Skip to content

Krieg gegen unten

20. August 2014

Die Polizei in Ferguson, Missouri macht, wozu sie ausgerüstet wurde: sie bekämpft Aufruhr und Unmut, deren Ursachen Rassismus und soziale Ungleichheit sind.

Fast hat man den Eindruck, deutschsprachige Medien wissen nicht recht, wie sie mit den Ereignissen in der US-amerikanischen Kleinstadt Ferguson umgehen sollen. Klar, Polizeimorde, deren Zusammenhang mit tief verwurzelten rassistischen Strukturen auch oberflächlichsten BeobachterInnen klar vor Augen stehen, findet Ferguson police shootingniemand gut. Die ignoranten Auftritte von Behördenvertretern rufen ebenfalls kopfschüttelnde Kommentare in hiesigen Medien hervor, und das martialische Gebaren der lokalen Polizei schmeckt liberalen BeobachterInnen ebenfalls nicht.

Dass aber gerade letzteres kein Missverständnis ist oder Resultat ungeschickten Agierens der örtlichen Einsatzkräfte ist, verschließt sich vielen. So kommt eine Kommentatorin der taz zu dem Schluss: „Die erste Verantwortliche für die Situation ist die lokale Polizei. Sie hat sich mit Kriegswaffen aus Beständen des Pentagon ausgestattet.“ Das allerdings ist ein großes Missverständnis. Das polizeiliche Aufrüstungsprogramm in den USA steht in direktem Zusammenhang mit der innenpolitischen Militarisierung im Zuge Ferguson Tuesdayder „Homeland Security“-Hysterie nach 9/11. Zugleich ist der Weiterverkauf von militärischem Gerät an die Polizei für die Armee praktisch und kurbelt zudem den Absatz der Rüstungsindustrie an. Man sollte einfach nicht immer dem US-Führungspersonal glauben, etwa wenn Attorney General Eric Holder mit gespielter Unschuld erklärt, dass er „deeply concerned“ darüber sei, dass der Einsatz von militärischer Ausrüstung und Armeefahrzeugen eine „zwiespältige Botschaft“ an die trauernden und protestierenden Menschen in Ferguson und dem Rest der USA senden würde. Immerhin wurden, wie die New York Times berichtete, sowohl das Monsterverhikel BearCat, das in Ferguson aufgefahren wurde, wie auch die militärische Ausrüstung der Polizei vorwiegend vom „Heimatschutzministerium“ finanziert.

Der Feind ist überall

Hand in Hand mit dem neuen Kriegsspielzeug für lokale Polizeieinheiten wurden neue Einsatzstrategien entwickelt und die BeamtInnen entsprechend trainiert. Der Feind der „Heimat“ ist überall: vom unsichtbaren Schläfer-Terroristen über die studentische „Occupy“-Aktivistin bis hin eben zu jungen Afroamerikanern – sie alle sind nach der „Heimatschutz“-Logik eine Ferguson Wednesday Nightnicht nur potentielle Bedrohung von Ordnung und Sicherheit. Die teilweise unerhört brutale Repression der Occupy-Bewegung war ein erster Vorgeschmack dessen, wie die auf Terrorbekämpfung gedrillten Polizeikräfte mit künftigen sozialen Unmutsäußerungen umzugehen gedenken.

Gerade dieser Aspekt bleibt in vielen Kommentaren zu den Ereignissen unberücksichtigt. Viel ist dieser Tage von Rassismus die Rede, und dieser spielt natürlich die zentrale Rolle bei der Ermordung des 18jährigen Michael Brown sowie bei den Reaktionen der lokalen Polizeieinheiten auf die Proteste. Die Militarisierung der Polizei und repressive Einsatztaktik steht aber in Zusammenhang mit geplanter und bereits stattfindender Repression gegen die Auswirkungen der sozialen Ungleichheit in den USA. Diese ist zwar so alt wie die USA selbst, jedoch hat die Ghettoisierung US-amerikanischer Innenstädte während den vergangenen Jahren ein neues Niveau erreicht. Verlassene Straßenzüge und Wohnviertel gibt es nicht nur in den deindustrialisierten Großstädten, den sozialen Niedergang kennt jeder, der schon mal durch die USA gereist ist und sich nur ein paar Meter aus den Touri-Zonen hinausgewagt hat aus eigener Anschauung.

Einsatztest in Ferguson

Die traditionellen Ungleichheitsstrukturen der USA, gepaart mit der andauernden Krise der vergangenen Jahre haben ein explosive Stimmung hervorgebracht, auf die sich die „Sicherheits“kräfte ausgiebig vorbereitet haben. Ferguson ist ein Testfeld. Nächtliche Ausgangssperren, die Besetzung von Kreuzungen durch hochgerüstete Spezialeinheiten und schließlich der Einsatz der Armee in Gestalt der Nationalgarde – viel mehr geht eigentlich ferguson038kaum. Dabei ist während der vergangenen Tage in Ferguson nichts passiert, was diesen massiven Einsatz rechtfertigen würde: Proteste, vereinzelt militanter Widerstand gegen die Robocops und hin und wieder Plünderungen. Wer kann ein paar Kids verurteilen, die ein bisschen Aufruhr nutzen, um sich etwas was von dem zu holen, was ihnen die Glitzer-Werbewelt tagtäglich als Sinn des Lebens vorgaukelt?

Fast erleichtert berichten US-KorrespondentInnen von derartigen Vorfällen wie von Schüssen, die aus den Reihen von Protestierenden gekommen sein sollen. Wenn sich der Pöbel jetzt noch ein bisschen austobt, dann ist das Bild wieder zurechtgerückt und man kann den Kriegseinsatz vielleicht doch noch nachträglich schönschreiben. Ursache und Wirkung sind im medialen Wirbelwind schnell verdrängt, und so wird auch bald vergessen sein, dass „Polizisten“ in Tarnkleidung mit Sturmgewehren und mit Panzerbegleitung den Trauerprotest mit Tränengasgranaten, Rauchbomben und Gummigeschossen angriffen.

Es ist zu befürchten, dass Ferguson nur ein Vorgeschmack dessen ist, was künftig an Polizeieinsätzen in den USA bevorsteht. Der Autor Radley Balko brachte es in einem Interview mit dem US-Programm Democracy Now auf den Punkt: „Wenn wir Polizeibeamte Ministers try peaceful protest through Fergusonwie Soldaten trainieren und ihnen militärische Ausrüstung geben und sie wie Soldaten anziehen und ihnen sagen, dass sie einen Krieg führen – gegen Verbrechen oder gegen Terror – dann beginnen sie, sich selbst als Soldaten zu sehen.“

– Von Karl Schmal

Quelle: Lower Class Magazine

11 Kommentare leave one →
  1. Same shit... permalink
    20. August 2014 19:19

    „Die traditionellen Ungleichheitsstrukturen der USA, gepaart mit der andauernden Krise der vergangenen Jahre haben ein explosive Stimmung hervorgebracht, auf die sich die „Sicherheits“kräfte ausgiebig vorbereitet haben.“

    Genau das ist überall das Ding: DIE haben sich vorbereitet. WIR „Freiheitlichen“ essen Widerstand vegan, kommen zu spät zu Treffen und sind vollkommen harmlos, weil wir die Erfahrungen und Erkenntnisse, die vor 2000 gemacht wurden alle vergessen haben. WIR sind zu blöd ein buch zu lesen und uns selbst geistig und körperlich fit zu machen und WIR haben keine Strukturen, denn ein ordentlich und diszipliniert ausgefüllter Posten könnte ja ganz schlimme Herrschaft sein, um nicht zu sagen, ganz böser irgendwas -Ismus….
    In Wahrhseit sind die meisten in den Gruppen nur satte, bürgerliche Arschlöcher mit Depressionen und schlechtem Gewissen. man erkennt sie immer auf diesen lächerlichen Demonstrationen eigener Unfähigkeit.

    • Und nochmal von vorne permalink
      21. August 2014 07:18

      Erstens das. Und dann fällt ihnen auch kein besserer Weg ein, als den Bullen auf Demos direkt in die Arme zu rennen. Wer hat denn immer noch nicht kapiert, dass das nur Verletzungen und Anzeigen mit sich bringt? Warum immer wieder diese große Empörung „Oh, ah, be, ce! Die Polizei hat Tränengas! Und Wasserwerfer! Und sie ist sogar BRUTAL gegen die Demonstranten vorgegangen!“ Ääächt? Die hat sich euch nicht angeschlossen? Die hat euch nicht die Fahrzeugschlüssel gegeben??? Koooomisch…

      • Rafael Maria R. permalink
        25. August 2014 10:20

        Gerade dieser Artikel zeigt, dass diese Strategie durchaus Erfolg haben kann. Letztlich geht es nämlich darum, den Widerspruch zwischen Anspruch/Propaganda und Wirklichkeit zu verdeutlichen. Und zwar genau der grossen bürgerlichen Masse, die der Propaganda auf den Leim geht (und vom System profitiert). Militanz/zur Schau gestellte Gewalt sind da kontraproduktiv. Die Kräfte-(und Finanz-)verhältnisse sind eindeutig und die Spielregeln gewalttätiger Auseinandersetzung beherrschen Polizeien und Militärs besser. Die Situation in Indien war nicht anders unter Ghandi. Hätte er nicht konsequent versucht die Gewalt zu verhindern, hätte er nicht diesen Erfolg haben können. Vergesst nie, dass trotz aller Kräfteverhältnisse, gesellschaftlicher Herrschafts-Strukturen und manifestierten Hegemonien immer noch Menschen an den vielen kleinen und großen Hebel(che)n sitzen. Menschen, die in sich selbst widersprüchlich sind und von denen viele die Propaganda glauben (wollen).

  2. 90jährige Hedy Epstein: “I just cannot stand idly by” permalink
    21. August 2014 16:19

    90jährige Hedy Epstein: “I just cannot stand idly by”

    Eine der schlimmsten Formen der Gewalt ist das Wegschauen. Es bedingt, dass Tod, Hass und Zerstörung durch unwidersprochene Dauerwiederholung nach der äußeren Welt auch die innere Welt, die Vorstellungskraft der meisten Menschen erobern, und so zur Alternativlosigkeit gelangen. Die 90jährige Hedy Epstein hat sich dem physisch und verbal entgegengestellt. Im Interview mit Democracy Now! erhebt sie ihre Stimme gegen die Vorgänge von Ferguson bis Gaza (englischer Untertitel durch Aktivation von “CC”, wenn Video gestartet ist):

    http://www.democracynow.org/2014/8/20/stop_the_violence_from_ferguson_to

    (Quelle: “Stop the Violence from Ferguson to Gaza: 90-Year-Old Holocaust Survivor Arrested in St. Louis”, Democracy Now!, 20.8.2014)

  3. Police Continue to Violate Press Freedom In Ferguson permalink
    21. August 2014 16:30

    With 11 journalists arrested thus far, Truthout.org investigative reporter Mike Ludwig describes how Ferguson police are using intimidation tactics against journalists –

    http://therealnews.com/t2/index.php?option=com_content&task=view&id=31&Itemid=74&jumival=12264

    http://therealnews.com/t2

  4. Ferguson Police Threaten to Kill Journalists permalink
    21. August 2014 16:36

    When the police in Ferguson decide they are done showing off their militarized outfits for the night, they demand compliance and submission, especially if you are a member of the press. The Police State is alive and well in Ferguson, MO.

  5. Pflege Deinen Religionshass ### Ein Christ stiehlt nicht permalink
    7. September 2014 22:39

    Ein Christ stiehlt nicht

    Der junge Afro-Amerikaner Michael Brown wird von einer Überwachungs-Kamera in einem Laden gefilmt. Ein Wachbeamter mutmasst Ladendiebstahl und erschiesst den Teenager, als er das Geschäft verlässt. Der Pastor des Ermordeten hat nun neue Details zum Leben des jungen Mannes preisgegeben.

    (…)

    Nun hat sich der Onkel des Verstorbenen zu Wort gemeldet, Pastor Charles Ewing. Sein Neffe sei zwei Wochen vor seinem Tod zum Glauben an Jesus gekommen. Er habe bewusst eine Entscheidung für Gott getroffen. Auch deswegen schliesse der Onkel aus, dass Brown tatsächlich etwas gestohlen habe.

    Gott wusste Bescheid

    Noch erstaunlicher: Gott habe seinen Neffen auf seinen Tod vorbereitet. Gegenüber der Zeitung «Associated Press» erzählte der Pastor, dass Brown vor seinem Tod einen unheimlichen Traum gehabt habe. Er habe von einem Körper geträumt, der von einem weissen Laken bedeckt war. Danach habe er seiner Familie erzählt, dass sein Name einmal auf der ganzen Welt bekannt sein würde.

    http://www.jesus.ch/themen/glaube/glaube/261483-kurz_vor_seinem_tod_zum_glauben_gekommen.html

  6. Proteste in Ferguson permalink
    25. November 2014 18:03

    Der Polizist, der einen schwarzen Jugendlichen in Ferguson USA durch Schüsse tötete, wird laut Beschluss einer Jury nicht angeklagt. Seit der Verkündung gibt es gewalttätige Proteste.

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/video/2290362/Proteste-in-Ferguson

  7. obama permalink
    25. November 2014 18:05

  8. Riots break out in Ferguson: Gunfire, molotovs and tear gas reported permalink
    25. November 2014 18:06

    Riots break out in Ferguson: Gunfire, molotovs and tear gas reported

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: