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In Memoriam Sylvin Rubinstein, Tänzer, Widerstandskämpfer, Antifaschist – vor 100 Jahren geboren

9. Juni 2014

rubin1Sylvin Rubinstein (10.06.1914 – 30.04.2011) war ein jüdisch, russisch-polnischer Tänzer, Widerstandskäpfer, Antifaschist und Holocaust-Überlebender.

Da saß sein Biograph Kuno Kruse in der Küche des Tänzers Sylvin Rubinstein, der in seinen Erzählungen Atemlosigkeit entstehen läßt und Trauer, unter der er selbst zusammenbricht. Der den Glanz des Berliner Varietés zurückbeschwört, und die Qualen des Warschauer Gettos. Szenen, die einander überdecken, unauslöschliche Bilder, die ihn quälen, nicht schlafen lassen und jede Chronologie zerreißen. Nur langsam wurde aus dem Zuhören auch Verstehen.

Es ist Kuno Kruse sehr zu danken, daß er die Geschichte von Sylvin Rubinstein aufgeschrieben und für die Nachwelt gerettet hat. Von seiten der Politik gab es natürlich keine Würdigung für den Widerstandskämpfer und Antifaschisten Sylvin Rubinstein. Kuno Kruse hat ihm mit seinem Buch und dem Film ein Denkmal gesetzt. So ist in vielen, wochen- und monatelangen Tagen und Nächten zuerst ein Artikel in DER SPIEGEL, Heft 27 vom 29.06.1998 überschrieben mit „Die Beine der Dolores“, später ein Buchmanuskript daraus entstanden.

Später das Buch „Dolores & Imperio. Die drei Leben des Sylvin Rubinstein“ bei Kiepenheuer&Witsch, Köln im Jahre 2000 als Hardcover (mit Fotos) erschienen und im Jahr 2003 als Taschenbuch. Und daraus entstand ebenfalls 2003, der 90-minütige Dokumentar-Film „Er tanzte das Leben“, denn dieses Schicksal rief nach Dokumentation. Der Film lief u.a. auf Arte, dem MDR und Phoenix. Zusammen mit dem erfahrenen polnischen Filmer Marian Czura (Regie) gingen wir auf die Reise durch eine gelebtes Leben. Wir sahen das galizischen Stedtl, in dem Sylvin Rubinstein mit seiner Schwester Maria aufwuchs und in dem heute kein Jude mehr lebt. Wir folgten den Tourneen des Tanzpaares nach Berlin, Lemberg, Warschau. Dort standen wir vor der Kirche, vor der Rubinstein gestanden hatte, 1940, als der deutsche Offizier auf ihn zuritt und fragte: „Sind sie nicht der Tänzer aus der Scala in Berlin?“ Eine Begegnung die zum Schicksal wurde. Und wir gingen durch die kleine Stadt Krosno in Südpolen, in der ein deutscher Major den verfolgten Juden zum Kämpfer machte. Immer wieder brach Rubinstein aus, stieß die Kamera um, die er nicht ertragen konnte, haderte mit uns, die wir ihn immer wieder seinen Erinnerungen aussetzten, meinte Mißtrauen zu spüren, wenn wir immer wieder nachfragten.

Und wir schämten uns für unsere Zweifel, als wir beim Drehen auf Zeitzeugen stießen, die uns über den Tänzer erzählten, was der längst vergessen hatte oder lieber verschweigen wollte. Das war der Werkstattmeister, bei dem Rubinstein zum Tee kam, und jedes Mal um ein paar Granaten feilschte. Da war die Tochter des Partisanen, der vier SS-Männer erschossen hatte, weil sie Rubinstein mit einem Sender erwischten, da war der inzwischen alt gewordene Junge, der mit Rubinstein nachts die Lebensmittel an der Straße versteckte, dort, wo morgens die ausgehungerten jüdischen Kolonnen Steine schleppen mußten. Da waren die Nonnen die von den versteckten jüdischen Kindern erzählten. Da war die Dame, die die Tür öffnete, Rubinstein sah und sagte: „Wir haben sechzig Jahre auf Sie gewartet.“

Wir gingen durch ein polnisches Dorf, in dem die Alten ihren Enkeln noch von dem Artisten erzählen, der die Juden auf den Dachboden brachte und sich davor genierte, vor der Kuh im Stall nackt zu waschen. Wir sprachen mit Zeitzeugen, die sich noch an die Farbe seiner Schuhe erinnerten und nach dem Major fragten. Dann stießen wir in Berlin auf alte Amateurfilme eines Kameraden des Majors, die die Truppe zeigte, die Bauernmärkte, die Nonnen mit den Waisenkindern, und die Juden der Kleinstadt, die zu Arbeitseinsätzen abmarschieren mußten. Und die Rubinstein zeigten, wie er 1942 in Frauenkleidern getarnt über den Marktplatz spazierte.

Und endlich faßten wir das Unfaßbare.

rubin2Sylvin Rubinstein ist am 30.04.2011 in Hamburg gestorben, sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof Illandkoppel in Hamburg-Ohlsdorf, Gang R, 4, 46.

Ein Filmausschnitt aus „Er tanzte das Leben“ auf youtube: http://www.youtube.com/watch?v=b-zmDkCAkkg und hier ein weiterer Ausschnitt und Auftritt von Sylvin Rubinstein in der ‚Roten Flora‘ vom 30.04.2006: http://vimeo.com/40093707

Das Buch ist leider vergriffen u. nur noch antiquarisch erhältlich, hoffentlich gibt es bald einen Verlag der Buch und Film neu heraus gibt.

Mehr Informationen hier: http://www.kunokruse.de/deutsch/index.html , hier: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-7925816.html hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Sylvin_Rubinstein und hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Er_tanzte_das_Leben

Das St. Pauli-Archiv in Hamburg hat (bzw. hatte) den Film zu Sylvin Rubinstein zur Ausleihe. Vielleicht senden sie für 10,- €uro ja eine Kopie? St. Pauli-Archiv e.V., Wohlwillstr. 28, 20359 Hamburg, Tel: 040 – 319 47 72. www.st-pauli-archiv.de

4 Kommentare leave one →
  1. Radio SWR 2, 05/2001: Die drei Leben des Sylvin Rubinstein permalink
    10. Juni 2014 19:22

    Es gab noch eine sehr schöne Radiosendung (dem Manuskript nach).
    Die Sendung lief am Dienstag, 29.05.2001, 10:05 Uhr, SWR 2 – Eckpunkt:

    „Die drei Leben des Sylvin Rubinstein“
    – Flamencostar, Widerstandskämpfer, Mann und Frau –

    Autorin: Brigitte Neumann
    Redaktion: Petra Mallwitz
    Regie: Maria Ohmer

    leider konnte ich die Sendung im web/-cache nicht mehr ermitteln.

    • Vergissmeinnicht: Sylvin Rubinstein, Tänzer des Lebens (ARTE F) permalink
      15. Januar 2017 11:30

      Die Flamencotänzerin Sylvin Rubinstein war in Wirklichkeit keine Frau. Unter ihrem Kostüm und ihrer Perücke verbarg sich ein Mann. In den 30er Jahren tanzten er und seine Schwester als Flamenco-Paar Dolores & Imperio auf den größten Bühnen Europas. Im Holocaust verlor Sylvin Schwester, Mutter und seine Ehefrau, schloss sich dem Widerstand an und entkam dem Warschauer Ghetto.

      Die Flamencotänzerin Sylvin Rubinstein war in Wirklichkeit keine Frau. Unter ihrem Kostüm und ihrer Perücke verbarg sich ein Mann. In den 30er Jahren tanzten er und seine Schwester als Flamenco-Paar Dolores & Imperio auf den größten Bühnen Europas. Sie waren Juden und wurden von den Nazis für immer getrennt. Sylvin und Maria waren Zwillinge. Am 10. Juni 1914 kamen sie in Moskau als uneheliche Kinder des Fürsten Pjetr Dodorow und der jüdischen Tänzerin Rachel Rubinstein zur Welt. Der Erste Weltkrieg begann zu toben, und 1917 brach das Zarenreich unter der Revolution zusammen. Zum Schutz schickte der Fürst seine Familie über die Grenze nach Galizien. Sie waren zehn, als ihre Mutter mit ihnen nach Riga zog und sie in die Ballettschule von Frau Litwinowa schickte, einer ehemaligen Primaballerina der Oper des russischen Zaren. Mit 16 Jahren verließen sie Riga und bekamen sofort ein Engagement im „Adria“, dem großen Varietétheater von Warschau. Während die Zwillinge auf der Erfolgswelle schwammen, ergriffen die Nazis die Macht. Im Holocaust verlor Rubinstein nahezu seine gesamte jüdische Familie: Schwester, Mutter und seine Ehefrau, die er wegen ihrer zwei unehelichen Kinder auf Bitten seiner Mutter geheiratet hatte. Sylvin schloss sich dem Widerstand an und entkam dem Warschauer Ghetto. Im Hamburg der Nachkriegszeit baute sich Rubinstein als Travestietänzer ein neues Leben auf.

      Sendetermine: Samstag, 14. Januar um 16.25 Uhr
      Regie: Lorenz Findeisen
      Land: Frankreich
      Jahr: 2016
      Herkunft: ARTE F
      Dauer: 26:15 Minuten
      Am 15.01.17 noch 5 Tage abrufbar:
      Quelle: http://www.arte.tv/guide/de/054775-014-A/vergissmeinnicht
      Livestream / online bis 21.01.2017 via arte.

  2. O-Ton Rubinstein permalink
    11. Juni 2014 19:19

    PS: Der obige Beitrag ist von Kuno Kruse, siehe die website, (leicht geändert zur Erinnerung zum 100 Geburtstag von Sylvin Rubinstein und als Dank an Kuno). Das Foto von Rubinstein ist von der Veranstaltung in der ‚Roten Flora‘, vom 30.04.2006 von Hinrich Schulze. http://www.dokumentarfoto.de

    aus dem Radio-Beitrag vom SWR2:

    O-Ton Rubinstein:

    „Flamenco kommt von den Zigeuner, die haben den erfunden. Das ist die Beerdigung, die Träne, die Trauer, das glücklich, die Hochzeit, den Reichtum. (klatschen)
    So ist das ganze Leben, was die Zigeuner gewandert und gehungert und glücklich und unglücklich waren, so So haben die Zigeuner aus diesen ganzen Erfahrungen den Flamenco aufgestellt.
    Eine richtige Spanierin kann nicht F. tanzen, nur Zigeuner.

    Nur Zigeuner können Flamenco tanzen. Sind sie Zigeuner? Ja…Zigeunerblut hab ich auch. Ist gut, macht nix. Das sind gute Menschen. Dass sie Legenden haben, dass sie klauen, die Zigeuner. Ja, die müssen sich von was ernähren.“

    (…) und findet sogar noch die Kraft, Nazis zu piesacken, indem er ihre Fahne abreißt und besudelt…

    O-Ton Rubinstein:
    „Hab ich geschissen auf Kreuz. Ja. Das war ganz gefährliches Bombardement. Und da war eine Haus kaputt und da hab ich auf eine Fahne geschissen. Da hab ich geschissen und hingelegt an Schlesisches Tor und die Scheiße hat gelegen ein paar Tage. Und da hab ich gesagt: Alle Deutschen müssen scheißen auf den Piss-Hitler. Der ist nix wert. Der mordet sein Land. Die Deutschen haben das nicht verdient, die Bomben, was der alles gemacht, der Krieg.“

    Rubinstein hat seine Geschichte dem Journalisten Kuno Kruse anvertraut. Es ist als wolle er sie damit in gute Hände zwar, aber ein Stückchen von sich weggeben. Denn das Ergebnis der vielen Gespräche, auf das Kruses Buch basiert, will er nicht lesen…

    O-Ton Rubinstein:

    „Wie soll ich das lesen, da brech‘ ich zusammen!
    Er hat mir ein paar Strophen gelesen. Und da bin ich nach hinten gelaufen zu mein Schwester Bildchen und da bin ich zusammengebrochen, ich wollte das nicht mehr hören.
    Das ist mein Leib, was ich da durchgemacht?
    Wie soll ich glücklich werden mit diesem Buch?“

  3. Vergissmeinnicht: Sylvin Rubinstein, Tänzer des Lebens (ARTE F) permalink
    15. Januar 2017 11:44

    Wiederholung: Freitag, 10.02.2017 um 12:50 – 13:20 Uhr auf arte
    30 Min. arte, http://www.arte.tv/de

    Sylvin Rubinstein, Tänzer des Lebens | arte
    Das 20. Jahrhundert ist reich an Ereignissen, die Europa nachhaltig prägten. Die Reihe widmet sich jenen Menschen, die – wenn auch manchmal nur für kurze Zeit – zu Mitgestaltern der europäischen Geschichte wurden, später aber in Vergessenheit gerieten.
    Jede Folge schildert eines dieser besonderen Schicksale und setzt es in den jeweiligen historischen und gesellschaftspolitischen Zusammenhang.
    An historischen Wendepunkten waren häufig Menschen beteiligt, deren eigenes Schicksal dadurch eine bestimmte Richtung nahm, die später jedoch schnell in Vergessenheit gerieten. Das Englische hat für solche Helden, deren Taten nie besungen wurden, den Begriff „Unsung Heroes“. Die Reihe schildert 20 solcher Schicksale und stellt die damit verbundenen Ereignisse in einen gesamteuropäischen Zusammenhang. Mit umfangreichem historischem Archivmaterial, aktuellen Aufnahmen an Originalschauplätzen und zahlreichen O-Tönen vermittelt die Reihe bewegte Momente der Geschichte hautnah. Mehr im Internet unter: Quelle: http://sites.arte.tv/vergissmeinnicht/de
    Quelle: http://programm.ard.de/?sendung=2872419664483893&first=1


    https://de.wikipedia.org/wiki/Sylvin_Rubinstein
    —–

    http://www.kunokruse.de/deutsch/cv.htm

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