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Ein Juwel der Aufklärung

10. April 2014

deschner.jpg?w=640&h=480Karlheinz Deschner ist tot. Der „größte Kirchenkritiker aller Zeiten“ (Dieter Birnbacher) starb am vergangenen Dienstag im Alter von 89 Jahren in seiner Heimatstadt Haßfurt.

Ein Nachruf von Michael Schmidt-Salomon.

„Aufklärung ist Ärgernis, wer die Welt erhellt, macht ihren Dreck deutlicher.“ Mit diesem Aphorismus formulierte Karlheinz Deschner das eigene Lebensmotto. Denn Deschner war die Personifikation des aufklärerischen Ärgernisses, ein Stachel im Fleisch der Zeit, an dem sich die Diskussion immer wieder entzünden musste.

Schon sein erstes Werk, der 1956 veröffentlichte Roman „Die Nacht steht um mein Haus“ war eine literarische Sensation, ein atemberaubend schonungsloses Buch, das den Leser wie eine Lawine überrollt. Helmut Uhlig versuchte die Besonderheit dieses „Romans“ (eher ein Stück radikaler Autobiographie) so zu fassen: „Deschners Aufzeichnungen liegen jenseits des Selbstmords, so wie Gottfried Benns spätere Gedichte jenseits des Nihilismus liegen … Dieses Buch wird schockieren … Genau besehen, ist es nichts anderes als die Krankengeschichte unserer Zeit.“ Diese „Krankengeschichte unserer Zeit“, die von der Brutalität des Krieges, des verächtlichen Umgangs des Menschen mit seinen Artgenossen und der Natur erzählte, war zugleich eine Krankengeschichte des Autors, der, von der steten Gefahr des Nervenzusammenbruchs bedroht, sich schreibend selbst therapierte.

Die Schreibblockaden, die ihn zuvor gequält hatten, waren auf einen Schlag verschwunden. Bereits ein Jahr später erschien Deschners berühmte Streitschrift „Kitsch, Konvention und Kunst“, die einer ganzen Generation den Zugang zur Literatur eröffnete und unterschätzte Autoren wie Robert Musil erstmals einer breiten Leserschaft bekannt machte. Noch im selben Jahr gab er das Buch „Was halten Sie vom Christentum?“ heraus, das Pro- und Contra Meinungen verschiedener Autoren, aber keine Positionierung des Herausgebers, enthielt. Kritiker missdeuteten dies als Ausdruck fehlender Courage, was ein radikaler Denker wie Karlheinz Deschner natürlich nicht auf sich sitzen lassen konnte. Und so zog er sich nach der Veröffentlichung des zweiten Romans „Florenz ohne Sonne“ mehrere Monate lang zurück, um ausführliche Studien zur Geschichte des Christentums zu betreiben.

Dies war, wie wir heute wissen, ein wahrer Glücksfall für die säkulare Emanzipationsbewegung, denn 1962 kam „Abermals krähte der Hahn“, das Grundlagenwerk der modernen Kirchenkritik, auf den Markt. Auch wenn Deschner in der Folgezeit keineswegs nur religionskritische Bücher veröffentlichte (beispielsweise erschien mit „Talente, Dichter, Dilettanten“ eine weitere literarische Streitschrift, mit „Der Moloch“ eine kritische Geschichte der USA und mit „Für einen Bissen Fleisch“ ein Plädoyer für den Vegetarismus), so wurde der Autor nach dem sensationellen Erfolg des „Hahns“ fortan hauptsächlich als Kirchenkritiker wahrgenommen.

Welch befreiende Wirkung Deschners religions- und kulturkritische Schriften entfalteten, wird deutlich, wenn man einen Blick in die Abertausende von Leserbriefen wirft, die der Autor über die Jahre hinweg erhielt. Deschner hat – wie kaum ein anderer – ausgesprochen, was andere vielleicht ahnten, aber nicht zu formulieren wagten. Wer das mulmige, indifferente Gefühl hatte, dass da irgendetwas Grundlegendes nicht stimmt, an dieser Religion, diesem Staat, dieser Gesellschaft, dieser Kunst, der fand in Karlheinz Deschner einen, der es prägnant auf den Punkt brachte.

Als Deschner 1984 seinen 60. Geburtstag feierte, konnte er auf ein wahrhaft imposantes Werk zurückblicken – und doch sollte das Wesentliche erst noch kommen. 1986 brachte Rowohlt den ersten Band der „Kriminalgeschichte des Christentums“ heraus. In einem Alter, in dem die meisten an den Ruhestand denken, begann Deschner mit der Niederschrift einer der größten Anklageschriften, die jemals verfasst wurden. Mehr als ein Vierteljahrhundert später war es dann tatsächlich vollbracht: In den 10 Bänden der „Kriminalgeschichte“ mit ihren nahezu 6000 Seiten und mehr als 100.000 Quellenbelegen hat Deschner eine Generalabrechnung mit der „Religion der Nächstenliebe“ vorgelegt, die in der Weltliteratur ihresgleichen sucht.

Die Arbeit am letzten Band war jedoch eine Tortur, die ihm alles abverlangte. Seine Kraft reichte danach nicht mehr aus, um den inoffiziellen 11. Band, „Die Politik der Päpste“, der die Entwicklungen seit dem 19. Jahrhundert auf mehr als 1200 Seiten beschreibt, selbst zu aktualisieren, weshalb ich die Darstellung der zweiten Hälfte des Pontifikats von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. übernahm. Als wir im März 2013 die Vollendung der „Kriminalgeschichte“ in Oberwesel und wenige Wochen später am 23. Mai seinen 89. Geburtstag in Haßfurt feierten, war er schon deutlich geschwächt. Sein Zustand verschlechterte sich nochmals dramatisch, als er wegen eines Aneurysmas gleich zweimal operiert werden musste. Letztlich konnte der lebensbedrohliche Riss der Blutgefäße aber nicht verhindert werden. Am Dienstagmorgen um 8.00 Uhr starb Karlheinz Deschner in einer Haßfurter Klinik.

Karlheinz schrieb einmal: „Berühmte sind Leute, die man etwas später vergisst.“ Wie so häufig traf er auch mit dieser Formulierung ins Schwarze. Unsterblich ist nicht einmal der Ruhm Ludwig van Beethovens. Selbst er – so ungeheuerlich es auch erscheint – wird irgendwann einmal vergessen sein, wie alles, was Homo sapiens je hervorgebracht hat. So sicher es also ist, dass auch das Werk Karlheinz Deschners irgendwann einmal in Vergessenheit geraten wird: Wenn es in der Kultur- und Geistesgeschichte auch nur halbwegs mit rechten Dingen zugeht, dürfte dies in absehbarer Zeit kaum geschehen.

Schon allein aufgrund seiner ungeheuren literarischen Qualität gehört Deschners Werk zu den kostbarsten Juwelen der Aufklärung, ein Juwel, das auch in Zukunft noch funkeln wird, um die Welt zu erhellen und jenen Dreck zu verdeutlichen, der ansonsten liebend gerne wieder unter den Teppich gekehrt würde. Ich bin überzeugt: Der Aufklärer Deschner wird noch lange ein Ärgernis bleiben. Nicht nur, weil die Themen, die er behandelte, aktuell bleiben werden, sondern auch, weil Schriftsteller seines Formats seltene Ausnahmeerscheinungen sind in dem Meer der Mittelmäßigkeit, das uns umgibt.

Mit seiner Sprachgewalt stellte Karlheinz Deschner selbst Nietzsche in den Schatten. Ich wüsste niemanden, der ihm als „Streitschriftsteller“ oder Aphoristiker das Wasser reichen könnte. Es war ein unglaubliches Privileg, ihn kennenlernen zu dürfen. Ich habe ihn außerordentlich geschätzt – nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Mensch, als Freund. Umso schmerzlicher ist der Verlust.

Quelle: Giordano Bruno Stiftung

 

4 Kommentare leave one →
  1. Danke Karlheinz Deschner permalink
    10. April 2014 21:23

    Deschner war überzeugter Vegetarier und hat mehrmals in Interviews gesagt, wenn er noch einmal leben könnte, dann würde er seine Kraft einer noch hoffnungsloseren Thematik widmen als der Bekämpfung des Christentums – dem Tier.[6] in: http://de.wikipedia.org/wiki/Karlheinz_Deschner

    http://www.deschner.info/

    „Die haßerfüllten Augen des Herrn Deschner“.
    Film aus dem Jahr 1998 von Ricarda Hinz und Jacques Tilly, herausgegeben vom Humanistischen Verband Deutschlands, in 7 Teilen auf Youtube:

    Karlheinz Deschner schreibt soeben an dem 10. und letzten Band der „Kriminalgeschichte des Christentums“, die im Rowohlt-Verlag erscheint.

    Dieses Video habe ich 1998 gemacht, als gerade der 6.Band der Kriminalgeschichte des Christentums erschien.

    Vertreter säkularer Wissenschaftler und Journalisten treten in einem fiktiven Streitgespräch gegen hochkarätige Vertreter beider Kirchen an.

    • Weg an permalink
      11. April 2014 20:25

      Bei Deschner waren die Tiere das Wichtigste – Veganismus auch. Nur am Rande hat er mal in ein bis zwei Wortfetzen Kirche und Christentum angegriffen, eher Ausrutscher, Altersschwäche.
      Ganz tief im Herzen war er ein Gender- und Veganismuspolitiker der Zeitung „Graswurzelrevolution“.

  2. Tod eines Kritikers: Nachruf auf Karlheinz Deschner permalink
    12. April 2014 00:37

    Tod eines Kritikers: Nachruf auf Karlheinz Deschner

    Der Kirchenkritiker Karlheinz Deschner aus Haßfurt (Lkr. Haßberge) ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Deschner wurde bundesweit mit seiner zehnbändigen „Kriminalgeschichte des Christentums“ bekannt.

    Zu den wichtigsten Werken des 1924 in Bamberg geborenen Autors gehören neben der „Kriminalgeschichte des Christentums“ „Abermals krähte der Hahn“ aus dem Jahr 1962 und „Kitsch, Konvention und Kunst“ aus dem Jahr 1957. 1971 stand Deschner wegen seinen Veröffentlichungen sogar wegen Kirchenbeschimpfung in Nürnberg vor Gericht. Das Verfahren wurde jedoch wegen Geringfügigkeit eingestellt.
    Nicht ausschließlich Kirchenkritiker

    Deschner hat auch Kurzgeschichten geschrieben. Für den Bayerischen Rundfunk hat er große Landschaftsportraits produziert. Für den Hörfunk produzierte er unter anderem Beiträge über die bayerische Rhön. Deschner starb bereits am 8. April in einem Haßfurter Krankenhaus.

  3. Kunst triumphiert über Religion ~ Jürgen Becker ~ Der Künstler ist anwesend permalink
    7. Februar 2015 23:59

    Kunst triumphiert über Religion ~ Jürgen Becker ~ Der Künstler ist anwesend

    Kunst triumphiert über Religion

    Bad Berleburg. Nach einer Kunstgeschichtsvorlesung, in der man dem Kölner die Kalauer gerne verzieh, stieß er mit dem Publikum und freiem Kölsch an.

    bea – „Dann wollen wir uns mal einen schönen Abend machen“, begann der Kölner Kabarettist Jürgen Becker am Donnerstagabend standesgemäß sein Programm und er sollte sein Versprechen voll und ganz einlösen. Unter dem Titel „Der Künstler ist anwesend“ bot der aus der WDR-Sendung „Mitternachtsspitzen“ bekannte Moderator, Kabarettist und Autor im gut gefüllten Bad Berleburger Bürgerhaus einen Parforceritt durch die Kunst- und Religionsgeschichte.

    Religion war für Becker echtes Kanonenfutter

    Mit insgesamt 120 auf Leinwand projizierten Bildern spann der Kabarettist im rheinischen Dialekt ungeniert, pointenreich und informativ den Bogen zwischen der 15.000 Jahre alten Höhlenmalerei von Lascaux und Marcel Duchamps Urinal „Fountain“ aus dem Jahr 1917 und titelte die Gemälde dabei teils eigenwillig – so wurde etwa aus dem „Tanz“ von Matisse der „Feierabend im Priesterseminar“. Die Religion, und gerade die römisch-katholische Kirche, die „aus einem Witz entstanden“ sei, war dem Kabarettisten häufiges Kanonenfutter.

    „Die Kunst triumphiert über die Religion“

    Genauso, wie die Römer ihre Kultur bei den Griechen abgeschaut hätten und die wiederum bei den Ägyptern, so hätte das Christentum die Dreifaltigkeit Gottes von den römischen und griechischen Vorbildern nachgeahmt. Den „Triumphzug“ der römisch-katholischen Kirche erklärte Becker in der Gebäudestruktur als „Symbiose aus Aula und Markthalle“ und streifte dabei durch die Romanik, bei der „dicke Wände ohne Ende“ gelte, über die Gotik und ihren „architektonischen Sex“ bis zum Barock, dem „Rationalismus im Speckmantel“. Bis Jürgen Becker am Schluss zu dem Gemälde von Max Ernst zurückkommt und das Spannungsfeld zwischen Kunst und Religion auflöst in dem Fazit: „Die Kunst triumphiert über die Religion.“

    Ein leerer Rahmen war sein Lieblingsbild

    Schließlich würden die ägyptischen Pyramiden, die griechischen Tempel und das römische Pantheon ihre Götter längst unangetastet überdauern. Aber die Kunst lerne auch von der Religion, nämlich das Prinzip der „Karnevalisierung“ („Der König wird zum Narren“), was moderne Kunst wie Marcel Duchamps ausgesuchtes Urinal möglich mache. Nach einem überschwänglichen und langen Applaus wollte Jürgen Becker dem begeisterten Publikum noch sein Lieblingsbild vorstellen – und kehrte mit einem leeren Rahmen zurück, den er in Richtung des Publikums hielt. Denn das unterscheidet die Kleinkunst von der bildenden Kunst: „Ohne euch gibt es sie nicht.“ Nach der rasanten und kurzweiligen Kunstgeschichtsvorlesung, in der man dem Kölner auch derbe Kalauer verzieh, stieß er schließlich mit dem gesamten Publikum und freiem Kölsch an.

    http://www.siegener-zeitung.de/siegener-zeitung/Kunst-triumphiert-ueber-Religion-4f718217-097e-4822-841f-e7b8167446a1-ds

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