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Raul Zelik: Warum ich nicht mehr für die TAZ schreibe

12. Mai 2014

taz-logoAnfang 2014 bestellte die TAZ bei mir eine Reportage über die Familienangehörigen von Arnaldo Otegi, dem Generalsekretär der baskischen Linkspartei SORTU. Im Februar wurde der Text von der Reportagen-Redaktion mit dem Hinweis, er sei nicht nah genug an den Personen und man erfahre nichts über „ihre Lebenslügen“, abgelehnt. Eine Überarbeitung wurde mir nicht vorgeschlagen, ein Ausfallhonorar nicht angeboten. Auch auf zwei Anschreiben an die Chefredaktion hat die TAZ nicht regiert.

Bei mir verfestigt sich damit der Eindruck, dass es in der TAZ handfeste Formen von politischem Ausschluss und Zensur gibt.Der Fall von Arnaldo Otegi ist meiner Ansicht nach ein gravierendes Beispiel für die autoritären Tendenzen in der EU-Innenpolitik. Otegi und 5 weitere Politiker_innen, darunter auch der Vorsitzende des zweitgrößten baskischen Gewerkschaftsverbandes LAB, wurden 2011 wegen der Gründung einer (damals bereits legalen) Linkspartei zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, obwohl die Parteigründung v.a. das Ziel verfolgte, die ETA zur Einstellung ihres bewaffneten Kampfs zu zwingen.

Fast ebenso skandalös wie der Fall erscheint mir allerdings das Schweigen der europäischen Medien. Die Verteidigung von Menschen- und politischen Rechten haben anscheinend nur dann Bedeutung, wenn sie sich auf Missstände außerhalb oder am Rande der EU beziehen. Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass diese Haltung auch von der TAZ geteilt wird. Bei der Verfolgung von Oppositionellen in Kuba, Russland oder einem afrikanischen Land zeigt sich die TAZ als Speerspitze des kritischen Journalismus. Die Verhältnisse in der EU selbst hingegen scheinen ihr weniger relevant.

Es war nicht das erste Mal, dass ich mit der TAZ derartige Erfahrungen gesammelt habe. Eine vom TAZ-Magazin bestellte Reportage über ein Begleitprojekt für bedrohte Gewerkschafter_innen in Kolumbien wurde vor einigen Jahren erst bestellt, dann jedoch abgelehnt, weil der Text seine Sympathien für die kolumbianischen Kolleg_innen zum Ausdruck brachte. Ein Essay zur Bedeutung der Versammlungsdemokratie am Beispiel des spanischen 15M konnte erst erscheinen, als der leitende Redakteur einige Tage im Urlaub war. Eine Reportage zur Situation in Bolivien wurde aussortiert, weil er „zu politisch“ war. Ich weiß, dass sich einige RedakteurInnen in der TAZ sehr um gesellschaftskritischen Journalismus bemühen. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die TAZ oft die Funktion ausübt, rechte Positionen in der Linken durchzusetzen. So werden Militärinterventionen stark gemacht, die Spaltung von Linken in „vernünftige Moderate“ und „durchgeknallte Fundamentalisten“ forciert, soziale Bewegungen diskreditiert usw.

Bislang habe ich versucht, zumindest gelegentlich auch in der Zeitung kritische Gegenpositionen zu formulieren. Aber die Tatsache, dass sich die TAZ selbst den einfachsten Auseinandersetzungen um kontroverse Texte und Themen entzieht, zeigt mir, dass das keinen Sinn mehr hat. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, für die TAZ auch keine anderen, inhaltlich „unverfänglicheren“ Texte mehr zu liefern.

Quelle: Blog von Raul Zelik

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