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„Ein zweites Gezi kann es nicht geben“

3. Mai 2014

devrimDer türkische Anarchist Devrim Ronans über das Zusammenspiel linker Bewegungen und den 1. Mai in Istanbul. Devrim Ronans ist Mitglied der Anarsi Eyleme Federasyonu, einer anarchistischen Gruppe im Istanbuler Stadtteil Okmeydani. Peter Schaber sprach mit ihm über die Anfänge der anarchistischen Bewegung in der Türkei, deren Verbindungen zu anderen linken Bewegungen und die Folgen aus den Gezi-Protesten im vergangenen Jahr.

nd: In den Stadtteilen Istanbuls wie hier in Okmeydani gibt es eine Vielfalt an linken Gruppen, vor allem marxistisch-leninistische. Wie ist deren Verhältnis zu den anarchistischen?

Ronans: Die anarchistische Bewegung hat sich nach dem Putsch vom September 1980 entwickelt. Sie kam hauptsächlich aus dem Einflussbereich der marxistischen Linken, was nicht von Vorteil war. Viele der Aktivisten hatten Probleme mit hierarchischen Formen auch innerhalb der radikalen Linken und Probleme mit der dort vorherrschenden Ideologie. Deshalb haben sie sich von den marxistischen Gruppen abgegrenzt und langsam angefangen, sich zu organisieren. In den 1990er Jahren zog es die anarchistische Bewegung dann auf die Straße. Man organisierte sich unter dem Dach der Anarchistischen Jugendföderation und begann, mehr Radikalität in die Bewegung zu tragen.

Marxistisch-leninistische und anarchistische Gruppen agierten von da an getrennt?

In den 1990er Jahren bis Anfang der 2000er ja – und auch gegeneinander. An der Istanbul Universität haben die marxistischen Organisationen die anarchistische Jugendföderation zum Beispiel daran gehindert, Aktionen durchzuführen. Während der IWF-Proteste Anfang der 2000er haben wir gemerkt, dass sich die Herangehensweise der marxistisch-leninistischen Gruppen verändert hat. Der Grund für ihre anfängliche Ablehnung war, dass sie Lenin in der Einschätzung folgten, dass Anarchismus eine kleinbürgerliche Bewegung sei. Sie haben sich wenig mit der tatsächlichen anarchistischen Bewegung auseinandergesetzt.

Wie sieht die Praxis der anarchistischen Gruppen in der Türkei aus?

In den letzten zehn Jahren hat sich einiges verändert. Abgesehen von den Aktionen auf der Straße, beschäftigen wir uns auch mit eher theoretischen Fragen beispielsweise zu Gentrifizierung oder Wehrdienstboykott. In den Stadtteilen sind die marxistischen Strukturen sehr verankert, hier sind wir nicht so gefestigt. Aber als das Thema Gentrifizierung aufkam, wurden wir sehr aktiv auf dem Feld und haben dadurch viele Menschen für uns gewonnen. Ein anderes Arbeitsfeld von uns sind ökologische Probleme. Langsam entwickelt sich auch hinsichtlich der Arbeiterklasse etwas, wir beginnen auch in diese Richtung zu arbeiten. Seit etwa 40 Jahren gibt es zudem die kurdische Befreiungsbewegung in der Türkei, mit dem wir sympathisieren. In der kurdischen Basis entwickelt sich außerdem ein Interesse für den Anarchismus.

Haben Taksim und die Besetzung des Gezi-Parks vergangenen Juni einen Aufschwung für die anarchistische Bewegung in der Türkei bedeutet?

Zuerst muss man wissen, dass der Gezi-Aufstand von keinem vorhergesehen wurde. Und wenn man sich den Charakter dieser Bewegung ganz am Anfang ansieht, dann gab es keine Hierarchien wie im klassischen marxistisch-leninistischen Sinn. Es war einfach ein Volksaufstand, was einen leicht anarchistischen Charakter hatte, auch wenn wir Anarchisten dort nicht im Vordergrund standen. Wir können aber sagen, dass das, was Gezi hervorgebracht hat, eine anarchistische Organisationsstruktur war.

Nach der polizeilichen Räumung von Gezi gab es zahlreiche öffentliche Versammlungen, sogenannte Foren, das ebbte dann ab. Wie wird es mit der Bewegung weitergehen?

Es war ja so, dass es zu einem Bruch kam, als sich die reformistischen Strukturen auf Verhandlungen zur Gezi-Besetzung einlassen wollten. Hier haben sich wieder hierarchische Strukturen gebildet. Zum Beispiel wurden die Zusagen zu diesen Verhandlungen gemacht, ohne einen Großteil der Bewegung zu fragen. Genau genommen hat der Staat damit eine Tür geöffnet, mit der die Bewegung geschwächt wurde. Das hatten diejenigen, die auf die Verhandlungsangebote eingegangen sind, nicht vorhergesehen. Die Gefahr hatten sie verkannt. Der größte Teil der Menschen wollte diesen Aufstand eigentlich noch weiter führen. Davor hatten die Reformisten aber Angst, weshalb sie Gesprächen zugestimmt haben. Dazu kommt, dass viele Menschen während des Gezi-Aufstands zum ersten Mal auf der Straße waren, zum ersten Mal die Repression erlebt haben, zum ersten Mal mit dem repressiven Staat konfrontiert wurden. Die Verhandlungen sorgten genau an diesem Punkt für einen Bruch, als das Bewusstsein der Menschen dabei war, sich zu entwickeln. Die Foren sind erst am Ende des Gezi-Aufstands entstanden. Weil sich das politische Bewusstsein der Menschen aber nicht ausreichend entwickelt hatte, haben sie sich wieder von Gezi und den Foren zurückgezogen.

Denken Sie, dass die Bewegung diesen Sommer, wenn auch nicht auf dem Taksim oder im Gezi-Park, vergleichbar groß wieder auftreten wird wie im vergangenen Jahr?

Tatsächlich werden immer wieder Versuche gestartet, Gezi wiederzubeleben. Ein zweites Gezi kann es aber nicht geben. Kein Aufstand gleicht dem anderen. Man kann auch keinen Aufstand herbeireden, es ist ein Reflex der Gesellschaft, der von selbst entsteht. Gezi war das Produkt einer jahrzehntelang aufgestauten Wut. Der Staat hat es verstanden, diese Wut ins Leere laufen zu lassen und die Bewegung abzuschwächen. Unser Fehler war, dass wir diese Wut nicht in eine andere Richtung gelenkt haben. Nach Gezi sind die Strukturen wieder in ihre alten Muster zurück gefallen: Es wird versucht, von oben die Masse zu führen. Das hat die Bewegung geschwächt. Die Leute wollen nicht geführt werden, sondern auf der Straße aktiv sein.

Schaffen es die Menschen in Istanbul in diesem Jahr zum 1. Mai wieder, den Taksim-Platz zu besetzen – zumindest temporär?

In Richtung Taksim gehen wir definitiv. Die Frage ist, ob wir auf dem Platz ankommen werden. Der Staat kennt die Bewegungsmuster der Opposition. Wenn wir uns einfach wie jedes Jahr geradezu auf den Platz hinbewegen, werden wir nicht einmal in die Nähe kommen. Vermutlich werden wir es nicht zum Taksim schaffen, aber das ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist, dass wir die Bewegungsabläufe, die wir jedes Jahr haben, durchbrechen. Wichtig wäre es auch, diese riesige Macht, die dort aufgeboten wird, bis zu 40 000 Polizisten und 50 Wasserwerfer, zu splitten. Eine Möglichkeit wäre, dass eine Gruppe zum Taksim geht und die anderen sich auf die Bezirke aufteilen, sodass die Polizei sich auch aufteilen muss. Das könnte eventuell ein Weg sein, aber auch das wird sehr, sehr schwer. Aber wir werden alles geben und kämpfend auf die Straße gehen.

Quelle: Neues Deutschland

One Comment leave one →
  1. 3. Mai 2014 22:11

    >Siehe zum Thema auch die aktuelle ausgabe der Gai Dao. Dort findet sich die Übersetzung eines interessanten Interviews.
    http://www.fda-ifa.org/gaidao<

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