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Hinter dem Mythos von Weihnachten

20. Dezember 2013

christmas

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    • "Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert." permalink
      12. Dezember 2014 12:46

  1. 22. Dezember 2013 20:03

    Blasphemie

    Dieser Gott war Weihnachtsfolklore in der DDR

    Vom Vatikan bis heute mit Bann belegt: „Die Erschaffung der Welt“ von Jean Effel. Auch in Westdeutschland hatte es der tschechische Trickfilm jahrzehntelang schwer. Jetzt erscheint die DVD.

    Von Michael Pilz

    Der Herrgott ist ein Held der Arbeit. Er entwirft einen Sechstageplan, lässt Licht werden mit seinem Feuerzeug, erschafft die Welt und formt den Menschen. Für den Film „Stvoření světa“ (Die Erschaffung der Welt) brauchten Jean Effel und Eduard Hofman in den Prager Trickfilmstudios fünf Jahre. 1953 fingen der Franzose und der Pole mit der Arbeit an.

    Die Tschechoslowakei feierte 1958 die Premiere in den Kinos. Bei den Filmfestspielen in Venedig freuten die Juroren sich über die heitere Genesis und spendierten einen Sonderpreis. Der Vatikan verhängte einen Bann: „Das ganze Trickspiel stellt eine groteske Verhöhnung der heiligen Schrift dar“, wetterte der „Osservatore Romano“, das Zentralorgan:

    Die Auslegung der Bibel sei in höchstem Maße gotteslästerlich, ironisch und propagandistisch. Durch den Film solle der Atheismus in die Welt getragen und religiöse Gefühle verletzt werden. „Die Karikatur des Schöpfers ist mehr als ausreichend, um unseren Protest zu rechtfertigen.“

    Gott – ein bärtiger Kauz mit Glatze

    Der Schöpfer, den Jean Effel, 1945, als der Krieg vorüber war, geschaffen hatte, war ein bärtiger Kauz mit Glatze und Gewand. Der Zeichner, Musiker und Philosoph François Lejeune nannte sich Effel, nach den Initialen seines bürgerlichen Namens. Nach dem Krieg wurden seine Karikaturen gern gedruckt. Im „Hamburger Abendblatt“ beschwerten sich die Leser regelmäßig über die blasphemischen Motive. Wie wenn der Teufel sich bei Gott über den Ziegenbock beklagte: „Ich werde sie wegen Plagiats belangen.“

    Im Frühjahr 1952 schrieb des „Abendblatt“: „Wir wollen mit den Lesern, die uns aus diesem Anlass geschrieben haben, kein theologisches Streitgespräch beginnen. Wir sind im Grunde eines und desselben Sinnes. Wir achten und ehren das sich wieder regende religiöse Bewusstsein als eine der erfreulichsten, der ursprünglichsten geistig-seelischen Tatsachen unserer vielleicht fragwürdig gewordenen Zeit. Die Welt von heute wimmelt von Gottlosen. Ist Jean Effel einer davon? Sind wir es, weil wir seinen fröhlichen Zeichnungen Raum gewähren?“

    Erst 1994 kam der Film nach Deutschland

    Die Verfilmung kam als Video erst 1994 auf den deutschen Markt, synchronisiert vom NDR und mit dem Untertitel: „Eine heitere Schöpfungsgeschichte für fröhliche Erdenbürger.“ 35 Jahre nach der ersten deutschen Fassung der „Erschaffung der Welt“.

    Die DDR hatte den Trickfilm 1958 umgehend synchronisieren lassen, in den Defa-Studios. 1959 kam er in die Kinos und ins Fernsehen, wo er vor allem an den Feiertagen regelmäßig lief. Im Osten kannte jeder Effels Schöpfungsmythen. Wie der Herrgott seine Schäfchen strickte, die Kaninchen aus einem Zylinder zauberte und Singvögeln Gesangsstunden erteilte.

    Effel war ein glühender Kommunist. Es ließ sich von den Prager Filmstudios nicht lange bitten. Die französische Version erschien erst 1962, in Italien wurde der Film ab 1976 öffentlich gezeigt, trotz neuerlicher Einwände des Vatikans, der seinen Bann bis heute nicht gelockert hat. Von der Sowjetunion wurde Jean Effel 1968 mit dem Lenin-Orden ausgezeichnet und, bevor er 1982 starb, in die Akadamie der Künste aufgenommen.

    Seinerzeit kritisierte sogar der „Spiegel“ den Film

    Nun erscheint die DDR-Fassung erstmals als DVD. Zum ersten Mal auf einem Bild- und Tonträger, als Dokument, gewissermaßen für die digitale Ewigkeit. Sogar der „Spiegel“ kritisierte 1958 „Die Erschaffung der Welt“, indem er sich zwar über den Leitartikel des „Osservatore Romano“ lustig machte, aber auch die billige Provokation bemängelte:

    „Der Tschechoslowakische Staatsfilm hoffte, mit dem Oeuvre auf westlichen Festspielen künstlerisches Renommee einzuheimsen, das er in ein lukratives Geschäft umzumünzen gedachte.“ Agnostische oder gar atheistische Tendenzen stellt der „Spiegel“ keineswegs in Frage; sie scheinen dem Sturmgeschütz der Aufklärung selbst nicht ganz zu behagen. Man kann das so sehen, durch die Brille der Geschichte.

    Hat Gott einen Wiener Akzent?

    Gott wird in der DDR-Fassung von Eduard von Winterstein gesprochen. Der aus Wien stammende Schauspieler hatte sich für ein Leben in der DDR entschieden, stolz trug er den Nationalpreis. Er spricht Gott als gütigen Gesellen, schrullig aber zunehmend beseelt vom eigenen Schöpfungseifer. Er bewässert seine Welt und schmunzelt, wenn der Teufel ihm das Meer versalzt und Seen gefrieren lässt.

    „Eiszeit im Weltgetriebe“, sagt die allwissende Stimme hinter Geschichte. Und der Chor der Engel singt: „Demokratie sei unser Schwur: dem Guten. Gleichheit. Freiheit.“

    Die Musik steht in der Tradition Hanns Eislers, und der Duktus ist den Lehrstücken von Bertolt Brecht entlehnt. Das ist kein kindlicher Kreationismus wie ihn Trickfilme im Bibelfernsehen der amerikanischen Provinzen predigen, und Gotteslästerung ist es schon gar nicht. Man staunt über einen 55 Jahre alten Film, der für zwei Religionen gleichzeitig wirbt:

    „Nach dem Gesetz der Natur, die Sonnenblume sich dreht / Eifrig folgt sie der Sonne, dem Ideal nach sie strebt“, singen die Engel. An den Gott der Naturwissenschaften, die gute, alte Entropie.

    Der Schöpfer bedient sich aus dem Setzbaukasten

    Die zweite Religion ist der wissenschaftliche Kommunismus. Die Engel salutieren vor friedenstaubenartigen Wolkenformationen. Der Mensch wird aus einem Bausatz gefertigt, aus Normteilen, als Gott den Schöpfungsmüll nicht mehr allein bewältigt. Die Lieder lehren, dass der Mensch sich in den Dienst der Menschheit stelle, selbst sein eigener Herr sei, und dass er niemals vergessen solle, „dass er nur Materie ist“.

    Er wird von Gott befragt, was er mit dem Geschenk des Lebens anzustellen gedenke. Ober er etwa Bourgeois werden und Fräcke und Zylinder tragen wolle? Auch hier geht es um den Glauben und die reine Lehre. Nicht von ungefähr sieht Gott wie Friedrich Engels aus.

    Zum fröhlichen Finale singen alle: „Liebet und vermehret euch, ihr müsst die Welt verwandeln / Liebet uns vermehret euch, heißt dialektisch handeln.“ Schließlich marschiert Adam mit Eva an der Hand dem Morgenrot entgegen. In ein Paradies auf Erden.

    Antiklerikal ist lediglich ein Vers einem Lied: „Wirst Papst du oder Surrealist, hängt davon ab, wie klug du bist.“ Jean Effel war kein Surrealist.

    http://www.welt.de/kultur/kino/article123134187/Dieser-Gott-war-Weihnachtsfolklore-in-der-DDR.html

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