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Neue Broschüre: Das Experiment Rojava

10. November 2014

rojavaDie Broschüre dokumentiert die Erfahrungen eines Besuchs in Nordostsyrien oder in Rojava (Westkurdistan), den Zaher Baher – Mitglied einer Harengey Solidarity Group und des Kurdistan Anarchist Forum – mit einem guten Freund im Mai diesen Jahres gemacht hat.

Die Übersetzung ist zuerst hier erschienen: http://magazinredaktion.tk/nordsyrien.php, das englische Original hier: http://www.anarkismo.net/article/27301. Dowload-Link am Ende des Textes.

Es folgt das Vorwort zur deutschen Übersetzung:

Vorbemerkung

Wenn sich heute alle Welt für die Verteidigung der nordsyrischen Kleinstadt Kobanê interessiert, dann ist das unmittelbar die Folge einer geschickten und bewaffneten Propagandaoffensive der kurdischen Arbeiterpartei PKK, bzw. deren syrischen Ablegers, der PYD. Das ging in der Darstellung von Cemil Bayik – der Co-Vorsitzenden der Gesellschaften der Gemeinden Kurdistans KCK, einer der zentralen PKK-Organe – wie folgt ab: Nachdem es dem islamischen Staat gelungen war Mossul kampflos zu übernehmen, obwohl ihr formell eine besser bewaffnete irakische Übermacht entgegenstand, rückte er auch – einen informellen Waffenstillstand brechend – in den kurdischen Teils Iraks vor. Symbolisch wurde hier der Fall der nordirakischen Stadt Şengal. Die irakische Armee hatte sich scheinbar eh schon zurückgezogen, da packten auch die überraschten irakisch-kurdischen Perschmerga ihre Waffen ein und zogen ab, ohne auch nur der Zivilbevölkerung Bescheid zu geben. Jetzt hatte die Stunde der PKK geschlagen: „Die Volksverteidigungseinheiten aus Rojava (YPG) und die Guerilla der Arbeiterpartei Kurdistans PKK haben, nach dem kampflosen Rückzug der KDP Peschmerga aus Sengal, den Schutz der dort lebenden ezidischen Kurden organisiert. Mehreren hunderttausend Menschen wurde so das Leben gerettet.“ (1)

Einige einflussreiche Mächte diskutierten seither die Bewaffnung der Kurden. Doch Waffen hatten sowohl die Truppen der kurdischen Autonomieregion wie die der Zentralregierung. – Allein, sie haben nicht gekämpft! Gekämpft haben die Einheiten der PKK. Und wieder der Co-Vorsitzende: „Eigentlich gibt man denjenigen Waffen die kämpfen. Wer kämpft gegen den IS? Es gibt auch andere die kämpfen, das verneine ich nicht, aber unsere Bewegung trägt die Hauptlast. Wenn man Waffen liefern will, dann muss man Waffen denen geben, die kämpfen. Das wäre das richtige.“ (2) Das war Ende August. Mitte Oktober war es dann soweit, Obama erklärte die Sache zur Chefsache und das schon einige Wochen belagerte syrisch-kurdische Kobanê wird aus der Luft mit einigen Waffen versorgt und amerikanische Flugzeuge bombardieren die Stellungen des IS. Einer der Kommandanten der Verteidigungskräfte bedankt sich: „Die Flugzeuge der Allianz haben bislang mit großer Sorgfalt gearbeitet und wir danken ihnen sowohl für ihr Bündnis mit uns, als auch für die große Vorsicht, die sie walten lassen haben. Sie haben der ISIS einen großen Schlag verpasst und das geht weiter.“ (3) Zur weiteren Verwirrung des politischen Koordinatensystems und zum Verdruss der Türkei arbeiten PKK-Leute direkt mit den amerikanischen Militärs zusammen und stolz verkündet ein Pressesprecher: „Ein YPG-Vertreter höchstpersönlich sitzt in der Kommandozentrale, wo die Luftangriffe koordiniert werden, und vermittelt Informationen aus Kobanê. Ohnehin wären Angriffe aus militärischer Sicht unmöglich, würde die YPG nicht an Luftoperationen teilnehmen. Der Bodenkrieg dauert an und stündlich ändert sich die Situation vor Ort.“ (4)

Das sind also die jüngeren und schnell vergessenen Ereignisse. Ob und warum der in die Öffentlichkeit geratene Landstrich irgendeine weitere Bedeutung hat, hängt allerdings nur von den gesellschaftlichen Verhältnissen in den kurdischen Autonomiegebieten ab. Der Grund für die Verteidigungsbereitschaft der syrischen Kurden liegt in ihrer Selbstverwaltung und den neuen Ideen, die dort ausprobiert werden. Die PKK-Schwester PYD hatte nämlich aus der syrischen Situation einigen Vorteil gezogen: Indem sie mit Assads Regime einen Waffenstillstand schloss und ein Autonomiegebiet ausrief, wurde Syrisch-Kurdistan eine eine relativ friedliche Oase in diesem Bürgerkriegsland. Hier versucht man seither den von Öcalan propagierten Demokratischen Konföderalismus (5) zu praktizieren, ein Verwaltungsmodell angeblich irgendwie zwischen Kapitalismus und Anarchie: Die Verfassung schützt das Eigentum, aber dasselbe sei sozial verpflichtend. Alles dreht sich um das Selbstbestimmungsrecht der Völker, keinesfalls aber um Nationalismus. Es gibt keinen Staat, dafür aber Friedens- und Konsensteams. Gefängnisse sollen nicht bestrafen, sondern rehabilitieren. Man darf Jeside oder Assyrer sein und auch Transgender. Jeder Identität bekommt potentiell sogar eine Quotenregel zugestanden. So jedenfalls irgendwie die Theorie bzw. Verfassung (6). Dazu gibt es eine Flut von neuen Gruppen und Institutionen und eine gelungene Armenspeisung. Man hört sogar, dass die Ölförderung von Arbeiterräten kontrolliert würde; der daraus gewonnene Strom ist zwar knapp, sei dafür aber kostenlos. Das Ganze eignet sich gut als Projektionsfläche: „Demokratisches Experiment“, „Ansätze einer Räteherrschaft“, „befreites Gebiet“, „echte Chance“, „Revolution“, „demokratisches Model“, „Halt stand freies Kobanê!“ kann man lesen und alle lieben die bewaffneten Frauenverbände. Und nicht zuletzt kämpfen die syrischen Kurden tapfer gegen den IS, dieser Ausgeburt der Hölle, geeignet alle streitenden Parteien gegen sich zu vereinen. Grund genug einen Blick auf die Sache zu werfen. Ein Anarchist aus England hat zusammen mit einem Freund dieses kleine gallische Dorf in Syrien besucht und einen Bericht über die Lage dort geschrieben, der hoffentlich etwas Einblick in den politischen-gesellschaftlichen Hintergrund des ganzen Kriegsgeschreis gibt, da er vor der der aktuellen Offensive des IS geschrieben ist.

Et al., November 2014.

Fußnoten:
(1) Rojava ist ein anderer Name für Syrisch-Kurdistan. YPG die Armee der PYD. KDP die regierende Partei im irakischen Autonomiegebiet, Perschmerga deren Armee. http://civaka-azad.org/die-tuerkei-unterstuetzt-um-die-selbstverwaltungsstrukturen-rojava-zu-zerstoeren/
(2) http://civaka-azad.org/die-kraefte-die-den-aufgebaut-haben-wollen-jetzt-den-befreier-spielen/
(3) http://325.nostate.net/?p=12910
(4) http://kurdischenachrichten.com/2014/10/ypg-pressesprecher-polat-can-auch-wir-werden-in-der-koalitions-kommandozentrale-vertreten/
(5) http://www.freeocalan.org/wp-content/uploads/2012/09/Abdullah-Öcalan-Demokratischer-Konföderalismus.pdf
(6) http://civaka-azad.org/wp-content/uploads/2014/03/info7.pdf

Download der ganzen Broschüre als PDF hier
https://linksunten.indymedia.org/de/system/files/data/2014/11/2367156665.pdf

5 Kommentare leave one →
  1. Der Fall Malala zeigt: Die islamische Welt hat ein Problem mit Bildung permalink
    14. November 2014 00:59

    Der Fall Malala zeigt: Die islamische Welt hat ein Problem mit Bildung

    Ein Kommentar von ANDREJ PRIBOSCHEK.

    Was für ein Aufstand bräche in der islamischen Welt aus, wenn radikale Christen 200 Mädchen islamischen Glaubens entführen und in der Geiselhaft zwangsbekehren würden? Was wäre auf den Straßen von Jakarta oder Riad los, wenn die Justiz eines westlichen Staates eine junge Frau zum Tode verurteilen würde, weil sie ihrem muslimischen Glauben nicht abschwört? Wir erinnern uns: Schon die Veröffentlichung von eher harmlosen Mohammed-Karikaturen in Dänemark – dem deutschen Satire-Blatt Titanic fallen zum Papst und zu Jesus deutlich schärfere Zoten ein – führte in muslimischen Städten zu Straßenaufständen mit 150 Toten.

    Tatsächlich sind die oben beschriebenen Gräuel erst vor Kurzem geschehen – allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Es sind christliche Schülerinnen, die sich in Nigeria seit Monaten in der Hand der radikalislamischen Boko Haram befinden, und es war eine 27-jährige Christin, die im Sudan wegen „Gotteslästerung“ zunächst zum Tode verurteilt wurde, weil sie sich zu ihrem christlichen Glauben bekennt. Erst nach der Intervention westlicher Staaten wie den USA durfte sie den Sudan verlassen. Die Liste lässt sich beliebig aktualisieren: Ein islamistischer Selbstmordattentäter sprengte sich gestern auf dem Schulhof eines Internats in Nordnigeria in die Luft und riss mindestens 48 Schüler und Lehrer mit sich in den Tod. Heute wurde bekannt, dass die Taliban ihr “Todesurteil” gegen die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai erneuert haben, die Bildung auch für Mädchen fordert.

    Westliche Regierungen, US-Präsidentengattin Michelle Obama, Schauspieler wie Angelina Jolie oder Musiker wie Bob Geldof äußern im Fall der nigerianischen Mädchen ihre Bestürzung. Und was kommt aus der islamischen Welt? Eher wenig. Immerhin, in Deutschlang gingen Muslime auf die Straße. Auf dem Gelände einer Berliner Moschee protestierten rund 70 Menschen gegen die Entführung. „Bring back our girls”, hieß es auf einem Plakat. „Als Muslime in Berlin möchten wir ein Zeichen setzen”, hieß es in der Mitteilung der Moschee – eine überaus ehrenwerte Aktion. Auch der Nationalrat Nigerianischer Muslime ließ keinen Zweifel daran, dass aus ihrer Sicht das Feindbild der Entführergruppe Boko Haram, nämlich „westliche“ Bildung, keineswegs im Widerspruch zum Islam stehe. Boko Haram bedeutet so viel wie „Bücher sind Sünde“.

    Und doch: Die islamische Welt hat ein Problem mit der Bildung, die offenbar tatsächlich vielen Muslimen auf der Welt als „westlich“ erscheint – als wäre es unislamisch, Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben. Vor vier Tagen wurde bekannt, dass der “Islamische Staat” (IS) in den von ihm besetzten Gebieten “ungläubige Bildung” durch einen neuen Lehrplan ersetzen will, der fast nur noch Religionsunterricht vorsieht. Im Mittelalter, daran sei erinnert, war die islamische Wissenschaft Weltspitze. Die distanzierte Haltung zur Bildung heute lässt sich aber nicht allein an den insgesamt eher verhaltenen Reaktionen gegenüber dem Terror bildungsfeindlicher Gruppen wie Boko Haram, dem IS oder den Taliban erkennen. Ein noch deutlicheres Signal sind die abgrundtief schlechten PISA-Ergebnisse von Staaten wie Tunesien, Indonesien, Kirgistan – selbst von Katar, einem Ölscheichtum, das sich eine Fußball-WM in klimatisierten Wüsten-Stadien leisten kann, aber offenbar keine vernünftigen Schulen. Und das sind immerhin noch Länder, die den Mut haben, sich einem internationalen Bildungsranking zu stellen. Auch in Sachen Forschung sind islamische Länder Schlusslicht.

    Wo sind (außerhalb Deutschlands!) die Islamgelehrten, die eine bessere Bildung für die Kinder in der muslimischen Welt fordern? Wo sind die muslimischen Politiker, die auf massive Investitionen in Bildung setzen? Wo ist die breite Bewegung innerhalb der muslimischen Welt, die dem Treiben der Terrorgruppen im Namen des Islam ein entschiedenes „Nein“ entgegenstellt? In die Kampagne zur Freilassung der nigerianischen Mädchen schaltete sich auch die mittlerweile weltberühmte Malala ein. In einem Kommentar widerlegte die Schülerin die Irrlehre, wonach der Islam Frauen (und auch Männern) die Schulausbildung verbietet. “Bildung ist weder westlich noch östlich, Bildung ist Bildung, und jeder Mensch hat ein Recht darauf“, meint sie. Wohlgemerkt: eine 17-Jährige. Und aus ihrer Heimat ist aktuell zu hören, dass sich der größte Privatschulverband Pakistans von ihr distanziert – sie verbreite anti-islamische Lehren, heißt es unwidersprochen. Beschämend.

    http://www.news4teachers.de/2014/11/der-fall-nigeria-zeigt-die-islamische-welt-hat-ein-problem-mit-bildung

    • Abrechnung mit Afghanistan - Die westliche Welt hat ein Problem mit der Realität permalink
      14. November 2014 22:23

      Der Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan wird 2014 vollzogen sein. Über 3000 Soldaten verloren ihr Leben. Die ISAF hinterlässt ein Land am Rande des Bürgerkriegs. Um das verworrene Netz dieses Krieges zu entwirren, sprechen wir mit den Protagonisten des langen Konfliktes, u.a. mit CIA-Agenten, Taliban und Zivilisten. Was hat der Einsatz gebracht? Wie sieht Afghanistans Zukunft aus?

  2. Broschüre: "Das Experiment Rojava" von Zaher Baher gibt es gedruckt beim Syndikat-A in Moers permalink
    19. November 2014 11:47

    oder als Download die ganze Broschüre als PDF hier:
    https://linksunten.indymedia.org/de/system/files/data/2014/11/2367156665.pdf

    „Das Experiment Rojava“
    von Zaher Baher (Mitglied einer Harengey Solidarity Group und des Kurdistan Anarchist Forum).

    Der Text beschreibt die Erfahrungen eines Anarchisten aus England, die er bei einem Besuch in Rojava zusammen mit einem Freund im Mai 2014 gemacht hat. Sehr interessant.
    2,00 Euro.

    https://www.syndikat-a.de/index.php?article_id=2&cat=3922&prod=4114

    http://www.syndikat-a.de

    Hier der Text in englisch mit Kommentaren:
    https://libcom.org/news/experiment-west-kurdistan-syrian-kurdistan-has-proved-people-can-make-changes-zaher-baher-2

    https://libcom.org/forums/middle-east/zaher-bahers-comments-12112014

    http://www.labournet.de/internationales/syrien/politik-syrien/rojava-keine-insel-von-isis-angegriffen-das-sich-frei-uber-grenzen-bewegt/

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