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Warum ignoriert die Welt die revolutionären Kurden in Syrien?

27. Oktober 2014
kobane kiel

Solidaritätsdemo mit dem Kampf in Rojava in Kiel.

Inmitten des syrischen Krieges wird ein demokratisches Experiment von der ISIS in den Boden gestampft. Dass die übrige Welt davon nichts weiß, ist ein Skandal.

1937 schloss sich mein Vater freiwillig im Kampf für die Verteidigung der Spanischen Republik den internationalen Brigaden an. Ein möglicher faschistischer Putsch war von aufständischen Arbeitern, angeführt von Anarchisten und Sozialisten, vorläufig verhindert worden. In einem großen Teil Spaniens folgte daraufhin eine soziale Revolution: Städte gerieten unter direkter demokratischer Führung, Arbeiter übernahmen die Kontrolle über die Industrie und eine radikale Ermächtigung der Frauen fand statt.

Spanische Revolutionäre hofften, ein Vorbild einer freien Gesellschaft zu schaffen, dem die ganze Welt folgen würde. Stattdessen entschieden sich die Weltmächte dazu, nicht zu intervenieren („Komitee für Nichteinmischung in die Angelegenheiten Spaniens“) und eine strikte Blockade gegenüber der Spanischen Republik aufrecht zu erhalten. Dies änderte sich auch nicht, als Hitler und Mussolini, die diesem Abkommen ebenfalls scheinbar zugestimmt hatten, zur Unterstützung der Faschisten Truppen und Waffen nach Spanien sandten. Das Resultat war ein jahrelanger Bürgerkrieg, der mit der Unterdrückung der Revolution und einem der blutigsten Massaker dieses Jahrhunderts endete.

Nie hätte ich gedacht, dass sich zu meinen Lebzeiten die gleiche Sache wiederholen würde. Natürlich geschieht ein historisches Ereignis nie wirklich ein zweites Mal. Es gibt tausend Unterschiede zwischen dem, was 1936 in Spanien geschah und dem, was heute in dem Gebiet von Rojava, das aus den die drei weitgehenden kurdischen Provinzen [Kantonen] Nordsyriens bestehen, geschieht. Dennoch sind einige Ähnlichkeiten so verblüffend und besorgniserregend, dass ich, als jemand der in einer Familie aufwuchs, deren Politik in vielerlei Hinsicht von der Spanischen Revolution bestimmt wurde, sagen muss: Wir können es nicht auf die gleiche Weise enden lassen.

Die autonome Region von Rojava, wie sie heute existiert, ist einer der wenigen Lichtblicke – obwohl ein sehr heller – die aus der Tragödie der syrischen Revolution entstanden. Nachdem Anhänger des Assad-Regimes im Jahr 2011 vertrieben wurden, hat Rojava trotz der Feindseligkeit fast aller Nachbarn nicht nur seine Unabhängigkeit behalten, sondern es wurde ein bemerkenswertes und demokratisches Experiment. Volksversammlungen wurden als höchste Entscheidungsgremien eingeführt, Räte wurden mit sorgfältig ausgewogenen ethnischen Vertretern ausgewählt. Beispielsweise gehört zu den drei obersten Beamten in jeder Kommunalverwaltung ein Kurde, ein Araber und ein syrischer oder armenischer Christ. Einer der drei Vertreter muss zudem weiblich sein. Des Weiteren gibt es Frauen- und Jugendräte. Zudem ist bemerkenswert, dass in Anlehnung an die „Mujeres Libres“ (Freie Frauen) in Spanien sich eine feministische Armee, die „YJA Star“ Miliz („Einheit der freien Frau“) gebildet hat. Der „Star“ bezieht sich auf die mesopotamische Göttin Ishtar. Diese Miliz hat einen Großteil der Kampfhandlungen gegen die Kräfte des Islamischen Staates ausgeführt.

Wie kann so etwas geschehen und noch immer fast vollständig von der internationalen Gemeinschaft ignoriert werden, auch weitgehend von der internationalen Linken? Dies geschieht vor allem, so scheint es, weil die revolutionäre Partei Rojavas, die PYD, mit der in der Türkei beheimateten kurdischen Arbeiterpartei (PKK) zusammen arbeitet. Die PKK ist eine marxistische Guerilla-Bewegung, die sich seit den 1970-er Jahren mit dem türkischen Staat im Krieg befindet. Die NATO, die USA und die EU klassifizieren die PKK offiziell als “terroristische” Organisation. Inzwischen wird sie von den Linken weitgehend als stalinistische Partei abgetan.

In der Tat ähnelt die PKK nicht mehr im Entferntesten der ursprünglichen, hierarchisch leninistischen Partei, die sie einst war. Die eigene interne Entwicklung und die intellektuelle Wandlung ihres Gründers, Abdullah Öcalan, der seit 1999 auf einer türkischen Gefängnisinsel inhaftiert ist, haben zu einer völligen Veränderung ihrer Ziele und Taktik geführt. Die PKK hat angegeben, dass sie nicht einmal mehr versucht, einen kurdischen Staat zu gründen. Stattdessen, teilweise inspiriert von der Vision des Sozialökologen und Anarchisten Murray Bookchin, hat sie die Vision vom “liberalen Kommunalismus” übernommen. Kurden wollen eine freie, selbstverwaltete Gemeinschaft bilden, die auf den Prinzipien der direkten Demokratie basieren, die über nationale Grenzen hinweg zusammengeführt werden sollen – mit der Hoffnung, dass diese im Laufe der Zeit zunehmend bedeutungslos würden. Auf diese Weise, so ihr Vorschlag, könnte das kurdische Bestreben ein Modell für eine weltweite Bewegung in Richtung einer echten Demokratie, einer kooperativen Wirtschaft, und der allmählichen Auflösung des bürokratischen Nationalstaates werden.

Seit 2005 hat die PKK, inspiriert von der Strategie der Zapatistischen Rebellen in Chiapas, einen einseitigen Waffenstillstand mit dem türkischen Staat erklärt und konzentriert ihre Anstrengungen in die Entwicklung demokratischer Strukturen in den Gebieten, die sie bereits kontrolliert. Einige haben in Frage gestellt, wie ernst das alles wirklich ist. Zweifelsohne, autoritäre Elemente bleiben bestehen. Aber was in Rojava geschah, wo die syrische Revolution den radikalen Kurden die Chance zur Durchführung zu solch einem Experiment in einem großen und zusammenhängendem Gebiet gab, deutet darauf hin, dass es sich um mehr handelt als nur oberflächliche Schaufensterdekoration. Räte, Volksversammlungen und Volksmilizen wurden gebildet, staatliche Institutionen wurden an von Arbeitern verwaltete Genossenschaften übergeben – und all das trotz ständiger Angriffe der rechtsextremen Kräfte der ISIS. Die Ergebnisse erfüllen jegliche Bestimmungen einer sozialen Revolution. Zumindest wurden diese Bemühungen im Nahen Osten wahrgenommen. Vor allem nachdem die PKK und die Streitkräfte von Rojava intervenierten, indem sie sich erfolgreich durch ISIS-Gebiete im Irak kämpften und tausende jesidische Flüchtlinge durch einen Fluchtkorridor befreiten. Diese waren auf dem Berg Sindschar gestrandet, nachdem die Peshmerga (Streitkräfte der autonomen Region Kurdistan) geflohen waren. Diese Aktion wurde in der Region weitgehend gefeiert, blieb aber erstaunlicherweise in der europäischen oder der nordamerikanischen Presse fast unbemerkt.

Nun ist die ISIS mit in den USA gefertigten Panzern und schwerem Artilleriegeschütz, die sie von irakischen Truppen erbeutet haben, zurückgekehrt. Sie wollen sich an denselben revolutionären Milizen von Kobane rächen. Sie drohen mit Massakern und der Versklavung der gesamten Zivilgesellschaft. Mittlerweile steht die türkische Armee an der Grenze und verhindert, dass Verstärkung und Munition die (kurdischen)Verteidiger erreichen können. US-amerikanische Flugzeuge schwirren herum und führen gelegentlich symbolisch kleine Anschläge aus, nur um sagen zu können, dass sie nicht untätig waren, als eine Gruppierung, mit der sie im Krieg zu sein behaupten, die Verteidiger eines großartigen demokratischen Experimentes vernichteten.

Wenn es eine Parallele gibt zu Franco’s oberflächlich frommen, mörderische Falangisten, wer könnte es anders sein als die ISIS? Wenn es eine Parallele gibt zu den Mujeres Libres von Spanien, wer könnte es anders sein als die mutigen Frauen, die die Barrikaden von Kobane verteidigen? Wird die Welt – und diesmal am skandalösesten von allen, die internationalen Linken – wirklich beteiligt sein an einer Wiederholung der Geschichte?

Der Kommentar stammt vom Journalisten David Graeber und erschien am 08.Oktober 2014 auf der Internetseite der englischen Tageszeitung ‘The Guardian’.

Quelle: Kurdische Nachrichten

17 Kommentare leave one →
  1. Nothilfe für Kurden in Syrien! permalink
    28. Oktober 2014 09:04

    Dr. Welat Omer: Wir arbeiten in Kobanê unter sehr schwierigen Verhältnissen
    In einem Interview gegenüber Denge Amerika hat sich der Arzt Dr. Welat Omer über die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung in Kobanê geäussert.
    http://kurdischenachrichten.com/2014/10/dr-welat-omer-wir-arbeiten-in-kobane-unter-sehr-schwierigen-verhaeltnissen/#sthash.QmixAFoZ.dpbs

    Nothilfe für Kurden in Syrien!
    Kontoinhaber: medico international e.V.
    Spendenkonto: 1800
    (IBAN: DE21 5005 0201 0000 0018 00)
    Stichwort: Rojava
    Frankfurter Sparkasse
    BLZ 500 502 01 (BIC: HELADEF1822)
    http://www.medico.de


    http://civaka-azad.org/

    Als Rojava (im Deutschen auch Rodschawa; kurdisch ‏رۆژاڤایا کوردستانێ‎, Rojavaya Kurdistanê; arabisch ‏كردستان السورية‎, DMG Kurdistān as-sūriyya) oder Westkurdistan wird von Kurden der Anteil Syriens am kurdischen Siedlungsgebiet bezeichnet.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Rojava

    Kampf um Kobanê
    http://de.wikipedia.org/wiki/Kampf_um_Koban%C3%AA

    Elke Dangeleit: Das Modell Rojava. Telepolis, 12. Oktober 2014 –
    http://www.heise.de/tp/artikel/43/43031/1.html


    Buchtipp:
    SCHMIDINGER, Thomas
    Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan
    Analysen und Stimmen aus Rojava
    264 Seiten
    Mandelbaum Verlag, Wien, Oktober 2014.
    16.90 €
    ISBN: 978385476-636-0

    —-
    Anarchismus in Spanien, (siehe dort: Die Soziale Revolution von 1936 [3] ) http://deu.anarchopedia.org/Anarchismus_in_Spanien#Die_Soziale_Revolution_von_1936

    Ein reichhaltiges Text- und Bildarchiv bietet http://www.anarchismus.at: [4] http://www.anarchismus.at/spanien.htm
    Bildergalerie: Spanische Revolution Album (139) hier:[5] http://www.anarchismus.at/bilder-der-spanischen-revolution-1936/category/30-spanische-revolution-1936

    Vivir la utopía. El anarquismo en Espana (in deutsch: Die Utopie leben!. Der Anarchismus in Spanien) ist ein Dokumentarfilm von Juan A. Gamero.
    http://de.anarchopedia.org/Vivir_la_utop%C3%ADa

  2. Angeblich habe der IS die Stadt praktisch erobert, die YPG meldet, sie sei bald befreit, ... permalink
    28. Oktober 2014 11:58

    In Kobane nichts Neues?

    Florian Rötzer, Telepolis 28.10.2014
    Angeblich habe der IS die Stadt praktisch erobert, die YPG meldet, sie sei bald befreit, die Peschmerga sind noch immer nicht zur Hilfe gekommen

    Wie jeden Tag meldete das Pentagon auch gestern, wieder Luftangriffe auf Stellungen des IS in Kobane ausgeführt zu haben. Zerstört worden seien 5 Fahrzeuge und ein Gebäude. Ob die Luftangriffe die Situation am Boden zugunsten der unterstützten kurdischen YPG-Kämpfer verbessern, lässt sich nicht sagen. Mittlerweile kosten sie nach Angaben des Pentagon täglich 8,3 Millionen US-Dollar.

    Nachdem es erst einmal hieß, es seien hunderte IS-Kämpfer bei den Anschlägen getötet und die IS von den YPG-Kämpfern zurückgetrieben worden, scheinen diese wieder verstärkt vorzudringen. In einem Video lässt der IS die britische Geisel John Cantlie in Kobane an der Grenze zur Türkei sagen, dass die Stadt praktisch eingenommen sei. Der IS habe wegen der Luftangriffe auf schwere Waffen verzichtet und dringe nun Straße um Straße vor. Die Kämpfe hätten fast aufgehört. Im Video werden auf Luftaufnahmen von Kobane gezeigt, die angeblich von einer IS-Drohne stammen sollen. Bilder wurden veröffentlicht, die die angeblich größte Flagge zeigen, die bald über Kobane flattern soll. Endgültig heiße Kobane nicht mehr Ayn al-Arab, sondern Ayn al-Islam.

    Update: Von kurdischer Seite wird bestritten, dass es sich um aktuelle Bilder handelt. So ist auf einer Aufnahme eine türkische Flagge zu sehen, die sich seit dem 15. Oktober nicht mehr dort befindet. Das Video sei auch manipuliert worden, so dass es nur so aussieht, als ob Cantlie in Kobane aufgenommen worden sei. Cantlie bezieht sich allerdings auf Ereignisse wie den Abwurf von Waffen, die erst einige Tage vergangen sind.

    YPG-Kopräsidentin Asya Abdullah erklärte hingegen gestern, dass Kobane bald vollständig befreit sei. Die YPG berichtet, die Kämpfe seien vor allem im Osten der Stadt weiter gegangen, man habe zwei Autobombenanschläge und einen mit einem Motorrad abwehren können. 17 Terroristen und 5 YPG-Kämpfer seien getötet worden.

    […]
    Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/43/43191/1.html

  3. Kobane ist überall Wir müssen uns wehren // Solidarität mit Kobane/Rojava 1. November permalink
    28. Oktober 2014 12:15

    Kobane ist überall Wir müssen uns wehren

    Gegen den immer radikaler werdenden Islamismus. Und gegen den populären Anti-Islamismus. Was seit Wochen in Kobane passiert, betrifft uns alle, Eine Trennung zwischen dort und hier ist nicht mehr möglich. Ein Aufschrei
    26.10.2014, von Imran Ayata
    Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/kobane-ist-ueberall-wir-muessen-uns-wehren-13229702.html

    https://twitter.com/hashtag/sengal

    https://twitter.com/hashtag/rojava

    https://twitter.com/hashtag/TwitterKurds?src=hash

    Solidarität mit Kobane/Rojava

    Samstag, 1. November 2014 –
    [HH] Solidarität mit Kobane/Rojava

    Internationaler Aktionstag: Solidarität mit Kobanê/Rojava! | Samstag, 1. November 2014 | Demonstration in Hamburg: 14 Uhr / Hachmannplatz (HBF)

    Am 1.November rufen kurdische Organisationen in Hamburg zu einer Demonstration auf. Diese Demonstration steht in einem Zusammenhang mit einem weltweiten Aufruf zur Solidarität mit #Rojava am 1.11.2014.

    Aufruf von „Hamburg für Rojava“ & Tatort Kurdistan Hamburg:

    Hamburg für Kobanê/Rojava – Heraus auf die Straße:

    Seit inzwischen mehr als einem Monat läuft die Schlacht um den kurdischen Kanton und die Stadt Kobanê. Seit mehr als einem Monat verteidigen die Volksverteidigungskräfte der YPG und YPJ ihre Stadt gegen den Ansturm der hochgerüsteten IS-Kämpfer.

    Solidarität mit der Revolution in Rojava!

    In Rojava wurde inmitten des Bürgerkriegs in Syrien ein basisdemokratisches Gesellschaftsmodell unabhängig von Assad oder islamistischen Milizen etabliert, welches sich am vom PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan formulierten “Demokratischen Konförderalismus” orientiert. Es steht für eine der wenigen fortschrittlichen Perspektiven für einen Frieden im Mittleren Osten. So garantiert es beispielsweise die Rechte aller Minderheiten, treibt die (Selbst-)Befreiung der Frauen massiv voran, zeigt Alternativen der Selbstverwaltung auf und setzt diese auch konkret um. Rätestrukturen fördern die Mitbestimmung der gesamten Bevölkerung, zur Produktion wurden Kooperativen gegründet und auch die vollständige Teilhabe von allen nicht-kurdischen Bevölkerungsteilen wurde ermöglicht. So ist es in Rojava, im Gegensatz zum Rest der Region, gelungen, die Ethnisierung der Konflikte zu vermeiden. Rojava galt bis zum Angriff durch den IS als ein sicherer Hafen für alle Menschen, unabhängig von Konfession oder Herkunft.

    Dieser Aufbau einer Selbstverwaltung innerhalb der letzten Jahre ist den Nato-Staaten und insbesondere der Türkei ein Dorn im Auge, da diese befürchtet, dass diese Bestrebungen nach Selbstverwaltung auch auf die kurdischen Gebiete in der Türkei abfärben. Aus diesem Grund bestand seit Beginn des Projektes Rojava ein Embargo gegen selbiges, nicht nur von Seiten der Türkei, sondern auch durch die kurdische Autonomie Region Nordirak, welche halbfeudal durch den Barsani-Clan regiert wird und stark von der Nato-Politik beeinflusst ist.

    In den letzten Wochen setzte die Türkei auf einen militärischen Einmarsch unter dem Deckmantel einer Pufferzone, die sie international jedoch bis jetzt nicht durchsetzten konnte. Nachdem die USA, nach erhöhtem medialen Druck, neben Bomben auf den IS auch Waffen per Fallschirm nach Kobanê lieferten, versucht die Türkei auf einem anderen Wege Einfluss auf Rojava zu erlangen. Sie will Peschmerga-Verbände aus dem Nordirak über die Türkei nach Kobanê lassen. Ob diese Rojava jemals erreichen oder erwünscht sind, ist allerdings eine andere Frage. So lies ein Sprecher der PYD verlauten, die Peschmergas sollten doch lieber den JezidInnen in Shingal/Irak helfen, denn KämpferInnen der eigenen YPG/YPJ aus benachbarten Gebieten gebe es in Kobanê theoretisch genug, wenn die Türkei diese passieren ließe. Die Lage in Kobanê bleibt aber immer noch höchst unübersichtlich. Der IS scheint Kobanê mit aller Macht vor einer möglichen Ankunft nordirakischer Perschmergas erobern zu wollen. Gerüchteweise kam es zu Angriffen mit chemischen Waffen.

    PKK Verbot aufheben!

    Genau jene Organisationen, welche erfolgreich gegen den IS kämpfen, werden in der BRD kriminalisiert und verfolgt. So gilt in Deutschland seit 1993 ein Verbot der kurdischen Arbeiterpartei PKK. Es war die PKK, die das Leben von zehntausenden JezidInnen und vielen anderen Volks- und Religionsgruppen im Shingal-Gebirge (Irak) im August verteidigte und die JezidInnen zur Selbstverteidigung gegen den IS militärisch ausbildete und nicht die von der BRD bewaffneten kurdischen Peshmerga. Doch gerade diese PKK, die sich dem IS Terror auch ohne Nato-Unterstützung aufopfernd entgegenstellt, ist in der BRD weiterhin verboten. Angebliche Kader der Partei werden nach dem §129b angeklagt und inhaftiert, wie aktuell Mehmet D., der im Untersuchungsgefängnis HH-Holstenglacis in Isolationshaft sitzt. Darüber hinaus macht das deutsche Innenministerium deutlich, dass es im Bezug auf die Ausreise Richtung Syrien Sympathisanten der PKK mit den Fundamentalisten des IS gleichsetzt.

    Hoch die internationale Solidarität!

    Mit der Demonstration am 1. November wollen wir ein Zeichen der Solidarität setzen und zeigen, dass es nicht nur KurdInnen sind, die in Deutschland ihre Wut und ihr Entsetzen über die Angriffe des IS und das Vorgehen der westlichen Politik auf die Straße tragen. Lasst uns gemeinsam eine Welle der Solidarität auslösen!

    Solidaritätsinitiative „Hamburg für Kobanê“ und Kampagne Tatort Kurdistan Hamburg
    Quelle: https://linksunten.indymedia.org/node/125845

    http://tatortkurdistan.blogsport.de/

  4. Rojava: Beispiel für eine solidarische Gesellschaft Gegen die Ethnisierung des Sozialen permalink
    28. Oktober 2014 16:50

    Rojava: Beispiel für eine solidarische Gesellschaft

    Gegen die Ethnisierung des Sozialen von Ulf Petersen, SoZ 10-2014

    Im Windschatten der syrischen Revolution haben Kurden im Nordosten Syriens ein Gemeinwesen geschaffen, das einen demokratischen und egalitären Entwicklungsweg zu gehen sucht.Anfang 2011 begann der Aufstand gegen die Assad-Regierung. Es folgten die harte Repression durch das Regime und die Militarisierung der Rebellion. Zunehmend wurden ethnische und religiöse Minderheiten wie Christen und Kurden von den islamistischen Teilen der syrischen Opposition bedroht und als potenzielle Verräter gesehen.

    Die mit der PKK verbündete Partei der demokratischen Einheit (PYD), die stärkste Kraft unter den syrischen Kurden, hatte schon damals gewarnt, dass es a) nicht reicht das Regime zu stürzen und zu hoffen, dass es dann eine demokratische und friedliche Neuordnung gibt, und b) dass dieser Sturz militärisch nicht schnell und leicht erreicht werden kann. Sie vertritt deshalb eine dritte Position: Gegen Assad und für eine demokratische Revolution, aber gegen die Fortführung des Krieges, der auch ein Stellvertreterkrieg zwischen dem Iran, Russland, China auf der einen und den USA, der EU und den Golfmonarchien auf der anderen Seite ist.

    Auf der Grundlage dieser Haltung wurde in Rojava (kurdisch für «Sonnenaufgang») – den vorwiegend kurdischen Gebieten Afrîn, Kobanî (Ain al-Arab) und Cizîre (Jazira) im Norden/Nordosten von Syrien – seit Sommer 2012 eine demokratische Selbstverwaltung bzw. eine Rätedemokratie aufgebaut. Der syrische Staat wurde verdrängt, es gibt eine Art Doppelherrschaft: Einige Einrichtungen des syrischen Staates existieren am Rande der Selbstverwaltung weiter, so …http://www.sozonline.de/2014/10/rojava-beispiel-fuer-eine-solidarische-gesellschaft/


    Des Sultans Scheindemokratie

    Die Türkei nach den Präsidentschaftswahlen

    von Murat ÇakÄ�r

    Am 10.August 2014 fanden in der Türkei die ersten Wahlen zum Staatspräsidenten in der Geschichte der Republik statt. Bis dahin wurden alle Staatspräsidenten vom Parlament gewählt. Recep Tayyip Erdogan konnte nach fast zwölfjähriger Amtszeit als Ministerpräsident diese Wahlen mit 51,8% der Stimmen im ersten Wahlgang für sich entscheiden. Damit ist Erdogan ist an seinem Ziel angekommen: Er ist Staatspräsident und hat in seinem Nachfolger, dem ehemaligen Außenminister und heutigen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu, einen loyalen Statthalter gefunden.http://www.sozonline.de/2014/10/des-sultans-scheindemokratie/

  5. Video zeigt Gespräche zwischen türkischen Soldaten und IS-Kämpfern permalink
    28. Oktober 2014 17:06

    Florian Rötzer, TP 28.10.2014
    Morgen sollen die Peschmerga-Kämpfer in die Türkei fliegen, die Waffen sollen auf dem Landweg nach Kobane gebracht werden
    Die Türkei schreckt weiter davor zurück, Kurden aus dem Nordirak mit (schweren) Waffen nach Kobane passieren zu lassen. Offenbar wurde nun ein Weg gefunden, die vermeintlichen Probleme einer Anerkennung kurdischer Streitkräfte zu vermeiden. Die 150 Peschmerga-Kämpfer werden wohl unbewaffnet so schnell wie möglich, möglicherweise am Mittwoch, mit dem Flugzeug von Erbil aus in die Türkei gebracht, die Waffen, darunter Artillerie, werden auf Lastwagen nach Kobane gebracht. Es soll sich um amerikanische Waffen handeln. Gestern noch sagte Bersani., der kurdische Präsident der Kurdischen Regionalregierung (KRG), dass die Türkei noch keine Durchreisegenehmigung erteilt habe (In Kobane nichts Neues?).

    Schwere Kritik wurde von Salih Muslim, dem Ko-Kommandeur der YPG, gegenüber dem türkischen Präsidenten Erdogan vorgetragen. Er würde sich in alles einmischen und alles kontrollieren wollen. Die militärische Unterstützung durch die Perschmerga hätten die Kurden unter sich ausgehandelt: „Herr Erdogan will alles entscheiden, aber es liegt nicht alles in seinen Händen.“ … Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/43/43195/1.html


    A very clear evidence that the Turkish army is coordinating with ISIS terrorists


    again:

    13.10.14 http://fda-ifa.org/ifa-stellungnahme-gegen-den-terror-von-staat-und-religion-freiheit-fuer-die-menschen-in-kobane/

    & Umzingeltes Kobanê
    International Im Kampf um die westkurdische Stadt entscheidet sich nicht nur die Zukunft Rojavas, sondern auch der Friedensprozess in der Türkei Von Thomas Schmidinger, 10. Oktober 2014 http://www.akweb.de/ak_s/ak598/45.htm

  6. Wie ist die „Kooperation“ der westlichen Welt mit der kurdischen Freiheitsbewegung im Kampf um Kobanê zu verstehen? permalink
    29. Oktober 2014 10:11

    Zwangsgemeinschaft oder eine neue Freundschaft?

    Wie ist die „Kooperation“ der westlichen Welt mit der kurdischen Freiheitsbewegung im Kampf um Kobanê zu verstehen?

    Mako Qoçgirî, Mitarbeiter des Kurdischen Zentrums für Öffentlichkeitsarbeit – Civaka Azad, 29.10.2014

    „So schrecklich es auch ist, in Echtzeit das Geschehen in Kobanê zu verfolgen, so wichtig ist es, einen Schritt zurückzutreten und das strategische Ziel zu verstehen.“ US Außenminister John Kerry, 08.10.2014

    Während Kobanê weiter umkämpft bleibt und die Verteidigungseinheiten YPG und YPJ weiterhin Hügel um Hügel, Straße um Straße und Haus um Haus in einem erbitterten Verteidigungskampf mit den Angreifern des sog. Islamischen Staates (IS) stehen, gehen auch die Luftschläge der Anti-IS-Koalition auf Stellungen des IS weiter. Die erste Waffenhilfe der internationalen Koalition erreichte mittlerweile die VerteidigerInnen der Stadt. Eine für viele gewöhnungsbedürftige Kooperation im Kampf gegen den IS. Und so wirft die Unterstützung für die KämpferInnen von Kobanê bei vielen Menschen außerhalb der Region Fragezeichen in ihren Köpfen auf.
    …weiter…http://civaka-azad.org/zwangsgemeinschaft-oder-eine-neue-freundschaft/

  7. Solidarität mit Rojava! - neue Solidaritätsprojekte, aber auch für Kontroversen permalink
    29. Oktober 2014 17:06

    Solidarität mit Rojava
    Peter Nowak 29.10.2014
    Der Kampf der kurdischen Verteidiger gegen den IS sorgt für neue Solidaritätsprojekte, aber auch für Kontroversen
    Demnächst könnte der Eintritt in einigen Berliner Clubs um einen Euro angehoben werden. Der Extrabeitrag soll an die kurdischen Selbstverteidigungseinheiten gehen, die im nordsyrischen Rojava gegen die islamistische IS kämpfe., „Nachtleben für Rojava“ heißt der Zusammenschluss Berliner Clubs und Bars, die ab 1. November ihre Unterstützungskampagne starten.

    „Das Berliner Nachtleben verteidigt individuelle Freiheiten, die der IS vernichten wollen. Deswegen unterstützen wir die kurdischen Kräfte, die an vorderster Front des Kampfes stehen“, erklärte Jan von der Initiative „Nachtleben für Rojava“ am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Berlin. Dort hatte zuvor Georg Gruhl von der Interventionistischen Linken, einem außerparlamentarischen linken Bündnis, eine Unterschriftenkampagne von Prominenten aus Kultur und Wissenschaft vorgestellt, die unter dem Motto „Wer wenn nicht wir? Wann wenn jetzt?“ zur Solidarität mit Rojava aufruft.

    Es gehe der IL nicht nur um die Verteidigung gegen den IS betonte Gruhl. Man wolle auch die demokratischen Strukturen stärken, die kurdischen Kräfte in den letzten Monaten in der Region aufgebaut haben. „Die Rätestrukturen und die demokratische Autonomie der Städte und Gemeinden Rojavas sind für viele Menschen im Nahen und Mittleren Osten zu einem Hoffnungsträger geworden“, betonte Gruhl.

    Auch Sozdar Sevim vom Verband der Studierenden ausKurdistan, der gemeinsam mit der IL die Kampagne vorbereitet, betonte auf der Pressekonferenz, dass es in den kurdischen Gebieten gelungen sei, Rätestrukturen aufzubauen. Die allgemeinen Menschenrechte sowie die Rechte von Frauen und religiösen Minderheiten würden dort geachtet.

    In Deutschland sei die Unterstützung bisher noch schwach. (…)
    Quelle: Telepolis – http://www.heise.de/tp/news/Solidaritaet-mit-Rojava-2437764.html


    Mittwoch, 29. Oktober 2014
    Retter Kobanês – Totengräber Rojavas
    Von Errol Babacan

    Die vielen Unkenrufe, die den schnellen Fall der Stadt Kobanê verkündeten, wurden widerlegt. Die Ausweitung der Hilfestellung und die angekündigte Öffnung türkischen Staatsgebiets für Peschmerga aus dem irakischen Kurdistan scheinen eine Wende darzustellen. Haben Appelle an die USA und andere Kräfte, sich verstärkt für die Verteidigung von Rojava einzusetzen, gefruchtet? Wird Rojava nun in die Anti-IS-Koalition eingebunden?
    Weitere Informationen » http://infobrief-tuerkei.blogspot.de/2014/10/retter-kobanes-totengraber-rojavas.html#more


    http://en.firatajans.com/news/news

    http://tatortkurdistan.blogsport.de/

  8. Noam Chomsky "Kobane, Kurds and Turkey" permalink
    29. Oktober 2014 21:02

    Noam Chomsky (2014) „Kobane, Kurds and Turkey“

    FULL VERSION

    Noam Chomsky (Oct, 2014) „The Future of the Israel-Palestine Conflict“

  9. Kurdische Aktivisten klagen über Kriminalisierung wegen Demonstrationen für Kobane permalink
    30. Oktober 2014 11:06

    Von Hans-Gerd Öfinger, ND – Neues Deutschland 30.10.2014

    Nun werden Fahnen aufgerechnet

    Kurdische Aktivisten klagen über Kriminalisierung wegen Demonstrationen für Kobane

    Die Solidaritätskundgebungen für die nordsyrisch-kurdische Stadt Kobane haben an Intensität nachgelassen. Nun klagen Aktivisten über eine nachträgliche Kriminalisierung durch die Behörden.
    Als Anfang Oktober bundesweit zigtausend Menschen Solidarität mit dem von kurdischen Organisationen angeführten Verteidigungskampf in der nordsyrischen Stadt Kobane gegen Terrormilizen des Islamischen Staates (IS) bekundeten, nahmen die Ordnungskräfte in aller Regel keinen Anstoß an den bunten Fahnen und Symbolen oder an Abbildungen des in der Türkei inhaftierten Chefs der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Abdullah Öcalan. So waren am 4. und 18. Oktober bei Demonstrationen mit mehreren tausend Menschen in Frankfurt am Main große gelbe Fahnen mit Öcalan-Bildnissen unübersehbar. Sie verliefen ohne Störungen oder Behinderungen – unter den Augen der Polizisten.

    Nachdem Kobane etwas aus dem medialen Blickfeld gerückt ist, beklagen sich Aktivisten nun über Schikanen. …
    http://www.neues-deutschland.de/artikel/950816.nun-werden-fahnen-aufgerechnet.html

  10. Anmerkungen zur Revolution in Rojava - von Ercan Ayboga, Tatort Kurdistan Kampagne permalink
    31. Oktober 2014 18:19

    Hamburg für Rojava hat einen Link geteilt.
    vor 17 Stunden · Bearbeitet
    Interessante Anmerkungen zur Revolution in Rojava von einem Freund der Tatort Kurdistan Kampagne, der im Mai selbst in Rojava war.

    Von Ercan Ayboga, Tatort Kurdistan Kampagne

    Einführend
    Thomas Schmidinger analysiert die laufenden Kämpfe in und um Kobanê zwischen dem terroristischen Islamischen Staat (IS) und den YPG und YPJ, welche die Verteidigung der Region (Kanton) Kobanê und ganz Rojava’s (Westkurdistan) durchführen, und die demokratische Selbstverwaltung in Rojava. An mehreren Stellen im Artikel sind unvollständige Informationen, Bewertungen, welche die Errungenschaften in Rojava gering schätzen, und einfach falsche Analysen. Zu diesen nehme ich Stellung als eine Person, die sich im Mai 2014 in der Region Cizîre mit zwei weiteren AktivistInnen der Tatort Kurdistan Kampagne aufhielt und intensiv mit Rojava auseinandersetzt.

    1)
    Im Juli 2012 haben die KurdInnen Rojava sukzessiv befreit und haben nicht die Macht übernommen, nach dem sich das Baath-Regime zurückzog. Diese Befreiung – Beginn der Revolution – erfolgte durch Volksaufstände gegen die Staatskräfte, die zuvor in ganz Syrien geschwächt waren. Jedoch zogen sie sich teilweise aus Rojava zurück.
    Die KurdInnen haben den richtigen Zeitpunkt für Befreiung ausgenutzt und paktieren nicht mit dem syrischen Staat. Sie gehen den sog. 3. Weg und nutzen den erkämpften Freiraum für eine neue Gesellschaftsform.

    2)
    Die Macht in Rojava wurde nicht von der PYD übernommen, sondern vom Volksrat Westkurdistans (MGRK), welches von der PYD sowie von weiteren 3 weiteren kurdischen Parteien ab Frühjahr 2011 aufgebaut wurden. Der MGRK ist ein Rätesystem, welches neben den gewählten Delegierten allen beteiligten politischen Parteien die gleiche Zahl von Sitzen in den entsprechenden Räteebenen gibt. Die YPG sind deren militärischen Arm.
    In der Konsequenz wird Rojava durch den MGRK und seinen Einrichtungen und Kommissionen regiert. Hier engagieren sich tausende Menschen, die kaum Mitglieder der PYD sind. Es ist keine militärische Notverwaltung, auch wenn es viele Engpässe gibt.
    Auch wenn die PYD in der Bevölkerung von Rojava mit Abstand die größte Partei ist, kann nicht von „der Herrschaft der PYD“ gesprochen werden. Ihr ist gut zu rechnen, dass sie 2011 entschieden hat, ein Rätesystem aufzubauen, welches eine hohe politische Partizipation von Menschen ermöglicht. Sie bringt entscheidend die größte Demokratie und Partizipation unter allen politischen Parteien in Rojava und auch in Syrien voran. So ist es abwertend zu sagen, dass die PYD einen „autoritären Führungsstil“ hätte.

    Vielmehr muss von einer Revolution gesprochen werden, wofür es mehrere Gründe gibt: a) Im Rätesystem kann die gesamte Bevölkerung sich in die Entscheidungsprozesse ohne Hemmnisse und ständig einbringen (die Mehrheit tut es). Es gibt sogar auf der untersten Ebene sog. „Kommunen“, die aus 30 bis 150 Haushalten bestehen und das gesamte Leben in ihren Straßen organisieren. Zehn- bis hunderttausende Menschen sind direkt politisch engagiert, was eine unglaublich große Entfaltung und Emanzipation mit sich bringt. b) Die Geschlechterbefreiung schreitet schnell voran. Die Geschlechterfrage dominiert alle politischen Strukturen und immer mehr die Gesellschaft, inkl. der Wirtschaft mittels Frauenkooperativen. Die patriarchalen Strukturen werden ernsthaft und ohne Kompromisse bekämpft. c) Die Wirtschaft wird immer solidarischer. Der Ausbeutung der Menschen ist sehr eingeschränkt, große Klassenunterschiede gibt es kaum bzw. sie werden langsam reduziert. d) Alle Ethnien und Religionen können sich in der demokratischen Selbstverwaltung wiederfinden. Kein Mensch wird wegen seiner Identität, Herkunft und sonstigen Eigenschaften unterdrückt. Der Nationalstaat wird abgelehnt. Das ist einmalig im Mittleren Osten.
    Es wird nichts idealisiert, aber die riesigen demokratischen Fortschritte müssen gesehen und anerkannt werden.

    3)
    Das wirtschaftliche System entwickelt sich langsam zu einer Alternative zum Kapitalismus. Es als „keine Alternative zum Kapitalismus“ zu bezeichnen, ist kurz gedacht und verkennt vieles. Die Kooperativen funktionieren gut, haben im Jahr 2014 sehr an Fahrt gewonnen und werden in mehreren Wirtschaftsbereichen (Mehlprodukte, Käseprodukte, Textilprodukte, landwirtsch. Erzeugnisse etc.) langsam nennenswert.
    In Rojava gibt es keine privaten Großbetriebe; so gibt es fast keine private Unternehmen mit mehr als 15-20 Lohnabhängigen. Die wenigen GroßunternehmerInnen wandern traditionell nach Aleppo etc. ab oder sind mit dem syrischen Bürgerkrieg geflohen.

    4)
    Die Großgrundbesitzer in Rojava haben nicht mehr als 20 % des Landes in ihrer Hand. Das ist nicht wenig, aber aus Sicht der Landwirtschaft auch nicht sehr monopolhaft. Es gibt viele Kleinbauern, die Dörfer sind gut bevölkert. Die kurdische Oligarchie ist also nicht sehr ausschlaggebend in der politischen Landschaft.
    Nicht steht auch im Artikel, dass mehrere tausende Hektar zuvor staatliches Land an die Ärmsten kostenlos vergeben wurde. Selbst die notwendigen Geräte und Maschinen wurden vom MGRK kostenlos bereit gestellt. Sie müssen nach einem Jahr nur eine Steuer von 15 % auf ihren Umsatz zahlen. Viele dieser neuen Landbesitzer bearbeiten ihr Land als Kooperativen.
    Die ungerechte Landverteilung ist dem MGRK bewusst. Aus diversen und verständlichen (Krieg, Embargo, Bewusstsein in Gesellschaft etc.) Gründen wird diese Frage zunächst nach hinten gestellt. Gewisse gesellschaftliche Prozesse müssen vorbereitet werden.

    5)
    Als im Januar 2014 nach drei Monaten Diskussion durch 50 politische Parteien und Organisationen (einschl. MGRK) in der Region Cizîre der „Gesellschaftsvertrag“ angenommen und die „demokratische Autonomie“ ausgerufen wurde, haben sich drei Parteien vom rechts-liberalen kurdischen Parteienbündnis ENKS (Kurdischer Nationalrat in Syrien) losgesagt. Sie beteiligten sich sogleich an der neuen ausgerufenen Übergangsregierung – somit an der demokratischen Selbstverwaltung. Zum Beispiel kommt Salih Gedo von Demokratischen Linken Kurdischen Partei und ist Aussenminister des Kantons Cizîre geworden. Die Hälfte der kurdischen Parteien von Rojava nehmen heute an der Übergangsregierung teil. Insofern stimmt die Aussage nicht, dass die meisten kurdischen Parteien sich ablehnend verhalten.
    Wir selbst haben mit mehreren Ministern, die nicht der PYD angehören, längere Gespräche geführt. Wir konnten offen und kritisch mit ihnen reden. Es kam in keinster Weise hervor, dass sie sich durch die PYD unter Druck gesetzt fühlen.
    Es wird im Artikel unterschlagen, dass auch die größte Partei der Assyrer (Aramäer), die Suryani Einheitspartei in Syrien (mindestens genauso groß wie die vier anderen assyrischen Parteien zusammen), viele AraberInnen, ArmenierInnen, TurkmenInnen und andere ethnisch-religiöse Gruppen die demokratischen Selbstverwaltung unterstützen.

    6)
    Die Türkei hat viele zehntausende Flüchtlinge aus Kobanê erst nicht aufnehmen wollen. Erst als zehntausende um den 20.09.2014 am Grenzübergang zum Protest übergingen, haben türkische Behörden die Grenze öffnen müssen. Dieses Detail ist wichtig. Denn es zeigt, wie die Türkei sich gegenüber den kurdischen und nichtkurdischen Flüchtlingen aus Syrien verhält. Die kurdischen Flüchtlinge aus Kobanê werden kaum vom Staat versorgt, während die Unterstützung für die Nicht-KurdInnen viel besser ist (wenn auch nicht wirklich gut).

    7)
    Die Türkei hat nicht nur die Grenzen für den IS offen gehalten, sondern unterstützt ihn aktiv und versorgt ihn mit Waffen, Geld (zumeist aus den Golfstaaten) und Logistik. Auch werden durch den IS Menschen für seinen Terror problemlos angeworben und IS-Kämpfer in der Türkei ausgebildet, was nicht nur KurdInnen in der Türkei behaupten, sondern auch Linke und Kemalisten.
    Kurz gesagt, gibt es eine aktive Aufbauhilfe für den IS durch die Türkei, welche damit weitergehende politische Interessen verfolgt.

    8)
    Die demokratische Selbstverwaltung von Kobanê hat nie internationale Bodentruppen verlangt, sondern Waffen und insbesondere einen dauerhaften Korridor von der Türkei aus nach Kobanê. Der Korridor wird immer mehr zur Hauptforderung der Menschen von Kobanê. Das wird im Artikel nicht erwähnt.

    9)
    Anfang Oktober 2014 kritisierten die Eziden von Shengal, dass die Peshmergas der KDP (Demokratische Partei Kurdistans, Vorsitzender Barzani) ihnen Schrottwaffen gegeben haben und nicht der Westen. Die Peshmergas haben sowohl qualitative als auch Schrottwaffen erhalten, weitergeleitet an die Eziden haben sie nur letztere.

    http://tatortkurdistan.blogsport.de/

    https://www.facebook.com/hamburgfuerrojava

  11. Deutscher Jesiden-Kämpfer im Nord-Irak: "Die Welt muss uns nur helfen" permalink
    31. Oktober 2014 18:27

    Ein Interview von Hasnain Kazim, Istanbul
    Er hat 2000 Kameraden verloren und kämpft in Sichtweite der IS-Milizen an der Seite der Jesiden: Der Deutsche Qasim Shesho führt im Sindschar-Gebirge die Bürgerwehr an. Hier erzählt er, wie der Sieg gegen die Dschihadisten doch noch gelingen kann.

    Quelle: spon – http://www.spiegel.de/politik/ausland/is-islamischer-staat-interview-mit-deutschem-jesiden-anfuehrer-shesho-a-1000439.html

  12. Allahs GOTTESFÜRCHTIGSTE Armee: Terror made in USA permalink
    1. November 2014 12:30

    Allahs GOTTESFÜRCHTIGSTE Armee: Terror made in USA

  13. Vom Zentralismus zum Kommunalismus? // Vom Marxismus zu Kommunalismus und Konföderalismus: Bookchin und Öcalan permalink
    1. November 2014 22:35

    Vom Marxismus zu Kommunalismus und Konföderalismus: Bookchin und Öcalan von Janet Biehl
    http://civaka-azad.org/vom-marxismus-zu-kommunalismus-und-konfoederalismus-bookchin-und-oecalan/

    Vom Zentralismus zum Kommunalismus? Direkte Erfahrungen mit der Umstrukturierung in der kurdischen Befreiungsbewegung. Ein Erlebnisbericht vom mesopotamischen Sozialforum 2009
    http://peter-nowak-journalist.de/2012/05/21/2912/

  14. "Ein Krieg gegen die Frauen" Dilar Dirik über die Errungenschaften der Rojava-Revolution und den Krieg des IS gegen die Frauen permalink
    2. November 2014 14:27

    In den syrisch-kurdischen Gebieten bedroht die Terrorgruppe Islamischer Staat nicht nur das Leben Tausender Menschen, sondern auch ein sozial-emanzipatorisches Projekt. konkret sprach mit der kurdischen Aktivistin Dilar Dirik über die Errungenschaften der Rojava-Revolution, den IS-Krieg gegen die Frauen und die Versäumnisse der internationalen Linken.

    Konkret: In den kurdischen Kampfverbänden sind viele Frauen in eigenen Bataillonen organisiert. Sie kämpfen an vorderster Front gegen die islamistische Bande des IS. Dieser Kampf ist gleichzeitig auch ein Kampf für ein eigenes politisches Programm. Was sind die Ziele der kurdischen Frauenbewegung?

    Dirik: Die kurdische Frauenbewegung stellt sich gegen alles, wofür der sogenannte Islamische Staat steht. Der IS versucht nicht nur, alle Religionen, Kulturen und Zivilisationen, die Diversität des Nahen Ostens, auszulöschen und ein einheitliches Kalifat, mit einer sehr speziellen Interpretation des politischen Islams, zu gründen, sondern der IS führt gleichzeitig auch einen Krieg gegen die Frauen – einen Feminizid. Frauen werden vom IS versklavt, verkauft, vergewaltigt und ermordet. Der Krieg gegen die Frauen wird vom IS, der sich eben auch als patriarchale Macht zu etablieren versucht, äußerst brutal und sehr systematisch geführt. Die kurdischen Frauen, die derzeit an vorderster Front gegen den IS kämpfen, halten es für ihre Aufgabe, sich nicht nur als Kurdinnen, sondern als Frauen dieser mörderischen Bewegung in den Weg zu stellen.

    Der IS macht sich bei seinem Kampf gegen die Frauen die feudal-patriarchalen Strukturen in der Region zunutze. Die vergewaltigten jesidischen Frauen beispielsweise werden oft von ihren Familien nicht mehr akzeptiert, weil sie als Opfer von Vergewaltigung als schmutzig und als Schande für die Familie gelten. Das nutzt der IS bei seiner Kriegführung aus.

    Den kurdischen Frauen geht es um ein sozial-emanzipatorisches Projekt. Natürlich wird derzeit ein Kampf um Leben und Tod gegen den IS geführt. Aber parallel dazu wird schon seit langer Zeit der Aufbau eines sozialen Projekts vorangetrieben, das ganz explizit auf der Befreiung der Frau basiert.

    Wie sieht das praktisch aus? Was haben Kurdinnen und Kurden in den autonomen Regionen in Syrien in den vergangenen Jahren aufgebaut?

    Quelle: http://www.konkret-magazin.de/hefte/heftarchiv/id-2014/heft-112014/articles/ein-krieg-gegen-die-frauen.html


  15. “Thank God For ISIS” + USAtanismus = ??? permalink
    12. Dezember 2014 11:21

    Jerry Boykin: “Thank God For ISIS” For Bringing Attention to “Destruction Of The Military”

    In this video, Jerry Boykin tells David Horowitz’s Restoration Weekend that Obama is “anti-Semitic” and destroying the military.

    William G. Boykin (* in New Bern, North Carolina) war ein Lieutenant General der US Army und zuletzt in der Funktion des „Deputy Undersecretary of Defense for Intelligence“ (Stellvertretender Unterstaatssekretär des für Nachrichtendienste).

    Im Laufe seiner militärischen Karriere war er an fast allen maßgeblichen Militäreinsätzen der Streitkräfte der Vereinigten Staaten persönlich beteiligt. Während seiner Laufbahn als Offizier, war er überwiegend als Mitglied der Gemeinschaft der Spezialeinsatzkräfte des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten im Schnittpunkt der Aufgaben von Militär und Nachrichtendiensten.

    Neben seiner offiziellen Funktion als Repräsentant des Verteidigungsministeriums fiel Boykin vor allem dadurch öffentlich auf, dass er aus seiner christlich-fundamentalistischen Überzeugung keinen Hehl machte, sondern wiederholt durch markige und deplatzierte Verlautbarungen in der Öffentlichkeit für etliche Irritationen nicht nur bei anderen Konfessionen sorgte. Dabei verquickte er den von der Bush-Regierung propagierten „Krieg gegen den Terror“ mit dem vermeintlichen Kampf des Christentums gegen „das Böse“, in seinen Augen offensichtlich der Islam. Eine vom Pentagon 2004 angestrengte disziplinarische Untersuchung kam aber abschließend zu dem Ergebnis, dass Boykin seine umstrittenen Äußerungen als Privatperson und nicht in offizieller Funktion gemacht hätte, er deshalb zwar gerügt würde, aber sein Amt fortführen könne.

    Heute lehrt Boykin als Professor am Hampden-Sydney College, Virginia.

    weiter
    http://de.wikipedia.org/wiki/William_G._Boykin

    RWW News: Robert Jeffress Says ‚This World System Is Under Satan’s Control‘

    USAtanismus

  16. Atheismus im Mittleren Osten --- Eine postislamistische Generation? permalink
    17. Dezember 2014 21:17

    Atheismus im Mittleren Osten
    Eine postislamistische Generation?

    Mona Sarkis 17.12.2014, 13:00 Uhr

    Auch fürs Diesseits lohnt es sich zu leben – ein junges Paar geniesst den Abend am Nilufer in Kairo. Auch fürs Diesseits lohnt es sich zu leben – ein junges Paar geniesst den Abend am Nilufer in Kairo. (Bild: Lorenzo Meloni / Contrasto / Dukas)
    Die arabischen Aufstände scheinen gescheitert – und die radikalen Islamisten die Gewinner. Tatsächlich aber haben die Revolten von 2011 eine Bewegung freigesetzt, die vielfach unbemerkt blieb: die Hinwendung zum Atheismus. Dessen Anhänger sind dem «Islamischen Staat» zahlenmässig sogar weit überlegen.

    2014 befragte die Al-Azhar-Universität, Ägyptens wichtigste religiöse Institution, 6000 Bürger und kam zum Ergebnis: 12,3 Prozent von ihnen sind Atheisten. 2012 befragte das renommierte Marktforschungsinstitut Win/Gallup International 502 Saudiaraber und kam zum Ergebnis: 19 Prozent von ihnen sind «nicht religiös», weitere fünf Prozent gar überzeugte Atheisten. Vorausgesetzt, dass diese Zahlen repräsentativ sind, hiesse das: Fast ein Viertel der rund 29 Millionen Saudis ist latent oder akut religionsmüde. Und das ausgerechnet in dem Land, das die heiligsten Stätten des Islam hütet und dessen Herrscherhaus seit 1744 seine gesamte Raison d’être auf einem fundamentalistischen Religionsverständnis aufbaut.

    Höllenpredigten statt Argumente

    Wie gross der von Win/Gallup konstatierte Sündenfall demnach ist, beweist nichts besser als Riads Reaktion: Im März erklärte es die Infragestellung der islamischen Fundamente Saudiarabiens zum «terroristischen Akt». Weniger radikal, aber nicht minder konfus fiel die Reaktion Kairos aus: Eine nationale Kampagne soll die verlorenen Schafe – die gemäss Verfassung kriminell und mit Haft zu bestrafen sind – wieder in den Schoss der Gesellschaft holen. Das Problem ist nur: Keiner weiss, wie. Denn um die Dialoge, zu denen aufgerufen und eingeladen wird, fruchten zu lassen, müssten die Religionsgelehrten die Intelligenz der jungen Zweifler ansprechen. Gerade das aber misslingt ihnen zumeist. «Das Gros von ihnen hat nie gelernt, logische Fragen zu stellen, geschweige denn, solche zu beantworten», erklärt die 22-jährige Ägypterin Aynur. Stattdessen schwinge der Klerus vorzugsweise die Keule buchstabentreuer Gottesfurcht und traktiere seine Kritiker mit Szenarien von Höllenfeuern. «Allerdings wirkt das neben all dem, was wir hier wirklich durchmachen, irgendwann ausgesprochen lächerlich», meint Aynur.

    Wie viele andere Muslime fühlte sich die junge Frau von Fragen umgetrieben: «Es ist also aus religiöser Sicht gut, eine Frau wegen Ehebruchs zu steinigen – aber einen 70-Jährigen, der eine 10-Jährige heiratet, soll man beglückwünschen?!» Oder: «Gott gab den Homosexuellen Instinkte – verbietet ihnen aber, diese auszuleben. Wozu gab er sie ihnen dann? Um sie zu quälen?» Oder: «Wenn Gott und Mensch zwei voneinander getrennte Entitäten sind, muss Gott doch räumlich begrenzt sein? Sonst könnte er ja in den Menschen einfliessen – womit Gott und Mensch eins wären.»

    Artikuliert werden solche Fragen und Ideen vor allem in den sozialen Netzwerken. Über 70 arabisch- und englischsprachige Facebook-Seiten mit atheistischen Inhalten verzeichnet der Islamwissenschafter Rüdiger Lohlker von der Universität Wien 2013 in einem Überblick. Die Autoren seien Jordanier oder Sudanesen, Palästinenser oder Marokkaner, Kuwaiter oder Libyer, mit einer Follower-Gemeinde von acht («Die Atheisten Omans») bis 28 000 («Syrische Atheisten»). Dass diese Seiten nahezu alle seit 2011 entstanden sind, ist zweifellos den arabischen Revolten geschuldet, die Menschenrechte und persönliche Freiheit grossschrieben. Anderseits aber brachte der damalige Umbruch nur ans Licht, was schon lange gegärt hatte. Entsprechend lassen sich im arabischsprachigen Internet atheistische Themen finden, die bereits in der voraufgehenden Dekade gepostet wurden. Dies ist nicht weiter verwunderlich: Gerade in jenem Jahrzehnt kamen zwei Faktoren zusammen, welche die Entwicklung des Atheismus im Mittleren Osten verstärkten und beschleunigten. Als Erstes wäre das Internet zu nennen, das um die Jahrtausendwende in die Region einzog und quasi die Revolution vor der Revolution einleitete: Von den Schriften muslimischer Freidenker des Mittelalters über den Werdegang des schillernden einstigen Salafisten Abdullah al-Qasimi (1907 bis 1996) bis hin zu den Ansichten Che Guevaras oder des US-Nobelpreisträgers Richard Feynman waren plötzlich alle erdenklichen Informationen zugänglich und wurden regelrecht verschlungen.

    Dass das Bedürfnis, andere Weltsichten kennenzulernen, aber überhaupt so gross war, ist wohl weniger der Globalisierung zuzuschreiben als vielmehr der Eskalation des politischen Islam, die in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts unübersehbar wurde. Dabei galt diese Ideologie in den 1980er Jahren noch als Wunderwaffe der Muslime nach einer schier endlosen Kette von Niederlagen. Vor allem der Sieg Israels im Sechstagekrieg von 1967 hatte die Entwicklung eingeläutet: Weil damals der Panarabismus kollabierte, der die Massen mit Stolz – und offensichtlich überzogenen Erwartungen – erfüllt hatte, suchte man einen anderen geistigen Rettungsanker. Die Reislamisierung begann, längst abgelegte Kleidungsstücke wie das Kopftuch kamen wieder in Mode – aber die beschworene «Stärke der Umma», der islamischen Gemeinde, war damit noch nicht bewiesen.

    Dies gelang erst den Mujahedin der achtziger Jahre, die die Sowjets aus Afghanistan vertrieben und so aller Welt demonstrierten, dass die Kombination aus extremer Religiosität und politischem Willen sehr wohl handfeste Siege erringen kann. In den folgenden Jahrzehnten zeitigte das Konzept allerdings Auswüchse, die immer mehr Muslime abstiessen. «Das Wort Gott ist für mich Synonym für Rückwärtsgewandtheit, Grausamkeit, Rassismus und Mordgier», notierte ein junger Muslim 2007 in Reaktion auf die Anschläge der Kaida im Irak. Die Gewaltexzesse des Islamischen Staats lagen damals noch jenseits des Vorstellbaren.

    Der Islam ist nicht länger «die Lösung»

    Noch wenn man vom pervertierten Glaubens- und Gesellschaftsverständnis solcher Extremisten absieht, bleibt die Frage, was der politische Islam eigentlich je geleistet hat. Die Antwort darauf blieben 2012 auch die Muslimbrüder schuldig – ihrer Parole «Der Islam ist die Lösung» zum Trotz. «Viele Ägypter hatten nach Hosni Mubaraks Sturz auf die Bruderschaft gehofft. Sie, die selbst jahrzehntelang unterdrückt worden war, sollte die Antithese zu Korruption und Gewaltherrschaft sein. Aber sie entpuppte sich bloss als eine weitere Synthese», resümiert Aynur.

    Die Einsicht, dass der bisher praktizierte politische Islam in die Irre, aber nicht aus dem Abseits führt, beginnt auch dort Fuss zu fassen, wo man es zuletzt erwartet hätte. So sorgte der saudische Scharia-Gelehrte und ehemalige Salafist Abdullah al-Maliki 2011 mit einem Buch für Aufsehen, in dem er den Schlachtruf «Der Islam ist die Lösung» in «Die Souveränität der Umma ist die Lösung» abwandelte. Seine These: Die Revolten seien ausgebrochen, damit die Herrschaft der Individuen, Sippen oder Einzelparteien ende und das Volk Referenzpunkt der Legislative werde. Zwar bleibt für Maliki die Scharia der Dreh- und Angelpunkt der Verfassung, doch über die Art ihrer Anwendung soll einzig der Urnengang des Volkes entscheiden. So verschwommen seine These auch noch klingt: Sie ist ein Plädoyer für ein demokratisches Modell. Und aus dem Mund eines einstigen Ultrakonservativen, der obendrein noch in Saudiarabien lebt, ist das nicht wenig.

    Fürs Erste, befindet der Syrer Fadi, sei es sogar mehr als genug. Dies überrascht, da der 36-Jährige an sich bekennender Atheist ist. Dennoch hält der Computeringenieur aus Homs es für fatal, die Religion aus lauter Frustration über ihren Missbrauch durch Machtmenschen über Bord zu werfen. Fadis Argumentation ist dabei keineswegs kulturhistorisch, sondern überaus pragmatisch ausgerichtet: Seit 1967 sei der Islam nachgerade zur identitätsstiftenden Konstituente aufgebaut worden. Ihn jetzt unreflektiert abschütteln zu wollen, hiesse, ein Vakuum zu schaffen, das nicht die Souveränität der Völker, sondern den nächsten Absturz bringe.
    Extreme statt Synthese

    Tatsächlich mag die Hinwendung zum Säkularismus oder gar Atheismus vorab denjenigen Muslimen leichtfallen, die sich im Internet bewegen und möglicherweise auch Auslanderfahrung haben. Für die meisten aber wäre für eine derartige Entwicklung zumindest ein Bruchteil jener Zeit vonnöten, die etwa die europäische Aufklärung beansprucht hat. Genau das aber scheint unmöglich: Seit vier Jahren überschlagen sich die Ereignisse, treten die Extreme immer schärfer hervor. Der Soziologe Asef Bayat von der Universität Illinois bleibt indes zuversichtlich und prognostiziert den «Postislamismus» – ein System, in dem radikale religiöse Lesarten schrittweise zugunsten einer Fusion mit zivilen Freiheiten aufgegeben werden. Eine solche Entwicklung wäre zu begrüssen; klar bleibt aber vorerst nur: Die ideologischen Kontinentalplatten des Mittleren Ostens reiben derzeit gewaltig aneinander.

    ETLICHE WEITERFÜHRENDE LINKS IM O-ARTIKEL
    http://www.nzz.ch/feuilleton/eine-postislamistische-generation-1.18445785

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