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Erste Eindrücke aus Kiew

25. Februar 2014

panzer_01Wir sind ja erst seit ein paar wenigen Stunden hier, aber soviel trauen wir uns jetzt schon zu sagen: Wer behauptet, dass die Rechte – ob parlamentarisch (Swoboda) oder außerparlamentarisch (rechter Sektor) – hier keine zentrale Rolle spielt, lügt.

Schon die Taxifahrt ins Hotel gestaltet sich, zumindest für den Fahrer, nervenaufreibend. Zweimal wird er an Straßensperren von Vermummten mit Knüppeln angehalten, die seinen Wagen durchsuchen. Angekommen im Zentrum der Millionenmetropole fühlt man sich, als wäre man in einem Heerlager. Barris, noch größer als vor einem halben Jahr am Taksim, hunderte Männer in soldatischer Kleidung mit Sturmmasken, Helmen und Waffen, einige eroberte Wasserwerfer, und sogar Panzer. Bullen gibt es keine mehr, zumindest sieht man nirgendwo welche. An und für sich eine angenehme und schöne Sache, wäre da nicht die ideologische Ausrichtung der Proteste.

Denn Faschismus ist hier kein politisches Projekt einer kleinen versoffenen Minderheit wie in der ostdeutschen Einöde. Die rechten Kräfte sind die präsenteste Kraft. Wie die Mehrheit der Bevölkerung – egal ob Opposition oder Regierungslager – denkt, darüber können wir noch nicht urteilen. Aber was die Sichtbarkeit hier im Zentrum Kiews angeht, ist hier wenig Interpretationsspielraum. Noch öfter als die Nationalfahne mit diversen Aufschriften wie „Ehre der Ukraine“ oder „Swoboda“ ist die schwarz-rote Fahne der Ukrainischen Aufständischen Armee, die im Zweiten Weltkrieg Zehntausende Juden, Polen und Kommunisten ermordete. Runen, Keltenkreuze, Bilder des Nazi-Kollaborateurs Stepan Bandera.

Meine zweite Zufallsbekanntschaft in der Stadt lässt sich so beschreiben: Ich steh da, will ein Foto machen, ärger mich, weil die Einstellungen nicht passen. Ein Typ um die 50 sieht das, kommt her, und sagt irgendwas, das ich nicht verstehe. Ich sag ihm: Ich versteh dich nicht. Er drückt mir eine Knoblauch-Zehe in die Hand und will, dass ich die esse. Er war sympathisch, also esse ich den Knoblauch und versuch ihm auf Englisch und Deutsch zu sagen, dass ich ihn nicht verstehe. Irgendwann fällt das Wort „Deutschland“. Er wird hellhörig, setzt die Mütze ab und zeigt mir seine erstklassige Hitler-Frisur. Er sagt „Slava Deutschland“ und präsentiert stolz eine Halskette aus 5 Hakenkreuzchen.

Viele Menschen sehen hier im „Rechten Sektor“ eine Art außerparlamentarischer Kontrollinstanz. Vertrauen haben sie natürlich keines in Janukowitsch und die Partei der Regionen, aber auch kaum in die westliche „demokratische“ Opposition. Sie hoffen, dass die Rechten von außerhalb des Parlaments Druck ausüben, damit – egal, wer an die Macht kommt – nicht gegen die „Interessen des Volkes“ handelt. Da zu erwarten ist, dass – angesichts der ökonomischen Situation – jede Regierung, die an die Macht kommt, durch die Aufnahme von Krediten der USA, der EU und des IWF gezwungen sein wird, extreme Verschlechterungen für die Bevölkerung hier durchzusetzen (die Austeritätsprogramme sind schon fertig geschrieben), stehen den Faschisten goldene Zeiten bevor. Sie werden sich als Retter in der Not präsentieren können, wenn die nächste Regierung den hier üblichen Weg aus Selbstbereicherung, Korruption und Unterordnung des Landes unter den Westen oder Russland fortsetzt.

Quelle: Lower Class Magazine

5 Kommentare leave one →
  1. 25. Februar 2014 17:09

    Hat dies auf T*park rebloggt.

  2. 26. Februar 2014 17:02

    Ukraine, aktuell: Nazi-Freikorps schiessen auf zivilen Widerstand linker Aktivist*innen, Polizei der neuen Putschregierung laesst ihnen freie Hand
    https://linksunten.indymedia.org/de/node/107019
    und gestern,gleiche Quelle:
    Live aus Kiev: Morde und Morddrohungen an linke Aktivist*innen in der Ukraine, auch Hintergrund und Antifa-Widerstand
    https://linksunten.indymedia.org/de/node/107019
    Radio Dreieckland hat diesen Beitrag:
    Rechte-paramilitärische Gruppen kontrollieren die Ukraine
    https://www.freie-radios.net/62170

    – die Berichte sind über linksunten – ich bin bestimmt der Letzte, der Lenin.- Statuen hinterherheult, aber WER die zur Zeit niederreisst, und dabei brutalste Linkenhatz verübt, das sollte hier schon bekannt werden!
    aber die Mentalität der Tagesschau- Macher ist „jetzt wird alles besser – bitte weitergehen, gibt nix zu seh’n hier“ ..

  3. 27. Februar 2014 00:16

    Kiew, Morde und Morddrohungen an uns
    http://www.scharf-links.de/44.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=42779&tx_ttnews%5BbackPid%5D=56&cHash=83292b5541
    Morde und weitere Morddrohungen an Linke in der ukrainischen Hauptstadt, SBU arbeitet nach Hinweisen der letzten Stunden mit Nazis (’naro- dny narbat‘) an einer ‚kill list‘ gegen linke Akti- vistInnen, Beginn der Operation geplant für morgen
    Leute,
    dass hier bei uns in der Ukraine der Bär los ist werdet ihr mitbekommen haben. Aber die Lage verändert sich stündlich und nicht wirklich zum Besseren, KollegInnen. Ohne Eure geschärfte Wachsamkeit und hoffentlich wie sonst spannfreudiges Kritikvermögen sind wir hier auf zu dünnem Eis, im momentanen Auge des braunen EU-Sturms.
    Informiert, mischt Euch ein!…

  4. Ukraine: Geopolitisches Déjà-vu // Faschisten wollen an die Macht permalink
    27. Februar 2014 21:02

    Tomasz Konicz, telepolis 27.02.2014
    Gut hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges verzetteln sich die Großmächte abermals in einem riskanten geopolitischen Great Game um Einfluss und Macht in der Ukraine
    Das große Schulterklopfen in Deutschlands konservativem Leitmedium, der FAZ, setzte nur kurz nach dem Coup von Kiew ein. Deutschland hätte bei der diplomatischen Intervention in Kiew, bei der „eine Übereinkunft zwischen der ukrainischen Führung und der Opposition“ erzielt worden sei, endlich „Verantwortung übernommen“. Die Bundesrepublik sei – in Gestalt des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier – hierbei ihrer „Führungsrolle in Europa nachgekommen“.
    Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/41/41112/1.html


    b.) Popular Uprising, Foreign Manipulation and Rising Fascism in Ukraine
    Political economist Aleksandr Buzgalin and international law professor John Quigley discuss the internal rivalries for power taking place within Ukraine, and the history of its relations with Russia
    Quelle: The Real News Network – http://therealnews.com/t2/index.php?option=com_content&task=view&id=31&Itemid=74&jumival=11516

    Anmerkung RS: Sehr informativ und differenziert. Aber leider nur auf Englisch.
    Faschisten wollen die Macht
    Regierungsbildung in Kiew verschoben. Machtkampf unter Putschisten

    c.) Die faschistische Schlägertruppe »Rechter Block« will in der Ukraine an die Macht. Nach Angaben der der bisherigen Opposition nahestehenden Internet­zeitung Ukrainska Prawda hat ihr Anführer Dmitro Jarosch für seine Gruppierung einflußreiche Posten in den »Gewaltressorts« Inneres, Justiz und Verteidigung sowie das Kommando über die paramilitärischen Truppen des Innenministeriums beansprucht. Den Posten des parlamentarischen Kontrolleurs über die Generalstaatsanwaltschaft hat bereits der Justitiar der faschistischen Freiheitspartei, Oleg Machnitzki, übernommen.
    Unter dem Deckmantel einer »Rückbindung an den Maidan« haben sich die Faschisten einen weiteren Einflußkanal geschaffen. Mit parlamentarischer Unterstützung von Politikern der »Vaterlandspartei« verlangen »Vertreter des Maidan«, in allen Ministerien Staatssekretärsposten zu bekommen. So könnten sie Korruption kontrollieren, erklärte »Vaterlands«-Politiker Arseni Jazenjuk. Was er nicht sagte: Genauso können sie natürlich an dieser Korruption teilhaben und interne Mittel und internationale Hilfsgelder in die eigene Tasche stecken oder an ihre politischen Formationen weiterleiten. Jazenjuk ist in den letzten Tagen verstärkt als Wortführer »des Maidan« aufgetreten. Er versucht offenbar, seine Bekanntheit als Anführer d er Proteste in eine neue politische Machtbasis zu verwandeln, nachdem seine Stellung in der »Vaterlandspartei« durch das Comeback von Julia Timoschenko geschwächt ist.
    Quelle: junge Welt – http://www.jungewelt.de/2014/02-26/034.php

    Anmerkung C.R.: Der deutsche Außenminister Steinmeier hat mit dazu beigetragen, dass Faschisten in Europa wieder solonfähig werden könnten: Schließlich hatte er sich ohne Not auch mit dem “Swoboda”-Anführer in der Ukraine getroffen und verhandelt, was u.a. hier nachgelesen (mit Foto) werden kann: Vom Stigma befreit.


    d.) Nato warnt Russland vor Eskalation in der Ukraine
    Während Putin die Einsatzbereitschaft seiner Armee im Westen prüft, warnt die Nato vor einer Eskalation. Die Souveränität der Ukraine müsse respektiert werden – “von allen, die es betrifft”
    Quelle: Die Welt – http://www.welt.de/politik/ausland/article125224140/Nato-warnt-Russland-vor-Eskalation-in-der-Ukraine.html

  5. 27. Februar 2014 22:06

    Aufbruch in den Abgrund
    27. Februar 2014
    Einschätzungen und Eindrücke aus der Ukraine
    Wir waren ja nur kurz da, aber haben viel erlebt. Viele Gespräche geführt, mit Befürwortern und Gegnern des Aufstandes, der vergangenes Wochenende den vormaligen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch zur Flucht veranlasste. Wir haben viele Nazis und Faschisten getroffen, viele „normale Leute“ auf beiden Seiten, einige Wissenschaftler und Intellektuelle und sehr wenige (aber immerhin) Linke. Was sich ergeben hat, kann man hier lesen. …
    http://lowerclassmagazine.blogsport.de/2014/02/27/aufbruch-in-den-abgrund/

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