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Wumm! Da hast du meinen wissenschaftlichen Ansatz, du Scheißkerl!

28. Dezember 2013

zeitgeist-the-movieKritik am Film „Zeitgeist: Moving Forward“ aus föderalistischer Sicht.

Von Ein Genosse

Seit 2007 arbeitet Regisseur Peter Joseph an den Zeitgeist-Filmen. Sie sollen der dazugehörigen Bewegung als ideologische Basis dienen. Ein zentrales Ziel dieser Bewegung soll es sein, das „Venus Project“ des Industriedesigners Jaque Fresco in die Tat umzusetzen.

Im Folgenden soll es um den dritten Teil der Trilogie gehen, „Zeitgeist: Moving Forward“. Der 2011 erschienene Film ist – wie die anderen Teile – frei im Internet zugänglich gemacht worden und verfolgt laut Joseph „keine Profitabsichten“. Brav.

Im Dokumentarstil werden einige Grundpfeiler des „sozioökonomischen Systems“ der Welt, mit Fokus auf den USA, beleuchtet und dabei werden ihre Unzulänglichkeiten festgestellt. So wird zum Beispiel im ersten Teil „Die Natur des Menschen“ darauf eingegangen, dass diese Natur durchaus eine flexible, nicht konstante ist und dass nur durch die umgebende Wirtschaftsform die Entfaltung des menschlichen Lebens nicht ermöglicht wird, wodurch viel „Kriminalität“ entstehe. „Genetische Vorbestimmung“ sei eine Rechtfertigung u.a. für die Gefängnisindustrie der USA. In Teil zwei „Soziale Pathologie“ wird der sozioökonomische Sektor näher beleuchtet und die Sinnwidrigkeit des Finanzmarktes und seine Folgen für das menschliche Leben werden offengelegt.

In Teil drei „Projekt Erde“ geht Joseph auf das „Venus Project“ ein, welches eine Zukunftsvision von Jaque Fresco darstellt. Der Designer hat in seinem Projekt die Vorstellung, dass die Menschheit in Zukunft nicht weiterhin der Religion (unter die er auch die Politik und den Kapitalismus summiert) sondern der Wissenschaft als Mittel der Entscheidungsfindung folgen solle. Sie sei laut Fresco weniger fehlerhaft „wie die menschliche Kultur“ und wie die irrationalen Vorstellungen der Religion, deren Opfer die Menschheit in Form des Kapitalismus geworden sei. Der letzte Teil „Der Aufstieg“ richtet sich mehr an die Zuschauer und führt ihnen eine riesige Protestmenge vor Augen, die sich plakativ ihres Geldes entledigt und die in gigantischen Demonstrationszügen vor die Gebäude der Großbanken zieht, bis diese „aufgeben“.

Technisch gesehen ist der Film unter den sozialkritischen Filmen ein modernes Meisterwerk – Animationen und eingeflochtene Interviews wirken seriös und erreichen den Zuschauer auf emotionaler wie auch auf inhaltlicher Ebene. Gegen Ende des Films schwenkt er hingegen mehr auf die sinnlich abstrakte Ebene ein und lässt wichtige Fragen offen.

Zentraler Mangel ist die ungenügende Abgrenzung zum Marxismus, dessen Altlasten der Film immer noch mit sich herumträgt. Zwar sagt Joseph in seinem Film, dass man mit Vorurteilen zu kämpfen habe und man schnell als Marxist abgestempelt werden würde, aber was ihn von Marxisten unterscheidet, sagt er nicht ausdrücklich – auch, dass die künftige Protestbewegung keinem -Ismus zugerechnet werden könnte, hört sich ziemlich unglaubwürdig an, bspw. aufgrund der klassischen Form der Manifestation.

Die Nähe zum klassischen Marxismus und zur Sozialdemokratie fällt in mehreren Punkten auf: Zum Einen in der blinden Fortschrittsgläubigkeit Frescos und zum anderen in der mangelhaften Rolle die der Freiheit des Individuums in der künftigen Gesellschaft eingeräumt werden soll.

Wie genau die Menschen Träger dieser Vision werden sollen, bleibt unklar – obwohl gerade in den geschmähten „Sozialismen“ viele Handlungsansätze der Selbstorganisation vorhanden sind (z.B. im Anarcho-Syndikalismus), werden sie nicht aufgegriffen, sondern der Film bleibt auf den konventionellen „Protestformen“ kleben. Damit begeht er einen weiteren Fehler des Marxismus, der sich selbst nur zu nebulösen bis klar autoritären Kampfformen durchringen konnte, die dem Ziel der Befreiung diametral entgegenstanden, anstatt es zu erreichen.

Ein weiterer Denkfehler des Films ist es, die Flexibilität und Wandelbarkeit der „Natur des Menschen“ hervorzuheben, auf der anderen Seite aber „die Natur“ als „Diktatur“ darzustellen, gegen die nur die Wissenschaft die richtige Waffe wäre. Das alte Lied vom K(r)ampf des Daseins.

Viele Folgen des zentralistischen Ungeistes basieren gerade darauf, alles mögliche als „Natur“ abzustempeln und dann zu verwerfen, es an sich wertlos erscheinen zu lassen, um es dann leichter ausbeuten und beherrschen zu können. Durch diese einfältige Trennung von „Mensch“ und „Natur“ ist bereits der erste Realitätskonflikt zwischen Zentralismus und Leben entstanden: selbstverständlich sind Klima, Wetter, Flora, Fauna – ist das ganze Ökosystem des Universums essentiell für den Menschen und trägt zu dessen Wohlbefinden bei, wenn es mit in die Entscheidungsfindung einbezogen wird. Oder aber „Natur“ wird zur unüberwindlichen Barriere, wenn der Mensch sich auf realitätsferne Ideen fixiert und sich vom Leben (seinem eigenen) abwendet. Dann muss alles auf diesen entfremdeten Ideen basierende Handeln zum Feind von „Natur“ werden und wie die Geschichte zeigte, auch zum Feind des Menschen. Denn der ihn umgebende Kosmos kann durch den Menschen nicht „überwunden“ werden, wie es so schön heißt, ohne dass das menschliche Leben dabei negiert wird, weil es eben Teil dieses Kosmos ist. Aus diesem Grunde müsste in Zukunft eine Harmonisierung der Verhältnisse nicht nur im Ausgleich der Gesellschaft durch Abschaffung der Klassen, des Kapitals und des Privatbesitzes stattfinden, sondern auch dadurch, dass dieses „Natur“ zu seinem Rechte kommt. Wir brauchen uns nicht mehr abwenden von der Realität und müssen uns nicht mehr dazu zwingen Einflüsse auf uns und unser Wohl zu ignorieren, nur weil es deformierte und pervertierte Arbeitsprozesse von uns verlangen. Diesen Teil unseres Menschseins anzuerkennen, der mit der Umwelt kommuniziert, ist Teil unserer Selbstbefreiung.

Statt dessen jedoch entwirft Joseph weiterhin eine Schreckensvision der Natur, des Schreckens vor der kaputten Natur nämlich, die durch ihr Nichtvorhandensein, durch ihr Vergiftetsein, ihr Verstrahltsein und das Nichtvorhandensein von Ressourcen zur Gefahr wird. Darin bleibt der Kampf als alleiniger Faktor des Daseins enthalten anstatt der zukunftsweisenden Kooperation Raum zu bieten (bspw. nach Piotr Kropotkin). Mit diesem Anachronismus steht Unterwerfung weiterhin auf dem Programm – und die zu unterwerfende Natur wird schnell wieder zum zu unterwerfenden Menschen „im Naturzustand“ nach Locke werden, wie es die Geschichte bitter lehrt.

Offensichtlich wusste Joseph, dem anfangs zitierten und nur scheinbar kritisierten John Locke und Adam Smith gegenüber, keinen Ausweg zu finden.

Der heftigste Widerspruch im Film ist jedoch weniger in seiner Analyse der Verhältnisse zu suchen, die mit der Absurdität des Finanzkapitalismus teilweise richtige Wege geht, sondern in der Erhebung der Wissenschaft zur neuen (herrschaftlichen) Religion. Dabei wird dem Prinzip des Staates keine generelle Abfuhr erteilt, sondern nur der kohärenten Irrationalität – höchstwahrscheinlich, da keine eindeutigen anderen Organisationsformen als die der staatlichen angeführt werden – soll in dieser unausgesprochenen Vorstellung der Staat weiterhin Träger der diesmal „wissenschaftlichen“ Zukunftsvision sein. Diese hat somit das Potential ähnlich unterdrückerisch zu werden, wie ihre Vorgänger. Grundsätzlich wird bei aller Fortschrittshörigkeit des Films nicht begriffen, dass es keineswegs auf die Dauer der Arbeit ankommt. Arbeitsweisen die den Menschen derart bewegen, motivieren, Ausdruck seiner Schöpfungskraft sind, sodass er in Ausübung dieser Arbeiten glücklich sein kann, sollten in einer besseren Zukunft entscheidend sein.

Daraus ergibt sich der eigentliche Leitparameter, der menschliche Bedarf. Und zwar nicht nur der Bedarf, der an Konsum gedeckt werden kann, sondern auch der Bedarf an schöpferischer, geselliger Betätigung um diesen Konsum zu decken ist dabei wichtig. Letzteren Bedarf unterschlagen zu wollen und jeden Handschlag den Maschinen zu überlassen, kommt einer ähnlichen Nivellierung der Persönlichkeit gleich, wie es durch Kapital in der heutigen Wirtschaft geschieht. Nicht die perfekteste Maschine macht den Menschen glücklich, sondern nur seine eigene Entfaltung. Ob er dazu einen Hammer, oder einen Roboter zur Hand nimmt, muss ihm überlassen werden.

Damit das zentralistische Denker nicht falsch verstehen, für die man wirklich alles und jeden Aspekt dreimal umdrehen muss, bevor sie ihn missverstehen: Das bedeutet nicht, dass die einen zur Steinzeit zurückkehren und andere in einer technokratischen Horrorvorstellung leben, sondern, dass es die Entscheidung der Menschen bleiben sollte, wie sie ihr Leben konkret gestalten. Selbstverständlich sind dazu auch Parameter die der Film nennt von Bedeutung – aber unter sie sollte der menschliche Bedarf, der menschliche Faktor nicht sinken – auch nicht mit der Rechtfertigung für die Erniedrigung des Menschen durch den Menschen basierend auf der „Natur als Diktatur“. Da zu einem selbstbestimmten Leben Arbeit gehört, kann man sie nicht rigoros einer auf die Spitze getriebenen Technisierung oder „Nachhaltigkeit“ allein (allein!) überlassen – welchen Sinn hat die kürzeste Arbeitszeit, wenn sie immer noch als Zwang empfunden wird?

Durch Monokausalität und Unterschlagung der sozialistischen Lösungsvorschläge, die allesamt mit den autoritären gleichgesetzt werden, ist der Film kaum zukunftsweisend, sondern in den zentralistischen Denkmustern der alten Welt befangen, auch wenn er sich technisch noch so fortschrittlich gibt.

 „Wollt ihr den revolutionären Menschen erkennen, so prüft ihn auf seinen Drang zur Freiheit! Hier scheidet sich Neues von Altem, Beschränkung von Unabhängigkeit.“ R. Rocker.

3 Kommentare leave one →
  1. 29. Dezember 2013 01:06

    ich wollte ja gerne diese eso – angehauchte, mit etlichen offensichtlichen Wahrheiten Leute ködernde Nummer mit Kopfschütteln ignorieren, halte aber die hier beschriebene anti-emanzipatorische Haltung für gefährlich. Das wandelt die verzweifelten Hinterherläufer nicht, sondern schickt sie der Hoffnung einer weiteren „weiseren“ zentralen Entscheidungsmacht hinterher! Leider sind ja nicht alle angewidert, wenn sie feststellen, daß sie durch die „Ästhetik“ dieser Filme eingehüllt werden sollen, sondern finden das auch noch angenehm!
    also danke für den Artikel!

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