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Kollektivbetriebe am Beispiel „Strike Bike”

15. Dezember 2013

strike-bike-teamAm 13. Dezember fand in Hameln eine Veranstaltung zum Thema selbstverwaltete und Kollektiv-Betriebe statt. Am konkreten Beispiel der Erfahrungen der besetzten Fahrradfabrik „Bike Systems“ in Nordhausen und deren in Selbstverwaltung hergestelltem „Strike Bike“ wurde das Thema erörtert. Als Referent war Folkert Mohrhof eingeladen, ehemaliger „Sprecher des Solidaritätskreises der FAU-IAA“, und Verfasser der Broschüre „Strike Bike – Eine Belegschaft schreibt Geschichte“ in der er über den Verlauf und die Probleme der selbstverwalteten Produktion berichtet. (Die Broschüre kann hier gelesen werden). Aufgrund gesundheitlicher Probleme konnte Genosse Folkert nicht vor Ort in Hameln anwesend sein, weshalb er den GenossInnen einen schriftlichen Beitrag übersandte. Diesen hat er uns ebenfalls zukommen lassen. Wir veröffentlichen ihn nachfolgend auf dem Blog, da wir uns sicher sind das die darin gemachten Ausführungen auch hier auf Interesse stoßen. (Red. Syndikalismus)

Film + Vortrag + Diskussion in Hameln, 13. Dezember 2013

Strike Bike war eben kein Kollektivbetrieb, es war ein besetzter kapitalistischer Betrieb, dessen Belegschaft von Arbeitslosigkeit bedroht, die spontane Idee der FAU aufgenommen hatte, sich mit einer selbstverwalteten Produktion Gehör zu verschaffen. Die extremen Schwierigkeiten dabei waren, daß wir keinen Genossen im Betrieb oder auch nur in Nordhausen hatten. Die Belegschaft war keine mit ausgeprägtem Klassenbewußtsein – und die FAU hatte kein wirkliches Konzept. Hat sie übrigens bis heute nicht – weder zu Kollektivbetrieben noch zu Arbeitskämpfen mit Betriebsbesetzungen und autonomer Produktion.

Die Krux ist ja – was ist, wenn eben kein Investor auftaucht und den Laden übernimmt (und vor allen Dingen: mit Garantie für ALLE Beschäftigten). Siehe dazu aktuell Karstadt oder Max Bahr/Praktiker. Die Leichenfledder kommen erst, wenn die Insolvenz eingeläutet wurde, und dann machen sie ihr Schnäppchen. Die Belegschaften haben kein Kapital, um eine Produktion aufrecht zu erhalten und bekommen als Kollektivbetrieb auch keine Bank-Kredite. Dazu müßten sie eine Firma, sicherlich – eine coole Genossenschaft, gründen. Aber wer wird dann Chef, wer leitet die Produktion – jemand Externes, der Ahnung hat – oder einer aus dem Büro, der nur einen kleinen Überblick über einen Teilbereich der Verwaltung hat, aber hat er auch Ahnung von Vermarktung? In Nordhausen waren Kollegen und Kolleginnen am Werke, die eigentlich am Band stehen und Fahrräder montieren.

Fazit: ohne Konzept und gewerkschaftliche Strategie wird die FAU oder jede andere „Basisgewerkschaft“ keinen gesellschaftlichen Einfluß gewinnen. Dann steht sie weiterhin neben allem was läuft – so wie der junge thüringische FAUler, der in eine schwarz-rote Fahne eingehüllt von der sozialen Revolution träumend den StrikeBike-Arbeiter/innen immer wieder im Weg stand am ersten Tag der selbstverwalteten Produktion von 1.837 knallroten Fahrrädern mit der wildcat auf dem Rahmen. Alles Ideen der FAU-Hamburg, die damals die Koordination innerhalb der FAU übernahm, wobei ich dann meistens alleine dasaß und den Verkauf und Vertrieb von über 200 Fahrrädern in europäische Ausland vom Cafe Libertad aus organisierte – es gingen Räder per Spedition nach Spanien, Frankreich, England, Österreich, Holland …).

Sehr erfreulich ist, daß auch heute noch in meinem Stadtteil Altona immer wieder rote StrikeBikes im Straßenbild zu sehen sind – die Räder halten nunmehr seit 6 Jahren, vielleicht war die eine oder andere kleine Reparatur notwendig, aber die Dinger sind stabil. Es bleibt also richtig, was Erich Mühsam bereits 1932 forderte, nämlich dass „sich die Anarchisten die Aufgabe stellen, die wirtschaftliche Organisation der künftigen Gesellschaft in den Einzelheiten zu durchdenken und Vorarbeiten für die Überführung der kapitalistischen zur sozialistischen Wirtschaft zu leisten.“

Und er warnte vor der „kindlichen Vorstellung, mit der Besetzung der Betriebe durch die Arbeiter und ihre einfache Weiterführung unter eigener Leitung werde die Revolution den Übergang zum Sozialismus schon bewerkstelligt haben, ist so unsinnig wie gefährlich.“

Wie man sieht: Klassenkampf ist eine ernste Angelegenheit – und eben nichts für event-orientierte Linksintellektuelle … diese Erfahrung macht man sehr schnell, wenn man auf Menschen trifft, die existenzielle Sorgen haben und zu Kämpfen gezwungen werden, die sie eigentlich gar nicht wollen. Die Not zwingt sie – und das ist die leidige Krux, der Haken bei der Sache. Wer kein Klassenbewußtsein hat, kann sich auch nicht klassenkämpferisch verhalten; es fehlt einfach an dem notwendigen Rüstzeug, um dem Gegner Kapitalist und Kapitalismus gewachsen zu sein.

In Nordhausen stand die Sache nicht viel anders. Es gab einen jungen Genossen aus Thüringen, der eingewickelt in eine schwarz-rote Fahne den Arbeiter/innen meist im Wege stand und glücklich vor sich hingrinste, während die ihrer Knochenarbeit nachgingen und Fahrräder zusammenschraubten. So 350 Stück pro Tag – 350 Mal immer die gleichen Handgriffe, Speichen montieren von Morgens bis Abends, Räder einbauen, Handbremsen und Kettenschaltungen einsetzen, Räder lackieren, einpacken … im kapitalistischen Betrieb haben sie teilweise bis zu 12 Stunden ohne Überstundenzuschläge gearbeitet, nur um ihren Arbeitsplatz zu „sichern“ und nicht entlassen zu werden.

Deshalb stimmte die Mehrheit der StrikeBike-Produktion zu. Die Werbewirkung war enorm – die FAU hatte letztlich nichts davon als Minderheiten- oder Basisgewerkschaft, die Fahrradproduktion wurde einfach ins 60 km entfernte Sangershausen/Sachsen zur MiFA verlagert, der heißumkämpfte Fahrradmarkt war um eine Produktionsstätte „gesäubert“.

* * *

Unterschied Genossenschaft zu Kollektivbetrieb

Die Genossenschaften erstreben… die Beseitigung jeder Profitwirtschaft und die Neugestaltung des gesellschaftlichen Lebens auf der Grundlage einer gerechten Verteilung der Arbeitserzeugnisse.“

Diese Erklärung Rudolf Rockers aus dem Jahre 1949 ist ebenso falsch wie richtig. Vom sozialistischen Standpunkt aus gesehen hat er Recht, in der Realität – auch und gerade nach dem II. Weltkrieg – war und ist es eine Fehleinschätzung. Heutzutage sind Genossenschaften – wie etwa große Wohnungsbau-Gesellschaften oder Raiffeisen- & Volksbanken – überwiegend kapitalistische Firmen, die ihren Mitgliedern eine kleine Rendite gewähren, nichts weiter als einenmickrigen Rabatt. Denn die meisten sind Konsumgenossenschaften, die Mitglieder sind eben nicht im Betrieb und arbeiten zusammen. Die Firmen werden von Managern geleitet. Der Unterschied ist also offensichtlich, aber dennoch möchte ich ihn kurz darlegen:

Genossenschaft

• pro Genosse/Genossin nur eine Stimme – egal wie hoch die Geschäftseinlage ist (Kapital)

• geschäftsführender Vorstand, kontrollierender Aufsichtsrat

 Kollektivbetrieb zusätzlich

• gleiche Entlohnung – keine Hierarchie

• gleiche Rechte und Pflichten für jedes Mitglied

• Aufhebung der Aufgaben des Vorstandes durch internen Kollektivvertrag

oder Vereinbarung; Beschlussfassung auf regelmässigen Plena entweder mit Konsens- oder Mehrheitsbeschlüssen

Spanien 1936 – immer noch ein leuchtendes Vorbild

Kollektivbetriebe gehören nicht den beschäftigten Arbeiterinnen und Arbeitern, sondern generell der Gesellschaft nach einer sozialen Revolution. Und auch vorher haben die arbeiterselbstverwalteten Betriebe eine soziale Verpflichtung, die Joan Peiró 1936 mal so umriß:

»Wir müssen unsere eigene Welt schon in den Eingeweiden der kapitalistischen Welt schaffen, aber nicht auf dem Papier und mit Lyrik und philsophischen Träumereien, sondern auf dem Boden, praktisch, das authentische Vertrauen in unserer Welt des heutigen Tages und von Morgen weckend.« In dem Genossenschafts-Statut der von ihm geleiteten Glühbirnen-Fabrik bei Barcelona wurde festgelegt, daß 20% der Überschüsse für soziale und kulturelle Zwecke, für gewerkschaftliche Solidarität und emanzipatorische Propaganda verwendet werden müssen, um die Genossenschaftsbewegung zu einem „direkten Mittel im Kampf gegen den Kapitalismus“ zu machen.

JOAN PEIRÓ I BELIS setzte mit seiner Glashütten-Genossenschaft mit dem Geld der Glühbirnen-Kooperative die Gründung einer Rationalistischen Schule (nach FERRER I GUARDIA) durch, an der ein CNT-Lehrer rund 200 Kinder unterrichtete. Außerdem wurde eine Studiengesellschaft gegründet, das Centro de Estudios Sociales de Mataró: Diese sollte „durch intensive kulturelle und propagandistische Arbeit das Verschwinden der kapitalistischen Regierungsform beschleunigen und sich für eine Übergangsperiode einsetzen, in der die Gewerkschaften das entscheidende revolutionäre Element in moralischer und intellektueller Hinsicht sein müssen, in der wirtschaftlichen und industriellen Bereich, auf dem Weg zum anarchistischen Kommunismus“.

Peiro war während der Revolution zeitweise Industrieminister und verweigerte nach seiner Festnahme die Kollaboration mit dem Franco-Regime (er sollte Arbeitsminister oder Führer der staatlichen Gewerkschaft werden), dafür wurde er 1942 standrechtlich füsiliert.

Für mich sind diese Ziele noch heute Grundlage meines anarchosyndikalistischen Handelns – auch wenn die Zeiten völlig andere sind. Aber ohne eine sozialistisch-anarchistische Perspektive ist m.M. nach jeder Kampf – und das Leben ist ständiger Kampf! – nur eine reformistische Veränderung für individuelle oder Gruppeninteressen. Das Ziel sollte also weiterhin die freie, libertär-kommunistische Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung sein.

In diesem Sinne – danke ich Euch für die Aufmerksamkeit – auch wenn ich nicht persönlich anwesend war.

Folkert Mohrhof , 13. Dezember 2013

Ehemaliger Sprecher des Solidaritätskreises »Strike-Bike« der FAU-IAA und Genossenschaftsmitglied in der Café Libertad Kollektiv eG, Hamburg

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  1. Jutta Ditfurth zum Klassenbewusstsein permalink
    16. Dezember 2013 18:22

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