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Weniger Streikrecht – mehr Niedriglohn

5. Februar 2014
sommer und kramer

Feinde der Arbeiterinteressen: DGB-Bonze Sommer und Kapitalistenchef Kramer.

Die große Ko­ali­ti­on will es wis­sen. Das Mo­dell des Lohn­dum­pings, der gi­gan­ti­schen Aus­wei­tung des Nied­rig­lohn­sek­tors, der pro­fit­be­schleu­ni­gen­den Fle­xi­bi­li­sie­rung in­ner­halb be­ste­hen­der Ta­rif­ver­trä­ge, das dem Ka­pi­tal am Stand­ort Deutsch­land in den letz­ten 10 bis 15 Jah­ren enor­me Kon­kur­renz­vor­tei­le ver­schafft hat, soll mit allen Mit­teln er­hal­ten wer­den. Dazu soll der „Grund­satz der Ta­rif­ein­heit nach dem Mehr­heits­prin­zip“ in Ge­set­zes­form ge­gos­sen wer­den.

Dazu ge­hört auch die Ein­schrän­kung des Streik­rechts. Nicht für die DGB Ge­werk­schaf­ten, die in den letz­ten Jah­ren die we­sent­li­chen Ab­sen­kun­gen des Lohn­ni­veaus und der Ein­schnit­te in den So­zia­len Si­che­rungs­sys­te­men po­li­tisch un­ter­stüt­zen, to­le­riert oder gar per Ta­rif­ver­trä­gen ab­ge­si­chert haben. Die Ein­schrän­kung soll zu­nächst für die jet­zi­gen Spar­ten­ge­werk­schaf­ten wie den Mar­bur­ger Bund (Kli­nik­ärz­tIn­nen) GDL (Lok­füh­re­rIn­nen) Cock­pit (Pi­lo­tIn­nen) oder Ufo (Flug­be­glei­te­rIn­nen) gel­ten, deren Streik­mög­lich­kei­ten durch ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen un­mög­lich ge­macht wer­den sol­len. Für diese Ge­werk­schaf­ten hätte ein Streik, der unter den Be­din­gun­gen eines be­ste­hen­den Ta­rifs einer DGB Ge­werk­schaft statt­fin­det, ka­ta­stro­pha­le Fol­gen. Das be­trof­fe­ne Un­ter­neh­men könn­te auf Scha­dens­er­satz kla­gen und durch Ge­richts­be­schlüs­se, die ent­spre­chen­de strei­ken­de Ge­werk­schaft ver­nich­ten.

Die in der Ko­ali­ti­ons­ver­ein­ba­rung ge­nann­te ge­setz­li­che Ver­an­ker­ung des Mehr­heits­prin­zips für das Ta­rif­recht soll auch für die nächs­ten Jahr­zehn­te jeg­li­che Neu­grün­dung von kämp­fe­ri­schen Ge­werk­schaf­ten und vor allem auch wilde Streiks ver­hin­dern. Ge­ra­de hier liegt die Ge­fahr für den pro­fi­ta­blen „So­zia­len Frie­den“ an der Aus­beu­tungs­front in den Be­trie­ben. Trotz der nicht mehr ra­pi­de ab­neh­men­den Zahl der Mit­glie­der der DGB Ge­werk­schaf­ten wird die Un­zu­frie­den­heit in vie­len Be­trie­ben über die mi­se­ra­blen Ta­rif­ver­trä­ge und die Zu­ge­ständ­nis­se der meis­ten Be­triebs­rä­te immer grö­ßer. Die Neu­grün­dung be­trieb­li­cher Op­po­si­ti­ons­grup­pen und über­be­trieb­li­cher Zu­sam­men­hän­ge, teil­wei­se schon als Ge­werk­schaft, hat in den letz­ten Jah­ren sehr deut­lich zu­ge­nom­men. Ab­seh­bar wer­den diese Grup­pen den iso­lier­ten be­trieb­li­chen Rah­men spren­gen und ge­werk­schafts­för­mig auch um Ta­rif­ver­trä­ge rin­gen und diese mit Streiks durch­zu­set­zen ver­su­chen. Ein Trend, der sich in fast allen In­dus­tri­e­län­dern und den we­sent­li­chen Schwel­len­län­dern be­reits durch­ge­setzt hat.

Diese Per­spek­ti­ve scheint den Un­ter­neh­men erns­te Sor­gen zu be­rei­ten. Dass Staat und Ka­pi­tal ein ge­stei­ger­tes In­ter­es­se an der Ein­schrän­kung des Streik­rechts haben, liegt auf der Hand. Aber warum macht der DGB bei die­sem Spiel mit. Müss­te nicht jeg­li­che Ein­schrän­kung des Streik­rechts von Ge­werk­schaftrn auf das hef­tigs­te ab­ge­lehnt wer­den, ist doch der Streik die we­sent­li­che Waffe der Lohn­ab­hän­gi­gen den Un­ter­neh­men Lohn, Frei­zeit oder bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen ab­zu­trot­zen.

Hin­ter­grund

Im Som­mer 2010 hob das Bun­des­ar­beits­ge­richt seine bis­he­ri­ge Recht­spre­chung – Ein Be­trieb, ein Tarif – auf. Un­mit­tel­ba­re ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen zum Streik­recht gibt es in Deutsch­land nicht. Damit war der Weg für die jet­zi­gen Spar­ten­ge­werk­schaf­ten frei, für ihre Mit­glie­der Ta­rif­ab­schlüs­se zu er­strei­ken, auch wenn verdi oder Ei­sen­bah­ner­ge­werk­schaft im DGB mit den Un­ter­neh­men be­reits be­trieb­li­che Ver­trä­ge un­ter­zeich­net haben. Selbst die ver­gleichs­wei­se klei­ne FAU bekam beim Kino Ba­by­lon in Ber­lin den rich­ter­li­chen Segen, als Ge­werk­schaft agie­ren zu kön­nen. Der DGB und der Bun­des­ver­band der Ar­beit­ge­ber­ver­bän­de re­agier­ten so­fort. Ge­mein­sam stell­ten sie einen Ge­setz­ent­wurf vor, der die Ta­rif­ein­heit wie­der her­stel­len soll­te. Unter den ge­ge­be­nen Kräf­te­ver­hält­nis­se, (DGB 6,5 Mil­lio­nen – alle an­de­ren ma­xi­mal 500 000 Mit­glie­der) hätte dies in der über­gro­ßen Zahl der Be­trie­be das Mo­no­pol der DGB- Ge­werk­schaf­ten ze­men­tiert mit den Un­ter­neh­men Ta­ri­fe ab­schlie­ßen zu kön­nen. Ge­spon­sert wurde die Er­ar­bei­tung des Ge­set­zes­wer­kes mit meh­re­ren hun­dert­tau­send Euro unter an­de­rem von Luft­han­sa und der Deut­schen Bahn.

Die Durch­set­zung des Ge­set­zes­vor­ha­bens schei­ter­te in der CDU/ FDP Ko­ali­ti­on an ei­ni­gen CDU-​Ab­ge­ord­ne­ten, die gleich­zei­tig Funk­tio­nä­rIn­nen beim Be­am­ten­bund, Mar­bur­ger Bund bzw. der GDL waren und auch an der FDP.
In­ner­halb des DGB gab es Wi­der­stand bei verdi, so dass der ei­gent­lich glü­hen­de Be­für­wor­ter der „Ta­rif­ein­heit“ und verdi Chef Bsirs­ke, aus dem Pro­jekt aus­stieg, um seine Wie­der­wahl nicht zu ge­fähr­den. Alle an­de­ren „Ge­werk­schafts­füh­re­rIn­nen“ ge­lob­ten am Ziel der Ta­rif­ein­heit fest­hal­ten zu wol­len.

Mit der gro­ßen Ko­ali­ti­on wur­den die Kar­ten neu ge­mischt. Die SPD, mit der Agen­da 2010 schon als Pro­fi­t­op­ti­mie­rer des Stand­orts Deutsch­land er­probt und eng mit den Füh­rungs­krei­sen der DGB Ge­werk­schaf­ten ver­floch­ten, gilt als Ga­rant mit der 80­pro­zen­ti­gen Mehr­heit der GROKO im Bun­des­tag diese Ein­schrän­kung des Streik­rechts er­folg­reich durch­zu­set­zen und das DGB Ta­rif­mo­no­pol zu si­chern. So fand die Ge­set­zes­in­itia­ti­ve von DGB und BDA ihren Ein­gang in die Ko­ali­ti­ons­ver­ein­ba­rung.

Womit haben sich die DGB Ge­werk­schaf­ten das Ver­trau­en ihrer eins­ti­gen Fein­de, dem ka­pi­ta­lis­ti­schen Staat und dem Ka­pi­tal, er­ar­bei­tet, als ein­zi­ge Ta­rif­part­ner ge­setz­li­che An­er­ken­nung zu fin­den ? Ei­ni­ge ak­tu­el­le Eck­punk­te aus der „Eig­nungs­prü­fung“ auf dem Weg von der In­ter­es­sen­wahr­neh­mung der Lohn­ab­hän­gi­gen zur ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Per­so­nal­ab­tei­lung des Ka­pi­tals.
– 2003 bricht der da­ma­li­ge Vor­sit­zen­de der IG Me­tall, Zwi­ckel nach einem halb­stün­di­gen Ge­spräch mit Kanz­ler Schrö­der den Streik zur Durch­set­zung der 35 Stun­den­wo­che in Sach­sen und Bran­den­burg ab.
– Die Fle­xi­bi­li­sie­rungs­ver­ein­ba­run­gen der IG Me­tall und deren Be­triebs­rä­tIn­nen er­mög­li­chen es den über­wie­gend ex­port­ori­en­tier­ten Be­trie­ben durch op­ti­ma­le An­pas­sung der be­zahl­ten Ar­beits­kraft an die be­trieb­li­chen Ab­läu­fe, Per­so­nal­kos­ten­ein­spa­run­gen von bis zu 20 Pro­zent vor­zu­neh­men.
– Die DGB Ta­rif­ge­mein­schaft schloss für hun­dert­tau­sen­de Lei­h­ar­bei­te­rIn­nen Ver­trä­ge ab, die das EU- Prin­zip des „glei­chen Lohns für glei­che Ar­beit“ un­ter­lau­fen. Zu­letzt 2013 ver­zich­te­ten die DGB Ge­werk­schaf­ten, ohne jeg­li­che Kon­kur­renz­ge­werk­schaf­ten auf die Durch­set­zung des Equal Pay Prin­zips. Dazu hätte es nicht ein­mal eines Ar­beits­kamp­fes, son­dern le­dig­lich der Ver­wei­ge­rung be­durft einen neuen Tarif ab­zu­schlie­ßen.
– 2005 be­er­dig­te Verdi den Bun­des­an­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trag (BAT) für den öf­fent­li­chen Dienst. Der neue TVÖD be­inhal­tet für nach dem In­kraft­tre­ten ein­ge­stell­te Mit­ar­bei­te­rIn­nen er­heb­li­che Lohn­ein­bu­ßen.​100 000 Euro in drei­ßig Jah­ren Be­schäf­ti­gung für ein Ehe­paar mit einem Kind. Da­nach folg­ten drei ta­rif­li­che Null­run­den.
– Der Öf­fent­li­che Dienst wurde mit weit­ge­hen­der Zu­stim­mung bzw. To­le­rie­rung der ent­spre­chen­den Ge­werk­schaf­ten Pri­va­ti­sie­run­gen, Per­so­nal­ab­bau und wirt­schaft­li­che Op­ti­mie­rung durch­ge­setzt.
– Die DGB Ge­werk­schaft haben die we­sent­li­chen Sen­kun­gen der Leis­tun­gen für Er­werbs­lo­se und die Ein­füh­rung von Hartz IV be­für­wor­tet. Am 16.​August 2002 trat der DGB Vor­sit­zen­de Som­mer vor die Pres­se und ver­kün­de­te:
„heute hat sich der DGB Bun­des­vor­stand in­ten­siv be­ra­ten. Er hat sich vom (Hartz)- Kom­mis­si­ons­mit­glied Isol­de Kun­kel-​We­ber (Verdi Bun­des­vor­stand) um­fas­send in­for­mie­ren las­sen und ist nach 4 ½ -​stün­di­ger Be­ra­tung zu dem ein­stim­mi­gen Be­schluss ge­kom­men, dass der DGB und seine Ge­werk­schaf­ten das Ge­samt­kon­zept der Hartz-​Kom­mis­si­on be­grüßt.“
Der­ar­ti­ges Ver­hal­ten ist op­ti­ma­le Ver­trau­ens­bil­dung bei Staat und Ka­pi­tal und recht­fer­tigt die An­er­ken­nung zur ein­zig recht­mä­ßi­ge staat­lich an­er­kann­ten Ver­tre­tung für die Ta­rif­ab­schlüs­se. Die Sta­tis­ti­ken be­wei­sen: Der Stand­ort Deutsch­land ist eu­ro­päi­scher Spit­zen­rei­ter beim Nied­rig­lohn und die Be­schäf­tig­ten hat­ten die ge­rings­ten Net­to­lohn­zu­wäch­se der letz­ten 15 Jahre. Kaum eine eu­ro­päi­sche Ge­werk­schaft hat den Ex­pan­si­ons­kurs des hei­mi­schen Ka­pi­tals so vor­be­halt­los un­ter­stützt wie das Füh­rungs­per­so­nal der DGB Ge­werk­schaf­ten.

Wer sich also gegen die Ein­schrän­kung des Streik­rechts durch die ge­setz­li­chen Ab­sich­ten der Bun­des­re­gie­rung wen­det, kann sich an der Kri­tik der Rolle der DGB Ge­werk­schaf­ten nicht vor­beid­rü­cken. Der An­griff des Ka­pi­tals auf das Streik­recht be­steht nicht in sei­ner Ab­schaf­fung oder der Bil­dung be­son­de­rer An­tis­t­reik­ein­hei­ten, son­dern aus­drück­lich darin einem be­währ­ten Streik­ver­hin­de­rer und Lohn­ver­zich­ter die aus­schließ­li­che Er­laub­nis zum „Kampf“ zu ge­wäh­ren.

IWW Bre­men

Quelle: IWW Bremen

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