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„Führer- oder Masseproblem“?

18. Februar 2014

schuhmeierDieser Tage fand der 80.Jahrestag des Schutzbundaufstands gegen den austrofaschistischen Ständestaat vom 12.Februar 1934 statt. Dies ist, wie eh und je, Anlass für die Vertreter und (schrumpfende Zahl der) Anhänger der verschiedenen politischen Parteien, zwar nicht unbedingt die Taten ihrer historischen Väter (und Mütter) gutzuheißen, aber doch die Schlussfolgerungen aus den Ereignissen als historische Notwendigkeiten zu interpretieren. Das war einerseits die Sozialpartnerschaft ab den 1950ern (SPÖ) und andererseits der Moskau-hörige Kleinparteiendogmatismus (KPÖ). Auch wenn der historische Deutungsanspruch der Niederlage der österreichischen ArbeiterInnenbewegung gegen den Faschismus nicht mehr ausschließlich zwischen den Parteienvertretern ausgehandelt wird, so wirken deren Sichtweisen gerade in “fortschrittlichen”, linken Kreisen bis heute nach.

Heute kaum noch bestritten wird, dass das stete Zurückweichen der Sozialdemokratie bzw. der Gewerkschaftsbewegung die verschiedenen Formen des Faschismus begünstigt hat. Ebenso unbestritten ist die Annahme, dass die Wirtschaftskrise ein wesentlicher Faktor der Schwächung der ArbeiterInnenbewegung und dass die Unterdrückung der ArbeiterInnenbewegung durch den Austrofaschismus eine wesentliche Voraussetzung für den schwach ausgeprägten österreichischen Widerstand gegen den folgenden Nationalsozialismus war.

Es ist letztlich müßig – wie es Vertreter und SympathisantInnen der SPÖ und KPÖ taten und tun – darüber zu diskutieren, ob die österreichische ArbeiterInnenbewegung nun ein Führer- oder Massenproblem hatte. Haben die Führer die Masse der kampfwilligen Partei-, Schutzbund- und Gewerkschaftsmitglieder „verraten“ oder waren diese doch bloß nur „realistisch“ angesichts der vermeindlichen Unwilligkeit der Masse zur Revolte?

Die Gesamtstrategie, das Parteikonzept, das Organisationsmodell an das sowohl Führung wie Basis mehrheitlich geglaubt hatte, war in dieser Situation offenkundig nicht richtig! Auch völlig andere „Führer“ hätten die ArbeiterInnenbewegung nicht vor dem Untergang bewahren können. Es wäre dabei auch nicht nur darum gegangen eine adequate Form zu finden auf die alltäglichen Angriffe des Kapitals auf der einen und die gewalttätigen Angriffe der verschiedenen faschistischen Strömungen – sowohl auf ideologischen wie physischen Gebiet – andererseits zu reagieren. Denn außer bloßem Reagieren gab es ab einen bestimmten Zeitraum (spätestens 1927, „Justizpalastbrand“) nichts mehr. Das „Rote Wien“ galt zwar weiterhin als glühendes Beispiel in der Welt, aber schon damals begann die Sozialdemokratie ihre Hilflosigkeit mit parteipolitischen und (wie sich zeigte: letztlich rein symbolischen) militärischen Machtdemonstrationen und v.a. den Verweis auf bereits Erreichtes zu überspielen. Bis zum heutigen Tag verweist die Wiener SPÖ – Gemeinderegierung auf diese historischen Glanztaten wenn es darum geht die aktuelle Ahnungs-, Taten- und Ideenlosigkeit zu verschleiern.

Die hierarchische Organisationsstruktur der Sozialdemokratie führte beim Schutzbundaufstand 1934 dazu, dass einerseits vielerorts die Meinung und das Verhalten lokaler Schutzbund- oder Parteiführer ausschlaggebend für das Verhalten der ganzen lokalen Organisation waren. Sogar oder gerade straff organisierte Schutzbundabteilungen (etwa die von Wiener Neustadt) blieben so in den Februarkämpfen 1934 völlig passiv, wenn die lokale Führung durch die Staatsmacht ausgeschaltet oder zum Stillhalten bewegt werden konnte. Auch konnten in der Folge ganze Gruppen mitgezogen werden wenn einzelne Führer zu den Nationalsozialisten wechselten. Andererseits blieben Aktionen aus wenn es keine klaren und rechtzeitigen zentralen Befehle hierfür gab. Welche es später in Zeiten der Diktatur auch schwerlich geben konnte.

Die verschiedensten Formen der Parteitaktik (bei den SozialdemokratInnen ebenso wie der KPÖ) hatten einen die Basis entmündigenden Effekt. Dabei ist es letztlich, und gerade in einer Zeit politischer Entrechtung, nicht mehr die vermeintliche Macht der Führung oder der Parlamentsabgeordneten sondern jene der Basis die über Sieg und Niederlage der ArbeiterInnenbewegung entscheidet. Und die eigentliche “Macht” der ArbeiterInnen ist immer noch in erster Linie der „wirtschaftliche“ Klassenkampf. Die Kraft die daraus entsteht wenn viele nichts tun. Oder es so tun wie sie es für richtig oder angemessen halten. Angesichts der Tatsache, dass dieser schon über Jahrzehnte der politischen Machteroberung von Parteienvertretern untergeordnet wurde ist es umso beachtlicher, dass es überhaupt noch – wenn auch nur sehr verdeckt und rudimentär – eine intuitive Energie nach selbstorganisierter, direkter Aktion sogar bis in die Zeit nationalsozialistischer Herrschaft hinein gegeben hatte.

Die Unterbindung egalitärer, selbstorganisierter, dezentralistischer Tendenzen in der ArbeiterInnenbewegung bereitete den Boden für eine ArbeiterInnenschaft, die ohne Führung ab 1934 in Apathie und Orientierungslosigkeit versank. Auch im Zusammenhang mit dem organisierten Widerstand der KPÖ gegen das NS-Regime hat sich gezeigt, dass hierarchisch-zentralistische Modelle in einem Terrorsystem nicht funktionierten. Und was dabei wesentlich ist: Bereits schon am „harmloseren“ autoritären Vorgängerregime, dem Austrofaschismus, gescheitert waren.

Und jetzt?

Wir leben heute wieder in bzw. mit einer Wirtschaftskrise, und wie eh und je wird so getan als wären wirtschaftliche bzw. gesellschaftliche Entwicklungen gottgegeben oder Ergebnis historischer Mechanismen und nicht von Menschenhand geschaffen und deshalb auch von eben dieser Menschenhand abwend- und veränderbar. Wie in den 1930ern stellt sich die Frage nach der Deutungshochheit der gegenwärtigen Probleme. Aber die Geschichte wird sich nicht einfach wiederholen. Wir haben die Zukunft in der Hand, wie wir sie immer in der Hand hatten. „Wir sind das Bauvolk der kommenden Welt…“. So oder so. Die alles entscheidende Frage ist, wie diese Welt aussehen soll.

Die Niederlage der ArbeiterInnenbewegung gegen den Faschismus und Nationalsozialismus in Österreich liegt nach wie vor wie eine Erblast auf den Schultern der Reste der traditionellen „ArbeiterInnenbewegung“ und derer die sie noch immer erneuern zu können hoffen. Und sogar derer, die eine völlig neue ArbeiterInnenbewegung postulieren (wie auch immer sie im Detail benannt wird).

Das hat aber nicht nur eine historische Dimension. Gerade in den heutigen Tagen wird angesichts der Apathie der ArbeiterInnenschaft gegenüber der immer unverfroreneren Ausbeutung durch das Kapital und das Ausbleiben  eines brauchbaren Widerstands seitens der ArbeiterInnenklasse die Frage „Führer- oder Masseproblem“ wieder brandaktuell. Zuletzt beim KBA-Streik kam dieses Thema wieder auf: Haben nicht die ArbeiterInnen der betroffenen Werke dem faulen Kompromiss (mehrheitlich) zugestimmt, den „ihre“ Vertreter zuvor ausgehandelt hatten? Beißt sich da der Hund in den Schwanz…? Oder zeigt das Beispiel vielmehr, von wem die Passivität herbeigeführt wird (nämlich den “Oberen”, den Gewerkschaftsfunktionären)? Falls ja, warum setzt sich die Basis nicht gegen diese Vertretung zur Wehr? Wann schafft sie sich Strukturen der Selbst-”Vertretung” anstatt auf die Gewerkschaftsbürokratie und Politik zu vertrauen?

Der Anarchosyndikalimus hatte schon in den 1930ern eine andere Antwort auf Wirtschaftskrise und den folgenden Faschismus, nämlich die durch die Basis der ArbeiterInnenorganisationen getragene libertäre soziale Revolution. Tatsächlich begonnen wurde dieses Unterfangen 1936 in Spanien. Diesem vorausgegangen waren freilich Jahrzehnte der Erprobung von ArbeiterInnenkämpfe durch lokale selbsttätige Gewerkschaftsgruppen. In Österreich, das sich schon inmitten der christlich-„sozialen“ Diktatur befunden hatte, blieb dieses Ausrufezeichen weitgehend ungehört. Weder die SozialdemokratInnen noch die KommunistInnen hatten wirkliches Interesse sich abseits vom rein militärischen Aspekt des spanischen Bürgerkriegs damit zu beschäftigen. Natürlich, auch der Anarchosyndikalimus der 1930er Jahre hatte seine Fehler.

Aber tun wir nicht so als ob es keine Alternativen außer dem Weg in die verwaltete Massen-Passivität einerseits und der dogmatischen Machtpolitik von Kaderparteien andererseits gegeben hätte. Und tun wir nicht als wäre heute – nach der erfolgreichen Diskreditierung der leninistischen Parteidoktrin durch die jüngere Geschichte vor 1989 – nur mehr die verwaltete Massen-Passivität als der einzig gangbare Weg übriggeblieben wäre!

Quelle: Wiener ArbeiterInnen Syndikat

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