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Happy Birthday – Bakunin

30. Mai 2014

445px-Bakunin2Der wegweisende Revolutionär, Philosoph und Anarchist Michail Bakunin wäre heute 200 Jahre jung geworden. Sein Geburtstag ist ein guter Anlass sich einmal wieder mit den von ihm geäußerten Gedanken auseinanderzusetzen. Dazu haben wir heute eine Bibliographie digitalisierter Schriften Bakunins veröffentlicht. Zwei Zitate von ihm sollen ebenfalls nicht fehlen.

„Entfesselt die soziale Revolution! Macht, daß alle Bedürfnisse wirklich solidarisch werden, daß die materiellen und sozialen Interessen eines jeden seinen menschlichen Pflichten gleich werden! Hierzu gibt es nur ein einziges Mittel: Zerstört alle Einrichtungen der Ungleichheit, gründet die wirtschaftliche und soziale Gleichheit aller, und auf dieser Grundlage wird sich die Freiheit, die Sittlichkeit und die solidarische Menschlichkeit aller erheben.“

– Michail Bakunin: Gott und der Staat.

„Um erfolgreich gegen militärische Gewalt kämpfen zu können, die künftig vor nichts mehr Achtung hat und zudem noch mit den schrecklichsten Vernichtungswaffen ausgerüstet und bereit ist, bei der Zerstörung nicht nur von Häusern und Strassen, sondern von ganzen Städten mit all ihren Bewohnern von ihnen Gebrauch zu machen, um also gegen eine so wilde Bestie ankämpfen zu können, muss man eine andere, nicht weniger wilde, dafür aber gerechtere Bestie haben: die organisierte Revolte des ganzen Volkes, die soziale Revolution, welche genauso erbarmungslos ist wie die militärische Reaktion und vor nichts zurückschreckt.“

– Michail Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie.

9 Kommentare leave one →
  1. Eine Rose für Bakunin - Leben und Werk eines anarchistischen Revolutionärs (von Theo Bruns, ak, nr. 432, 1999) permalink
    31. Mai 2014 06:37

    http://archive.today/Va7S8

    Eine Rose für Bakunin
    Leben und Werk eines anarchistischen Revolutionärs

    Wenn das 19. Jahrhundert das Jahrhundert der Revolutionen war, dann gehört zu seinen herausragenden Vertretern – neben Garibaldi,Marx,Blanqui – Michail Bakunin. In ihm verkörpert sich die Sehnsucht nach Freiheit.
    Imposant durch seine kolossale Gestalt und Leibesfülle sowie eine dröhnende Stimme,welche die politischen Versammlungen beherrschte, ausgestattet mit einem unbändigen Tatendrang und maßlos in all seinen Lebensäußerungen, dabei immer auf Pump lebend und mitunter von einer erschütternden Naivität und Gut- gläubigkeit, irritierte Bakunin seine Zeit- genossen und löste die unter- schiedlichsten Gefühle aus. Darunter – was für einen Berufsrevolutionär selten ist – wirkliche Zuneigung und Nachsicht. Für die einen war er der große Tribun, ein entfesselter Orkan,der Riese mit dem Löwenkopf, für die anderen ein Don Quichote oder ein gefährlicher Mensch. Seine Frau Antonia, die es wissen mußte, nannte ihn schlicht „dieses schreckliche Kind“.
    Nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus,dessen schärfster theoretischer Kritiker Bakunin als der Gegenspieler von Marx gewesen war, hätte man eine kleine Renaissance seiner Ideen erwarten dürfen. Nichts dergleichen geschah. Enzensberger sang,dichtete in besseren Zeiten: „Kehr wieder Bakunin, kehr wieder“. Er tat es nicht. Wir werden ohne ihn auskommen müssen.
    Dem Nautilus Verlag ist es zu danken, daß nun in einer umfangreichen Bio- graphie Bakunins Leben nachzulesen ist. Philosophie und Revolution Bakunin wurde als Sproß einer Adelsfamilie auf einem Landgut zwischen Petersburg und Moskau 1814 geboren. Als ältester Sohn war er für eine militärische Laufbahn auserkoren,die er nach einigen Jahren abbricht und dabei nur knapp einer Anklage wegen Desertion entgeht. Als Leutnant im Ruhestand widmet er sich zwei Dingen mit Leidenschaft: der ständigen Einmischung in die Liebeshändel seiner Schwestern,die er vor diversen Liebhabern und Ehemännern in Spe zu bewahren sucht und der Vertiefung in die deutsche Romantik und Philosophie in kosmopolitischen Zirkeln. Über Schelling und Fichte landet er schließlich bei Hegel, der ein wahres Fieber in ihm entzündet. Bakunin ist verloren: „Mein persönliches Ich ist für immer zerstört. Es hat sich auf irgendeine Weise (!) mit dem Leben des Absoluten identifiziert“.
    Es zieht ihn nun mit Macht nach Berlin, dem Mekka der deutschen Philosophie, wo er 1840 entrifft. Hier begegnet er erstmals Linkshegelianern; in Dresden lernt er Arnold Ruge kennen. Für dessen deutsche Jahrbücher verfasst er 1842 einen Aufsatz mit dem Titel „Die Reaktion in Deutschland“. Sein Text,der ihn mit einem Schlag bekannt macht, endet mit den berühmten Worten: „Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust“. Die Leidenschaft der Zerstörung wird ihn sein gesamtes weiteres Leben nicht mehr verlassen. Nach dem über- raschenden Urteil einer Freundin seines Lebensabends nahm sie bei Bakunin aber „die Farben der Schönheit“ an und „ließ jedes rebellische Herz höher schlagen“. Der neue Tonfall macht sich auch in einem Brief an seine Schwester bemerkbar: „Gott selbst kann nur durch eine freie und große Tat verstanden werden.Gott ist Freiheit und wird allein durch Freiheit erkannt“.
    Der Höhepunkt des Hegelfiebers war aber auch schon seine Heilung. In seiner Beichte, 1857 in Kerkerhaft an den Zaren geschrieben, stellte Bakunin fest: „Im übrigen aber heilte mich Deutschland selbst von der philosophischen Krank- heit,an der es litt.Ich suchte Taten, sie aber (die Metaphysik) ist die absolute Untätigkeit.“ 1849 zieht er eine philosophische Bilanz: „Ich suchte Gott in den Menschen, in ihrer Freiheit, jetzt suche ich ihn in der Revolution“. Immer auf der Suche nach dem Absoluten,darunter ging es für Bakunin lange Zeit nicht.
    Nach dem Erscheinen der Jahrbücher fühlt er sich in Deutschland nicht mehr sicher und folgt seinem neuen Freund, dem Dichter Georg Herwegh, in die Schweiz. Dort lernt er Weitling kennen, der ihn mit kommunistischen Gedanken- gut vertraut macht. Der Züricher Bluntschli-Bericht über die „Kommunisten in der Schweiz“ kompromittiert auch Bakunin,der von der russischen Gesandtschaft in Bern aufgefordert wird,die Schweiz zu verlassen und in die Heimat zurückzukehren. Als er dies nicht tut, wird er in Abwesenheit zu lebenslanger Verbannung und Zwangsarbeit verurteilt. Der Rückweg ist versperrt.
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    Das europäische Revolutionsjahr
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    Über Brüssel gelangt Bakunin nach Paris. Dort lernt er Proudhon und Marx
    kennen. Kurz vor der Februarrevolution wird er wegen einer Rede zum Ge- denken des polnischen Aufstands von 1831 ausgewiesen, kehrt aber bald zu- rück und nimmt zwischen den Barrikaden am allgemeinen Aufruhr teil. Es
    werden die glücklichsten Tage seines Lebens sein. In seiner Beichte an den
    Zaren wird er schreiben: „Nicht nur ich allein, alle waren trunken… Es war ein Fest ohne Anfang und Ende… Es schien, als vollziehe sich eine Umwälzung in der ganzen Welt. Das Unwahrscheinliche wurde gewöhnlich; das Unmögliche Möglich; das Mögliche und Gewöhnliche aber war sinnlos geworden“.
    Das Revolutionsjahr 1848/49 treibt ihn durch halb Europa.Von Paris aus begibt er sich auf den Weg gen Osten mit dem Plan, von Posen aus einen slawischen Aufstand auszulösen, „Krieg gegen Russland“ zu führen. In Berlin wird er aufgehalten und nach Breslau ausgewiesen, von wo er sich nach Prag begibt und am Slawenkongreß teilnimmt.Wenig später bricht der Prager Aufstand aus. Bakunin kämpft auf den Barrikaden, flieht und konspiriert weiter. In Dresden, das nur als Zwischenstation auf dem erneuten Wege nach Böhmen gedacht war, bricht der Aufstand aus. Es ist charakteristisch,daß Bakunin,der mit dem gemäßigten Programm der Bewegung eigentlich nichts am Hut hat, sich sofort der provisorischen Regierung zur Verfügung stellt, als diese militärisch in Bedrängnis gerät. Zeitzeugen bezeichnen ihn gar als den eigentlichen Führer des Aufstands. Bakunin harrt bis zum Ende aus und wird in Chemnitz im Hotel zum „Blauen Engel“ mit weiteren Führern des Aufstands verhaftet. Er wird nach Dresden überführt,zum Tode verurteilt,anschließend an Österreich ausgeliefert, in Ketten an die Kerkerwand geschlagen,erneut zum Tode verurteilt und an Russland ausgeliefert. Eine Legende ist geboren, der lebendige Michail
    Bakunin aber im Kerker begraben.
    In der „vorsibirischen“ Zeit hat zwar eine Annäherung an die Soziale
    Revolution stattgefunden, doch vom Grundsatz her bleibt Bakunin noch den
    Prinzipien der bürgerlichen Revolution verhaftet. Er tritt als Vertreter
    der slawischen Demokratie auf und träumt von einem Risorgimento der Slawen
    innerhalb einer allgemeinen Föderation der europäischen Republiken. In dieser Frage kommt es auch zum ersten Zusammenstoß mit Marx und Engels. Letzterer wird ihn in der NEUEN RHEINISCHEN ZEITUNG des „Panslawismus“ bezichtigen und dem „revolutionsverräterischen Slawentum“, insbesondere den Südslawen – die Revolution in Wien war von einer kroatischen Einheit nieder- geschlagen worden – einen „Vernichtungskampf und rücksichtslosen Terrorismus“ androhen – selbstverständlich „im Interesse der Revolution“. Bakunin wird in dieser trostlosen Debatte stets mit dem Vorwurf des „Pangermanismus“ kontern, sich selbst aber erst spät vom „Pseudoprinzip der Nationalität“ frei machen. Es ist im Rückblick erstaunlich,in welchem Maße 1848 nationale Motive die Auseinandersetzung bestimmten. Die Geschichte hat in tragischer Weise gerade die schlimmsten Vorwürfe beider Seiten,wenn sie den Nationalismus der anderen anprangerten,bestätigt.
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    Der Weg zum Anarchisten
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    Nach Jahren der Kerkerhaft wird Bakunin 1857 zur Verbannung in Sibirien
    begnadigt.1861 gelingt ihm per Schiff die Flucht nach Japan,von wo er über
    San Francisco und New York nach London weiterreisen wird.Hier trifft er
    seinen alten Freund Alexander Herzen wieder,den Herausgeber der GLOCKE und die beste Feder der russischen Demokratie. Bakunin stürzt sich in neue Aktivitäten und knüpft dort an,wo er mehr als ein Jahrzehnt zuvor aufgehört hat: Die Befreiung der Slawen bleibt sein nächstes Ziel.Als 1863 ein neuer Aufstand gegen den Zarismus in Polen ausbricht,schifft sich Bakunin mit einer inter- nationalen Legion von Freiwilligen ein, um in Polen zu kämpfen. Die Expedition scheitert auf Grund des Verrats des Kapitäns kläglich; Bakunin bleibt in Schweden hängen. Als nächstes begibt sich Bakunin nach Italien, und ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Erst hier und vor dem Hintergrund der doppelten Enttäuschung durch die konservativ-bornierte Führung des polnischen Aufstands und der Tatsache, daß die kurz zuvor vollzogene nationale Revolution in Italien die sozialen Verhältnisse nicht angetastet hatte, bricht er mit der Vorstellung,daß nationale Befreiung und soziale Emanzipation eine Einheit bilden. Gleichzeitig wendet er sich unter dem Einfluß der Freimaurer von der Religion ab und wird zum – glühenden (sonst wäre Bakunin nicht Bakunin) – Atheisten. Später zum Vater des Anarchismus erhoben,wird er in Wahrheit erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt zum Anarchisten.Sein neues Bekenntniss verkündet er erstmals 1867 öffentlich auf dem Genfer Kongreß der Friedens und Freiheitsliga,die gegen den drohenden dt.-französischen Krieg mobilisiert.Bakunin wählt die Schweiz zu seinem neuen Wohnsitz.Sie wird seine zweite Heimat.
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    Geheimgesellschaften und Netschajew-Affäre
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    In Italien hatte er zuvor eine Geheimgesellschaft gegründet, die „Internationale Bruderschaft“.Es ist ein flagranter Widerspruch in Bakunins Wirken: Der Prediger der Freiheit ist nun ein unermüdlicher Erfinder von Geheimge- sellschafften,die nach Innen völlig autoritär strukturiert sind und in denen selbstverständlich sämtliche Fäden in seiner Hand zusammenlaufen. Er steht noch ganz in der Tradition der Geheimgesellschaften der 30er und 40er Jahre des 19. Jahrhunderts. Eine revolutionäre Bruderschaft,wie er sie konzipiert, hat in vielem die Charakteristika eines Ordens. Von unterschiedlicher Seite ist erichtet worden, mit welch kindlicher Freude Bakunin sich der Konspiration hingab, ihre Aura ihm Lebenselixier war, die Geheimniskrämerei, mit nächtlichen Schwüren auf den Degen, unsichtbaren Tinten und verschiedenen Graden der Einge- weihtheit. Allerdings spielte sich vieles davon ausschließlich in seiner üppigen Fantasie ab, war in den Worten des englischen Sozialhistorikers und Bakunin- Biographen E.H. Carrs „pure fake“.
    Jedoch erheben seine Geheimorganisationen keinen Herrschaftsanspruch
    nach außen. Sie handeln als „Freikorps“ der Revolution ganz auf eigenes Risiko und verstehen sich als Lotsen im „Sturm“ des Volksaufstands. Auch wenn sie sich vom Jakobinertum wie vom Avantgardeanspruch späterer Parteien unterscheidet, birgt die „unsichtbare kollektive Macht“, die Bakunin anstrebt, genug Ambivalenzen in sich. Neben seiner Sehnsucht, seinem Lebenstraum, eine Revolution in Russland zu entfachen, war dieser Kult der geheimen Gesellschaften eine Erklärung für das düsterste Kapitel in Bakunins Biographie: die sogenannte Netschajew-Affäre. Dieser stellte sich als Vertreter einer mächtigen Geheimorganisation im zaristischen Russland vor,d ie in Wirklichkeit nur ein winziges Grüppchen war, das zudem nach einem von Netschajew verübten Fememord auseinanderfiel. Dennoch gelang es Netschajew zum Entsetzen des klügeren Alexander Herzen das Vertrauen Bakunins zu gewinnen, der von diesem „jungen Wilden“, dem „Mönch der Revolution“ und seiner „kalten Entschlossenheit“ begeistert war. Netschajew ist auch der Autor des berüchtigten REVOLUTIONÄREN KATECHISMUS, der lange Zeit Bakunin zumindest in Ko-Autorenschaft zugeschrieben wurde. In ihm ist die extremste Form des revolutionären Machiavellismus auf den Begriff gebracht. Der Zweck heiligt alle Mittel, moralisch ist, was der Revolution dient. Ihr allein ist der Revolutionär, ein „Geweihter“, der alle Gefühle in sich abgetötet hat, ver- pflichtet. Die Revolution ist nicht so unschuldig,wie wir manchmal glauben möchten und Gut und Böse sind nicht so einfach verteilt: Nicht nur im Stalinismus, auch in den libertären Varianten des revolutionären Sozialismus gab es die terroristische Seite.
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    Leidenschaft und Revolution
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    Wenn es richtig ist,daß die „Revolution ein Abenteuer des Herzens“ ist (um Paco TaiboII zu zitieren), so treibt Bakunin dies ins Extrem und singt ein Loblied auf die Entfachung der Leidenschaften, die heilige Empörung, den Teufel im Leib. Man muß Bakunin zugute halten, daß er dabei das Volk auf den Barrikaden vor Augen hatte, daß sich von seiner zerstörerischsten, aber auch
    edelsten Seite zeigte. Die entfesselte „Volkskanaille“, die beschworenen „bösen Leidenschaften“ erlebte er sonst nie in Aktion, und wo sie ihm doch in einem Individuum – wie bei Netschajew – entgegentraten, ging er schnell wieder auf Distanz. Dennoch liegt dem der tiefe Glaube an eine der Revolution per se innewohnende Reinheit zu Grunde und noch nach seinem Bruch mit Netschajew attestierte er diesem eine „jungfräulich reine Redlichkeit“. Erst später wird er sich von dieser gefährlichen Metaphysik der Reinheit und von jeder Geschichts- philosophie – und dies weit radikaler als Marx – verabschieden. Die Revolution ist kein Geschichtsphilosophischer Auftrag, kein Schicksal das sich erfüllt, kein Räderwerk, das den einzelnen zermalmt, sondern sie wird täglich erkämpft und muß sich aus ihren Taten rechtfertigen und an ihren Ergebnissen messen lassen. Ihr einziger Zweckist die „Humanisierung der wirklichen Lage aller wirklichen Individuen“. Erst die Erfahrung mit Netschajew bringt ihn auf Distanz zur Idee der Revolution. Arthur Koestler stellt in seinem Roman DIE SONNEN- FINSTERNISS die These auf, die tiefere Ursache des Stalinismus sei, „den Begriff der Menschheit üner den des Menschen gestellt zu haben“. Bakunin kommt zu der Schlußfolgerung, daß alle Abstraktionen wie Vaterland, nationale Ehre aber auch politische Freiheit etc. „Vampire der Geschichte“ sind, denen das „Schicksal von Peter und Jakob“ gleichgültig ist und die sie höchstens wie
    Kaninchen behandeln. Peter und Jakob, die wirklich lebenden Menschen aber
    sind es, denen das Interesse Bakunins gilt.
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    Deutsch-französischer Krieg und der Aufstand in Lyon
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    Nachdem er endlich mit Netschajew gebrochen hat,stürzt sich Bakunin wieder
    in die Revolution. Der prognostizierte deutsch-französische Krieg ist ausge- brochen. Die Preußen stehen vor den Toren von Paris, Napoleon der III. ist nach der Niederlage von Sedan gefangen genommen, am 4. September 1870 wird die 3. Republik ausgerufen. Frankreich befindet sich in revolutionärer Gärung. Für einen Mann wie Bakunin gibt es kein Halten mehr. Er verläßt die beschauliche Schweiz und begibt sich ins aufständische Lyon, um „zu kämpfen und zu sterben“, wie er später schreiben sollte. Wie alle Aufstände, an denen er sich beteiligte, wird auch dieser niedergeschlagen. Bakunin kann nach Marseille entkommen. Seine Schlußfolgerung aus den Erfahrungen der letzten Jahre zieht er in seiner umfangreichen Schrift „Das knutogermanische Reich und die soziale
    Revolution“. Mit der Niederlage Frankreichs wird nach seiner Meinung die
    „Sache der Menschheit in Europa auf wenigstens ein halbes Jahrhundert ver- loren sein“. Was er schreibt, geht weit über ein anti-deutsches Ressentiment hinaus und stützt sich auf eine aus der Geschichte destillierte Analyse, die zu Aussagen von gespenstischer prophetischer Kraft kommt. Wie Faust habe die deutsche Bourgeoisie lange Zeit zwei unversöhnliche Dinge erreichen wollen: eine mächtige nationale Einheit und die Freiheit. Schließlich habe sie sich entschlossen,die eine zu opfern um die andere zu erringen. „Und so sind sie jetzt im Begriff, auf den Trümmern nicht ihrer Freiheit – sie sind nie frei gewesen – sondern ihrer liberalen Träume ihr großes preußisch-germanisches Kaiserreich aufzubauen. Nach ihrem eigenen Willen, f r e i werden sie von jetzt ab einen furchtbaren Staat und ein Sklavenvolk bilden“. – Die deutsche Bourgeoisie „wollte sich unter der Hand eines mächtigen Herrn fühlen,und wäre es ein grausamer und brutaler Despot,vorrausgesetzt,daß er ihr als Ausgleich für ihre
    notwendige Sklaverei das geben kann,was sie ihre nationale Größe nennt;
    vorrausgesetzt, daß er alle Völker mit Einschluß des deutschen,im Namen der deutschen Kultur erzizzern läßt“.
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    Marx contra Bakunin: Das große Schisma
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    Bakunin war 1868 individuell in die 4 Jahre zuvor gegründete Internationale Arbeiter Assoziation, die berühmte erste Internationale eingetreten.Wenig später folgten ihm als Sektionen die Gliederungen seiner Allianz der sozialistischen Demokratie. Angesichts der unterschiedlichen politischen Auffassungen und des völlig gegensätzlichen Temperaments war der Zusammenstoß von Marx und Bakunin nur eine Frage der Zeit. Es war von Beginn an ein Kampf um die Macht. Im Einsatz ihrer Mittel waren sich beide Seiten durchaus ebenbürtig: Statutenfragen, Tricks, Rekrutierungen, vertrauliche Mitteilungen, Stellvertreterkriege. Persönlich sollten sich beide nie mehr entgegentreten. Nichts ist aus heutiger Sicht uninteressanter und fader als diese Seite des Streits, der mit dem auseinanderbrechen der Internationale endete.
    Der Kern der Auseinandersetzung aber war der Zusammenprall zwischen
    autoritärem Kommunismus und libertärem Sozialismus. Es ging um die große
    Frage der „politischen Form“ der sozialen Revolution. Marx votierte für die
    (Übergangs-) Diktatur des Proletariats und stellte sich damit in die Tradition der Jakobiner und Montagnards von 1792/93, die über Babeuf, Buanarotti und Blanqui lebendig geblieben war und später von Lenin fortgeführt werden sollte. Bakunins Traum war die Permanenz der Barrikaden, die Föderation Aufständischer Gruppen und Regionen. Seine Traditionslinie war die der revolutionären Sektionen der Kommune von Paris und der spontanen Basisorganisationen des Volkes, welche in der Rätebewegung fortleben sollte.In jedem sozialrevolutionären Prozeß wird sich diese Kontroverse wiederfinden. Bakunin wandte sich vehement gegen jede Organisation von Oben nach Unten und gegn den Staat als Movens der sozialen Revolution. Der Staat und seine Organe waren für ihn identisch mit Unterdrückung. Freiheit aber kann nur durch Freiheit geschaffen werden, das war sein Credo, davon sollte er niemals Abstand nehmen. Wenn es in den neoliberalen Zeiten des Ausschlußes und der universellen Konkurrenz eine Botschaft geben sollte, wenn es überhaupt eine Botschaft geben sollte, dann vielleicht diese Dialektik der Anerkennung, diese
    enthusiastische Ode an die Freiheit, wie sie Bakunin in „Gott und der Staat“ niederschrieb: „Nur solange ich die Freiheit und das Menschentum aller Menschen, die mich umgeben, anerkenne, bin ich selbst Mensch und Frei. Nur wenn ich ihren menschlichen Charakter anerkenne, anerkenne ich auch den meinen… Ein Sklavenhalter ist kein Mensch,s ondern ein Herr. Weil er das
    Menschentum seiner Sklaven nicht kennt, kennt er sein eigenes nicht… Nur
    dann bin ich wahrhaft frei, wenn alle Menschen, die mich umgeben, Frauen und
    Männer, ebenso frei sind wie ich. Die Freiheit der anderen, weit entfernt
    davon, eine Beschränkung oder die Verneinung meiner Freiheit zu sein, ist
    im Gegenteil ihre notwendige Vorraussetzung und Bejahung“.
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    Der Traum einer Epoche
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    Bakunin hatte sein Programm nun so klar,wie es sein leidenschaftliches und
    ausuferndes Temperament zuließ, niedergelegt, und es scheint, als habe er in
    der Auseinandersetzung mit Marx seine Kraft aufgebraucht. Von der Suche
    Gottes in der Geschichte war er über die Befreiung der Slawen zur sozialen
    Revolution und schließlich als Schlußpunkt seiner Entwicklung zur Anarchie
    gelangt, die in Umkehrung eines Bismarckschen Diktums so keine Jugendtorheit, sondern eine Altersweisheit wäre. Ein knappes halbes Jahrhundert lang folgte er kreuz und quer durch Europa dem Ruf der Revolte, wurde zweimal zum Tode verurteilt, verbrachte 8 Jahre in den Kerkern dreier Länder, nahm an mehreren bewaffneten Erhebungen teil ,gründete unzählige revolutionäre Gesellschaften und war immer auf der Suche nach der nächsten Barrikade. Sein Leben vereinte in sich „den Traum einer Epoche“. Nun war er müde. Noch bevor er 1874 in Bologna zum letzten Mal den Versuch unternahm, auf den Barrikaden zu sterben, hatte er geschrieben: „Ich ziehe mich also aus der Kampfbahn zurück und verlange von meinen lieben Zeitgenossen nur eines: Vergessenheit. Von jetzt ab werde ich niemands Ruhe mehr stören; man lasse mich meinerseits in Ruhe“:

    Nun denn: Ruhe sanft,Bakunin ruhe sanft.
    Günter Eich,
    der Bakunins Grab in Bern besuchte schrieb in den MAULWÜRFEN,
    er habe dort Patronenhülsen und Dolche gefunden.

    Hoffen wir, daß jemand auch daran gedacht hat:
    an eine Rose für Bakunin.

    Theo Bruns
    erschienenen im ak 432, Seite 22.

  2. Geburtstagsparty auf dem Friedhof permalink
    31. Mai 2014 06:42

    Geburtstagsparty auf dem Friedhof
    Von Simon Wälti. Aktualisiert am 30.05.2014

    Ist Dada gaga? An dessen 200. Geburtstag haben die Dadaisten den Anarchismus-Übervater Michail Bakunin adoptiert. Hintergrund sind die Kosten für Bakunins Grab auf dem Berner Bremgartenfriedhof.
    Es ist eines der am besten besuchten Gräber Berns – die letzte Ruhestätte des Anarchisten und Revolutionärs Michail Bakunin auf dem Bremgartenfriedhof. Gestern vor 200 Jahren erblickte Bakunin im zaristischen Russland das Licht einer zutiefst ungerechten Welt. Am 1. Juli 1876 starb er in Bern, wo er Freunde hatte, Adolf Vogt, Professor an der Universität Bern war sein Arzt. Bereits 1864 hielt er sich in Bern auf, «eine riesenhafte Figur, dessen Körper durch die russischen Gefängnisse und die Aufenthalte in Sibirien keineswegs gebrochen ist, dagegen sind seine Haare weiss geworden», so berichteten die «Basler Nachrichten» damals. Zu seinem Tod hiess es in der NZZ, «er suchte hier (in Bern) Heilung von einem schmerzhaften Leiden, welches sich jedoch so verschlimmerte, dass er den Tod herbeisehnte und durch Verweigerung der Nahrung beschleunigte.»

    Gestern wurde der Vorkämpfer für die Abschaffung alles Bestehenden von den Dadaisten adoptiert und wie Nietzsche, Joyce, Lenin oder Chaplin als «Überdadaist» installiert. Ein gutes Dutzend Personen versammelte sich dazu beim Grab und stiess auf den Säulenheiligen des Anarchismus mit Champagner an. Dazu wurde ein Kranz mit weissen Rosen niedergelegt. Hintergrund sind die Kosten des Grabes, die in den letzten 50 Jahren von Paul Gredinger übernommen wurden, der letztes Jahr gestorben ist. Für die nächsten zehn Jahren springen nun Freunde und Bekannte der Erbinnen ein, dann will das Cabaret Voltaire in Zürich – der Geburtsort des Dadaismus – den Geldbeutel zücken.

    «Sprengkraft von Dada»

    In einer kurzen Ansprache sagte Adrian Lipp, Ehemann der Tochter von Paul Gredinger, er hoffe, dass Bakunin im Jenseits nun eine «Fête mit den Dadaisten» feiern werde. Adrian Notz, Direktor des Cabaret Voltaire, meinte, Bakunin habe viel zur «Sprengkraft von Dada» beigetragen. So wurde Hugo Ball stark vom Denken des Russen beeinflusst und arbeitete an einer grossen Abhandlung über den bärtigen Philosophen, der bei zahlreichen Umsturzversuchen in Europa seine Finger im Spiel hatte. 1849 zum Beispiel ging er in Dresden zusammen mit Richard Wagner auf die Barrikaden.

    Etwas weniger einsichtig erscheint, inwiefern Bakunin ein Dadaist avant la lettre gewesen sein könnte. Viel Humor scheint in dessen Schriften nicht vorzukommen. Nach den Jahren in russischen Gefängnissen kann man es ihm auch nicht wirklich verübeln. Notz will aber Bakunin einen gewissen Schalk oder auch eine Portion Zynismus nicht absprechen. So habe Bakunin, als er im Tessin lebte, für seine betrügerische Frau, die eben von einem Liebhaber zurückkehrte, ein Feuerwerk abbrennen lassen. Zudem habe sich auch der Dadaismus die Veränderung der Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben, so Notz.

    Suche nach der reinen Lehre

    Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) verweist auf den liberalen Geist, der nach der Gründung des Bundesstaates in der Schweiz herrschte: «Man gewährte Andersdenkenden und Verfolgten Zuflucht und gab ihnen eine neue Heimat.» Bakunin sei aber in der Schweiz ohne nennenswerten politischen Einfluss geblieben. Laut Auskunft von Stadtgrün Bern handelt es sich bei Bakunins Grab um ein Familiengrab mit einer Grabesruhe von vierzig Jahren. «Die Grabesruhe kann verlängert werden, solange genügend Platz vorhanden ist», sagt Walter Glauser, Bereichsleiter Friedhöfe bei Stadtgrün. Derzeit gibt es auf den Friedhöfen keinen Dichtestress, da sich immer mehr Menschen kremieren lassen. Gesichert ist das Grab bis 2023. Die Kosten für vierzig weitere Jahre würden 9240 Franken betragen, zahlbar im Voraus. Damit könnte der Revolutionär bis 2063 ungestört weiter schlummern und müsste keinen Umsturz durch den Bagger fürchten.

    Vor einigen Jahren wurde der Anarchismus im Berner Jura als Kandidat für die Liste «lebendiger Traditionen» vorgeschlagen. Zibelemärit, Unspunnenfest und weitere Traditionen wurden aufgenommen, der Anarchismus nicht. 1872 hatte in Saint-Imier immerhin der anarchistische Weltkongress getagt, die Uhrmacher fühlten sich von Bakunins Theorien angesprochen. 2012 strömten mehrere Tausend Sozialisten aus aller Welt auf der Suche nach der reinen Lehre hier zusammen. Viele von ihnen sind überzeugt, dass die Internationale mit Bakunin viel schöner geworden wäre als mit Marx. Zwischen den beiden herrschte erbitterte Feindschaft: Marx sagte, Bakunin sei ein sentimentaler Idealist und verleumdete ihn als zaristischen Spion, für Bakunin war Marx ein «arglistiger und hinterhältiger Selbstdarsteller».

  3. Michail Bakunin Der Begründer des Anarchismus, Kalenderblatt im DLF 30.05.2014 permalink
    31. Mai 2014 07:09

    Kalenderblatt / Beitrag vom 30.05.2014 Von Agnes Steinbauer

    Er war ein Revolutionär, dem die Freiheit über alles ging. Michail Bakunin gilt als Vater des Anarchismus. Zeit seines Lebens trat er für eine klassenlose Gesellschaft ein, in der weder Staat noch Religion den Menschen an seiner Selbstbestimmung hindert. Heute vor 200 Jahren kam Bakunin auf die Welt.

    „Nur dann bin ich wahrhaft frei, wenn alle Menschen, die mich umgeben, ebenso frei sind wie ich.“

    (…)

    http://www.deutschlandfunk.de/michail-bakunin-der-begruender-des-anarchismus.871.de.html?dram:article_id=287743

    http://www.deutschlandfunk.de/der-begruender-des-anarchismus.871.de.html?dram:article_id=287743&dram:audio_id=282862&dram:play=1

  4. Robert Griess permalink
    1. Juni 2014 11:36

  5. Dat Bakunin permalink
    2. Juni 2014 19:53

    In der Spiegel „Geschichte“ Nr. 3 „Die Revolution von 1848 “ steht auch was Schönes über Bakunin:

    Wagner über Bakunin: „wirklich liebenswürdiger, zartfühlender Mensch“ (Seite 95)

    Bakunin auf dem Prager Kongreß im Juni 1848:
    Bakunin selbst wird als „Berufsrevolutionär“ bezeichnet, ich denke das ist das augsteinsche Gegenstück zum springerschen „heimatlosen Krawalltouristen“. (Seite 98)
    Dann schreibt der Uwe Klußmann, dass Bakunin für Russland „das Wunder der Revolution“ prophezeite und zieht eine Traditionslinie bar jedes historischen Verständnisses zur „Roten Armee“, die Klußmann in der „Revolution geschaffen“ sehen will. (Seite 98) So muss man erstmal die Rollen vertauschen können! Klasse, Uwe!

    Des Weiteren: „Utopist Fourier“, „erste 68erin“ (Fanny Lewald) und Karl Marx und Friedrich Engels als „Schrecken der Spießbürger“ (Uwe schlägt wieder zu!)

    Ja, wer sich mal mit augsteinscher promarxistischer und pro-staatlicher Hippie-Geschichtsverdrehung auseinandersetzen will, dem empfehle ich den neu erschienen Band: Spiegel „Geschichte“ Nr.3 – den ich selbst noch nicht ganz gelesen habe.

    Hier sehen wir wenigstens, dass weder antideutsche Ciceros, springersche Bild noch Spiegelpresse irgendeinen tatsächlichen Wert haben, sind sie doch alle nur Facetten des Selben. Aber wie die Geschichte zu Lasten der Unterschichten verdreht wird, dass wird jedem auffallen. Exemplarisch werden einige „legitime“ Aufständische herausgegriffen, wie zum Beispiel die angebliche „erste 68erin“ Lewald – sie darf das, weil das bei Geschlechtsfragen ok ist, nicht aber, wenn man gegen Wirtschaft und Staat kämpft, das mag der Auagestein nicht, denn irgendwer muss dem Uwe ja noch den Kaffee zubereiten und die Schmierblätter drucken…

    Ich stelle hiermit noch eine Wette gegen den Uwe auf: Wetten der hat den Fourier – in seinem zugegeben schwierigen Stil (der Übersetzungen) – nicht einmal selbst gelesen? Wahrscheinlich hat er den mal als praktisches „Bracket“ vor Urzeiten aus irgendeiner Sekundärliteratur ausgegraben und nun denkt der Uwe, er wär der Größte, denn schließlich diffarmiert er gerne als „Utopist“ was die Grundlage seiner eigenen Geltung angreifen könnte und in Frage stellen könnte…

  6. gott + staat permalink
    1. November 2014 12:22

    Christentum und Marktwirtschaft gehören zusammen
    Der Diplom-Ökonom Robert Grözinger. Foto: idea/Starke
    Der Diplom-Ökonom Robert Grözinger. Foto: idea/Starke

    Frankfurt am Main (idea) – „Der christliche Glaube und die freie Marktwirtschaft gehören untrennbar zusammen. Lassen wir das eine wegfallen, verlieren wir über oder lang auch das andere.“ Diese Ansicht vertrat der Diplom-Ökonom Robert Grözinger (Bath/England) auf einer Veranstaltung der Regionalgruppe Rhein-Main des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU) am 29. Oktober in Frankfurt am Main. Der Autor des Buches „Jesus, der Kapitalist“ sprach vor 60 Vertretern aus Kirche und Wirtschaft zum Thema „Das christliche Herz der Marktwirtschaft“. Gastgeber war die Deutsche Bank. Grözinger zufolge sind entscheidende Grundlagen für den Kapitalismus aus dem Judentum und dem Christentum hervorgegangen, etwa die Achtung des Privateigentums sowie die Freiheit und Verantwortung des Einzelnen. Gott habe dem Menschen den Auftrag gegeben, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Dazu seien Effizienzsteigerung und Arbeitsteilung notwendig, um die Welt angesichts der Vielzahl der Menschen bewohnbar zu halten. Dies gelinge am besten durch die Marktwirtschaft.

    „Tempelreinigung“ Jesu nicht antikapitalistisch deuten

    Außerdem werde in vielen Gleichnissen Jesu Gott durch einen wohlhabenden Kapitalisten symbolisiert. Als Beispiele nannte Grözinger den Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn oder den Grundbesitzer im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Er ging ferner auf die Geschichte von der „Tempelreinigung“ ein, in der Jesus Christus Händler und Geldwechsler aus dem Jerusalemer Tempel vertreibt. Sie werde häufig von Theologen fälschlich so ausgelegt, dass Jesus gegen Kommerz und antikapitalistisch eingestellt gewesen sei. Als Hintergrund müsse man jedoch wissen, dass nur eine begrenzte Zahl von Tempelhändlern zugelassen gewesen sei und sie wohl Absprachen getroffen hätten, um überhöhte Preise für Opfertiere zu kassieren. Jesus werde diese Praxis als Diebstahl verstanden haben. Dessen Kritik habe sich also gegen eine Kartellbildung gerichtet. Laut Grözinger ist Reichtum nach der Bibel an sich nichts Schlechtes und kann von Gott gegeben sein. Die Heilige Schrift wende sich aber gegen Mammon, „den Gott des übermäßigen, unbegrenzten Wachstums“.

    Warnung vor einem „neuen Sozialismus“

    Grözinger kritisierte, dass die Gesellschaft zu einem „neuen Sozialismus“ tendiere. Der Grund dafür sei, „dass wir Gott nicht wirklich als oberste Instanz betrachten, sondern den Staat“. Im Blick auf den Zusammenbruch des totalitären SED-Regimes vor 25 Jahren sagte Grözinger: „Der Glaube, auf dem dieses System aufbaute, der Glaube an den erlösenden Staat, lebt weiter.“ Wenn man nicht anerkenne, dass dieser Glaube eine „Gegenreligion zum Christentum“ sei, „dann werden wir immer weiter in einen neuen Totalitarismus hineinrutschen“. Um das zu verhindern, sei ein gelebter christlicher Glaube und der Mut notwendig, sich zu einer freien Marktwirtschaft zu bekennen.

    Kritik an Umgang Grözingers mit der Bibel

    In der Aussprache zu dem Vortrag wurde auch Kritik laut. Der Pfarrer und Betriebswirt Dieter Becker (Frankfurt am Main) sagte, ihn irritiere „gewaltig“, wie Grözinger die Bibel nutze. Er habe sich genau die Bibelstellen herausgesucht, die in seine Argumentation passten. Laut Becker ließen sich in der Bibel genauso gut Stellen finden, mit denen man Jesus als Sozialisten darstellen könnte. Der AEU – ein Netzwerk protestantischer Unternehmer, Manager und Führungskräfte – versteht sich als Brücke zwischen Wirtschaft und Kirche. Vorsitzender ist der Ökonom Peter Barrenstein (München), Geschäftsführer Stephan Klinghardt (Karlsruhe). Als Sprecher des AEU im Rhein-Main-Gebiet fungiert der beim Industrieverband Agrar tätige Geschäftsführer Dietrich Pradt (Frankfurt am Main).

    http://www.idea.de/nachrichten/detail/thema-des-tages/artikel/christlicher-glaube-und-marktwirtschaft-gehoeren-zusammen-82975.html

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