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Gedenkdemo für Erich Mühsam – Bericht

22. Juli 2014

Erich-Mühsam-DemoAm 12. Juli 2014 de­mons­trier­ten 240 Men­schen im Ge­den­ken an den im KZ er­mor­de­ten Erich Müh­sam in Ora­ni­en­burg unter dem Motto „Sich fügen heißt lügen!“. Die Demo ver­stand sich als klar po­li­ti­sches Ge­den­ken und Er­gän­zung zu den zahl­rei­chen Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen rund um Müh­sams To­des­tag. Der Haupt­fo­cus der Ak­ti­on rich­te­te sich des­halb auf Müh­sam als An­ar­chis­ten, An­ti­fa­schis­ten und Frei­geist.

Auf­ge­ru­fen hat­ten die North East An­ti­fa (NEA), das Kul­tur­zent­trum WB13 und die An­ar­cho­syn­di­ka­lis­ti­sche Ju­gend Ber­lin (ASJ). An der De­mons­tra­ti­on be­tei­lig­ten sich Men­schen aus Bran­den­burg, Ber­lin und an­de­ren Bun­des­län­dern. Auch An­woh­ner*innen reih­ten sich in den De­mo­zug ein.

Er­in­ne­rung an Na­zi­ver­bre­chen in Ora­ni­en­burg

Wäh­rend der Demo wur­den zahl­rei­che „Nein zum Heim“-​Auf­kle­ber ent­fernt, die sich gegen die Er­öff­nung der Asyl-​Un­ter­künf­te in Gran­see und Lehnitz rich­ten. Dies zeigt die ta­ges­po­li­ti­sche Not­wen­dig­keit für an­ti­fa­schis­ti­sche Demos vor Ort, auch un­ab­hän­gig von An­läs­sen wie die­sen. In Re­de­bei­trä­gen wurde des­halb die Rolle des Ober­ha­vel­krei­ses als Rück­zugs­raum für Na­zi­ka­der, die An­ti-​Asyl-​Pro­pa­gan­da der NPD und deren Re­or­ga­ni­sie­rung the­ma­ti­siert.

Beim Hin­weg wurde ein be­son­de­rer Au­gen­merk auf das (nicht mit Sach­sen­hau­sen zu ver­wech­seln­de) KZ Ora­ni­en­burg ge­legt – an des­sen ehe­ma­li­gem Stand­ort sich heute keine Ge­denk­stät­te, son­dern ein Lidl-​Park­platz be­fin­det. Au­ßer­dem wurde über die un­rühm­li­che Rolle der Ora­ni­en­bur­ger Be­völ­ke­rung wäh­rend der Na­zi­zeit be­rich­tet, die sich immer wie­der an KZ-​Häft­lin­gen ver­ging, wenn diese durch den Ort gehen muss­ten. In Re­de­bei­trä­gen wurde das Schick­sal wei­te­rer Ge­fan­ge­ner und Er­mor­de­ter, die nicht die Be­kannt­heit Müh­sams er­lang­ten, ge­schil­dert.

Ein Re­de­bei­trag be­fass­te sich zudem mit Zenzl Müh­sam, der Ehe­frau Erich Müh­sams, deren Wir­ken oft ver­nach­läs­sigt wird und die nach ihrer Flucht in die So­wjet­uni­on noch bis 1954 in Straf­la­gern ver­brach­te.

Wür­de­vol­les Ge­den­ken trotz Platz­re­gen

Ein plötz­lic­her, in der Erich Müh­sam-​Stra­ße ein­set­zen­der star­ker Regen über­rasch­te und durch­näss­te alle Teil­neh­men­den. Den­noch wohn­ten die meis­ten dem Ge­den­ken bis zur End­kund­ge­bung bei.

Wäh­rend der Ge­denk­kund­ge­bung am ehe­ma­li­gen KZ Ora­ni­en­burg be­rich­te­ten die Lesebüh­nen-​Au­tor*innen Peter und Su­san­ne Bäß über Erich Müh­sams Leben und gaben des­sen An­ti-​Kriegs­text „Der Feu­er­wehr­bund“ zum Bes­ten. Da­nach lasen zwei An­ti­fa­schist*innen die Ge­dich­te “Lum­pen­lied” und “Re­bel­len­lied”. An­schlie­ßend boten die Lie­der­ma­cher Chris­toph Holz­hö­fer und „Gei­ger­zäh­ler“ Ver­to­nun­gen be­kann­ter Müh­sam-​Ge­dich­te wie „Mein Ge­fäng­nis“, der „Re­vo­luz­zer“, oder „Der Ge­fan­ge­ne“ dar.

Auch wenn sich im Laufe des Ge­den­kens viele Teil­neh­mer*innen nach einer Stun­de Kälte und Regen auf den Rück­weg mach­ten, blie­ben noch rund 70 Men­schen bis zum Schluss und wohn­ten der Kranz­nie­der­le­gung sowie der Ab­schluss­re­de über Erich Müh­sams Ge­fan­gen­schaft und Er­mor­dung bei. Nach einer Schwei­ge­mi­nu­te leg­ten die Ver­an­stal­ter*nnen sowie die Pi­ra­ten-​Frak­ti­on Ber­lin Krän­ze am Ge­denk­stein für Erich Müh­sam nie­der. Die Freie Ar­bei­te­rIn­nen Union (FAU) Ber­lin, die mit einer grö­ße­ren De­le­ga­ti­on am Ge­den­ken teil­nahm, hatte eben­falls einen Kranz dabei. So en­de­te das Ge­den­ken am Ende doch noch un­ver­reg­net und in wür­de­vol­ler At­mo­sphä­re.

Der Rück­weg wurde auf­grund des durch­näss­ten Zu­stands der Teil­neh­mer*innen je­doch nicht – wie zu­nächst ge­plant – als Demo zu­rück­ge­legt.

Alles in allem zie­hen wir ein po­si­ti­ves Fazit…

Mit der Teil­neh­mer*in­nen­zahl von 240 sind wir zu­frie­den, da 300 Men­schen oft das Ma­xi­mum an Teil­neh­mer*innen um­fasst, dass mensch in Ora­ni­en­burg auf einer Demo ver­ei­nen kann. Be­rück­sich­tigt wer­den müs­sen auch Par­al­lel­ver­an­stal­tun­gen in Ber­lin, wie die Mad and Disa­bi­li­ty Pride Pa­ra­de. Aus den grö­ße­ren Bran­den­bur­ger Städ­ten, wie Neu­rup­pin, Straus­berg, Pots­dam und Frank­furt/Oder waren Men­schen an­ge­reist. Sogar aus Bo­chum, Kiel, Göt­tin­gen und Mainz wur­den Teil­neh­men­de ge­sich­tet. Äl­te­res Pu­bli­kum, bei­spiels­wei­se aus den VVN-​BdA-​Struk­tu­ren oder Orts­an­säs­si­ge, waren hin­ge­gen we­ni­ger ver­tre­ten. Das hat ver­schie­de­ne Grün­de: Das Gros der äl­te­ren VVN-​BdA-​Mit­glie­der kann an Demos auf Grund ihrer kör­per­li­chen Ver­fasst­heit oft nicht mehr aktiv teil­neh­men, die Or­ga­ni­sie­rung eines Trans­por­tes von Ge­noss*innen der VVN-​BdA hätte wie­der­um einen lo­gis­ti­schen Auf­wand be­deu­tet, den wir nicht stem­men kön­nen. Ge­ra­de Bran­den­burg als Flä­chen­land bil­det hier eine enor­me Hürde. Im Rah­men des run­den Jah­res­ta­ges der Be­frei­ung vom deut­schen Fa­schis­mus im kom­men­den Jahr soll­ten wir je­doch ver­stärkt über­le­gen, wie wir die Be­tei­li­gung der äl­te­ren Ge­nos­sen*innen an De­mons­tra­tio­nen und Ge­denk­fei­er­lich­kei­ten be­werk­stel­li­gen kön­nen. Ihre An­we­sen­heit und ihre Mei­nung sind hier be­son­ders wich­tig.

Die.​Linke Ober­ha­vel hatte an­läss­lich Erich Müh­sams To­des­tag eine Aus­stel­lung or­ga­ni­siert und war am 10. Juli an der Durch­füh­rung eines Ge­den­kens an Müh­sams To­des­tag und eine Aus­stel­lung be­tei­ligt. Al­ler­dings hätte eine Zu­sam­men­ar­beit bei den Un­ter­stüt­zer*innen der Demo, die sich zum Groß­teil aus an­ar­chis­ti­schen Grup­pen zu­sam­men­setz­te, mit hoher Wahr­schein­lich­keit zu Ir­ri­ta­tio­nen ge­führt. Die Lö­sung war so ge­se­hen nicht ide­ell, zumal Teile des Vor­be­rei­tungs­krei­ses im Um­gang mit “nicht links­ra­di­ka­len” Bünd­nis­part­ner*innen in der All­tags­pra­xis einen un­kom­pli­zier­te­ren Um­gang pfle­gen. Die Va­ri­an­te je­man­den ein­zu­la­den und sich am Ende nicht zu sei­nen Bünd­nis­part­ner zu be­ken­nen kam für uns auch nicht in Frage. Ge­mes­sen an den Ka­pa­zi­tä­ten und zu er­le­di­gen­den Auf­ga­ben, bei einem Thema, das kein allzu brei­tes Pu­bli­kum an­zieht, hiel­ten wir es darum für die bes­se­re Ent­schei­dung, uns vor allem auf die Be­wer­bung zu kon­zen­trie­ren. Die wie­der­um war Spek­tren­über­grei­fend. Im bun­des­wei­ten Na­zi­auf­marsch am 6. Juni 2015 in Neu­rup­pin („Tag der deut­schen Zu­kunft“) sehen wir eine Mög­lich­keit, eine gute und brei­te Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen An­ti­fa und Zi­vil­ge­sell­schaft, so wie zwi­schen Ber­lin und Bran­den­burg auf die Beine zu stel­len.

An die­ser Stel­le wol­len wir uns bei allen Be­tei­lig­ten und Un­ter­stüt­zer*innen be­dan­ken, vor allem bei jenen Rei­se­grup­pen, die eine weite An­rei­se hat­ten. Den Or­ga­ni­sa­tor*innen des Erich Müh­sam-​Fes­tes gilt eben­falls unser Dank für ein wirk­lich schö­nes und viel­fäl­ti­ges Fest zu Ehren Müh­sams und des “Nolo”-​Prin­zips. Über 1000 Be­su­cher waren vor Ort, mehr als 100 Büh­nen­ak­teu­re be­strit­ten gut be­such­te Dis­kus­sio­nen, Kon­zer­te und Vor­trä­ge. Wir den­ken, das Fest und die Demo haben sich recht gut er­gänzt.

Mo­men­tan ar­bei­ten wir an der Wie­der­auf­la­ge einer Bro­schü­re zu Müh­sams Leben und po­li­ti­schem Kampf. Sie wird auf http://www.​erichmuehsam.​antifa-​nord­ost.​org her­un­ter­zu­la­den sein. Wenn das Wet­ter mit­spielt, wer­den wir das Heft mit einer klei­nen Le­sung in den kom­men­den Mo­na­ten ge­büh­rend re­lea­sen.

Die De­mons­tra­ti­on hat ge­zeigt, dass es mög­lich ist, das Ge­den­ken an Na­zi-​Op­fer, an­ti­fa­schis­ti­sches En­ga­ge­ment in der Ge­gen­wart und eine li­ber­tä­re Per­spek­ti­ve mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen – die his­to­ri­sche Per­son also nicht zu ent­po­li­ti­sie­ren, ohne sie des­halb zu in­stru­men­ta­li­sie­ren. Daran wol­len wir auch in Zu­kunft an­knüp­fen.

Sich fügen heißt lügen!
Für einen li­ber­tä­ren An­ti­fa­schis­mus!

Vor­be­rei­tungs­kreis der Erich Müh­sam – Ge­denk­de­mo

Quelle: Erich Mühsam Demo

2 Kommentare leave one →
  1. Antibla permalink
    23. Juli 2014 19:16

    Man soll ja nicht nur meckern, sondern auch Lösungen anbieten. Daher meckere ich jetzt nicht, trotz dieses nichtssagenden Versagerblablas da oben und schenke einfach allen ebenso Verärgerten ob des Zeitverlustes durch Durchlesen (Ja, liebe Antifa, es gibt Bücher, da steht was drin und wenn man das liest kann man über Inhalte nachdenken!) das nachfolgende schöne Video:

  2. Das Fanal-Projekt permalink
    28. Juli 2014 15:50

    Vor 80 Jahren wurde am 10. Juli 1934 der Anarchist, Dichter und Publizist Erich Mühsam im KZ Oranienburg ermordet. Um an sein Leben und Wirken zu erinnern, werden wir die von ihm in den Jahren 1926 bis 1931 herausgegebene Zeitschrift „Fanal“ neu in einer fünfbändigen Buchausgabe veröffentlichen. Gleichzeitig wird es eine frei zugängliche Onlineversion der Zeitschrift geben. Damit ist dieses Projekt eine echte Herausforderung, und wir würden uns freuen, wenn wir dafür Deine Unterstützung bekommen könnten.

    http://dadaweb.de/wiki/Das_Fanal-Projekt

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