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Eingesandt: Marx und Bakunin

3. November 2014

j0856von Anton Pannekoek[1]

Ich denke, daß wir jetzt, bedingt durch die gegenwärtigen Bedingungen, die die gesellschaftliche Entwicklung hervorbracht hat, in der Stimmung sind, objektiver, ohne Partei zu ergreifen, die Auseinandersetzung zwischen zwei großen Revolutionären betrachten können, welche die rev[olutionäre] Bewegung des 19. Jahrhunderts dominiert hat; zu schätzen, daß wir sie beide haben, und um ihre Unterschiede und Gegensätze zu verstehen. Beide nahmen an der Revolution von 1848 aktiv teil; aber dann trennten sich ihre Wege; sie waren in der Tat beide Produkte völlig unterschiedlicher sozialer Umgebungen. B[akunin] kam aus Rußland, wo der zaristische Absolutismus allen sozialen und geistigen Fortschritt niederhielt; Marx wurde durch den aufsteigenden westlichen Kapitalismus geformt.

Für Bakunin war deshalb die Freiheit die große Idee; er sah in … der Staatsmacht die Grundlage der Sklaverei und der Armut der Massen. Marx sah in der kapitalistischen Ausbeutung den Grund für Elend und Sklaverei; politische Freiheit sah er in England vorhanden, allerdings waren die miteinander konkurrierenden kleinen Unternehmen dort unorganisiert, und so sah er Organisation als die vorrangige Forderung an, die nur durch eine zentrale beherrschende Macht gesichert werden konnte, durch eine demokratische Staatsmacht, dominiert durch die Arbeiterklasse.[2] Deshalb waren ihre grundlegenden Ideen einander entgegengesetzt; M[arx] erkannte, daß Bakunins politische Freiheit nicht ausreichte (… England); B[akunin] erkannte, daß Marx organisierte Staatsmacht die schlimmste Sklaverei hervorrufen würde. Bakunin hatte, wie viele Russen, die westliche Wissenschaft studiert und angenommen und sie, im Unterschied zu anderen Russen, angewendet, um am Kampf der ausgebeuteten Massen in Westeuropa teilzunehmen, unter der Annahme, daß ihre Bedrückungen dieselben wären wie seine. Marx revolutionierte die westliche Wissenschaft und schuf dadurch, mit seinem Historischen Materialismus und seiner ökonomischen Theorie des Kapitals, eine neue Grundlage für alle zukünftigen Klassenkämpfe.

Ihr Zusammenprall in der 1. Internationale ist von beiden Seiten, von Sozialisten und Anarchisten, behandelt worden, wobei jede ihre großen Vorbilder verteidigte, indem sie meist die alten Argumente und Anschuldigungen wiederholte. Sie kennen das Werk des Schweizer Autors Brupbacher über Marx und Bakunin;[3] als der wohlbekannte deutsche Historiker und Sozialist Franz Mehring damals dessen Ansichten teilte und selbst seine kritische Haltung zu vielen von Marx Ansichten ausdrückte, erfuhr er viel Widerspruch unter seinen sozialistischen Parteigenossen;[4] ich glaube, ich kann mich daran erinnern, daß Rjazanow, sicher einer der besten Experten für sozialistische Geschichte, Mehring dafür kritisiert hat.[5]

Es war nicht einfach der Zusammenstoß zweier entgegengesetzter Charaktere – hier der feurige Geist, der an die rebellischen Gefühle appellierte, um für die Freiheit zu kämpfen, dort der ernsthafte Wissenschaftler, der versucht, die erwachende Arbeiterklasse zu organisieren. Es ging um das Problem, wie Organisation und Freiheit zu einer Form und Methode der revolutionären Aktion vereint werden könnten. Dies konnte zu dieser Zeit nicht gelöst werden, denn seine Lösung erforderte eine höhere Form des proletarischen Bewußtseins als jenes, das im 19. Jahrhundert präsent war. Die kapitalistische Entwicklung hat seitdem diese Bedingungen verändert. Organisation ist eine Waffe des Kapitalismus geworden, und in seiner Hand wurde die Staatsmacht in Deutschland und Rußland zu einem vernichtenden Instrument der despotischen Unterdrückung aller Freiheit. Heutzutage, wo Sozialisten, die sich, in einseitiger Verzerrung seiner Ansichten, Anhänger von Marx nennen, jetzt als Agenten des Staatskapitalismus handeln, ist es natürlich, daß die Schriften Bakunins in weiteren Kreisen Aufmerksamkeit finden. Und deshalb denke ich, daß ein Buch, das seine Gedanken erläutert, unter den Arbeitern großes Interesse finden wird.

Wir sollten allerdings nicht vergessen, daß damit das Problem nicht gelöst ist. Diese Lösung kann sich nur aus der Aktion der Arbeiterklasse entwickeln, wenn sie gegen die sich verschlechternden Bedingungen unter einer mächtiger werdenden Staatsdiktatur kämpfen muß. Ich denke, es sollte klar sein, daß die Räteorganisation die Synthese für die Ansichten bildet, die im vorigen Jahrhundert im vollständigen Antagonismus[6] zueinander zu stehen schienen. Hierin sind die Ziele Organisation und Freiheit zu einer harmonischen Einheit verbunden. Sie erschien zuerst spontan in den Sowjets der Russischen Revolution, wurde aber bald vom Staatskapitalismus unterdrückt und verzerrt. In Deutschland kam sie dann 1918-19 als Arbeiterräte[6] plötzlich wieder auf, und hier und in Holland, in den Splittergruppen, die sich der Entwicklung der KP widersetzten, fand die Idee der Arbeiterräte einen immer klareren Ausdruck. Mit dieser neuen Betrachtungsweise werden wir in der Lage sein, das Werk unserer großen Vorgänger besser zu verstehen. …

Übersetzung: Jonnie Schlichting

Anmerkungen

[1] Auszug aus einem Brief von Anton Pannekoek an Paul Mattick vom 26. Mai 1949. Das Original befindet sich im Amsterdamer Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (IISG, Archief Anton Pannekoek, F. 108 PP.8). Die Transkription des englischsprachigen Originals wurde am 20. Oktober 2014 auf libcom.org veröffentlicht (http://libcom.org/history/pannekoek-marx-bakunin) – Auslassungszeichen im Text nach der Vorlage, alle Anmerkungen und [eckigen Klammern im Text] vom Übersetzer.

[2] Der Satz ist grammatisch teilweise etwas verunglückt: »political freedom he [Marx] saw present in England, where, however the competing small business, unorganized, he considered organization as the chief demand, which could only be ascertained by a central dominating power, democratic state power, dominated by the working class«

[3] Fritz Brupbacher, Marx und Bakunin. Ein Beitrag zur Geschichte der Internationalen Arbeiterassoziation. München 1913, G. Birk & Co. [2. Auflage (Politische Aktions-Bibliothek 11), Berlin-Wilmersdorf 1922 (Aktion)]

[4] Franz Mehring, Neue Schriften über Marx ; in: Die Neue Zeit (NZ), Jg. 31, Bd. 2, Heft 51, 19. 9. 1913 (Feuilleton Nr. 67), S. 985-991

[5] D. B. Rjazanows Polemik erschien unter dem Titel Sozialdemokratische Flagge und anarchistische Ware. Ein Beitrag zur Parteigeschichte im 1. Band des 32. Jg. der NZ, Heft 5, 31. 10. 1913, S. 150-161, Heft 7, 14. 11. 1913, S. 226-239, Heft 8, 21. 11. 1913, 265-272, Heft 9, 28. 11. 1913, S. 320-330, Heft 10, 5. 12. 1913, S. 360-376.

Mehring schrieb darauf eine kurze Replik (Ein neuer Literatenkrakeel in Heft 10, 5. 12 1913 (Feuilleton Nr. 69), S. 393-396), worauf Rjazanow noch einmal nachlegte (Geschichtsschreibung ohne Gänsefüßchen in Heft 13, 26. 12. 1913, S. 473 – 479).

Mehring ging in seiner 1918 erschienen großen Marx-Biographie auf diese Polemik noch einmal ausführlicher ein: s. Franz Mehring, Karl Marx – Geschichte seines Lebens [1918]; in: Franz Mehring, Gesammelte Schriften, Band 3. Berlin/DDR, ³1976, S. 543-545 (Mehrings Anmerkungen zum Kapitel »Der Niedergang der Internationalen«).

[6] Antagonismus: unvereinbarer Widerspruch, Feindschaft.

[7] in der Vorlage deutsch.

10 Kommentare leave one →
  1. Gute Übersetzungsarbeit, scheiß Text permalink
    4. November 2014 08:01

    Der Text ist vollkommener Quatsch – Marx und Bakunin auf der Ebene gegeneinander zu stellen, ist Unsinn.
    Der Grund ist, dass Bakunin nicht nur von „politischer“ Freiheit träumte. Er war klarer Gegner von Politik, er befürwortete die Revolutionierung von Unten und Marx durch Politik, durch seine völlig bescheuerte „Übergangsphase“ von Oben.

    Wir haben also hier keine zwei Hälften, die ein Ganzes ergeben würden, wie der Autor es darstellen will, wenn er sagt, dass wir um beide „Großen“ (uuuuh) dankbar sein sollen, sondern wir haben einen zentralistischen Denker und einen föderalistischen Revolutionär.

    Dass Marx der Arbeiterklasse geschmeichelt hat besagt auch nichts – er hat schließlich die Ideengrundlage zu einer ihrer schlimmsten Plagen in ihrer Geschichte beigetragen.
    Außerdem haben Marx und Engels, kaum dass die damalige IAA ihre föderalistische Organisationsform bewusst angenommen hatte, diese durch Indoktrination zerschlagen.
    Den Föderalismus hier nicht zu erwähnen und ihn dennoch als Form der Nichtorganisation darzustellen, wenn man sagt, dass Marx als dessen Opponent ja „organisieren“ wollte, das zeigt mal wieder wie unwissend jemand sein muss.
    Und Bakunin schrieb genau über dieses politische Verhalten von Marx und Engels:
    Bakunin machte deutlich, dass der politische Geist der IAA schaden würde, dass sich unter bestimmten politischen Statements, wie dem Atheismus, nicht die Arbeiter vereinigen lassen und so ist dann ja auch gekommen. (Siehe frz. Manuskript Nov 1872)
    Weiter sagt darin Bakunin, dass es um die ökonomische Freiheit geht, die die Arbeiter wollen !!!

    Warum sollte es für die heutige „Bewegung“ wichtig sein, dass sie Zentralismus und Föderalismus, Marx und Bakunin usw. trennt? Damit sie sich über den Charakter politischen Verhaltens und über den Charakter der politischen Religion ein für alle Mal klar wird!

    Beispielsweise „Refugees Welcome“

    Es wird ausgesagt, dass Asylrecht zum Menschenrecht gehört und dass es jeder und jede haben soll, quasi, dass alle nach Deutschland kommen dürfen.
    Dafür (be-) setzen sich Aktivisten ein, was ein politischer, also ein religiöser Akt ist, eine Forderung an die Herrschenden.

    Dem setzt ein tatsächlicher Föderalist die wirtschaftlichen Tatsachen gegenüber: Ein Föderalist würde gar nicht erst fordern, dass diese Menschen Asylstatus bekommen, sondern würde ihnen eine Bleibe schaffen. Das geht mit einer entsprechenden wirtschaftlichen Organisation – Menschen die hierher kommen, können nicht nur politisch verteidigt werden. Sie brauchen wirtschaftliche Lebensgrundlagen.
    Und was kommt nach dem Asylantrag, der bewilligt wurde: Worein sollen die dann integriert werden? Ein Föderalist würde Zentren schaffen, die die Kapazitäten aufweisen, einige von ihnen wenigstens unterzubringen. Politiker schaffen chaotische Zentren mit sinnlosen Tierbefreiungsaufklebern an der Wand.
    Dann würden Föderalisten dafür sorgen, dass die Neuankömmlinge Zugang zu Kultur und Sprache erhalten und ihnen einen Job vermitteln, den sie – kraft ihrer föderalistischen Gewerkschaft – selbst in ihren Betrieben bereitstellen. Föderalisten wollen die wahre Arbeitermacht!
    Politiker gehen aus ihrem Szenesumpf in einen Betrieb und fahren ihn gegen die Wand, während sie draußen „Refugees Welcome“ propagieren (Siehe „Café Libertad“ Hamburg) – eine dem vollkommen entgegengesetzte Handlung. Die Shizzophrenie besteht darin, dass politisches Verhalten in diesem Fall destruktiv wirkt, wenn es so überhöht wird.
    Aber die Bewegungen, wie „Refugees Welcome“ überhöhen Politik doch gar nicht? Doch! Sie überhöhen sie alleine schon dadurch, dass sie in ihrer kurzen Lebenszeit auf Demos gehen und Zeit darin investieren, sich danach Jahrelang mit der Justiz rumzuschlagen, statt einfach diesen Quatsch sein zu lassen und Organisationen aufzubauen, die sich damit beschäftigen eine wirkliche Lebensgrundlage für (auch ankommende) Menschen zu bilden.
    Aber was wollen die Aktivisten heute eigentlich sagen? Hallo, ihr dürft bleiben, danach dürft ihr Hartz4 kriegen und in verschimmelten Wohnungen hausen und für unsere Reichen putzen gehen – was für ein Leben – Welcome!

    Das ist halt die ganze Krux, die ich an solchen Scheißtexten, wie denen da oben sehe. Sie sind kompromisslerische Zeugnisse des Versagens gegenüber dem Feind, der Politik und dem Zentralismus und dem Marxismus, einer unserer größten Feinde, der mit Stumpf und Sti(e)l ausradiert werden muss, bis alle nur noch Kotzen, wenn sie daran denken, selbst einmal einer seiner Jünger gewesen zu sein (zum Beispiel, was die metaphysischen Lügen über die Geschichte anbelangt) und seinen bärtigen Schwanz gelutscht zu haben.

    Wer etwas nicht will, muss aber auch sagen, was er stattdessen will und das will ich nur ungern unterschlagen:

    1. STATT dem dummen und verkackten Glauben, dass Politik so wichtig sei, dass man „anarchistische Politik“ betreibt (Siehe lernresistentes Pamphlet der Neugründung in DortMund), sollte die Erkenntnis einsetzen, dass die Ökonomie die Lebensgrundlage des Menschen ist.
    Politik wirkt nur in bürgerlichen Kreisen wichtig, weil sie dort künstlich, als guter Ton, an die Oberfläche gepuscht wird, damit wirtschaftliche Belange im Untergrund auf eine menschenverachtende Weise weiter betrieben werden können, aber immernoch alles nett und sozialpartnerschaftlich aussieht.
    Sie ist eine Umgangsform des Feindes und muss – wenn es nach uns Anarcho-Syndikalisten geht – vor den Fakten der Wirtschaft ihre irrationalen, metaphysischen, religiösen Segel streichen.

    2. STATT zu Glauben – wie die Marxismustrottel – dass Zentralisierung organisiert und Föderalismus desorganisierend wirke, sollte sich die Erkenntnis einstellen, dass es genau andersherum ist – dass Chaos und Verderben ins Leben des Einzelnen eingestreut werden, wenn ihr Leben von einem politischen Machtzentrum entfremdet wird, wenn sie über den Gehorsam diesem gegenüber Zwischenmenschlichkeit und ihr Ich verlieren.
    Es kommt auf den Klassenstandpunkt an: Gehört man der herrschenden Mini-Elite an, dann muss man wohl sagen, dass Föderalismus Chaos bringt, weil es die eigene Machtstellung untergräbt, zugunsten eines Lebens für alle anderen. Gehört man der Unterschicht an, dann muss man zugeben, dass mehr eigener Spielraum im Leben, das durch den Kapitalismus, Staat, Religion usw. angerichtete Chaos zu heilen in der Lage wäre.
    Rudolf Rocker hat dazu eine Broschüre verfasst, die immernoch nicht kapiert wurde. Sie heißt „Das Wesen des Föderalismus im Gegensatz zum Zentralismus“ oder so und stellt heraus, dass es sich bei beiden nicht nur um technische Organisationsformen handelt, sondern um tieferliegende Prinzipien des Menschseins. Der Zentralismus beutzt den Menschen als Mittel zum Zweck, in einem Räderwerk, in dem keine Eigeninitiative möglich ist und in dem das eigene Ich des Menschen, der gesellschaftliche Fortschritt und die Freiheit aussterben.
    Der Föderalismus bedeutet, dass der Mensch aus sich heraus sein Leben gemeinsam mit anderen gestaltet. Er sieht in der Gesellschaftlichen Organisation die hohe menschliche ökologische Potenz begründet und steht deshalb auf der Seiten der archäologischen Forschung, die Verbände bereits bei den Affenvorgängern des Menschen konstatiert, anders als Hobbes und Rousseau von Vereinzelten / Paaren sprechen. Aus diesem Grund muss die Gesellschaft und der „Gemeinsinn“ und nicht der „Krieg aller gegen alle“ der menschlichen Konstitution zugrunde liegen. Es sind also nicht Religion und Staat, die dem Menschen das Gute bringen, sondern die es ihm durch Entfernung von seinem natürlichen sozialen Ich, verderben. Es geht also nicht um „Gut und Böse“, sondern um „soziales Ich“ oder „Konkurrenz-Ich-Losigkeit“. Aber gut, das kann ja jeder und jede selber nachlesen – nicht wahr Heiner M. Becker?

    Hier noch ein Witz:

    Kommt ein Neo-Marxist zum Zahnarzt. Routineuntersuchung. Er tut alles dafür, dass der Zahnarzt ein Haar von marxens Schwanz nicht findet, dass trotz Zahnseide, Zahnbürste und -stocher noch zwischen seinen Schneidezähnen verblieben ist. Er hatte dem Marx in einer Vorlesung neulich wieder ordentlich einen geblasen, Deep Throat und so ne Sachen, dabei blieb das Haar dort zurück.
    Der Zahnarzt aber sagt, dass alles in Ordnung sei und dass er ruhig wieder aufstehen kann, sie seien fertig.
    Erleichtert verlässt der Marxist den Zahnarztstuhl und das grelle Licht, was wirklich alles hätte zu Tage fördern können, wie peinlich ihm das gewesen wäre!
    Beim Herausgehen lächelt der Zahnarzt den Marxisten an: „Na, sie haben’s dem Marx ja wieder richtig besorgt, was? Der muss sich ja richtig bei ihnen auf’s Gesicht gesetzt haben!“
    Erschrocken dreht der Marxist sich um und stammelt „Haben sie etwa doch das eine Haar zwischen meinen Zähnen entdeckt!?“
    „Nein….Ihnen klebt noch Scheiße an der Stirn.“

    • Postkapitalismus oder Kommunismus? Eine Kritik des Akzelerationismus permalink
      15. Januar 2015 17:53

      Postkapitalismus oder Kommunismus? Eine Kritik des Akzelerationismus

      Sonntag 7. September 2014, von kommunisierung.net

      Auf einmal kann es die FAZ nicht mehr erwarten: „Die Revolution soll sich beeilen“ [1] betitelt sie die Rezension des Sammelbandes zum Akzelerationismus [2]. Auch in anderen bürgerlichen Feuilletons wurde das Erscheinen des kleinen Büchleins als Ereignis gefeiert. Georg Diez bringt im Spiegel den bürgerlichen Enthusiasmus für diese „neue linke Theorieströmung“ auf den Punkt: „Sie sind gegen Nostalgie und für mehr Fortschritt.“ [3] Ganz schnell vorwärts zum Postkapitalismus? Da sollte man sich doch mal genauer anschauen, wo die Reise denn genau hingehen soll.

      Neben Nick Land, einem britischen Philosophen, der dem spekulativen Realismus zugerechnet wird, wird im „Beschleunigungsmanifest“ auch Karl Marx als wichtiger Vordenker bezeichnet: „Karl Marx bleibt, neben Land, der beispielgebende Vordenker des Akzelerationismus. Der allzu vertrauten Kritik und sogar dem Verhalten einiger zeitgenössischer Marxisten zum Trotz [sic!] müssen wir uns daran erinnern, dass Marx selbst – in dem Bestreben, seine Welt vollständig zu begreifen und zu verändern – die fortschrittlichsten theoretischen Werkzeuge und empirischen Daten, die ihm zugänglich waren, nutzte. Er war kein Denker, der sich gegen die Moderne sträubte, sondern eher einer, der in ihr nach Wegen suchte, um sie zu analysieren und zu verändern. Er verstand, dass der Kapitalismus trotz all seiner Ausbeutung und Korruption das bis dato fortschrittlichste Wirtschaftssystem war und dass dessen Errungenschaften nicht rückgängig gemacht, sondern über die Beschränkungen der kapitalistischen Wertschöpfung hinaus beschleunigt werden sollten.“ [4]

      Grosso modo handelt es sich um eine von der angelsächsischen realistischen und analytischen philosophischen Tradition inspirierte Rezeption der (post-)operaistischen Diskussion über das Maschinenfragment und den general intellect. Das Kognitariat war ein Produkt dieser Diskussion und Marx ist daran tatsächlich nicht ganz unschuldig: „Die Natur baut keine Maschinen, keine Lokomotiven, Eisenbahnen, electric telegraphs, selfacting mules etc. Sie sind Produkte der menschlichen Industrie; natürliches Material, verwandelt in Organe des menschlichen Willens über die Natur oder seiner Betätigung in der Natur. Sie sind von der menschlichen Hand geschaffne Organe des menschlichen Hirns; vergegenständlichte Wissenskraft. Die Entwicklung des capital fixe zeigt an, bis zu welchem Grade das allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittelbaren Produktivkraft geworden ist und daher die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des general intellect gekommen und ihm gemäß umgeschaffen sind.“ [5] Wo „Wissen zur unmittelbaren Produktivkraft“ wird, ist logischerweise ein Platz frei für ein neues Subjekt und das Kognitariat wurde von der Philosophie auf diesen Thron gesetzt.

      Ehemalige operaistische Denker wie Toni Negri und Franco „Bifo“ Berrardi sahen im Kognitariat den einzigen theoretischen Ausweg angesichts des Niedergangs des Massenarbeiters, es bezeichnet die „Wissensarbeiter“, die „kreative Klasse“. Es ist durchaus möglich, dass der Begriff vom „technischen Proletariat“ vom in Italien viel gelesenen Krahl inspiriert ist. Mit Hilfe der „Multitude“ ist es dazu bestimmt, dem „Empire“ endgültig den Gnadenstoss zu versetzen. Die philosophische Inspiration kam prinzipiell vom französischen Poststrukturalismus, was die häufige Rekurrenz von Begriffen wie Bio-Macht, Souveränität usw. erklärt. Diese theoretische Entwicklung war eine Reaktion auf die Niederlage im vorhergehenden Kampfzyklus und die darauf folgende Restrukturierung. Während Tronti bis heute geduldig versucht, die Partei von innen zu radikalisieren, hatte ein grosser Teil des Operaismus schon in den 1980er Jahren seinen Glauben an die Arbeiterklasse verloren.

      Der Akzelerationismus ist die neueste Frucht dieser Entwicklung, ein Ausdruck des Niedergangs des Kognitariats: „Ein verschwindend kleines Kognitariat, eine Elite aus Geistesarbeitern, schrumpft mit jedem Jahr.“ [6] Auch in These 1.2 wird das Verschwinden der mit „geistiger Arbeit“ beschäftigten „Mittelschicht“ beklagt. Trotz dieser bedauernswerten Tatsache versprühen die Akzelerationisten einen Optimismus, der in linken Kreisen eher selten geworden ist. Sie träumen allen Ernstes davon, „eine neue globale linke Hegemonie aufzubauen“ (1.6), „eine soziotechnologische Hegemonie“ (3.11), alles, was es dazu braucht, ist „eine Ökologie von Organisationen, ein Pluralismus aus Kräften“ (3.15), wobei jegliche Ähnlichkeit mit der Multitude natürlich rein zufällig ist.

      Doch im Unterschied zu den Postoperaisten glauben die Akzelerationisten nicht mehr an den traditionellen Aktivismus: „Die gewöhnlichen Strategien des Marschierens, des Plakatehochhaltens und des Einrichtens vorläufiger autonomer Zonen laufen Gefahr, zum beruhigenden Ersatz für wirkliche Erfolge zu werden.“ (3.12) Auch gegen ihre Kritik des Alternativismus kann man nicht viel einwenden: „Dabei fördern sie oft Varianten eines neo-primitivistischen Lokalismus zu Tage, als könne man sich der abstrakten Gewalt des globalisierten Kapitals mit der fadenscheinigen und flüchtigen »Authentizität« der unmittelbaren Gemeinschaft widersetzen.“ (1.5) Théorie communiste bezeichnete dieses Phänomen 1997 als „radikalen Demokratismus“ (TC 14) und ihre Kritik ging in eine ähnliche Richtung. Sie steht gewissermassen in einer Kontinuität mit der situationistischen Kritik des Aktivismus in den 1970er Jahren [7].

      Die Kritik am Primitivismus kann aus einer kommunistischen Perspektive ebenfalls geteilt werden, eine blinde Apologie des Fortschritts, begriffen als losgelöst von der kapitalistischen Produktionsweise, hingegen nicht. Falls die Studien zur Finanzwirtschaft, Astrophysik und Mikroprozessortechnik ihnen zwischendurch etwas Zeit lassen, sollte man den Akzelerationisten ans Herz legen, vielleicht auch andere Passagen der Grundrisse als nur das Maschinenfragment zu lesen. Marx war zwar tatsächlich nicht gegen den Fortschritt an sich, erkannte aber sehr wohl, dass er von der kapitalistischen Produktionsweise bestimmt ist. Eine ähnliche Inkohärenz zeigt sich in ihrer Einschätzung des zeitgenössischen Kapitalismus: Einerseits wird sehr richtig erkannt, dass es „keine Rückkehr zum Fordismus geben“ (3.4) kann, andererseits wollen sie „die Errungenschaften des Spätkapitalismus […] bewahren“ (3.1). Nur, was sind diese Errungenschaften, wenn nicht Relikte des Fordismus?

      Da verwundert es nicht, dass auch der Aktivismus nur kritisiert wird, um ihm eine alternative Form davon entgegenzusetzen. „Eine neue globale linke Hegemonie“ (1.6) sollen wir aufbauen, ja, wir müssen gar „verschiedene Formen der Klassenmacht wiederherstellen“ (3.18). Doch selbstverständlich keine Arbeitermacht mithilfe von Streiks, Demos oder anderem altmodischem Zeug, auch die kulturelle Hegemonie wäre für die Akzelerationisten wohl etwas gar zu staubig, nein, es geht um den Aufbau „eine[r] soziotechnologische[n] Hegemonie“ (3.11). Sie wissen auch wie wir das anstellen können und behaupten „dass die Technologie genau darum beschleunigt werden muss, weil sie gebraucht wird, um sich in sozialen Konflikten durchzusetzen“ (3.7). Der tiefere Sinn dieses kryptischen Satzes bleibt mir schleierhaft, auf jeden Fall kann man soweit resümieren, dass wir die kapitalistische Technologie unbedingt brauchen, um endlich den freien Fortschritt zu entfesseln.

      Ganz allgemein scheinen die Akzelerationisten viel Vertrauen in den „öffentlichen Raum“ zu haben, zumindest sofern er virtuell ist. Um den Aufbruch in den Postkapitalismus vorzubereiten, sollten wir eine Art Mont Pelerin Society der Linken gründen (3.16). Kohle dafür nehmen wir von jedem, schliesslich „brauchen wir Finanzierung, ob durch Regierungen, Institutionen, Think Tanks, Gewerkschaften oder individuelle Förderer“ (3.20). Dann „müssen wir eine weitreichende Medienreform durchführen“, um die Medien „so weit wie möglich in öffentliche Kontrolle zu bringen“ (3.17). Materialismus sucht man hier vergebens: Der Ansatz erinnert an den Habermasschen „öffentlichen Raum“ als „freier Markt der Diskurse“. Und wie „wir eine weitreichende Medienreform durchführen“ sollen, bleibt unklar und die Forderung tönt etwa gleich pathetisch, wie ein Sozialdemokrat, der proklamiert, dass „wir die Armut beseitigen müssen“.

      Auch das Konzept der Beschleunigung selbst ist problematisch. Das Konzept der Überwindung des Kapitalismus ohne Moment des Bruches steht letztendlich in der neukantianischen Tradition Eduard Bernsteins. Es kontrastiert mit der „Revolution als Notbremse“ von Walter Benjamin, ein Konzept, das sich z.B. auch Mario Tronti zu eigen gemacht hat. Die „Revolution als Notbremse“ unterstreicht die Notwendigkeit des Bruches. Keine langfristige Entwicklung wird jemals dazu führen, dass der Kapitalismus einfach abstirbt, unabhängig von jeglicher Beschleunigung.

      Letzten Endes versucht also der Akzelerationismus ein Programm für das sich im Niedergang befindende Kognitariat zu skizzieren. Obwohl dieser Niedergang im Manifest explizit unterstrichen wird, ist es nichts anderes als eine Affirmation des Kognitariats, das als Subjekt präsentiert wird, welches fähig wäre, den Zug in Richtung Postkapitalismus aufzugleisen. Zwar wird die Klimaerwärmung als vom Kapitalismus verschuldetes Problem diagnostiziert, doch alles in allem haben die Akzelerationisten den Kapitalismus v.a. satt, weil er den Fortschritt hemmt (3.3), die Ausbeutung scheint ihnen hingegen herzlich egal zu sein.

      Somit überrascht es kaum, dass der Postkapitalismus, wie er im Manifest skizziert wird, verdächtig viele Ähnlichkeiten mit dem Kapitalismus aufweist. Schon der Begriff „postkapitalistische Planung“ (3.8) jagt einem einen Schauer über den Rücken. These 3.10 zeigt dann endgültig, wohin die Reise gehen soll: „Das chilenische Projekt Cybersyn ist vorbildlich für diese experimentelle Haltung – es verbindet hochentwickelte kybernetische Technologie mit ausgefeilten ökonomischen Modellen und einer demokratischen Plattform, die in die technologische Infrastruktur selbst eingelassen ist. In der sowjetischen Ökonomie der 50er und 60er wurden ähnliche Experimente unternommen, um mit den Mitteln der Kybernetik und der linearen Programmierung die neuartigen Probleme zu lösen, mit denen sich die frühe kommunistische Ökonomie konfrontiert sah.“ Es geht also nicht um Freiheit, sondern um totale Verwaltung. Der Kommunismus kommt nur in dieser Passage als „erste kommunistische Ökonomie“ vor („first“ ist fälschlicherweise als „frühe“ übersetzt worden), ist also lediglich Planwirtschaft, einfach viel effizienter als zu Zeiten der UdSSR und mit den modernsten Werkzeugen der Kybernetik.

      Beim Akzelerationismus handelt es sich also um eine durch und durch reformistische Lesart des Maschinenfragments. Für all jene, die endlich einmal zum Mond fahren möchten ist es zweifellos die richtige Ideologie: „Schließlich wird nur eine postkapitalistische, durch akzelerationistische Politik ermöglichte Gesellschaft je in der Lage sein, das Versprechen der Raumfahrtprogramme des mittleren 20. Jahrhunderts einzulösen – als Verschiebung über eine Welt der minimalen technischen Upgrades hinaus zu allumfassendem Wandel.“ (3.22) Für alle anderen hingegen ist diese „Vision einer globalen Verbürgerlichung des Proletariats“ [8] von geringem Nutzen und wir können den alten Maulwurf getrost brav weiter wühlen lassen.

      Doc Sportello, September 2014

      [1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/manifest-des-akzelerationismus-die-revolution-soll-sich-beeilen-12722218.html.

      [2] Armen Avenassian (Hg.), #Akzeleration, Merve Verlag, 2013.

      [3] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-politische-rituale-a-938820.html.

      [4] http://istinalog.net/2013/06/24/beschleunigungsmanifest/, 2.5.

      [5] Karl Marx, Grundrisse, MEW 42, S. 602.

      [6] Beschleunigungsmanifest, op. cit., 2.4.

      [7] Siehe z.B.: http://www.kommunisierung.net/spip.php?article8.

      [8] Erster Kommentar auf http://anarchistwithoutcontent.wordpress.com/2013/12/05/against-acelerationism-the-need-for-speed

      http://www.kommunisierung.net/spip.php?article24

  2. danke, kommentator - permalink
    4. November 2014 12:35

    – für das klarstellen dieser position – bis auf den abschliessenden flachwitz mit fäkalem ausgang hätte ich das zur einleitung der diskussion über bakunin und marx -murx komplett vorgetragen. .

    • Gute Übersetzungsarbeit, scheiß Text permalink
      4. November 2014 21:42

      Oh sehr freundlich – Danke!
      Allerdings muss ich sagen, dass mich der „Flachwitz“ große schöpferische Mühe gekotet hat.

      • kommentator - des kommentators - permalink
        5. November 2014 02:16

        ach so, sorry, und ich dachte, das wäre ne Adaption – (neuer: „remix“ )
        😉

      • Gute Übersetzungsarbeit, scheiß Text permalink
        5. November 2014 14:12

        …palim palim – Ja, du hast Recht. Das ganze hat mit anderen Personen gestartet und wurde mir auch iwo erzählt. Aber der Rest des Textes ist ja auch so zustandegekommen.
        Es gibt total gute Remixe… Klar!? 🙂

      • 6. November 2014 00:20

        klaa! 🙂
        alleine für’s „palim palim“
        gibts jetzt noch n‘ Döntje:
        „Ein Beamter sitzt im Büro. Da kommt eine gute Fee und sagt ihm, dass er drei Wünsche frei hat. Da wünscht sich der Beamte, auf einer Insel mit Palmen und Sonnenschein zu liegen. …Ding…, da liegt der Beamte am schönsten Strand der Welt mit Palmen und Sonnenschein. Als er seinen zweiten Wunsch äußert, mit knackigen gut gebauten, einheimischen
        ^gender selbst einfügen, achtung kolonialismusalarm^
        am Strand verwöhnt zu werden, …Ding…, geht auch dieser Wunsch in Erfüllung. Als letztes wünscht er sich, nie wieder zu Arbeiten, kein Stress mehr, nur noch erholsame Ruhe. …Ding…, schon sitzt er wieder im Büro.

      • Gute Übersetzungsarbeit, scheiß Text permalink
        6. November 2014 19:35

        Geht der Teufel im Höllengefängnis von Zelle zu Zelle und schleift Stalin hinter sich her. Bei einer Zelle bleibt er stehen und klopft an. Von drinnen erschallt „Hier Karl Marx!“ und der Teufel: „Du bist doch der, der „Das Kapital“ geschrieben hat?“, darauf Marx „Ja.“ worauf der Teufel Stalin in seine Zelle führt und sagt: „Hier hast du die Zinsen.“

        Dein Marx ist so lang, bis ich den gelesen habe, verpasse ich die DDR, die Soviet-Union und die Volksrepublik China…

        Deine Mudda heißt Marx und ist die haarigste im Zoo.

        Dein Marx schreibt so einen Schwachsinn, der trägt die Libero-Binde bei „Biggest Looser“

        Treffen sich Marx und Oskar Maria Graf im Himmel: Marx vergrämt und missmutig, Graf betrunken und lachend – sagt Graf: Mensch, Marxerl, dos I di hio treff‘! – sagt Marx „Das war historisch unvermeidlich.“

  3. Volle Panne permalink
    5. November 2014 01:24

    Vergebliche Liebesmüh für einen der bescheuertsten Texte zu dem Themata …………

    • Marxistas (Marxismo) vs Anarquistas (Anarquismo) permalink
      23. Juni 2016 00:59

      Marxistas (Marxismo) vs Anarquistas (Anarquismo)

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