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Group Solidarity, London: Wie wir es sehen – Wie wir es nicht sehen

11. Mai 2014

vonuntenweb1

Vorbemerkung
Der erste Teil, Wie wir es sehen (‘As we see it’), wurde auf Deutsch zuerst in Internationale Information & Korrespondenz – „Die Soziale Revolution ist keine Parteisache”, No.2, November 1971 (Berlin/W) unter dem Titel Unsere Einschätzung veröffentlicht; beide Teile (‘As we see it’ und ‘As we don’t see it’) erschienen in deutscher Übersetzung erstmals zusammen in Schwarze Protokolle, Nr. 6, Oktober 1973 (Berlin/W). Diese Fassung wird hier, unwesentlich überarbeitet, benutzt. Abweichend von der Vorlage ist direkt unter die jeweilige These (1a etc.) der Kommentar (1b etc.) gesetzt. (…)

Vorwort der Group Solidarity [1972]

Als wir 1967 zum ersten Mal „As We See It” herausbrachten, meinten wir, daß es eine genaue und auch ziemlich prägnante Zusammenfassung unserer Ansichten sei. Wir hatten Alternativen diskutiert und uns furchtbar angestrengt, Zweideutigkeiten zu vermeiden. Wir dachten, wir hätten einen ziemlich eindeutigen Text gemacht, dessen Annahme die Grundlage für die Zugehörigkeit zu einer Solidarity-Gruppe sein sollte. Im Lauf der Jahre haben wir aber gemerkt, daß wir uns geirrt haben. Entweder war mit dem Text etwas nicht in Ordnung oder mit denen, die ihn gelesen haben.

Vielleicht hat auch mit uns was nicht gestimmt, weil wir dachten, daß der Text für sich selbst spräche. Immer wieder sagten uns Genossen, daß sie mit jedem Punkt übereinstimmten … und im selben Atemzug fragten sie uns, warum wir keine Fraktionsarbeit in der Labour Party machten oder warum wir nicht in Kommunen lebten, warum wir keine Kampagne für die Gewerkschaftslinke machten, warum wir die Black Panthers oder Karumes antiimperialistisches Regime in Sansibar nicht über den grünen Klee lobten oder warum wir nicht an der Agitation gegen den Gemeinsamen Markt (1) teilnähmen. Einige fragten uns sogar, warum wir nicht den Aufbau einer „wirklichen revolutionären leninistischen Partei” befürworteten. Wir halten es deshalb jetzt für notwendig, noch das Tüpfelchen auf das „I” zu setzen. Was folgt ist also der Versuch, Gedanken, die nur angedeutet waren, auszuführen, und Vorschläge zu formulieren, die im Text nur angedeutet waren. „As We Don’t See It” ist eine genauere Darstellung dessen, was wir in unserem ersten Text geschrieben haben. Bei dem Versuch, weitere Unklarheiten zu vermeiden, diskutieren wir auch noch einige Punkte, mit denen wir uns im ursprünglichen Text nicht befaßt haben. (…)

Wie wir es (nicht) sehen

1a
In der ganzen Welt hat die große Mehrheit des Volkes keine wie auch immer geartete Kontrolle über die Entscheidungen, die ihr Leben aufs tiefste und direkteste betreffen. Sie verkaufen ihre Arbeitskraft, während andere, die die Produktionsmittel besitzen oder kontrollieren, Reichtum anhäufen, die Gesetze machen und die ganze Staatsmaschinerie benutzen, um ihre privilegierte Stellung aufrechtzuerhalten und zu festigen.

1b
„In der ganzen Welt” bedeutet genau das, was es wörtlich heißt. Es bedeutet nicht: überall außer im sozialdemokratischen Schweden, in Castros Kuba, Titos Jugoslawien, Israels Kibbuzim oder Sekou Tourés Guinea. „In der ganzen Welt” schließt das vorstalinistische, stalinistische und nachstalinistische Rußland, Ben Bellas und Boumédiennes Algerien, die Volksrepublik Usbekistan und Nordvietnam ein. Überall schließt auch Albanien ein (und China).
Unsere Stellungnahmen zur gegenwärtige Gesellschaft gelten für alle diese Länder ebenso sehr wie für die USA oder England (ob nun unter einer Labour- oder konservativen Regierung). Wenn wir von privilegierten Minderheiten sprechen, die „die Produktionsmittel kontrollieren” und „die gesamte Staatsmaschinerie benutzen”, um sich selbst und andere an der Macht zu halten, so leisten wir eine universelle Kritik, von der es, im Moment, keine Ausnahme gibt.
Daraus folgt, daß wir keines dieser Länder für sozialistisch halten und daß wir nicht so tun, als hätten wir den heimlichen verdacht, sie könnten etwas anderes sein als das, was sie sind: hierarchisch aufgebaute Klassengesellschaften, gegründet auf Lohnsklaverei und Ausbeutung. Sie mit dem Sozialismus gleichzusetzen – sei es auch nur als entstellten Varianten – ist eine Verleumdung des eigentlichen Konzepts von Sozialismus (Fehlgeburten teilen, trotz allem, einige Eigenschaften mit ihren Eltern.) Außerdem ist dies eine Quelle endloser Mystifikation und Verwirrung. Aus dieser grundlegenden Einschätzung folgt ebenfalls, daß wir nicht China gegen Rußland oder Rußland gegen China (oder abwechselnd mal das eine und mal das andere) unterstützen, daß wir keine FNL-Fahnen (2) auf Demonstrationen tragen (die Feinde unserer Feinde sind nicht notwendigerweise unsere Freunde), und daß wir es unterlassen, in das jeweilige Geschrei nach mehr Ost-West-Handel, mehr Gipfelkonferenzen oder mehr Ping-Pong-Diplomatie mit einzustimmen.
In jedem Land der Welt unterdrücken die Herrschenden die Beherrschten und verfolgen wirkliche Revolutionäre. In allen Ländern ist der Hauptfeind des Volkes die eigene herrschende Klasse. Das allein kann die Grundlage für einen echten Internationalismus der Unterdrückten sein.

2a
Während des vergangenen Jahrhunderts hat sich der Lebensstandard der arbeitenden Menschen verbessert. Aber weder dieser verbesserte Lebensstandard noch die Nationalisierung der Produktionsmittel noch die Machtübernahme durch Parteien, die für sich beanspruchen, die Arbeiterklasse zu vertreten, haben den Status des Arbeiters als Arbeiter grundlegend geändert. Oder dem Großteil der Menschheit mehr Freiheit außerhalb der Produktion gegeben. In Ost und West bleibt der Kapitalismus eine unmenschliche Gesellschaftsform, in der die überwältigende Mehrheit bei der Arbeit herumkommandiert und in Konsum und Freizeit manipuliert wird. Propaganda und Polizisten, Gefängnisse und Schulen, traditionelle Werte und traditionelle Moral dienen alle dazu, die Macht der Wenigen zu verstärken und die Vielen entweder zu überzeugen oder zu zwingen, ein brutales, entwürdigendes und irrationales System zu akzeptieren. Die „kommunistische” Welt ist nicht kommunistisch und die „Freie” Welt ist nicht frei.

2b
Sozialismus kann nicht gleichgesetzt werden mit der „Machtübernahme durch Parteien, die beanspruchen, die Arbeiterklasse zu repräsentieren”. Die politische Macht ist ein Betrug, wenn die arbeitenden Menschen nicht die Macht in der Produktion übernehmen und behalten. Wenn sie diese Macht erringen, werden die Organe, die diese Macht ausüben (die Arbeiterräte) alle notwendigen politischen Entscheidungen treffen und ausführen. Daraus folgt, daß wir nicht für die Gründung von „besseren” oder „revolutionäreren” Parteien eintreten, deren Aufgabe die „Ergreifung der Staatsgewalt” bliebe. Die Macht der Partei mag aus den Gewehrläufen kommen. Die Macht der Arbeiterklasse erwächst aus der Verwaltung aller Bereiche der Wirtschaft und der Gesellschaft.
Sozialismus kann nicht mit Maßnahmen wie der „Verstaatlichung der Produktionsmittel” gleichgesetzt werden. Diese mögen den Regierenden verschiedener Klassengesellschaften helfen, ihr Ausbeutungssystem zu rationalisieren und ihre eigenen Probleme zu lösen. Wir weigern uns, zwischen Möglichkeiten zu wählen, die von unseren Klassenfeinden definiert worden sind. Daraus folgt, daß wir weder „rechte” noch „linke” Regierungen zu Verstaatlichungen (oder, was dies betrifft, zu irgendetwas anderem) drängen.
Abschnitt 2 impliziert auch, daß der Kapitalismus die Produktionsmittel weiterentwickeln kann. Er kann unter Umständen sogar den Lebensstandard verbessern. Aber nichts davon hat irgendeinen sozialistischen Inhalt. Jeder, der drei anständige Mahlzeiten am Tag und die Aussicht auf einen sicheren Arbeitsplatz haben will, kann dies in jedem ordentlich geführten Gefängnis finden. Daraus folgt, daß wir den Kapitalismus nicht in erster Linie auf Grund seines Versagens in diesem Bereich verurteilen. Für uns bedeutet Sozialismus nicht Transistorradios für die Gefangenen. Er bedeutet die Zerstörung des industriellen Gefängnisses selbst. Er bedeutet nicht nur mehr Brot, sondern es geht darum, wer die Bäckerei betreibt.
Der Abschnitt hebt abschließend die vielfältigen Methoden hervor, mit denen das System sich selbst verewigt. Indem Propaganda ebenso wie Polizisten, Schulen ebenso wie Gefängnisse, traditionelle Werte und traditionelle Moral ebenso wie traditionelle Methoden physischen Zwanges genannt werden, weist der Abschnitt auf ein bedeutendes Hindernis auf dem Weg zu einer freien Gesellschaft hin, nämlich auf die Tatsache, daß die große Mehrheit der Ausgebeuteten und Manipulierten die Normen und Werte des Systems verinnerlicht und weitgehend anerkannt hat (z.B. solche Konzepte wie Hierarchie, Teilung der Gesellschaft in Befehlsgeber und Befehlsempfänger, Lohnarbeit und die Polarität der Geschlechtsrollen) und sie tatsächlich für vernünftig halten. Es folgt darum aus alledem, daß wir Ansichten als unvollständig (und folglich untauglich) ablehnen, die die Verewigung des Systems allein der Polizei-Repression oder dem “Verrat” verschiedener Politiker oder Gewerkschaftsführer zuschreiben.
Eine Krise der Werte und ein wachsendes Infragestellen von Autoritätsverhältnissen sind Entwicklungsmerkmale der gegenwärtigen Gesellschaft. Das Anwachsen dieser Krisen ist eine der Vorbedingungen für die sozialistische Revolution. Sozialismus wird nur möglich sein, wenn die Mehrheit des Volkes die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Wandels versteht, sie sich ihrer Fähigkeit, die Gesellschaft zu verändern, bewußt wird, sie sich dazu entschließt, ihre kollektive Macht für die Erreichung dieses Ziels zu gebrauchen und weiß, wodurch sie das gegenwärtige System ersetzen will. Daraus folgt, daß wir Analysen (wie die sämtlicher Sorten Leninisten und Trotzkisten) ablehnen, die die Hauptkrise der modernen Gesellschaft als eine „Krise der Führung” definieren. Sie alle sind Generäle auf der Suche nach einer Armee, für die die Rekrutierungszahlen der wesentliche Erfolgsmaßstab sind. Für uns ist revolutionäre Veränderung eine Frage des Bewußtseins: des Bewußtseins, das Generäle überflüssig macht.

3a
Die Gewerkschaften und die traditionellen Parteien der Linken begannen ihre Aktivitäten, um all dies zu ändern. Aber sie haben sich mit den vorhandenen Ausbeutungssystemen geeinigt. Tatsächlich sind sie jetzt lebensnotwendig, wenn die Ausbeutungsgesellschaft weiterhin reibungslos funktionieren soll. Die Gewerkschaften handeln als Vermittler auf dem Arbeitsmarkt. Die politischen Parteien benutzen die Kämpfe und die Hoffnungen der Arbeiterklasse für ihre eigenen Ziele. Die Verkommenheit der Organisationen der Arbeiterklasse, selbst ein Ergebnis der Niederlage der revolutionären Bewegung, war ein maßgeblicher Faktor bei der Herausbildung der Apathie der Arbeiterklasse gewesen, die ihrerseits den weiteren Abstieg sowohl der Parteien wie der Gewerkschaften führte.

3b
Wenn wir uns auf die „traditionellen Parteien der Linken” beziehen, so denken wir nicht nur an die sozialdemokratischen und „kommunistischen” Parteien. Parteien dieses Typs haben ausbeuterische Klassengesellschaften verwaltet, verwalten sie und werden sie weiter verwalten. Der Begriff „traditionelle Parteien der Linken” umschließt für uns auch die trad Revs (traditionellen Revolutionäre), d.h. die verschiedenen leninistischen, trotzkistischen und maoiden Sekten, die die Träger der staatskapitalistischen Ideologie und die noch unentwickelten Keime einer repressiven staatskapitalistischen Macht sind.
Diese Gruppen sind lediglich Vorformen anderer Arten von Ausbeutung. Ihre Kritiken an der sozialdemokratischen, „stalinistischen” oder „revisionistischen” Linken mögen giftig genug erscheinen, aber sie beschäftigen sich niemals mit dem Grundsätzlichen (wie die Entscheidungsstruktur, den Ort der wirklichen Macht, die Vorherrschaft der Partei, das Vorhandensein von Hierarchie, die Mehrwertmaximierung, die Verewigung der Lohnarbeit und die Ungleichheit). Das ist kein Zufall, sondern folgt aus der Tatsache, daß sie selbst diese Grundsätze akzeptieren. Die bürgerliche Ideologie ist weiter verbreitet als viele Revolutionäre glauben und hat ihr Denken zutiefst durchdrungen. In diesem Sinn trifft Marx’ Feststellung, daß „die herrschenden Gedanken einer jeden Epoche die Gedanken der herrschenden Klasse sind”, weit mehr zu, als Marx das je hätte vorausahnen können.
Was die autoritäre Klassengesellschaft (und die libertär-sozialistische Alternative) betrifft, sind die trad Revs Teil des Problems und nicht der Lösung. Diejenigen, die der sozialdemokratischen oder bolschewistischen Ideologie anhängen, sind entweder selbst Opfer der vorherrschenden Täuschung (und man sollte versuchen, sie zu ent-täuschen), oder sie sind bewußte Exponenten und zukünftige Nutznießer einer neuen Form von Klassenherrschaft (und müssen rücksichtslos bloßgestellt werden). Daraus folgt jedenfalls, daß es keinesfalls ‘sektiererisch’ ist, systematisch unsere Opposition zu dem, was sie darstellen, öffentlich zu machen. Dies nicht zu tun würde bedeuten, die Hälfte der herrschenden Gesellschaftsordnung von unserer Kritik auszuklammern. Es würde bedeuten, an der allgemeinen Mystifikation der traditionellen Politik (in der man das eine denkt und das andere sagt) teilzunehmen und die eigentliche Grundlage unserer unabhängigen politischen Existenz zu leugnen.

4a
Die Gewerkschaften und politischen Parteien können nicht reformiert, „erobert” oder in Instrumente der Emanzipation der Arbeiterklasse umgewandelt werden. Wir rufen allerdings nicht zur Bildung neuer Gewerkschaften auf, die unter den heutigen Bedingungen ein ähnliches Schicksal wie die alten erleiden würden. Auch rufen wir die Aktiven nicht auf, ihre Gewerkschafts-Mitgliedsbücher zu zerreißen. Unser Ziel ist einfach, daß die Arbeiter selbst über die Ziele ihrer Kämpfe entscheiden sollte und daß die Kontrolle und Organisation dieser Kämpfe fest in ihren eigenen Händen bleiben sollte. Die Formen, die diese Eigenaktivität der Arbeiterklasse annehmen kann, wird von Land zu Land und von Industriezweig zu Industriezweig beträchtliche Unterschiede aufweisen, ihr Inhalt aber nicht.

4b
Weil die traditionellen Parteien nicht „reformiert”, „erobert” oder in Instrumente der Emanzipation der Arbeiterklasse umgewandelt werden können – und weil wir uns weigern, doppeldeutig zu Reden und zu Denken –, folgt daraus, daß wir uns nicht auf solche Aktivitäten einlassen wie „kritische Unterstützung” der Labour Party zur Wahlzeit, zwischen den Wahlen „Labour an die Macht” rufen und generell an der Verbreitung von Illusionen teilnehmen, damit „die Leute Erfahrungen sammeln”, um diese dann zu durchschauen (gern auch zu einem späteren Zeitpunkt). Die Labour Party und die Kommunistische Partei mögen der Konservativen Partei darin teilweise überlegen sein, den Privatkapitalismus auf den Weg zum Staatskapitalismus zu führen. Die trad Revs wären sicher beiden überlegen. Aber wir stehen nicht vor einer Wahl dieser Art: Es ist nicht die Aufgabe von Revolutionären, die Geburtshelfer neuer Formen von Ausbeutung zu sein. Daraus folgt, daß wir lieber für das kämpfen, was wir wollen (auch, wenn wir es nicht sofort bekommen), als für etwas zu kämpfen, was wir in Wirklichkeit gar nicht haben wollen … und es bekommen.
Die Gewerkschaftsbürokratie ist ein wesentlicher Bestandteil sich entwickelnder staatskapitalistischer Gesellschaften. Die Gewerkschaftsführer „verraten” niemanden und „verschaukeln” auch keinen, wenn sie Kämpfe der Arbeiterklasse manipulieren und versuchen, sie für ihre Zwecke auszunutzen. Sie sind keine Verräter, wenn sie versuchen, sich materielle Vorteile zu verschaffen oder den Zeitraum verlängern, nach dem sie sich wieder zur Wahl stellen müssen – sie handeln logisch und im Einklang mit ihren eigenen Interessen, welche sich nun einmal von denen der Werktätigen unterscheiden. Daraus folgt, daß wir niemanden dazu drängen, „bessere” Führer zu wählen, die Gewerkschaften zu „demokratisieren” oder neue aufzubauen, die unter den heutigen Umständen genau dasselbe Schicksal erleiden würden wie die alten. Das sind alles Scheinprobleme, über die sich nur noch diejenigen aufregen können, die noch nicht den wirklichen Kern des Problems begriffen haben.
Die dringendste Notwendigkeit besteht darin, sich auf die positive Aufgabe zu konzentrieren, eine Alternative zu schaffen, (sowohl im Bewußtsein der Menschen als auch in der Realität), namentlich autonome Betriebsorganisationen, verbunden mit anderen im selben Industriebereich und auch anderswo, und die von der Basis kontrolliert werden. Früher oder später werden solche Organisationen entweder in Konflikt mit den bestehenden Apparaten kommen, die beanspruchen, die Arbeiterklasse zu ‘repräsentieren’ (und es wäre im Moment voreilig, die möglichen Formen dieses Konflikts bestimmen zu wollen), oder sie werden die alten Organisationen insgesamt hinter sich lassen.

5a
Sozialismus ist nicht einfach gemeinsamer Besitz und Kontrolle der Produktions- und Distributionsmittel. Er bedeutet Gleichheit, wirkliche Freiheit, gegenseitige Anerkennung und eine radikale Veränderung in allen menschlichen Beziehungen. Er ist das „positive Selbstbewußtsein des Menschen”. Er bedeutet für den Menschen das Verstehen und Begreifen seiner selbst und seiner Umwelt. Er bedeutet die Beherrschung der menschlichen Arbeit durch den Menschen. Er bedeutet, daß die Menschen ihre Arbeit und die sozialen Einrichtungen, die sie zu schaffen für nötig halten mögen, beherrschen. Dies sind keine zweitrangigen Aspekte, die sich automatisch aus der Enteignung der alten Klasse ergeben werden. Sie sind im Gegenteil wesentlicher Teil des ganzen Prozesses der sozialen Veränderung, denn ohne sie wird keine echte soziale Veränderung stattgefunden haben.

5b
Dieser Absatz setzt unsere Vorstellung vom Sozialismus von den meisten anderen ab, die es heute gibt. Sozialismus ist für uns nicht eine Frage wirtschaftlicher Neuorganisation, auf die andere Errungenschaften „unvermeidlich” folgen werden, ohne daß bewußt darum gekämpft wird. Der Sozialismus ist für uns die totale Vision einer völlig anderen Gesellschaft. Eine solche Vorstellung ist verbunden mit einer totalen Kritik am Kapitalismus, die wir oben schon erwähnt haben.
Sozialdemokraten und Bolschewisten denunzieren Gleichheit als “utopisch”, „kleinbürgerlich” oder „anarchistisch”. Sie weisen die Verteidigung der Freiheit als „abstrakt” und dementsprechend deren Anerkennung als „liberalen Humanismus” zurück. Sie geben zwar zu, daß die radikale Veränderung aller gesellschaftlichen Beziehungen tatsächlich das Ziel ist, aber sie können diese radikalen Veränderungen nicht als wesentlichen und unmittelbaren Bestandteil des sinnvollen Veränderungsprozesses selbst sehen.
Wenn wir vom „positiven Selbstbewußtsein des Menschen” und seinem „Verständnis von seiner Umwelt und von sich selbst” sprechen, meinen wir die allmähliche Überwindung aller Mythen und aller Arten falschen Bewußtseins (Religion, Nationalismus, patriarchalische Haltungen, Glaube an die Rationalität der Hierarchie usw.). Die Vorbedingung der menschlichen Freiheit ist das Verständnis all dessen, was diese Freiheit einschränkt. Positives Selbstbewußtsein schließt auch die schrittweise Zerstörung des Zustandes chronischer Schizophrenie mit ein, durch den es den meisten Menschen auf Grund ihrer Erziehung und anderer Mechanismen möglich ist, jeweils miteinander unvereinbare Ideen im Kopf zu haben. Das bedeutet,den Zusammenhang zwischen Mittel und Zweck einzusehen und zu begreifen. Das heißt, diejenigen bloßzustellen, die Konferenzen über „Arbeiterkontrolle” veranstalten … die dann von Gewerkschaftsbonzen besucht werden, die auf Lebenszeit gewählt sind. Es heißt, geduldig den inneren Widerspruch zu erklären von Begriffen wie „Volkskapitalismus”, „parlamentarischer Sozialismus”, „christlicher Kommunismus”, „Anarcho-Zionismus”, „parteigelenkte ‘Arbeiterräte’”, und all solchen Quatsch. Es heißt, zu verstehen, daß eine nicht-manipulierte Gesellschaft nicht auf manipulativem Wege und eine klassenlose Gesellschaft nicht mit hierarchischen Strukturen erreicht werden kann. Dieser Versuch, den Durchblick zu kriegen und ihn zu vermitteln, wird schwierig sein und lange dauern. Ohne Zweifel wird jede „voluntaristische” oder „aktivistische” Tendenz dies als „intellektuelles Theoretisieren” ablehnen, weil sie scharf darauf ist, auf Abkürzungen ins gelobte Land zu kommen und mehr mit der Bewegung als mit deren Richtung beschäftigt ist.
Weil wir meinen, daß die Leute sehr wohl verstehen können und verstehen sollten, was sie tun, folgt daraus, daß wir viele Einstellungen, die in der heutigen Bewegung zum Gemeinplatz geworden sind, ablehnen. In der Praxis bedeutet das, den Gebrauch revolutionärer Mythen und die Zuflucht zu manipulierten Konfrontationen abzulehnen, die dazu da sein sollen, das Klassenbewußtsein zu heben. Beiden liegt die meist unausgesprochene Annahme zugrunde, daß andere Leute die soziale Realität nicht verstehen und nicht in ihrem eigenen Interesse rational handeln können.
Mit unserer Ablehnung revolutionärer verbunden ist unsere Zurückweisung von vorgefertigten Patentrezepten. Wir wollen keine Götter, auch nicht solche aus dem marxistischen oder anarchistischen Pantheon. Wir leben weder im Petrograd von 1917 noch im Barcelona von 1936. Wir sind wir selbst: das Produkt des Zerfalls traditioneller Politik, in einem fortgeschrittenen industriellen Land, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es sind die Probleme und Konflikte dieser Gesellschaft, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.
Obwohl wir uns als Teil der „libertären Linken” ansehen, unterscheiden wir uns doch von den meisten Strömungen des „kulturellen” oder „politischen” Undergrounds (3). Wir haben z.B. nichts gemein mit solchen kleinen Geschäftemachern, die jetzt an der allgemeinen Verwirrung reich werden, die gleichzeitig für solche Waren werben wie orientalischen Mystizismus, schwarze Magie, Drogenkult, sexuelle Ausbeutung (verkleidet als sexuelle Emanzipation), all dies gewürzt mit viel volkstümlicher Mythologie. Die Verbreitung von Mythen und die Verteidigung „nichtsektiererischer Politik” bewahren sie nicht davor, in der Praxis viele reaktionäre Züge anzunehmen. Sie unterstützen diese vielmehr. Unter der geistlosen Parole „Unterstützung für die kämpfenden Völker!” plädieren diese Richtungen für die Unterstützung verschiedener Nationalismen (die heute alle reaktionär sind); z.B. die beiden Flügel der IRA und alle Nationalen Befreiungsfronten.
Andere Strömungen, die sich selbst „libertäre Marxisten” nennen, leiden an den Schuldkomplexen des Mittelstandes, wodurch sie für die „Arbeiteritis” [‚workerism‘] anfällig werden. Trotzdem ist ihre Praxis sowohl reformistisch als auch von der Stellvertreterrolle besessen. Wenn sie z.B. (was richtig ist) Kämpfe für begrenzte Ziele unterstützen – Mietkampagnen oder Häuserbesetzungen – machen sie oft gar nicht die revolutionäre Bedeutung solcher kollektiven direkten Aktionen klar. Historisch gesehen stand die direkte Aktion oft im Gegensatz zur reformistischen Natur des verfolgten Ziels. Auf der anderen Seite unterstützen solche Richtungen wiederum die IRAs oder die Nationalen Befreiungsfronten und üben keine Kritik an den kubanischen, nordvietnamesischen oder chinesischen Regimen. Obwohl sie die Partei ablehnen, teilen sie mit dem Leninismus eine bourgeoise Vorstellung von Bewußtsein.
Da wir der Meinung sind, daß unsere Politik alle Bereiche umfassen sollte, lehnen wir auch die Einstellung anderer libertärer Strömungen ab, die ihre ganze Energie auf die persönliche Befreiung legen, oder individuelle Lösungen suchen, wo gesellschaftliche Probleme bestehen. Wir distanzieren uns auch von denen, die die Gewalt des Unterdrückers mit der des Unterdrückten gleichsetzen (in Verurteilung von „Gewalt” an sich) und denen, die die Rechte der Streikenden an der Streikfront für dieselben halten, wie die Rechte von Streikbrechern beim Streikbruch (in abstrakter Verteidigung der „Freiheit an sich”). Dementsprechend sind Anarcho-Katholizismus und Anarcho-Maoismus in sich selbst widersprüchliche Ansichten, unvereinbar mit revolutionärer Eigenaktivität.
Wir finden, daß es eine Verbindung geben sollte zwischen dem, was wir uns unter Sozialismus vorstellen, und dem, was wir hier und heute tun. Daraus folgt, daß wir sofort damit anfangen, zusammen mit denen, die uns am nächsten stehen, zu versuchen, einige der allgemeiner gehaltenen politischen Mythen zu schlachten. Diese sind nicht beschränkt auf die „Rechte” – mit ihrem Glauben, daß Hierarchie und Ungleichheit die Grundlage menschlicher Verfassung seien. Wir halten es für irrational (und/oder unehrlich), daß gerade diejenigen, die am meisten von “den Massen” reden, (und von der Kraft der Arbeiterklasse, eine neue Gesellschaft aufzubauen), das geringste Vertrauen in die Fähigkeit der Menschen haben, auf Führer verzichten zu können. Wir halten es für ebenso irrational, daß die radikalsten Propagandisten des „radikalen gesellschaftlichen Wandels” in ihren eigenen Ideen, Programmen und organisatorischen Vorschriften soviele der Werte, Prioritäten und Modelle einschließen, die sie zu bekämpfen behaupten.

6a
Eine sozialistische Gesellschaft kann deshalb nur von unten her aufgebaut sein. Entscheidungen, die die Produktion und Arbeit betreffen, werden von Arbeiterräten getroffen werden, die aus gewählten und jederzeit absetzbaren Delegierten bestehen. Entscheidungen auf anderen Gebieten werden auf der Basis der weitestmöglichen Diskussion und Beratung der ganzen Bevölkerung getroffen werden. Diese Demokratisierung der Gesellschaft bis zu ihren Wurzeln selbst ist es,was wir unter Arbeitermacht verstehen.

6b
Wenn wir sagen, daß die sozialistische Gesellschaft „von unten aufgebaut” werden soll, dann meinen wir das auch ganz genau so. Wir meinen nicht „initiiert von oben und dann von unten gutgeheißen”. Noch meinen wir „von oben geplant und später von unten nachgeprüft”. Wir sind der Auffassung, daß es keine Trennung zwischen entscheidenden und ausführenden Organen geben sollte. Das ist der Grund dafür, daß wir Arbeiter-”Selbstverwaltung” in der Produktion sagen und die mißverständliche Forderung nach Arbeiter-”Kontrolle” vermeiden. (Die theoretischen und historischen Unterschiede zwischen beiden sind in der Einleitung zu unserem Buch „The Bolsheviks and Worker’s Control: 1917 – 1921” ausgeführt. (4))
Wir machen den revolutionären Organisationen jede spezifische Vorrangstellung in der nachrevolutionären Periode oder beim Aufbau der neuen Gesellschaft streitig. Ihre hauptsächliche Aufgabe in dieser Periode wird es sein, den Vorrang der Arbeiterräte (und von auf ihnen beruhenden Organen) als Entscheidungsautorität zu betonen und gegen all diejenigen zu kämpfen, die diese Autorität zu mindern oder zu umgehen suchen – oder sonstwie nach Macht streben. Im Unterschied zu anderen Linken, die das Nachdenken über die neue Gesellschaft als „Beschäftigung mit den Garküchen der Zukunft” ablehnen, haben wir unsere Ideen über die mögliche Struktur einer solchen Gesellschaft in vielen Einzelheiten in unserer Broschüre The Workers’ Councils (5) ausgeführt.

7a
Sinnvolle Aktionen für Revolutionäre sind, welche auch immer das Selbstvertrauen, die Autonomie, die Initiative, die Teilnahme, die Solidarität, die egalitären Tendenzen und die Eigenaktivität der Massen verstärken und die auch immer deren Irreführung verhindern. Unnütze und schädliche Aktionen sind solche die die Passivität der Massen vergrößern, ihre Apathie sowie ihren Zynismus, ihre Aufsplitterung durch Hierarchie, ihre Entfremdung, ihr Vertrauen darauf, daß andere für sie handeln und damit das Ausmaß dessen wie sie durch andere manipuliert werden können – sogar durch die, die vorgeben, in ihrem Interesse zu handeln.

7b
Dieser Absatz ist vielleicht der wichtigste und am wenigsten verstandene der ganzen Broschüre. Er ist der Schlüssel dazu, wie wir unsere praktische Arbeit betrachten. Er definiert die Maßstäbe, mit denen wir das politische Alltagsleben einschätzen und unsere geistigen und körperlichen Fähigkeiten rational einsetzen können. Der Absatz erklärt warum wir bestimmte Probleme für wichtig halten, während wir andere als Scheinprobleme betrachten. Im Rahmen unseres Anschauungen erklärt dieser Absatz die Absicht unseres Textes.
Da wir es in Bezug auf die Meinungen und Fähigkeiten, die wir zu entwickeln bemüht sind, für nebensächlich halten, lassen wir uns nicht durch solchen Kram aus der Ruhe bringen wie Parlaments- oder Gewerkschaftswahlen (Leute zu kriegen, die die eigenen Angelegenheiten für einen erledigen), den Gemeinsamen Markt oder die Währungskrise (das Partei-Ergreifen für eine Seite bei den Zankereien der Herrschenden nützt den Beherrschten nämlich gar nichts) oder den Kampf um Irland oder verschiedene Putsche in Afrika (Kämpfe, die von völlig reaktionären Standpunkten aus geführt werden). Wir können diese Ereignisse zwar nicht ignorieren, ohne einen Teil der Wirklichkeit zu ignorieren, aber wir können vermeiden, ihnen eine Bedeutung für den Sozialismus zukommen zu lassen, die sie nicht besitzen. Wir finden stattdessen, daß die ungarische Revolution von 1956 und die französischen Ereignisse vom Mai 1968 von großer Bedeutung sind (denn es waren Kämpfe gegen die Bürokratie und Versuche zur Selbstverwaltung sowohl im Osten als auch im Westen).
Aus dieser Haltung heraus wird auch unsere Stellung zu verschiedenen Betriebskämpfen deutlich. Während es sich dabei meistens um eine Herausforderung der Unternehmer handelt, zeigen einige doch stärkere sozialistische Tendenzen, als andere. Warum haben z.B. „spontane” Aktionen gegen die Arbeitsbedingungen, die direkt von der Basis ausgehen, häufig eine größere Bedeutung, als „offizielle” Kampfmaßnahmen um Lohnfragen, die aus der Ferne von Gewerkschaftsbürokraten geführt werden? Wenn es um die Entwicklung eines sozialistischen Bewußtseins geht, ist die Frage, wie ein Kampf geführt wird und worum er wirklich geht, von entscheidender Bedeutung. Sozialismus heißt schließlich, wer die Entscheidungen trifft. Wir finden, daß dies betont werden muß, in der Praxis, sofort.
In unserer Einschätzung der Kämpfe halten wir uns daran, daß man die Realität nicht beschönigen kann. Es ist besser, die tatsächlichen Schwierigkeiten ehrlich zu analysieren, als in einer Scheinwelt zu leben, in der man seine Träume für die Wirklichkeit hält. Daraus folgt, daß wir den triumphalistischen (in Wirklichkeit manipulativen) Tonfall, der so viele Betriebsberichte und „Interventionen” der traditionellen Linken ruiniert, zu vermeiden suchen.
Außerdem haben in Punkt 7 die Betonung der Eigenaktivität und die Warnung vor den schlimmen Folgen der Manipulation, des Sich-für-Andere-Einsetzens, des Vertrauens auf andere, daß sie schon die Dinge für einen selbst regeln werden, eine große Bedeutung und sind für unsere eigene Organisation höchst wichtig.

8a
Keine herrschende Klasse hat jemals in der Geschichte auf ihre Macht ohne Kampf verzichtet und unsere gegenwärtigen Machthaber sind da sicher keine Ausnahme. Die Macht wird ihnen nur genommen werden durch die bewußte und autonome Aktion der Mehrheit der Bevölkerung selbst. Der Aufbau des Sozialismus wird das Verständnis der Bevölkerung und ihre Teilnahme verlangen. Durch ihre rigide hierarchische Struktur, durch ihre Prinzipien und Aktivitäten entmutigen die sozialdemokratischen und bolschewistischen Organisationstypen diese Art des Verständnisses und verhindern diese Art der Teilnahme. Der Gedanke, daß der Sozialismus irgendwie durch eine Elitepartei erreicht werden kann (egal wie revolutionär), die für das „Wohl der Arbeiterklasse” handelt, ist absurd und reaktionär.

8b
Wir sind keine Pazifisten. Wir geben uns keinen Illusionen darüber hin, wogegen wir kämpfen. In allen Klassengesellschaften lastet institutioneller Druck schwer und dauernd auf den Unterdrückten. Darüber hinaus haben die Herrschenden in solchen Gesellschaften auch Immer noch Zuflucht zu direkterer physischer Gewalt genommen, sobald ihre Privilegien wirklich bedroht wurden. Gegen die Unterdrückung durch die herrschende Klasse machen wir das Recht der Menschen auf Selbstverteidigung mit allen Mitteln, die angemessen erscheinen, geltend.
Die Macht der Herrschenden wird von der Unentschlossenheit und Verwirrung der Beherrschten getragen. Ihre Macht wird nur überwunden werden durch Konfrontation mit unserer Macht: der Macht einer bewußten und auf sich selbst vertrauenden Mehrheit, die weiß, was sie will und entschlossen ist, es zu kriegen. In modernen Industriegesellschaften wird die Macht einer solchen Mehrheit da liegen, wo Tausende tagtäglich zusammenkommen, um ihre Arbeitskraft in der Produktion von Waren und Dienstleistungen zu verkaufen.

Sozialismus kann nicht das Resultat eines Putsches sein, der Eroberung eines Palastes oder Sprengung eines Partei- oder Polizeipräsidiums, ausgeführt „im Namen des Volkes” oder „um die Massen anzuheizen”. Sind solche Aktionen erfolglos, schaffen sie lediglich Märtyrer und Mythen – und verstärkte Repression. Sind sie „erfolgreich”, ersetzen sie nur eine herrschende Minderheit durch eine andere; d.h., sie bringen nur eine neue Art Ausbeutergesellschaft hervor. Der Sozialismus kann auch nicht durch Organisationen eingeführt werden, die ihrerseits nach autoritären, hierarchischen, bürokratischen oder halbmilitärischen Gesichtspunkten strukturiert sind. Das Einzige, was derartige Organisationen bisher aufgebaut haben (und weiter festigen, sofern sie „Erfolg” hatten), sind Gesellschaften nach ihrem eigenen Bilde.
Die soziale Revolution ist keine Parteisache. Sie wird die Aktion der großen Mehrheit sein, die im Interesse der großen Mehrheit handelt. Die Fehlschläge von Sozialdemokratie und Bolschewismus sind der Fehlschlag eines politischen Konzepts, demzufolge die Unterdrückten, ihre Befreiung anderen anvertrauen. Das dringt allmählich in das allgemeine Bewußtsein und bereitet den Boden für eine wirkliche libertäre Revolution vor.

9a
Wir akzeptieren nicht die Auffassung, daß die Arbeiterklasse aus sich heraus nur ein trade-unionistisches Bewußtsein (6) erlangen kann. Wir glauben im Gegenteil, daß ihre Lebensbedingungen und ihre Erfahrungen in der Produktion die Arbeiterklasse immer mehr dazu bringen, Prioritäten zu setzen und Wertungen vorzunehmen, sowie Organisationsformen zu finden, die die etablierte soziale Ordnung und Denkweise herausfordern. Diese sind implizit sozialistisch. Andererseits ist die Arbeiterklasse gespalten, ihrer Kommunikationsmittel beraubt und ihre Teile sind auf unterschiedlichen Wissens- und Bewußtseinsstufen. Die Aufgabe der revolutionären Organisation ist es, dazu beizutragen, dem Arbeiterbewußtsein einen klar sozialistischen Inhalt zu geben, den Arbeitern im Kampf praktische Hilfe zu geben und den Erfahrungsaustausch sowie die Verbindung verschiedener Regionen zu unterstützen.

9b
Da wir Lenins Vorstellung ablehnen, daß die Arbeiterklasse nur ein trade-unionistisches (oder reformistisches) Bewußtsein entwickeln könne, folgt daraus, daß wir das leninistische Rezept zurückweisen, wonach das sozialistische Bewußtsein von außen beigebracht oder der Bewegung durch politische Spezialisten eingeflößt werden muß: nämlich durch die professionellen Revolutionäre. Daraus folgt weiter, daß wir uns auch nicht so verhalten, als ob wir so dächten.
Das Bewußtsein der Massen ist jedoch nie ein theoretisches Bewußtsein, das individuell aus dem Studium der Bücher abgeleitet ist. In den modernen Industriegesellschaften entspringt sozialistisches Bewußtsein den tatsächlichen Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens. Diese Gesellschaftsform bringt die Bedingungen für ein entsprechendes Bewußtsein hervor. Auf der anderen Seite versperrt sie gewöhnlich den Zugang zu diesem Bewußtsein, da es sich eben um die Klassengesellschaft handelt. Hierin liegt sowohl das Dilemma als auch die Herausforderung, mit der moderne Revolutionäre konfrontiert werden.

Es gibt eine Aufgabe für bewußte Revolutionäre. Erstens durch persönlichen Einsatz, im täglichen Leben und am Arbeitsplatz. (Hier liegt die Hauptgefahr in der “Ich-bin-proletarischer-als-du-Haltung”, welche die Leute glauben läßt, daß sie kaum was machen können, wenn sie keine richtigen Arbeiter sind und die sie so tun läßt, als ob sie etwas wären, was sie gar nicht sind, in dem falschen Glauben, daß die einzig wirksamen Kämpfe in der Industrie stattfinden.) Zweitens, indem man andere im Kampf dadurch unterstützt, daß man ihnen Hilfe oder Informationen zukommen läßt, die ihnen verweigert wird (dabei liegt die Hauptgefahr in dem Angebot „interessierter Unterstützung”, deren Zweck ebensosehr ist, den Militanten für die „revolutionäre” Organisation zu gewinnen, wie der Sieg in dem Kampf, in den er verwickelt ist.) Schließlich, indem man die tiefen Beziehungen (die allerdings oft verborgen sind) aufzeigt und erklärt, die zwischen dem sozialistischen Ziel und dem bestehen, was die Leute durch ihre eigenen Erfahrungen und Bedürfnisse zu tun getrieben werden. (Das meinen wir, wenn wir gesagt haben, die Revolutionäre sollten dazu beitragen, den „implizit” sozialistischen Inhalt vieler gegenwärtiger Kämpfe „explizit” zu machen.)

10a
Wir betrachten uns nicht als wiederum eine neue Führung, sondern einzig als, ein Instrument für die Aktionen der Arbeiterklasse. Die Funktion von Solidarity ist es, all denen zu helfen, die mit der gegenwärtigen autoritären Gesellschaftsstruktur sowohl in der Industrie als auch in anderen Gesellschaftsbereichen zusammenstoßen; unsere Funktion ist es, ihre Erfahrungen zu verallgemeinern, die Bedingungen und die Ursachen der Konflikte einer totalen Kritik zu unterziehen und das revolutionäre Massenbewußtsein zu entwickeln, das notwendig ist, wenn die Gesellschaft vollständig verändert werden soll.

10b
Dieser Absatz sollte Solidarity vom traditionellen Typ politischer Organisation unterscheiden. Wir sind keine Führung und wollen auch keine werden. Da wir andere weder führen noch manipulieren wollen, können wir Hierarchie oder andere manipulative Mechanismen bei uns nicht gebrauchen. Da wir ideologisch und organisatorisch an die Autonomie der Arbeiterklasse glauben, können wir auch Gruppen innerhalb der Solidarity-Bewegung solche Autonomie nicht streitig machen. Im Gegenteil, wir sollten uns bemühen, sie zu fördern.
Auf der anderen Seite wünschen wir natürlich, andere zu beeinflussen und die Solidarity-Ideen (und nicht irgendwelche) so weit wie möglich zu verbreiten. Das erfordert die koordinierte Aktivität von Personen und Gruppen, die einzeln zur Eigenaktivität fähig sind und die ihr eigenes Maß an Beteiligung und ihre eigenen Arbeitsgebiete finden können. Die Instrumente solcher Zusammenarbeit sollten flexibel und dem jeweilig erforderlichen Zweck der gemeinsamen Arbeit angemessen sein.
Wir lehnen Organisation nicht mit der Begründung ab, daß sie notwendigerweise Bürokratie impliziert. Wenn wir solche Ansichten hätten, dann gäbe es überhaupt keine sozialistische Perspektive. Im Gegenteil, wir glauben, daß Organisationen, deren Arbeitsweise (und was sie beinhaltet) von allen verstanden wird, allein den Rahmen für demokratische Entscheidungen abgeben können. Es gibt keine institutionellen Garantien gegen die Bürokratisierung revolutionärer Gruppen. Die einzige Garantie ist die ständige Wachsamkeit und Selbstmobilisierung der Mitglieder. Wir sind uns jedoch der Gefahr bewußt, daß revolutionäre Gruppen zum Selbstzweck werden können. In der Vergangenheit ist die Loyalität zu Gruppen oft stärker gewesen, als die Loyalität zu Ideen. Unsere vorrangige Verpflichtung ist die zur sozialen Revolution – nicht die gegenüber einer besonderen politischen Gruppe, nicht einmal gegenüber Solidarity. Unsere organisatorische Struktur sollte sicherlich die Notwendigkeit zu gegenseitigem Beistand und gegenseitiger Hilfe widerspiegeln. Aber wir haben keine darüberhinausgehenden Ziele, Bestrebungen und Ambitionen. Deshalb strukturieren wir uns auch nicht so, als ob wir welche hätten.

(1) heißt heute Europäische Union.
(2) FNL: gemeint sind die seinerzeit (1972) aktiven ‘Nationalen Befreiungsfronten’ in Afrika, Asien und Lateinamerika.
(3) Bezeichnung für die meist jugendlich geprägte ‘Gegenkultur’ in den späten 1960ern und frühen 1970ern.
(4) Maurice Brinton, The Bolsheviks and Workers’ Control 1917 to 1921. The State and Counter-Revolution, London 1970 (Solidarity). Deutsche Ausgabe: M. Brinton, Die Bolschewiki und die Arbeiterkontrolle. Der Staat und die Konterrevolution, Hamburg 1976 (Association) [nur noch antiquarisch erhältlich]
(5) Paul Cardan [d.i. Cornelius Castoriadis], Workers’ Councils and the Economics of Self-Management, London 1972 (Solidarity). – Der Text erschien zuerst unter dem Titel Sur le contenu du socialisme II in der legendären französischen Zeitschrift Socialisme ou Barbarie, No. 22, Juli 1957 (Eine akkuratere neuere Übersetzung ins Englische findet sich übrigens hier.)
Deutsche Ausgabe: Cornelius Castoriadis, Arbeiterräte und selbstverwaltete Gesellschaft, Frankfurt/M 1974 – Neue deutsche Übersetzung unter dem Titel Über den Inhalt des Sozialismus II in: Cornelius Castoriadis, Vom Sozialismus zur autonomen Gesellschaft. Über den Inhalt des Sozialismus. Ausgewählte Schriften, Bd. 2.1., Lich/Hessen 2007 (Edition AV)
(6) »Die Geschichte aller Länder zeugt davon, dass die Arbeiterklasse aus eigenen Kräften nur ein trade-unionistisches [rein gewerkschaftliches] Bewusstsein hervorzubringen vermag (…). Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgegangen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden. (…) Das politische Klassenbewußtsein kann dem Arbeiter nur von außen gebracht werden, d. h. aus einem Bereich außerhalb des ökonomischen Kampfes, außerhalb der Sphäre der Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern.« Wladimir Iljitsch Lenin, “Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung (1902)

Quelle: Verlag Von Unten Auf

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  1. Die barbarische Unterschicht nimmt sich die Strasse permalink
    15. Januar 2015 17:57
    Die barbarische Unterschicht nimmt sich die Strasse Über die englischen Ausschreitungen und andere Qualen Wie ein Sommer mit Tausend Augusten? „Die sommerlichen Ausschreitungen 1981 waren der Vorgeschmack der Zukunft für uns. Eines Tages, früher oder später, wird das Vereinigte Königreich explodieren. Mit einer solchen Behauptung konfrontiert, tendieren die meisten Leute in den Pubs, in den Strassen, in den Supermärkten oder bei der Arbeit dazu, den Kopf zu schütteln. Die alte phlegmatische Beschwichtigung, dass „es hier nicht geschehen kann“, ist letztendlich weg – hoffentlich für immer“ [1]. Dieser offene Optimismus, welcher das Resultat der Ausschreitungen war, die Grossbritannien Anfang der 1980er Jahre erschütterten, war abwesend nach den Unruhen im August. Dieses Mal waren es Ambivalenz, Ratlosigkeit und kritische Distanz, welche auf die Ausschreitungen folgten, statt Enthusiasmus und Hoffnung. Betäubung war das vorherrschende Gefühl in Aktivistenmilieus und militanten Kreisen, um nicht von der Reaktion von „der Linken“ zu sprechen, was auch immer so genannt werden kann in diesem Land. Wenn man viele Berichte liest, bekommt man den Eindruck, dass die Ausschreitungen jetzt eher als „notwendiges Übel“ betrachtet werden, denn als Vorgeschmack der Zukunft. Der chaotische und krampfhafte Charakter der Unruhen im August, ihre grosse Distanz zu dem, was ein proletarischer Kampf genannt werden könnte, die Unmöglichkeit für sie, Teil einer ersehnten Bewegung für die Selbstermächtigung der Arbeiterklasse zu sein, löste eine gewisse Nostalgie für die frühen 1980er Jahre aus. Viele beeilten sich, die sommerlichen Ausschreitungen auf so etwas wie eine soziale Stuhlentleerung zu reduzieren, verglichen mit den Ausschreitungen in den 1980er Jahren, welche über Wut und Frust hinausgingen, einen gemeinschaftlichen Geist und eine politische Aspiration bekräftigten. Dieses Mal fielen die Aufständischen zurück, denn sie werden dahingehend wahrgenommen, dass sie nicht anstrebten, was sie im Idealfall durch Selbstorganisation und Klassensolidarität hätten tun können, nämlich die ersten Steine für den Wiederaufbau einer starken, autonomen proletarischen Bewegung zu legen. Es ist letztendlich eine Frage des Bewusstseins des proletarischen Subjekts, die stets gegebene revolutionäre Praxis auf die beste Art und Weise zu verwirklichen, was diese Aussage von Marlowe zeigt: „Wut ist notwendig, um die Revolte gegen das System zu wollen, doch diese Mischung aus Wut und Opportunismus hatte keine Perspektive. Für mich zeigt sie die absolute Notwendigkeit eines Ausdrucks der Klasse, welcher einen Kontext für die Entwicklung des Bewusstseins und einen Fokus auf kollektive Aktion bieten kann. Fehlt dies, können Explosionen der Wut gefährlich selbstzerstörerisch sein“ [2]. Die jüngsten Mängel des Subjekts werden als Resultat der zeitgenössischen Symptome sozialer Pathologien wie Individualismus und Konsumdenken gesehen. Von einem empirischen/normativen Standpunkt aus betrachtet, erscheinen die sommerlichen Ausschreitungen in vielerlei Hinsicht ähnlich wie viele andere historische urbane Ausschreitungen. Wie viele andere Wellen von Ausschreitungen vor ihnen wurden sie von aufrührerischem Verhalten der Polizei provoziert und waren durch die schockierte Antwort der Leute charakterisiert; wie andere Ausschreitungen verbreiteten sie sich schnell und erfassten etliche Individuen und Tätigkeiten, welche kaum Bezug zum anfänglichen Protest hatten, von welchem sie entstanden; wie andere Ausschreitungen versuchten sie nicht, über spezifische Forderungen zu verhandeln; wie bei anderen Ausschreitungen waren gewalttätige Praktiken gegen den Staat und Privateigentum Teil davon. Das Problem eines solchen normativen Ansatzes ist es, dass er als Ausgangspunkt „Ausschreitungen“ im Sinne einer abstrakten Kategorie setzt, deren konkrete Manifestationen immer eine quantitativ variable Mischung von Praktiken sind, welche als typisch konstitutiv davon betrachtet werden. Als solche werden Ausschreitungen, statt als konkretes Moment des Klassenkampfes erfasst zu werden, als eine Reihe von Praktiken im abstrakten innerhalb ihrer eigenen relativen Autonomie ausgesondert. Ihre Position innerhalb der Totalität, von welcher sie abgelöst werden, wird dann als Verhältnis des Kontextes wieder hergestellt, aus welchem sie entstanden, das als wesentlich exogen zu Ausschreitungen an und für sich begriffen wird. Ausschreitungen werden von ihrer Objektivität getrennt, nur um wieder mit ihr vereinigt zu werden, jedoch nur in ihrer Getrenntheit. Die Geschichte ist ausgemerzt worden, was in der Wirklichkeit existiert, erscheint als Konkretisierung (Verwirklichung) des ewig Abstrakten. Konkrete Praktiken werden lediglich als gelegentliche Manifestationen der Praxis als Abstraktion betrachtet. Und Praxis als solche, als Objekt, bekommt einen Sinn im Verhältnis zu ihrer genauso abstrakten Ergänzung, Klassenkampf als letzten Endes geschichtslose Antithese zweier Klassen (ein Duell), eine ewige Gegenwart, ein Kontinuum ohne Brüche, nur mit Aufs und Abs, Erfolgen und Misserfolgen (die Geschichte stellt einfach die Hintergrundfarbe dieser Antithese bereit). Deshalb werden die besonderen Bestimmungen konkreter Praktiken als beiläufig und unwesentlich verpasst. Die Frage des Kommunismus wird dann zu einem Problem der „Rückkehr des Unterdrückten“, das sich bemüht, seinen Weg zum (Klassen-)Bewusstsein zu finden. Indem wir den Standpunkt einnehmen, dass Klassenkampf im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte ist, meinen wir, dass die Klassen in einem asymmetrischen Verhältnis miteinander verbunden sind, welches ein sich entwickelnder Widerspruch ist, ein prozessierender Widerspruch, im Kern einer tatsächlich – gleichmässig prozessierenden – strukturierten Totalität (die kapitalistische Gesellschaft) wie sie konstituiert ist – in Form von Brüchen und Diskontinuitäten (vergangene Revolutionen und die Konterrevolutionen, welche auf sie folgten) – und als solcher in jeder historischen Periode reproduziert wird. Die Tatsache, dass die Reproduktion des Ausbeutungsverhältnisses widersprüchlich ist (Arbeit wird immer benötigt und ist immer überschüssig/Tendenz der fallenden Profitrate), stellt Kommunismus als wirkliche Bewegung dar, welche den Widerspruch durch die das Kapital und sich selbst aufhebende revolutionäre Tätigkeit des Proletariats auflöst. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, waren die Unruhen im August ein historisch besonderer Moment, welcher zu jener Totalität gehört, welche den Klassenwiderspruch wie er heute existiert (der restrukturierte Kapitalismus und seine Krise) als Kern hat. Noch mehr, sie gehören zum gegenwärtigen Moment – was an anderer Stelle die „Ära der Aufstände“ [3] genannt wurde – innerhalb der Entfaltung der Krise des restrukturierten Kapitalismus, zur Art und Weise, wie dieser gegenwärtige Moment in den Besonderheiten des britischen Kapitalismus erscheint und in den Begriffen, welche die Unruhen definierten, nämlich in der Zusammensetzung der involvierten Personen, der Vielfalt ihrer Praktiken (und der Vorherrschaft einiger Praktiken gegenüber anderen), ihrer zeitlich-räumlichen Bewegungsbahn, den Formen der Organisation/dem Zusammenkommen der Aufständischen, ihren Zielen und Hoffnungen (oder ihrem Mangel an Hoffnung), ihrem Verhältnis zu ihrer gesellschaftlichen Umgebung und den anderen Episoden des Klassenkampfes in diesem historischen Moment. Die Grenze der Unruhen war den Ausschreitungen an und für sich nicht fremd, sondern ihrem Wesen selbst inhärent, die Kehrseite ihrer Dynamik. Die Unruhen im August verlangen eine Theoretisierung der Probleme, welche sie durch ihren Ausbruch aufwarfen, und ihrem Verhältnis zu anderen Manifestationen des Klassenkampfes heute hinsichtlich der durch den gegenwärtigen Kampfzyklus hervorgebrachten kommunistischen Revolution. Das steht auf dem Spiel! Die Restrukturierung und die Konstruktion neuer gefährlicher Klassen Die Unruhen im August waren nicht nur durch die Abwesenheit unmittelbarer Forderungen definiert, sondern auch durch die Tatsache, dass jede Aussicht auf die Verbesserung der Existenzbedingungen fehlte. Die Aufständischen griffen als das, was sie sind, die aktuelle proletarische Situation an, nämlich die Prekarisierung der Arbeitskraft. In der Abwesenheit der Forderungen und in ihrer konkreten Praxis, nämlich Plünderungen, Anzünden von kommerziellen und öffentlichen Gebäuden, Angriffe auf die Polizei und Polizeiposten, ist der Wunsch, ein „gewöhnlicher Proletarier“ zu werden – ein Arbeiter mit einem gerechten Tageslohn für einen gerechten Arbeitstag –, obsolet geworden. Dies war inhärent verbunden mit der besonderen Situation der Aufständischen. Die Genealogie der Situation in der historischen Entwicklung des Klassenwiderspruchs, ihre Stellung in der Reproduktion des Widerspruchs heute, muss in den grösseren widersprüchlichen Dynamiken des restrukturierten Kapitalismus und der Erschütterung aufgrund seiner Krise des Ausbeutungsverhältnisses gesucht werden. Die Restrukturierung redefinierte das Ausbeutungsverhältnis. Sie hatte zum Ziel, alles zu beseitigen, was zu einem Hindernis für die Fluidität der Selbstvoraussetzung des Kapitals geworden war. Sie kippte alle Hindernisse für die Zirkulation und die Akkumulation um und erschuf eine neue Ära erhöhter Profitraten (grosso modo in den 1990er Jahren und in der ersten Hälfte der 2000er Jahre). Die Finanzialisierung des Kapitalismus als ganzes war die neue Architektur, die neue Gestalt des Mechanismus zur Angleichung der Profitraten. Die Verhandlung des Preises der Arbeitskraft war nun nicht mehr Teil der Akkumulationsdynamik wie in der vorhergehenden Ära (Lohn-Produktivitäts-Deal). Indem es alles niederriss, was zur einer Starrheit der Krise der „Keynesianischen Periode“ geworden war, versuchte das Kapital, sich davon zu befreien, das Niveau der Reproduktion des Proletariats als Arbeitskraft aufrechtzuerhalten, es wurde immer mehr als blosser Aufwand betrachtet – die Lohnfrage ist asystemisch geworden. Im Kern des restrukturierten Kapitalismus befindet sich die Trennung der proletarischen Reproduktion von der Kapitalverwertung – innerhalb einer Dialektik zwischen unmittelbarer Integration (reelle Subsumtion) und Auflösung der Kreisläufe der Reproduktion des Kapitals und des Proletariats [4] – und die Prekarisierung dieser Reproduktion, welche, entgegen dem Hintergrund der steigenden organischen Zusammensetzung gesellschaftlichen Kapitals und der globalen reellen Subsumtion der Gesellschaft unter das Kapital, die Hervorbringung überschüssiger Arbeitskraft zu einem inhärenten Element des Lohnverhältnisses dieser Periode gemacht hat. Die Restrukturierung zersetzte traditionelle Gemeinschaften der Arbeiterklasse und Arten des Zusammenseins (materielle Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft), ein Prozess, welcher in Grossbritannien Hand in Hand mit dem Abbau grosser Teile der Industrieproduktion und dem Zerfall der Hochburgen der Arbeiterklasse ging, welcher damit verbunden war. Die Tendenz ging in Richtung einer Veränderung der Arbeiterklasse von einem kollektiven Subjekt, welches der Bourgeoisie gegenübersteht, hin zu einer Summe von Proletariern, von welcher jeder individuell mit dem Kapital und allen anderen in Verbindung steht, ohne die Vermittlung der praktischen Erfahrung einer gemeinsamen Klassenidentität und ohne Arbeiterorganisationen, welche die Klasse als anerkannten Sozialpartner repräsentiert und akzeptiert, am kollektiven Verhandlungstisch teilzunehmen [5]. Diese Transformation wurde durch eine enorme Veränderung der Lohnarbeit verwirklicht (und verstärkte diese auch), welche in den 1980er Jahren begonnen hat: Veränderung der technischen Zusammensetzung des Kapitals und des Arbeitsprozesses, Verschiebung hin zu Dienstleistungen, Flexibilisierung und Intensivierung der Arbeit, Individualisierung von Anstellungsverträgen, Diskontinuität und Zerstreuung von Berufslaufbahnen und Zunahme von unterbezahlter, prekärer Arbeit vor dem Hintergrund einer Dauerarbeitslosigkeit. Der Zersetzung der Arbeiterklasse bedeutete nicht ipso facto eine universelle Verarmung der Lohnarbeiter. Die kollektive Verhandlungsmacht vieler Arbeiter wurde durch die Fragmentierung der Dienstleistungen, Privatisierung und Untervergabe untergraben. Doch viele der übrig gebliebenen stabilen Teile der Arbeiterklasse (zu einem grossen Teil jene, welche immer noch gewerkschaftlich organisiert sind) konnten ihr Lohnniveau halten, während für viele Eigenheime auf Grundlage von Hypotheken und Konsumkredite eine Erhöhung des Lebensstandards bedeuteten. Gleichzeitig kamen neue lohnarbeitende Mittelschichten auf, welche einen Anspruch auf einen Teil des durch erhöhte Produktivität produzierten Wohlstands während der aufsteigenden Phase dieses Akkumulationszyklus erheben konnten, indem sie in anspruchsvollen Jobs hart arbeiteten und somit einen guten Zugang zu Krediten hatten. Die Mobilisierung günstiger Arbeitskraft in den neu industrialisierten Zonen in der „sich entwickelnden“ Welt (Globalisierung und globale Arbeitsteilung) erlaubte eine erhöhte Kaufkraft, nicht nur von Führungskräften, Managern und Beratern, sondern auch von Arbeitern, deren Reallöhne stagnierten oder fielen. Die Ideologie, welche die Individualisierung der Arbeiterklasse begleitete, war die Verherrlichung des Privateigentums und individueller Verantwortlichkeit für Erfolg oder Misserfolg: „Jeder kann es schaffen, wenn er nur hart genug arbeitet.“ Zudem sollten individuelle Arbeiter in ihre individuelle Arbeitskraft investieren, statt dass das Kapital (durch den Staat) in die Arbeiterklasse investiert. Doch am unteren Ende der Leiter verlagert sich die Anstellung von traditionellen Berufen der Arbeiterklasse hin zu unqualifizierten Dienstleistungsanstellungen, die Aushöhlung organisierter Arbeit und die schleichende Auflösung der Wohlfahrt hin zu einem Sprungbrett in eine prekäre Anstellung haben die Verarmung einer beträchtlichen Anzahl von Proletariern verursacht, unter welchen nicht-weisse/nicht-britische Proletarier überproportional vertreten sind. Für sie hat die wirtschaftliche Restrukturierung zu unbeständigen Anstellungen in schlecht bezahlten Jobs geführt, und für viele bedeutete es eine Tendenz hin zu wirtschaftlicher Überflüssigkeit und gesellschaftlicher Marginalisierung. Die Verwaltung der Arbeitslosigkeit (welche nun als direkte Konsequenz einer inhärent präexistierenden „Unanstellbarkeit“ präsentiert wird) durch workfare zielt einerseits darauf ab, die Habenichtse in die peripheren Sektoren des Arbeitsmarkts zu drängen, womit die Grenzen zwischen Lohnarbeit und Stempelgeld verwischt, während die Löhne gleichzeitig nach unten gedrückt werden, und hatte andererseits den Effekt, den Markt für billige Waren neu zu erschaffen und dadurch auch die entsprechenden Jobs, von welchen man grösstenteils erwartete, dass die strukturellen Langzeitarbeitslosen sie anstreben. Die Polarisierung der Klassenstruktur war ein inhärenter Teil der Restrukturierung und der aufsteigenden Phase des restrukturierten Kapitalismus: Umverteilung des Wohlstands nach oben, eine scharfe Divergenz zwischen den Lebensstandards der unteren Schichten des Proletariats und der neu definierten Mittelschichten (ohne von der Bourgeoisie zu sprechen), wie auch zwischen verschiedenen Regionen eines Landes und verschiedenen Zonen einer gleichen Stadt, intensive Segmentierung und Gliederung des Proletariats. Das Einströmen von Frauen und Migranten in den Arbeitsmarkt wirkte beträchtlich an diesem Prozess mit. Die Zersetzung der Arbeiterklasse und die Verarmung der unteren proletarischen Schichten ging Hand in Hand mit dem Neuentwurf der gesellschaftlichen Karte der Städte und der Bestrafung der Armut, der Entstehung des neuzeitlichen diffusen Ghettos, gleichbedeutend mit der räumlichen Bestimmung der neuen gefährlichen Klassen. Die gesamte gesellschaftliche Wohnstruktur wurde verändert, um zum Wohneigentum anzuregen (Politik der Kaufoption und simultane Reduzierung der Staatsausgaben für Wohnungen) [6]. Dies gab den besser gestellten Arbeitern die Chance, Hauseigentümer zu werden. Gleichzeitig war es ein höchst bedeutendes Werkzeug für die Ghettoisierung der Armen und der Verwandlung etlicher Sozialwohnungssiedlungen in „No-Go“-Zonen. Mit der Beschleunigung der Globalisierung, andauernder Migration, besonders aus ehemaligen Kolonien und Osteuropa, sind immer mehr Habenichtse in grosse Städte gekommen. Die neuen Wellen von Immigranten wurden normalerweise in gerade in jene Nachbarschaften gelenkt, in welchen Möglichkeiten und Ressourcen sich stetig verringerten, denn in diesen Zonen sind die Wohnungen billiger. In diesen Zonen konnten sie auch leichter in den informellen und unternehmerischen Sektoren der Wirtschaft Fuss fassen und von ihren nationalen oder ethnischen Gemeinschaften unterstützt werden. Diese Ghettoisierung, begleitet von einer ganzen Palette von „gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Dienstleistungen“/Mitteln der Überwachung würde entweder dazu führen, die Habenichtse „nützlich“ zu machen, indem sie auf die Schiene unqualifizierter Anstellung gelenkt oder in zerfallenen Quartieren eingepfercht werden [7]. Die Gentrifizierung verstärkte die gesellschaftliche und räumliche Polarisierung der Städte, denn der Boden in vielen Stadtzentren, besonders in London, war zu wertvoll, um ihn den Armen zu überlassen (in London begann die Prozesse der Gentrifizierung mit der Erneuerung des Hafenviertels und dem afro-karibischen Quartier Notting Hill Anfang der 1980er Jahre und breitete sich danach in etlichen anderen Zonen während den 1990er und 2000er Jahren aus). Sie hat diese Zonen schnell verwandelt und lokale Gemeinschaften der Arbeiterklassen weiter zersetzt. Einwohner mit tiefen Einkommen wurden nicht nur verdrängt oder durch happige Mieterhöhungen in zerfallene Gebäude verdrängt, sondern die etlichen Vertreibungen von Läden mit Kundschaft aus der Arbeiterklasse, die Überwachung dieser Zonen, um den Strassenleben Einhalt zu gebieten, kombiniert mit den verringerten Ausgaben für Sozialwohnungen, haben ein Niveau der Klassensäuberung erreicht [8]. In den historisch gesellschaftlich und ethnisch gemischten britischen Städten haben diese Prozesse den charakteristisch zerstreuten und diffusen Charakter britischer Ghettos geformt. Die Tendenz, welfare mit dem Zwang zu workfare zu ersetzen, und die Exzesse des Polizei-/Überwachungsstaats sind zwei komplementäre Entwicklungen. Die Nützlichkeit des Bestrafungsapparats in der Ära von workfare und Prekarisierung ist einerseits, dass sich widerspenstige Teile der Arbeiterklasse der Disziplin der neuen fragmentierten Dienstleistungslohnarbeit beugen, indem die Kosten für den Ausstieg in die informelle Wirtschaft auf der Strasse erhöht werden, andererseits, dass jene eingepfercht und kontrolliert werden, welche durch die Transformation des Arbeitsmarkts überflüssig geworden sind. Die Einführung und die kontinuierliche Verfeinerung von disziplinären workfare-Programmen, welche auf Arbeitslose, Arme, alleinerziehende Mütter, Behinderte und andere „Staatsgeldbezüger“ angewendet werden, und die Entwicklung eines erweiterten Polizei- und Bestrafungsnetzes quer durch die Stadt sind zwei Komponenten eines einzigen Apparats zur Verwaltung der Armut. Gleichzeitig sollen die traditionellen Geschäfte, Einkaufs- und Unterhaltungsquartiere und die neu gentrifizierten Zonen schick bleiben und nicht von der unerwünschten Präsenz der gefährlichen Klassen verdorben werden. In den letzten Jahrzehnten gab es etliche neue Gesetze, sowie bürokratische und technologische Innovationen: Kriminalitätsbeobachtungsgruppen und freiwillige Gemeinschaftspolizeioffiziere; Partnerschaften zwischen der Polizei und anderen öffentlichen Diensten (Schulen, Spitäler, Sozialarbeiter usw.); beschleunigte juristische Prozesse; Polizeikontrollen auf der Strasse [9]; Videoüberwachungskameras und digitale Kartographien der Straftaten; Vergrösserung und technologische Modernisierung der Gefängnisse; Vermehrung von spezialisierten Gefangenenlagern [10]. Auf ideologischer Ebene wurde ein bestrafender Ansatz gegenüber gesellschaftlichen Verhaltensweisen gefördert und neue gesellschaftliche Typen kamen auf: „barbarische Jugend“, „Randständige“ und „Chaoten“. Am Anfang dieser Entwicklung endete die bestrafende Verwaltung der Armut in einem Ausbruch einer kleinen Welle von Ausschreitungen in sozial benachteiligten Stadtzonen Anfang der 1990er Jahre (wie in Bristol 1992), welche sich in Form von sporadischen, konfliktreichen Zwischenfällen zwischen den gefährlichen Klassen und der Polizei über die Jahre fortsetzte (die bedeutendsten Zwischenfälle waren die ethnischen Ausschreitungen in Bradford und Leeds 2001); genau diese Tendenz wurde durch die Tatsache verstärkt, dass diese Konflikte als Aspekte von „antisozialem Verhalten“ [11] verwaltet wurden. Im Wirbelsturm der Krise: Lumpenproletarisierung des Lohnverhältnisses Die Konstruktion der gefährlichen Klassen im diffusen britischen Ghetto, deren Reproduktionsmodalität jene des einschliessenden Ausschlusses war (der Übergang von Arbeitskraft zu variablem Kapital, oder, in anderen Worten, von der Tatsache ein Proletarier zur Tatsache ein Arbeiter zu sein, als problematisch hervorgebracht), war ein inhärentes Element der Trennung von Verwertung und proletarischer Reproduktion in der Entwicklung des restrukturierten Kapitalismus, die Kehrseite der gesteigerten Profitabilität und der Erschaffung neuer Mittelschichten aus der sich auflösenden traditionellen Arbeiterklasse. Das Resultat der Restrukturierung war eine akzentuierte gesellschaftliche Polarisierung. Einerseits genossen viele eine bedeutende gesellschaftliche Mobilität, innerhalb dem immer flexibleren und kompetitiveren Arbeitsmarkt, hauptsächlich durch das modernisierte Bildungssystem, und waren fähig, sich an einem relativ guten Einkommen von einem Job im Dienstleistungssektor und an einfachem Zugang zu Kredit zu erfreuen. Andererseits kommt die steigende Anzahl urbaner Armer meistens durch eine Mischung schlecht bezahlter Scheissjobs und informeller Wirtschaft (etliche Handelstätigkeiten, Kleinkriminalität, lokale Gangs), berufliche Fortbildung, Darlehen und das zusammenschrumpfende, aber immer noch existierende Sozialsystem über die Runden. In diesem Kontext erhält die Weiterbildung die Perspektive eines sicheren Überlebens auf der Basis von Lohnarbeit aufrecht, während einige hoffen können, aus der Scheisse herauszukommen, indem sie hart arbeiten, um einen Platz im höheren Bildungssystem zu finden (eine Hoffnung, die sich nach der Einführung der Universitätsgebühren 1998 und deren Erhöhung 2004 [12] immer mehr entfernte). Doch es gibt keinen gesunden, ausgeglichenen Zustand, keine „normale“, voll funktionierende Lage im Kern der kapitalistischen Gesellschaft. Die Widersprüche des restrukturierten Kapitalismus explodierten weltweit 2007. Um die Unruhen im August in ihrer historischen Besonderheit zu verstehen, kommen wir nicht am Wendepunkt vorbei, welcher der Ausbruch der kapitalistischen Krise darstellt. Die Ausschreitungen letzten Sommer waren nicht einfach die Wiederholung auf breiterer Ebene des Musters der Ghettoausschreitungen, welche dieses Land in den 1990er Jahren und Anfang der 2000er Jahren heimsuchten. Die kapitalistische Krise, welche als Immobilienblase und als Einbruch im Immobiliensektor 2008 begonnen hat, hat sich in eine globale Rezession und eine ernste Staatsschuldenkrise verwandelt, ohne jeglichen Hinweis für einen bevorstehenden Aufschwung am Horizont. Auf strategischer Ebene kämpft die Bourgeoisie – mit all ihren internen Konflikten – für den Erhalt des gegenwärtigen (hoch finanzialisierten) Modus der globalen Akkumulation, indem sie die Kerndynamiken des restrukturierten Kapitalismus selbst mit dem Ziel beschleunigt, die Mehrwertquote zu erhöhen. Die Krise der Überakkumulation, welche in abstrakten Begriffen bedeutet, dass es gleichzeitig zu viele Arbeiter und zu viele Fabriken gibt, ist gleichzeitig eine Krise der proletarischen Reproduktion. Natürlich ist jede kapitalistische Krise eine Krise der Reproduktion der Arbeitskraft, doch die historische Neuheit dieser Krise ist die Tatsache, dass die Lohnforderung schon im der vorhergehenden Periode des Aufschwungs asystemisch geworden war. Die Bemühung, die Ausbeutungsquote zu erhöhen, bezüglich welcher es höchst zweifelhaft ist, ob sie die Produktion eines angemessenen Mehrwerts ohne massive Entwertung von Kapital zurückbringen kann, beschleunigt alle widersprüchlichen Dynamiken des restrukturierten Kapitalismus, die selben Dynamiken, welche die gegenwärtige Krise zum Resultat hatten. Die Unruhen im August brachen innerhalb dieses Wirbelsturms aus: Es war eine konkrete Manifestation in Aktion der Krise der proletarischen Reproduktion, versinnbildlicht in der besonderen Situation der Protagonisten: „Es ist sicher ein Zufall, dass diese besonderen paar Tage gleichzeitig von den Ausschreitungen, der Senkung der US-amerikanischen Bonitätsnote und ernsten Unruhen an der Börse geprägt waren. Doch es ist nicht nebensächlich.“ [13] Vor dem Hintergrund der Bedingungen der Rezession mit schrumpfendem Arbeitsmarkt, zunehmend überflüssigen Arbeitern, jäher Zunahme der Arbeitslosigkeit, eifriger Prekarisierung der Anstellungsverträge und schleichendem Anstieg der Preise von Bedarfsgütern und (besonders im Zentrum Londons) der Mieten war der Übergang in die Phase der Krise geprägt von einer Intensivierung des Angriffs gegen den Lohn aufgrund des Sparkurses [14]. Für die neue Generation der unteren Schichten des Proletariats bedeutet das eine fast komplette Verneinung von Zukunft im eigentlichen Sinn. Schon ein Jahr vor den Ausschreitungen betrug die offizielle Jugendarbeitslosenquote 20.3%, das ist die höchst gemessene Quote seit die Messungen 1992 begannen [15]. Darüber hinaus hat der starke Anstieg der Studiengebühren und die Abschaffung der Stipendien 2010 [16], zusammen mit weiteren Sparmassnahmen in den sozialen Diensten (Jugendhäuser, Gemeinschaftszentren und lokale Gesundheitsdienstleistungen) und die Wiedereinführung von workfare (z.B. obligatorische Massnahmen zum Erwerb von Arbeitserfahrung – was unbezahlte Arbeit bedeutet – damit man Zuschuss für Stellensuchende bekommt) dazu geführt, dass sich die Jugendlichen von den Vorortsquartieren noch weiter vom offiziellen Arbeitsmarkt entfernen, immer mehr in Richtung der höchst riskanten Aktivitäten des informellen Sektors. In den Unruhen im August zeigten sich alle Widersprüche des einschliessenden Ausschlusses in Form des Ghettos – in der Besonderheit seiner Entstehung im britischen Kontext, nämlich sein diffuser Charakter –, welche explodierten: der Widerspruch zwischen den Kürzungen der Sozialhilfe und dem Übergang zu workfare und der Notwendigkeit, die überflüssige Arbeitskraft einzupferchen und zu verwalten und die Arbeitslosenquoten zu kontrollieren, zwischen einem höchst flexiblen Arbeitsmarkt mit seinem unbeschränkten Fluss von Arbeitskraft (unter dem Banner des Multikulturalismus und der Chancengleichheit) und der bestrafenden Verwaltung der Armut, zwischen Konsum als Ausweis für das Menschsein und dem Ausschluss vom Konsum, zwischen Aufwertung (Gentrifizierung) und Verfall. Und all diese Widersprüche explodierten genau gegenüber der radikalen Affirmation des einschliessenden Ausschlusses und der Prekarisierung während der Entfaltung der Krise. Damit brachten die Unruhen im August das Ghetto als Ghetto in Krise hervor, ein spezifisches Beispiel für die Krise der proletarischen Reproduktion. Die Krise der proletarischen Reproduktion ist nicht nur eine Krise der Reproduktion des marginalisierten Proletariats. Es ist eine Krise der Reproduktion des Proletariats als ganzes. Sie bedeutet gleichzeitig Druck und steigende Unsicherheit für die stabileren Arbeiter (wie es sich in sporadischen industriellen Konflikten in den letzten Jahren zeigte) und auch eine Krise für die Mittelschicht. Die Studentenbewegung Ende 2010 und das Wiederaufkommen von Ausschreitungen in der Innenstadt Londons, das sie begleitete, machte die Reproduktionskrise der künftigen Mittelschicht innerhalb der Entwicklung der kapitalistischen Krise deutlich. Die temporäre Affinität zwischen der Studentenbewegung und den Unruhen im August, sowie der Einfall von auf Konfrontationen mit der Polizei und Sachbeschädigung vorbereiteten Studenten in die Gewerkschaftsdemonstration im März 2011 zeigte klar, dass die Jugend als Subjekt der Revolte erscheint, insofern dass die Krise allen voran jene betrifft, welche in den Arbeitsmarkt eintreten, den Modalitäten ihres Eintritts entsprechend [17] (es ist hauptsächlich die Zukunft, welche durch die Krise blockiert wird). Die Präsenz von Schülern aus „den Slums von London“ innerhalb der Studentenbewegung erzeugte, obwohl es eine Randerscheinung war, einen inneren Widerspruch, welcher sich in einigen Fällen in Konfrontationen zwischen Schülern und Studenten oder Aktivisten manifestierte. Sie machte aus dem Inhalt selbst der Bewegung (die Verteidigung des Rechts auf höhere Bildung) eine Unsinnigkeit, in dem Sinn, dass sie auf der Grundlage ihrer Forderung sich über die Universität hinaus ausbreiten wollte (Ausbreitung war notwendig, um den Kampf zu gewinnen), doch diese Ausbreitung selbst (wie sie sich in der Beteiligung von Schülern manifestierte) untergrub die Kernforderung [18]. Diese innere Dichotomie zwischen Studenten und Schülern innerhalb der Studentenbewegung und deren spätere inhaltliche Distanz von den Unruhen im August widerspiegelt den differenzierten Charakter der Krise der proletarischen Reproduktion. Die Krise des Ghettos, wie sie sich in den Unruhen im August zeigte, fasst die Krise der proletarischen Reproduktion schlechthin zusammen, denn die gefährlichen Klassen repräsentieren schlechthin das, was für das Proletariat im breiten Sinn als Dynamik universell geworden ist: Die weltweite Prekarisierung der Arbeitskraft (die Utopie des Kapitals, sich der Arbeit zu entledigen, welche ein definierendes Element der Reproduktion des Klassenwiderspruchs innerhalb des restrukturierten Kapitalismus und seiner Krise ist). Die gefährlichen Klassen des 21. Jahrhunderts entsprechen nicht dem traditionell definierten Lumpenproletariat [19], welches, als permanente Randzone der Reservearmee der Arbeit, in seiner eigenen Welt lebte und somit von Anfang an das „Äussere“ des zentralen kapitalistischen Verhältnisses repräsentierte. Das neue „Lumpenproletariat“ (die neuen gefährlichen Klassen) dringt in die Normalität des Lohnverhältnisses ein, eben genau, weil das „normale“ Proletariat lumpenproletarisiert wird. Die Krise verursacht eine plötzliche Verarmung von vielen Arbeitern (wie es in der ganzen westlichen Welt der Fall ist), dazu kommt die Belastung der gestiegenen Arbeitslosigkeit/zeitweiliger Arbeitslosigkeit und Schulden (Kredite, welche sie nun nicht mehr zurückzahlen können, was verschlimmert wird durch die Tatsache, dass jene, welche Hypotheken haben, nicht immer Unterstützungsleistungen anfordern können, um die Wohnkosten zu decken) oder der Einschränkung des Zugangs zu Krediten. Sie bringt allerdings erst recht die verstärkte Lumpenproletarisierung des Proletariats selbst hervor – eine Lumpenproletarisierung, welche nicht als aussen liegend im Verhältnis zur Lohnarbeit erscheint, sondern als ihr definierendes Element. Einschluss tendiert immer häufiger durch Ausschluss zu erfolgen, besonders für die Jungen. Es ist eine Dynamik, eine kontinuierlich erneuerte Bewegung. Es geht nicht nur um den Ausschluss vom Arbeitsmarkt, welcher wohl viele betrifft, sondern auch um den Ausschluss von all dem, was als „normale“ Arbeit, „normalen“ Lohn, „normale“ Existenz betrachtet wird [20]. Die Tatsache, dass die Krise des Ghettos der Inbegriff der Krise der proletarischen Reproduktion schlechthin ist, bedeutet nicht, dass das Proletariat ghettoisiert wird. Die Hervorbringung der Revolution ist nicht eine Frage absoluter Verelendung. Die Krise der proletarischen Reproduktion ist differenziert, was bedeutet, dass es eine Krise der Reproduktion von jedem Teil des Proletariats ist, abhängig von den Modalitäten seiner Reproduktion, und gleichzeitig eine Krise der Gliederung innerhalb des Proletariats. Letztere ist sehr wichtig, denn diese Gliederung ist ein höchst notwendiges Element der Reproduktion des restrukturierten Kapitalismus. Die Karriereleiter ist nicht nur blockiert, sondern jeder wird nach unten gedrückt. Daraus resultiert, dass jeder Teil versucht, Barrikaden zu errichten, um seine Stellung zu beschützen und seinen Fall zu verhindern. Das gilt umso stärker, je näher an der Spitze. Die Krise der Gliederung des Proletariats verschärft alle inneren Widersprüche und Konflikte. Das Lohnverhältnis ist freilich zunehmend lumpenproletarisiert, doch in diesem Kontext wird die Tatsache, ein Lohnarbeiter zu bleiben und als solcher zu überleben immer mehr zu einer dringenden Angelegenheit. In diesem Kontext wurden die Praktiken der Aufständischen im August gleichzeitig, da sie inhärent von ihrer besonderen Situation abhängen, – eben genau wegen der Stellung dieser besonderen Situation innerhalb der Reproduktion des Klassenwiderspruchs – als innere Distanz, als Diskrepanz innerhalb dem notwendigerweise vorherrschenden Anteil von Klassenkämpfen heute hervorgebracht, nämlich der Lohnforderung (Handeln als Klasse). Die Gemeinschaft ist erledigt Der grosse Unterschied zwischen letztem August und den Ausschreitungen in den 1980er Jahren war, dass letztere eine „affirmative“ Dimension hatten – sie konnten der explosive Ausdruck einer Bewegung zur Beendigung rassistischer Diskriminierung, der Gesetze zu „verdächtigen Personen“, Personenkontrollen sein – d.h. eine Bewegung für eine gewisse Integration. Im Jahr 2011 war dies nicht der Fall; es gab keine schwarzen Gemeinschaften, welche für Integration kämpften. Die Ausschreitungen in den 1980er Jahren konnten im Rahmen des Anfangs der Restrukturierung und der Niederlage der Klasse betrachtet werden, Thatcher, welche die Drucker oder Minenarbeiter angreift und besiegt, doch diese Niederlage wurde damals vielleicht nicht als unvermeidlich betrachtet. Im Gegensatz dazu waren 2011 jegliche integrativen Forderungen umso mehr illegitim. Heutzutage kann man nicht (auch nicht mit Gewalt) „fordern“, als „gewöhnlicher Proletarier“ behandelt zu werden, denn das wurde von der Krise des restrukturierten Kapitalismus weggefegt [21]. Zusammen mit diesem Horizont wurde die Affirmation der Gemeinschaft der Arbeiterklasse als Epizentrum der proletarischen Neuformierung obsolet und als obsolet erkannt. Die Gemeinschaft der Arbeiterklasse war nie ein Aufruf zur Einheit, sondern die tatsächliche räumlich-zeitliche Wirklichkeit der proletarischen Reproduktion ausserhalb des Arbeitsplatzes (doch eng mit ihm verbunden, mit der Fabrik als Prototypen), durchdrungen von Solidaritätsverhältnissen und gemeinsamen Klasseninteressen. Die Geschichte dieser Gemeinschaft in Grossbritannien geht zurück auf die mächtigen lokalen Gemeinschaften der Arbeiterklasse, welche sich normalerweise im Umfeld der Industriezonen ausbreiteten. Die Gemeinschaft der Arbeiterklasse war nie die Offenbarung einer Essenz, sondern die Konkretisierung einer besonderen historischen Existenz des Klassenverhältnisses, als die Klasse für sich als übermässiges Wachstum der Klasse an sich hervorgebracht wurde. In diesem Sinn war die Gemeinschaft der Arbeiterklasse in gleichem Masse Trennung und Einheit, ihre Kohäsion war eine besondere Modalität der proletarischen Reproduktion, welche von einer zentralen Figur gewährleistet wurde, vom weissen, männlichen und qualifizierten Arbeiter am Anfang und vom weissen, männlichen Massenarbeiter danach – Klassenbewusstsein war der Horizont der Überwindung der Trennungen (Gender, Ethnie, Sektoren, Qualifikation, Herkunft usw.), der Horizont einer universellen Gleichheit, selbst hervorgebracht als unmöglich innerhalb der Unmöglichkeit einer Revolution als Affirmation der Klasse. Durch die grossen Migrationswellen von den westindischen Inseln in den 1940er und 1950er Jahren und von anderen Gebieten des Commonwealth in den darauf folgenden Jahren entstanden verschiedene lokale ethnische Minderheitsgemeinschaften – wovon auch neue arme Ladenbesitzer Teil waren (siehe die verschiedenen lokalen Läden und Märkte als Orte gemeinschaftlichen Zusammenseins) – basierend auf einer gemeinsamen Kultur, Sprache, gemeinsamen Traditionen und Geschichten, welche ein schützendes soziales Netzwerk im neuen „Heimatland“ zur Verfügung stellten. Solche proletarischen Gemeinschaften blieben bis in die 1980er Jahre bedeutende Reproduktions- und Kampfräume, offensichtlich in der Rolle, welche sie in den schwarzen urbanen Ausschreitungen und im Minenarbeiterstreik spielten. Lokale Gemeinschaften als Räume von konkreten Alltagsbeziehungen haben sich aufgelöst, zusammen mit der Auflösung der Identität der Arbeiterklasse, aufgrund der Dynamiken der Restrukturierung. Man findet immer weniger das Gefühl der Zugehörigkeit, des Anschlusses, gemeinsame Beziehungen und Klassensolidarität in lokalen Gemeinschaften, auch wenn dieser Prozess in den (von Gentrifizierung durchdrungenen) Ghettos ungleichmässig war. Tatsächlich haben sich weisse und in grossem Ausmass afro-karibische Gemeinschaften der Arbeiterklasse schneller aufgelöst, während Gemeinschaften von anderen ethnischen Minderheiten (z.B. türkische, kurdische oder asiatische) dieser Auflösung eher widerstehen konnten. Ethnische Netzwerke sind ein wichtiger bestimmender Faktor für die Arten des Überlebens der verschiedenen Fraktionen des Proletariats, welche aus dem Ausland kommen – Zugang zu Jobs, Religion, mafiöses Kreditsystem – und das widerspiegelt sich zum Beispiel in der Zusammensetzung der kleinbürgerlichen Elemente oder der lokalen Gangs in etlichen Quartieren. Doch auch in diesem Fall repräsentieren die lokalen Gemeinschaften nicht tatsächlich einigende Räume proletarischer Reproduktion und Kämpfe, Orte einer affirmativen Selbstidentifikation der Proletarier untereinander. Man kann wahrscheinlich sagen, dass die neue Bedeutung des Kollektivs der sozial benachteiligten Zonen die kollektive Erfahrung von Zerfall und Niedergang ist. Gleichzeitig wurde der Begriff selbst „der Gemeinschaften“ immer mehr in den politischen/ideologischen Diskurs des Staats integriert, um sich auf Verwaltungs-/behördliche Apparate – partizipative Entscheidungsfindung, lokale Stellenvermittlungen und Ausbildungsprogramme, kulturelle Gruppierungen usw. – und Wahlbüros zu beziehen. Die Unruhen im August waren also kein Fall von gemeinsamer proletarischer Verbundenheit (oder gemeinsamer ethnischer Verbundenheit), welche den Hintergrund eines proletarischen Subjekts im Kampf liefert und, in Form seiner Affirmation, den Inhalt des Kampfs. Man soll uns nicht missverstehen; anscheinend gab es Momente der Solidarität auf einer lokalen/gemeinschaftlichen Ebene während den Ausschreitungen. Dies bestätigt allerdings bloss die Tatsache, dass das Kapital seine Utopie, alle Formen gesellschaftlichen Umgangs in reine Beziehungen zwischen Waren zu verwandeln, nie verwirklichen kann. Was jedoch bedeutend ist, ist die Tatsache, dass die Aufständischen den Sinn und Zweck ihrer Handlungen nicht in der Affirmation ihrer Zugehörigkeit zu einer lokalen Gemeinschaft und somit in der Affirmation ihrer Klassenzugehörigkeit sahen. Es ist bezeichnend, dass sich die Unruhen schnell von einer Zone zur nächsten ausbreiteten, nicht wie während den Ausschreitungen in den 1980er Jahren, wo es darum ging in den Kämpfen, eine besondere Zone gegen die Polizei zu verteidigen, was gleichbedeutend war mit der Verteidigung der lokalen Gemeinschaft, dem „Wir“ als definierendes Element einer affirmativen Bewegung gegen rassistische Diskriminierung und polizeiliche Repression. Jedes Mal, wenn es einen Versuch gab, die gemeinsame Zugehörigkeit zu einer lokalen Gemeinschaft, während oder nach den Unruhen im August, zu bestätigen, widersprach dies dem Inhalt selbst der Unruhen. Der Begriff der lokalen Gemeinschaften war einerseits Teil der repressiven Sprache des Staates, welche auf das objektive Unbehagen der Mittelklassen und des Kleinbürgertums abzielt, diese fühlten sich vom Staat im Stich gelassen aufgrund der kurz dauernden Unfähigkeit seines repressiven Apparats, Eigentum zu schützen. Andererseits war er Teil der politischen Sprache vieler Aktivisten (Bürgervereinigungen, linke und anarchistische Gruppen), welche darauf abzielte, die krampfhafte Entfaltung der Unruhen abzustumpfen und sie in eine politisch sinnvolle Strategie für gesellschaftliche Veränderung zu verwandeln [22]. Dies war keine Bewegung In den Unruhen im August gab es nichts in der Situation der Protagonisten, das es wert gewesen wäre, verteidigt zu werden: Nachbarschaft, Ansässigkeit, Gemeinschaft, Ethnie kamen alle als Aspekte der Reproduktion des Kapitals ans Tageslicht, welche diese Proletarier als derzeitige Arme hervorbringt: Ihre Klassenzugehörigkeit wurde zu einem äusseren Zwang, einem immer dringenderen Imperativ der Disziplin, der Unterordnung und der Akzeptanz von Misshandlung ohne im Gegenzug eine Garantie für ein akzeptables Überleben zu haben. Die Sprache der Ausschreitungen war nicht die positive Sprache der „Bewegung“, gesellschaftlicher Veränderung, der Forderungen [23] oder der Politik, sondern die negative Sprache des Vandalismus. Was geschah, war viel Zerstörung, nichts wurde aufgebaut, keine Pläne, keine Strategien. Die Unruhen waren ein „fickt euch alle“ an die „respektable Gesellschaft“. Eben diese Dynamik der Unruhen, inhärent mit der Stellung in der spezifischen Situation ihrer Protagonisten innerhalb der Reproduktion des Klassenwiderspruchs verbunden, war gleichzeitig ihre Grenze, welche sich im Mangel jeglicher Perspektive der Verallgemeinerung [24] offenbarte und jeder ihrer Praktiken innewohnte. Bewährungsbehörden, Gerichte und Arbeitsvermittlungsstellen wurden als Symbole der bestrafenden Verwaltung der Armut angegriffen. Teure Autos, Restaurants und kommerzielles Eigentum wurden zerstört, weil sie einen unzugänglichen Wohlstand repräsentieren. Die Fenster von Immobilienagenturen wurden zerstört, weil sie unbezahlbare Mieten in Zonen der Gentrifizierung repräsentieren. Pfandleihanstalten wurden zerstört als „jene Schweine, welche zwanzig Pfund verlangen, um einen Wohnungszuschusscheck einzulösen“. Die unbestreitbare Grenze dieser Art zerstörerischer Tätigkeit war die Tatsache, dass sie keineswegs eine Tätigkeit tatsächlicher Negation sein kann, d.h. die Beseitigung der gesellschaftlichen Verhältnisse, welche in Wirklichkeit aufrechterhalten, was angegriffen wurde. Durch das Erschiessen von Mark Duggan und die Angriffe gegen die Polizisten, welche darauf folgten, wurde die Polizei als letztes Wort der Selbstvoraussetzung des Kapitals ans Tageslicht gebracht, sie ist für die Protagonisten der Unruhen der Garant ihrer spezifischen Reproduktionsmodalität (einschliessender Ausschluss), ein Feind an sich, insofern, dass das Moment der Repression innerhalb der Reproduktion des Klassenwiderspruchs immer zentraler wird (die Rolle der Polizei selbst, die nicht gesetzestreue Reproduktion des Proletariats zu verhindern). Genau wegen diesem spezifischen Verhältnis der gefährlichen Klassen mit der Polizei tendierte die Fokussierung auf die Polizei als Feind an sich dazu, das Moment der Repression innerhalb der Selbstvoraussetzung des Kapitals mit dem Ausbeutungsverhältnis selbst zu ersetzen. Das macht etwas zu einem Ausgangspunkt, das nur ein Resultat ist. Indem die Polizei als Feind an sich enthüllt wird, wird die Tatsache vernebelt, dass sie nur die Bourgeoisie in Kampfstellung ist. Plündern war zweifellos die vorherrschende Praxis und der ungeheurlichste Skandal während den Unruhen. Das Ausmass der Plünderungen mit etwa 2500 geplünderten Läden macht die Unruhen im August zu etwas besonderem. In all seinen Manifestationen – Aneignung von teuren Gütern (z.B. Unterhaltungselektronik und Schmuck) hauptsächlich zum Weiterverkauf; Plünderung von Kleiderläden, Supermärkten und anderen Läden der Haupteinkaufstrasse zum „persönlichen“ Gebrauch; Stürmung von Buchhaltern und Pfandleihanstalten für Geld; oder Aneignung von Billiggütern wie Zigaretten, Wasser und Alkohol, um es unter Gleichen in der Strasse zu teilen – war das Plündern eine praktische Infragestellung der Begriffe des einschliessenden Auschlusses. In keinem Fall wurden Schaufenster als blosse symbolische Handlung zerstört. Die Leute wollten nicht einfach „eine Botschaft vermitteln“, sondern sich das Zeug nehmen, das sie brauchten, oder Geld, um sich Zeug zu kaufen. Vor dem Hintergrund der Abwesenheit von Forderungen beanspruchten die Aufständischen jenen Lebensunterhalt, von welchem sie ausgeschlossen sind, und eigneten sich ihn wieder an und das war ihr Hauptziel. Die Aneignung von Gütern oder Geld war eine flüchtige praktische Kritik der Warenform, denn diese Proletarier nahmen sich offensiv, was sie brauchen, von dessen Erwerb sie jedoch objektiv ausgeschlossen sind, und in dieser Hinsicht war der Akt des Plünderns genauso wichtig wie die Beute [25]. Durch die Aneignung von Gütern stellten die Aufständischen vorübergehend die Warenform in Frage, doch nur auf der Ebene des Tausches, denn diese war der Bereich ihrer Revolte. Ihre Praktiken konnten definitionsgemäss die Warenform nicht an der Stelle ihres Ursprungs in Frage stellen, der Sphäre der Produktion. Es konnte nur mit der Affirmation des Tausches selbst enden, indem die angeeigneten Güter weiterverkauft wurden, oder mit der Aneignung von Geld, der Wertform schlechthin. Indem man Plünderungen so versteht, räumt man auf mit einem frustrierenden moralischen Diskurs, der nach den Ausschreitungen unter Aktivisten aufkam, welche immer versuchen, Proletarier mit Klassenbewusstsein zu begiessen, ein Diskurs, der letztendlich auf der gleichen Seite steht wie der repressive Monolog des Staates. Relativ viele protestierten gegen das, was als individuelle Verhaltensweise wahrgenommen wurde, ein Symptom der sogenannten Entartungen der Klasse durch Konsumdenken, sagten, dass „sie kein Recht haben, das zu tun, so protestiert man nicht“. Wie jemand so schön sagte: Natürlich hatten sie kein Recht das zu tun und aus diesem Grund war es auch kein Protest [26]. Diese moralische Kritik in Bestform würde die Aneignung von Billiggütern entschuldigen (Zeug, das die Leute „wirklich brauchen“), doch Aneignung von Zeug, das als luxuriös betrachtet wird, oder von Geld selbst verurteilen, was suggeriert, dass gesellschaftlich marginalisierte Proletarier nur nach Gütern trachten sollten, die ihrer Randstellung entsprechen. Plündern als praktische Kritik der Warenform auf der Ebene des Tausches ist nicht gleichbedeutend mit der Überwindung der Warenform. Um Plünderungen zu Verkaufszwecken zu überwinden, braucht es eine tiefgehende Infragestellung der Existenz des Tausches in einem verallgemeinerten Kampf für die Kommunisierung. Solange Tausch die einzige Möglichkeit darstellt, sich selbst zu reproduzieren, kann nichts anderes als individueller Konsum und Weiterverkauf als Hauptziel der Aneignung von Gütern erwartet werden. Dies ist weder erfreulich, noch bedauerlich, es ist einfach so. Die „Gang“ bot in all ihrer Fluidität und Kurzlebigkeit die elementare Organisationsform während den Unruhen, nicht nur im Sinne der Teilnahme von Gangs im eigentlichen Sinne, sondern hauptsächlich als informelle Gruppierungen in der Strasse, welche ihre Ursache in den Beziehungen zwischen Arbeits- und Schulkollegen haben, meistens auf der Grundlage nachbarschaftlicher Nähe oder zufällig formiert auf der Strasse, um besondere Aktionen auszuführen und sich kurz darauf aufzulösen. Doch man sollte nicht vergessen, dass Kleinkriminalität und Gangaktivität eine bedeutende Rolle für viele Jugendliche im Ghetto spielen, um über die Runden zu kommen. Die Beteiligung von tatsächlichen Jugendgangs in den Ausschreitungen, obwohl sie marginal war [27], stellte die Funktion der Gang als Geschäftsorganisation in Frage, denn die Verbreitung von Kriminalität in Form von Angriffen gegen Privateigentum war eine Infragestellung der Gangaktivität als organisiertes Verbrechen. Weil der Hauptzweck einer Gang ist, durch Drogenverkauf Geld zu verdienen, sind Ausschreitungen das letzte, das sie wollen. Man kann während Ausschreitungen keine Drogen verkaufen, denn es stehen überall Polizisten. Für die jüngeren Mitglieder, welche durch Drogenverkauf einige Zehner pro Tag verdienen, war die Teilnahme an den Plünderungen ziemlich attraktiv, während für die Anführer der Aufstand und die allgegenwärtige Polizeipräsenz die wirklich attraktive Aktivität verhinderte, den Drogenhandel. Die vorübergehende Infragestellung der Funktion der Gangs als Geschäftsorganisationen widerspiegelte sich in der Tatsache, dass sie während vier Nächten im August die gewöhnlichen Feindseligkeiten aussetzten, um sich auf gemeinsame Aktionen zu konzentrieren. Strikte territoriale Teilungen, welche junge Leute daran hindert, in „feindliche Zonen“ – manchmal durch die Postleitzahl definiert – zu gelangen, wurden vorübergehend vergessen. Doch obwohl die Beteiligung von Gangmitgliedern in den Unruhen eine Dichotomie kreierte zwischen der Gang als Zugehörigkeitsgruppe (alltägliche Beziehungen der Unterstützung, der Polizei und „dem System“ feindlich gesinnte Mikroidentitäten – obwohl stark durch Mackertum, aggressiver Männlichkeit und häufig völliger Idiotie vermittelt) und der Gang als Geschäftsorganisation, wurde letztere natürlich wieder bestätigt durch die Affirmation des Tausches als Grenze des Plünderns (scheinbar wurden Kanäle der Gangs für den Weiterverkauf von geplünderten Gütern genutzt) und mit dem Abklingen der Unruhen verwandelte sich eine wahrgenommene kollektive Kraft wieder in „business as usual“, ohne irgendwelche andauernde Verbundenheit zu hinterlassen. Das „Wir“ der Ausschreitungen im August war ein flüchtiges und unbeständiges „Wir“, in den Aktionen von den beteiligten Proletariern kreiert, anfänglich definiert durch den Akt des Erschiessens von Mark Duggan durch die Polizei als Höhepunkt einer andauernden Erfahrung von militärischem Urbanismus, welches sich danach auflöste, sobald die Schockwellen der Unruhen abklangen. Es gab keine organisatorische Kontinuität und keine Aussicht auf den Aufbau einer Bewegung. Indem sie ihre Klassenzugehörigkeit als äusseren Zwang, als Horizont des Kapitals deutlich machten, gerieten die Protagonisten der Unruhen in Konflikt mit der Gesellschaft selbst, welche reell durch das Kapital subsumiert worden ist und nur noch die kapitalistische Gesellschaft ist. Dies war der antisoziale Charakter der Unruhen. Sie beteiligten sich an einer krampfhaften Aktivität mit einem Fristende und Pläne und Strategien, Fragen der Expansion, das Knüpfen von Kontakten oder die Einbeziehung „des Volks“ waren – in der radikalen Abwesenheit von Politik – überhaupt kein Thema. Wer auch immer bereit war, teilzunehmen, wurde Teil eines vorübergehend konstituierten „Wir“ gegen „Sie“, die Polizei, der Staat, die Regierung, die Reichen, die Ladenbesitzer, die Gesellschaft. In den Unruhen im August war die Frage der Verallgemeinerung des Kampfes nur im negativen Sinn ein Thema, als Mangel jeglicher Perspektive der Verallgemeinerung. Die Frage der Verallgemeinerung des Kampfes wird nicht in Bezug auf einen Wiederaufbau der proletarischen Gemeinschaft gestellt, sondern in Bezug auf die Vervielfachung von Diskrepanzen innerhalb eines Handelns als Klasse, welches zur Grenze des Klassenkampfes geworden ist. Die Ära der Aufstände Was ihre Praktiken (ihren Inhalt) anbelangt, waren die Unruhen im August das dritte bedeutende Beispiel einer Serie von Ereignissen in Europa, die zwei anderen sind die Ausschreitungen in den französischen Banlieues 2005 und in Griechenland 2008. Die besondere Entfaltung der Ereignisse in jedem dieser Beispiele war geprägt von der jeweiligen Stellung jedes Staates innerhalb der globalen Zonenunterteilung der kapitalistischen Akkumulation und seiner (klar damit verbundenen) spezifischen Geschichte der Klassenkämpfe, sowie von der Zeitlichkeit des Ausbruchs und der Entwicklung der kapitalistischen Krise: Im Falle von Frankreich wurde die Krise nur antizipiert, während sie Ende 2008 gerade ausgebrochen war. Sowohl in Frankreich als auch in Grossbritannien, wo die Bevölkerung viel ungleicher ist und wo es viel tiefer gehende Klassen- und gesellschaftliche Teilungen gibt, was bedeutet, dass die Krise der proletarischen Reproduktion viel differenzierter ist, war das Ghetto der unbestrittene Protagonist der Ausschreitungen. In Griechenland hingegen war es ein gesellschaftlich viel breiteres Profil von Schülern [28], welche die Ausschreitungen ankurbelten durch ein Zusammenkommen mit einer starken Aktivistenszene (ein Zusammenkommen, das viele Aktivisten dazu brachte, für einige Tage ihren Aktivismus und ihren Alternativismus in Frage zu stellen) und mit anderen jungen prekären Proletariern. Nur auf dieser Grundlage waren die Ausgeschlossenen – vor kurzem angekommene Migranten, welche im Zentrum von Athen leben, Hooligans und Junkies – an den skandalösesten Aspekten der Ereignisse beteiligt, nämlich Plünderungen und Brandstiftungen. In Frankreich waren die Ausschreitungen geographisch in den „Banlieues“ isoliert, denn die gefährlichen Klassen sind räumlich getrennt, als Resultat von vorhergehender Sozialpolitik und Strategien der Bevölkerungskontrolle in diesem Land (Sozialwohnungen und Wohnsiedlungen). Somit wurde eine „Sicherheitsdistanz“ zwischen Aufständischen und dem Rest der Bevölkerung aufrechterhalten. In Griechenland führte die gesellschaftliche Zusammensetzung der Aufständischen und die gesellschaftliche Geographie von Athen und anderer grossen Städte dazu, dass die Stadtzentren zum Hauptgebiet des Zusammentreffens subversiver Aktionen wurden. Grossbritanniens Modell gesellschaftlicher Integration hat zu einem geographisch diffusen Ghetto geführt, welches in der gegenwärtigen Zeitlichkeit in der Entwicklung der Krise das brennbare Material für die Ausschreitungen lieferte, um sich schnell in ganz London zu verbreiten, und auch für das grössere Ausmass an Plünderungen im Vergleich zu Frankreich und Griechenland. Doch trotz all dieser jeweiligen Besonderheiten, oder eher genau wegen diesen Besonderheiten, enthüllten die Protagonisten in allen drei Beispielen die Klassenzugehörigkeit als äusseren Zwang und griffen sie in einem Ausbruch zerstörerischer Aktivität an, welche nichts zu vermitteln oder verteidigen suchte, und dies war verknüpft mit ihrer spezifischen Situation und ihrer Stellung in den Modalitäten der Reproduktion des Proletariats in jedem der jeweiligen Fälle. Als ein Beispiel in einer Reihe von Ereignissen sind die Unruhen im August also Teil der Ära der Aufstände, der gegenwärtige Moment, welcher die Übergangsphase der Krise definiert. Doch dieser gegenwärtige Moment kann in seiner Besonderheit in der ersten Zone der kapitalistischen Akkumulation nicht verstanden werden, wenn man nicht die Bedeutung der „Indignados-“ oder „Occupy“-Bewegung, wie sie sich hauptsächlich in Spanien, Griechenland und den USA manifestierte, innerhalb desselben berücksichtigt. Letztere waren grundlegend mit dem Niedergang/der Proletarisierung der Mittelschichten (oder kommenden Mittelschichten) verbunden und dadurch durch Interklassismus definiert. Dies drückte sich in ihrem demokratischen Diskurs aus, entweder in der Form des Appells für echte/direkte Demokratie wie in Spanien und Griechenland oder in jener der 99% wie in den USA. Die Diskurse über echte Demokratie in Spanien, direkte Demokratie in Griechenland oder die 99% in den USA waren ein Bestreben, eine gemeinsame Zugehörigkeit (die grosse Mehrheit der Gesellschaft; der Bürger, nicht der Proletarier) gegenüber der Abwesenheit jeglicher Grundlage für die Affirmation einer Klassenzugehörigkeit innerhalb der objektiven Reproduktion des Klassenwiderspruchs zu bestätigen. Er versuchte, die Universalität der Effekte der Krise als universelle Kampfgemeinschaft zu bestätigen. Die Breite dieser Zugehörigkeit hat ihre Ursache im interklassistischen/demokratischen Charakter und verstärkte diesen, während weitgehend das Finanzkapital und seine politischen Funktionäre als entgegengesetzte Klasse dargestellt wurden (Wall Street in den „imperialistischen“ USA oder hauptsächlich ausländisches Kapital im „anti-imperialistischen“ Griechenland). In Anbetracht der Verallgemeinerung der Krise der proletarischen Reproduktion und der Intensivierung der Dynamiken der Restrukturierung konnten die Protestierenden keinen praktischen Ausweg finden, keinen konkreten Weg zu einem möglichen anderen Leben. Engagiert in einem auf der politischen Ebene geführten Kampf haben sich die „Indignados“ oder „Occupiers“ (echte/direkte) Demokratie auf die Fahnen geschrieben, um ihre Hoffnungen für ein besseres Leben zu repräsentieren, doch in Anbetracht der Abwesenheit jeglichen Inhalts für einen alternativen Weg, zu leben und sich selbst zu reproduzieren, war es eine blosse Form. In diesem Sinne war der demokratische Diskurs der „Indignados/Occupy“-Bewegungen nicht der radikale Demokratismus der 1990er und der frühen 2000er Jahre, der radikale Demokratismus der Bewegung gegen die Globalisierung. Heutzutage gibt es keine Vision für eine alternative Gesellschaft mehr, für einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz. Die Tatsache, dass sie sich auf der Ebene der Politik befanden (ihr Demokratismus), war die absolute Grenze der „Indignados/Occupy“-Bewegungen, eine Grenze, die in Griechenland durch proletarische Gewalt während den Generalstreiks und in den USA durch Aufrufe, alles zu besetzen, und das Eindringen in die Häfen in Frage gestellt wurde, nur um als abruptes Ende der Bewegung in Griechenland [29] und als Alternativismus (unfähig, sich als solcher zu materialisieren) der Kommunen in den USA, in beiden Fällen von der Polizei sanktioniert, wieder bestätigt zu werden. In diesem Sinne waren die „Indignados/Occupy“-Bewegungen und die Ausschreitungen zwei Aspekte der selben Krise der Reproduktion. Sogar innerhalb des Demokratismus ersterer gab es wenig Spielraum für tatsächlich verhandelbare Forderungen: Die Abstimmung für das neuerliche Rettungspaket in Griechenland war mehr eine „Mobilmachung“ als eine Grundlage für Verhandlungen (niemand glaubte wirklich, dass es zurückgezogen würde), während die Vielfältigkeit der Mikroforderungen der Aktivisten in den USA einzig die Abwesenheit verhandelbarer Punkte reflektierte, welche man weiterverfolgen könnte. Oder es wäre präziser, zu sagen, dass es eben genau die Krise des Kampfes für unmittelbare Forderungen war, welche die echte Demokratie hervorbrachte, und es war der echte Demokratismus der Bewegungen, welche das Suchen nach Forderungen notwendig machte. Der Diskurs über die 99% führte zu einer illusorischen Hoffnung auf eine kommende Einheit als Resultat des universellen Charakters der Krise. Der Expansionsdrang, der Eifer, mehr Leute zu gewinnen, war grundlegend für die Bewegung. Sogar die Polizisten mussten in der Entwicklung der Bewegung in den USA erst als Feinde hervorgebracht werden (vielleicht mit der Ausnahme von Oakland, wo die Erinnerung an den Mord von Oscar Grand noch frisch sind), während sie einige Monate zuvor in London als solche vorausgesetzt waren. Die Ausschreitungen in Grossbritannien wurden hingegen als totale Negation jeglicher positiven Perspektive hervorgebracht, sei es in der Form echter Demokratie oder Kommunen. Die Unruhen im August verkündeten im Vorhinein den Bankrott des Diskurses über die 99% und der Expansion als Vereinheitlichung. Das Eindringen der Ausschreitungen in die Plätze hätte jegliche Illusion der Einheit unter dem Banner der Demokratie zerstört [30]. Andererseits erlangen die Unruhen im August nur im Verhältnis zu den „Indignados/Occupy“-Bewegungen eine historische Bedeutung. Nur in diesem Verhältnis wurde die Klassenzugehörigkeit als äusserer Zwang an den Tag gebracht und angegriffen, innerhalb des gegenwärtigen Klassenkampfes als Totalität. Die Praktiken der Aufständischen im August wurden als eine innere Distanz, eine Diskrepanz innerhalb der notwendigerweise vorherrschenden Dimension der Klassenkämpfe heutzutage hervorgebracht, nämlich dem Handeln als Klasse. Diese innere Distanz dringt in alle grösseren, gegenwärtigen fordernden Kämpfe ein. Wir könnten sagen, dass die Ausschreitungen in die Bewegung eindringen. Dies war der Fall in Frankreich, Grossbritannien, Italien, Spanien und jüngst in Kanada (es ist wichtig, dass in all diesen Bewegungen die Jugend, Studenten oder junge Arbeitslose, als Subjekt der Revolte hervorgebracht wird, denn wie schon gesagt ist es die Jugend, welche allen voran vor einer blockierten Zukunft steht). Ausschreitungen dringen in die Bewegungen ein aufgrund der Unfähigkeit der Kämpfe für unmittelbare Forderungen, ihre fordernde Dynamik zu erneuern (der Fall der Studentenbewegung in Quebec ist in dieser Hinsicht bezeichnend), und in diesem Sinne sprechen wir über die Ära der Aufstände. Die Begegnung zwischen Ausschreitungen und der Bewegung erreichte aufgrund der Heftigkeit der Krise in Griechenland einen Zustand des Krampfes in der Osmose der Praktiken innerhalb einer interklassistischen Masse, welche in Athen am 12. Februar auftauchte: In einem massiven Ausbruch von Ausschreitungen, welche auf einen zweitägigen Generalstreik mit minimer Beteiligung folgte, „drangen jene, welche schon gefangen sind im Kontinuum Prekarität-Ausschluss, in eine Bewegung ein, welche immer noch dazu tendiert, sich auf „normale“ Anstellung und „normalen“ Lohn zu berufen; und das Eindringen des (Nicht-)Subjekts war erfolgreich, weil der kontinuierliche Angriff des Kapitals auf „normale“ Anstellung und „normalen“ Lohn schon in die Bewegung eingedrungen war“ [31]. Die Osmose brachte die innere Distanz zwischen Praktiken auf einer anderen Ebene hervor, zwischen der Masse, welche sich der Polizei entgegenstellte, und jenen, welche Gebäude anzündeten und plünderten. Aufgrund des Eindringens der Ausschreitungen in allen Gelegenheiten der Bewegung bestätigt die Hervorbringung der Klassenzugehörigkeit als äusserer Zwang die Polizei als das, was dazu tendiert, zu einem zentralen Moment der Reproduktion des Klassenwiderspruchs zu werden. Die Ära der Aufstände ist gleichzeitig die Dynamik und die Grenze des Klassenkampfes in der aktuellen Konjunktur, nämlich die Hervorbringung der Klassenzugehörigkeit als äusserer Zwang in Anbetracht der Unfähigkeit des Klassenkampfes, seine Klassendynamik abzuschliessen und eine erneuerte Position proletarischer Macht hervorzubringen. Es ist nur eine Übergangsphase in der Entwicklung dieses Widerspruchs (der Widerspruch zwischen den Klassen im aktuellen Kampfzyklus), welche nach einer Lösung sucht. Mit dem Fortschreiten der Krise kämpft das Proletariat für seine Reproduktion als Klasse und ist gleichzeitig mit seiner eigenen, als Zwang im Kapital veräusserlichten Reproduktion (Klassenzugehörigkeit) konfrontiert, es kämpft z.B. gleichzeitig für und gegen seine Reproduktion [32]. Die Verallgemeinerung des Kampfes stellt sich heutzutage nicht als Einheit der Klasse (unter der Führung einer zentralen Figur) dar, denn für das Proletariat bedeutet die Tatsache, eine Klasse zu sein und als solche zu handeln, nur, Teil des Kapitals zu sein und sich als solcher zu reproduzieren (zusammen mit der entgegengesetzten Klasse). Es gibt keine Grundlage für eine revolutionäre Affirmation der Klassenzugehörigkeit, keine Arbeiteridentität oder proletarische Gemeinschaft, und es gibt nichts zu befreien, weder Handwerkskunst, noch menschliches Wesen. In einer Umwelt, in welchem überschüssige Bevölkerungen hervorgebracht werden und die den historisch definierten Wert der Arbeitskraft gewaltsam angreift, ist die Verankerung in der Lohnarbeit zusammen mit der Fähigkeit verloren, bessere Lebensstandards zu fordern. Das viel antizipierte Subjekt verliert den Boden unter seinen Füssen. Das kurzlebige „Wir“ der Aufständischen, dieses flüchtige Subjekt zerstörerischer Praktiken, welches augenblicklich erscheint, nur um sich schnell wieder aufzulösen, ist gleichbedeutend mit der Unmöglichkeit einer Beständigkeit

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