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Aktuelle Lage in ‪‎Kobanê‬: Laut UN droht ein zweites ‪Srebrenica

10. Oktober 2014

kobaneVon Perspektive Kurdistan‬

„Do you remember Srebrenica? We do. We never forgot and probably we never forgave ourselves.“ – „Erinnern Sie sich an Srebrenica? Wir tun es. Wir haben es nie vergessen und werden uns wahrscheinlich nie vergeben!“ So eindringlich appellierte heute nachmittag Staffan De Mistura, UN-Sonderbeauftragter für ‪Syrien‬ an die ‪‎Türkei‬, die Errichtung eines Korridors um Kobanê zuzulassen, damit freiwillige Kämpfer die Grenze nach Kobanê passieren können. Nur so könne man ein mögliches Massaker des IS an der kurdischen Bevölkerung in Kobanê, verhindern. „Eine Entscheidung der UN kann den IS nicht stoppen. Jedoch appellieren wir an die Türkei, die notwendigen Schritte zu tätigen, damit der Vormarsch des IS gestoppt werden kann. Ansonsten wird die Türkei und wir alle Zeuge eines grausamen Massakers an Zivilisten.“, so De Mistura weiter.

Auch am 25. Tag des Widerstandes gegen die ‪#‎ISIS‬-Offensive gab es positive Nachrichten aus der umkämpften Stadt und der morgendliche Bericht des YPG-Medienzentrums las sich noch recht passabel. Auch hält die ‪#‎YPG‬ den sich vor allem an der Süd- und an der Ostfront immer weiter verschärfenden Angriffen der Islamisten weiterhin mit aller Kraft stand. Und nach allen Erfahrungen ging es auch immer wieder ein wenig hin und her, so dass Gebiete der Islamisten immer wieder zurückerobert werden konnten.

Dennoch kommt man nicht daran vorbei, festzustellen, dass sich die Lage in den letzten 24 Stunden deutlich verdüstert hat. Anwar Muslim, Bürgermeister von Kobane, bestätigte heute in einem Telefongespräch der Journalistin Jenan Moussa, dass mittlerweile 30-40% von Kobane in die Hände des IS gefallen seien. Mit bedrückter Stimme habe er gesagt, dass sie bis zum Tod kämpfen würden. Gestern hatte er noch von 15-25% des Stadtgebietes gesprochen.

Enwer Muslim machte erneut deutlich, dass sie unverzüglich Waffen bräuchten – diese sollten aus der Luft in Kisten abgeworfen werden. mehr Luftangriffe und die Evakuierung der letzten Zivilisten in der Stadt sollen ebenfalls dringend von Nöten sein. Die Sicherheitszone mitsamt dem Hauptquartieren der ‪#‎Asayish‬ (Polizei), des Gerichtsgebäudes und der ‪#‎PYD‬-Zentrale sind in die Hände des IS gefallen. Seit vielen Stunden heftig umkämpft ist auch der Grenzübergang zur Türkei. Eine erste Angriffswelle konnte zwar zurückgeschlagen werden, doch setzt ISIS seit ein paar Stunden alles auf die Eroberung dieses entscheidenden Punktes. Mehrere Luftschläge der US-Luftwaffe sorgten dort aber für einige Erleichterung und derzeit ist die syrische Seite des Grenzüberganges wieder fest in der Hand der YPG. Allerdings hat die Türkei die Gefechte dafür genutzt, den Grenzübergang von ihrer Seite aus zu schließen, so dass derzeit keinerlei Krankentransporte aus Kobanê heraus mehr durchgeführt werden können. Gerade eben wurde gemeldet, dass drei Verletzte am geschlossenen Grenzübergang starben, da der Rettungswagen nicht passieren durfte.

Auch PYD-Kopräsidentin Asya Abdullah rief in einem Gespräch mit ANF dringend nach einem Hilfskorridor. Sie berichtete, dass ISIS fortwährend sowohl Kämpfer als auch Waffen zur Verstärkung aus ‪#‎Raqqa‬, Manbij, Jarablus, Sarrin, Tal Abyad hinzuziehe, vor allem aber aus Ayn Issa, wo ISIS zahlreiche Panzer des syrischen Regimes erbeuten konnte. Diese Verstärkungszüge müssten aus der Luft angegriffen werden, so Abdullah.

Verteidigungschef Ismet Hassan berichtete gegenüber Voice of America, dass auch aus ‪#‎Aleppo‬ Verstärkungen anrückten. Er sagte am Nachmittag, dass Kobanê auch weiterhin Widerstand gegen ISIS leisten kann, wenn sie schwere Waffen bekommen: „Wenn die ‪USA‬ uns schwere Waffen zukommen lassen, die in der Lage sind, die schweren Waffen der Islamisten, wie Panzer und Artillerie zu durchbrechen, dann sind wir zuversichtlich, sie alle töten zu können.“

Insgesamt darf man also davon ausgehen, dass es in dieser heiklen Phase auf effektive und zahlreiche Luftschläge der US-Luftwaffe, auf erfolgreiche Rückeroberungen in der Nacht und auf schnellstmögliche Waffenlieferungen ankommt, wenn die Stadt der letzten Entscheidungsschlacht nicht von Tag zu Tag näher rücken soll. Gestern hat die US-Luftwaffe immerhin neun Luftschläge im Raum Kobanê durchgeführt, heute wurden sieben Luftschläge bestätigt. Das Pentagon scheint also mit langer Verzögerung gemerkt zu haben, dass die Stadt Kobanê eine ganz entscheidende Schlacht im Kampf gegen ISIS darstellt, vor allem auch immense symbolische Bedeutung für die Situation der Kurden und das Verhältnis zur Türkei. Leider kam die Erkenntnis ziemlich spät, und selbst die ausgeführten Luftschläge sind nur ein Bruchteil dessen, was die USA beispielsweise vor einigen Wochen am Mossuldamm aufboten, um ISIS niederzuringen. Die tragischen Versäumnisse der letzten Wochen müssen nun durch besonders beherztes und zügiges Handeln korrigiert werden. Jeder Tag Verzögerung verringert die Erfolgschancen beträchtlich.

Auch stellt jede weitere Verweigerung eines freien Zugangs für Hilfsgüter und militärische Verstärkungen durch die Türkei, nachdem nun sogar die UNO dazu auffordert, eine schwerwiegende Beteiligung an dem drohenden Massaker dar, die die Welt nicht so schnell vergessen wird. In einem solchen Fall werden auch die militanten Auseinandersetzungen im Osten der Türkei weiter zunehmen und der innere Frieden dürfte endgültig und unwiederbringlich zerstört sein. Und wenn sich die deutsche Bundesregierung weiterhin den Warnungen des UN-Beauftragten verweigert und nicht bereit ist, den nötigen Druck auf den Bündnispartner Türkei auszuüben, dann macht sich auch die Bundesregierung ganz genauso mitschuldig an diesem Massaker. Auch der innere Frieden in ‪#‎Deutschland‬ würde sich von diesem unverzeihlichen Fehler nicht so schnell wieder erholen.

Damit es gar nicht erst so weit kommt, ist es in unseren Augen nun allerhöchste Zeit, die Proteste gegen die Bundesregierung, gegen Bundeseinrichtungen und die Regierungsparteien, insbesondere die Union nun auszuweiten und zu verschärfen. Wenn täglich Zehntausende auf die Straße gehen, wie auch heute wieder bei bundesweit über 30 Demonstrationen, scheint das nicht auszureichen, um der Bundesregierung deutlich zu machen, um was es geht. Bleibt die Bundesregierung in dieser Angelegenheit auf ihrem Kurs, insbesondere ggü. der Türkei, dann werden das 1 Million Kurd*innen und Sympathisant*innen in Deutschland nicht so schnell wieder vergessen. Der gefürchtete „heiße Herbst“ – er liegt auch in den Händen der Bundeskanzlerin (siehe hierzu auch unser Beitrag von letzter Nacht: http://on.fb.me/1D1qxiV)

Quellen: u.a. ANF, Civaka Azad, Kurdische Nachrichten, Reuters, VOA, Mutlu Çiviroglu, Jenan Moussa

Quelle: Perspektive Kurdistan, 10.10.2014, 21.45 Uhr

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  1. KOBANE: Tag der Solidarität * Berlin am 4. Oktober 2014 permalink
    13. Oktober 2014 00:40

    KOBANE: Tag der Solidarität * Berlin am 4. Oktober 2014

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