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Gedenkdemonstration anlässlich des 80. Todestages von Erich Mühsam

26. Juni 2014

muehsamdemo_web212. Juli 2014 | S-Bhf. Oranienburg
(bei Berlin)

Wir dokumentieren den Aufruf zur Demo:

Mühsam war Vieles:
Revolutionär, Utopist, Freidenker, Anarchist, KPD- und Rote Hilfe-Mitglied*, Antikriegsaktivist/Pazifist, Knast- und Staatskritiker, Antifaschist und Syndikalist; ein Individualist mit chronischem Geldmangel, Lebemann der schriftstellerischen Bohème, Mitbegründer der Münchner Räterepublik 1919, anerkannter Verfasser von Gedichten, Theaterstücken und Herausgeber und Publizist von Sachbüchern, politischen Zeitschriften und Aufsätzen sowie ein Humorist.

All diese Lebensbereiche und Facetten Mühsams, die sich noch um einige erweitern ließen, zeichneten seine vielschichtige Persönlichkeit aus. Für uns als libertäre Antifaschist*innen, erscheinen im Hinblick auf ein politisches Gedenken drei Punkte jedoch sehr zentral für sein Wirken zu stehen: das anarchistische, antifaschistische und freigeistliche Erbe Mühsams. Denn alles was Erich Mühsam ausmachte, sah er selbst als Teil eines Weges, der zu einem besseren Leben für alle führen sollte. Denn wie Mühsam verlautbarte: Der “Zweck meiner Kunst ist der gleiche, dem mein Leben gilt: Kampf! Revolution! Gleichheit! Freiheit!”

Anarchist:
“Sich fügen heißt lügen” bedeutete für Erich Mühsam in erster Linie, für eine herrschaftsfreie Gesellschaft einzutreten. In Staat, Kapitalismus, Militarismus und Klassengesellschaft fand er Angriffspunkte, um gegen Unterdrückungsmechanismen vorzugehen. Der revolutionäre Kampf sollte nie nur für die Menschen, sondern immer auf Augenhöhe mit den Menschen geführt werden. Befreiung verstand er immer auch als Leben und nicht bloß als Politik. “Sich fügen heißt lügen” trifft jedoch auch auf Mühsam als undogmatischen Anarchisten zu. So gab es zwar viele Anarchisten seiner Zeit, auf die er sich bezog und die ihn beeinflussten. Doch ließ er sich nie entgegen seiner eigenen persönlichen Überzeugungen vor einen “politischen Karren” spannen. Der Ausspruch “Sich fügen heißt lügen” trifft also Herrschaftsverhältnisse in Form politischer Systeme genauso, wie feste politische Ideologien.

Antifaschist:
1932 bezeichnete Joseph Goebbels Erich Mühsam als einen “jüdischen Wühler”, mit dem man “kurzen Prozeß” machen werde, sobald die NSDAP an der Macht sei. Bereits kurz nach der Machtübertragung an die Nazis trat Erich Mühsam der Freien Arbeiterunion Deutschlands (FAUD) bei. “Ich gehe zu den Arbeitern und kämpfe mit diesen gegen Hitler” begründete Mühsam später seine Entscheidung für die FAUD. Der frühe Zeitpunkt seiner Festnahme und Ermordung zeugen davon, wie sehr Mühsam den Nazis ein Dorn im Auge war, sowie von seinem nicht unerheblichen widerständigen Einfluss in jener Zeit. Sein antifaschistisches Engagement als Publizist und Schriftsteller, welches sich in den Jahren vor der Machtübergabe an die Faschisten verstärkte, weisen zudem auf seine enorme Überzeugung hin. Auch nach 17 Monaten Folter im Konzentrationslager Oranienburg gelang es den Nazis bis zuletzt nicht, seinen Willen zu brechen.

Freigeist:
Lesen wir heutzutage diese zahlreichen Charaktereigenschaften und Betätigungsfelder, die sich noch um Einiges fortführen ließen, so stutzen wir zumindest für einen Moment. Widersprüche und Ungereimtheiten prägten das Leben Erich Mühsams. Doch sie waren es, welche die vielschichtige Persönlichkeit Mühsams ausmachten. Entgegen jedem Trend und jeder Norm blieb er eine Institution für sich: nirgends einzuordnen, niemandem zugehörig, überall dabei, aber immer er selbst. Der berühmte Auspruch “sich fügen heißt lügen” geht also über das Ideal klassischer Herrschaftsfreiheit hinaus und meint zudem, scheinbar Feststehendes stets radikal zu hinterfragen, um der eigenen Meinungs- und Willensbildung wegen. Das praktizierte der Einzelgänger Mühsam bis zur letzten Konsequenz an sich selbst, mit dem Effekt, dass er zeitlebens unbequem blieb – von Zeit zu Zeit auch seinen eigen Leuten gegenüber. Die Akzeptanz seiner eigenen inneren Widersprüche trieb ihn darin an, Widersprüche auch innerhalb sozial-revolutionärer Strömungen von Anarchist*innen und Kommunist*innen zu überwinden. Sein Engagement galt keinem ideologischen Dogma, sondern dem gemeinsamen Kampf aller gegen Faschismus und für eine bessere, herrschaftsfreie und solidarische Gesellschaft ohne Kapitalismus und Ausbeutung.

Und so rufen wir euch 80 Jahre nach seiner Ermordung dazu auf, Erich Mühsam am Ort seiner Hinrichtung zu Gedenken. In Oranienburg wollen wir gemeinsam mit euch an den ganzen Menschen Mühsam erinnern, der gelebt hat und dem sein Leben genommen wurde.

Antifaschistische Gedenkdemonstration:
12. Juli 2014 | 13 Uhr | S-Bhf. Oranienburg
www.erich-muehsam.tk

Erich Mühsam Fest
12. Juli 2014 | 15/16 Uhr | ZUKUNFT am Ostkreuz, Laskerstraße 5
www.erichmuehsamfest.de

Infos und Material:
www.erichmuehsam.antifa-nordost.org/material/
www.erichmuehsam.antifa-nordost.org/biographie/

Quelle: Erich Mühsam.tk

* Anmerkung Syndikalismus: Unseres Wissens nach war Mühsam nie Mitglied der KPD.

5 Kommentare leave one →
  1. War Mühsam in der KP? permalink
    27. Juni 2014 14:10

    Es ist bekannt, dass Mühsam während der Revolution, während seiner Festungshaft und in den Berliner Jahren danach, trotz wesentlicher inhaltlicher Differenzen zum Parteikommunismus stets für ein Aktionsbündnis mit diesem eingetreten ist und dafür vielfach Unverständnis von seinen anarchistischen Freunden erfahren hat und beispielsweise von den Kropotkinisten der FKAD ausgeschlossen wurde.
    Ob er aber auch Mitglied der KPD war, ist strittig, weil er zwar in einem – soweit dies unter der Haftzensur möglich war – offenen Brief an die KPD im September 1919 um eine Aufnahme bittet, bzw. einfach seinen Eintritt erklärt, dies aber nur kurze Zeit später widerruft.

    >>> AN DIE KOMMUNISTISCHE PARTEI

    Erklärung

    Seit fast zwanzig Jahren bekenne ich mich zu den Lehren und Forderungen des kommunistischen Anarchismus. Mein politischer Kampf galt, lang ehe an Weltkrieg und Weltrevolution zu denken war, der Vorbereitung der sozialen Revolution mit den Mitteln der direkten Aktion, wie sie besonders von Michael Bakunin gelehrt worden sind. Meine Gegnerschaft gegen den von Kautsky ausgedeuteten Marxismus richtete sich im wesentlichen auf die Bekämpfung der parlamentarischen Betätigung des Proletariats, der opportunistischen Anbiederung an die kapitalistische Gesellschaft und des grundsatzlosen Paktierens mit der Bourgeoisie, die die Politik der Sozialdemokratie jahrzehntelang charakterisiert haben. Ich und meine Freunde haben immer gewarnt vor der Versumpfung der Arbeiterbewegung in Parlamentschwätzerei, Tarifmeierei und Vereinsbürokratismus. Wir verweigerten der Philisterorganisation der Sozialdemokratischen Partei die Gefolgschaft und warben, verfolgt von den Staatsgewalten und geschmäht von den geeichten und gestempelten „Führern“ der Arbeiterschaft, für die Befreiung vom Staat durch rücksichtslose Anwendung der ökonomischen Machtmittel des Proletariats.
    Das Erlebnis der Revolution öffnete einem großen Kreis der ausgebeuteten die Augen über die verfehlte Politik der Sozialdemokratie, deren Konsequenz in dem verräterischen Verhalten ihrer offiziellen Vertretung während des Krieges offenbar geworden war. Die vorbildliche Leistung der Bolschewiki in Rußland und ihr in der Revolutionsgeschichte aller Zeiten beispielloser Erfolg gab denen recht, die das Heil des Weltproletariats in der Übernahme der legislativen und exekutiven Gewalt in die Hände der werktätigen Massen selbst erblickten.
    Lenins theoretische und praktische Anweisungen für die Durchführung der Revolution bis zur Verwirklichung der kommunistischen Ziele des Proletariats schufen neuen Boden, gaben dem revolutionären Kampf um die Befreiung vom Kapitalismus neue Formen. Seine Lehren – ich werde das in einer besonderen Broschüre nachweisen – schlugen die Brücke, auf der sich Anhänger des von Kautsky und Bernstein befreiten Marx und Michael Bakunin begegnen können. Der Einigung des wahrhaft revolutionären Proletariats stehen keine unüberwindlichen Schranken mehr im Wege.
    Wir kommunistischen Anarchisten mußten allerdings einen wichtigen Differenzpunkt zwischen den beiden hauptsächlichen sozialistischen Schulen, Bakunins Widerstand gegen eine Diktatur des Proletariats, zugunsten Marxens preisgeben. Ich persönlich habe bereits zu Beginn der Revolution eingesehen, daß die proletarische Diktatur ein unumgängliches Mittel zur Eroberung der Macht darstellt, und meine propagandistische Tätigkeit dementsprechend ausgeübt. Der weitere Konflikt, die Frage nach zentralistischer oder föderalistischer Organisation, wird durch die genialische Losung, durch den Rätegedanken, zu einem Streit um Worte.
    Als sich in Deutschland die Kommunistische Partei konstituierte, habe ich mich bemüht, in engster kameradschaftlicher Nachbarschaft mit ihr zu wirken, bin vielfach als Referent in ihren Versammlungen aufgetreten und habe ihr, ohne noch direkt für sie zu werben, in- und außerhalb Münchens Tausende von Mitgliedern zugeführt. Selbst der Partei beizutreten, konnte ich mich, trotz der vollständigen Übereinstimmung in den Kampfprinzipien, bisher nicht entschließen, weil ich nie einer Partei angehört habe und die anarchistische Vergangenheit nicht verleugnen wollte.
    Der Verlauf der Revolution, ihre zeitweise Niederwerfung durch die vereinigte Macht der militaristischen, kapitalistischen und sozialpatriotischen Konterrevolution hat mich zu einem anderen Entschluß gebracht. Ich vollziehe hiermit meinen Eintritt in die Kommunistische Partei Deutschlands. Die Einigung des revolutionären Proletariats ist notwendig und unaufschiebbar. Die Organisation, in der diese Einigung allein möglich ist, ist in der KPD gegeben. Ich hoffe, daß meine anarchistischen Genossen, soweit sie im Kommunismus die Grundlage der gerechten Gesellschaft erblicken, meinem Beispiel folgen werden. Die Überwindung des Staates in jeder Gestalt ist das Ziel Lenins so gut wie das unsrige. Ein Opfer der Überzeugung wird also von niemandem verlangt.
    Die Genossen der KPD aber bitte ich, mich und meine Kameraden im Geiste treuer Kampfsolidarität aufzunehmen. Wir werden unsern Mann stehen, und der Zustrom an Kampf und Verfolgung gewöhnter Rebellen wird die Tatkraft der Partei befeuern und sie vor Verknöcherung und Verbonzung dauernd bewahren.
    Es leben die Weltrevolution! Es lebe die Dritte Internationale!

    Festung Ansbach, Mitte September 1919 <<<

    aus: Erich Mühsam: Briefe an Zeitgenossen. Herausgegeben von Gerd W. Jungblut. Verlag Klaus Guhl, Berlin 1978. S. 127-129.
    Fehler wurden ohne Kennzeichnung übertragen.

    • Der Bibliothekar der UU permalink
      28. Juni 2014 05:13

      In dem 2. Band („Materialsammlung“) der oben zitierten „Briefe an Zeitgenossen“ findet sich Mühsams im bayerischen Gefängnis Ansbach verfaßte, im März 1920 beendete und Lenin gewidmete, Schrift »Die Einigung des revolutionären Proletariats im Bolschewismus« (s. „Materialsammlung“, S. 57 – 141). Die Kapitel I – V und VII erschienen in Franz Pfempferts »Aktion« in den Jahren 1921 und 1922 (ebd., Anmerkungen, S. 141).

      In einem bis 1978 unveröffentlichten Nachwort dazu, vom Mai 1920 (ebd., S. 139), distanziert sich Mühsam wegen der passiven Rolle der KPD in der revolutionären Bewegung im Ruhrgebiet nach dem Kapp-Lüttwitz-Putsch im März 1920*) von ihr, sie »ist keine revolutionäre Partei mehr«. Er setzt seine – vorsichtige – Hoffnung auf die Ostern 1920 neugegründete „Kommunistische Arbeiter-Partei“ (KAPD), in der sich die auf dem 2. (sog. Heidelberger) Parteitag der KPD von der Zentrale herausmanipulierte Mehrheit der Mitglieder organisierte: »Ob die KAP … eine Föderation ersetzt, muß sich erst zeigen.« (ebd.)

      Im übrigen ist das Mißverständnis Mühsams betr. die Bolschewiki nichts ‚ehrenrühriges‘. Ihm unterlagen fast alle revolutionären sozialistischen Richtungen in dieser Zeit. Es sei nur daran erinnert, daß Lenins Schrift »Staat und Revolution« bis weit ins Jahr 1919 zum empfohlenen Sortiment der Buchhandlung Fritz Kater gehörte und im »Syndikalist« entsprechend beworben wurde: Man kann diesen Text trotz seiner Seitenhiebe auf die Anarchisten durchaus als anarchistisch (miß)verstehen …

      *) zur ‚Roten Ruhrarmee‘ und den revolutionären Bewegungen nach dem Kapp-Lüttwitz-Putsch s. das dreibändige Standard-Werk von Erhard Lucas, »Märzrevolution 1920«, Frankfurt/M 1973; 1974; 1978, Vlg. Roter Stern

      • Fürzisch Joare nüo belochn un betrochn! permalink
        29. Juni 2014 08:35

        „Erich Mühsam: Absage an die Rote Hilfe (1929)

        Werte Genossen!

        Hierdurch erkläre ich meinen Austritt aus der Roten Hilfe Deutschlands. Entscheidend für diesen Entschluß, der mir nicht leicht fällt, ist die in der „Roten Fahne“ mitgeteilte Tatsache, dass die Rote Hilfe eine eigene Werbeaktion für das Zentralorgan der Kommunistischen Partei vornehmen wolle.

        Damit entfällt die letzte Möglichkeit, die RH als eine überparteiliche Organisation anzuerkennen und den Genossen linksrevolutionärer Richtungen mein Verbleiben in der RH als ein Verhalten begreiflich zu machen, das keinerlei Verpflichtungen für eine bestimmte politische Partei in sich schließe.

        Ale ich vor 4 Jahren aus der bayerischen Gefangenschaft kam, stellte ich meine rednerische und organisatorische Kraft in weitem Maße der roten Hilfe zur Verfügung, und es wird kaum bestritten werden können, dass ich dieser Organisation eine sehr große Zahl Mitglieder und aktive Helfer zuführte. Voraussetzung war für mich, dass ich bei meiner Tätigkeit meinen Charakter als Anarchist niemals zu verleugnen brauchte; diese von mir von Anfang an gestellte Bedingung wurde mir ausdrücklich zugebilligt. Ich habe mir durch mein Wirken im Rahmen und zum Nutzen der RH in den mir nahestehenden revolutionären Kreisen viel Anfeindung zugezogen, mich jahrelang schwerstem Missverstehen meiner Haltung ausgesetzt, aber all dies in kauf genommen um der Genossen willen, die als Opfer der Klassenjustiz in den Zuchthäusern und Gefängnissen die solidarische Zusammenarbeit aller proletarischen Organisationen erwarten. Um ihretwillen habe ich auch die meines Erachtens durchaus unsachgemäße, weil bürokratische Organisationsform der RH hingenommen und zu zahlreichen befremdenden, außerhalb der Aufgaben einer Inhaftierten- und Revolutionsopferhilfe liegenden Aktionen der RH geschwiegen, wie vor kurzem erst der Agitation für die parteikommunistische Kandidatenliste bei den Konsumgenossenschaftswahlen u.ä.

        Auch die Parteinahme der Roten Hilfe Deutschlands gegen die linksrevolutionären Gefangenen und Verfolgten in Russland hat mich nur dazu veranlasst, meine Tätigkeit in der Organisation auf die Arbeit zu beschränken, die innerhalb der deutschen Angelegenheiten zur Abwehr der Klassenjustiz zu leisten ist. Immer hielt mich die Rücksicht auf die gefangenen Genossen zurück, mit einer Organisation zu brechen, die bei ihnen bis jetzt als überparteiliche Klassenorganisation galt. Ich blieb Mitglied, obwohl mein Auftreten als Delegierter bei der Bezirkskonferenz Berlin-Brandenburg 1927, bei der ich an manchen Übelständen Kritik übte und vor allem die Forderung vertrat, die RH habe sich für eine Amnestie der linksrevolutionären Gefangenen und Verbannten Russlands einzusetzen, nur dazu führte, dass von meiner agitatorischen Mitwirkung keinerlei Gebrauch mehr gemacht wurde. Ich habe seitdem meine Arbeit für die Gefangenen unvermindert fortgesetzt, musste mir nur zur öffentlichen Aufklärung andere Möglichkeiten schaffen, als sie mir vorher von der RH geboten wurden.

        Die Fiktion, als ob die Rote Hilfe Deutschlands tatsächlich selbständig sei, zu der ich und meine Freunde, die der RH angehören, uns immer wieder überredeten, lässt sich selbstverständlich nicht mehr halten, wenn die Organisation jetzt dazu übergeht, aus der Arbeiterpresse ein einzelnes Blatt herauszugreifen, das lediglich Organ einer zur Zeit dominierenden Richtung innerhalb einer besonderen Partei ist und das von allen linksrevolutionären Parteien und Gruppen, die korporativ oder in Einzelmitgliedschaften ebenfalls in der RH vertreten sind, gleichmäßig scharf abgelehnt wird. Die Einleitung einer eigenen Werbeaktion für die „Rote Fahne“ durch die RH bedeutet vollkommene Preisgabe der Überparteilichkeit und schwerste Brüskierung aller Mitglieder der Organisation, die etwa einer antiparlamentarischen oder gewerkschaftsfeindlichen, selbst auch nur einer kommunistisch-oppositionellen oder unabhängig-sozialdemokratischen Bewegung angehören. Eine Werbeaktion für alle linksgerichteten proletarischen Zeitungen und Zeitschriften ohne Unterscheidung der Fraktionen, in die, ausgesprochen oder nicht, auch die Rote Hilfe zerfällt, wäre bei den proletarischen Mitgliedern und erst recht bei den Gefangenen verstanden und gebilligt worden.

        Mein weiteres Verbleiben in der RH müsste mich neuen Missdeutungen meiner Gesinnung aussetzen, denen ich kein wirksames Argument mehr entgegenzusetzen hätte. Ich trete daher aus und werde meine Kraft weiterhin für die Opfer der Staatsjustiz rege gebrauchen. Dabei beabsichtige ich durchaus nicht, eine Kampfstellung gegen die RH zu beziehen; soweit eine ersprießliche kameradschaftliche Zusammenarbeit geleistet werden kann, werde ich zur Verfügung stehen. Doch ist für mich als Mitglied kein Raum mehr in einer Organisation, in der ich genötigt werde, eine Parteipolitik zu fördern, die ich für falsch und der revolutionären Arbeiterbewegung abträglich halte. Mit revolutionärem Gruß!

        Erich Mühsam

        (Einschreiben an den Zentral-Vorstand der Roten Hilfe Deutschlands vom 15. Januar 1929, aus: Erich Mühsam, In meiner Posaune muß ein Sandkorn sein. Briefe 1900 – 1934, hrsg. von Gerd W. Jungblut)“

        Zu finden auf http://www.syndikalismusforschung.info/AbsageRH.htm

    • alleseins permalink
      30. Juni 2014 06:05

      Erich Mühsam war tatsächlich zeitweise Mitglied der KPD. Um diesen Schritt des Anarchisten (und das ist er immer gewesen) zu verstehen, muss man sich die damalige Situation vor Augen führen: (Unabhängige) Sozialdemokraten, Anarchisten, Kommunisten kämpfen gemeinsam für eine Räterepublik, die letztlich daran scheitert, dass die KPD ihre Beteiligung versagt! Und zwar, da sie keine Zusammenarbeit mit den Mehrheitssozialisten wünscht; aber auch das Abkommen, dass „kein einziger Mehrheitssozialist und kein einziges Mitglied des bisherigen Ministeriums … in den Rat der Volksbeauftragten aufgenommen werden dürfe“ stimmt ihre Mitglieder nicht um.
      Es muss eine Enttäuschung gewesen sein, wie wir sie uns nicht vorstellen können: Die Regierung bricht zusammen, eine sozialistische Organisation der Gesellschaft wird nicht möglich gemacht, da die Kräfte nicht zusammenhalten, trotzdem es mit aller Mühe versucht wird.
      Mühsam begründete seinen Zutritt in die Partei schließlich in einem Brief (welcher mir nicht vorliegt, weshalb ich ihn nicht zitieren kann) damit, dass er als Mitglied der KPD Einfluss auf diese Entscheidung gehabt hätte, und die Genossen hätte umstimmen können. So sei die Mitgliedschaft auch für etwaige zukünftige Ereignisse hilfreich. Man muss außerdem bedenken, dass Mühsam mit einzelnen Genossen der KPD sehr vertraut war und sie teilweise seit Jahren kannte. Es ist deshalb immer etwas irreführend, von „der“ KPD zu sprechen, da man sich dabei einen Einheitsbrei reaktionärer Kommunisten vorstellt.

      Die Begeisterung des „Genossen“ Lenin sei durch folgende Worte Mühsams erklärt, welche er 1929 einleitend der bereits 1920 verfassten Broschüre „Von Eisner bis Leviné. Die Entstehung der bayrischen Räterepublik“ voranstellte:

      „Mein Rechenschaftsbericht ist in Form eines Briefes gehalten, der die Aufschrift trug: „Zur Aufklärung an die Schöpfer der russischen Sowjetrepublik, zu Händen des Genossen Lenin“. Das mag heute befremden, da ein Anarchist diese Adressierung wählte. Es sei daran erinnert, daß in der Zeit, als ich die Schrift verfaßte, der offene Bürgerkrieg in Rußland noch in vollem Gange war. Wir wußten, daß die Roten Garden, als deren Organisator wir Trotzki liebten, gegen die weißen Banden der Koltschak, Judenitsch, Denikin usw. im Kampfe standen und ahnten nichts von der Zersetzung innerhalb der proletarisch-revolutionären Kräfte, die mit der Aufhebung der reinen Rätemacht durch die Diktatur der bolschewistischen Partei schon begonnen hatte. Das furchtbare Verbrechen gegen ihre Räterechte verteidigenden Kronstädter Matrosen und Arbeiter erfolgte erst später und, wenn wir den Namen Nestor Machno überhaupt schon gehört hatten, so nur im Zusammenhange mit gemeinsamen Abwehrkämpfen der Bolschewiki und der ukrainischen Anarchisten gegen die Denikinschen oder Petljurschen Weißgardisten. Der Name Lenin aber galt uns allen als die sichtbarste und energischste Kraft der russischen Revolution, der Bolschewismus als Formel für die revolutionäre Räteidee allgemein und die russische Revolution selbst war noch lebendiges Feuer, leuchtender Stern unserer Hoffnung und glühender Wegweiser unserer Zukunft. Ich hatte 1920 nicht die Pflicht, zu wissen, was 1929 aus Rußland geworden sein würde. Ich streiche daher kein Wort von dem, was ich damals geschrieben habe, da ich mich keines meiner Worte zu schämen brauche.“

  2. Party Fist permalink
    28. Juni 2014 06:16

    Wenn man einmal dieses Gerücht in die Welt setzt, dass jemand ein Pazifist war, dann wird derjenige es nicht mehr los. Finde ich ungerecht. Das ist übelste Nachrede wider einem wehrlosen Toten. Ganz schön schwach.

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