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Polizei vertreibt Mieter

28. März 2014

bullenKöln, Hamburg, Berlin – immer weniger Mieter sind bereit, einen Rausschmiß durch den Vermieter hinzunehmen. Eine wachsende Protestbewegung begehrt gegen die Verdrängung ganzer Bevölkerungsschichten aus den Innenstädten auf. So auch am Donnerstag in Berlin-Kreuzberg: Vor dem Haus in der Reichenberger Straße 73 blockierten rund 100 Menschen seit dem frühen Morgen die Eingangstür. Ein Sprecher informierte Passanten per Megaphon darüber, daß hier die Familie A. aus ihrer Wohnung geworfen werden sollte. Die meisten wußten ohnehin Bescheid: Aus Fenstern in der Nachbarschaft hingen Transparente, die Solidarität ausdrückten. Nachbarn auf dem Weg zur Arbeit blieben stehen und verwickelten die anwesenden Polizisten in Gespräche über die Verhältnismäßigkeit eines solchen Einsatzes.

Statistiken, wie viele Zwangsräumungen stattfinden, existieren nicht, obwohl sie seit Jahren unter anderem von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe gefordert werden. Deren Geschäftsführer Thomas Specht sagte am Donnerstag gegenüber jW, sein Verband gehe von bundesweit 25000 Zwangsräumungen im Jahr 2012 aus. Dazu kämen rund 40000 Wohnungsverluste, weil Menschen schon vorher ihre Bleibe verlassen. Zahlen, die eine Schätzung für 2013 zulassen, lägen noch nicht vor: »Aber wir haben in den vergangenen Jahren einen Anstieg sehen können. Da sich die Verhältnisse nicht geändert haben, gehen wir davon aus, daß dieser Trend besonders in Ballungsgebieten ungebrochen anhält«, so Specht. Diese Einschätzung teilt Hermann Werle von der Berliner Mietergemeinschaft. »In der Beratung hören wir immer wieder von Menschen, die bei Verwandten unterkommen müssen«, berichtete er im Gespräch mit jW. Darauf deute die Tatsache hin, daß »in einigen Bezirken die Anzahl der Personen, die durchschnittlich in einem Haushalt lebt, ansteigt«.

Der Räumung am Donnerstag war ein rund dreijähriges Gerichtsverfahren vorausgegangen. Es begann mit einer Mietminderung wegen Lärmbelästigung durch eine Gaststätte im gleichen Haus. Am Ende warf der Vermieter der Familie vor, »Schutzgeld« von der Gaststätte verlangt zu haben. Das zuständige Amtsgericht folgte der Argumentation des Vermieters. Mietschulden bestanden bei der Räumung nicht. Die Familie befindet sich noch im Berufungsverfahren. Obwohl die Rechtmäßigkeit der Räumung also noch nicht abschließend geklärt ist, wurde sie durchgesetzt. Der zwangsgeräumten Mieterin, die ihren Namen zum Schutz ihrer Kinder nicht veröffentlicht sehen will, war der Schock ins Gesicht geschrieben: »Ich hatte große Angst als so viele Polizisten den Flur hoch kamen.« Ihr Gespräch mit jW wurde unterbrochen, weil Beamte die Gruppe vor dem Haus auseinandertrieb. Als die Protestierer bereits auf dem Heimweg waren, griffen sie nach Angaben der Polizeipressestelle insgesamt elf Personen auf und zerrten sie in bereitstehende Fahrzeuge. Der Einsatzleiter begründete das Vorgehen gegenüber jW mit der »Nötigung« durch die Blockade der Tür.

Die geräumte Frau ist fassungslos: »Gespräche mit dem Vermieter waren nicht möglich, aber er wußte von unserem Anwalt, daß wir die Wohnung am Montag sowieso übergeben hätten.« Obwohl ihr Anwalt gute Chancen für das Berufungsverfahren sehe, habe sie sich mittlerweile eine andere Unterkunft gesucht.

Quelle: Junge Welt

3 Kommentare leave one →
  1. 28. März 2014 15:14

    Hat dies auf Enough is Enough! rebloggt.

  2. Strategie der Schnecke permalink
    29. März 2014 20:35

    http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Strategie_der_Schnecke

    Ist ein geiler Streifen, kann ich nur empfehlen. Besitzende, Herrschende und Gangster Hand in Hand gegen die Arbeiter und Arbeiterinnen. Auch Gute aus dem Lager der Besitzenden werden gezeigt. Kein Schwarz-Weiß-Denken und viele wirklich gut gezeichnete Charaktere.
    Besser als Ken Loach’s mehr oder weniger politisierte Filme mit Idealmenschen und starken Typisierungen.

  3. Neues von der Gentrifizierung permalink
    17. Januar 2015 22:47

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