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Der frühe Syndikalismus als Antikriegsopposition

19. Februar 2014

doering-syndikalismus-erster_weltkriegÜber die Freie Ver­ei­ni­gung deut­scher Ge­werk­schaf­ten (FVdG) im Ers­ten Welt­krieg in­for­miert eine Neu­er­schei­nung.

Dar­stel­lun­gen von po­li­ti­schen Strö­mun­gen im kai­ser­li­chen Wil­hel­mi­nis­mus, die sich in der Zeit des sich zum hun­derts­ten Mal jäh­ren­den ers­ten welt­um­span­nen­den Krieg fun­da­men­tal op­po­si­tio­nell zeig­ten, fal­len selbst im Ju­bi­lä­ums­jahr spär­lich aus. Trotz der Dut­zen­den Neu­er­schei­nun­gen der ver­gan­ge­nen Mo­na­te zu den Hin­ter­grün­den und zum Ver­lauf des Ers­ten Welt­krie­ges bleibt eine Spu­ren­su­che nach die­sen Ten­den­zen, die nicht in den chau­vi­nis­ti­schen Chor des „Au­gus­t­er­leb­nis­ses“ von 1914 ein­stimm­ten, weit­ge­hend aus.

Helge Döh­ring setzt mit sei­nem jüngst er­schie­ne­nen Buch „Syn­di­ka­lis­mus in Deutsch­land 1914-​1918. ‚Im Her­zen der Bes­tie‘“, wel­ches den zwei­ten Band einer Reihe unter dem Titel „An­ar­chis­tIn­nen & Syn­di­ka­lis­tIn­nen und der Erste Welt­krieg“ aus dem Ver­lag Edi­ti­on AV bil­det, einen pu­bli­zis­ti­schen Kon­tra­punkt. Nach ei­ge­nem Be­kun­den will er mit die­ser Ver­öf­fent­li­chung eine erste Mo­no­gra­fie zum Thema vor­le­gen. Die­sen durch­aus am­bi­tio­nier­ten, selbst for­mu­lier­ten An­spruch kann diese Pu­bli­ka­ti­on indes nur zum Teil ein­lö­sen. Der the­ma­ti­sche Fokus, die An­ti­kriegs­po­si­ti­on der lo­ka­lis­tisch-​syn­di­ka­lis­ti­schen Freie Ver­ei­ni­gung deut­scher Ge­werk­schaf­ten (FVdG), er­streckt sich in dem gut 230 Sei­ten um­fas­sen­den Band auf le­dig­lich vier­zig Sei­ten. Zuvor wird die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Lo­ka­lis­mus bis 1914 bzw. der Be­we­gungs­zu­stand des sich her­aus­bil­den­den Syn­di­ka­lis­mus kurz vor Kriegs­be­ginn in knap­pen Zügen ge­schil­dert. Einen re­la­tio­nal recht brei­ten Raum neh­men die Aus­füh­run­gen zu den SPD-​na­hen Zen­tral­ge­werk­schaf­ten, der Ge­ne­räl­kom­mis­si­on der Ge­werk­schaf­ten Deutsch­lands, und die SPD mit ihrer mei­nungs­bil­den­den Pres­se in­ner­halb der Ar­bei­te­rIn­nen­be­we­gung ein. Im An­hang do­ku­men­tiert Döh­ring im Schwer­punkt the­men­spe­zi­fi­sche Ori­gi­nal­tö­ne von Lo­ka­listln­nen und Syn­di­ka­lis­tIn­nen (u.a. von Fritz Kater oder Fritz Oer­ter).


Döh­rings zen­tra­le These lau­tet, „dass die lo­kal­or­ga­ni­sier­ten Ge­werk­schaf­ter der Ar­bei­ter­be­we­gung aus ihrem Selbst­ver­ständ­nis und aus ihrer Pra­xis her­aus die erste und zu­nächst ein­zi­ge pro­le­ta­ri­sche Be­we­gung, fest or­ga­ni­sier­ter Kriegs­geg­ner auf Reichs­ebe­ne stell­ten, die als Teil der Ar­bei­ter­be­we­gung seit Kriegs­be­ginn ent­spre­chend vom Herr­schafts­ap­pa­rat be­kämpft wur­den.“ (19-20) Dabei be­steht die ei­gent­li­che Pio­nier­leis­tung des Au­tors darin, die wäh­rend des Welt­krie­ges zir­ku­lie­ren­den FVdG-​In­for­ma­ti­ons­blät­ter aus­ge­wer­tet zu haben, um die be­trieb­li­che lo­ka­le, und re­gio­na­le Aus­brei­tung der FVdG dar­le­gen zu kön­nen. Dies be­zeich­net Döh­ring als den ,,quel­len­ori­en­tier­te[n] Kern­be­reich des Bu­ches.“ (11)

Die An­fän­ge des früh-​syn­di­ka­lis­ti­schen Lo­ka­lis­mus

Die Or­ga­ni­sa­ti­ons­ge­schich­te des Lo­ka­lis­mus, den man als Seg­ment der an­ti­au­to­ri­tä­ren Ar­bei­te­rIn­nen­be­we­gung ein­grup­pie­ren kann, ist vor allem durch die 1985 ver­öf­fent­lich­te Stu­die „Ge­werk­schaft­li­che Ver­samm­lungs­de­mo­kra­tie und Ar­bei­ter­de­le­gier­te von 1918. Ein Bei­trag zur Ge­schich­te des Lo­ka­lis­mus, des Syn­di­ka­lis­mus und der ent­ste­hen­den Rä­te­be­we­gung“ von Dirk H. Mül­ler er­ör­tert wor­den. Die FVdG wurde 1897 in Halle unter, dem Namen Ver­trau­ens­män­ner-​Zen­tra­li­sa­ti­on Deutsch­lands als Dach­ver­band der lo­ka­lis­ti­schen Strö­mung der pro­le­ta­ri­schen Be­we­gung ge­grün­det. Im Zuge des 5. Kon­gres­ses von 1903 er­folg­te die Na­mens­än­de­rung in FVdG. Of­fen­bar ist das Jahr der Um­be­nen­nung strit­tig. Wäh­rend in Döh­rings zu re­zen­sie­ren­dem Band auf­grund eines Druck­feh­lers keine ex­ak­te Jah­res­an­ga­be be­nannt ist (vgl. 30), gibt er in sei­nem Buch „Ab­wehr­streik…Pro­test­streik…Mas­sen­streik? Ge­ne­ral­streik! Streik­theo­ri­en und -​dis­kus­sio­nen in­ner­halb der deut­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie vor 1914″ (2009) das Jahr 1901 an. (vgl. 21)

Zen­tra­le Fi­gu­ren des Lo­ka­lis­mus waren Fritz Kater (1861-​1945), Ra­pha­el Frie­de­berg (1863-​1940) und Ar­nold Rol­ler (d.i. Sieg­fried Nacht) (1878-​1956), die die Po­li­tik der FVdG u.a. auf­grund ihrer Ver­öf­fent­li­chun­gen pro­gram­ma­tisch we­sent­lich präg­ten. „Die FVdG be­fass­te sich […]“, so Döh­ring die FVdG-​Ak­ti­vi­tä­ten skiz­zie­rend, „mit den an­ste­hen­den ge­werk­schaft­li­chen Ta­ges­kämp­fen zur Ver­bes­se­rung der Ar­beits-​ und Lohn­be­din­gun­gen, pro­pa­gier­te die Idee des Ge­ne­ral­streiks, den An­ti-​Mi­li­ta­ris­mus, An­ti­Staat­lich­keit, Kir­chen­aus­trit­te und einen li­ber­tä­ren So­zia­lis­mus.“ (32) Die FVdG muss­te von den frei­ge­werk­schaft­li­chen Zen­tral­ver­bän­den als Kon­kur­renz am lin­ken Rand de­fi­niert wer­den, ob­wohl bis zu die­sem Zeit­punkt ex­pli­zit li­ber­tä­re In­hal­te eher schwach ver­tre­ten waren. Die SPD-​Füh­rung ori­en­tier­te an­fangs auf eine Wie­der­ein­glie­de­rung der lokal or­ga­ni­sier­ten Ver­bän­de in eine ein­heit­li­che Ge­werk­schafts­be­we­gung, die mit dem klas­sen­ver­söhn­le­ri­schen Credo des Vor­sit­zen­den der Frei­en Ge­werk­schaf­ten, Carl Le­gi­en (1861-​1920), in Ein­klang ste­hen soll­te.

Der Ver­lauf der sog. Mas­sen­streik­de­bat­te, die sich in­fol­ge der erup­ti­ven Er­eig­nis­se im za­ris­ti­schen Russ­land von 1905-​1907 in­ner­halb der deut­schen so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ar­bei­te­rIn­nen­be­we­gung ent­fal­te­te, führ­te den lo­ka­lis­ti­schen Ge­werk­schaf­te­rIn­nen vor Augen, dass eine Fu­si­on mit den ge­werk­schaft­li­chen Zen­tral­ver­bän­den un­wei­ger­lich mit einer Auf­ga­be der klas­sen­kämp­fe­ri­schen Po­si­tio­nie­rung, der Fa­vo­ri­sie­rung di­rek­ter Ak­tio­nen und der fö­de­ra­lis­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­ons­form ein­her gehen würde.

Die SPD-​Füh­rung baute seit dem Par­tei­tag von 1905 in Jena ge­gen­über den lokal or­ga­ni­sier­ten Par­tei­mit­glie­dern zu­neh­mend Druck auf, sich von der FVdG und ihren „an­ar­cho­so­zia­lis­ti­schen“ Be­stre­bun­gen mit einem Über­tritt in die zen­tra­li­sier­ten Ge­werk­schaf­ten zu dis­tan­zie­ren. Eine ent­spre­chen­de Par­tei­tags-​Re­so­lu­ti­on, die 1907 ver­ab­schie­det und um­ge­setzt wurde, lehn­te die FVdG-​Ge­schäfts­kom­mis­si­on mehr­heit­lich ab. Diese Kon­tro­ver­se soll­te sich wei­ter zu­spit­zen, bis auf dem SPD-​Par­tei­tag von 1908 in Nürn­berg die De­le­gier­ten einen von der Par­tei­spit­ze ge­for­der­ten Un­ver­ein­bar­keits­be­schluss mit der FVdG ab­seg­ne­ten. Die Spal­tung in­ner­halb der so­zi­al­de­mo­kra­tisch ori­en­tier­ten Ge­werk­schafts­be­we­gung war nun voll­zo­gen.

Der Mit­glie­der­rück­gang ent­wi­ckel­te sich nach dem an die FVdG-​Ak­ti­vistln­nen adres­sier­ten SPD-​Ul­ti­ma­tum ra­sant. Ver­zeich­ne­te die FVdG 1907 noch etwa 17.​500 Mit­glie­der so sank die Zahl der ein­ge­schrie­be­nen Ak­ti­ven – von einem Zwi­schen­hoch um 1912/1913 ab­ge­se­hen – bis zum Be­ginn der Kriegs­hand­lun­gen auf 6.​000. (vgl. 129) Die po­ly­mor­phen Bin­dun­gen der ein­zel­nen FVdG-​Mit­glie­der an die SPD bzw. das so­zi­al­de­mo­kra­tisch be­ein­fluss­te Ge­werk­schafts­mi­lieu waren der­art eng ge­knüpft, so dass einer re­le­van­ten Mehr­heit der FVdG-​Or­ga­ni­sier­ten das SPD-​Mit­glieds­buch und der Ver­bleib in den Zen­tral­ver­bän­den wich­ti­ger war als ein ak­ti­ves En­ga­ge­ment in lo­ka­lis­ti­schen Struk­tu­ren. „Übrig blieb mit der FVdG ein har­ter Kern sehr über­zeug­ter Ak­ti­vis­ten. Für das Ver­ständ­nis der Ent­wick­lung des Syn­di­ka­lis­mus der Nach­kriegs­zeit ist dies von enor­mer Be­deu­tung“, re­sü­miert Döh­ring. (33)

Der im Mai 1914 in Ber­lin ab­ge­hal­te­ne 11. FVdG-​Kon­gress war der letz­te vor dem Auf­takt des Welt­kriegs­ge­sche­hens und „[d]ie Be­stands­auf­nah­me der ört­li­chen Ent­wick­lung der ei­ge­nen Or­ga­ni­sa­ti­on zeig­te mehr De­fi­zi­te auf als ein Vor­wärts­kom­men“, wie der Autor ver­merkt. (38) Mit dem Ein­set­zen der „Ur­ka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts“ (Kenn­an) zeig­te sich die FVdG dem­nach in kei­ner son­der­lich sta­bi­len or­ga­ni­sa­to­ri­schen Ver­fas­sung.

Gegen im­pe­ria­lis­ti­schen Krieg und so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Burg­frie­den

Die FVdG ge­riet schnell nach den Kriegs­er­klä­run­gen des wil­hel­mi­ni­schen Deutsch­lands an Russ­land und Frank­reich An­fang Au­gust 1914 in das Müh­len­werk der Re­pres­si­on. Döh­ring weist aus­drück­lich dar­auf hin, dass die FVdG mit kei­nem ge­ne­rel­len Ver­bot be­legt oder gar in ihrer Struk­tur kom­plett zer­schla­gen wurde, (vgl. 60) Al­ler­dings wur­den ihre Be­tä­ti­gungs­mög­lich­kei­ten z.T. mas­siv ein­ge­schränkt. Um der Pu­bli­zi­tät von Stel­lung­nah­men gegen Krieg und Burg­frie­den den Ver­mitt­lungs-​ und Ver­brei­tungs­raum zu neh­men, wur­den ent­spre­chen­de Or­ga­ne kur­zer­hand staat­li­cher­seits aus dem Ver­kehr ge­zo­gen. Am 5. Au­gust wurde die Her­aus­ga­be des FVdG-​Or­gans „Der Pio­nier“ und nur drei Tage spä­ter der Ver­trieb des lo­ka­lis­ti­schen Flagg­schiffs „Die Ei­nig­keit“ von den Be­hör­den un­ter­sagt. Damit waren den lo­kal­or­ga­ni­sier­ten Ge­werk­schaf­ten die pu­bli­zis­ti­schen Aus­drucks­mit­tel ent­ris­sen.

An­hand der de­tail­lier­ten Aus­wer­tung der je­weils ver­bo­te­nen FVdG-​Zir­ku­la­re „Mit­tei­lungs­blatt der Ge­schäfts­kom­mis­si­on der Frei­en Ver­ei­ni­gung deut­scher Ge­werk­schaf­ten“ (Au­gust 1914 bis Juni 1915) und des Nach­fol­ge­blatts „Rund­schrei­ben an die Vor­stän­de und Mit­glie­der aller der Frei­en Ver­ei­ni­gung deut­scher Ge­werk­schaf­ten an­ge­schlos­se­nen Ver­ei­ne“ (Juni 1915 bis Mai 1917) kann Döh­ring eine Art La­ge­bild lo­ka­lis­tisch-​syn­di­ka­lis­ti­scher Struk­tu­ren in den Be­trie­ben ent­wer­fen. Hier­mit zeigt er auf, „dass die Syn­di­ka­lis­ten eine Rolle in­ner­halb der wi­der­stän­di­gen Ar­bei­ter-​ und Streik­be­we­gung ein­nah­men, wobei ihnen die lang­jäh­ri­ge Or­ga­ni­sa­ti­ons­er­fah­rung zu­gu­te kam, die den un­or­ga­ni­sier­ten und als ‚Mas­sen­ar­bei­ter‘ be­zeich­ne­ten Kol­le­gen weit­ge­hend ab­ging.“ (24) Zeit­gleich zur be­trieb­li­chen Ak­ti­vi­tät von Syn­di­ka­lis­tIn­nen bil­de­ten sich seit den ers­ten Kriegs­mo­na­ten „auch Keime der spä­te­ren ‚Re­vo­lu­tio­nä­ren Ob­leu­te‘“, wie der Autor fest­stellt. (20) Die Re­vo­lu­tio­nä­ren Ob­leu­te um Ri­chard Mül­ler (1880-​1943) ope­rier­ten als in­for­mel­les op­po­si­tio­nel­les Netz­werk des frei­ge­werk­schaft­li­chen Deut­schen Me­tall­ar­bei­ter-​Ver­bands (DMV) und als in­ner­so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche In­ter­ven­ten gegen die do­mi­nan­te Pro-​Kriegs­stim­mung. Al­ler­dings darf nach bis­he­ri­gem For­schungs­stand Döh­ring zu­fol­ge fest­ge­hal­ten wer­den, dass für die or­ga­ni­sier­ten syn­di­ka­lis­ti­schen Kräf­te in den Be­trie­ben das „Prä­di­kat“ zu re­kla­mie­ren ist, als erste eine re­vo­lu­tio­när-​an­ti­mi­li­ta­ris­ti­sche Pra­xis an den Tag ge­legt zu haben, (vgl. 22)

Be­zug­neh­mend auf die Erst­aus­ga­be des FVdG-​Mit­tei­lungs­blatts vom 3. Au­gust 1914 fasst der Autor die Auf­ga­ben­stel­lun­gen der lo­kal­or­ga­ni­sier­ten Ge­werk­schaf­te­rIn­nen unter den Be­din­gun­gen des Krie­ges zu­sam­men: „1. Die Mit­glie­der in der Or­ga­ni­sa­ti­on zu hal­ten. 2. Die Ver­samm­lun­gen fort­zu­füh­ren, bei­spiels­wei­se durch Lese- und Vor­trags­aben­de. 3. Den or­ga­ni­sa­to­ri­schen Be­stand der Orts­ver­ei­ne ab­zu­si­chern durch die Er­nen­nung von Er­satz­vor­stän­den für plötz­lich zum Krieg be­ru­fe­ne Mit­glie­der. Emp­foh­len wurde die Wahl von nicht­mi­li­tär­pflich­ti­gen Ge­nos­sen. 4. ge­gen­sei­ti­ge Un­ter­stüt­zung der Orts­ver­ei­ne an einem Ort von Mit­glie­dern und deren Fa­mi­li­en zu ge­währ­leis­ten. 5. Be­voll­mäch­tig­te für alle Orts­ver­ei­ne am Ort zu er­nen­nen, die den Kon­takt zur Ge­schäfts­kom­mis­si­on hal­ten, sowie das Mit­tei­lungs­blatt an die Vor­stän­de ver­tei­len.“ (63) Mit der Durch­füh­rung wis­sen­schaft­li­cher Vor­trags­aben­de galt es, das ideo­lo­gi­sche Fun­da­ment des Lo­ka­lis­mus zu fes­ti­gen, um der auf­ge­heiz­ten (so­zi­al-​)chau­vi­nis­ti­schen At­mo­sphä­re in der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ar­bei­te­rIn­nen­be­we­gung zu trot­zen. Die Er­le­di­gung in­ner­or­ga­ni­sa­to­ri­scher und ge­werk­schaft­li­cher Ta­ges­auf­ga­ben soll­te fer­ner ein Min­dest­be­stand an Struk­tur und ein Min­dest­maß an Tä­tig­keit auf­recht­er­hal­ten.

Die bel­li­zis­ti­sche Frak­ti­on in­ner­halb der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ar­bei­te­rIn­nen­be­we­gung ging de facto mit der Staats­füh­rung einen Kon­trakt ein, nach dem die Ein­stel­lung von Ar­beits­kämp­fen mit einer Ein­gren­zung des Aus­beu­tungs­gra­des in den kriegs­re­le­van­ten In­dus­tri­en ho­no­riert wurde. Die von die­ser Frak­ti­on be­für­wor­te­ten staats­di­ri­gis­ti­schen Ein­grif­fe in das Wirt­schafts­le­ben, die den Be­triebs­frie­den zu wah­ren hat­ten, wur­den unter dem ir­re­füh­ren­den Be­griff „Kriegs­so­zia­lis­mus“ be­kannt, (vgl. 53) Im Zuge des Rüs­tungs-​ und Wirt­schafts­pro­gramms der Obers­ten Hee­res­lei­tung (OHL), dem sog. Hin­den­burg-​Pro­gramm, ge­lang­te An­fang De­zember 1916 das „Ge­setz über den va­ter­län­di­schen Hilfs­dienst“ (HDG) zur Ver­ab­schie­dung, das eine ver­bind­li­che Ar­beits­pflicht für alle Män­ner im Alter von 17 bis 60 Jah­ren ge­setz­lich ver­an­ker­te, um die Kriegs­pro­duk­ti­on auf hohem Ni­veau zu hal­ten. Diese Kum­pa­nei zwi­schen SPD und OHL brach­te es mit sich, dass früh-​syn­di­ka­lis­ti­sche Po­si­tio­nen und Struk­tu­ren in­ner­halb und au­ßer­halb der Be­trie­be wirk­sam mar­gi­na­li­siert wer­den konn­ten.

Um den Auf­lö­sungs-​ und Zer­falls­pro­zess der FVdG auf­zu­hal­ten, er­ging im vom Autor do­ku­men­tier­ten Text „Zwei Jahre Welt­krieg“ aus dem Rund­schrei­ben (Nr. 28, 1. Au­gust 1916) ein ein­dring­lich for­mu­lier­ter Ap­pell an die An­hän­ge­rIn­nen­schaft des Lo­ka­lis­mus: “ […] Hal­tet fest zur Or­ga­ni­sa­ti­on! Pflegt die­sel­be nach bes­ten Kön­nen und Ver­mö­gen, damit spä­ter nicht auch noch neben allem an­de­ren der Ver­lust der Or­ga­ni­sa­ti­on und ihre Kraft zu be­kla­gen ist.“ (132) In die­sem Kon­text führt Döh­ring die Grün­dung einer syn­di­ka­lis­ti­schen Ver­ei­ni­gung in Ber­lin, die An­fang 1917 in der Haupt­pha­se des Krie­ges ge­bil­det wurde, als kon­trä­re Mi­kro­st­ruk­tur an. Die Exis­tenz des All­ge­mei­nen Ar­bei­ter­ver­eins Ber­lin ver­weist dar­auf, dass die Syn­di­ka­lis­tIn­nen ob­gleich des kriegs­be­ding­ten Ader­las­ses über die Bil­dung neuer Ver­ei­ni­gun­gen ein ge­wis­ses Or­ga­ni­sa­ti­ons­le­ben be­wah­ren konn­ten. Der Zweck die­ses Ber­li­ner pro­le­ta­ri­schen Bun­des wird in der im FVdG-​Rund­schrei­ben (Nr. 43 vom 15. März 1917) ver­öf­fent­lich­ten Sat­zung of­fe­riert: „Der All­ge­mei­ne Ar­bei­ter­ver­ein […] hat die Auf­ga­be, seine Mit­glie­der in die Grund­sät­ze der Frei­en Ver­ei­ni­gung deut­scher Ge­werk­schaf­ten ein­zu­füh­ren, sie in die Ideen des in­ter­na­tio­na­len So­zia­lis­mus zu ver­tie­fen und da­durch das pro­le­ta­ri­sche Klas­sen­in­ter­es­se und die so­li­da­ri­sche Ge­mein­sam­keit der Ar­bei­ter­klas­se der gan­zen Welt in ihnen zu we­cken und zu fes­ti­gen.“ (126)

In den in­ter­na­tio­na­len an­ar­chis­ti­schen und syn­di­ka­lis­ti­schen Zu­sam­men­hän­gen wurde das Pro und Con­tra einer (of­fen­si­ven) Un­ter­stüt­zung der Kriegs­par­tei­en kon­tro­vers dis­ku­tiert. Das tra­di­tio­nel­le li­ber­tä­re Votum, jeg­li­chen Bei­stand ge­gen­über kriegs­be­tei­lig­ten Staa­ten einer in­nerim­pe­ria­lis­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung ab­zu­leh­nen, wurde umso en­er­gi­scher einem Be­las­tungs­test un­ter­zo­gen, als im Fe­bru­ar 1916 ein er­le­se­ner Kreis von Li­ber­tä­ren ver­schie­de­ner Cou­leur das „Ma­ni­fest der 16″ unter geis­ti­ger Fe­der­füh­rung von Peter Kro­pot­kin (1842-​1921) lan­cier­te. Die Un­ter­zeich­nen­den spra­chen sich, unter ihnen Jean Grave (1854-​1939) und Chris­tia­an Cor­ne­lis­sen (1864-​1942), ex­pli­zit für einen mi­li­tä­ri­schen Tri­umph der Tri­ple En­tente (Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich, Frank­reich und Russ­land) ge­gen­über dem Block der Mit­tel­mäch­te (Deut­sches Reich, Ös­ter­reich-​Un­garn) aus. Die Kri­ti­ke­rIn­nen sahen in dem ver­brei­te­ten Ma­ni­fest einen Damm­bruch der an­ti­mi­li­ta­ris­ti­schen Ma­xi­me, die nun gründ­lich auf­ge­weicht schie­nen. „Den­noch ver­blieb die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der An­ar­cho-​Syn­di­ka­lis­ten in­ter­na­tio­nal auf dem grund­sätz­li­chen Stand­punkt un­be­ding­ter Un­par­tei­lich­keit“, wie Döh­ring be­tont, „dar­un­ter auch die FVdG […].“ (66)

Die Frage, warum sich der Lö­we­n­an­teil der or­ga­ni­sier­ten so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ar­bei­te­rIn­nen­schaft vom Kriegs­tau­mel ein­fan­gen ließ, pro­ble­ma­ti­sier­te Fritz Oer­ter in der Auf­takt­num­mer von „Der Syn­di­ka­list“ (Nr. l, 14. De­zember 1918). In dem im Buch­an­hang do­ku­men­tier­ten Ar­ti­kel „Die deut­schen Ar­bei­ter im Welt­krieg“ kon­sta­tier­te er: „Rat­los und ziel­los irr­ten die Ar­bei­ter in jenen ers­ten Tagen auf den Stra­ßen umher, be­reit zu allem, für oder gegen den Krieg. Sie war­te­ten dar­auf, wozu sie von ihren Füh­rern auf­ge­for­dert wür­den.“ (138) Das blitz­ar­ti­ge Ver­wer­fen eines pro­le­ta­ri­schen An­ti­mi­li­ta­ris­mus und die ak­ti­ve Kriegs­teil­nah­me der ar­bei­te­rIn­nen­be­weg­ten Mas­sen las­sen sich nur schwer­lich ein­zig dar­auf zu­rück­füh­ren, dass die so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ar­bei­te­rIn­nen von der OHL für deren Kriegs­in­ter­es­sen funk­tio­na­li­siert wur­den. Die als Stig­ma­ti­sie­rung emp­fun­de­ne Fremd­zu­schrei­bung als „va­ter­lands­lo­se Ge­sel­len“ wurde von den Ver­tre­te­rIn­nen der re­vi­sio­nis­ti­schen und zen­tris­ti­schen Mehr­heits­strö­mun­gen in­ner­halb der deut­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie u.a. auf der par­la­men­ta­ri­schen Bühne re­gel­mä­ßig zu ent­kräf­ten ver­sucht. Die (an­fäng­li­che) Kriegs­eu­pho­rie und die le­dig­lich rhe­to­risch ver­ba­li­sier­te in­ter­na­tio­na­le pro­le­ta­ri­sche So­li­da­ri­tät in den Rei­hen der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ar­bei­te­rIn­nen­schaft ir­ri­tie­ren umso we­ni­ger, wenn be­dacht wird, dass die Ein­hal­tung einer ma­ch­ia­vel­li­schen Staats­rä­son so­wohl für die SPD-​No­men­kla­tu­ra als auch für die Mit­glie­der­ba­sis von gro­ßer Be­deu­tung war.

Nach Kriegs­en­de kamen in Ber­lin sowie an Rhein und Ruhr „die Syn­di­ka­lis­ten gut aus den Start­lö­chern“, wie Döh­ring no­tiert. (101) Mit der zü­gi­gen Re­or­ga­ni­sie­rung des (An­ar­cho-​)Syn­di­ka­lis­mus sowie der Grün­dung der Frei­en Ar­bei­ter­uni­on Deutsch­lands (FAUD) im Her­gang der No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on 1918/1919 konn­ten Fritz Kater und seine Kom­bat­tan­tIn­nen di­rekt an den Vor­kriegs-​Lo­ka­lis­mus der FVdG an­knüp­fen.

Vor­stu­die oder Mo­no­graf­le?

Döh­ring pos­tu­liert, dass sein Buch „gründ­lich und quel­len­ori­en­tiert“ den Bei­trag der lokal or­ga­ni­sier­ten Ge­werk­schaf­te­rIn­nen „spe­zi­ell für die Zeit von 1914 bis 1918 her­aus[ar­bei­tet].“ Nicht ein­sich­tig ist des­halb, warum be­stimm­tes Text­ma­te­ri­al keine Be­rück­sich­ti­gung fin­det. Der in­halt­lich nicht son­der­lich er­gie­bi­ge Text von Jür­gen Müm­ken „Vom Lo­ka­lis­mus zum re­vo­lu­tio­nä­ren Syn­di­ka­lis­mus. Die ‚Freie Ver­ei­ni­gung deut­scher Ge­werk­schaf­ten‘“ bleibt eben­so un­er­wähnt wie die im Ge­gen­satz dazu weg­wei­sen­de FAUD-​Mo­no­gra­fie von Hart­mut Rüb­ner unter dem Titel „Frei­heit und Brot: Die Freie Ar­bei­ter-​Uni­on Deutsch­lands. Eine Stu­die zur Ge­schich­te des An­ar­cho­syn­di­ka­lis­mus“ (1994).

Um die These, dass die lokal or­ga­ni­sier­ten Ver­bän­de die ers­ten au­then­ti­schen An­ti­kriegs­po­si­tio­nen in­ner­halb der bunt­sche­cki­gen Ar­bei­te­rIn­nen­be­we­gung de­mons­tra­tiv ar­ti­ku­lier­ten, bes­ser ab­zu­stüt­zen, hätte ein Blick auf die zeit­ge­nös­si­schen Rich­tun­gen der ra­di­ka­len Lin­ken er­fol­gen müs­sen. Die ra­di­ka­le Linke grup­pier­te sich ins­be­son­de­re um die Zei­tun­gen Licht­strah­len aus Ber­lin (Ju­li­an Bor­chardt), Bre­mer Bür­ger-​Zei­tung bzw. Ar­bei­ter­po­li­tik aus Bre­men (Jo­hann Knief, Karl Radek, Paul Frö­lich) sowie den Kampf aus Ham­burg (Hein­rich Lau­fen­berg, Fritz Wolff­heim). Als ein (loses) or­ga­ni­sa­to­ri­sches Ge­flecht bil­de­ten sich aus dem Um­feld der links­ra­di­ka­len Pres­se die In­ter­na­tio­na­len So­zia­lis­ten Deutsch­lands (ISD).

An­ti­mi­li­ta­ris­ti­sche Auf­fas­sun­gen und eine gegen die Burg­frie­dens­po­li­tik der SPD-​Mehr­heit ge­rich­te­te Agi­ta­ti­on fan­den in den be­sag­ten Ga­zet­ten ihre Be­to­nung. In die­sen Grup­pie­run­gen des Links­ra­di­ka­lis­mus ent­stan­den die Vor­for­men des Ar­bei­ter-​Unio­nis­mus, der in einer sei­ner Un­ter­strö­mun­gen das Mo­dell einer po­li­tisch-​wirt­schaft­li­chen Ein­heits­or­ga­ni­sa­ti­on aus­präg­te.

Eine Her­an­zie­hung des in­halt­li­chen Ma­te­ri­als des be­reits ab­schlie­ßend vor­be­rei­te­ten zehn­ten Kon­gres­ses der Zwei­ten In­ter­na­tio­na­le, der für Ende Au­gust 1914 in Wien vor­ge­se­hen war, wäre auf­schluss­reich ge­we­sen, um die kriegs­ver­hin­dern­den Be­mü­hun­gen von So­zi­al­de­mo­kra­tIn­nen und So­zia­lis­tIn­nen zu­min­dest re­gis­triert zu haben. Un­be­rück­sich­tigt bleibt fol­ge­rich­tig auch das Kon­fe­renz­ge­sche­hen der kriegs­kri­ti­schen bzw. -​ab­leh­nen­den deut­schen so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen und so­zia­lis­ti­schen Kräf­te in den Schwei­ze­ri­schen Dör­fern Zim­mer­wald (5. bis 8. Sep­tem­ber 1915) und Kien­thal (24. bis 30. April 1916). Der ra­di­ka­le Flü­gel for­mier­te sich zur sog. Zim­mer­wal­der Lin­ken, die einen kon­se­quent re­vo­lu­tio­när-​an­ti­mi­li­ta­ris­ti­schem Kurs ver­focht.

Im Er­geb­nis han­delt es sich bei der vor­ge­leg­ten Ar­beit von Döh­ring mehr um eine Vor­stu­die als um eine in sich ge­schlos­se­ne und um­fas­send quel­len­ba­sier­te Mo­no­gra­fie zur FVdG wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs. Das schmä­lert nicht den Ge­halt des­sen, was zu­sam­men­ge­tra­gen wurde, zeigt aber auf, dass eine mo­no­gra­fi­sche Ab­hand­lung noch vor­zu­le­gen ist, die zum einen die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen den mehr­heits­so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen, un­ab­hän­gig-​so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen und prä-​ar­bei­ter­unio­nis­ti­schen mit den lo­ka­lis­tisch-​syn­di­ka­lis­ti­schen Strö­mun­gen in­ner­halb des Pro­le­ta­ri­ats im Wil­hel­mi­nis­mus de­tail­liert nach­zeich­net. Zum an­de­ren soll­te die um­fäng­li­che neue For­schungs­li­te­ra­tur zum Ers­ten Welt­krieg in die The­ma­tik ein­flie­ßen, um den ak­tu­el­len Un­ter­su­chungs­stand be­nen­nen zu kön­nen. Es ist zwar sym­pa­thisch, aber un­zu­rei­chend, sich fast aus­schließ­lich auf Fritz Fi­schers „Griff nach der Welt­macht. Die Kriegs­ziel­po­li­tik des kai­ser­li­chen Deutsch­land 1914/18″ (1964) zu be­zie­hen.

Döh­ring, der als syn­di­ka­lis­ti­scher Be­we­gungs­au­tor nach Ei­gen­aus­sa­ge ohne jeg­li­che fi­nan­zi­el­le Aus­stat­tung par­tei-​ oder ge­werk­schafts­na­her Stif­tun­gen aus­kom­men muss, hat mit sei­nen ver­öf­fent­lich­ten (Teil-)Er­geb­nis­sen er­kenn­bar ei­ni­ge wich­ti­ge Weg­mar­ken hin­ter­las­sen, an denen sich künf­ti­ge the­ma­ti­sche Buch­aus­ga­ben ori­en­tie­ren kön­nen, um dem Wir­kungs­kreis des Syn­di­ka­lis­mus zwi­schen 1914 und 1918 fort­ge­setzt nach­zu­spü­ren.

Helge Döh­ring
Syn­di­ka­lis­mus in Deutsch­land 1914-​1918. „Im Her­zen der Bes­tie“.
An­ar­chis­tin­nen & Syn­di­ka­lis­tin­nen und der Erste Welt­krieg, Band 2,
Ver­lag Edi­ti­on AV, Lieh (2013), € 17,00

Quelle: Strike

 

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