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Nach 88 Zeitverträgen entlassen

1. Juni 2014

zeitvertraege_stv_1260Über Jahre arbeitete Anja Helffenstein als Aushilfsbotin für die Post. Sie bekam insgesamt 88 befristete Verträge. Immer ging es weiter – bis sie angeblich „untragbar“ geworden war.

Oft war es nur für ein paar Wochen, manchmal für einige Monate, und wenn es richtig gut lief, bekam Anja Helffenstein auch einen Vertrag für ein Jahr. Ein befristeter Vertrag folgte auf den nächsten. Insgesamt waren es 88 Zeitverträge, mit denen die Post die 42-Jährige über einen Zeitraum von zwölf Jahren beschäftigte. Die Wittenbergerin war zwischen Mecklenburg-Vorpommerns Dörfern bereits hunderte Kilometer als Briefträgerin unterwegs gewesen. Bei jedem Wetter. Ihre Arbeit unterschied sich nicht von einem fest angestellten Mitarbeiter, sagt sie: „Wir haben genau das Gleiche gemacht, manchmal auch mehr, als ein Festangestellter. Wir haben ja immer im Hinterkopf: Wenn man nicht alles macht, dann läuft der Vertrag vielleicht aus.“ Für Anja Helffenstein bedeutete das: 88 Mal keinen längeren Urlaub planen, 88 Mal Angst haben, vielleicht bald arbeitslos zu sein, 88 Mal vergebliche Hoffnung auf eine darauf folgende Festanstellung. Obwohl die Ungewissheit zermürbend war, hat die zweifache Mutter sich darüber nie beschwert: „Man hat es hingenommen. Ich war ja froh, dass ich überhaupt arbeiten konnte“, sagt sie. Auf die Frage nach einer festen Anstellung sei stets die Antwort gekommen, es sei keine Stelle frei.

Im April dieses Jahres sollte dann plötzlich alles zu Ende sein. Nach einer zweiwöchigen Krankheit bekam Anja Helffenstein keinen Anschlussvertrag mehr. Weil sie während dieser Zeit im Januar nicht wie geplant einsetzbar gewesen sei, sollte sie gehen. „Ich haben meinen Niederlassungsleiter gefragt, ob es noch einen anderen Grund gäbe oder warum ich jetzt nicht mehr arbeiten dürfe. Der sagte mir, dass ich untragbar wäre, aus welchen Gründen auch immer. Mehr konnte er dazu nicht sagen. Das war alles“, so die 42-Jährige. Dabei zeigen ihre Beurteilungen aus den letzten zwei Jahren, dass sie die Anforderungen stets übertroffen hat.

Entscheidend ist der Grund für die Befristung

Dass Anja Helffenstein jetzt plötzlich untragbar sein soll, kann sie nicht verstehen. Deshalb hat sie mit Unterstützung der Gewerkschaft Verdi vor dem Arbeitsgericht in Schwerin Klage gegen die Post eingereicht. Lars-Uwe Rieck von Verdi sind solche Zeitverträge bei der Deutschen Post mittlerweile bekannt: „Bei der Post haben bundesweit mittlerweile etwa 11 Prozent der Beschäftigten einen derartigen Vertrag“, so Rieck. „Wenn man Abrufkräfte – zum Beispiel Tagesaushilfen – dazuzählt, kommt man auf noch höhere Prozentsätze. Und wenn wir uns einzelne Bereiche angucken, wie die Paketzustellung in Hamburg, dann haben wir teilweise bis zu 25 Prozent, die in solchen Verträgen stecken.“

Auch Simone F. ist als Briefzustellerin bei der Deutschen Post beschäftigt. „Ich habe über 50 Zeitverträge in über 10 Jahren erhalten und die laufen manchmal auch nur drei, vier Monate“, so die 38-Jährige. Sie vermutet ebenfalls, dass die Zeitverträge bei der Post System haben: „Man macht das mit den Zeitverträgen, weil laut Chefin keine festen Verträge rausgegeben werden dürfen, dass man eben niemanden fest einstellen möchte.“

Das Gesetz ermöglicht es der Deutschen Post, Mitarbeiter so zu beschäftigen. Im Teilzeit- und Befristungsgesetz heißt es unter anderem: „Die Befristung eines Arbeitsvertrages ist zulässig, wenn sie durch einen sachlichen Grund gerechtfertigt ist. Ein sachlicher Grund liegt insbesondere vor, wenn (…) der Arbeitnehmer zur Vertretung eines anderen Arbeitnehmers beschäftigt wird (…)“. So wird Simone F. von der Deutschen Post immer wieder als Vertretung für Kollegen eingesetzt – von einem Vertrag zum nächsten. Und auch Anja Helffenstein war zwölf Jahre immer nur als sogenannte Aushilfe angestellt.

Zeitverträge schaffen für Unternehmen Flexibilität

Auf Nachfrage von stern TV erklärt die Deutsche Post in einer Stellungnahme: „Befristungen sind für uns (…) ein notwendiges Mittel zum flexiblen Personaleinsatz. Dies gilt (…) auch für die Brief- und Paketzustellung. (…) Bei allen Arbeitsverhältnissen handelt es sich um voll sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen (…). Wenn sich dauerhaft ein höherer Bedarf abzeichnet, finden darüber hinaus regelmäßig Entfristungen bei bisher befristeten Arbeitsverträgen statt.“ Zeitverträge ermöglichen den Arbeitgebern Flexibilität, erklärt Rechtsanwalt Mathias Busch, der unter anderem Unternehmen in derartigen Vertragsfragen berät. Dennoch hätten Arbeitgeber auch moralische Pflichten, so Busch bei stern TV. Dazu gehöre auch, dass man – sollte man einen Mitarbeiter dauerhaft brauchen – ihm festen Boden unter den Füßen gebe: „Zeitverträge dürfen nicht ausgenutzt werden.“

Gewerkschafter Lars-Uwe Rieck kritisiert dieses Vorgehen von der Post, da es die Mitarbeiter stark belastet: „Sie können sich vorstellen, wenn man ständig mit der Unsicherheit lebt: Kann ich Urlaub kriegen? Kann ich einen freien Tag kriegen? Was passiert in drei Monaten mit meinem Vertrag? Dann hat man eine ganz andere Einstellung zur Arbeit, die der Post natürlich gefällt“, sagt Lars-Uwe Rieck. „Man ist angstgetrieben, weil man immer um den Arbeitsplatz fürchtet – wenn man krank ist oder die Tour nicht schafft. Im Hinterkopf hat man immer den Vertrag, der unter Umständen nicht verlängert wird. Und das nutzt die Post meiner Meinung nach gegen ihre Beschäftigten aus.“ Ob Anja Helffenstein sogar rein rechtlich mittlerweile Anspruch auf einen neuen befristeten Vertrag oder gar auf eine Festanstellung, das muss in diesem Fall nun das Schweriner Arbeitsgericht entscheiden.

Quelle: Stern.de

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