worthülsen auszutauschen, die nicht zu den ideologischen Ursachen vorstoßen, aus denen ein “Krieg der Religionen”, (bzw. ein “Kampf der Kulturen”) und der “religiöse Terrorismus” entstehen und gerechtfertigt werden. Diese Vogel-Strauß-Politik kann jedoch nicht mehr lange andauern. Die Mainstream-Religionen werden schon sehr bald gezwungen sein, zu den Gewaltstellen in ihren Heiligen Schriften, zu ihren katastrophalen Endzeit-Prophezeiungen, zum militanten Messianismus, zum Heiligen Krieg und zum Gottesstaat offen Stellung zu beziehen – spätestens dann, wenn ihre Machtstellung durch den Fundamentalismus aus den eigenen Reihen selber in Frage gestellt wird.

    Nicht nur die offiziellen Kirchen, sondern auch der Säkularismus steckt den Kopf in den Sand. Einstmals aus der Religionskritik entstanden, sucht er heute – konträr zu seiner rebellisch-aufklärerischen Tradition – ständig in den etablierten Religionen Gesprächspartner und Verbündete gegen den Glaubens-Fanatismus. Dieser Dialog zwischen Religionsvertretern und Säkularisten (meist sind es Politiker und Medienvertreter) wird von beiden Parteien in der Sprache des Humanismus geführt, was zur Folge hat, dass sich die Säkularisten in den von ihnen propagierten, humanpolitischen Werten bestätigt sehen und sich beruhigt in die Institutionen ihres bis jetzt noch laizistischen Staates zurückziehen, ohne überhaupt mit den eigentlichen Problemfeldern, aus denen die religiöse Gewaltbereitschaft entsteht, konfrontiert worden zu sein. Irgendwie hat sich unter ihnen der naive Glaube verbreitet, die offiziellen Kirchen hätten das Fundamentalismus- und Terror-Syndrom theologisch, dogmatisch und organisatorisch voll im Griff. Die Gefahr religiöser Gewalt stammt aber, wir wiederholen es zum Schluss noch einmal, aus den Religionen selbst, aus ihrer blutigen Vergangenheit, insbesondere jedoch aus ihren Heiligen Texten. Dies aufzuzeigen, zu analysieren und zu bewerten ist eine vordringliche Aufgabe des Humanismus. Dieser muss sich heute, will er überhaupt überleben, als ein Kulturentwurf präsentieren, der das Erlösungsbedürfnis der Menschen von einer verkehrten Welt befriedigen kann.

    Artikel aus MIZ 1/06
    von Victor und Victoria Trimondi
    http://www.miz-online.de/Archiv/1-06/Die-Apokalyptische-Matrix

  10. Kalinichta permalink
    12. Januar 2015 17:55

    Ich bin nicht Charlie und du kannst mich mal

    Freitag 9. Januar 2015, von kommunisierung.net

    Die Pariser erwachten heute morgen, und durch sie die ganze Welt, mit einem makaberen Pulvergeruch in der Nase. Einige religiöse Fanatiker, es sind nicht die ersten, es werden nicht die letzten sein, eröffneten während der wöchentlichen Sitzung der Satirezeitschrift Charlie Hebdo das Feuer. Ein Dutzend Toter und einige Verletzte, wovon die Mehrheit allseits bekannte und an die Massenmedien gewöhnte Journalisten und Karikaturisten sind, sowie zwei Bullen, die im Gegensatz zu den anderen ihren Lohn dafür erhielten, beschossen zu werden. Ausser vielleicht unter einigen alten Kriegswölfen war die erste Reaktion auf dieses Ereignis Empathie gegenüber dem Schrecken dieses Angriffs. Tatsächlich kann dieses Attentat, welches das tödlichste seit jenem faschistischen gegen den Zug Strassburg-Paris am 18. Juni 1961 während des Algerienkrieges war, nur Entsetzen auslösen in Anbetracht der Bestimmtheit und der Flucht nach vorne der Angreifer. Entsetzen auch in Anbetracht der religiösen Niedertracht, welche mehr als je zuvor einen grossen Teil der Menschheit davon abhält, sich wirklich über die Welt um sie herum Gedanken zu machen. Dazu kommt für uns Anarchisten und Revolutionäre das Entsetzen über die immerwährende nationale Einheit. Jene nationale Einheit, die man uns immer dann wieder serviert, wenn die Staaten proletarisches Kanonenfutter brauchen. Denn es sind immer die gleichen, von welchen man verlangt, sich auf den Wegen zum Ruhm zu opfern für Interessen, welche nicht ihre eigenen sind, wie die Nation, der „Friede“ oder die Republik, während die Entscheidungsträger sich unter den Goldverzierungen ihrer Paläste am Rücken kratzen.

    Das gleiche Spiel spielte man schon 1914 mit uns, indem man uns zur Einheit gegen die „boches“ [abwertende Bezeichnung für Deutsche] ermahnte, oder vor einigen Jahren während der „Affäre Merah“, und es ist auch heute wieder das gleiche. Chefs und Arbeiter, Gefangene und Aufseher, Bullen und „Straftäter“, Reiche und Arme, alle Hand in Hand vereint für die nationale Trauer. Heute gibt es keine Klassen mehr, keine Schranken zwischen den Leuten, und auch keine Barrikaden, obwohl Hunderttausende auf den Strassen von ganz Frankreich (und sogar woanders) marschieren. Doch wem nützt das eigentlich? Sicher nicht den Unerwünschten, welche die Strassen von Paris und der Welt bewohnen. Plötzlich vergiessen der Staatsterrorismus, der republikanische und demokratische Terrorismus, die Terroristen des Geldes ihre Krokodilstränen und tun so, als ob sie die Guten wären, da die Jihadisten ihnen die Gelegenheit auf einem Silbertablett servieren, welches die Proportionen des Universums annimmt, bis zu einem Punkt, wo heute nur noch der Marschall zuoberst im Organigramm fehlt. Doch heute geht es nicht mehr darum, Elsass-Lothringen zurückzugewinnen, es geht darum, „die Werte der Laizität und der Meinungsäusserungsfreiheit zu verteidigen“. Alles in allem nur Scheisse für uns, wir, die wir alle Religionen zerstören wollen und die Meinungsäusserungsfreiheit all jenen verweigern, welche eine Krawatte, einen Priesterrock oder jegliche andere Uniform oder Adelstitel tragen.

    Jeder drückt auf seine Tränendrüse, jede Partei, jede Organisation, von allen vorstellbaren und möglichen Strömungen, Libertäre eingeschlossen [1], spuckt uns den vorgekauten Diskurs der „Barbaren“ aus, welche das „Zusammenleben“ angreifen.

    Doch was ist eigentlich ein Barbar?

    Verweilen wir einen Moment beim Begriff. Vom griechischen bárbaros („Fremder“) kommend, wurde das Wort von den alten Griechen für jene Bevölkerungen benutzt, welche nicht Teil ihrer durch die griechische Sprache und Religion definierten Zivilisation waren. Der Barbar ist also der Andere, jener, welcher nicht die gleiche Suppe teilt, oder eben jener, der nicht am gleichen Tisch isst. Montaigne sagte: „Wir nennen Barbarei, was nicht mit den heimischen Verhältnissen übereinstimmt.“ Wie wir es schon woanders gesagt hatten, kennen wir keine Barbaren, wir kennen nur Individuen, welche innerhalb dieser morbiden Zivilisation überleben. Wir kennen kein ausserhalb, wir kennen Ausgeschlossene, ja, doch sie könnten nicht mehr innerhalb sein, als sie es schon sind.

    Die heutigen „Barbaren“ sind weit davon entfernt, ausserhalb der Zivilisation zu stehen, obwohl es für die Verfechter dieser These beruhigend sein mag, dies zu glauben. Genau wie die berühmte „Gang der Barbaren“ damals sind sie reine Produkte der Zivilisation. Sie kennen deren Codes, benutzen deren Werkzeuge und sind nicht so weit von jenen entfernt, welche sie heuchlerisch anprangern. Denn es macht grundsätzlich nur einen geringen Unterschied, ob die Mörder grüne oder schwarze Uniformen tragen, ob sie „es lebe die Demokratie“ oder „Allahu akbar“ schreien, ob sie eine dreifarbige oder jihadistische Fahne tragen, ob sie von der öffentlichen Meinung gebilligt werden oder nicht, ob ihre Massaker legal oder illegal sind, ob sie uns massakrieren, um uns die Aufklärung oder die Dunkelheit zu bringen. Indem sie ihre makaberen Übergriffe begehen, begeben sie sich alle auf das gleiche Niveau, von jenem Moment an, wo sie dem Individuum verweigern, sich zu verwirklichen, wie es will.

    Der Terrorismus ist keine barbarische Praxis, sondern eine höchst zivilisierte, ist die Demokratie nicht ein Kind des Terrors? Deshalb muss der Terror genauso bekämpft werden wie die Zivilisation, welche ihn hervorbringt und braucht, von den „septembriseurs“ 1792 bis zu den zerstörerischen Gefängnisstrafen oder Daesh heute. Wer sind sie, diese Schweine mit Krawatte, welche ihre Armeen zum Angriff auf die Bevölkerungen von Zentralafrika, Afghanistan oder woanders losschicken, und die uns heute Lektionen des Pazifismus erteilen, wenn in Paris zwölf Personen ermordet werden? Es sind genau die gleichen, wie jene, welche im Moment im Fernsehen erscheinen, um einige billige Tränen zu vergiessen, um einige elende Punkte in ihren genauso elenden Meinungsumfragen zu gewinnen oder nicht zu verlieren.

    Wir sind heute genauso wenig Charlie wie gestern und der Tod verwandelt unsere Gegner oder Feinde von gestern nicht in Freunde von heute, wir überlassen dieses Verhältnis zur Welt den Hyänen und den Geiern. Es ist nicht eine unserer Gewohnheiten, vor den Gräbern der (sogar vage alternativen oder libertären) Journalisten und der Bullen zu weinen, denn wir haben die Medien und die Polizei schon lange als wesentliche Waffen dieses Zivilisationsterrorismus erkannt, basierend auf der Konsensfabrik einerseits, der Repression und Einsperrung andererseits. Deshalb weigern wir uns, Wölfe mit anderen Wölfen zu beweinen, oder sogar mit Schafen.

    Jene Räuber, welche uns heute ermahnen, herzhaft mit ihnen zu weinen, zu deklarieren „Ich bin Charlie“, diese gleichen Räuber in Anzügen sind verantwortlich für das Aufkommen von schrecklichen Gruppen und Bewegungen wie Al-Qaida oder Daesh, ehemalige Verbündete der westlichen Demokratien gegen die vorhergehenden Gefahren, bevor sie einen zentralen Platz auf dem Podium der geostrategischen Gefahren von heute einnahmen. Diese gleichen Drecksäcke, welche jeden Tag in ihren Gerichten, ihren Kommissariaten, ihren Gefängnissen jene ermorden, einsperren, verstümmeln und in Beschlag nehmen, welche nicht den klar aufgezeichneten Weg verfolgen, welchen man uns durch Knüppelschläge und Bildung auferlegt. Diese gleichen zivilisierten Wesen, welche jeden Tag jene an ihren Grenzen krepieren lassen, welche versuchen, dem durch sie oder ihren Feinden des Tages, Salafisten und Konsorten, ausgelösten Elend und den Kriegen zu entfliehen.

    Wir haben überhaupt keine Lust, dass genau diese Drecksäcke uns weiterhin zivilisieren und beseitigen, und noch weniger, mit ihnen Schulter an Schulter zu stehen. Denn wir wollen gegen sie Schulter an Schulter stehen, gegen sie und gegen all jene, welche uns unter diversen religiösen, politischen, kommunitaristischen, interklassistischen, zivilisierenden und nationalistischen Vorwänden nur als zu platzierende Bauern betrachten, zur Aufopferung auf einem ekelhaften und absurden Schachbrett. Es ist angebracht, heute wie morgen, sich an diese Worte von Rudolf Rocker zu erinnern, als er sagte, dass „nationale Staaten politische Kirchengebilde [sind]. Das sogenannte Nationalbewußtsein, das dem Menschen nicht angeboren, sondern anerzogen wird, ist eine religiöse Vorstellung; man ist Deutscher, Franzose oder Italiener, wie man Katholik, Protestant oder Jude ist.“

    Es geht jedoch nicht darum, die Gefahr zu minimieren, welche diese Verrückten von Allah, diese Liebhaber der Selbst-Unterwerfung und des moralischen Masochismus repräsentieren. Und obwohl wir heutzutage von ihrer Fähigkeit komplett überfordert sind, überall zu rekrutieren, um sich hier und da in die Luft zu jagen, werden wir uns diesbezüglich Fragen stellen müssen, um aus dem Unverständnis herauszukommen. Dabei sollten wir uns allerdings nicht den Sirenen jener ergeben, welche uns nur noch ein bisschen mehr spalten möchten, indem sie aufgrund eines verschwindend kleinen Teils der Muslime die Stigmatisierung auf eine ganze Bevölkerung ausdehnen möchten, um den angeblichen „Kampf der Kulturen“ zu erreichen, von dem sie so sehr träumen, was eigentlich Bürgerkrieg bedeutet, dessen Konsequenzen für uns alle sie sich wohl nicht bewusst sind.

    Und was soll man von diesem Angehörigen des Reinigungspersonals sagen, der von Kugeln zerfetzt, kaltblütig exekutiert wurde, ohne dass er irgendwas verlangt hätte? Wer kümmert sich darum? Er hatte wahrscheinlich kein Twitterkonto, kein Eintrittsticket zum modernen Spektakel, keinen Namen, kein Gesicht, keinen Freund, der im Fernsehen weinen gehen kann. Er war nicht Charlie. Er war nur ein Kollateralschaden einiger Gottesverrückter mit einem erleuchteten Abzug, genau wie so viele im Moment, genau wie die Millionen von Kollateralopfern der Staaten auf der ganzen Welt. Unsere Gedanken sind heute Abend bei ihm.

    Etwas ist sicher, es gibt nichts zu wählen zwischen der Pest und der Cholera, zwischen irgendeinem Gott mit seinen schlachtenden, kreuzigenden oder massakrierenden Propheten oder irgendeinem Scheissstaat mit seinen mordenden Bullen und Soldaten. Wir verweigern immer noch die Aufforderung, zwischen verschiedenen Formen der Sklaverei und der Unterwerfung zu wählen. Unsere Wahl kann nur von uns selbst kommen, es ist jene der Freiheit.

    In dieser hoffnungslosen Epoche, gegenüber der vermeintlichen „nationalen Einheit“, dem Bürgerkrieg, dem Jihad der Fanatiker und den „sauberen Kriegen“ der Staaten, müssen wir den sozialen Krieg wieder in den Vordergrund stellen, und zwar bis es brennt.

    Einige AnarchistInnen,
    am 7. Januar 2015.

    Übersetzt aus dem Französischen von Kommunisierung.net

    Quelle:

    http://www.non-fides.fr/?Je-ne-suis-pas-Charlie-et-je-t

    [1] Kleines Ratespiel, sind diese Aussagen aus dem Communiqué der Gruppe J.B. Botul der anarchistischen Föderation oder aus der Rede von François Hollande? „Unsere Genossen von Charlie Hebdo haben ein schweres Tribut für die Meinungsäusserungsfreiheit gezahlt. Mehrere Polizisten sind auch unter den Opfern. Wir erweisen all diesen Opfern die letzte Ehre. […] die Anarchisten respektieren die Glaubensfreiheit im Rahmen einer laizistischen Republik.“

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