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Ein Hammer gegen Homophobie

12. Januar 2014

antisexismAls bisher prominentester Fußballer hat sich der ehemalige deutsche Nationalspieler Thomas Hitzlsperger öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt. Wer den Männerfußball und sein Umfeld kennt, weiß, was dieser Schritt auch heute, im 21. Jahrhundert, noch bedeutet. Über Fußball, Homophobie und den notwendigen Selbstreinigungsprozess der Fanszenen.

von Stefan Horvath

Hitz, the Hammer

Anfang der Nullerjahre wurde der von der bayrischen Provinz nach Birmingham zum englischen Erstligaverein Aston Villa geholte Hitzlsperger zum Publikumsliebling. Aufgrund seiner Schusskraft, die dem Mittelfeldspieler einige sehr ansehnliche Weitschusstore ermöglichte, verliehen ihm die Fans den Spitznamen „Hitz, the Hammer“. Nach fünf Jahren bei Aston Villa wechselte er zum VfB Stuttgart, mit dem er 2007 auch deutscher Meister wurde. Es folgten Stationen bei Lazio Rom, West Ham, VfL Wolfsburg und dem FC Everton. Daneben wurde er zur fixen Größe im deutschen Nationalteam und kam dort auf 52 Einsätze. Aufgrund zahlreicher Verletzungen beendete Hitzlsperger im September 2013 seine aktive Karriere – mit sehr kritischen Worten: „Wirtschaftlich überdreht ist die Branche schon seit langem, und diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen“ meinte er über die fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs. Schließlich war „Hitz“ nicht nur für seinen strammen Schuss oder sein gutes Passspiel bekannt, sondern auch als intelligenter und belesener Interviewpartner, der sich außerdem gesellschaftspolitisch engagierte, zum Beispiel gegen Rassismus und Antisemitismus oder für HIV-positive Kinder in Südafrika.

Coming Out

„Ich äußere mich zu meiner Homosexualität, weil ich die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen möchte“, sagte der 31-Jährige im Interview mit der „Zeit“. Hitzlsperger hofft, mit seinem Coming Out „jungen Spielern und Profisportlern Mut machen“ zu können. Denn noch immer gibt es keinen aktiven Profifußballer in Deutschland oder Österreich, der in der Öffentlichkeit zu seiner Homosexualität steht. Genauer gesagt gibt es weltweit erst einen einzigen (!) offen schwulen Fußballprofi – der in der US Major Soccer League bei L.A. Galaxy beschäftigte Robbie Rogers. „Die Fußballszene begreift sich in Teilen immer noch als Machowelt. Das Bild eines schwulen Spielers wird von Klischees und Vorurteilen geprägt“ schreibt Hitzlsperger auf seiner Website. Das ist, gelinde gesagt, noch sehr diplomatisch ausgedrückt.

Homophobie im Männerfußball

Wenn jetzt die vereinte Besserwisserschaft in den Untiefen der Internet-Foren und Social Networks dieser Welt geifert, dass Hitzlspergers Coming Out gar nichts besonders wäre, schließlich sei ihnen die sexuelle Orientierung eines Fußballers ja ganz egal, dann ist das scharf zurückzuweisen. Es geht hier nicht darum, dass ein Fußballer schwul ist. Es geht darum, dass er sich in einem extrem homophoben Umfeld offen dazu äußert.

Der Männerfußball ist eine der letzten ganz großen Bastionen von Machotum und tradierten Männlichkeitsvorstellungen. Härte, Kraft, Zweikampfstärke, Durchsetzungsvermögen, all das sind Eigenschaften, die mit dem Fußballsport verbunden werden und die im homophoben Weltbild Schwulen abgesprochen werden (genauso wie sie oft auch Fußballerinnen abgesprochen werden). Von der Hobbyliga-Umkleidekabine bis zum Bundesligastadion ist „schwul“ noch immer eines der am häufigsten als Schimpfwort benutzten Begriffe. Wird der Ball nicht richtig getroffen, ist es ein „schwuler Schuss“. Geht jemand nicht konsequent genug in einen Zweikampf, so wird ihm nahegelegt, nicht „so schwul“ zu attackieren.

Was unter Spielern gebräuchlich ist wird auch von Funktionären betrieben. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen verpestet irgendein anderer Trainer oder Vereinsverantwortlicher die Luft mit seinen menschenverachtenden Aussagen. So ließ der EU-Parlamentarier und Besitzer von Steaua Bukarest, George „Gigi“ Becali, die Öffentlichkeit wissen, niemals einen homosexuellen Spieler einstellen zu wollen. Und der vor kurzem verstorbene Vlatko Markovic, bis 2012 Präsident des kroatischen Fußball-Verbandes, erklärte: „Solange ich Präsident bin, werden sicher keine Homosexuellen im Nationalteam spielen.“ Auf die Frage, ob er in seiner aktiven Karriere je einem schwulen Fußballer begegnet sei, meinte er: „Nein, glücklicherweise, Fußball spielen nur normale Menschen“. Trainerlegende Jose Mourinho sprach vor Fernsehkameras von „Schwuchteln“ und den ehemaligen österreichische Fußballstar Toni Polster überkam beim Fernsehen die homophobe Paranoia: „Wenn ich heutzutage meinen Fernseher aufdrehe, überkommt mich das Gefühl, ich bin abnormal, weil ich heterosexuell bin und nicht schwul.“ Apropos Fernsehen. Als in der populären Krimiserie Tatort das Thema Homosexualität unter deutschen Nationalspielern thematisiert wurde meldete sich der Manager des deutschen Nationalteams, Oliver Bierhoff zu Wort: „Ich finde es schade und ärgerlich, dass die Prominenz der Nationalelf missbraucht wird, um irgendein Thema zu entwickeln oder einen Scherz zu machen.“ Die Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen.

„Die sollen sich doch bitten outen, wir haben ja eh kein Problem damit“ fordern nun viele. Eine, wenn auch nicht immer böse gemeinte, dennoch fatale Haltung. Denn die „Schuld“ für die Misere liegt sicher nicht bei homosexuellen Spielern, die sich angesichts der eben beschriebenen Zustände verstecken müssen, sondern bei Vereinen, Verbänden und Fans, die es nicht schaffen (und das oft genug auch nicht wollen), eine Atmosphäre zu etablieren, wo Coming Outs möglich sind, ohne seine persönliche Integrität und seine Karriere aufs Spiel setzen zu müssen.

Alleine, dass homosexuelle Menschen ein Coming Out machen müssen, sich also in einem bewussten und dezidierten Schritt dazu bekennen gleichgeschlechtlich zu lieben, zeigt, wie wenig schwul (und lesbisch) sein zur Normalität gehört. Damit verbunden ist nicht selten eine „gönnerhafte“, schein-aufgeklärte Haltung, die sich als tolerant gegenüber einem Bekenntnis zur Homosexualität gibt und damit als akzeptiertes Anhängsel der eigentlichen, heterosexuellen Normalität sieht.

Selbstreinigungsprozess der Fanszenen

Was von Spielern und Funktionären vorgelebt wird, wird, wenig verwunderlich, von den Fans weiter geführt. Wer hin und wieder österreichische Bundesligaspiele besucht, ist mit schwulenfeindlichen Fanchören leider nur all zu gut vertraut. Wenn beim großen Wiener Derby die gesamte Rapid-Fankurve „schwuler FAK“ singt und die Gegenseite mit „schwuler SCR“ antwortet wird eine Atmosphäre geschaffen, die es für neu in die Stadien strömende Jugendliche als völlig „normal“ erscheinen lässt, „schwul“ als Schimpfwort zu verwenden.

Ist hier also Hopfen und Malz verloren? Nein. Vor allem die organisierten Fanszenen haben in den letzten zwei Jahrzehnten gezeigt, dass sie lernfähig und zur positiven Veränderung bereit sind. Als der Autor dieser Zeilen Mitte der 1990er Jahre als Jugendlicher seine ersten Schritte in die Fansektoren der österreichischen Bundesliga machte, waren etwa rassistische Schmähungen noch weit verbreitet. Kam ein schwarzer Spieler des gegnerischen Teams an den Ball, so begannen etliche Fans Affenlaute zu imitieren. Kleinere Gruppen von Fans konnten unbehelligt mitten im Sektor verkünden, dass sie gerne eine U-Bahn vom Stadion des Gegners nach Auschwitz bauen würden. Diese Vorfälle sind inzwischen mehr und mehr verschwunden. Dies ist auch ein Verdienst der großen Fanklubs wie etwa der Ultras bei Rapid Wien, die etwa beim Aufkommen der eben erwähnten Affenlaute mittels Megaphon und Lautsprecheranlage konsequent andere Sprechchöre angestimmt haben. Versuchten Nazis Reichskriegsflaggen oder andere rechtsextreme Insignien im Sektor zu präsentieren, so wurden diese von den Ultras entschlossen entfernt und zerstört.

Gibt es also einen automatischen Weg in Richtung Fortschritt und Emanzipation? Nein. Kritische Marxist_innen lehnen eine solche teleologische Sichtweise der gesellschaftlichen Entwicklung ab. Das heißt, wir denken nicht, dass es eine automatisch auf einen wünschenswerten Endzustand zusteuernde gesellschaftliche Entwicklung gibt. Wäre dies so, so bräuchten wir uns als politische Aktivist_innen nur zurücklehnen und abwarten. Die aktuelle Situation bei der Wiener Austria, wo die Nazis von „Unsterblich Wien“ praktisch die Kontrolle über den Fansektor übernommen haben, ist ein warnendes Beispiel.

Nein, was mit dem Beispiel gezeigt werden soll, ist, dass die organisierten Fanszenen durchaus dazu fähig sind, sich von innen heraus zum Positiven zu verändern. Klarerweise steht dieser Veränderungsprozess „von innen heraus“ in Zusammenhang mit allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen. Dennoch wird dieser Selbstreinigungsprozess im Großen und Ganzen nicht durch Kampagnen des liberalen Establishments von oben herab angestoßen werden können, sondern muss von den Fans selbst initiiert werden. Denn es muss auch um mehr gehen als eine politisch korrekte Fassade, die oft genug erst recht wieder als Rechtfertigung für diskriminierendes Verhalten hergenommen wird.

Fans gegen Homophobie

Heute gibt es bereits viele Fanklubs, die sich dezidiert gegen Diskriminierung von Homosexuellen aussprechen und somit positive Vorbilder darstellen. So setzten in den letzten Jahren etwa die Fans von St. Pauli, die Ultras von Werder Bremen oder den Portland Timbers (US Major Soccer League), der queere Mainz 05-Fanklub Meenzelmänner und einige andere mit beeindruckenden Choreographien starke Statements gegen Homophobie. In Österreich sind „Fußballfans gegen Homophobie“-Transparente in den Fansektoren des Wiener Sportklub und der Vienna zu sehen. Als vor ein paar Jahren bei einem Drittligaspiel zwischen Krems und dem Wiener Sportklub einige Kremser Fans ein Spruchband mit der Aufschrift „Vienna + WSC = Wiens erste Homoehe“ entrollten, antworteten die Sportklubfans gewitzt, indem sie den Schmähruf „schwuler WSC!“ intonierten und damit auf sich selbst umlegten.

Welche Rolle können linke Aktivist_innen, die gleichzeitig auch Fußballfans sind, bei einem solchem Prozess spielen? Zugegebenermaßen eine sehr bescheidene. Ihr Hauptaugenmerk liegt in der Regel nicht auf der politischen Arbeit im Stadion und so werden sie in der subkulturell-identitären Fanszene zumeist als Leute „von außen“ wahrgenommen, deren Wort naturgemäß weniger zählt.

Der Kampf geht weiter

Sollten linke Aktivist_innen in der einen oder anderen Form Zugang zu Milieus von Fußballfans haben, so würden wir für eine Herangehensweise unter dem Motto „geduldig erklären statt obergescheit belehren“ plädieren. Ähnlich wie in der politischen Arbeit unter Beschäftigten in großen Betrieben sollte hier nicht jede unbedachte Äußerung auf die Waagschale gelegt werden. Gleichzeitig sollten linke Aktivist_innen selbst eine klare Linie gegen Diskriminierung vertreten und auch persönlich vorleben.

Eins ist jedenfalls klar. Der Kampf gegen Diskriminierung im Fußball und in der Gesellschaft geht weiter. Und das Schlusswort zu diesem Artikel gehört Thomas Hitzlsperger: „die Leute, die homophob sind, andere ausgrenzen aufgrund ihrer Sexualität, die sollen wissen: Sie haben jetzt einen Gegner mehr!“

Quelle: Sozialismus.net

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  1. 13. Januar 2014 00:43

    Deutschlandradio Kultur, 10. 01. 2014

    Männerbund auf dem Fussballfeld „Pseudomilitärische Verhältnisse“

    Der Literaturwissenschaftler Klaus Theweleit fordert mehr Rechte für Spieler

    Klaus Theweleit im Gespräch mit Joachim Scholl

    Mit einem Coming-out bedroht ein schwuler Fußballer das „Kommando-Gehorsam-Verhaltenssystem“ auf dem Fußballplatz, sagt der Literaturwissenschaftler Klaus Theweleit. Die Macht der Schiedsrichter, Trainer und Präsidenten müsste beschnitten werden.

    Joachim Scholl: Der Literaturwissenschaftler Klaus Theweleit hat mit seinem zweibändigen Werk „Männerphantasien“ einst Kulturgeschichte geschrieben, einer Arbeit, die uns viel gelehrt hat über Männer, wie sie im Rudel ticken. Dass Klaus Theweleit aber auch weiß, wie es in einer entsprechenden Fankurve eines Fußballstadions zugeht, hat er zudem mit einem Buch über Fußball unter Beweis gestellt, das 2004 erschienen ist. Und in seiner Jugend hat Klaus Theweleit selber begeistert gekickt! Guten Morgen, Herr Theweleit!

    Klaus Theweleit: Schönen guten Morgen, Herr Scholl!

    Scholl: Mit welchen Empfindungen haben Sie in den letzten Tagen diese Debatte um Thomas Hitzlsperger verfolgt, Herr Theweleit? Es war ja auffällig, dass alle Stimmen aus Profifußballkreisen sein Coming-out als Homosexueller brav begrüßten, sich aber streng hüteten, das zum Vorbild für aktive homosexuelle Spieler zu erheben. Hat Sie das gewundert?

    Theweleit: Das hat mich nicht gewundert, weil, diese Debatte ist ja auch nicht ganz neu, das läuft ja seit einigen Jahren, von dem Selbstmord des englischen schwarzen Spielers abgesehen, der sich geoutet hat, war das ein untergründiges Thema immer: Darf einer, kann einer sich das leisten und kommt einer schon in den Verdacht, diese Männerbastion Fußball zu gefährden, wie meinetwegen Andi Möller, der als Weichei galt und entsprechend in Stadien verhöhnt wurde, ohne schwul zu sein oder sich etwa geoutet zu haben.

    Aber das reichte schon, etwas weinerlich dort aufzutreten – angeblich –, dass ein gewisser Hass von der Tribüne her sich auf diese Verhaltensweisen richtete. Insofern: Keine Überraschung, auch „Bild“-Zeitung und die anderen, die ich gesehen habe am Kiosk hängen, machen alle auf mit dem Wort Respekt vor der Entscheidung Hitzlspergers, aber eben immer: Er ist nicht mehr aktiv, die Aktiven, heißt es weiter, sollen bitte doch die Finger davon lassen!

    Scholl: Dass das Fußballstadion die letzte Bastion des beinharten Machotums ist, wo Rassismus und Homophobie ja noch straflos bleiben, das ist oft festgestellt worden. Welche männlich-atavistischen Mechanismen wirken hier eigentlich so schön ungehemmt?

    Theweleit: Beim Rassismus bin ich mir nicht einmal so ganz sicher, da hat es, glaube ich, tatsächlich eine Art Wandel gegeben oder es gibt einen in vielen Stadien. Viele Vereine machen ja auch jetzt nicht nur heuchlerisch gegen Rassismus auf und die Spieler äußern sich entsprechend – auch Nationalspieler wie Lahm und die Boateng-Initiative wird vom DFB unterstützt –, da, glaube ich, tut sich tatsächlich etwas. Und das Stadion wird aufhören, da die letzte Bastion zu sein.

    Scholl: Das könnte ja Mut machen für das andere Thema. Aber das ist, glaube ich, noch eine andere Geschichte.

    Männerfußball wird als gesellschaftliche Verhaltensweisen verhandelt

    Theweleit: Das glaube ich auch. Denn ich habe mich gefragt die letzten Tage, warum seit Martina Lavratilova ist das seit Frauen erlaubt, warum kann Steffi Jones eine Frau heiraten und es gibt kein großes Theater? Weibliche Nationalspielerinnen dürfen lesbisch sein. Und wo ist der Unterschied? Und ich komme darauf, dass das meinetwegen Frauentennis oder Frauenfußball doch Nischensportarten sind, während der Männerfußball zentral ist. Im Männerfußball werden immer als zentrale Sportart auch gesellschaftliche Verhaltensweisen verhandelt. Und ich komme, wenn ich mir das näher ansehe, darauf, dass das größte Hindernis gegen das Outen nicht im Verband liegt, nicht so sehr im Verband, inzwischen auch nicht mehr in der Presse, in den Medien, sondern ich glaube, in den Mannschaften selber auftreten, im Verhalten der Fußballer selber.

    Denn was passiert auf dem Feld, was wird da verhandelt: Von dem Punkt aus gesehen ist die zentrale Figur im Fußball tatsächlich der Schiedsrichter mit seiner monarchischen Allmacht auf dem Platz. Es geht dort ganz klar um Gehorsam. Selbst der größte Star darf dem nicht den Vogel zeigen, muss sich unterordnen, sonst fliegt er. Und die zweite Figur, die entsprechend auftritt, ist der Trainer. Wenn die Spieler sich nicht an die Vorgaben halten, sitzt der größte Star nach einer Weile auf der Bank. Wenn er Deckungsaufgaben nicht übernimmt und Ähnliches. Es gibt da ganz klare Kommando- und Gehorsamstrukturen.

    Und innerhalb der Mannschaften, wenn ich sie mir jetzt nicht nur unter der Dusche vorstelle, sondern am Biertisch hinterher – das Bier ist ja nicht verboten bei Profis –, wenn es dort heißt, dieses schwule Weichei da in der Deckung hat uns wieder drei Punkte gekostet, gemeint ist der eigene Mannschaftskamerad, dann wird sich – und das bestätigen auch Fußballer, die sich, ohne sich namentlich zu outen, über die Mannschaften äußern –, dass sie davor am meisten Angst haben, vor den Konkurrenten. Denn es sind nicht elf Freunde auf dem Platz meistens, sondern 22 Konkurrenten in der Mannschaft, die um die Stammplätze kämpfen. Und da hätte der Schwule einen ungeheuren Nachteil, weil er dieses Kommando-Gehorsames-Verhaltenssystem bedroht. Da liegt, glaube ich, der Kern der Geschichte.

    Scholl: Das heißt also, der Männerbund, um den es eigentlich geht, ist die Mannschaft. Wir haben uns überlegt, was ist denn jetzt mit dem Männerbund in der Fankurve? Denn das ist ja auch so auffallend, dass, wenn man in einem Stadion ist, wenn man einen Einzelnen fragen würde, dann ist das vielleicht ein ganz lieber, vernünftiger Mensch, in dem Moment, wo 20 Jungs zusammen stehen mit einem Bier, geht es los. Und wenn dann der gegnerische Spieler irgendwie foult oder so, dann gehen eben diese Sprüche, diese Rufe, praktisch diese Aggression dann da los. Wir haben uns irgendwie gesagt, das wirkt so ein bisschen, wenn man die Perspektive umdreht, wie im alten Rom! Römisches Reich, war hoch zivilisiert, trotzdem gab es die Arenen, wo diese Aggression ja auch gewollt war als Ventil. Könnte man sagen, dass das moderne Fußballstadion hier das Äquivalent dazu ist?

    Theweleit: Nein, das glaube ich nicht. Erstens halte ich die alte römische Gesellschaft für nicht sehr hoch zivilisiert, sondern auch intern, nicht nur nach außen, für höchst brutal und von allem, was wir heute an demokratischen Verhaltensweisen uns wünschen, Wüsten weit entfernt. Es geht schon um demokratisches Verhalten hier, glaube ich. Und die Fans in den Stadien, die 300, die entsprechend gegen einen Spieler vorgehen würden, sei es der eigenen, sei es der anderen Mannschaft, wenn das Stadion voll ist und die anderen 60.000 dagegen ihre Stimme erheben, dann haben die auf längere Zeit keine Chance. Und die bedrohen auch den Spieler nicht tatsächlich.

    Scholl: Aber gehört, Herr Theweleit, das Ressentiment, die Aggression, die Schmähung des Gegners im Fußballstadion nicht dazu wie die Bockwurst und das Bier, oder darf man so nicht denken?

    Die Fans denken, das steht ihnen zu

    Theweleit: Die gehört dazu, die gehört dazu. Aber die ist nicht so ernst zu nehmen. Und das wissen die Spieler auch. An den meisten prallt es ab, sie wissen, im anderen Stadion werden sie beschimpft, der Heimverein soll gewinnen, das Publikum, die Fans denken, das steht ihnen zu, sie haben den Anspruch. Das sind tatsächlich Verhaltensweisen, die sich nicht direkt umsetzen ins Verhalten außerhalb des Stadions, würde ich nicht so sehen, das sind tatsächlich andere Leute dann.

    Und wenn sie untereinander reden, auch wenn man Fans nach dem Spiel in der Straßenbahn, verschiedene Vereine, die zum Bahnhof fahren, sieht, geht das in den meisten Fällen friedlich zu und sie gehen sich nicht ans Leder. Das ist ein kleiner Prozentsatz, der sowieso Krieg, Streit und Macht, Auseinandersetzung, Kampf sucht, die gibt es bis zu einem bestimmten Prozentsatz in der Gesellschaft, die kriegt man auch nicht weg oder kontrolliert, die muss man in einer bestimmten Weise beobachten, sie im Zaum halten, dass sie nicht nach dem Spiel zu brutal vorgehen. Aber finde ich kein so großes Problem.

    Scholl: Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Kulturtheoretiker Klaus Theweleit. Wir sind hier, ja, am Männerbund im Fußballstadion. Dann gehen wir noch mal zurück, Herr Theweleit, zu der Mannschaft.

    Theweleit: Genau.

    Scholl: Also, wenn das Männerbündische hier so funktioniert, so autoritär, fast schon militärisch, Sie haben damals in Ihrem Buch so dieses Prinzip vom Körperpanzer entwickelt. Das passt, glaube ich, hier auch ganz gut. Was heißt das dann aber auch jetzt für die Zukunft? Dann ist ja sozusagen ein mögliches Coming-out eines Spielers ja von intern schon eigentlich unmöglich, oder?

    Theweleit: Es müsste sich tatsächlich sehr viel ändern. Wenn man sich fragt, warum ist es Politikern erlaubt wie Wowereit oder Westerwelle, kann man sagen, okay, die haben eine Art Ausgleich, eine Moderatorenfunktion als Bürgermeister oder Minister in der Gesellschaft, die müssen Meinungen ausgleichen, damit umgehen. Der Fußballspieler ist tatsächlich in dem Sinne nicht meinungsberechtigt. Es gibt nach wie vor Vereinspräsidenten, Trainer, die den Spielern Interviews verbieten, mit denen sie gerade in der Auseinandersetzung liegen oder die ein bisschen wackeln, was das Konzept angeht, andere Ideen haben, die kriegen einen Maulkorb.

    Es sind tatsächlich pseudomilitärische Verhältnisse in diesem inneren Männerbund Mannschaft da. Und die anzugehen, das würde heißen, man müsste die Rechte der Spieler erheblich stärken, die der Trainer und Präsidenten beschneiden, die sind weit davon entfernt, das auch nur anzudenken. Man müsste auch die absolute Macht des Schiedsrichters auf dem Platz, der die Weltstars herumkommandieren kann wie Schulbuben, absolut beschneiden. Der Schiedsrichter in seiner Machtfülle ist für mich ein Anachronismus und das Undemokratischste, was wir überhaupt in der Gesellschaft haben.

    Scholl: Aber Herr Theweleit, vorhin sagten Sie, mit dem Rassismus hätte es auch geklappt, dass man ihn sozusagen verbannt. Mit den Respect-Kampagnen, dass sich die Spieler sozusagen hier auch formieren zu einer Einheit gegen den Rassismus. Aber das, Herr Theweleit, ist ja auch sozusagen verbandsmäßig, hierarchisch verordnet worden. Ich meine, jeder sagt natürlich von sich aus, natürlich wollen wir das so haben, aber wenn man im Bild bleibt oder nach Ihrer These zufolge, könnte man das doch dann eigentlich auch einfach verordnen, sagen, schwul sein geht, Männer, alles klar!

    Der Klopper-Typ ist auf dem Rückzug

    Theweleit: Das kann man nicht einfach verordnen. Denn ich glaube, wenn Sie den Körperpanzer ansprechen, viele der Fußballer, obwohl der Klopper-Typ ja auf dem Rückzug ist, sind ja gedrillt, körperlich gedrillt auf diese Funktion. Es ist eine hoch anspruchsvolle körperliche Superarbeit, die sie da verrichten müssen auf dem Platz, dass sie ohne diese Fantasie des harten, männlichen Durchsetzungskörpers noch nicht auskommen. Dazu ist viel mehr nötig als – es gibt ja sehr viele afrikanische Spieler –, als den Antirassismus durchzusetzen, einfach weil man so viel in der Mannschaft zusammen ist und das oft die Stars sind, auch die Fans das akzeptieren, angefangen von dem, schon Jahrzehnte her, Fanclub Zeugen Yeboahs, Fanclub in Frankfurt bei der Eintracht, das war der erste Schwarze in Deutschland, der in der Weise geehrt wurde.

    Das ist, glaube ich, bei den meisten Fans durch, einfach weil das gute Fußballer sind und weil das den Rest der Fußballregeln nicht ankratzt. Aber Homosexualität würde viel mehr ändern, da ist dann … Wenn die Spieler Angst haben, wie homosexuelle Spieler sagen, zu hören dann von denen, hast du uns unter der Dusche immer angeglotzt, das heißt, sie würden in eine unterlegene Position finden. Sie sagen damit, wir werden von einem schwulen Spieler so angeguckt, wie wir sonst Frauen angucken, nämlich als Sexobjekte. Wir sind die Gefickten. Und das wollen sie nicht haben, das können sie nicht aushalten. Dazu muss sich sehr viel mehr ändern als eine ideologische Haltung wie Antirassismus.

    Scholl: Männer im Stadion. Das war Klaus Theweleit, der Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker, Autor der „Männerphantasien“. Besten Dank, Herr Theweleit, für das Gespräch!

    Theweleit: Okay, danke auch, schönen Tag!

    Nachzuhören hier: http://www.deutschlandradiokultur.de/pseudomilitaerische-verhaeltnisse.954.de.html?dram:article_id=274196&dram:audio_id=246699&dram:play=1

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