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Berlin: Demo für vorenthaltenen Lohn: Pay, you fucker!

6. Dezember 2014

129078In Berlin protestieren geprellte Arbeiter gegen die Unternehmer, die ihnen ihren Lohn verweigern. Die hauptstädtische Linke beteiligt sich (noch?) zu zögerlich. „Wir kämpfen hier für unsere Würde“, sagt Bogdan, einer der Arbeiter, die derzeit vor dem Prunkkonsumtempel „Mall of Berlin“ protestieren. Und: „Es kann doch nicht sein, dass Arbeiter hier schuften und dann keinen Lohn bekommen.“ Die Geschichte, um die es geht, ist schnell erzählt und sicherlich nicht allzu untypisch für das Baugewerbe.

Am Leipziger Platz steht ein riesiges Einkaufszentrum, das den Namen „Mall of Berlin“ führt, ein hässlicher Konsumtempel, derzeit geschmückt mit allerlei Christkind- und Santa-Claus-Kram. Dieses Ding, das vergessen die meisten, die dort ihren Vorweihnachtskredit in Smartphones und Tablett-PCs umtauschen, hat natürlich jemand gebaut, und diese Menschen nennt man „ArbeiterInnen“. Diese wurden angestellt von jemandem, den man früher treffend „Kapitalist“ nannte, aber heute aus bloßer Schleimerei als „Unternehmer“ bezeichnet, in diesem Fall zunächst ein Investor namens Harald Huth. Der hat den Auftrag an eine Firma mit dem extrem lächerlichen Namen „Fettchenhauer Controlling & Logistic GmbH“ vergeben. Und die wiederum hat ihrerseits „Subunternehmer“ engagiert, die „Metatec-Fundus GmbH & Co. KG“ und die „Openmallmaster GmbH“. Und für die haben dann rumänische Gastarbeiter malocht zu Stundenlöhnen, für die sich Harald Huth nicht mal den Finger in den Po stecken würde, und zu Bedingungen, die unvorstellbar schlecht waren.

10501837_1525651887691411_945238018170042883_nSchon das vertraglich Vereinbarte klingt haarsträubend: Versprochen wurde den Arbeitern ein Dumpinglohn von fünf bis sechs Euro die Stunde und eine bezahlbare Unterkunft. Selbst diese Minimalkonditionen erschienen den Bossen dann wohl als allzu profitminimierend und sie entschieden sich, die Arbeiter lieber gleich ganz zu prellen. 30, vielleicht 40 Arbeiter begannen zu protestieren, ihre Chefs wollten sie einschüchtern und davon abbringen. Über FreundInnen finden sie den Kontakt zur anarchosyndikalistischen Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter Union (FAU), der Widerstand bekommt einen organisierten Ausdruck. Die Arbeiter beginnen einen Dauerprotest, harren täglich Stunden in der Kälte vor der „Mall of Berlin“ aus. Die bislang größte Demonstration fand dann diesen Samstag ab 14 Uhr vor der „Mall of Shame“, wie die Arbeiter ihren vormaligen Arbeitsplatz nennen, am Berliner Leipziger Platz statt. Ich will es ganz offen sagen: Es war eine der sinnvollsten Demonstrationen, die es dieses Jahr in Berlin gab. Die Forderungen sind klar und vermittelbar, die Interessen der Arbeiter legitim, der Ort der Demonstration genau richtig, die Vorbeitung gelungen. Und es handelt sich um einen Kampf, bei dem die Linke endlich Terrain in der ArbeiterInnenklasse zurückgewinnen könnte.

Und dennoch sind es nur etwa 300 Menschen, die den Weg hier her finden. Man staunt. In dieser Stadt, die sich rühmt eine Bastion der (radikalen) Linken zu sein, lassen sich – nach ausgezeichneter Mobilisierung durch die FAU – nicht mehr Menschen zu einer Demonstration in Unterstützung migrantischer ArbeiterInnen mobilisieren, als sich bei einer durchschnittlichen Saufsoliparty einfinden? Dass die Partei Die Linke nicht kommt, versteht sich von selbst: Die Rumänen sind ja nicht wahlberechtigt in Berlin. Und auch vom DGB erwartet man nicht unbedingt, dass er sich an einer Aktion beteiligen würde, bei der ArbeiterInnen für ihr Eigeninteresse und nicht für das der jeweiligen Gewerkschaftsbürokratie und den „Standort Deutschland“ aufstehen. Aber wo sind die anderen Akteure, die zumindest in der Theorie noch nicht vergessen haben, dass Klassenkampf der zentrale Hebel zur Überwindung des Kapitalismus ist?

In Berlin gibt es eine nicht genau bezifferbare, aber große Zahl prekärer Arbeitsverhältnisse – auf dem Bau, im Gastronomiegewerbe, in Spätis, bei den Taxifahrern, wo (vor allem migrantische) ArbeiterInnen noch über das ohnehin „normale“ Maß hinaus ausgebeutet werden. Wenn die radikale Linke nicht in der Lage ist, zu verstehen, dass genau das ein gesellschaftliches Milieu ist, in dem sie kämpfen muss, wird sie früher oder später untergehen. Und sie wird zurecht untergehen, denn kein Mensch braucht eine hedonistische Partysubkultur, die sich als Politsubjekt verkauft. Hedonismus kriegt die bürgerliche Gesellschaft auch ohne stylische Plakate und „linken“ Charme hin. Der Protest an der „Mall of Shame“, der nach diesem Samstag weiter geht, wird ein Lackmustest werden. Können wir es schaffen, gemeinsam und mit unterschiedlichen Aktionsformen den Bauherrn zu zwingen unsere KollegInnen zu bezahlen (im übrigen geht es hier um einen Betrag, den Herr Huth wahrscheinlich jeden Tag zum Frühstück verbraucht, also ein durchaus realistisches Ziel). Oder werden wir rumänischen Arbeiter alleine lassen und uns unserem einfältigen, langweiligen Szeneeigenleben widmen? Es liegt an uns.

Von Peter Schaber
Lower Class Magazine

Quelle: Linksunten Indymedia

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