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Eingesandt: „Das System ist viel umfassender als ich dachte…“

19. Oktober 2014

Tropa2posterEin Review zu „Tropa de Elite II“

Der brasilianische Film „Tropa de Elite II“ schildert die Kehrtwende eines Ausbilders und Befehlshabers bei Brasiliens gefährlichster und mörderischster Polizei-Einheit, der „Tropa de Elite“. Diese Truppe stellt der Film als eine Art „Unbestechliche“ dar, die in den Favelas die Drogengangs bekämpfen.

Diesen Auftrag nimmt der Chef der Truppe und weitere Söldner sehr ernst, so der Film. Es wird ihnen zu einer inneren Angelegenheit, den Drogensumpf zu beseitigen, so glauben sie. Doch in Wahrheit schaffen sie nur Platz im Slumgebiet: Platz für eine Seuche korrupter Miliz-Polizisten, die sich von der polizeilichen Korruption im Drogengeschäft auf ganz alltägliches Wirtschaften verlegen – sie gründen eine allumfassende Schutzgeld Mafia, die sich ihren Platz nach unten durch mörderische Gewalt und ihren Platz nach oben durch das Cash der Politik sichert: Wahlstimmen.

Unser Protagonist säubert die Stadt Rio de Janeiro nicht von Drogendealern, sondern nur von der Konkurrenz noch schlimmerer Parasiten. Die Miliz-Polizei der Stadt. Im Film kommt der Chef der „Tropa de Elite“ hinter diese Machenschaften… Politikerfressen werden zerschlagen, Korrupte werden erschossen – es ist ein Genuss, der nur damit gekrönt wird, dass der zur Besinnung gekommene Henker des Staates kundtut, dass das „System viel umfassender ist,“ als er gedacht hätte. Dass so lange die „Grundlage“ dafür besteht, weiterhin „Unschuldige“ sterben werden. Und dann fragt er aus dem Off den Zuschauer: „Und wer denkst du, finanziert dieses System? Genau.“

Wen könnte der Sprecher meinen?! Die Frage wird nicht wörtlich aufgelöst, sondern der Film löst sie bevor sie am Ende gestellt wird:
Als nämlich die Schutzgeldkorruption abkassiert, da kassiert sie von den Ärmsten der Armen ab, denn es „gibt einen Grund, warum es überhaupt Favelas gibt“, so der Protagonist. Der Film zeichnet danach eindrucksvoll die Pyramide des Zentralismus über zig Stufen bis in die obersten Regierungskreise. Die wirtschaftlichen Verstrickungen kommen dabei ein wenig zu kurz, der Film beschränkt sich bei der Führungsebene auf die Politiker, und auch bei der Darstellung der Klassengesellschaft ist der Film nicht der erste – Aber, was man „Tropa de Elite II“ zu Gute halten muss, ist dass es ein aufrüttelnder Film ist, der motiviert zu kämpfen. Der Film zeigt, eindrucksvoll, was das hierzulande naiv und aus Unwissenheit positivistisch dargestellte „Gangsterbusiness“ eigentlich ist: Eine Machenschaft des Staates. Und der Film erteilt dem Primat des Geistigen der Intellektuellen eine Abfuhr, in dem er sie im letzten Augenblick zu impotent für einen Gegenschlag zeichnet: Der Kampf gegen das System findet im Film nur statt, weil er von einer Bewegung des Volkes gestützt wird (Man sieht die Demonstranten, leider werden genaue Details der Bewusstwerdung der „normalen“ Menschen unterschlagen) und von einer schlagkräftigen Truppe flankiert ist. So finden im Film drei Bewegungen statt: Die Revolte im Polizei-Heer des Staates durch den Protagonisten, der Kampf gegen Korruption im Parlament durch die Linke und durch den Protest auf der Straße / in der Presse. Aber da die Bevölkerung im Film keinen nennenswerten Prozess der Bewusstwerdung durchmacht, weil der Film immer noch die ruckartige Revolutionierung bzw. Reformierung der Gesellschaft zeichnet, ist das Ende zwar nicht erbaulich, aber es ist authentisch: Es deutet an, dass die echten Stützen des Systems die Masse der Menschen ist, die unaufgeklärt darüber, was für „perverse Interessen“ in einem „unpersönlichen System“ sich auf ihren Schultern überlagern ihre eigenen Blutsauger füttern.

Ich bespreche den Film hier, weil anarcho-syndikalistisches Kino in dieser Geschichte fußen könnte. Wären wir dazu in der Lage, würde ich alles tun, um eine Fortsetzung zu drehen. In diesem dritten Teil, würde ich vieles so machen, wie in den Teilen davor, die filmtechnisch gesehen ein Meisterwerk sind. Aber ich würde die Sache im dritten Teil im Volke ausufern lassen, welches sich bewusst wird, in welchem „System“ sie leben und was es da an seiner Brust nährt. Einen Staat. In diesem Wunschtraum-Fortsetzer gäbe es keine hippiesken Diskutanten, sondern Frauen und Männer die mit perversen, pathologischen Massenmördern, Vergewaltigern und Reichen-Abschaum Schluss machen würden, in dem sie ihre Kampforganisationen dem Erdboden gleich machen würden und die Grundlage des Ganzen zerstören würden, wie es der Protagonist in Teil II andeutete: Die Lohnarbeit, das Eigentum, den Kapitalismus – den Zentralismus. Ich würde die Kampfstrategien um die selbstorganisierte Aktion des arbeitenden und in Armut vegetierenden Volkes bereichern, welches ganz alleine in der Lage ist, diese Bestialität zu vernichten und eine Klassenneubildung zu verhindern.

Ich wünschte wir würden unsere Zeit nicht so vergeuden und hätten diese Möglichkeit! Was für eine Propagandawaffe! Ich wünschte wir wären nicht so luschige Weicheier, sondern dass wir nur eine Brise dessen vernehmen würden, was andere Revolutionäre in anderen Teilen unserer Erde empfunden haben. Zum Beispiel den Antrieb dadurch, dass man es nicht mit sich vereinbaren kann, unzuverlässig zu sein, oder dass man es nicht mit dem eigenen Herzen vereinbaren kann, dass man zaudert, über Pazifismus diskutiert oder die „Rechte“ der Tiere wahrnimmt, während nur wenige Flugstunden entfernt Brüder und Schwestern vergewaltigt, zerhackt und verbrannt werden.

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