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„Der Widerstand wächst auch“

6. März 2014

antifaukraineÜber den faschistischen Coup und die Selbstverteidigung der Linken. Interview mit Dmitry Kolesnik.

Als der Aufstand gegen den ehemaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch Ende letzten Jahres begann, hast du da teilgenommen oder warst du von Anfang an skeptisch?

Zuerst muss ich betonen, dass der Aufstand begann, als die Regierung die Unterzeichnung des Freihandelsabkommens mit der EU suspendierte, das sogenannte Assoziierungsabkommen, das verbunden war mit der Forderung, Austeritätsmaßnahmen umzusetzen und IWF-Kredite aufzunehmen. Die Unterzeichnung dieses Vertrags war die Forderung einiger Gruppen von Oligarchen (auch innerhalb der regierenden Partei). Das ist der Grund, warum die Linke nicht an den Protesten teilgenommen hat.

Die Proteste waren auch von Anfang an dominiert von den Gruppen der äußersten Rechten, daher gab es unter den Demonstranten immer antilinke Ressentiments. Für Linke und Antifaschisten war es wirklich gefährlich, daran teilzunehmen.

Dann, nach der brutalen Zerstreuung der Demonstranten gelang es den Massenmedien und diversen NGO´s eine große Anzahl von Menschen zu mobilisieren – insbesondere aus dem Westen der Ukraine (wo es immer eine Rivalität um Einfluss mit den östlichen Regionen gab, die mehrheitlich die Regierungspartei unterstützten).

Also haben wir ursprünglich einen Konflikt zwischen Oligarchen und einen Riot der äußersten Rechten gesehen. Als die Proteste zu einer Massenbewegung wurden, haben einige Linke versucht, an ihnen teilzunehmen. Einige davon wurden geschlagen und vertrieben – wie Gewerkschafter, Feministinnen und Anarchisten, als man erkannte, dass es sich um Linke handelt. Andere beteiligten sich, ohne ihre Identität als Linke preiszugeben, hauptsächlich im medizinischen Bereich.

Als wir auf dem Maidan waren, fiel es uns schwer, Linke zu treffen. Kannst du uns ein bisschen etwas über die antifaschistische Bewegung in Kiew sagen? Wie ist sie organisiert, welche Gruppen gibt es? Gibt es Auseinandersetzungen mit den Faschisten?

Die antifaschistische Bewegung in Kiew war tatsächlich sehr schwach. Und es ist tatsächlich ein Problem vieler ehemaliger Länder der Sowjetunion, in denen wir einen Aufschwung von extrem rechtem Nationalismus und Konservativismus beobachten können. Darüber hinaus wurde in der Ukraine der Antifaschismus dadurch diskreditiert, dass die Ex-Regierung ihn in ihrer offiziellen Rhetorik sich lange Zeit seiner bedient hat. Bis dahin war wirklicher Antifaschismus in erster Linie das Projekt einiger kleiner antifaschistischer Jugendgruppen. Nun allerdings sehen wir, dass, wenn Antifaschismus nicht länger mit der vormaligen Regierung assoziiert wird, er in vielen Regionen schnell einen Aufschwung erlebt, als Reaktion auf den Terror der faschistischen Militanten.

Es gibt harte Straßenkämpfe mit Faschisten, in denen die Sturmtruppen der Nazi-Koalition „Rechter Sektor“ von ganz normalen Arbeitern geschlagen werden. Normalerweise werden diese Gruppen antifaschistischen Widerstands spontan organisiert, um die Städte vor den Nazi-Truppen zu schützen, die versuchen, Gemeinden und Städte zu übernehmen.

Es gibt auch ein neu organisiertes Zentrum des Antifaschistischen Widerstands, das versucht, die einzelnen Aktivitäten zu koordinieren. Allerdings gibt es nun ein anderes Problem: Die Unterstützer der vorherigen Regierung und russische Nationalisten wollen die antifaschistische Bewegung für sich nutzen. Wie auch immer: Gleichzeitig zum massenhaften Aufkommen des Faschismus können wir auch ein massenhaftes Aufkommen antifaschistischer Gegenwehr in der Ukraine beobachten.

Auf dem Maidan sahen wir eine ganze Reihe von faschistischen Gruppierungen, Swoboda, Prawy Sektor, UPA und viele weitere. Waren die schon immer so stark oder sind sie erst kürzlich gewachsen?

Diese Gruppen haben von Anfang an den Protest angeführt, also haben der Euromaidan und der aus ihm hervorgehende Coup eindeutig eine braune Färbung bekommen. Der extrem rechte Nationalismus war immer in einigen Regionen sehr stark, insbesondere dort, wo die Nazi-Kollaborateure der UPA bis in die 1950er Jahre aktiv waren.

Dieser faschistische Nationalismus kam wieder auf in den 1990er Jahren, während einer Welle ähnlicher rechter nationalistischer Bewegungen überall in Osteuropa. Nach der „Oragenen Revolution“ begann Präsident Juschtschenko eine Kampagne in Schulen, die eine Glorifizierung der Nazi-Kollaborateure zum Inhalt hatte, die von der ukrainischen Diaspora in den USA und Kanada erfreut aufgenommen wurde. Den Schulkindern wurde erzählt, die Nazis seien im Recht gewesen und haben dann paramilitärische Camps der ultrapatriotischen Gruppen besucht.

Leute aus dem Mittelstand, der von der Krise hart getroffen wurde, waren arbeitslos, die frustrierte Jugend war offen für eine Ideologie, die ihnen erklärte, sie seien „überlegen“ ob ihres Blutes, ihrer Religion, ihres Geburtsorts. Was wir heute sehen, ist das Resultat.

Auch Janukowitsch hat diese rechten Gruppen immer gefüttert – er dachte, eine Opposition wie Swoboda würde bei Wahlen vergleichsweise unattraktiv aussehen und er könnte leicht gegen sie gewinnen. Und weil die Nazi-Paramilitärs gut ausgebildet und überzeugt, zu kämpfen, waren, wurden sie vom gesamten Euromaidan mit offenen Armen begrüßt – also hatten sie Zulauf. Und nun treten tausende von Jugendlichen auf der Straße den Nazi-Einheiten bei. Außerdem muss man die Ukrainische Rechte auch im Zusammenhang mit dem Rechtstrend überall in Europa sehen.

Ein Genosse von Borotba hat uns erklärt, dass der „Prawy Sektor“ sich vor allem aus Hooligans von Dynamo Kiew rekrutiert hat. Ist da was dran?

Am Anfang war der „Rechte Sektor“ eine Koalition von Nazigruppen wie der Sozial-Nationalen Vereinigung (Social-National Assembly), den Patrioten der Ukraine, den „Vikings“, der Ukrainischen Nationalen Selbstverteidigungsgruppen und anderen. Die Fußsoldaten dieser Gruppen kamen zu einem großen Teil aus den Ultra-Szenen von Dynamo Kiev, Karpaty Lviv und anderen. Nazismus ist in den Fanszenen der Ukraine weit verbreitet. Ukrainische Teams haben auch schon Strafen wegen Nazismus im Stadium kassiert. Außerdem kommen Nazi-Ultras aus Polen, Russland, Schweden und Ungarn, um ihren Gesinnungsgenossen in der Ukraine beizustehen.

Wie reagieren die Antifaschisten auf die Bedrohung der wachsenden faschistischen Bewegung?

Wie ich gesagt habe, es gibt eine Reihe von Bestrebungen, den antifaschistischen Widerstand zu organisieren. In manchen Städten nimmt das die Form von Selbstverteidigungseinheiten an. Fast jeden Tag gibt es Auseinandersetzungen, während Nazi-Gangs Städte stürmen, Wohnungen Plündern, linke Aktivisten jagen, die in vielen Gegenden nur noch im Untergrund tätig sein können. Die Paramilitärs des „Rechten Sektors“ haben Checkpoints aufgebaut, sie suchen nach Dissidenten, Regierungsunterstützern und Linken. Die Nazis werden auch in die Polizei und Sicherheitsorgane eingegliedert. An manchen Orten werden diese rechten Paramilitärs von Selbstverteidigungseinheiten vertrieben, manche Städte organisieren 24-Stunden-Wachen, um sie nicht in ihre Gemeinden zu lassen. Borotba organisiert außerdem das Zentrum des Antifaschistischen Widerstands.

Ist es in Kiew derzeit gefährlich für Leute, die als Antifas bekannt sind? Gibt es beispielsweise Ultras von Arsenal Kiew, die den Selbstschutz organisieren?

Ja, es ist wirklich gefährlich. Vor allem für die, die man schon als Linke oder Antifas kennt. Einige von ihnen wurden verprügelt, während andere aus der Stadt geflohen sind. Soviel ich von den Arsenal Ultras sagen kann, haben leider viele die Seiten gewechselt und sind zu den Nazis gegangen. Ihre Seiten in den sozialen Netzwerken sind jetzt voll mit nationalistischem und patriotischem Müll.

Was denkst du über die linken Parteien und Organisationen in der Ukraine, über Avtonomia, Borotba oder die Kommunistische Partei?

Es gab lange und ermüdende Debatten in der ukrainischen Linken. Fast alle, die es gibt, sind nun gegen die Nazis und die Oligarchen, die hinter den rechten Paramilitärs stehen. Einige Linke, die am Euromaidan teilnehmen wollten, sind verprügelt und rausgeworfen worden. Linke Symbolik ist in den Gebieten, in denen die neue Regierung das Sagen hat, verboten.

Dennoch gibt es einige kleine linksliberale Gruppen wie „Linke Opposition“ und die Studentenvereinigung „Direkte Aktion“, die den Nazi-Coup unterstützen und mit der Rechten kollaborieren. Sicher, sie können nicht als Linke auftreten, aber sie wollen trotzdem teilnehmen und stellen sich jetzt feindlich gegen die Konterrebellion gegen den Euromaidan in den östlichen Städten. Wie üblich wird die Position der Liberalen entweder von den westlichen NGOs beeinflusst oder durch den Umstand, dass viele von ihnen frühere Nationalisten sind, die jetzt nur zurück zu ihren früheren Freunden finden. Aber diese kleinen Gruppen sind ohnehin ohne Einfluss.

Borotba versucht den anntifaschistischen Widerstand, vor allem in den östlichen Städten und in Kiew, zu organisieren, und stellt sich gegen die rechte Regierung und die russische Intervention. Ähnlich ist die Position der Anarchosyndikalisten von CRAS. Ähnlich wie bei der kleinen Gruppe Autonome Arbeiterunion – die ihre Position zum rechten Aufstand geändert haben – haben einige von ihnen den rechten Riot unterstützt, während andere sich gegen die Nazis wandten.

Die Kommunistische Partei der Ukraine hat sich natüürlich gegen den Coup positioniert, allerdings unterstützt sich gleichzeitig die Ex-Regierung und eine mögliche russische Intervention. Im übrigen ist sie der Partei der alten Leute, die nicht mehr in der Lage sind, sich gegen die Anschläge der faschistischen Paramilitärs zu währen, die einen wirklichen Terror gegen sie entfesselt haben.

# Dmitry Kolesnik ist Redakteur der linken ukrainischen Seite Liva.com.ua. Lower Class Magazine hat ihn zum Stand der antifaschistischen Bewegung in der Ukraine befragt.

Quelle: Lower Class Magazine

9 Kommentare leave one →
  1. So ist das also permalink
    6. März 2014 22:24

    So ist das also mit den Faschisten. Und das in Russland die Faschos – denn nichts anderes ist die „Eurasische Union“ von Dugin, die Putin gerade versucht umzusetzen – längst die Macht haben, darauf geschissen. Und die „Borortjba“ als freundliche antifastistische Stalinisten werden auch bemüht. Dumm nur – dass in der sowjetischen Realität die „ukrainischen Kollaborateure“ die Nazi-Wehrmacht aus der Ukraine vertrieben haben. Was gerade auch ganz gern vergessen wird. Und sie ganz gewiss nicht das große Problem der Gegenwart in der Ukraine darstellen.

  2. 7. März 2014 16:16

    Ja, So ist das mit den Faschisten, ja, so ist das auchmit der Eu, der russischen Staatsmacht, abwer auch den nach Mächten polarisierenden, ja, Machtkonstellationen hinterherrennenden Gruppen wie Borotba, und der anti-imp -linken, die jede Regierung unterstützt, die gegen die US of A ist, und mit allen, die nicht gelernt haben, dass die einzige Solidarität, die einen nicht vereinnahmt für Mächte, die von unten für unten ist! da könnten die parteiafffinen Theoretiker aller Couleur noch so sehr hetzen, mit dem Standpunkt der Klasse von unten wäre immer klar.“Es existieren keine „guten“ Mächte“! – eine leider immer wieder vernachlässigte Wahrheit, die Anarchisten eigentlich in Fleisch und Blutübergegangen sein sollte… Damit könnte man ja herausfinden, welche Bewegung man wirklich solidarisch unterstützt, wen man solidarisch kritisiert, und wer so gar nicht in die Richtung einer tatsächlichen Befreiung arbeitet…
    „per diventare così coglioni
    da non riuscire più a capire
    che non ci sono poteri buoni“

    • So ist das also permalink
      7. März 2014 23:36

      Eben. Das ist in der Ostukraine der Fall. Die interessiert aber offenbar niemanden.

  3. Ukrainisches "Great Game" von T. Konicz permalink
    7. März 2014 16:59

    Tomas Konicz, Telepolis 06.03.2014
    Wer will was erreichen beim geopolitischen Machtkampf um die Ukraine?
    Diesmal war es die US-Politikern Hillary Clinton, die mit ihrer Gleichsetzung Wladimir Putins mit Adolf Hitler mal wieder Godwins Gesetz bestätigte. Die vom Sachbuchautor Mike Godwin entdeckte Gesetzmäßigkeit besagt, dass mit fortschreitender Dauer einer Diskussion oder Auseinandersetzung eine Streitpartei zwangsläufig einen Nazi-Vergleich zur Diskreditierung der Gegenseite heranführen wird. In diesem Fall weist Clintons Hitleranalogie eine besondere tragigkomische Komponente auf, da gerade innerhalb der westlich gestützten Opposition starke rechtsextremistische Strömungen aktiv sind.
    (…)
    http://www.heise.de/tp/artikel/41/41166/1.html

    • Ukrainisches "Great Game" u. weitere Artikel permalink
      7. März 2014 20:16

      vom selben Autor:

      Ukraine am Abgrund
      Die wirtschaftliche Lage der Ukraine kann nur als dramatisch bezeichnet werden
      28.02.2014 – http://www.heise.de/tp/artikel/41/41121/1.html

      Geopolitisches Déjà-vu
      Gut hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges verzetteln sich die Großmächte abermals in einem riskanten geopolitischen Great Game um Einfluss und Macht in der Ukraine
      27.02.2014 – http://www.heise.de/tp/artikel/41/41112/1.html
      Geopolitisches Déjà-vu

      Tomasz Konicz Krisenideologie Wahn und Wirklichkeit spätkapitalistischer Krisenverarbeitung Als eBook für 4,99 Euro bei Telepolis erschienen.
      27.02.2014 – http://www.heise.de/tp/artikel/41/41112/2.html
      WhatsApp-Deal macht Dotcom-Blase 2.0 deutlich

      Aufwachen im Blasenland
      Kann die etablierte bürgerliche Ökonomie den Charakter und die Ursachen der gegenwärtigen kapitalistischen Systemkrise begreifen?
      19.02.2014 – http://www.heise.de/tp/artikel/41/41025/1.html

  4. 8. März 2014 13:00

    ich kann diese verlogenheit nicht mehr ertragen. das moralische aufheulen unserer politiker gegen russland ist heuchelei. ich empfinde solidarität mit den pazifisten und pazifistinnen in der ukraine, in russland, in den usa und in europa. solidarisch mit unseren politischen führern kann ich nicht sein.

    • du hast es gut permalink
      10. März 2014 21:23

      Russland ist dabei noch viel besser. Es ist die Frage ob es gut ist, oder schlecht, dass man hier kein russisches Fernsehen guckt – da gehts nämlich richtig ab. Und ich glaube bei beiden wird uns Pazifismus nicht weiterhelfen.

  5. Rotbrauner Durchfall permalink
    8. März 2014 19:13

    https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2007/dezember/faschismus-a-la-dugin
    Das ist das rot-braune Gemisch was sich da zusammengebraut hat. Die FAU hatte es schon Ende der 90er Jahre unter die Lupe genommen. Heute ist es die Regierung in Russland.

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