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Repression in Moskau/Archipel Putin: Sechs Jahre Lager für Alexandra Dukhanina

14. Februar 2014

105448Eine Übersetzung des  aus dem Englischen. Den Artikel findet ihr hier und hier. das russische original hier.

Alexandra Dukhanina: „Da waren nur infame Lügen und brutaler Zwang“. Abschließende Stellungnahme in einem Moskauer Gericht am fünften Februar 2014 der Anarchistin Alexandra Dukhanina (naumova), angeklagt wegen Gewalt gegen Polizeibeamt*innen während einer Kundgebung der Opposition auf dem moskauer Bolotnayaplatz am sechsten Mai, 2012.

Zuerst dachte ich, dass dieser ganze Fall eine Art verrückter Fehler und Unsinn wäre. Aber jetzt, nach dem Anhören der Reden der Staatsanwält*innen und nachdem ich herausfand, was die Haftbedingungen sind, die sie für uns alle fordern, realisierte ich, dass sie sich an uns allen rächen. Sie rächen sich, weil wir dort gewesen sind und sahen, wie Alles wirklich geschah. Wer die Zusammenstöße provozierte, wie die Menschen geschlagen wurden, die ungerechtfertigte Grausamkeit. Sie rächen sich an uns, weil wir nicht klein beigeben und unsere nichtexistierende Schuld eingestehen. Nicht während den Ermittlungen, noch während des Prozesses. Sie rächen sich auch, weil ich ihnen nicht bei ihren Lügen half und mich weigerte auf ihre Fragen zu antworten.

Es muss eine gewichtige Sache sein, derer ich mich schuldig gemacht habe. Und sie ist es wert, dafür mit sechs jahren in einer Strafkolonie bestraft zu werden. Es war niemand anderes einer solchen Bestrafung wert, nur wir sind übrig: Sie haben Angst vor echten Kriminellen, die Fremden, die ihnen im Weg standen, wurden eingesperrt und sie rühren ihre eigenen Leute nicht an. Es ist nun an ihnen, euer Ehren, zu entscheiden, wie sie ihnen helfen können, auf Kosten unserer Schicksale glücklicher zu werden, wie sie neue Posten, Dienstgrade und Auszeichnungen bekommen können.

Aber, letzten Endes, warum sechs Jahre? Was sind die „mindestens acht gezielten Würfe“, die ich machte? Woher kamen sie? Auf wen habe ich gezielt und wen habe ich getroffen? Acht verschiedene Polizeibeamt*innen? Oder acht mal die zwei Polizeibeamt*innen, weswegen ich angeklagt wurde? Falls das so ist, wie oft und welchen von ihnen? Wo sind die Antworten auf all diese Fragen? Letzten Endes sollten sie zuerst mal detaillierte Beschreibungen machen und Beweise erbringen und nur dann einsperren – schließlich sind es sechs Jahre Lebenszeit. Das ist gar nicht komisch. Aber jetzt sieht es nicht mal wie eine Lüge aus. Es ist lügende Demagogie ohne Fakten, die mit den Leben von Menschen spielt. Was wäre, wenn sie 188 Videos hätten und nicht acht? Würden sie dann behauptet haben, dass ich 188 mal geworfen hätte?

Es sind zwei Polizeibeamt*innen der omon (otryad mobilniy osobogo naznacheniya, eng. special purpose mobile unit, dt. mobile Spezialeinheit; nigra) gegen die ich Gewalt angewendet habe. Sie haben sie gesehen. Sie sind zwei- oder dreimal so groß wie ich und sie trugen Körperprotektoren. Eine*r von ihnen spürte gar nichts. Der Andere wurde nicht von mir verletzt und erhob keine Klage gegen mich. Ist das der Massenaufstand und die Gewalt für die ich sechs Jahre ins Gefängnis gehen soll?

Oh, ich vergaß die kvass (russisches Sodagetränk; nigra) – die Flasche allein ist schon fünf Jahre wert und acht gezielte Würfe mögen das restliche Jahr ergeben. Jetzt, da sie mir das gesagt haben, kenne ich immerhin den Preis von kvass. Und können sie mir auch sagen, wo mein Massenlandfriedensbruch beginnt und endet und wo Gewalt gegen Polizist*innen beginnt? Und was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Dingen? Ich habe irgendwie nicht richtig verstanden: Welche brandstiftung? Angriffe? Zerstörung fremden Eigentums? Und wo bin ich bei all diesen Dingen? Was habe ich kaputt gemacht? Was habe ich angezündet? Was habe ich zerstört? Mit wem habe ich eine Verschwörung angezettelt? Was beweist auch nur eines dieser Dinge? Kurz gefasst, ich bekomme vier Jahre wegen Artikel 212 [aus dem Strafgesetzbuch der russischen Föderation, bezogen auf Massenunruhen], nur weil ich da war? Also ist meine Anwesenheit auf einer ursprünglich friedlichen Kundgebung die Massenunruhe, an der ich teilgenommen habe? Da ist nichts außer eben das. Schauen sie sich diese Menschen an. Sie sind keine Mörder*innen, Diebe oder Betrüger*innen. Uns alle einzusperren wäre nicht nur ungerecht, sondern erbärmlich.

Viele Menschen haben vorgeschlagen, dass ich gestehen und mich entschuldigen solle, dass ich sagen solle, was die Ermittler*nnen hören wollten. Aber ihr wisst, dass ich es nicht für geboten halte, mich bei diesen Menschen zu entschuldigen. Es ist die Regel in diesem Land, dass Vollzugsbeamt*innen absolut unberührbar sind, obwohl es viele bekannte Berichte über sie im Zusammenhang mit Schutzgelderpressungen und Drogenhändler*innen, Prostitution und Vergewaltigung gibt. Erst kürzlich gab es einen solchen Fall in der Region lipetsk.

Die Inhalte der Anklagen gegen uns sind nicht nur lächerlich, sie sind absurd und basieren nur auf Aussagen von Polizeibeamt*innen der omon. Also, was haben wir hier, wenn eine Person Epauletten trägt? Ist sie dann automatisch ehrlich und heilig?

Euer Ehren, in den acht Monaten dieses Verfahrens haben sie von der Verteidigung genug Beweise für unser aller Unschuld erhalten. Wenn sie uns nun in ein Gefangenenlager schicken, werden sie Leben und Schicksale für nichts zerstören! Wollen die Behörden so verzweifelt zeigen, wie wir bestraft werden, dass sie für solch eine Tat bereit sind? Beamt*nnen, Vergewaltiger*nnen oder Polizist*innen … [unverständlich] eine Bewährungsstrafe zu geben ist normal: sie sind die Unberührbaren, sie sind von eurer Art. Aber wir können im Gefängnis dahinsiechen – wer sind wir schon, wir sind nicht einmal reich. Aber aus irgendeinem Grund bin ich sicher, dass ich sogar im Gefängnis freier sein werde, als viele von ihnen, weil ich ein reines Gewissen habe. Und die, die in Freiheit bleiben, die mit ihrer sogenannten Verteidigung von Ordnung und Freiheit weiter machen, werden auf ewig in einem Käfig mit ihren Kompliz*innen leben.

Ich kann meine Fehler zugeben und falls ich durch die Wahrheit und durch Fakten überzeugt hätte werden können, dass ich etwas Illegales getan habe, hätte ich das zugegeben. Aber kein Mensch hat jemals irgendetwas erklärt: da waren nur infame Lügen und brutaler Zwang. Durch Zwang können sie … [unverständlich]. und das wurde mir alles angetan. Aber durch Zwang und Lügen kann nichts bewiesen werden. Und kein Mensch bewies meine Schuld. Ich bin mir sicher, dass ich im Recht und unschuldig bin.

 Ich würde gerne mit einem Zitat aus „Zwiebelchen“ (orig. it. il romanzo di cipollino; nigra) von gianni rodari enden:

„-mein armer Vater! Du wurdest ins Gefängnis gesteckt wie ein Krimineller, mit Dieben und Banditen.
-was redest du da, Sohn, – unterbrach ihn sein Vater. – es sind viele ehrenhafte Menschen im Gefängnis!
-Aber warum sind sie eingesperrt? Was für böse Dinge haben sie getan?
-Genaugenommen gar nichts, Sohn. Darum wurden sie eingesperrt. Prinz Lemon mag keine anständigen Menschen.
-Im Gefängnis zu sein ist eine große Ehre?, fragte er.
-So scheint es nun zu sein. Gefängnisse wurden gebaut für die, die stehlen und morden, aber unter Prinz Lemons Herrschaft ist alles anders herum, Diebe und Mörder sind in seinem Palast und ehrbare Menschen sind im Gefängnis.“

Mehr über Alexandra Dukhanina:

105446Alexandra Dukhanina – eine Anarchistin, eine Aktivistin in der sozialen Bewegung, Verteidigerin des tsagovsky-waldes und eine Teilnehmerin von occupy abai – wurde am 27. Mai 2012 inhaftiert. Sie wurde angeklagt anhand Paragraf 212, Absatz 2 des Strafgesetzbuches der russischen Föderation (bezogen auf Unruhen) und Paragraf 318, Absatz 1 (Gewalt gegen Regierungsbeamt*innen) im Zusammenhang mit Geschehnissen auf dem Bolotnayaplatz am sechsten Mai 2012. Am 29. Mai entließ sie Richterin Natalya Dudar vom Gericht im Stadtteil basmanny/moskau in den Hausarrest. Anwalt Dmitry Efremov sagt, dass Alexandra abstreitet, Gewalttaten begangen zu haben und in dem Videomaterial, auf dem die Anklagen beruhen, ist nicht klar zu sehen, was von Alexandra geworfen wird und gegen wen. Die derzeitigen Anschuldigungen können auf eine Gefängnisstrafe von drei bis acht Jahren hinauslaufen. (aus http://wiki.avtonom.org/en/index.php/Alexandra_Dukhanina)

Quelle: FAU Karlsruhe

One Comment leave one →
  1. 16. Februar 2014 09:22

    SPENDENAUFRUF

    Am 1. Mai 2012 wurde in der ukrainischen Stadt Dnepropetrowsk durch den ukrainischen Staatssicherheitsdienst SBU Alexander Pawelko verhaftet, ein sozialer Aktivist, Organisator und treibende Kraft der libertären Gruppe von Dnepropetrowsk.

    Unter Missachtung jeglicher Rechtsgrundsätze wurde Alexander Pawelko zu 7 Jahren Straflager verurteilt. Aufgrund der Abwesenheit von finanziellen Mitteln hat Pawelko bis heute keinen Anwalt und hat daher die Berufungsfristen seiner Verurteilung ungenutzt verstreichen lassen. Ein Jahr grundlose Haft – und sechs weitere Jahre in Aussicht. Der Prozess muss neu aufgenommen werden.

    Dieser Blog macht es sich zur Aufgabe über den Fall Pawelko zu informieren, aber vor allem notwendige Solidarität zu organisieren. Es werden voraussichtlich ca. 3.000 € für die Wiederaufnahme des Verfahrens und die Bezahlung eines Anwaltes benötigt. Bei Interesse an einer Prozessbeobachtung bitten wir mit uns Kontakt aufzunehmen (z.Z. über die Kommentarfunktion des Blogs). Auch bei Interesse an weiterer Unterstützung sind wir gern behilflich Kontakte zu vermitteln, Informationen zu verbreiten und wo möglich zu koordinieren.

    Die auf dem Konto eingegangenen Spenden werden direkt an die Unterstützer in der Ukraine überwiesen. Auf diesem Blog wird der Spendeneingang auf dem Konto sowie die Rechenschaftsberichte zu der Verwendung der Spenden dokumentiert werden.

    Wir bitten um Spenden auf folgendes Konto:

    Kontoinhaber: Valentin Tschepego
    Kto: 0049837301
    BLZ: 12080000
    IBAN: DE81 1208 0000 0049 8373 01
    BIC: DRESDEFF120
    Commerzbank
    Verwendungszweck: Pawelko

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